Freitag, 6. November 2015

Das durchbohrte Herz Jesu

  

Das Schöne an diesem Kreuz ist, dass es eines der tragischsten, dramatischsten Aspekte des Leidens Unseres Herrn Jesus Christus hervorhebt: das aus seinen Wunden fließende Blut. In den Wunden kommt das lebendige Fleisch sehr realistisch zum Vorschein, ebenso das Blut, das daraus den Körper hinab fließt. Um das noch besser zu veranschaulichen, wählte der Künstler kleine Rubinsteine, die die Tropfen des Blutes darstellen und durch ihren Glanz den Eindruck des noch frischen fließenden Blutes geben.
Auch die Seitenwunde, die ein römischer Soldat mit einer Lanze öffnete und das Heiligste Herz traf und aus der dann die letzten Tropfen von Wasser und Blut aus dem Leichnam Jesu flossen. Dies war das Zeichen seines Todes, dass das Opfer vollbracht war, dass das Leben ganz hingegeben war, dass sein Wesen vollständig zerstört war. So ist es auch in der heiligen Kommunion: Jesus gegenwärtig im verwandelten Brot und Wein mit seinem Leib und Blut, Seele und Gottheit wird vollständig konsumiert (zerstört) nachdem wir ihn empfangen haben.
Unser Herr setzte das eucharistische Opfer unter den zwei Gestalten, Brot und Wein, ein zum Gedächtnis an sein Leiden und Tod, wo am Ende beide, Leib und Blut, völlig getrennt waren. Sein ganzes kostbares Blut vergoss Er, um uns zu erlösen; die Eucharistie setzte Er sein, damit wir uns versammeln und durch die Einnahme der Kommunion, an dieser Erlösung teilhaftig werden. Durch seine unsagbaren Schmerzen und seinen schmählichen Tod, der gezeichnet wurde durch die völlige Trennung von Fleisch und Blut (bis zum letzten Tropfen verblutet), durch diese komplette Zerstörung wollte Er und erlösen.
Und es gibt noch einen schmerzlicheren Aspekt, den wir betrachten wollen, bezüglich seines heiligen Herzens. In der Heiligen Schrift versinnbildlichte das Herz die Seele des Menschen, seine Wünsche, seinen Willen. In den Psalmen findet man zuhauf diese symbolischen Deutungen des Herzens. Es ist auch gewissermaßen das Symbol des Lebens. Es ist das Symbol der Zuneigung und der Liebe. Doch Jesus wollte, dass es möglich sei und tatsächlich geschehen sollte, dass jemand käme und an seinem schon so geschundenen Leib diese letzte Wunde mit einem Lanzenstoß aufriss und sein Herz verwundete.
Diese Verwundung des Herzens zeigt sich als die Vollendung den Leidensweges Unseres Herrn. Wenn es auch so aussieht, dass die Lanze in sein Herz hineingestoßen wurde, um sich zu versichern, dass Er schon Tod sei, und sein Leib vom Kreuz abgenommen werden konnte, so zeigt sie doch eine letzte Tat der Rohheit. Dermaßen waren die Henker bestimmt ihn zu töten, dass sie im Zweifelsfall eine Verwundung durchführten, die ihnen dann die Gewissheit gab, dass Er nun wirklich tot ist. So groß war die Entschlossenheit ihn zu vernichten. Daher war es nicht nur ein Gnadenstoß und eine Tat der Versicherung, sondern auch der Niederträchtigkeit.
So verstehen wir auch die Gegensätzlichkeit des Geschehens. Das Heiligste Herz Jesu, das während seines irdischen Lebens die Menschen mit einer unendlichen Liebe und auf so gegensätzlichen Weg geliebt hat, dass Er bis aufs äußerste ging. Er selber hatte gesagt, eine größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde. Und gerade das tat er für seine Freunde, und diese Freunde sind ein jeder von uns. Er wollte es zulassen, dass dieses sein mit Barmherzigkeit und Güte überfülltes Herz durchstochen werden sollte. Durchstochen von Menschenhand, von Händen, die ihn töten wollten, falls er noch nicht tot wäre. Doch der letzte Punkt der Barmherzigkeit war gerade dieser: Man sagt, dass der Soldat, der die Lanze in sein Herz stieß, halbwegs blind war. Von dem Blut und Wasser, die aus der Seite des Herrn flossen fielen einige Tropfen auf seine Augen und er wurde wunderartig von der Blindheit geheilt. Hier sehen wir auf der einen Seite eine grausame Tat, die von Unserem Herrn erwidert wird durch eine Tat der Güte und der Vergebung. Sie beinhaltet ein Versprechen des Herzen Jesu: alle, die ihm Vertrauen, die auf seine Barmherzigkeit vertrauen, die auf seine Güte vertrauen, dürfen darauf hoffen, dass ihnen vergeben wird, dass sie die notwendigen Gnaden für ihr eigenes Heil erhalten, selbst nach den schlimmsten Sünden, wenn sie ergeben zu Ihm zurückkehren, wenn sie demütig zu Ihm zurückkehren und um Verzeihung bitten. Das heißt, Unser Herr Jesus Christus verlässt uns nie.
Wir können uns den Schmerz der Muttergottes und der heiligen Frauen in diesen letzten Augenblicken vorstellen: als die ganze Zerstörung beendet schien, das nichts mehr zu machen sei, schauten sie hinauf zu Jesus am Kreuz und merken, dass sich jemand nähert und an diesem geschundenen Körper noch eine letzte Grausamkeit verübt, indem er eine Lanze in die heilige Brust bohrt. Doch gleich vernehmen sie die letzte Vergebung. Nehmen wir an, der Soldat ruft in seiner Freude laut aus: Ich kann sehen!
Hier können wir uns den letzten großen Schmerz der Muttergottes vorstellen, indem sie sieht, wie das Heiligste Herz verwundet wird. Ein wenig später legt man den hochheiligen Leichnam ihres Sohnes auf ihren Schoß und sie betrachtet unter Schmerzen aber anbetend den geschundenen Leib und besonders die Wunde an der Brustseite. Wir dürfen annehmen, dass Maria und alle umstehenden irgendwelche Erleuchtungen hatten bezüglich der Andacht zum verwundeten Heiligsten Herzen Jesu, zumal der Heiland mit der Heilung der Blindheit des Soldaten den ersten Beweis seiner Auferstehung gab. Denn selbst als besiegter und gebrochener wirkte er im Tod noch ein Wunder, das niemand je bewirken könnte.
Das heißt, er behielt weiterhin seine vollständige Macht und Lebenskraft mit einer Beharrlichkeit gegen alles, was man ihm schlimmes angetan hatte; nichts wurde in ihm zerstört. Und deshalb sind die letzten Ereignisse schon ein erstes Vorzeichen der Auferstehung.
In der Herz-Jesu Litanei gibt es eine Anrufung, die m.E. eine der schönsten ist: Cor Jesu, lancea perforatum, miserere nobis! Herz Jesu, mit der Lanze durchbohrt, erbarme dich unser! Und wenn man an das von einer Lanze durchbohrte Herz Jesu denkt, denkt man an das Unbefleckte Herz Mariens ebenfalls durchbohrt von dem Schmerzensschwert, das der hl. Prophet Simeon im Tempel vorausgesagt hatte. Beide Herzen sind zusammenhängend. Es sind zwei Herzen voll des Leidens und der Schmerzen.
Deshalb sagen wir auch diese Anrufung als Stoßgebet und Gruß zu dem Kreuz, wenn wir in die Eingangshalle unten eintreten: „Cor Jesu, lancea perforatum, miserere nobis“. In diesem Moment erinnern wir uns auch daran, dass Maria in geistiger Weise unter allen Kreuzen der Welt steht mit all ihren Fürsprachen und Bitten. Bitten wir sie, dass sie unsere Nöte mit einbeziehe.

Möge das durch die Lanze durchbohrte Herz Jesu sich unser erbarmen, um uns die Heiligkeit und dieses hochgradige geistliche Leben zu erlangen, die zur Berufung unseres Lebens gehören. Möge uns Maria die Gabe verleihen, gegen alle Feinde des Allerheiligsten Herzen Jesu und ihres Unbefleckten Herzen mit aller Kraft energisch und furchterregend entgegenzutreten.

Vortrag am  12.2.65

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