Dienstag, 29. September 2015

Philosophisches Selbsbildnis VII - Initiativen gegen Agrarreform, Verfassungsreform, Buch über den Adel


Privateigentum und freie Initiative im Sturm der Agrarreform

   Mit der unerwarteten Erkrankung und dem Tod des gewählten Präsidenten Tancredo Neves und der Übernahme des Präsidentenamtes durch José Sarney am 15. März 1985 nahm in Brasilien die Neue Republik ihren Anfang. Nun sollte die seit der Promulgation des Landstatuts durch die Regierung Castelo Branco im November 1964 ins Stocken geratene Agrarreform endlich weitergeführt werden.
Zur selben Zeit sah sich das Land durch das Vorgehen von einzelnen Landbesetzern beunruhigt, die vorgaben, ihre Übergriffe stützten sich auf die katholische Lehre.
   In diesem Augenblick, in dem sich die Nation zusehends in eine Phase heftiger Auseinandersetzungen über fachliche, lehramtliche und ähnliche Fragen verstrickte, die das Bild der Neuen Republik zutiefst beeinflussen sollten, brachte ich mein Buch Privateigentum und freie Initiative im Sturm der Agrarreform heraus, in dem ich Punkt für Punkt den Agrarreform-Plan (PNRA) untersuche, der zu dieser Zeit von der Bundesregierung aufgestellt worden war. Wie immer stütze ich mich dabei auf die Verlautbarungen des kirchlichen Lehramtes zur Verteidigung von Privateigentum und freier Initiative sowie ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die der PNRA zutiefst verletzte.
   In einem breit angelegten Feldzug zur Aufklärung der Öffentlichkeit über die Agrarreform zogen etwa 100 Propagandisten der TFP und vier von Mitgliedern und Mitarbeitern der Vereinigung gebildete Karawanen durch insgesamt 694 Städte in 19 Bundesstaaten und brachten dabei eine Gesamtzahl von 16.000 Exemplaren des Buches sowie über 30.000 Exemplare einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Catolicismo“ (Nr. 415-416, Juli/August 1985) mit Auszügen aus dem Werk zur Verteilung.
   In diesem wahren Heldenkampf gegen die Agrarreform haben die TFP-Propagandisten mit mehr als zehntausend Farmern vom Norden Brasiliens bis zum Süden Kontakt aufgenommen.
  
Die Recken der Jungfrau: Die Erwiderung der Glaubwürdigkeit – TFP ohne Geheimnisse

   Die Beschreibung meines ganzen Kampfes gegen die Revolution würde jedoch Stückwerk bleiben, wenn ich nicht auch auf die Gegenoffensiven zu sprechen käme, die jeder neue Schachzug in diesem Kampfe nach sich zieht.
   Es würde jedoch den Rahmen dieses philosophischen Selbstbildnisses sprengen, wollte ich hier auf alle Einzelheiten des Gegenangriffs eingehen. Ein typisches Beispiel soll daher genügen.
   Kaum waren acht Tage nach den ersten Bewegungen in der Schlacht gegen die gerade beschriebene Agrarreform vergangen, wurde die TFP Zielscheibe einer Pressekampagne, die nicht das Geringste mit der Auseinandersetzung um die Agrarfrage zu tun hatte: In der Tageszeitung „O Estado de S. Paulo“ erschien ein ganzseitiger Bericht unter dem Titel Recken der Jungfrau, Knechte der TFP.
   Der Veröffentlichung des eigentlichen Berichtes war in der Woche vorher jeden Tag eine auffällige Ankündigung desselben vorausgegangen.
   Im Zuge der lautstarken Ankündigung des „O Estado de S. Paulo“ brachten weitere 29 Zeitungen und Zeitschriften des ganzen Landes Berichte unterschiedlichen Ausmaßes mit dem gleichen Inhalt heraus.
   Die ganze Kantilene ging von dem Buch Recken der Jungfrau – Das geheime Leben der TFP aus, das wenige Tage später in den Buchhandlungen in São Paulo und anderen brasilianischen Städten zum Verkauf kommen sollte. Sein Verfasser, José Antonio Pedriali, war Mitarbeiter der Vereinigung gewesen und gehörte nun zum Journalistenteam des „O Estado de S. Paulo“.
   Wollte man all die Anklagen des Herrn J.A.P. in einem Satz zusammenfassen, könnte man sagen, dass die TFP seiner Meinung nach eine geheimbündlerische Sekte sei, die mit dem Einsatz der Gehirnwäsche ihren Mitgliedern und Mitarbeitern großen Schaden zufüge.
   Diese schwerwiegenden Anklagen wurden in einem scheinbar selbstverständlichen, fast lächelnden Ton vorgetragen. Daneben sind in dem Buch derart grob unmoralische, ja sogar obszöne Beschreibungen des Verhaltens des Verfassers im Verlaufe seines Austritts aus der TFP zu finden, dass es durchaus zu den zahllosen pornographischen Veröffentlichungen gezählt werden könnte, die sich heutzutage in unserem Lande in Umlauf befinden.
   Diese alles kam, wie gesagt, genau zu dem Zeitpunkt an die Öffentlichkeit, als die TFP wieder einmal ihre Stimme gegen die sozialistische, beschlagnehmende Agrarreform erhob. Man versuchte, der Öffentlichkeit ein neues Bild von der Vereinigung vorzugaukeln: Die TFP sei ja gar nicht ... antikommunistisch! Sie sei nicht das, was das ganze Volk weiß, dass sie es seit ihrer Gründung ununterbrochen, offenkundig und auf heldenhafte Weise ist. Sie sei im Gegenteil eine obskure Sekte, und die ungeheuren Anstrengungen ihrer Mitglieder und Mitarbeiter gegen den Kommunismus seien nichts als eine Sinnestäuschung, ein Schwindel.
   Trotz der lautstarken Propaganda, die dem Erscheinen des Buches vorausging und folgte, verursachte es bei weitem nicht die Wirkung, die sein Verfasser und dessen Sponsoren scheinbar erwartet hatten.
   „Alles Übertriebene ist unbedeutend“, hat Talleyrand einmal gesagt. Das Maßlose, das offensichtlich Unwahrscheinliche an J. A. Pedrialis Buch, verurteilten es von Anfang an zu seiner verdienten Bedeutungslosigkeit.
   Die Antwort der TFP gegenüber diesen Anschuldigungen führte zu dem von mir verfaßten Buch: Recken der Jungfrau: Die Erwiderung der Glaubwürdigkeit – TFP ohne Geheimnisse (Verlag Vera Cruz, São Paulo, 1985, 333 S.). Darin weise ich auf die Manipulationen hin, die man mit dem Begriff Sekte angestellt hat, um Vereinigungen verunglimpfen zu können, die wie die TFP dem Revolutionsprozess Hindernisse in den Weg stellen. Außerdem stelle ich klar, dass Gehirnwäsche lediglich ein journalistischer Ausdruck ist, den erstklassige Wissenschaftler nicht ernst nehmen.
   Wie üblich folgte auf die Erwiderung der TFP nichts als das Schweigen der Gegner, die scheinbar nicht wussten, was sie auf die Widerlegung antworten sollten.
   Tatsächlich ähneln die Schlachten der TFP, in die ich mich selbstverständlich einmische, einem Ritornell: 1. Auf eine Kampagne von uns folgt ein Gegenangriff auf einen Punkt, der mit der Sache selbst nicht das Geringste zu tun hat. 2. Die TFP widerlegt die Anschuldigungen der Gegner, und diese hüllen sich in Schweigen. 3. Einige Zeit später (manchmal vergehen Jahre) greifen die Gegner (die selben oder andere) die anfänglich vorgebrachten Anschuldigungen wieder auf, als ob nichts widerlegt worden wäre!

25 Jahre Kampf gegen den konfiskatorischen Agrosozialismus

   Die Neue Republik widmete sich weiterhin der wenig ruhmreichen Aufgabe, in Brasilien den konfiskatorischen Agrosozialismus einzuführen. Aufmerksam verfolgte die TFP jeden ihrer Schritte.
   1986 schrieb dann der bekannte Agrarwissenschaftler Carlos Patricio del Campo, aktives Mitglied der brasilianischen TFP, das Buch "Is Brazil Sliding Toward the Extreme Left?" – Notes on the Land Reform Program in South America’s Largest and Most Populous Country, das die nordamerikanische TFP im Oktober 1986 in Washington veröffentlichte. Das Buch wurde den wichtigsten nordamerikanischen Entscheidungsträgern überreicht, d. h. allen Amtsinhabern der ersten und zweiten Ebene der US-Regierung, allen Senatoren, Abgeordneten und US-Botschaftern, den internationalen Banken mit Sitz in den Vereinigten Staaten, Hunderten von konservativen Intellektuellen, Brazilianists und 1100 Journalisten.
Gestützt auf unparteiische Statistiken, legt das Werk eine Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Zustände in Brasilien vor. Die Taschenspieler des Hungers und des Elends, dem Lande die unter diesem Vorwand eine sozialistische, konfiskatorische Agrarreform aufzwingen wollten, gingen damit ihrer haltlosen Argumente verlustig.
   Im Vorwort zu dem genannten Buch beschreibe ich in raschen Zügen das wirkliche Brasilien und stelle es dem zutiefst pessimistischen und tendenziösen Bild gegenüber, das die linke Propaganda im Ausland verbreitet.
   In dieser Zeit bereitete sich die TFP bereits auf eine weitere Kampagne vor, mit der das ebenfalls von mir verfasste Büchlein In Brasilien bringt die Agrarreform das Elend aufs Land und in die Stadt – TFP informiert, untersucht und warnt (Verlag Vera Cruz, São Paulo, 64 S.) bekannt gemacht werden sollte. Darin stelle ich eine Bilanz des 25-jährigen Kampfes gegen den konfiskatorischen Agrosozialismus auf und rufe Farmer und Bauern auf, sich nicht von dem agroreformistischen Motto, Nachgeben, um nicht zu verlieren, täuschen zu lassen, und machte sie darauf aufmerksam, das ihre Unentschlossenheit die erste Voraussetzung für den Erfolg des agroreformistischen Ansturms bildet.
   Das Werk erlebte vier Auflagen von insgesamt 55.000 Exemplaren, die bei den Straßenkampagnen der TFP-Propagandisten unmittelbar ans Publikum verkauft wurden.

Kurs auf die vollständige Sozialisierung des Landes:
Eine von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnte Verfassung

   Da das Modell einer unmittelbaren Demokratie, wie sie zum Beispiel in den Stadtstaaten des griechischen Altertums üblich war, in der heutigen Welt angesichts der Größe der Bevölkerung und der territorialen Ausdehnung nicht mehr durchführbar ist, wird die Demokratie nun auf mittelbare, repräsentative Weise ausgeübt.
   Die Bürger wählen deshalb Vertreter, die an ihrer Stelle über Gesetze abstimmen und den Staat im Sinne der Wählerschaft lenken. Es handelt sich also um eine Repräsentativ-Demokratie.
   Die Beziehung zwischen dem Wähler und seinem Abgeordneten ist im Wesentlichen die einer Bevollmächtigung. Der Wähler überträgt dem von ihm vorgezogenen Kandidaten den Auftrag, die gesetzgeberische Gewalt in Übereinstimmung mit dem normalerweise bei der Wahlkampagne der Öffentlichkeit zur Kenntnisnahme vorgelegten Programm auszuüben.
   Ähnliches gilt auch hinsichtlich der Wahl zu den Ämtern der ausführenden Gewalt.
   Daraus geht hervor, dass die Glaubwürdigkeit der demokratischen Regierungsform völlig auf der Glaubwürdigkeit der Repräsentation beruht.
   Diese Schlussfolgerung ist durchaus einleuchtend, denn, wenn Demokratie die Regierung des Volkes ist, ist sie nur dann glaubwürdig, wenn die Inhaber der Staatsmacht (sowohl die Legislative als auch die Exekutive) auf die vom Volk gewünschte Weise gewählt werden und auch im Sinne seiner Ziele handeln.
   Ist dies nicht der Fall, wird das demokratische Regime zum leeren Anschein, wenn nicht gar zum Betrug.
   Vor dieses schwierige Problem sah sich die brasilianische Bevölkerung gestellt, als sie aufgerufen wurde, am 15. November 1986 die Parlamentarier zu wählen, die die künftige verfassunggebende Versammlung bilden sollten.
   Nach der Durchführung der Wahl, drängte sich die Aufgabe auf, eine Studie anzufertigen, aus der hervorgehen sollte, welche Repräsentativität sowohl die gerade gewählte verfassunggebende Versammlung als auch der von ihr erarbeitete Verfassungsentwurf besaßen.
   Das Ergebnis dieser Studie war das Buch Verfassungsentwurf beängstigt das Land, das ich im Oktober 1987 abschließen konnte und das daraufhin allen Mitgliedern der verfassunggebenden Versammlung überreicht wurde. Es sollte ein Hinweis darauf sein, dass  der sich abzeichnende Abgrund zwischen dem neuen Verfassungstext und der mehrheitlichen Meinung der Bevölkerung zu einem verhängnisvollen Ausgang führen würde.
   Im ersten Teil des Werkes untersuche ich die für die Repräsentativität einer Wahl notwendigen Voraussetzungen. Ich unterscheide zwischen Berufspolitikern und politisch aktiven Berufstätigen, um zu zeigen, dass die Teilnahme der letzteren, d.h. authentischer Vertreter der unterschiedlichsten Berufe oder Tätigkeitsbereiche, am öffentlichen Leben das politische Bild des Landes bereichern würde.
   Nach meinem Dafürhalten könnte man auf diese Weise der Verdrossenheit der Wähler entgegenwirken, die vor allem in einer überraschend hohen Anzahl von Stimmenthaltungen beziehungsweise ungültigen Stimmen zum Ausdruck kommt, und die fehlende Repräsentativität der verfassunggebenden Versammlung sanieren, die als das melancholische Ergebnis der 1986-er Wahl ohne Ideen (zweiter Teil) angesehen werden muss.
   Zu diesem angeborenen Mangel an Repräsentativität gesellte sich als weiterer Bestandteil das tumultuartige, anormale Funktionieren der verfassunggebenden Versammlung selbst, die eine ganze Reihe von Unauthentizitäten aufzuweisen hatte: 1. Das Plenum der verfassunggebenden Versammlung war weniger konservativ als die Wählerschaft. 2. Die Themenkommissionen waren linker als das Plenum. 3. Die Systematisierungskommission (die die von den Themenkommissionen vorbereitete Arbeit koordinierte) enthielt die größte Ansammlung linksorientierter Politiker der verfassunggebenden Versammlung. Auf diese Weise drohte eine aktive, artikulierte, kühne linke Minderheit, das Land auf Wege zu führen, die keineswegs dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung entsprachen (dritter Teil).
   Im vierten Teil analysiere ich den Verfassungsentwurf, der damals im Plenum zur Debatte stand, und zeige, dass man sich mit Riesenschritten auf die völlige Sozialisierung Brasiliens zubewegte. Dies kam besonders deutlich in der Zerschlagung der Familie und der Nichtachtung des Rechts auf Privateigentums zum Ausdruck.
   Das Buch schließt mit einem konkreten Vorschlag: An erster Stelle sollte über eine Verfassung der politischen Organisation abgestimmt werden, über die es sich unter den derzeitigen Bedingungen der öffentlichen Meinung in Brasilien leichter zu einer Einigung kommen könnte. Wäre dieser Teil von den Mitgliedern der Versammlung erst einmal gutgeheißen, sollte er einer Volksabstimmung unterworfen werden. Während einer zweiten Etappe und nach einer umfassenden Aufklärung der Bevölkerung über soziale und wirtschaftliche Fragen, bei denen die gegenteiligen Meinungen besonders weit auseinander klaffen, würde eine Ergänzung erarbeitet, die ebenfalls einer Volksabstimmung zu unterziehen wäre. Auf diese Weise würde man dem Volk die größtmögliche Gelegenheit geben, seinen Willen auszudrücken, und die verfassunggebende Versammlung würde sich in die noble Rolle versetzt sehen, in so schwierigen Punkten die Meinung des Volkes selbst einzuholen.
   Mitglieder und Mitarbeiter der TFP widmeten sich fünf Monate lang der Aufgabe, das Werk in mehr als 240 Städten in 18 Bundesstaaten zu verbreiten und eine Gesamtauflage von 73.000 Exemplaren zu vertreiben.
   Es soll hier der Rekordabsatz von 1083 Exemplaren pro Tag hervorgehoben werden, der im Laufe einer intensiven 19-tägigen Verbreitungskampagne in São Paulo erreicht wurde.
   Schließlich zeichnete sich doch eine gewisse Reaktion von Seiten der konservativeren Versammlungsmitglieder ab. Es fehlte ihnen jedoch an notwendigem Schwung und Nachdruck, um den im Buch beschriebenen Verlauf noch umkehren zu können. Brasilien bekam eine Verfassung „geschenkt“, die in der Folgezeit eine Reihe von Hindernissen für die Regierbarkeit des Landes hervorrufen sollte.
  
Adel und analoge traditionelle Eliten in den Ansprachen Pius‘ XII. an das Patriziat und den Adel von Rom

   Der tiefere Grund für einen der gravierendsten Aspekte der heutigen Krise in Brasilien ist im fortschreitenden Verfallsprozess unserer Eliten zu suchen.
   Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist diese Erscheinung mit zunehmender Intensität festzustellen; doch unser sorgloser, gutmütiger brasilianischer Optimismus hat der Tatsache kaum größere Aufmerksamkeit geschenkt. Und dafür sehen wir uns nun am Ende des Jahrhunderts in dieser furchtbaren Lage.
   Es fehlt nicht an intelligenten Vorschlägen, wenn es darum geht, der Rechtschaffenheit, der Kompetenz und der Ordnung wieder einen Platz zu verschaffen. Die praktische Schwierigkeit, die jedoch immer wieder auftaucht, ist die der Zusammenstellung eines sittlich und geistig fähigen Teams. Es fehlt uns nicht an großen Geistern, im Gegenteil,  wir verfügen über eine ganze Anzahl von ausgezeichneten Köpfen. Unser Elend ist auf der sittlichen Ebene zu suchen. Immer wieder sehen wir uns gezwungen, diese bedauernswerte Feststellung zu treffen.
   Warum haben wir nicht diese Teams? Weil uns die notwendigen Eliten fehlen. Wo es sittlich und geistig fähige Eliten gibt, fehlt es nicht an tauglichen Menschen von hohem sittlichem Niveau und entsprechender Kompetenz. Wo es aber keine Eliten gibt, sind wirklich wertvolle Menschen eine Seltenheit, denn sie sind dazu verurteilt, als Unbekannte kümmerlich in der Masse der Mittelmäßigen und Opportunisten dahinzuleben.
   Der denkwürdige Papst Pius XII. (1939 – 1958) hat sicher vorausgesehen, dass die sittlichen Zustände der modernen Welt früher oder später in fast allen Ländern zu dieser Situation führen Würden. Und dass dieser Umstand die Menschheit in eine umfassende Krise unvorhersehbaren Ausmaßes stürzen würde. Aus diesem Grunde hat er während seines Pontifikats 14 äußerst wichtige Ansprachen gehalten, in denen er darum bittet, in den Ländern mit adliger Tradition sorgfältig die jeweilige Aristokratie zu bewahren. Gleichzeitig wünschte er, dass auch die neuen Eliten, seien sie nun aus der Arbeit, auf dem Gebiet der Kultur oder dem der Produktion hervorgegangen, günstige Bedingungen vorfinden mögen, um authentische, in sittlicher und kultureller Bildung sowie in Führungskraft dem Adel verwandte Eliten bilden zu können. Gleich dem Adel sollten sie Eliten heranziehen, die in der Lage sind, Menschen hervorzubringen, die auf den verschiedensten Gebieten eine wahre Auslese darstellen.
   In Brasilien fand der Aufruf Pius‘ XII. fast kein Echo, und auch anderswo war der Widerhall gering. Somit schafft das Fehlen von Eliten, das für uns tragische Folgen gezeitigt hat, auch in anderen Ländern ernste Probleme, denen dringend begegnet werden muss.
   In der Absicht, zur Lösung dieses wichtigen Problems beizutragen, habe ich das Buch Adel und analoge traditionelle Eliten in den Ansprachen Pius‘ XII. an das Patriziat und den Adel von Rom geschrieben, in dem ich den Zustand der heutigen Welt im Lichte der vierzehn Ansprachen Pius‘ XII. untersuche.
   Die erste Auflage des Buches in portugiesischer Sprache wurde dem angesehenen Verlag Editorial Civilização, in Portugal, anvertraut und erschien dort im April 1993. Ins Spanische übersetzt, wurde das Werk von Editorial Fernando III el Santo in Spanien verbreitet. Doch blieb diese Ausgabe nicht allein auf Spanien beschränkt, sondern ging von dort aus auch in die spanisch-amerikanischen Länder.
In den Vereinigten Staaten erschien das Werk in dem bedeutenden Verlag Hamilton Press. Die Neuerscheinung wurde offiziell im September 1993 im bekannten Mayflower Hotel in Washington gefeiert. Bei dieser Gelegenheit ergriffen vor einem Publikum von 850 Gästen, unter denen sich auch die Erzherzogin Monika von Österreich und der Herzog de Maqueda von Spanien befanden, hervorragende Persönlichkeiten der nordamerikanischen Öffentlichkeit das Wort.
   In Frankreich fand das im Verlag Albatros herausgegebene Buch in weiten Kreisen des Landes eine gute Aufnahme. (27)

(27) Ende 1995 brachte die französische TFP eine zweite Auflage dieses ausgezeichneten Werkes von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira heraus, diesmal jedoch in Luxusausführung. (Anm. des Übers.)

   In Italien wurde das Werk im Verlag Marzorati veröffentlicht und im Oktober 1993 beim Kongress des Europäischen Adels in Mailand sowie bei einer offiziellen Veranstaltung im Circolo della Stampa im Palast Seberlloni derselben Stadt vorgestellt.
   Die Vorstellung in Rom geschah im historischen Palast der Prinzessin Elvina Pallavicini in Gegenwart des Kardinals Alfons Maria Stickler, des emeritierten Bischofs von Lourenço Marques, Candido Alvim Pereira, des Erzherzogs Martin von Österreich, von Prinzen, Prinzessinnen und verschiedenen Mitgliedern der italienischen Aristokratie. Bei diesen Veranstaltungen wurde das Werk nicht nur ausführlich analysiert, sondern erhielt auch großes Lob von den aufeinander folgenden Rednern.
   Ein lebhaftes Echo löste die Vorstellung des Buches auch in der römischen Presse aus. Die wichtigsten Tageszeitungen hoben das Ereignis besonders heraus und es war sogar von den „Generalstaaten der schwarzen Aristokratie“ (Il Tempo, 31.10.1993) zu lesen (so bezeichnet man in Rom den traditionsreicheren Teil des römischen Adels, der sich bei der gewaltsamen Annektierung des Kirchenstaates an Italien mit dem Heiligen Stuhl solidarisch erklärt hatte).
   Es soll hier auf die ausgezeichnete Resonanz hingewiesen werden, die das Buch auslöste, denn dies ist ein Zeichen für die Aktualität des Themas, wenngleich der Titel allein manchen dazu verleiten könnte, dem Buch lediglich historisches Interesse zuzuschreiben.

   Die vollkommene Übereinstimmung mit der päpstlichen Lehre wird in einer Reihe von freundlichen Briefen bezeugt, in denen die Kardinäle Silvio Oddi, Alfons Maria Stickler und Bernardino Echeverría sowie weltbekannte Theologen wie P. Raimondo Spiazzi, O.P., Victorino Rodríguez, O.P. und Anastasio Gutiérrez, C.M.F. ihre Befürwortung zum Ausdruck bringen. 

Fortsetzung: Philosophisches Selbsbildnis VIII

Mittwoch, 23. September 2015

Philosophisches Selbstbildnis VI - Gegenrevolutionäre Aktionen

Wenn Brasilien von dem Verhängnis der Landzerstückelung verschont geblieben ist, so verdankt es dies dem Buch Agrarreform – Eine Gewissensfrage

   An dieser Stelle sollen nun einige bedeutende gegenrevolutionäre Unternehmungen Erwähnung finden, die von der TFP in den jeweiligen Ländern durchgeführt wurden.
  
1960 wütete in Brasilien die Agraragitation ... allerdings fast ausschließlich in den Städten! Eine schlauerweise in den Großstädten konzertierte Propaganda wollte glauben machen, dass wegen der Unzufriedenheit der Landarbeiterklasse unsere ganze Agrarwelt kurz vor einer Explosion stand. Es wurde behauptet, dass nur die Durchführung einer Agrarreform die Aufgebrachtheit der Massen auf dem Land besänftigen könne, es drohe sonst ein Blutbad. Im Grunde sollte die Staatsgewalt zu Spottpreisen unbebaute Latifundien enteignen und diese unter den Kleinbauern verteilen. Die Eigendynamik des egalitären Geistes der Agrarreformisten forderte jedoch bald die stufenweise Abschaffung aller größeren und mittleren Landgüter, denn unsere Agrarstruktur sollte in ein immenses Geflecht von kleinen Familienbetrieben verwandelt werden. In diesem Moment erschien das Buch Agrarreform – Eine Gewissensfrage. Das umfangreiche Werk hatte eine wahre Teamarbeit erfordert. So habe ich den ersten Teil des Buches, kaum niedergeschrieben, sogleich den Bischöfen Msgr. Antonio de Castro Mayer, damals Bischof von Campos, und Msgr. Geraldo de Proença Sigaud, damals noch Bischof von Jacarezinho und später Erzbischof von Diamantina, unterbreitet, damit sie den Text spezifisch unter theologischen Gesichtspunkten durchsehen konnten. Der zweite, technische Teil oblag dem Volkswirt Luis Mendonça de Freitas.(17)
   Das Werk wurde in Agrarkreisen sehr günstig aufgenommen und von Gouverneuren, Land- und Bundestagsabgeordneten, Senatoren, Hunderten von Bürgermeistern, Gemeindekammern und Landwirtschafts- bzw. Viehwirtschaftsgenossenschaften mit Beifall begrüßt
   Die Verfasser veröffentlichten 1964 dann die sog. „Erklärung von Morro Alto“, ein positives Programm für eine gerechte Agrarreform.(18)

(17) Von „Agrarreform – Eine Gewissensfrage“ erschienen insgesamt zehn Auflagen in folgenden Ländern: Brasilien (zwei Auflagen 1960, eine weitere 1961 und noch eine 1962), Argentinien (1963), Spanien (1969) und Kolumbien (3 Auflagen 1971 und eine weitere 1985), mit einer Gesamtauflage von 41.000 Exemplaren.
(18) Von der „Deklaration von Morro Alto“ erschienen zwei Auflagen in portugiesischer Sprache. Einschließlich des Abdrucks in der Zeitschrift “Catolicismo” erreichte sie eine Gesamtauflage von 32.500 Exemplaren.

   Gemeinsam stellten diese beiden Veröffentlichungen sowohl eine offene, energische Verteidigung des Privateigentumsgrundsatzes dar, den der sozialistische, konfiskatorische Agrarreformismus mehr oder weniger verschleiert bestritt, als auch eine Bestätigung der gesellschaftlichen Funktion des genannten Grundsatzes und der entsprechenden Korrektur von Missbräuchen und Fehlern auf dem Lande.
   Agrarreform – Eine Gewissensfrage rief eine Polemik hervor, die die Öffentlichkeit auf die eigentlichen Absichten der damals von linksgerichteten Strömungen vertretenen Strukturreformen aufmerksam machten; damit trug sie auch zur Bildung jenes ideologischen und psychologischen Klimas bei, das schließlich die Errichtung einer Gewerkschaftsrepublik vereiteln sollte, wie sie der damalige Präsident João Goulart anstrebte.
   Ohne Zweifel verdankt unser Land die Tatsache, dass damals seine Agrarstruktur nicht in zahllose Minifundyen von geringer Produktivität zerstückelt wurde, zu einem großen Teil diesem Buch.
  
Abkommen mit dem kommunistischen Regime:
Hoffnung oder Selbstzerstörung der Kirche?
- Lobendes Schreiben einer Kongregation des Heiligen Stuhls

   Unter allen meinen Werken sollte jedoch „Die Freiheit der Kirche im kommunistischen Staat“ die weitaus größte Verbreitung finden; die letzten Ausgaben dieses Werkes erschienen unter dem Titel „Abkommen mit dem kommunistischen Regime: Hoffnung oder Selbstzerstörung der Kirche?“ (19)

(19) Das 1963 zum ersten Mal veröffentlichte Essay brachte es auf zehn Auflagen in portugiesischer Sprache: Brasilien (1963, 7 Auflagen 1965, 1967 und 1974); elf auf Spanisch: Brasilien (1963 und 2 Auflagen 1964), Chile (1964), Spanien (2 Auflagen 1970, 2 Auflagen 1971 und weitere 2 Auflagen 1973) und Mexiko (1965); fünf auf Französisch: Brasilien (1963, 1964, 1965) und Frankreich (1975 und 1977); eine auf Deutsch (1965), eine auf Ungarisch (1967), vier auf Englisch (1963 und 3 Auflagen 1964), zwei auf Italienisch (1963 und 1964) sowie zwei auf Polnisch. Die Ausgaben in den fünf zuletzt genannten Sprachen kamen allesamt in Brasilien heraus. Insgesamt erreichten die verschiedenen Auflagen die Zahl von 163.500 Exemplaren. Außerdem wurde der vollständige Text in 40 Zeitschriften und Zeitungen in Brasilien, Angola, Argentinien, Bolivien, Chile, Deutschland, Frankreich, Italien, Mexiko, Kolumbien, Portugal, Spanien und USA abgedruckt

   Die Schrift erhielt ein ehrenvolles Lobesschreiben der Heiligen Kongregation für Seminare und Universitäten des Heiligen Stuhls, das das Datum vom 2. Dezember 1964 trägt und von den Kardinälen Pizzardo und Staffa unterschrieben ist.
   Die Studie fand auch jenseits des Eisernen Vorhangs Widerhall. Zwei polnische Presseorgane, das linksgerichtete katholische Wochenblatt „Kierunky“ und die Monatsschrift „Zycie i Mysl“, griffen sie heftigst an. Zbigniew Czaikowski, ein Mitarbeiter beider Veröffentlichungen, verfasste ausführliche, aufgebrachte Artikel gegen mein Essay. Als ich ihm daraufhin im „Catolicismo“ antwortete, kam es zu einer Polemik, in deren Verlauf sich die Pariser Zeitschrift „L’Homme Nouveau“ in der Feder ihres Mitarbeiters Henri Carton auf meine Seite schlug, während die stürmische kommunistisch-fortschrittliche „Témoignage Chrétien“ den Standpunkt Czajkowskis vertrat.
   Wie das Werk „Agrarreform – Eine Gewissensfrage“ war auch „Die Freiheit der Kirche im kommunistischen Staat“ aus einem konkreten Problem heraus entstanden. Schon damals grassierte nämlich in katholischen Kreisen die listig verbreitete Idee, dass allein der Widerstand des kommunistischen Regimes gegen Kulthandlungen eine Verständigung verhinderte. Diese entschieden unvollständige Behauptung erlaubte es den der Kirche gegenüber Respekt heuchelnden Marxisten, die entschlossene Unterstützung gewisser Katholiken für einen hypothetischen Kommunismus, der völlige Kultfreiheit zusagte, zu gewinnen.
   Dieses propagandistische Manöver sollte dem Kommunismus unermessliche Vorteile bringen. Denn eine Beeinflussung der katholischen Massen würde den Widerstand schwächen oder gar ganz aufheben, den die weltweit 800 Millionen Katholiken dem Kommunismus entgegensetzen könnten.
   Mit meinem Essay habe ich versucht, diese Absicht bereits 1963 zu vereiteln, indem ich dargelegt habe, dass das kommunistische Regime von seinem Wesen her darauf aus ist, das Recht auf Privateigentum abzuschaffen oder es doch schwer zu verstümmeln, was wiederum in offenem Gegensatz zur Lehre der Kirche steht. Eine Kirche, die ihrer Sendung treu bleibt, kann nie davon ablassen, ein solches Regime zu bekämpfen, auch wenn dieses bereit sein sollte, ihr völlige Kultfreiheit zu gewähren. Dieser Kampf würde wohl oder übel zu einem Konflikt zwischen den Katholiken und jedem kommunistischen Staat führen.

Unbemerkte ideologische Umwandlung und Dialog
prangert das Manöver zur Schwächung des ideologischen Widerstands der Katholiken an

   Ein großes Echo fand auch die Schrift Unbemerkte ideologische Umwandlung und Dialog (20)

(20) Nach der Erstveröffentlichung im Jahre 1965 erschienen weitere 13 Ausgaben, fünf in portugiesischer Sprache (4 Auflagen 1966 und eine weitere 1974), eine in deutscher Sprache (1967 in Brasilien), sechs in spanischer Sprache (eine 1966 in Argentinien, zwei 1966 und 1971 in Spanien, 1985 eine in Mexiko und zwei in Chile) und eine in italienischer Sprache (1970). Der Text erschien auch in neun Zeitungen bzw. Zeitschriften in Brasilien, Argentinien, Chile, Kolumbien, Portugal, Spanien und USA. Insgesamt ergeben diese Auflagen und Abdrucke 136.500 Exemplare.

   Dieses Essay zeigt, wie sich die Kommunisten des Dialogs bedienen, um auf verstohlene Weise den ideologischen Widerstand des Gegners, ganz besonders der Katholiken, zu brechen.
   Seine Themenstellung ist zu subtil und umfassend, als dass man sie hier in diesem Rahmen zusammenfassen könnte. Eine der wichtigsten Feststellungen praktischer Natur dieser Studie ist die, dass die Kommunisten im Verlauf ihres unehrlichen Dialogs nicht etwa erwarten, dass die Katholiken ausdrücklich ihrem Glauben abschwören, sondern dass sie sich eine relativistische, evolutionistische Auslegung der katholischen Lehre zu Eigen machen. Auf diese Weise wird der Glaube korrumpiert, denn dieser verlangt seiner Natur nach eine Gewissheit, die mit dem durch Relativismus und Evolutionismus bedingten Zustand des Zweifels unvereinbar ist. Ist erst einmal dieses Ziel erreicht, fällt es der kommunistischen Propaganda nicht schwer, die Katholiken dahin zu bringen, im Dialog mit dem Kommunismus eine Synthese zu finden ... die durchaus im Kommunismus selbst, nur eben in einem anderen Gewand, bestehen kann.

Die Kirche angesichts der Eskalation der kommunistischen Bedrohung – Aufruf an die schweigenden Bischöfe

   1976 habe ich das Buch Die Kirche gegenüber der Eskalation der kommunistischen Bedrohung – Aufruf an die schweigenden Bischöfe veröffentlicht. (21) Dieses Werk setzt sich vor allem der Haltung auseinander, die damals auf dem Gebiet der Glaubenslehre von der kirchlichen Hierarchie in Brasilien zugunsten des Kommunismus eingenommen wurde. Dazu zählten etwa die unverblümt prokommunistischen Predigten des Bischofs von São Felix do Araguaia, Pedro Casaldaliga.

(21) Es erschien im Juni 1976 und brachte es auf vier Auflagen (zwei 1976 und weitere zwei 1977) mit insgesamt 51.000 Exemplaren, die von den Mitgliedern und Mitarbeitern der TFP in 1.700 brasilianischen Städten und Gemeinden vertrieben wurden.

   In dem Buch gehe ich auf die ungeheuren Veränderungen ein, die sich im Schoß des brasilianischen Episkopats abspielten, der sich bis 1948 als ein entschiedener Gegner des Marxismus erwiesen hatte. Doch dann war es im Episkopat zu einem Linksschwenk gekommen, der sich 1952 mit der Bildung der CNBB (22) und der Wahl Helder Camaras zu ihrem ersten Generalsekretär noch verstärken sollte. Die Früchte dieser Kehrtwendung ließen nicht auf sich warten: Priester bei Demonstrationen, Ordensschwestern im Minirock und führende Linkskatholiken, die sich für die kommunistisch-janguistische (23) Agitation aussprachen.

(22) Brasilianische Bischofskonferenz.
(23) Anm. des Übers.: Der Begriff Janguismus bezieht sich auf die sozialistisch ausgerichtete Politik des Jango genannten Präsidenten João Goulart.

   Nach 1964 kam es zwar in zahlreichen brasilianischen Institutionen zu einer Säuberungsaktion von kommunistischen Elementen, die jedoch an katholischen Kreisen spurlos vorüberging. Die Folge davon war, dass linksgerichtete Bewegungen gerade hier ihren Unterschlupf fanden. Unter dem Schutz der Kirche gediehen sie so gut, dass mehr als ein Vertreter des brasilianischen Episkopats durch Handlungen oder Unterlassungen zu einer wertvollen Stütze derer wurde, die alles daran setzen, Brasilien kommunistisch zu machen.
   Ich habe die „schweigenden Bischöfe“ in dem Buch zu einer Stellungnahme aufgerufen. Sie waren zahlreich und, da sie über genügend Prestige verfügten, brauchten sie zur Rettung Brasiliens nur all die vielen päpstlichen Verlautbarungen zu diesem Thema unter den Gläubigen zur Verteilung zu bringen.
   Neben dieser traurigen Entwicklung des Episkopats wies ich auf den ganz auf Gesetz und Lehre gegründeten Kampf hin, den derweil eine Gruppe treuer Katholiken für die Kirche und die christliche Zivilisation führte, eine Gruppe, die sich anfangs um den „Legionário“ und etwas später um den „Catolicismo“ gesammelt hatte und die heute, sehr viel zahlreicher geworden, die Brasilianische Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Privateigentum (TFP) bildet.
   Ich wollte diese Studie als Einführung zu einer Zusammenfassung von „Die Kirche des Schweigens in Chile – TFP verkündet die ganze Wahrheit“, einem hervorragenden, 1976 von der chilenischen TFP herausgegebenen Bestseller, veröffentlichen, da zwischen beiden Arbeiten eine enge Verwandtschaft besteht, die vor allem von der Ähnlichkeit des Vorgehens der kirchlichen Hierarchie in Brasilien und Chile herrührt, wenn sich auch dort der größte Teil des Episkopats (und nicht nur einige Bereiche wie in Brasilien) deutlicher für die Einführung des Kommunismus einsetzte, wie die reichlichen Unterlagen des chilenischen Buches beweisen. So konnte es zum Aufstieg Freis, des chilenischen Kerensky (24), und gleich darauf Allendes ins Präsidentenamt kommen. Diesem letzteren gewährten die Bischöfe während seiner Unheil bringenden Regierungszeit alle Unterstützung und bemühten sich sogar nach seinem Sturz noch um die Rückkehr dieses Bruderlandes in die Netze des Kommunismus.

(24) Zur kommunistenfreundlichen Regierung des früheren chilenischen Präsidenten Eduardo Frei und der chilenischen Christdemokraten vgl. „Frei, el Kerensky chileno“, von Fabio Vidigal Xavier da Silveira, das 1967 zuerst im „Catolicismo“ (Nr.178/179) erschien und weitere zehn Ausgaben erlebt hat, davon zwei in Portugiesisch, sieben in Spanisch (drei in Argentinien, eine in Kolumbien, eine in Ekuador und drei in Venezuela) und eine in Italienisch. Außerdem wurden noch zwei Auflagen im „Catolicismo“ (Brasilien) und drei in „Cruzada“ (Argentinien) gedruckt. Die Tageszeitung „La Verdad“ aus Caracas hat den Text im vollen Wortlaut abgedruckt und andere Zeitungen dieser Stadt haben Zusammenfassungen gebracht. Insgesamt erreichten diese Veröffentlichungen 128.000 Exemplare.

   Seit dem Amtsantritt Johannes Pauls II. im Jahre 1978 erfuhr dieser ganze Prozess wichtige Veränderungen, die im Falle einer Beschreibung des heutigen Bildes eine Reihe von nicht unbedeutenden Anpassungen notwendig machen.
  
Indianischer Tribalismus, missionarisch-kommunistisches Ideal für das Brasilien des 21. Jahrhunderts

   Für den Strukturalismus und dessen wichtigsten Vertreter, den Philosophen Lévy Strauss, kommt die Indianergesellschaft dadurch, dass sie „der Geschichte widerstanden“ hat, dem menschlichen Ideal am nächsten. Und zu ihrer vorsteinzeitlichen Lebensweise sollten wir auch nach dieser philosophischen Richtung zurückkehren.
   Wenn man sich schon darüber wundert, dass atheistische Philosophen so absurde Thesen vertreten, um wieviel mehr muss es uns erschüttern, dass katholische Missionare den Urwaldindianer als das vollkommene Menschheitsideal und das Stammesleben als das ideale menschliche Leben hinstellen.
   Und dennoch ist es so. Eine neue Missionsrichtung, die in kirchlichen Kreisen freien Umlauf hat, behauptet, dass die heutige Zivilisation untergehen müßten, um dem System des Stammeslebens Platz zu machen. Einrichtungen wie das Privateigentum, die monogame Familie und die unauflösliche Ehe hätten zu verschwinden. Die klassische Gestalt der evangelisierenden, zivilisierenden Missionare, wie es die Patres José de Anchieta (inzwischen heilig gesprochen) und Manual da Nóbrega waren, müssten aufgegeben werden. Da diese neue Missionsrichtung nicht zivilisieren will, will sie auch nicht katechisieren. Und da ihr nicht an der Katechese liegt, will sie auch nicht zivilisieren.
   Hinter dieser Art von Verhalten verbirgt sich eine taktische Frage. Würde die aktualisierte Missionslehre die in den kommunistischen Ländern eingeführte Gütergemeinschaft loben, würde sie sich unvermeidlich einer lästigen Kritik und Widerlegung aussetzen.
Um dieses gefährliche Thema zu umgehen, reden die neuen Missionare dem System des Stammeslebens das Wort: Sie preisen in ihm die Gütergemeinschaft an, das Nichtvorhandensein von Gewinn, Kapital, Löhnen und Gehältern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, „Privilegierten“ und „Ausgeschlossenen“, „Bedrückern“ und „Unterdrückern“, wie sie das nennen. Und auf diese Weise nutzen sie die Gelegenheit, um das Privateigentum anzugreifen, das in den zivilisierten Ländern des Westens weiterhin in Kraft ist.
   Das konkrete Ergebnis dieser Taktik besteht darin, dass das überschwengliche Loblied der neuen Missionswissenschaft auf das in den Indianerstämmen geltende Gemeineigentum bei weitem nicht die Reaktion in unserer Mitte ausgelöst hat, die eine direkte Apologie der kommunistischen Gesellschaften hinter dem Eisernen Vorhang ohne Zweifel hervorrufen würde.
   Dennoch besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass es sich bei dieser idyllisch verbrämten Vision vom wilden Indianer, wie sie von der neuen Missionswissenschaft als das Ideal für den Menschen des 21. Jahrhunderts hingestellt wird, in Wahrheit um eine Gesellschaft kommunistischer Couleur handelt.
   Es gilt hier noch einmal zu betonen, dass das Hauptproblem dieser Wahnvorstellungen weder in den Missionaren selbst noch in den Indianern zu suchen ist, sondern in der Frage, wie sich dieses Denken ungestraft in die heilige katholische Kirche einschleichen und hier Seminare vergiften, Missionare verbilden und Missionen entstellen konnte. Und dies alles mit so großer kirchlicher Rückendeckung.
   Indianischer Tribalismus, missionarisch-kommunistisches Ideal für das Brasilien des 21. Jahrhunderts habe ich Ende 1977 mit dem Ziel veröffentlicht, den Brasilianern diese unerwartete Facette der innerkirchlichen Krise zur Kenntnis zu bringen.
   „Catolicismo“ veröffentlichte die Studie zuerst (Nr. 323/324, November-Dezember 1977) und dann erschien im Dezember die erste Buchausgabe im Verlag Vera Cruz; in kurzer Zeit sollten sechs weitere Auflagen mit einer Gesamtzahl von 76.000 Exemplaren folgen.
  
Ein Katholik kann und muss gegen die Agrarreform sein.
  
   Die CNBB (Brasilianische Bischofskonferenz) ist das offizielle Organ der brasilianischen Bischöfe. Das aber bedeutet, dass ihre Verlautbarungen von den Katholiken normalerweise als Ausdruck des Standpunkts der Kirche aufgenommen werden sollten.
   Die Veröffentlichung der Erklärung Die Kirche und das Landproblem zum Abschluss der 1980 auf dem bekannten Landgut Itaici abgehaltenen Vollversammlung dieser altehrwürdigen kirchlichen Einrichtung musste daher unter den Gläubigen eine große Bestürzung hervorrufen. Als ausgesprochen agrarreformistisches Manifest sollte dieses CNBB-Dokument eine allgemeine Offensive gegen den großen und mittleren Landbesitz auslösen. Außerdem schlug es den Regierungsstellen konkrete Maßnahmen zu einer umgehenden Aufteilung des Agrarlandes vor.
   Dieser Schritt stürzte nicht nur die Farmer, sondern auch alle Katholiken, die in der traditionellen Lehre der Kirche aufgewachsen waren, sowie die denkenden und handelnden Menschen des Landes in einen Gewissenskonflikt. Diese drei umfangreichen, gewichtigen Gruppen konnten sich nun zu Recht fragen, welche Gültigkeit den vielen neuen und einzigartigen Behauptungen der Verlautbarung als Lehrmeinung zukam, und welche Autorität hinter den Argumenten stand, um so barsche und brisante Aussagen zu treffen.
   Die TFP sah es als ihre Aufgabe an, das Schweigen zu brechen und auf diese Fragen eine Antwort zu geben. Sie tat es mit dem Buch Ich bin Katholik: Darf ich gegen die Agrarreform sein? (1981, 360 S., 4 Auflagen von insgesamt 29.000 Exemplaren), das ich zusammen mit Prof. Carlos Patricio del Campo, Master of Science in Agrarwirtschaft durch die Universität Berkeley (Kalifornien, USA) geschrieben habe.
   Das Buch zeigt, dass der Katholik vor allem treu zu den traditionellen Lehren des höchsten kirchlichen Lehramtes zu stehen hat. Nun führt aber eine aufmerksame Prüfung der genannten CNBB-Verlautbarung zu dem Schluss, dass keine Übereinstimmung zwischen diesen Lehren und der von der CNBB verteidigten Agrarreform gibt. Ein antiagrarreformistischer Katholik hat also nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, weiterhin gegen die Agrarreform zu sein.
   Im wirtschaftlichen Teil des Buches wird belegt, dass die CNBB-Verlautbarung schwerwiegende Mängel bei der Beschreibung der wirtschaftlichen Lage der brasilianischen Landwirtschaft und dem sich daraus ergebenden „Lösungsvorschlag“, nämlich der von ihr vertretenen Agrarreform, aufweist. Wenn also auch gegen die bischöfliche Verlautbarung unter dem strikten Gesichtspunkt der katholischen Glaubenslehre nichts einzuwenden wäre, wäre sie allein schon unter wirtschaftlichen Aspekten unhaltbar.

Der Selbstverwaltungssozialismus: Barriere gegen den Kommunismus oder sein Brückenkopf ?

  Unter diesem Titel erschien eine umfassende Darstellung und kritische Analyse des Selbstverwaltungsprogramms Mitterrands, der damals gerade zum Präsidenten der französischen Republik gewählt worden war. Diese von mir verfasste Arbeit wurde von den dreizehn damals bestehenden TFP-Vereinigungen in ihrem Namen wiedergegeben und verbreitet und von Dezember 1981 an in 45 der größten Tageszeitungen von 19 Ländern Amerikas, Europas und Ozeaniens in vollem Wortlaut abgedruckt. Eine Zusammenfassung der wesentlichsten Teile erschien auch in 49 Ländern aller fünf Kontinente in 13 Sprachen. Damit wurde dieses Dokument in Auflagen von insgesamt 33,5 Millionen Exemplaren verbreitet.
   Die ganze Bedeutung der genannten Studie wird erst deutlich, wenn man bedenkt, dass in der Zeit, die der ersten Wahl Mitterrands zum Präsidenten vorausging, der Ausdruck Selbstverwaltungssozialismus weltweit einer Art propagandistischem Frühling gleichkam, der damals in linken Kreisen in Mode kam.
   Alle Intellektuellen, die sich aggiornati, das heißt auf dem neuesten Stand zeigen wollten, verstanden sich als Vertreter des Selbstverwaltungssozialismus.
   Der Grund dafür lag darin, dass sich die Bezeichnungen „Sozialismus“ und „Sozialist“ in einem deutlichen Veralterungsprozess befanden, den es mit irgendeiner Tarnung aufzuhalten galt. So wie eine Frau, deren Haar langsam grau wird, versucht, dieses zu färben.
   So hat sich auch der viele Jahrzehnte alte Sozialismus mit seinem bereits silbergrauen Haar ein neues Gesicht zugelegt, indem er sich mit dem Begriff der Selbstverwaltung schmückte. Auf diese Weise gedachte er sich zu kräftigen und zu verjüngen.
   Die Anprangerung des Selbstverwaltungssozialismus hatte denn auch zur Folge, dass die mit Selbstverwaltung zusammenhängenden Begriffe aus der Mode kamen. Und der Sozialismus konnte nun in seinem Alterungsprozess nicht mehr zur Färbung der Haare greifen, obwohl ihm diese so gute Propagandaerfolge verschafft hatte.
Seither wurden seine Erfolge entsprechend seltener ...
   Schlimmer noch: Der Alterungsprozess ist heute tatsächlich so weit fortgeschritten, dass der Sozialismus von seinen eigenen Anführern und Parteigängern als altersschwach erklärt wird.
   Eine von mir selbst ausgearbeitete kurze Zusammenstellung der Ereignisse, die auf die Veröffentlichung jener Analyse folgten, belegt das eben Gesagte:
   1. Am 12. Dezember 1981 (d.h. drei Tage nach der Veröffentlichung des Dokuments) beschrieb die angesehene, in Paris von der „New York Times“ und von der „Washington Post“ herausgegebene und weltweit verbreitete Tageszeitung in englischer Sprache „International Herald Tribune“ folgendermaßen die Reaktion der sozialistischen Regierung Frankreichs auf die genannte Studie über das „Sozialistische Projekt für das Frankreich der 80er Jahre“: „In Paris ließen autorisierte Regierungsquellen verlauten, dass sie auf diese Veröffentlichung nicht vorbereitet waren, dass sie jedoch die Angelegenheit prüften. ‚Es gibt absolut keinen Grund zur Furcht, und wir sind vor allem daran interessiert zu erfahren, wer oder was hinter dieser Veröffentlichung steht‘, erklärte am Donnerstag ein Sprecher des Elysée-Palasts und fügte dann hinzu, dass ‚später‘ eine Reaktion erfolgen könnte.“ Eine solche Reaktion hätte man allerdings umsonst erwartet, denn sie erfolgte nie.
   2. Hier ist es angebracht, das „Sozialistische Projekt für das Frankreich der 80er Jahre“ in Erinnerung zu rufen: „Es kann kein sozialistisches Projekt allein für Frankreich geben. Das Dilemma ‚Freiheit oder Knechtschaft‘, ‚Sozialismus oder Barbarei‘ geht über die Grenzen unseres Landes hinaus (...) Seiner Natur und Berufung nach ist der Sozialismus international (...) Frankreich ist eine kollektive Bestrebung oder überhaupt nichts (..) Für ein Land wie das unsere gibt es immense Möglichkeiten (...),die universelle Botschaft des Sozialismus in Europa und in der ganzen Welt hochzuhalten und zu verbreiten“ (Vgl. Projet Socialiste pour la France des années 90. Club Socialiste du Livre, Paris, Mai 1981, S. 18, 108, 126, 164).
   Ebenso soll daran erinnert werden, dass sich die Sozialisten der alten Garde noch ihres kommunistischen Parteibuchs rühmten. So schrieb etwa der frühere Premierminister Pierre Mauroy: „Wir halten dem marxistischen Geist die Treue.“ (Vgl. Documentation Socialiste, Ergänzungsheft Nr. 2)
   3. Im Dezember 1991, nachdem die sozialistische Regierung also zehn Jahre lang vergebens versucht hatte, ihr „Projet“ umzusetzen, tauschte die PSF bei einem außerordentlichen Parteitag in der Défense das radikale Programm aus dem Jahre 1981 gegen das nichtssagende „Neue Horizonte“ aus.
   In diesem neuen Projekt kann man nun lesen: „In Wirklichkeit kam es nicht zu der von einer bestimmten marxistischen Analyse vorhergesehenen Verarmung der Arbeiterklassen. Zwischen 1950 und 1990 hat sich der Lebensstandard in Frankreich vervierfacht (...) Es geht heute nicht mehr darum, wie in der überholten Selbstverwaltung (sic!) die Unternehmer abzusetzen und sie durch vom Staat bestimmte oder von der Basis gewählte Leiter zu ersetzen (...) Die Vertreter der Arbeitnehmer sollen die Führungskräfte an der Unternehmensspitze nicht ersetzen (...) Die Macht des Marktes liegt darin, dass er unersetzlich ist (...) Alle Versuche, ihn zu ersetzen, haben fehlgeschlagen (...) Der Sozialismus fordert und wünscht eine andere Organisation des Planeten, diese soll sich jedoch im Kontext eines weltweiten Kapitalismus entwickeln.“ (Vgl. Michel Charzat, Un Nouvel Horizon, S. 96, 96 u. 97)
   4. Im Oktober 1992 erklärte die französische Wohnungsministerin Marie-Noëlle Lienemann: „Die Sozialistische Partei gibt es nicht mehr. Wir müssen eine neue Struktur, eine neue Partei schaffen.“ (Vgl. Folha de S. Paulo, 22.10.92)
   Diese Erklärungen kommen einer wahren Sterbeurkunde des Selbstverwaltungstraums der französischen Sozialisten gleich.(25)

(25) Anmerkung der Redaktion: Sollte der Leser daran interessiert sein, nähere Einzelheiten zu diesem nützlichen und wirksamen Dokument aus der Feder von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira – auf internationaler Ebene -kennen zu lernen, empfehlen wir die Lektüre des Buches Tradition, Familie und Privateigentum – Ein Ideal, ein Wahlspruch, eine Heldentat (S. 507 bis 517).

Die kirchlichen Basisgemeinden: Werkzeug der katholischen Linken zur „Reform Brasiliens“ in einem sozialisierenden Sinne

   Eine von den Theologen Gustavo Gutiérrez und Hugo Assmann angeführte und von der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz 1968 in Medellín geförderte theologische Strömung, die den Namen „Befreiungstheologie“ trägt, hat in theologischen Kreisen auf der ganzen Welt eine weite Verbreitung gefunden. Diese Strömung sucht in der Heiligen Schrift Grundlagen für Irrtümer, die zwar von unterschiedlichen Lehrrichtungen verbreitet werden, jedoch eng miteinander verbunden sind: Eine davon ist der Progressismus auf den Gebieten der Theologie, der Philosophie und der Moral, mit entsprechenden Auswirkungen auf das Studium des Kirchenrechts, der Kirchengeschichte usw. und die andere ist der Linksextremismus auf dem Gebieten der katholischen Soziologie, der sich auch auf das unter katholischem Einfluss durchgeführte Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Politik sowie auf Leben, Denken und Handeln der als christdemokratisch, christsozialistisch, sozialistisch-katholischen usw. bezeichneten politischen Bewegungen auswirkt.
   Verschiedene Aspekte der Lehren der Befreiungstheologie wurden von Johannes Paul II. in seiner Ansprache von Puebla (1979) verurteilt. Dennoch fanden sie weiterhin Verbreitung in ganz Brasilien.
Die durch den Progressismus hervorgerufenen oder geförderten Handlungspotentialitäten verlangen ihrer Natur nach eine Organisation, die dem Klerus und den Gläubigen, die auf eine „Reform Brasiliens“ mit sozialisierender Ausrichtung eingeschworen sind, einheitliche Ziele und Methoden auf konkreter Ebene gibt.
   Diese Organisation wird von den CEBs (kirchlichen Basisgemeinden) gebildet. (26)

(26) Anmerkung des Übersetzers: CEB (Comunidades Eclesiais de Base) ist die Abkürzung, unter der in Brasilien die kirchlichen Basisgemeinden bekannt sind.

   Um Brasilien vor dieser Gefahr zu warnen, haben die Brüder Gustavo Antonio Solimeo und Luiz Sergio Solimeo mit mir zusammen ein Buch unter dem Titel Die CEBs ..., von denen viel gesprochen wird, aber wenig bekannt ist – Die TFP beschreibt sie, wie sie sind verfasst.
   Im ersten Teil weise ich nach, dass die CEBs der katholischen Linken als Werkzeug dienen, mit dem sie Unzufriedenheit in der Bevölkerung (vor allem unter den Arbeitern) säen; die Unzufriedenheit wird dann in Agitation verwandelt, um schließlich unter Einsatz der Agitation der Staatsgewalt eine dreifache Reform aufzuzwingen: die Land-, Stadt- und Unternehmensreform. Dies alles geschieht wahrscheinlich in der Absicht, in Brasilien ein sozialistisches Selbstverwaltungssystem zu errichten.
   Der 2. Teil des Buches informiert die brasilianische Öffentlichkeit darüber, was die CEBs eigentlich sind, was für eine Lehre sie verbreiten, wie sie organisiert sind, welche Methoden sie anwenden, um neue Mitglieder anzuwerben und wie diese auf den Gesellschaftskörper als Ganzes einwirken. Darum haben die Verfasser dieses Teiles Daten eingebracht, die sie sozusagen aus dem Munde der Organisationen selbst vernommen haben, das heißt aus den Schriften, in denen sie sich selbst den Mitgliedern und der Öffentlichkeit gegenüber darstellen. Die so zusammengetragenen Informationen wurden durch Nachrichten aus Zeitungen und Zeitschriften ergänzt, denen man gewiss nicht nachsagen kann, sie verzerrten die Fakten zum Schaden der CEBs.

   Seit August 1982 setzen sich die Mitglieder und Mitarbeiter der TFP für die Verbreitung des Buches in ganz Brasilien ein; 1510 Städte und Gemeinden wurden von den verdienstvollen Werbe-Karawanen der TFP bereits besucht, was dazu führte, dass schon sechs Auflagen von insgesamt 72.000 Exemplaren des Buches vergriffen sind.

Fortsetzung folgt

Dienstag, 22. September 2015

Philosophisches Selbstbildnis V - Die 4. Revolution

Damit wäre die Lage der III. Revolution kurz vor dem 20. Jahrestag der Veröffentlichung von „Revolution und Gegenrevolution“ umschrieben. Doch dieses Panorama wäre ohne den Hinweis auf eine Umwandlung, die sich im Innern der III. Revolution abgespielt hat, unvollständig geblieben: Aus ihr geht die IV. Revolution hervor.
   Es ist bekannt, dass weder Marx noch seine wichtigsten Anhänger in der Diktatur des Proletariats die letzte Etappe des Revolutionsprozesses gesehen haben. Gleich der vermeintlichen Evolution, die sich im Ablauf der Zeiten bis ins Unbegrenzte entwickeln wird, soll nach der mit dem Denken Marx´ und seiner Jünger eng verbundenen evolutionistischen Mythologie auch die Revolution nie ein Ende nehmen. So wie aus der I. Revolution bereits zwei weitere hervorgegangen sind, wird auch die dritte eine weitere gebären. Und so wird es weitergehen...
   Vom marxistischen Standpunkt aus ist es im Moment durchaus schon vorhersehbar, wie die IV. Revolution aussehen wird. Die marxistischen Theoretiker selbst erwarten den Zusammenbruch der Diktatur des Proletariats infolge einer weiteren Krise, die ihre Entstehung der Tatsache verdankt, dass der hypertrophische Staat zum Opfer seiner eigenen Hypertrophie wird. Mit dem Verschwinden des Staates wird der Platz frei für einen wissenschaftshörigen, kooperativistischen Zustand, in dem der Mensch, nach Meinung der Kommunisten, ein Maß an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erreicht haben wird, das bis dahin unvorstellbar war.
   Wie soll das aussehen? Man muss sich wohl oder übel fragen, ob nicht die von den strukturalistischen Strömungen erträumte Stammesgesellschaft die wahre Antwort auf diese Frage ist, sieht doch der Strukturalismus im Stammesleben eine illusorische Synthese aus größter individueller Freiheit und gebilligtem Kollektivismus, wobei letzterer schließlich die Freiheit verschlingen wird. In diesem Kollektivismus sollen die verschiedenen „Ich“ oder die Einzelpersonen, mit ihrem charakteristischen und zwiespältigen Denken, Wollen und Seinsweisen in die Kollektivpersönlichkeit des Stammes eingehen und sich darin auflösen, so dass daraus eine verdichtete, gemeinsame Art des Denkens, Wollens und des Lebensstils entsteht.
   Der dritte Teil von „Revolution und Gegenrevolution“ endet mit Betrachtungen über diese im Entstehen begriffene IV. Revolution.

Die Verwandlung des Kommunismus
hin zu einer sich selbst verwaltenden Gesellschaft

   Mit dem Ende des folgenden Jahrzehnts, d. h. der achtziger Jahre, wurden die im dritten Teil von „Revolution und Gegenrevolution“ getroffenen Voraussagen durch die Fakten bestätigt.
   Da Sowjetrussland das ungeheure wirtschaftliche Fiasko sowie die unmenschliche Einschränkung legitimer Freiheiten nicht mehr länger verbergen konnte, entschied es sich ungeniert dafür, diese Tatsachen vor der ganzen Welt zuzugeben. Und so brach schließlich das Sowjetregime nach den spektakulären, durch Gorbatschow mit seinen Liberalisierungsprogrammen Glasnost (1985) und Perestroika ausgelösten geopolitischen Konvulsionen in sich zusammen (1989 – 1991) und scheint sich seither auf ein dem westlichen Vorbild näher stehendes Modell hin zu bewegen.
   Dieser Umschwung stellt die Kommunisten vor ein neues strategisches Problem, denn, wie es scheint, enthält er gleichzeitig einen Appell: So wie sich die granitene Struktur des Kommunismus aufgelöst hat, soll sich nun auch der Westen bei der Anwendung der Grundprinzipien von Privateigentum und freier Initiative weniger rigide zeigen und sich seinerseits zu einer entschiedenen Annäherung an den Sozialismus bereit finden. Auf diese Weise würden der Westen und der Osten auf eine gemeinsame Zwischenlösung zusteuern, die allerdings nicht unbedingt in der Mitte, sondern eventuell eher in der Nähe des Kommunismus als des Kapitalismus liegen sollte; womit dann auch eine endgültige Lösung für den Weltfrieden gefunden wäre.
   Wie viele haben sich im Westen nicht von dieser Aussicht verführen lassen? Wie viele zeigen sich nicht geneigt zu sagen: Es ist besser, einem egalitäreren Regime mit weniger bürgerlicher und wirtschaftlicher Freiheit zuzustimmen, wenn man damit verhindern kann, dass sich die Lage in Russland zurückentwickelt und die Kommunisten wieder an die Macht kommen, denn dann würden wir uns wieder dem schrecklichen Gespenst eines Atomkriegs gegenübersehen, von dem wir uns bereits wie durch ein Wunder befreit sahen.
   Auf diese Überlegung ist zu antworten, dass Kriege eine Strafe für die Sünden der Menschen sind. Ein unnatürliches, gegen das göttliche Gesetz gerichtetes Regime wie den Kommunismus auch in seiner etwas abgeschwächteren Art annehmen bedeutet, eine ungeheure Sünde begehen, die, indem sie zwangsläufig ihre unheilvollen Auswirkungen verbreitet, der Menschheit nur Unglück und Ruin bringen kann.
   Angesichts des Zerfalls des Sowjetreiches fragen sich deshalb die scharfsinnigeren Geister des Westens, inwieweit der ganze Vorgang wirklich als authentisch, dauerhaft und unbestreitbar angesehen werden kann und damit auch begründete Hoffnungen rechtfertigt. Und obwohl es nicht an Optimisten fehlt, die derartige, täuschend vielversprechende Aussichten eiligst mit offenen Armen begrüßen, empfiehlt sich doch eine kluge Haltung der Vorsicht gegenüber der rätselhaften Retraktion des Kommunismus, denn es ist durchaus möglich, dass es sich nur um eine Verwandlung handelt mit dem Ziel, die selbstverwaltete Gesellschaft zu erreichen.
   Gorbatschow selbst hat in seiner propagandistischen Schrift „Perestroika - Neue Ideen für mein Land und für die Welt“ (15)‚ treuherzig darauf hingewiesen: „Bei dieser Reform geht es darum, den Übergang von einem überaus zentralisierten, von den Anordnungen übergeordneter Stellen abhängigen System zu einem auf der Verbindung von demokratischem Zentralismus und Selbstverwaltung beruhenden System (...) zu gewährleisten.“ Gerade diese Selbstverwaltung war aber auch nach Maßgabe der UdSSR-Verfassung in ihrer Präambel das „höchste Ziel des Sowjetstaates“.
   All diese Überlegungen sind, ausführlicher entwickelt, in der 1992 veröffentlichten erweiterten Ausgabe von „Revolution und Gegenrevolution“ zu finden.(16)

(15) Editora Best Seller, São Paulo, 1987, S. 35.
(16) Der dritte Teil von Revolution und Gegenrevolution, dem der Autor einige Kommentare hinzugefügt hat, wurde 1992 in Argentinien, Chile, Ekuador, Kolumbien und Spanien veröffentlicht, 1993 in den USA und in Brasilien, 1994 in Peru und 1995 in Rumänien.
  
Fortsetzung folgt