Freitag, 25. März 2016

I - Seine Hände wurden gefesselt, weil sie das Gute taten

Plinio Correa de Oliveira

(Original Portugiesisch in „Catolicismo“ Nr. 16, April 1952)


Warum ist Jesus von den Folterknechten gefesselt worden? Warum haben sie die Bewegungen Seiner Hände verhindert und sie mit dicken Stricken festgebunden? Nur der Hass oder die Furcht hätten eine Erklärung dafür geben können, warum jemand derart zur Immobilität und zur Ohnmacht reduziert wird. Warum ein solcher Hass gegen diese Hände? Warum eine solche Furcht vor ihnen?

Die Hand ist einer der ausdrucksvollsten und edelsten Teile des menschlichen Körpers. Wenn die Päpste und die Eltern den Segen erteilen, tun sie das mit einer Geste der Hand. Um zu beten, faltet der Mensch die Hände oder hebt sie gen Himmel empor. Wenn er Macht versinnbildlichen will, hält er das Zepter in der Hand. Wenn er Kraft zum Ausdruck bringen möchte, hält er das Schwert. Wenn er zu einer Menge redet, drückt der Redner mit Händen die Kraft seiner Gedanken aus, mit denen er überzeugen will oder den Ausdruck seiner Worte, mit denen er die Gemüter rührt. Mit der Hand überreicht der Arzt die Medizin; mit der Hand hilft der mildtätige Mensch den Armen, den Greisen und den Kindern.

Und deswegen küssen die Menschen die Hände derjenigen, die Gutes vollbringen, und fesseln die Hände, die Böses verrichten.

Deine Hände, o Herr, was haben sie getan? Warum wurden sie gefesselt?

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„In principio erat verbum, et Verbum erat apud Deum“ (Joh 1,1). Wie kann man Deine transzendente, ewige und unaussprechliche Majestät beschreiben, als Du vor allen Dingen und vor allen Zeiten von dem höchstglorreichen und glücklichen Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit lebtest. Der hl. Paulus schaute dieses Leben, und das einzige, was er zu sagen vermochte, war, dass es mit menschlichen Worten nicht beschrieben werden kann. Von der Höhe dieses Thrones bist Du mit Liebesabsichten herabgekommen um die Menschen zu erlösen. Dafür hast Du mit eine unaussprechlichen Liebe unsere menschliche Natur angenommen. Du wolltest einen menschlichen Leib aus Liebe zu uns Menschen. Deine Hände wurde geschaffen, um das Gute zu tun. Wer vermag es zu sagen, o Herr, welche Ehre diese jetzt bluttriefenden und missgestalteten, und seit den ersten Tagen Deiner Kindheit doch so schönen und würdigen Hände, Gott gaben, als sie die ersten Küsse Unserer Lieben Frau und des hl. Josef empfingen? Wer vermag es zu sagen, mit welcher Zärtlichkeit sie die Hl. Jungfrau liebkosten? Mit welcher Frömmigkeit sie sich erstmals zum Gebet falteten? Und mit welcher Kraft, mit welcher Erhabenheit, mit welcher Demut sie in der Werkstatt des hl. Josef arbeiteten?

Hände eines vollkommenen Sohnes, was haben sie im elterlichen Hause anderes als das Gute getan?

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Als Dein öffentliches Leben begann, warst Du hauptsächlich der Meister, der die Menschen den Weg zum Himmel lehrte. Und als Du der "kleinen Schar" Deiner erwählten die evangelische Vollkommenheit lehrtest, als Deine Stimme sich erhob und über die verzückte und andächtige Menschenmenge schwebte, bewegten sich Deine Hände, um auf die himmlische Wohnung hinzuweisen oder das Verbrechen anzuprangern und Deinem Worte all das Unsagbare hinzufügtest, durch das die Geste es bereichert. Und die Apostel, die Volksscharen glaubten an Dich, und beteten Dich an, o Herr.

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Hände eines Lehrmeisters, aber zugleich Hände eines Hirten. Nicht nur lehrtest Du, sondern Du führtest auch. Die Aufgabe des Führens wirkt besonders auf den Willen, wie die des Lehrens auf die Vernunft. Und weil der Wille vor allem durch die Liebe gelenkt wird, hatten Deine göttlichen Hände geheimnisvolle und übernatürliche Tugenden, um die Kleinen zu liebkosen, die Bußfertigen aufzunehmen und die Kranken zu heilen. Sie besaßen eine so flammende, so überquellende, so mitteilsame Liebe, so dass von je her, immer wenn die Hände eines Christen - und besonders eines Priesters - sich bewegen, um die Kleinen zu liebkosen, die Bußfertigen zu trösten, den Kranken die Arznei zu reichen, ist die Liebe, die sie dazu anleiten nur ein Funke Deiner unendlichen Liebe, o mein Gott.

Aber diese Hände, so übernatürlich stark, dass sich unter ihrer Herrschaft alle Naturgesetze beugten und bei ihrem Wink der Schmerz, der Tod, der Zweifel flohen, hatten noch eine andere Aufgabe zu erfüllen. Hast Du etwa nicht vom gefräßigen Wolf gesprochen? Würdest Du ein Hirt sein, wenn Du ihn verjagen würdest? Und wenn Du alles mit einer unwiderstehlichen Kraft durchführst, wie könnte jemand nicht den Hieb der Knute spüren, die Du schwangest?

Den Wolf, ja... doch vor allem den Teufel. Dein Leben zeigt uns klar, dass der Teufel kein Wesen einer Fiktion ist; ein Wesen, dem so selten die Macht des Handelns gegeben wird, so dass es scheint, dass die große Mehrheit der Dinge geschehen, als ob er nicht existiere. Heuchler und Menschen mit unsittlichen Gewohnheiten, die in Richterroben oder Priesterkleidung dahergingen, das alles kommt in den Evangelien vor, nicht nur als Folge der menschlichen Verderbnis durch die Erbsünde und unserer Boshaftigkeit, sondern auch durch das Werk des Teufels, der aktiv, eifrig, hier und da Fallen stellt, und des öfteren seine Anwesenheit durch Um- und Besessenheit verrät.

Du pflegtest mit furchtbarer Befehlsmacht den Teufel auszutreiben, o Herr, und vor Deinem Wort, ernst und gebieterisch wie der Donner, edler und feierlicher als der Gesang der Engel, flohen erschrocken und besiegt die unreinen Geister. Dermaßen besiegt und so verschrocken, dass sie von da an Deinen Aposteln fügsam gehorchen mussten. Überall wo Dein verkündetes Wort von den Menschen angenommen wurde, flohen die Unreinheit, die Auflehnung, der Teufel immer. Sie begannen nur dann wieder ihre dunklen Flügel und ihre Verführungsmacht über die Menschheit auszubreiten, als die Welt Deine Kirche, deinen mystischen Leib ablehnte. Doch sie sind so vernichtet und so machtlos, dass es genügt, dass die Menschen wieder die Gnade Gottes annehmen, damit das Reich der höllischen Mächte wieder zerfalle und die Finsternis, die Unzucht und der Geist der Revolution zurückgewiesen werden in ihren geheimen Höhlen, aus denen sie vor Jahrhunderten entkamen.

Als Hirte beschränkten sich Deine göttlichen Hände nicht nur, den Stab gegen die geistigen, unsichtbaren Mächte zu schwingen, die nach dem hl. Paulus in der Luft schweben und das Verderben der Menschen suchen, sondern griffen auch den Teufel und das Böse in ihren sichtbaren und greifbaren Agenten an.

Das Böse, vor allem in Abstraktum betrachtet. Es gab kein Laster, das Du nicht anprangertest.

Aber auch das Böse in Konkretum, wie es in den Menschen existiert. Aber nicht nur in den Menschen allgemein, sondern in gewissen Gesellschaftsschichten - den Pharisäern zum Beispiel -, und nicht nur in gewissen Klassen, sondern auch höchst konkret in gewissen konkreten Personen: die Händler des Tempels sind auf den Seiten des Evangeliums verewigt, wegen der exemplarisch erlittenen Strafe.

Du hast die Sanftmut bis zum äußersten empfohlen, wenn nur persönliche Interessen im Spiel waren. Du willst, dass wir die andere Seite hinhalten, wenn wir eine Ohrfeige bekommen. Doch Du hast eine flammende und heilige Schmähung gebraucht, um die Pharisäer in Misskredit zu bringen; und Du hast die Geißel geschwungen, um die Händler blutend aus dem Tempel zu vertreiben. Es handelte sich dabei nicht um schier menschliche Rechte, sondern um die Sache Gottes. Und im Dienste Gottes gibt es Augenblicke, in denen das nicht Anprangern, das nicht Geißeln einem Verrat gleichkommt.

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Weiter im Teil II

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