Mittwoch, 12. April 2017

„Dieser ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird“


In diesen Tagen erreicht die Fastenzeit ihren Höhepunkt, denn jetzt gedenkt die Kirche der unsäglichen Schmach, der sich der Gottmensch aus Liebe zu uns freiwillig ausgesetzt hat. Dieses Zusammentreffen frohlockender Aussichten und schmerzlicher Feierlichkeiten lässt uns gleichzeitig an den Triumph und an die Demütigung Unseres Herrn Jesus Christus denken. Es ist dies ein nützliches Thema für unsere Betrachtungen während der Karwoche, das auch fruchtbare Gedanken hervorruft, wie sie für unsere Zeit sicher äußerst gelegen kommen.

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Wenn wir uns das Leben Unseres Herrn genau ansehen, werden wir kaum auf etwas stoßen, das nicht eine höchst angebrachte, unerschütterliche Bewunderung auslösen könnte. Als Lehrmeister hat er die Wahrheit in ihrer ganzen Fülle gelehrt. Als Vorbild hat er das Gute in seiner ganzen Vollkommenheit ausgeübt. Als Hirte hat er keine Mühe und weder Milde noch strenge Zurechtweisungen gescheut, um seine Schafe zu retten, und schließlich hat er für sie sogar sein Blut bis zum letzten Tropfen vergossen. Er hat seine göttliche Sendung mit unglaublichen Wundern bewiesen und die Seelen mit zahllosen geistlichen und zeitlichen Wohltaten überschüttet. Um seine Fürsorge auf alle Menschen aller Zeiten auszudehnen, hat er dieses Wunder aller Wunder, die heilige katholische Kirche gestiftet. Und innerhalb der heiligen Kirche hat er seine Gegenwart auf zweierlei Weise fortdauern lassen: Wahrhaft und wirklich im heiligsten Altarsakrament und außerdem durch das Lehramt in der Person seines Stellvertreters auf Erden. Der menschliche Geist wäre nie in der Lage gewesen, eine derartige Fülle an Gnaden und Wohltaten zu ersinnen.

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Aus diesem Grunde wird der Herr geliebt. Darin kommt eine besondere Form der Verehrung zum Ausdruck. Und Unser Herr hat diese wie kaum ein anderer genossen. Das Volk drängte sich derart um ihn, dass die Apostel ihn schützen mussten. Wenn er lehrte, folgte ihm die Menge in die Wüste hinaus, ohne an Bedeckung und Nahrung zu denken. Und bei seinem Einzug in Jerusalem bereitete ihm das Volk einen wahrhaft großartigen Triumphzug. Das alles ist Ausdruck großer Liebe und Anhänglichkeit. Und doch gab es noch innigere Liebe. Als der scheinbare Misserfolg des Leidens und Sterbens einen mysteriösen Schleier über die Sendung Unseres Herrn sinken ließ und ihn endgültig zu widerlegen schien, gab es Seelen, die nicht aufhörten, an ihn zu glauben und ihn zu lieben. Für eine gewissen Veronika, einige heilige Frauen und einen jungfräulichen Apostel war dies nicht das Ende ihrer Liebe zu ihm. Vor allem aber stand da die heilige Jungfrau Maria, die unaufhörlich in einer derart heftigen und vollkommenen Liebe entbrannte, wie Himmel und Erde es ihr niemals gleichtun könnten. Es waren dies Seelen, die in ihrer Liebe auch dann noch fortfuhren, als in dem Augenblick unsagbarer Schmerzen das Grab verschlossen wurde und die Schatten und das Schweigen des Todes auf den blutlosen Leib herniedersanken, als das Ende von allem gekommen schien.

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Wie ist es aber zu erklären, dass derselbe Jesus so großen Hass auslöste? Denn es ist nicht zu leugnen, dass er gehasst wurde. Die Juden hassten ihn mit einem schamvollen, verzehrenden, schändlichen Hass, wie ihn nur die Hölle hervorbringen kann. Von Hass getrieben suchten sie ihn lange auszuspionieren, um eine mögliche Schuld an ihm zu finden, die sie als Waffe gegen ihn einsetzen könnten. Das beweist, dass sie ihn nicht wegen eines Makels hassten, den sie ihm irrtümlich zugeschrieben hätten. Warum also hassten sie ihn dann? Wenn es nicht wegen etwas Bösem war, das ihm ja nicht anhaftete und das sie umsonst bei ihm suchten, warum also? Es konnte nur wegen des Guten gewesen sein... Welch tiefes Geheimnis der menschlichen Bosheit! Es war ein verschämter Hass, der sich unter dem Mantel der Liebenswürdigkeit verbarg, weil sie in Wirklichkeit keinen ehrlichen Grund dafür hatten, ihm ihren Hass zu erklären. In dem Maße, in dem sich der Sendungsauftrag Jesu seiner Erfüllung näherte, wuchs auch der Hass der Juden an und näherte sich des dröhnenden Ausbruchs. Da sie ihm nichts anhaben konnten, gingen sie zu Verleumdungen über. Davon machten sie denn auch reichlichen Gebrauch. Auf diesem Gebiet verfügten sie über alle möglichen Mittel: Geld, Beziehungen zu den Römern, Prestige religiöser Ämter. Und doch ist die Verleumdungskampagne großenteils gescheitert. Sie vermochten zwar einige Neider zu überzeugen und den Zweifel in die Gemüter einiger plumpen, stumpfen Geister zu gießen, die sich der Sucht hingaben, an sich, an den andern, an allem und allen zu zweifeln. Es stellte sich schließlich als unmöglich heraus, die wunderbare Wirkung der Gegenwart, des Wortes und Handelns Unseres Herrn mit Verleumdungen zu erschüttern. So reifte der entscheidende Plan heran, ihn durch eine Niederlage zu widerlegen, die ihn in den Augen aller verächtlich erscheinen lassen und ihn aus der Welt der Lebenden entfernen sollte. Der Rest ist bekannt. Der Satan schlich sich bei dem abscheulichsten aller Menschen ein, der ihn verkaufte und mit einem Kuss verriet. Ein noch mehr in seiner Seele als im Körper verderbter, unschlüssiger, lascher, eitler Prokonsul übergab ihn schließlich in die Hände seiner Feinde. Nun ergoss sich über ihn der ganze Hass der Synagoge, mit dem die Pharisäer letztlich doch die Menge anzustecken vermochten.
Was für ein Hass, und was für ein Balsam! Da standen und schrien sie, unter ihnen auch so mancher Blinde und Geheilte, so mancher einst Besessene — so viele Seelen, denen der Sohn Gottes die Ruhe geschenkt hatte!

Doch wer weiß, was sie fühlten? Als sie seine Wohltaten empfingen, fühlten sie sich vielleicht insgeheim gedemütigt und minderwertig. Als sie seine Lehren empfingen, überkam sie vielleicht unbewusst ein Gefühl der Auflehnung, das unmerklich ihre Bewunderung untergrub: Warum war er nur so streng, warum verlangte er so viele Opfer? Ihn nun „unterlegen“ zu sehen, musste wie eine Befreiung wirken – es war der Triumph alles Verdrängten, aller Gemeinheit, allen Neides, die Essenz aller Niedertracht. Der große Aufstand der ruchlosen, boshaften Pharisäer und der ihnen Gleichgesinnten in allen Volksschichten. Sie alle bildeten nun eine gemeinsame Front mit denen, die heimlich und vielleicht sogar unbewusst eine Abneigung nährten, sowie mit all den Lauen und Halbherzigen. Das Ergebnis von all dem war der Gottesmord, das größte Verbrechen aller Zeiten.


Freie Übersetzung von „Ecce positus est hic in ruinam et in resurrectionem multorum in Israel“ (Portugiesisch) von Plinio Corrêa de Oliveira in Catolicismo Nr. 52 – April 1955

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