Mittwoch, 21. Mai 2014

Jerusalem, Jerusalem!

Eine antiegalitäre Betrachtung des Universums zeigt uns, wie es wahrhaftig ein Königshof mit vielen unterschiedlichen Adeligen ist: einige sind adeliger, weil sie mehr Adel in ihrem Wesen haben und andere sind weniger adelig, weil sie weniger Adel in ihrem Wesen haben.
Jemand könnte mich bitten: „Aber geben Sie doch ein Beispiel“. Und ich gebe ein leichtes Beispiel: Der Pfau und die Henne.
Es gibt im Pfau einen offensichtlichen Adel: Im Rad, dass er aufschlägt, in der wunderbaren Schönheit seiner Federn, auch im schillernden blaugrünen Farbton seines Halses...
Im Pfau ist alles bewundernswert außer seinem Kopf, doch dieser bildet den kleinen und lebendigen Zentralpunkt, der dem Rest Bewegung und Leben gibt, soweit dies bei einem Wesen ohne Vernunft sein kann. Sein Gang ist der einer Königin. Seine Art ist adelig, ruhig, er fürchtet sich vor nichts; wenn er rennt, rennt er mit einer gewissen Würde; wenn er hält, ist er nicht atemlos.
Nun, die Henne ist eine Misere durch das Fehlen von Adel. Lächerlich ist ihr Rennen, lächerlich ist ihr Gackern, sie rennt hysterisch; die abscheulichen Würmer, die sie auf dem Boden findet, werden mit Fresssucht geschluckt, ihre Freude ist die eines Vielfraßes.
Die Henne hat nur eine adelige Seite: es ist die Mutterliebe, mit der sie, selbst unter Lebensgefahr, jedes ihrer Küchlein verteidigt. Unter diesem Aspekt hat sich selbst der Erlöser mit der Henne verglichen, als Er sagte: „Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten tötest und die steinigst, die zu dir gesandt sind; wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, und ihr habt nicht gewollt“ (Lk 13,34).
Es ist richtig, dass der Pfau und die Henne irrationale Wesen sind. Deshalb besitzen sie keinen Adel im wirklichen Sinne des Wortes, im bildlichen Sinne aber doch.


Aus CATOLICISMO, August 1995

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