Donnerstag, 5. Juni 2014

Muttergottes des Heiligsten Herzen


Diesen Beitrag möchte ich schreiben, aus dem Wunsch heraus, die Königin des Himmels mit dieser wunderschönen Anrufung zu ehren.
Wenn es eine Epoche gibt, deren Hoffnung in Anbetracht des vorhandenen Elends einzig und allein auf das Herz Jesu liegt, dann ist es die unsere.
Papst Plus XI. schreibt in einer seiner Enzykliken, dass die heutige Welt derart moralisch verdorben ist, dass sie schnell in ein noch tieferes geistiges Elend abstürzen könnte als jenes, das in der Zeit der Geburt Unseres Herrn herrschte.
Mit anderen Worten, die Irrtümer, die sich im Laufe der vorausgegangenen Jahrhunderte angehäuft haben, der Wahnsinn der Reformation, die teuflischen Verwegenheiten der Aufklärung, die hemmungslosen Ausschweifungen der Sitten, die Verbrechen der Französischen Revolution, die Apostasie der deutschen Philosophen, alles dies schuf ein Umfeld weltweiter Verderbnis, die in den Unruhen, den Katastrophen, der Widersetzlichkeit, der zügellosen Begehrlichkeit in diesem 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Dermaßen tief ist der Abgrund des Bösen, in dem wir gefallen sind, dass Pius XI. befürchtete, die unendlichen Verdienste  der Erlösung, die Unser Herr Jesus Christus der Welt brachte, würden für die Mehrheit der Menschen aufgehoben.
Die Ansicht so vieler Vergehen lässt natürlich den Gedanken einer Bestrafung Gottes aufkommen, Denn, wenn wir diese sündige Welt betrachten, die unter der Folter von Tausenden von Krisen und Angstgefühlen seufzt und trotzdem keine Bußfertigkeit zeigt; wenn wir den erschreckenden Fortschritt des Neuheidentums erwägen, der sich auf der Vorstufe der Machtergreifung befindet, um über die ganze Menschheit zu regieren; wenn wir den Kleinmut, den Leichtsinn, die Uneinigkeit derer feststellen, die noch nicht auf die Seite des Bösen übergetreten sind, erschrickt unser Geist in der Vorausahnung der Katastrophen, die die verstockte Gottlosigkeit dieser Generation über sich herabruft.
Die Annahme, dass so viele Verbrechen keine Bestrafung verdienen und dass ein solcher Abfall der Massen nur ein Ergebnis irgendwelches intellektuellen Irrtums sei, ohne dass die Menschheit sich schwer versündigt hätte, entspringt eher einer liberalen Mentalität. Die Realität ist eine ganz andere: Gott distanziert sich von Seinen Geschöpfen und wenn diese sich fern von Ihm befinden, so ist das ihnen anzurechnen und nicht Gott.
Das düstere Bild, was sich der heutigen Welt stellt, ist einerseits eine ungerechte und sündige Zivilisation und andererseits der Schöpfer, der die Geißel der göttlichen Züchtigung schwingt.
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Gibt es also für die Menschheit heute keinen anderen Ausklang, als in einer Sintflut von Schlamm und Feuer zu verschwinden? Könnte man nicht für sie auf eine andere Zukunft hoffen, als ein schmählicher Untergang, bei dem die Unbußfertigkeit mit den schlimmsten Geißeln bestraft wird, wie sie in der Heiligen Schrift als Zeichen des Weltendes vorausgesagt sind?
Wenn Gott ausschließlich seine Gerechtigkeit walten lassen würde, wäre es so ohne Zweifel. Wir wissen selbst nicht, ob die Menschheit überhaupt bis ins 20. Jahrhundert gekommen wäre. Da Gott aber nicht nur gerecht ist, sondern auch barmherzig, haben sich die Pforten des Heils für uns noch nicht geschlossen. Eine Menschheit, die in ihrer Boshaftigkeit verharrt, muss alles von der Strenge Gottes erwarten. Doch Gott, der unendlich Barmherzig ist, will nicht den Tod dieser sündigen Menschheit, sondern, dass sie sich bekehre und lebe. Deshalb sucht Seine Gnade beharrlich alle Menschen, damit sie ihre bösartigen Wege verlassen und zurück zur Herde des Guten Hirten kommen.
Wenn es keine Katastrophen gibt, die eine unbußfertige Menschheit nicht befürchten soll, so gibt es auch keine Barmherzigkeit, die eine reuige Menschheit nicht erwarten kann. Dafür ist es nicht nötig, dass die Reue ihr wiederherstellendes Werk vollende. Es reicht dem Sünder, auch wenn sich noch in der Tiefe des Abgrundes befindet, dass er sich Gott zuwendet mit einem noch so geringen Wunsch wirksamer, ernsthafter und tiefer Reue, um sofort Seine Hilfe zu erwirken, denn Gott hat ihn nie vergessen. So sagt es der Heilige Geist in der Heiligen Schrift: „Wenn mich auch Vater und Muter verlassen, der Herr nimmt mich auf“ (Ps 27,10). Auch im extremsten Fall wenn das Böse den Höhepunkt erreicht und selbst die mütterliche Nachsicht am Ende ist, Gott gibt nicht auf. Die Barmherzigkeit Gottes wirkt sich auch dann aus, wenn die göttliche Gerechtigkeit den Sünder auf seinem Weg der Boshaftigkeit mit Tausend Schlägen trifft.
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Diese beiden wesentlichen Bilder der göttlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit müssen immer wieder vor die Augen des heutigen Menschen gestellt werden. Das Bild der Gerechtigkeit, damit er nicht die verwegene Vorstellung hegt, ohne Verdienste das Heil zu erlangen. Das der Barmherzigkeit, damit nicht an seinem Heil verzweifle, sofern er sich zu bessern vornimmt. Wenn die derzeitigen Kriege so deutlich auf die Gerechtigkeit Gottes hinweisen, was kann besser sein, um dieses Bild zu vervollständigen als die Sonne der Gerechtigkeit, die da ist das Heiligste Herz Jesu?
Gott ist die Liebe. Deshalb erweckt die bloße Ankündigung des Heiligsten Namens Jesu in uns die Vorstellung der Liebe. Unermessliche und unendliche Liebe, die die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit dazu brachte Mensch zu werden. Es ist der Ausdruck der Liebe durch die unverständliche Demütigung eines Gottes, der sich den Menschen offenbart als ein kleines armseliges Kind, das in einem Stall geboren wird. Es ist die Liebe, die aus den dreißig Jahren eines verborgenen Lebens durchschimmert, und ebenso aus der Demut einer strengen Armut und unaufhörlichen Anstrengungen der drei Jahre der
Evangelisierung, in denen der Menschensohn Straßen und Wege beschritt, Berge, Flüsse, Seen und Wüsten durchquerte, Städte und Dörfer besuchte, zu Reichen und Armen sprach, überall Liebe aussäte und meistens nur Undankbarkeit erntete. Welch eine Liebe erwies Er den Seinen beim höchsten Mahl, dem die edelmütige Fußwaschung vorausging und gekrönt wurde mit der Einrichtung der Eucharistie! Die Liebe, mit der Er den Judaskuss erwiderte, Petrus anblickte, nachdem dieser Ihn geleugnet hatte, die Schmähungen geduldig und sanftmütig über sich ergehen ließ, die Leiden ertrug bis zum vollständigen Schwinden der Kräfte, dem Schächer vergab und ihm das Paradies versprach, das große Geschenk einer Mutter, das Er dieser elendigen Menschheit gab. Jedes dieser Begebnisse wurde gewissenhaft von den Weisen studiert, von den Heiligen mit Frömmigkeit betrachtet, von Künstlern wunderbar dargestellt und vor allem unvergleichlich in der Liturgie der Kirche gefeiert. Um über das Heiligste Herz Jesu zu sprechen, gibt es nur eins: Jedes dieser Ereignisse entsprechend zu wiederholen.
Die Heilige Kirche will mit der Verehrung des Heiligsten Herzen nichts weiter als den besonderen Lobpreis der unendlichen Liebe erweisen, die Unser Herr Jesus Christus den Menschen entgegenbrachte. Das Herz ist das Symbol der Liebe. Wenn die Kirche das Herz Jesu verehrt, feiert sie die Liebe.
So unterschiedlich und schön die Anrufungen auch sind, mit denen die Heilige Kirche sich auf die Muttergottes bezieht, so werden wir in keiner eine Beziehung zwischen Ihr und der Liebe Gottes vermissen. Diese Anrufungen ehren entweder eine Gabe Gottes, zu der Maria vollkommen treu war, oder eine besondere Macht, die Sie bei Ihrem göttlichen Sohn besitzt. Was beweisen aber die erhaltenen Gaben, als einen besonderen Liebeserweis des Schöpfers zum Geschöpf? Was beweist die Macht, die Maria bei Gott besitzt, als genau diese gleiche Liebe? Deshalb kann Maria zugleich bezeichnet werden als „der Spiegel der Gerechtigkeit“ und „die allmächtig Bittende“. Spiegel der Gerechtigkeit, weil Gott Sie dermaßen liebte, dass Sie in sich alle Vollkommenheiten, die ein Geschöpf besitzen kann und gerade deshalb in keinem sich so vollkommen widerspiegelt als in Ihr. Sie ist die allmächtig Bittende, weil es keine Gnade gibt, die wir nicht durch Sie erhalten und es keine Gnade gibt, die Sie nicht für uns erreichen kann.
Die Anrufung also der Muttergottes unter dem Titel des Heiligsten Herzen ist eine wunderbare Zusammenfassung aller Anrufungen, ein Gedenken an die reinste und schönste Ausstrahlung der göttlichen Mutterschaft, und alle Saiten der Liebe zugleich harmonisch zum schwingen zu bringen, wenn wir sie einzeln in der Lauretanischen Litanei oder im Salve Regina anschlagen.
Doch gibt es eine Anrufung, an die ich hier besonders erinnern möchte. Es ist die der „Fürsprecherin der Sünder“. Gott ist Richter, und so groß Seine Barmherzigkeit auch sein mag, kann Er nicht umhin, Seine Aufgabe als Richter zu vollziehen. Maria hingegen ist NUR Fürsprecherin. Jedermann weiß, dass ein Anwalt ausschließlich die Aufgabe hat, den Angeklagten zu verteidigen. Indem wir also sagen, Maria vom Heiligsten Herzen sei unsere Anwältin, bedeutet das, dass wir im Himmel eine allmächtige Fürsprecherin haben, in dessen Hände sich der Schlüssel eines unendlichen Meeres der Barmherzigkeit befindet.
Was gibt es also besseres, als dieser sündigen Menschheit zu zeigen, dass, wenn sie nicht über die Gerechtigkeit Gottes unterrichtet wird, wird sie mehr und mehr der Sünde verfallen; spricht man über sie, verzweifeln sie an ihrem Heil? Zeigen wir ihr die Gerechtigkeit: Dies ist eine Pflicht, deren Unterlassung die traurigsten Früchte getragen hat. Neben der Gerechtigkeit, die nur die Unbußfertigen verletzt, vergessen wir aber nie die Barmherzigkeit, die dem ernsthaft reuigen Sünder Hilfe leistet, die Sünde zu verlassen und das Heil zu erlangen.

(Übersetzung aus Legionário, Nr. 410, 21. Juli 1940)


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