Sonntag, 29. November 2015

Friede, Friede ... aber welcher Friede?

Plinio Correa de Oliveira 

„Opus justitiae pax“: Gerechtigkeit schafft Frieden.
Zum Frieden gibt es zwei grundverschiedene Haltungen, die leider immer wieder verwechselt werden:
1. Die Haltung der Kirche, die den Frieden für ein unschätzbares Gut hält, den Krieg aber in gewissen Fällen als ein Recht und in anderen bestimmten Fällen sogar als eine heilige Pflicht ansieht;
2. Die Haltung der radikalen Pazifisten, die den Krieg für ein unerträgliches Übel halten und deshalb den Frieden für ein Gut ansehen, das um jeden Preis erhalten bleiben muss.
(…)
Über die Rechtmäßigkeit des Krieges führten wir zwei klassische Beispiele an: das eine ist, das der legitimen Verteidigung; das andere, das des heiligen Krieges. Im Fall der rechtmäßigen Verteidigung ist der Krieg ein unbestreitbares Recht. Im Fall des heiligen Krieges besteht nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht ihn zu führen.
Dies sind die Grundsätze der katholischen Lehre. Sie entstammen einem Gedanken des hl. Augustinus. So sagt der große Kirchenlehrer, dass, im Gegensatz zur allgemeinen Meinung seiner Zeit, die größten Übel des Krieges nicht in der Verstümmelung oder in der Zerstörung vergänglicher Leiber, die über kurz oder lang eines Tages im Schoße der Erde, im bescheidenen Schatten eines Grabes verwesen werden. Das große Übel des Krieges, das größte aller Übel, besteht in der durch ihn hervorgerufenen Beleidigung Gottes. Denn man kann sich keine Auseinandersetzung vorstellen, in der beide Seiten unschuldig sind. Eine Seite wird zumindest schuldig sein. Die Beleidigung, die durch die Ungerechtigkeit des Aggressors Gott zugefügt wird, ist im Grunde ein größeres Übel, das ein Krieg hervorrufen kann.
Wenn also die Gottesbeleidigung durch eine ungerechte Aggression groß ist, was soll man von dem Affront sagen, die er durch den Sieg des Angreifers erleidet und die Umwandlung der Ungerechtigkeit in eine beständige und dauerhafte Ordnung der Dinge, die eine bleibende Schmähung der göttlichen Majestät darstellt? Ein Friede, der zur Folge hätte, den Krieg zu verhindern und eine friedliche und unblutige Vollendung der Ungerechtigkeit zu erlauben, wenn diese jedoch durch Waffengewalt hätte verhindert werden können, dieser Friede wäre eine überaus große Ungerechtigkeit in den Augen Gottes und die Überlebenden des besiegten Volkes, die sich nicht mit dem elendlichen Unglück abfinden können, würden mit dem gleichen ungestümen Pathos um Rache schreien wie das Blut des unschuldigen Abel.
Anzunehmen also, dass ein Krieg um jeden Preis verhindert werden muss, wenn auch der so erreichte Frieden die Auflösung ganzer Völker bedeuten würde und die Ungerechtigkeit als das oberste Prinzip der internationalen Ordnung das Feld beherrscht, ist nichts anderes als die katholische Lehre in ausdrücklichster Weise zu widersprechen.
(…)
Niemand hat Schwierigkeiten zu verstehen, dass die Kirche etliche Kreuzzüge gegen den Islam gepredigt hat, als dieser das Grab Unseres Herrn Jesus Christus und die freie Ausübung der Religion der dort lebenden christlichen Bevölkerung bedrohte.

Quelle: Auszüge aus "A posição do Vaticano" (Die Stellung des Vatikan), in Legionário, Nr. 368 vom 1.10.1939, Freie Übersetzung.

Dienstag, 24. November 2015

Das Wochenblatt „Legionário“

„Der Legionário ist zum Kampfe geboren“

„Der Legionário ist zum Kampfe geboren.“ (150)
Von 1933 bis 1947 erhob die mutige und oftmals einsame Stimme des von Plinio Corrêa de Oliveira geleiteten Legionário die Fahne der Kirche und der christlichen Zivilisation gegen den modernen Totalitarismus jeder Prägung und Abart. Die Haltung der Zeitschrift wurde von ihm selbst so zusammengefasst:
„ Vor allem gilt unsere Liebe stets dem Heiligen Vater. Kein Papstwort haben wir je unveröffentlicht, unerklärt, unverteidigt gelassen. Wo immer ein Interesse des Heiligen Stuhles bestand, haben wir dies mit allem Eifer eingefordert. In unseren Worten ist, Gott sei Dank, kein Begriff, keine Nuance zu finden, die auch nur in einem Komma, in einer Zeile vom Lehramt Petri abweichen würde. Auf der ganzen Linien waren wir Männer der Hierarchie, deren Vorrechte wir mit aller Inbrunst gegen die Lehren jener verteidigen, die dem Episkopat und dem Klerus die Leitung der katholischen Laien entreißen wollen. Kein Missverständnis, keine Verwirrung, kein Unwetter vermochten in dieser Hinsicht auf unserer Standarte auch nur den geringsten Fleck zu hinterlassen. Auf der ganzen Linie haben wir den Geist der Auswahl, der Seelenbildung, der Abtötung und des Bruchs mit den Schandtaten der Welt verteidigt. Gegen die grässlichen Exzesse des den Staat vergötternden Nationalismus, der Europa beherrschte, gegen den Nationalsozialismus, den Faschismus und alle ihre Abwandlungen, gegen den Liberalismus, den Sozialismus, den Kommunismus und die berühmte politique de la main tendue‘ haben wir für die Lehre der Kirche gekämpft. Niemand hat sich weltweit gegen die Kirche Gottes erhoben, ohne dass der Legionário (...) nicht dagegen Einspruch eingelegt hätte. Gleichzeitig haben wir nie unsere Pflicht aus den Augen verloren, mit allen Mitteln die Verehrung der Gottesmutter und des Allerheiligsten Altarsakraments zu fördern. Jede echt katholische Initiative konnte auf unsere ganze Begeisterung rechnen. Wer je an diese Tore klopfte und nichts als die größere Ehre Gottes im Sinn hatte, stieß hier stets auf Freundschaft und Schutz bietende Säulen. Wir haben in diesem Leben einen guten Kampf zu kämpfen.Erschöpft bluten wir aus allen Gliedern. Es war dieser Kampf, der uns ermüdete und uns verwundete. Als Entschädigung wagen wir nicht mehr zu erbitten, als die Vergebung all dessen, was es an diesem Werk, das eigentlich ganz und gar Gott gewidmet sein sollte, unvermeidlich auch an menschlichem Versagen zu finden ist.“ (151)
Zehn Jahre vor Kriegsausbruch hatte sich Plinio Corrêa de Oliveira in einem Brief an einen Freund wie folgt geäußert:
„Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass wir uns im Vorfeld einer Epoche voller Leid und Kampf befinden. Allerorts nimmt das Leiden der Kirche zu und das Kampfgeschehen rückt immer näher. Ich habe den Eindruck, dass sich am politischen Horizont dunkle Wolken zusammenziehen. Das Unwetter wird nicht lange auf sich warten lassen und ein Weltkrieg wird lediglich seine Einleitung sein. Dennoch wird der Krieg auf der ganzen Welt ein deartiges Durcheinander hervorrufen, dass an allen Ecken und Enden Revolutionen ausbrechen werden und die traurige Fäulnis des ‚20. Jahrhunderts‘ ihren Höhepunkt erreichen wird. Da werden dann die Mächte des Bösen, die wie Würmer erst in dem Augenblick erscheinen, in dem die Fäulnis am größten ist, auf den Plan treten. Der ganze ‚bas-fond‘ der Gesellschaft wird an die Oberfläche gespült und überall wird die Kirche verfolgt werden. Es heißt aber... et ego dico tibi quia tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo Ecclesiam meam, et portae inferi non praevalebunt adversus Eam‘. Die Folge wird ‚un nouveau Moyen Age‘ oder aber das Ende der Welt sein“.(152)




150 Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, 365 dias em revista, in O Legionário Nr. 595 (1. Januar 1944).
151 Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, 17 anos, in O Legionário Nr. 616 (28. Mai 1944).
152 Zitiert bei J. S. CLÁ DIAS, Dona Lucília, loc. cit., Bd. II, S. 181.
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Aus „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts“, Roberto de Mattei, Herausgeber: TFP und DVCK e.V., 2004, S. 95.

Samstag, 21. November 2015

Das Primat der Heiligkeit

Das Primat der Heiligkeit

Plinio Corrêa de Oliveira

Für mich ist es unbestreitbar, dass, wenn in unserer materialisierten und verdorbenen Zeit ein hl. Franz von Assisi wieder erscheinen würde, würde seine Persönlichkeit den Menschen weltweit viel definitiver und schneller imponieren als es je in vergangenen Zeiten der Fall gewesen wäre.
Sicher war das tugendhafte, von katholischem Geist tief durchdrungene Mittelalter, eher in der Lage den großen stigmatisierten von Assisi zu verstehen.
Man muss jedoch bedenken, dass durch den katholischen Geist selbst und seine Verbreitung unter allen sozialen Schichten, das Verlangen nach Tugend weniger stark war, weil die Seelen zum Teil von ihr gesättigt waren, als in den trostlosen Tagen, in denen wir heute leben.(1)
Der Mensch — sagte ein heidnischer Schriftsteller — ist ein gefallener Engel. Und je mehr auch in ihm die Laster und Fehler des Verfalls herrschen, spürt er in seinem Herzen, bewusst oder unbewusst, eine große Sehnsucht nach dem Himmel.
Erforscht man mit aller Vorsicht irgendein menschliches Herz, sei es das eines Heiligen, eines Weisen, eines Unwissenden oder eines Häftlings, wird man das Vorhandensein von mehr oder weniger tiefen Gefühlen, die sich nach einem großen Ideal von Reinheit und Heiligkeit sehnen.
Solange die christliche Zivilisation lebte, war das Leben geprägt von Selbstlosigkeiten, die zu einer allgemeinen Glückserfahrung beitrug.
Als der Katholizismus als höchster Regler der Beziehungen zwischen Menschen und Völker verstoßen wurde, verkam das Leben in Egoismen, die sich gegeneinander bekämpften. Daher der „homo homini lupus“ (2)
Der tierische Teil des Menschen kann zeitlich die Äußerungen seines englischen (geistlichen) Teils ersticken. Nie jedoch kann er sie radikal zerstören.
Und je mehr der Mensch unter seiner selbst fällt, wird er doch immer den unwiderstehlichen Einfluss der Heiligkeit wahrnehmen, der seine Leidenschaften dämpft und die Tyrannei der Laster abschwächt, so wie eine Musik des Orpheus die wilden Tiere zähmte.
Dies sind die Gedanken, zu denen mich das 25jährige Jubiläum von Msgr. Pedrosa als Pfarrer von Sta. Cäcilia anregen.
Die Kirche Sancta Caecilia
in São Paulo, 1947
Nie sah ich einen Mann, der über ein so großes Aktionsgebiet einen so gesunden und tiefen Einfluss ausübte.
Ich kenne Leute, die ihm tiefe Freundschaft und Verehrung erweisen, nach einem kurzen Kontakt im Beichtstuhl.
Andere wären bereit ihr Leben und ihr Vermögen zu opfern ohne selbst die Anwandlung einer Diskussion, wenn dieses Opfer ihnen von Monsignore auferlegt worden wäre.
Griechen und Trojaner, Gläubige und Ungläubige sind sich einig in der Feier seiner ungewöhnlichen Tugend.
Selbst Personen, die behaupteten überhaupt keine katholischen Überzeugungen in ihrem Innern zu haben, erweisen dem Pfarrer mit einem nicht erklärbaren Widerspruch ihre aufrichtigste Verehrung und erkennen in ihm die echte Personifizierung der Tugend.
Unter den vielen Kommentaren, die sich über den Pfarrer bei den gegenwärtigen Feierlichkeiten vernehmen lassen, wollte ich diesen merkwürdigen Aspekt seiner Tätigkeiten als Pfarrer hervorheben. Es ist eines der vielen Lehren seines unzerbrechlichen Seelenadels, die er uns gibt.
Sie bestätigt den unbestreitbaren Einfluss der Heiligkeit auf den Menschen.
Und es kommt mir in Erinnerung die Schlussfolgerung, die Tristão de Athayde in seinen Vorträgen über das Problem des Bürgertums setzte: Brasilien und die Welt brauchen keine Weisen und Helden; sie brauchen Heilige...

* * *
(1) Der Autor benutzt hier den Ausdruck „dürsten nach Tugend“ im Sinne des „Gefühls, dass es an Tugend mangelt“, das heute größer ist als im Mittelalter.
(2) „Der Mensch ist des Menschen Wolf“

Freie Übersetzung aus O „Legionário“  Nr. 96, 21.4.1932.
Originaltitel: „O primado da santidade“

Donnerstag, 19. November 2015

Optimismus, Pessimismus oder Realismus?

Unsere Hoffnung, sei gegrüßt

Plinio Corrêa de Oliveira

Optimismus, Pessimismus, Realismus: Welche Einstellung sollten wir haben vor den Ereignissen der Gegenwart? Bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir zunächst einmal diesen Begriffen ihre wahre Bedeutung geben.
Im Grunde ist Realist, wer die Ereignisse so sieht wie sie sind.
Optimist wäre der, der durch einen Blickfehler sich alle Ereignisse freundlicher vorstellt, als sie es in der Realität sind. Der Pessimist sähe durch einen ähnlichen aber entgegengesetzten Fehler die Fakten düsterer, als sie sich eigentlich darstellen.
So wäre ein Arzt Realist, wenn er eine objektive und wahrheitsgemäße Vorstellung des gesundheitlichen Zustandes seines Patienten hätte. Ein optimistischer Arzt würde eine diagnostizierte Krankheit nicht als so ernsthaft einstufen, wie sie in Wirklichkeit ist; der pessimistische Arzt würde eine Krankheit als schlimmer beurteilen, als sie es tatsächlich ist.
Im normalen Sprachgebrauch aber, durch eine Anpassung an die Bedeutung dieser Wörter, werden sie in einem anderen Sinn angewendet. Wenn der Arzt, nachdem er seinen Patienten diagnostiziert hat, zum Ergebnis kommt, dass die Gesundheit des Patienten nicht ernsthaft gefährdet ist, sagt man „er ist optimistisch“ im Hinblick auf die Zukunft seines Patienten. Hier versteht man "Optimist" nicht im Sinne, dass der Arzt die Lage des Patienten besser einstuft, als sie ist, sondern, dass er wirklich Hoffnung auf Besserung hat. Wenn im Gegenteil der Krankheitsbefund objektiv ernsthaft ist, sagt man, der Arzt sei "pessimistisch" aus dem Sprechzimmer gekommen. Das bedeutet nicht, der Arzt habe den Zustand des Patienten schlimmer eingestuft, als er in Wirklichkeit ist, sondern, dass er die Lage des Patienten als ernsthaft angesehen hat und in der Folge einen nicht unbedingten Guten Ausgang haben wird.
Mit der Definition dieser verschiedenen Sinne der Wörter wird es leichter und bestimmender zu sagen, ob man Optimist, Pessimist oder Realist sein soll.
Natürlich sollte man auf jeden Fall realistisch sein. Wenn nämlich Realismus die genaue, objektive Sicht der Dinge ist, und im Gegenteil Optimismus und Pessimismus falsch sind, dann sollte man die Wahrheit dem Irrtum vorziehen. Wenn wir also von „gesundem Optimismus“ hören, kommt uns ein Lächeln über die Lippen: Wenn der Optimismus die freudige aber entstellte Sicht des Wahren ist, wie kann er dann „gesund“ sein? Wie kann eine Entstellung gesund sein?
Doch wird man sagen, dass der gesunde Optimismus darin besteht, die Dinge in ihren hellen Farben zu sehen, wenn sie tatsächlich hell sind. Dem stimmen wir zu, aber in diesem Fall sollte man nicht immer von einem „krankhaften Pessimismus“ sprechen. Es müsste für einen „gesunden Pessimismus“ dann aber auch ein Platz geben, der darin bestünde, die Dinge in ihren dunklen Farben zu sehen, wenn sie tatsächlich dunkel sind. Doch für diejenigen, die immer von einem „gesunden Optimismus“ sprechen, ist der Pessimismus unbedingt „krankhaft“. Und immer wenn man optimistisch ist, ist man „gesund“, und wenn man pessimistisch ist, ist man „krankhaft“. Die Möglichkeit eines „gesunden Pessimismus“ ist gerade etwas, was viele unter allen Unständen nicht wahrhaben wollen.
* * *
Zusammenfassend: Man sollte immer und unerbittlich Realist sein. Wenn die Realität gut ist, sollte man aus ihr optimistische Perspektiven vorhersehen, im guten Sinne des Wortes. Und wenn die Wirklichkeit schlecht ist, sollte man daraus pessimistische Prognosen voraussehen, ebenfalls im guten Sinne des Wortes. „Gesunder Optimismus“ und „gesunder Pessimismus“ sind nur dann angebrachte und vernünftige Ausdrücke, wenn sie sich immer und unerbittlich mit der „absoluten Realität“ identifizieren.
Dies vorausgesetzt, folgt der Frage, ob man bezüglich der Gegenwart optimistisch oder realistisch seil soll, eine andere: Rechtfertigt unsere Zeit gute oder schlechte Prognosen?
Das möchten wir nun behandeln.
* * *
Was schlecht ist, rechtfertigt schlechte Voraussagen und was gut ist, gute Voraussagen. Denn die Wirkung kann nicht Eigenschaften haben, die in der Urasche nicht vorhanden sind. Deshalb müssen wir uns fragen, ob die Dinge in unseren Tagen gut oder schlecht gehen.
Selbstverständlich gibt es heutzutage Gutes und Schlechtes wie in allen historischen Zeiten, selbst in den schlechtesten wie in den besten.
Wenn wir wissen wollen, was sich heutzutage hervorhebt, ob die Liebe Unseres Herrn Jesus Christus, oder der Geist der Welt, brauchen wir nur die Briefe des hl. Paulus aufzuschlagen.
Der Völkerapostel sagt, die Werke des Fleisches sind: „Unzucht, Unlauterkeit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Zank, Eifersucht, Gehässigkeiten, Hetzereien, Entzweiungen, Spaltungen, Missgünstigkeiten, (Totschlag), Trinkereien, Schwelgereien und was dergleichen ist“ (Gal 5,19-21).
Im Gegenteil sind die Früchte des Geistes: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Milde, Enthaltsamkeit (Keuschheit)“ (Gal 5, 22-23). Ich glaube, es erübrigt sich zu fragen, ob in unserem Jahrhundert die Werke des Fleisches oder die Früchte des Geistes vorherrschen.
Betrachten wir die Tatsache aus einem anderen Blickwinkel. Würden wir es wagen zu sagen, die Zivilisation unserer Tage sei vorrangig christlich? In diesem Fall müssten wir zugeben, dass der Sittenverfall, die Gewinnsucht, die Feindlichkeiten, die Kriege, die allgemein herrschende Unordnung eigenste und typische Früchte des Einflusses der Kirche sind. Wer sieht hier nicht eine blasphemische Behauptung? So ist es notgedrungen anzunehmen: Unsere Zivilisation besteht nicht aus den Früchten des Geistes Unseres Herrn Jesus Christus. Sie bringt die typischen Früchte der von der Finsternis beherrschten Zivilisationen hervor.
* * *
Was kann man davon erwarten? In einigen zehn Jahren mehr mit Kriegen, Zwietracht, Kämpfen unter Nationen und Klassen wo werden wir hinkommen? Wenn der Zerfall der Sitten wie bisher in zunehmender Geschwindigkeit vorangeht, wo werden wir in Sachen Tänze, Ausschnitte, Ungezwungenheit im Umgang unter den Geschlechtern in fünfzig Jahren sein?
Wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, muss man annehmen, dass wir uns nur wenig Zeit vor einer Katastrophe befinden. Wenn es in der Welt auf diesem Gleis weitergeht, werden wir in nicht langer Zeit vor einer Finsternis der Kultur und Zivilisation stehen, wie damals beim Fall des Weströmischen Reiches.
In solch einer Welt, wie sieht die Zukunft der Kirche aus? Wird sie notgedrungen wieder für ein paar Jahrhunderte sich in Katakomben zurückziehen müssen? Wird sich die Zahl ihrer Gläubigen auf eine unbedeutende Minderheit zusammengeschrumpft haben?
* * *
Die Zukunft kennt nur Gott. Niemand dürfte sich überraschen, wenn die ganze Struktur der gegenwärtigen Zivilisation auf tosender und tragischer Weise in einem großen Blutbad in sich zusammenbrechen sollte. Es gibt aber einen Grund – und es nicht der einzige – zu hoffen, dass Gott es nicht zulassen wird, dass die Heilige Kirche für lange Zeit zurück in die Katakomben müsste. Denn es gibt inmitten der gegenwärtigen Verheerungen schon die Voraussicht eines Sieges: Die sozusagen fast schon sichtbare Einwirkung der Heiligsten Jungfrau auf Erden.
Seit Lourdes, seit Fatima bis in die heutigen Tage scheint man zu merken, dass je mehr die Krisen in der Welt wachsen, desto mehr vermehren sich die Eingriffe Unserer Lieben Frau. Die Muttergottesandacht wird nicht nur außerhalb der Kirche bekämpft, sondern – horribile dictu – auch in gewissen Kreisen, die man als katholisch vermutet. Dies ist aber nutzlos. Hie und dort sieht man wie Maria weiterhin Tausende und Abertausende Seelen an sich zieht und einen Erneuerungsplan entwickelt, der überzeugend zu einem großen und spektakulären Ausgang führen wird.
Alle Umstände scheinen angemessen, einen großen Triumph der Jungfrau herbeizuführen. Die Krise ist erschütternd. Sie nähert sich ihrem Gipfel. Die menschlichen Rettungsmittel liegen sozusagen ungebraucht danieder. Wir verdienen keine außerordentliche Gnade mehr, sondern nur Strafe für unsere Sünden. Alle Eigenschaften einer von menschlicher Sicht aus verlorenen Situation scheinen sich heute mehr und mehr anzuhäufen.
Wer könnte uns erretten? Nur jemand, der eine unbegrenzte Nachsicht uns gegenüber zeigt, die Nachsicht einer Mutter gegenüber ihrem Kind, eine grenzenlos gütige, großmütige, mitleidige Mutter. Doch diese Mutter müsste zugleich die mächtigste sein, mächtiger als alle Mächte der Welt, der Hölle und des Fleisches. Sie müsste selbst Gott gegenüber allmächtig sein, der mit Recht so erzürnt ist ob unserer Sünden. In dieser Situation uns zu retten, wäre der leuchtendste Ausdruck der Macht einer solchen Mutter.
Nun, eine solche Mutter haben wir! Sie ist unsere Mutter und Mutter Gottes. Wie kann man es nicht wahrnehmen, dass soviel Unglück, soviel Sünden den Eingriff Mariens nicht herbeirufen? Wie kann man es nicht wahrnehmen, dass Sie diesem Ruf nicht nachkommen wird?
Wann? Während der großen Katastrophe, die herannaht? Nach ihr? Wir wissen es nicht. Doch eines scheint absolut wahrscheinlich: Das Maria für die Kirche als Ausklang der Krise nicht eine Zeit voller Schmerz und Leiden vorbereitet, sondern eine Ära des universalen Triumphes.
* * *
So können wir in diesem Monat, der Maria geweiht ist, unsere Augen auf Sie gerichtet, mit aller Gelassenheit die Frage beantworten, ob man optimistisch oder pessimistisch sein soll: Ein gesunder Pessimismus sollte uns überzeugen, dass wir alles verdienen und dass wir wahrscheinlich viel, sehr viel leiden müssen; doch auch ein gesunder und übernatürlicher Optimismus sollte uns überzeugen, dass der Triumph der Kirche in den gegenwärtigen Schmerzen vorbereitet wird, durch die vollständige Vernichtung des Geistes dieser Welt. Dieser Pessimismus, dieser Optimismus verbinden sich zu einem gesunden Realismus, weil er eine große Realität in Betracht zieht, ohne die, jede Erfassung der menschlichen Probleme fehlerhaft ist: Die Vorsehung Mariens.


Freie Übersetzung aus Catolicismo Nr. 17 - Mai 1952
Originaltitel: „Spes nostra, salve“

Freitag, 6. November 2015

Das durchbohrte Herz Jesu

  

Das Schöne an diesem Kreuz ist, dass es eines der tragischsten, dramatischsten Aspekte des Leidens Unseres Herrn Jesus Christus hervorhebt: das aus seinen Wunden fließende Blut. In den Wunden kommt das lebendige Fleisch sehr realistisch zum Vorschein, ebenso das Blut, das daraus den Körper hinab fließt. Um das noch besser zu veranschaulichen, wählte der Künstler kleine Rubinsteine, die die Tropfen des Blutes darstellen und durch ihren Glanz den Eindruck des noch frischen fließenden Blutes geben.
Auch die Seitenwunde, die ein römischer Soldat mit einer Lanze öffnete und das Heiligste Herz traf und aus der dann die letzten Tropfen von Wasser und Blut aus dem Leichnam Jesu flossen. Dies war das Zeichen seines Todes, dass das Opfer vollbracht war, dass das Leben ganz hingegeben war, dass sein Wesen vollständig zerstört war. So ist es auch in der heiligen Kommunion: Jesus gegenwärtig im verwandelten Brot und Wein mit seinem Leib und Blut, Seele und Gottheit wird vollständig konsumiert (zerstört) nachdem wir ihn empfangen haben.
Unser Herr setzte das eucharistische Opfer unter den zwei Gestalten, Brot und Wein, ein zum Gedächtnis an sein Leiden und Tod, wo am Ende beide, Leib und Blut, völlig getrennt waren. Sein ganzes kostbares Blut vergoss Er, um uns zu erlösen; die Eucharistie setzte Er sein, damit wir uns versammeln und durch die Einnahme der Kommunion, an dieser Erlösung teilhaftig werden. Durch seine unsagbaren Schmerzen und seinen schmählichen Tod, der gezeichnet wurde durch die völlige Trennung von Fleisch und Blut (bis zum letzten Tropfen verblutet), durch diese komplette Zerstörung wollte Er und erlösen.
Und es gibt noch einen schmerzlicheren Aspekt, den wir betrachten wollen, bezüglich seines heiligen Herzens. In der Heiligen Schrift versinnbildlichte das Herz die Seele des Menschen, seine Wünsche, seinen Willen. In den Psalmen findet man zuhauf diese symbolischen Deutungen des Herzens. Es ist auch gewissermaßen das Symbol des Lebens. Es ist das Symbol der Zuneigung und der Liebe. Doch Jesus wollte, dass es möglich sei und tatsächlich geschehen sollte, dass jemand käme und an seinem schon so geschundenen Leib diese letzte Wunde mit einem Lanzenstoß aufriss und sein Herz verwundete.
Diese Verwundung des Herzens zeigt sich als die Vollendung den Leidensweges Unseres Herrn. Wenn es auch so aussieht, dass die Lanze in sein Herz hineingestoßen wurde, um sich zu versichern, dass Er schon Tod sei, und sein Leib vom Kreuz abgenommen werden konnte, so zeigt sie doch eine letzte Tat der Rohheit. Dermaßen waren die Henker bestimmt ihn zu töten, dass sie im Zweifelsfall eine Verwundung durchführten, die ihnen dann die Gewissheit gab, dass Er nun wirklich tot ist. So groß war die Entschlossenheit ihn zu vernichten. Daher war es nicht nur ein Gnadenstoß und eine Tat der Versicherung, sondern auch der Niederträchtigkeit.
So verstehen wir auch die Gegensätzlichkeit des Geschehens. Das Heiligste Herz Jesu, das während seines irdischen Lebens die Menschen mit einer unendlichen Liebe und auf so gegensätzlichen Weg geliebt hat, dass Er bis aufs äußerste ging. Er selber hatte gesagt, eine größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde. Und gerade das tat er für seine Freunde, und diese Freunde sind ein jeder von uns. Er wollte es zulassen, dass dieses sein mit Barmherzigkeit und Güte überfülltes Herz durchstochen werden sollte. Durchstochen von Menschenhand, von Händen, die ihn töten wollten, falls er noch nicht tot wäre. Doch der letzte Punkt der Barmherzigkeit war gerade dieser: Man sagt, dass der Soldat, der die Lanze in sein Herz stieß, halbwegs blind war. Von dem Blut und Wasser, die aus der Seite des Herrn flossen fielen einige Tropfen auf seine Augen und er wurde wunderartig von der Blindheit geheilt. Hier sehen wir auf der einen Seite eine grausame Tat, die von Unserem Herrn erwidert wird durch eine Tat der Güte und der Vergebung. Sie beinhaltet ein Versprechen des Herzen Jesu: alle, die ihm Vertrauen, die auf seine Barmherzigkeit vertrauen, die auf seine Güte vertrauen, dürfen darauf hoffen, dass ihnen vergeben wird, dass sie die notwendigen Gnaden für ihr eigenes Heil erhalten, selbst nach den schlimmsten Sünden, wenn sie ergeben zu Ihm zurückkehren, wenn sie demütig zu Ihm zurückkehren und um Verzeihung bitten. Das heißt, Unser Herr Jesus Christus verlässt uns nie.
Wir können uns den Schmerz der Muttergottes und der heiligen Frauen in diesen letzten Augenblicken vorstellen: als die ganze Zerstörung beendet schien, das nichts mehr zu machen sei, schauten sie hinauf zu Jesus am Kreuz und merken, dass sich jemand nähert und an diesem geschundenen Körper noch eine letzte Grausamkeit verübt, indem er eine Lanze in die heilige Brust bohrt. Doch gleich vernehmen sie die letzte Vergebung. Nehmen wir an, der Soldat ruft in seiner Freude laut aus: Ich kann sehen!
Hier können wir uns den letzten großen Schmerz der Muttergottes vorstellen, indem sie sieht, wie das Heiligste Herz verwundet wird. Ein wenig später legt man den hochheiligen Leichnam ihres Sohnes auf ihren Schoß und sie betrachtet unter Schmerzen aber anbetend den geschundenen Leib und besonders die Wunde an der Brustseite. Wir dürfen annehmen, dass Maria und alle umstehenden irgendwelche Erleuchtungen hatten bezüglich der Andacht zum verwundeten Heiligsten Herzen Jesu, zumal der Heiland mit der Heilung der Blindheit des Soldaten den ersten Beweis seiner Auferstehung gab. Denn selbst als besiegter und gebrochener wirkte er im Tod noch ein Wunder, das niemand je bewirken könnte.
Das heißt, er behielt weiterhin seine vollständige Macht und Lebenskraft mit einer Beharrlichkeit gegen alles, was man ihm schlimmes angetan hatte; nichts wurde in ihm zerstört. Und deshalb sind die letzten Ereignisse schon ein erstes Vorzeichen der Auferstehung.
In der Herz-Jesu Litanei gibt es eine Anrufung, die m.E. eine der schönsten ist: Cor Jesu, lancea perforatum, miserere nobis! Herz Jesu, mit der Lanze durchbohrt, erbarme dich unser! Und wenn man an das von einer Lanze durchbohrte Herz Jesu denkt, denkt man an das Unbefleckte Herz Mariens ebenfalls durchbohrt von dem Schmerzensschwert, das der hl. Prophet Simeon im Tempel vorausgesagt hatte. Beide Herzen sind zusammenhängend. Es sind zwei Herzen voll des Leidens und der Schmerzen.
Deshalb sagen wir auch diese Anrufung als Stoßgebet und Gruß zu dem Kreuz, wenn wir in die Eingangshalle unten eintreten: „Cor Jesu, lancea perforatum, miserere nobis“. In diesem Moment erinnern wir uns auch daran, dass Maria in geistiger Weise unter allen Kreuzen der Welt steht mit all ihren Fürsprachen und Bitten. Bitten wir sie, dass sie unsere Nöte mit einbeziehe.

Möge das durch die Lanze durchbohrte Herz Jesu sich unser erbarmen, um uns die Heiligkeit und dieses hochgradige geistliche Leben zu erlangen, die zur Berufung unseres Lebens gehören. Möge uns Maria die Gabe verleihen, gegen alle Feinde des Allerheiligsten Herzen Jesu und ihres Unbefleckten Herzen mit aller Kraft energisch und furchterregend entgegenzutreten.

Vortrag am  12.2.65