Dienstag, 29. November 2016

Drei Jahrzehnte unermüdlichen Kampfes für das katholische Litauen – 3. Teil


Das große Täuschungsmanöver der Perestroika

Gorbatschow, von den Medien des Großkapitalismus weltweit als ein Mann von außerordentlichen Eigenschaften und Reizen hingestellt, verstand es, einen der öffentlichkeitswirksamsten Schachzüge des Kommunismus in ein russisches Zauberwort — Perestroika — zu verpacken und damit die westliche Welt für sich einzunehmen.
Was bedeutet Perestroika? Mit diesem Begriff sollte eine interne Umstrukturierung jener Staaten bezeichnet werden, die damals die Sowjetunion bildeten — zu diesen zählte auch Litauen — beziehungsweise als Satelliten zum Warschauer Pakt gehörten; ihr Ziel bestand darin, diese Länder aus dem chronischen Elend herauszuführen, in das sie geraten waren. Die Perestroika sollte durch die Glasnost, einen neuen, von Transparenz in den Beziehungen zwischen den kommunistischen Ländern und der freien Welt geprägten Stil ermöglicht werden.
Gorbatschow erklärte, der Zweck seiner Reformen liege darin, „den Übergang von einem extrem zentralisierten und von Weisungen von oben abhängigen Dirigismus zu einem demokratischen, auf einer Verbindung von demokratischem Zentralismus und Selbstverwaltung beruhenden System“ zu garantieren. Nach Gorbatschows Worten bedeutet Perestroika „Masseninitiative, volle Entwicklung der Demokratie, sozialistische Selbstverwaltung, Anspornung zu Initiative und schöpferischem Einsatz, bessere Disziplin und Ordnung, mehr Glasnost (Transparenz), Kritik und Selbstkritik in allen gesellschaftlichen Bereichen“. (5)
Wie aus seinem Buch deutlich hervorgeht, nahm Gorbatschow mit seinem Eintreten für die sozialistische Selbstverwaltung lediglich die Ideen Lenins wieder auf. „Perestroika bedeutet demnach nicht, wie viele meinen, ein Zurückweichen des Kommunismus, sondern ein Schritt nach vorn bei dem Versuch, das letzte Ziel der marxistisch-leninistischen Utopie zu verwirklichen“, warnt Plinio Corrêa de Oliveira. (6)
Es ging auch keineswegs darum, die marxistische Wirtschaft in eine Marktwirtschaft zu verwandeln. „Die Arbeiterklasse wird keinen unterstützen, der die Absicht hegt, die Sowjetgesellschaft kapitalistisch zu machen“, behauptete Gorbatschow. (7)

Worum ging es dann eigentlich?

In Wirklichkeit waren sowohl Perestroika als auch Glasnost nichts als eine weitere Aktion der revolutionären psychologischen Kriegsführung mit dem Ziel, die Widerstände gegen das kommunistische Denken im westlichen Lager abzubauen. Danach wäre es um so leichter, mit geschickten Maßnahmen der revolutionären psychologischen Kriegsführung eine Annäherung zwischen dem Osten und dem Westen in die Wege zu leiten. Auf diese Weise könnten dann die Ideen der Revolution wirksam in der freien Welt verbreitet werden.
Andererseits waren sich die Rädelsführer des seit 1917 in Russland und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den Satellitenstaaten an der Macht befindlichen kommunistischen Molochs wohl bewusst, dass sie zwar die Massen beherrschten, diese jedoch nie wirklich überzeugen konnten. Früher oder später musste dies notgedrungen zu einer tiefen Krise im Regime selbst führen. Um diese Krise zu verbergen und zu überwinden bot Gorbatschow der Welt seine Perestroika an.

Die Berliner Mauer stürzt ein 
und es fällt der Eiserne Vorhang

Nichts davon verhinderte jedoch, dass in der kommunistischen Welt selbst sogenannte „konservative“ oder stalinistische Kreise die von Gorbatschow eingeleiteten Reformen voller Argwohn betrachteten. Und dass in den Satellitenstaaten das Streben nach Befreiung vom sowjetischen Joch immer stärker wurde.
Bei diesem Stand der Dinge kam es zu einem Aufsehen erregenden Ereignis: am 9. November 1989 sah die Welt vor ihren Augen die Berliner Mauer einstürzen, die die deutsche Hauptstadt zweigeteilt hatte: in einen westlichen, freien Teil und in einen östlichen, kommunistischen Teil.
So kam der Sturz der Berliner Mauer noch zu den durch die Perestroika Gorbatschows ausgelösten Unruhen hinzu und gab der Sehnsucht nach Unabhängigkeit neue Nahrung, nicht nur in Litauen, sondern auch in Estland, Lettland, Polen, in der Tschechoslowakei, in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Armenien und Aserbaidschan.
Die Folgen waren unvermeidlich: Der Fall der Berliner Mauer führte auch zum Abbau des Eisernen Vorhangs, der die kommunistischen Länder von der freien Welt trennte. Damit waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass entschlossene Länder wie Litauen das Joch Moskaus abschüttelten.

Litauen erklärt sich unabhängig. Moskau übt Druck aus

Die Umstände, unter denen es am 11. März 1990 zur Unabhängigkeit Litauens kam, sollen hier von Antanas Račas, einem ihrer treuesten Vorkämpfer und Streiter, näher beschrieben werden. Er war damals Mitglied des litauischen Parlaments und arbeitete eng mit Vyatautas Landsbergis, dem neuen Staatschef Litauens, zusammen. Doch zuerst wollen wir kurz auf jene Ereignisse eingehen, die für ein Verständnis der Maßnahmen notwendig sind, die damals im Westen mit dem Ziel unternommen wurden, die Unabhängigkeit Litauens abzusichern. Diese Absicherung war deshalb geboten, weil Litauen mit seinen gut drei Millionen Einwohnern, die ihre Hauptstadt und ihr Land von der Roten Armee besetzt sahen, auf keinen Fall in der Lage gewesen wäre, dem sowjetischen Moloch ohne ein großes politisches Geschick und wichtige internationale Unterstützung entgegenzutreten.
Tatsächlich begann Moskau gleich nach der Unabhängigkeitserklärung, einen starken politischen Druck auf Vilnius auszuüben. Am 15. März erklärte das Parlament der UdSSR den Unabhängigkeitsakt als ungültig. Eine Woche später wurden die öffentlichen Gebäude und die wichtigsten Zeitungsredaktionen der Hauptstadt von sowjetischem Militär besetzt. Gleichzeitig verhängte der Kreml eine Wirtschaftsblockade über Litauen und stellte die Lieferung von Erdöl und Erdgas an das Land ein. Schließlich schlug er zynisch eine zwei- bis dreijährige „Einfrierung“ bzw. Aussetzung der Unabhängigkeit vor.
Später weiterte Gorbatschow bei einem Besuch in den USA diese Frist noch auf „fünf bis sieben Jahre“ aus und löste damit starke Proteste von Seiten amerikanischer Kongressabgeordneten aus. Wie trügerisch ein solches Versprechen klingen musste, wird deutlich, wenn man überlegt, dass während dieser Frist das Sowjetregime Litauen mit Truppen, Opportunisten und einer „fünften Kolonne“ vollstopfen und damit eine effektive Unabhängigkeit unmöglich machen konnte. Das Einfrierungsangebot war also nicht mehr als ein Täuschungsversuch, mit dem Gorbatschow die Fortdauer der russischen Herrschaft über das Land zu kaschieren gedachte.

Um nicht Gorbatschows Missfallen zu erregen...

Auch auf diplomatischem Wege suchten die Machthaber im Kreml die einflussreichsten Länder des Westens, wie etwa die Vereinigten Staaten, Deutschland und Frankreich, dazu zu bewegen, ihrerseits Druck auf Litauen auszuüben, das sowjetische Angebot anzunehmen. Dabei wurde das fadenscheinige Argument ins Spiel gebracht, dass Gorbatschow im Falle eines Misserfolgs seiner Bemühungen um die Rückgabe der Macht in Litauen an die Moskauer Hardliner mit einer Erstarkung des internen Widerstandes dieser Kreise gegen seine Perestroika-Politik zu rechnen hätte, was wiederum politische und militärische Konsequenzen nach sich ziehen würde, die den Weltfrieden in Gefahr bringen könnten.
Nach der Unabhängigkeitserklärung reiste die litauische Premierministerin Kazimiera Prunskiene auf der Suche nach Unterstützung für die Sache ihres Volkes nach Washington. Die renommierte Zeitschrift Human Events berichtete in ihrer Ausgabe vom 19. Mai 1990, dass die Regierungschefin damals bei ihrer Ankunft zur Besprechung mit dem Kabinett des Amerikanischen Präsidenten George Bush eine „gemeine Behandlung“ zuteil wurde. Das Treffen war vom Weißen Haus erst widerstrebend anberaumt worden, nachdem deutlich geworden war, dass mangelndes Interesse politischen Schaden anrichten würde.
 „Es erwarteten sie keine litauischen Fahnen, keine Ehrengarde war angetreten, ja nicht einmal polizeiliches Geleit wurde ihr gewährt“, fährt die Zeitschrift fort. Frau Prunskiene wurde mit ihrem Wagen nicht in die Anlagen des Weißen Hauses eingelassen. Man wies sie an auszusteigen, verlangte die Vorlage eines sowjetischen — nicht etwa ihres litauischen — Passes und ließ sie dann noch zehn Minuten stehen, bevor sie ohne Begleitung zu ihrer Zusammenkunft mit Bush ins Weiße Haus gehen durfte. Und das alles nur, weil das Weiße Haus Gorbatschow nicht brüskieren wollte.“
Ein andermal sickerte die Information durch, dass Präsident Bush irritiert auf das Zögern der litauischen Führung reagiert habe, auf das Verhandlungsangebot Moskaus einzugehen. Zu dieser Zeit soll ein hoher Beamter des Außenministeriums den Journalisten gegenüber geäußert haben: „Indem sie sich unfähig zeigen, einen gemeinsamen Entschluss zu fassen, erweisen sich die Litauer gewissermaßen pedantisch.“

Zu diesen Vorkommnissen schrieb die Zeitschrift Catolicismo im Juli 1990 folgenden Kommentar: „Soweit ist es nun gekommen: Ein Land, das einst frei gewesen war und dann fünfzig Jahre lang unrechtmäßig unterjocht wurde, wird als ,gewissermaßen pedantisch‘ bezeichnet, weil es sich nicht bereit erklärt, ohne ,internationale Garantien‘ das Angebot seines Henkers anzunehmen, das es unweigerlich wieder in die Gefangenschaft zurückführen wird.“
-------------------

(5) M. Gorbachev: Perestroika, Ed. Best Seller, São Paulo 1987, S. 35f.
(6) Plinio Corrêa de Oliveira: „Morto o comunismo? E o anticomunismo também?“, in Catolicismo, Oktober 1989.
(7) Vgl. O Globo, Rio de Janeiro, 18.11.1990.

Fortsetzung: Drei Jahrzehnte... 4. Teil

Donnerstag, 24. November 2016

Drei Jahrzehnte unermüdlichen Kampfes für das katholische Litauen – 2. Teil

Opfer des Nationalsozialismus und des Kommunismus

Die aus dieser Lage hervorgegangene Stimmung gegen Russland ließ sich 1905 für kurze Zeit von den Erfolgen der anti-zaristischen Revolution täuschen, in der bereits die Vorzeichen des Kommunismus zu erkennen waren. Im Ersten Weltkrieg wurde die alte litauische Hauptstadt Kaunas 1915 dann von deutschen Truppen besetzt. Nach dem Triumph der Oktoberrevolution 1917 zog das litauische Parlament die Selbständigkeit unter deutschem Protektorat vor. Als aber dann 1918 das Königreich Litauen ausgerufen werden sollte, fielen diese Pläne dem Sturz der zentralen Monarchien zum Opfer. Unter englischem und französischem Schutz wurde Litauen nun eine Republik, die sich wiederholt gegen Gebietsansprüche Polens und Angriffe gegen die Unabhängigkeit des Landes zur Wehr zu setzen hatte.
1939 besetzte Hitler Klaipeda (das frühere Memelgebiet im nördlichen Ostpreußen) und kurz darauf drang die Rote Armee in Wilna ein. Auf diese Weise sollte sich der abscheuliche, am 23. August 1939 von den Vertretern des deutschen Nationalsozialismus und des russischen Kommunismus unterzeichnete Ribbentrop-Molotow-Pakt auch auf Litauen auswirken. Hitler versicherte Stalin in diesem Pakt, dass er sich einer Besetzung Litauens durch die kommunistischen Truppen nicht widersetzen würde. Am 28 September wurde diese Abmachung dahingehend ergänzt, dass Litauen, abgesehen von einem schmalen Grenzstreifen im Süden des Landes, völlig in sowjetische Hände übergehen sollte. 1941 wurde auch dieses Gebiet gegen Zahlung einer Entschädigung an Deutschland an die Russen abgetreten. Kurz darauf wurde Litauen offiziell in die sogenannte Sowjetunion aufgenommen. Am selben Tag, an dem die Truppen Nazideutschlands in Paris einzogen, brachte die Rote Armee Litauen in ihre Gewalt.
Die Besetzung durch die Nazis und dann durch die Kommunisten hatte zur Folge, dass die Bevölkerung Litauens mehrere Verhaftungswellen über sich ergehen lassen musste: Zuerst hatten die Deutschen rund 300.000 unerwünschte Litauer umgebracht, dann kamen 1940 die Russen und deportierten etwa 145.000 Litauer. Und immer wieder wurden zahllose Katholiken festgenommen und zu Tode gefoltert. In der Nacht vom 14. auf den 15 Juni pferchten die Russen rund 35.000 Männer, Frauen und Kinder in Viehtransportwaggons zusammen und verfrachteten sie nach Sibirien in Konzentrationslager. Zwischen 1944 und 1953 (Todesjahr Stalins) wurden schätzungsweise 600.000 Litauer deportiert. Die große Mehrheit davon hat die Heimat nie wiedergesehen.

„Schandfleck unserer Zeit“

Die Erinnerung an die erst vor kurzem zu Ende gegangene Geschichte der sowjetischen Unterdrückung, die sich über mehr als ein halbes Jahrhundert erstreckt hat, ist noch immer sehr lebendig. Die Statthalter Moskaus zwangen den Menschen in den Sowjetrepubliken während all dieser Jahre eine Herrschaft auf, die soviel Elend und Knechtschaft mit sich brachte, dass die damals von Kardinal Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., geleitete Kongregation für die Glaubenslehre diese in einer Instruktion zu Recht als einen „Schandfleck unserer Zeit“ bezeichnete (1).
Zahllose Werke und Unterlagen bezeugen das Ausmaß und die Grausamkeit dieser Tyrannei. Gegen sie hat sich Plinio Corrêa de Oliveira immer wieder in seinen Reden, Vorträgen und Beiträgen, vor allem aber in den von ihm geleiteten Presseorganen Legionário und Catolicismo, ausgesprochen.

Litauischer Kongress in São Paulo

Der Gründer der TFP ließ es aber nicht bei bloßen Worten bewenden. Er nahm Kontakt zu führenden Vertretern von in São Paulo ansässigen Flüchtlingsgruppen aus den unterdrückten Völkern auf, um sie im Kampf gegen die kommunistische Unterdrückung in ihren Heimatländern zu unterstützen. In diesem Sinne versuchte er, sie in einer repräsentativen, an gemeinsamen Grundsätzen orientierten Vereinigung der vom Kommunismus unterdrückten Völker zusammenzuführen. Die in den sechziger Jahren aus diesen Bemühungen hervorgegangene Organisation nannte sichPro Libertate und setzte sich aus Vertretern der wichtigsten Flüchtlings-„Kolonien“ in São Paulo zusammen.
Als in dieser Stadt der III. Interamerikanische Litauer-Kongress stattfand, trat Plinio Corrês de Oliveira in seiner Rede für die Durchführung einer Unterschriftensammlung auf internationaler Ebene ein, mit der der Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika aufgefordert werden sollte, jeden Dialog mit dem Kreml davon abhängig zu machen, dass den baltischen Staaten dafür die Unabhängigkeit zu gewähren sei. Bei dieser Gelegenheit konnte sich sein Vorschlag jedoch nicht gegen die damals äußerst intensiv geführte Propaganda zugunsten einer Entspannung gegenüber den kommunistischen Ländern durchsetzen. Doch sollte der Gedanke später mit den Bemühungen um die Unabhängigkeit Litauens wieder aufleben.
Um die ganze Entwicklung besser verstehen zu können, die schließlich zur Befreiung Litauens geführt hat, ist es unerlässlich, zuerst einen Blick auf die Vorgänge in der damaligen kommunistischen Welt zu werfen.

Die Unzufriedenheit wächst

Sowohl in Russland als auch in den Satellitenstaaten führten die Ausmerzung der Freiheit, das Elend und die Tyrannei der Gefängnisse und Konzentrationslager zu einem tiefen, ständig zunehmenden Unbehagen. In einer Veröffentlichung zu diesem Thema bezeichnete Plinio Corrêa de Oliveira dieses Unbehagen als eine Unzufriedenheit in Großbuchstaben, denn in ihm strömte alle regionale und nationale, wirtschaftliche und kulturelle Unzufriedenheit zusammen, die sich im Laufe vieler Jahrzehnte angesammlet hatte. Er drückte dies in folgenden Worten aus:„Es war eine totale Unzufriedenheit, die vom Einzelnen stumm und wie gelähmt in seiner Wohnung, seiner Hütte, seiner Kate ertragen wurde, wo die Familie bereits aufgehört hatte zu bestehen und an die Stelle der Ehe das Konkubinat getreten war.
Unzufriedenheit, weil die Kinder dem elterlichen „Heim“ entzogen und dem Staat überantwortet wurden, der nun ganz allein für ihre Erziehung zuständig war.
Unzufriedenheit auch am Arbeitsplatz, wo Faulheit, Untätigkeit und Langeweile einen großen Teil der Zeit ausfüllten und die schäbigen Löhne nur zum Kauf von Lebensmitteln und Waren in ungenügender menge und von schlechter Qualität, dem typischen Produkt einer verstaatlichten und vom Staatskapitalismus gegängelten Industrie, reichten. In den langen Schlangen, die vor Geschäften anstanden, aus deren fast leeren Regalen das schamlose Elend bleckte, wurde flüsternd vom qualitativen und quantitativen Mangel an allem gesprochen.
Unzufriedenheit vor allem auch, weil fast überall der Gottesdienst verboten war, die Kirchen geschlossen waren und in den Schulen der Religionsunterricht durch die Pflichtfächer Materialismus und Atheismus, kurzum durch die kommunistische Unreligion ersetzt worden war.“ (2) So ist es durchaus verständlich, dass sich die unterdrückten Völker – sowohl in der sogenannten Sowjetunion als auch in ihren Satellitenstaaten – danach sehnten, das unerträgliche Joch endlich abzuschütteln. In dieser Hinsicht konnten die Aufstände in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968 als Vorbilder angesehen werden.

Sozialismus „mit menschlichem Gesicht“

Der Aufstand in Ungarn wurde gewaltsam niedergeschlagen. Der „Prager Frühling“ dagegen wurde von einem Vertreter des sogenannten Sozialismus „mit menschlichem Gesicht“ angeführt, wie ihn übrigens auch die Sozialistische Partei Frankreichs des Präsidenten François Mitterand für die achtziger Jahre in ihr Programm aufgenommen hatten. In einer Botschaft, die von den TFP-Vereinigungen in den wichtigsten Zeitungen der Welt mit einer Gesamtauflage von 33 Millionen Exemplaren in einer Vielzahl von Ländern veröffentlicht wurde, hat Plinio Corrêa de Oliveira dem Sozialismus diese Maske eines „menschlichen Gesichts“ heruntergerissen. (3) Worin bestand dieser „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ Mitterands und seiner Partei im Wesentlichen? Es ging vor allem darum, in den Familien, in den Schulen, in den Unternehmen die Selbstverwaltung einzuführen. Statt zurückzuweichen, sollte damit ein Schritt „über den Kommunismus hinaus“ getan werden; gemäß den Lehren von Marx und Lenin war man bereit, den Staat und alle seine Einrichtungen zu zerschlagen und an seine Stelle die Anarchie der Selbstverwaltung zu setzen. (4)

Obwohl es von der Presse und von einem bestimmten wirtschaftlichen, politischen und religiösen Establishment als unerschütterlicher Riese hingestellt wurde (und bis zu einem gewissen Punkt immer noch wird) – vollmundig sprach man von der anderen „Supermacht“ –,  war das Sowjetimperium in Wirklichkeit nicht mehr als ein Leprakranker, dessen faulendes Fleisch zusehends zerfiel. Die Kraft der „Supermacht“ beruhte vor allem auf der Unterstützung und den Mitteln, die aus dem Westen kamen. Nachdem nun der „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“, der die westliche Welt unmittelbar den fortschrittlichsten Zielen des Kommunismus entgegenführen sollte, entlarvt worden war, brachten die Rädelsführer der marxistischen Revolution eine neue Komödie auf den Spielplan, indem sie den neuen sowjetischen Generalbevollmächtigten, Michail Gorbatschow, ins Rampenlicht treten ließen.
----------------------------
(1) Vgl. Instruktion über einige Aspekte der Theologie der Befreiung, vom 6. August 1984, XI, 10. In vollem Wortlaut heißt es dort: „Nicht zu verkennen ist dieser Schandfleck unserer Zeit: Unter dem Vorwand, ihnen die Freiheit zu schenken, werden ganze Nationen knechtschaftlichen Bedingungen unterworfen, die des Menschen unwürdig sind“.

(2) Vgl. Plinio Corrêa de Oliveira: „Comunismo e anticomunismo na orla da última década deste milênio“, in Catolicismo, São Paulo, März 1990.
(3) Die Botschaft erschien zuerst in der Washington Post der nordamerikanischen Hauptstadt und in der Frankfurter Allgemeine Zeitung in Frankfurt/Main am 9. Dezember 1981, wo sie jeweils sechs Seiten einnahm; es folgten weitere 46 wichtige Zeitungen der westlichen Welt. Eine Zusammenfassung erschien in verschiedenen internationalen Ausgaben des Reader’s Digest sowie in 23 weiteren Presseorganen.
(4) Cf. Plinio Corrêa de Oliveira: Les têtes tombent, TFP, Paris 1981,

Montag, 21. November 2016

Drei Jahrzehnte unermüdlichen Kampfes für das katholische Litauen – 1. Teil


Bei seinem Kreuzzug für die Erneuerung der christlichen Zivilisation hat Plinio Corrêa de Oliveira mit großer Aufmerksamkeit die wechselvolle Entwicklung der litauischen Nation verfolgt, die zuerst vom Nationalsozialismus und dann vom Kommunismus ohne Erbarmen niedergetreten wurde. Als es die Umstände dann zuließen, hat sich der brasilianische Denker dann auch unverzüglich für die Sache der Unabhängigkeit Litauens eingesetzt.
Eine kurze Einführung in die Geschichte des Landes soll dazu beitragen, seine Rolle im Laufe der Ereignisse, die sich in den letzten Jahrzehnten abgespielt haben, sowie das besondere Interesse, das diesen der katholische brasilianische Denker geschenkt hat, besser zu verstehen. Dieses Interesse ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es sich hier um eine katholische Nation handelt.

Aus dem Dunkel des Heidentums zu einem strahlenden christlichen Reich

Es ist eine ziemlich mühsame Arbeit, die den Historiker erwartet, der versucht, die Herkunft von Völkern erforschen, die in einer von Stammeskriegen erschütterten Zeit unter einem fast patriarchalischen Gesellschaftssystem und der Pflege heidnischer Bräuche lebten. Mit den Merkmalen arischer Rasse und einer mit dem Sanskrit verwandten Sprache, die noch deutlich archaische Züge trägt, hat das litauische Volk zwar seit grauer Vorzeit Spuren seines Daseins hinterlassen, jedoch lassen sich diese nur schwer mit Genauigkeit angeben.
Tatsächlich löst sich Litauen erst im 13. Jahrhundert endgültig aus den Nebelschleiern des Mittelalters und zeigt sich uns von nun an im Licht der Geschichte.
In dieser Epoche wandte sich der Deutsche Ritterorden, der seinen Sitz im polnischen Norden hatte, wo er das Land Ostpreußen geschaffen hatte, gegen Osten, um die Völker zu erobern, die an den östlichen Ufern der Ostsee siedelten. Dort lebten damals die Völker Litauens in einem Großfürstentum.
Als sich Großfürst Mindaugas bereit erklärte, die Taufe zu empfangen, sah Papst Innozenz IV. die Gelegenheit gekommen, die Litauer zum Christentum zu bekehren. Nach der Taufe Mindaugas’ und seiner Familie wies er den Bischof von Kulm an, ihn zum König von Litauen zu krönen. Scheinbar hat es Mindaugas bei seiner Bekehrung jedoch an Aufrichtigkeit gefehlt, denn er schwor später wieder dem Glauben ab und starb schließlich eines gewaltsamen Todes. Das Volk aber hielt weiterhin den heidnischen Göttern die Treue.
Unter der Herrschaft Gediminas’, des Gründers von Wilna und Eroberers weiter russischer Gebiete, die heute zu Weißrussland oder zur Ukraine gehören, erreichte das Großfürstentum Litauen große politische Bedeutung. 1323 äußerte Gediminas dann in einem Schreiben an den Papst den Wunsch, zum katholischen Glauben überzutreten. Er lud zudem die Franziskaner und Dominikaner ein, das Land zu missionieren. Unter dem ständigen Druck der Ritter des Deutschen Ordens verlegte sich Gediminas auf eine kluge Bündnispolitik mit verschiedenen Nachbarstaaten. Zum wichtigsten Partner wurde nun Polen, ein Land, das immer wieder unter den Einfällen der Preußen, der Tartaren und auch der Litauer selbst zu leiden hatte. König Wladyslaw Lokietek (1306-1333) vermochte fast ganz Polen wieder zu vereinen und gab die polnische Krone an seinen Sohn Kasimir III. den Großen (1333-1370) weiter. Gediminas, der sich mit Wladyslaw verbündet hatte, gab Kasimir seine Tochter Aldona zur Frau und schuf damit noch engere Beziehungen zwischen den beiden Herrscherhäusern.
Als Gediminas 1341 starb, erbten seine sieben Söhne das Großfürstentum. Unter diesen taten sich vor allem Algirdas und Kestutis als seine Nachfolger hervor. Vereint kämpften sie im Krieg gegen die Preußen. Algirdas starb 1377 als christlicher Mönch. Sein Nachfolger wurde sein zweiter Sohn Jogaila oder Jagiello. Im Gegensatz zur Freundschaft, die vorher seinen Vater und seinen Onkel verbunden hatte, verwickelte er sich in innere Auseinandersetzungen um die Fürstentümer Trakai und Wilna. Nach dem Abschluss eines Paktes mit dem Deutschen Orden ermordete Jagiello seinen Onkel Kestutis und nahm dessen Sohn Vytautas gefangen. 1392 wurde Vytautas jedoch von Anhängern Kestutis’ befreit und vom Adel des Landes zum Großfürsten Litauens gewählt. Der mit dem Beinamen der Große geehrte Vytautas trat zum katholischen Glauben über und wird noch heute von vielen als der eigentliche Begründer des litauischen Staates angesehen. An der Spitze eines verbündeten Heeres schlug er 1410 endgültig die Deutschordensritter und 1415 wurde er vom Konstanzer Konzil zum Oberbefehlshaber der Bündnistruppen im Kampf gegen die Türken ernannt.
Mit dem Tod Kasimirs des Großen war in Polen 1370 die Piasten-Dynastie erloschen. Die polnische Krone ging damit auf seinen Schwiegersohn Ladislaus aus dem ungarischen Königshaus über. Dieser gab 1386 Jagiello die Hand seiner Tochter Hedwig. Daraufhin bekehrte sich der litauische Fürst zum Christentum und bestieg nach seiner Taufe in Krakau den polnisch-litauischen Thron als Wladyslaw II. Er wurde damit zum Begründer des Herrscherhauses der Jagiellonen. Die beiden Länder bildeten von da an einen gemeinsamen Staat, behielten jedoch ihre je eigene Regierung. Die Bekehrung Jagiellos, der sich später mit seinem Vetter Vytautas versöhnte, trug entscheidend auch zur endgültigen Bekehrung Litauens zum katholischen Glauben bei. Einem Enkel Jagiellos und Hedwigs, Kasimir IV., wurde die Ehre der Altäre zuteil; als heiliger Kasimir ist er der Patron Litauens.
Die Dynnastie der Jagiellonen regierte bis 1572, während Litauen und Polen durch die wiederholte Ratifizierung der Personalunion noch bis 1795 vereinigt blieben. Mit dem allgemeinen Niedergang im 18. Jahrhundert verfiel auch diese Allianz. Und fast ganz Litauen kam nun 1795 unter russische Herrschaft. Die Litauer schlossen sich 1830 und 1863 den polnischen Aufständen gegen die Russen an, unter denen sie auch ihres katholischen Glaubens wegen härtesten Verfolgungen ausgesetzt waren.

Als Teil der „Nordwestlichen Provinzen“ büßte Litauen 1840 sogar seinen Namen ein. Besonders grausam war die 1863 von dem damaligen Gouverneur Muriaev  durchgeführte Unterdrückung.

Fortsetzung „Drei Jahrzehnte... 2. Teil