Sonntag, 20. Januar 2019

Heilige Maria, Mutter Gottes




Am ersten Tag eines jeden neuen Jahres, in der Oktav von Weihnachten, feiert die heilige Kirche das Hochfest der Gottesmutter Maria, um die Legitimität dieses erhabenen Titels zu bekräftigen
Im vierten Jahrhundert wagte der Häretiker Nestorius zu sagen, dass Maria nicht die Mutter Gottes (Theotokos) sei, sondern nur Mutter Christi (Christotokos, als menschliche Person).
Aufgrund dieser ketzerischen Behauptung empörten sich Katholiken in der ganzen Welt und verlangten eine Wiedergutmachung. Im Jahre 341 versammelten sich Bischöfe aus verschiedenen Ländern beim Konzil von Ephesus und verurteilten die Irrlehren des gottlosen Nestorius. Feierlich legte das Konzil diesen zentralen Punkt des Geheimnisses der Menschwerdung fest: Die Jungfrau Maria ist die Mutter Gottes, weil ihr Sohn, Christus, Gott ist. Begleitet von allen Stadtbewohnern, die Fackeln trugen, veranstalteten die Bischöfe eine große Prozession. Dabei sangen alle: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen ", ein Stoßgebet, das später die Kirche dem Gebet Ave Maria hinzufügte.

Nachfolgend zitieren wir einen kurzen von Plinio Corrêa de Oliveira verfassten Text, der mit dieser Wahrheit des Glaubens im Zusammenhang steht.

* * *
„In der Heiligen Jungfrau Maria findet man die unaussprechliche Quintessenz, die umfassendste Synthese von allen Müttern, von allen mütterlichen Tugenden, welche der Verstand und das Herz der Menschen erfassen können.
Mehr sogar: Sie ist die Quintessenz jener Tugendgrade, die nur Heilige mit Hilfe der Gnade erreichen können. Sie ist die Mutter aller Kinder und aller Mütter. Sie ist die Mutter aller Menschen. Sie ist die Mutter Gottes, der in ihrem jungfräulichen Schoß Mensch geworden ist, um alle Menschen zu erlösen.
Sie ist eine Mutter, die mit dem Wort mare (lat. Meer) bezeichnet werden kann. Dieses führt wiederum zu einen Namen, der ein Himmel ist: Maria.“

(Plinio Corrêa de Oliveira, Zeitschrift Catolicismo, Januar 2005

Mittwoch, 16. Januar 2019

Hodie in Terra Canunt Angeli, Laetantur Archangeli, Hodie Exsultant Justi

Erzengel Gabriel - Kirche Saint Pierre de Chauvigny


Heute singen auf Erden die Engel,
freuen sich die Erzengel;
heute jauchzen die Gerechten


In der Liturgie nimmt das Weihnachtsfest sicherlich einen beachtlichen Platz ein. Nicht jedoch ein Fest erster Größe. Zum Beispiel sind Ostern und Pfingsten Feste Duplex erster Klasse mit einer privilegierten Oktav erster Ordnung; während Weihnachten ein Duplex-Fest der ersten Klasse ist, mit einer privilegierten Oktav der 3. Ordnung. Die Frömmigkeit der Gläubigen machte jedoch aus diesem Fest eines der wichtigsten des Jahres. Und das aus mehreren Gründen.
Die Geburt des Heilands ist schon an sich eine Ehre von unendlichem Wert für das Menschengeschlecht. Das Wort Gottes hätte  sich durchaus hypostatisch mit einem der heiligsten und glänzendsten Engel der himmlischen Höhen vereinigen können. Und doch hat es das Wort vorgezogen, Mensch zu werden, Fleisch anzunehmen, in seiner Menschlichkeit der Nachkommenschaft Adams anzugehören. Völlig unverdient wurde uns diese Gnade zuteil, eine Adelung von unsagbarem Wert, ein historischer Ausgangspunkt weiterer, ebenso unergründlicher Gaben.
Die Menschwerdung des Wortes vorwegnehmend, hatte die Vorsehung bereits ein Wesen geschaffen, das in sich eine größere Vollkommenheit als die des ganzen Universums vereinigt, und in diesem Fall die unausweichlichen Folgen der Erbsünde aufgehoben. Aus den durch die Erlösung zu erwerbenden Verdiensten hatte sich die Tugend aller Gerechten des alten Gesetzes genährt. Doch die Schar der Auserwählten saß „an den Pforten des Todes“ (Ps 106, 18) und wartete darauf, dass für uns alle das Gotteslamm geopfert werde.
Doch nicht nur sie befanden sich in dieser wartenden Haltung. Die ganze Geschichte befand sich sozusagen in einem Zustand stummer Erwartung. Als Jesus Christus endlich geboren wurde, ging auf der ganzen damals bekannten Welt ein Zeitalter zu Ende. Ägypten war aufgeblüht, hatte seinen Höhepunkt erreicht und war zusammengebrochen. Das gleiche kann man auch von anderen Völkern wie den Chaldäern, Persern, Phöniziern, Skythen, Griechen und viele andere sagen. Schließlich standen auch die Römer kurz davor, in den langen Untergang einzutreten, der — durch Zeiten des rapiden Verfalls, und mehr oder weniger langen Stagnation durch eine flüchtige Reaktion —, über Augustus zu seinem entfernten Nachfolger und elenden Gleichnamigen Romulus Augustus führte.
Alle diese Reiche erreichten einen angemessenen Höhenpunkt, um die Tiefe und Vielfalt der Talente und Fähigkeiten ihrer jeweiligen Völker zu bezeugen. Doch das Niveau, auf das sich alle mehr oder weniger erhoben hatten, entsprach nicht den Wünschen der wirklich edlen Seelen ihrer Völker. Es scheint, dass diese großartigen Zivilisationen nicht so sehr deutlich gemacht haben, was sie hatten, sondern was ihnen fehlte, und die unheilbare Unfähigkeit von Talent, Reichtum und Stärke der Menschen, eine Welt zu errichten, die ihrer Würde entsprach.
All dies führte in eine erstickende Atmosphäre in Asien, Afrika oder Europa, die die Sklaven in ihrem ohnehin schon jämmerlichen Leben noch mehr unterdrückte und die Freuden und Vergnügungen der Reichen heimlich untergrub. Unwägbare, aber allgegenwärtige Unterdrückung, unfassbar, aber offensichtlich, unbeschreiblich, und doch sehr eindeutig. Der Lauf der Geschichte war in einem Sumpf der Korruption versunken, angefüllt mit den Ruinen der Vergangenheit, in der nur noch die kranken Lebensformen erkennbar waren. So verzeichnete man auf politischer Ebene ein Ende des Kampfes zwischen zwei Formen der Demagogie: Anarchie und Straßenaufstände oder Militärisch und despotisch. Auf kultureller Ebene, verschlang religiöse Skepsis alte Götzenbilder. Auf der internationalen Bühne verkamen die verschiedenen Heimatländer im Schmelztiegel des Reiches, um diesen unorganischen kosmopolitischen Moloch zu bilden, in den sich Rom verwandelte. Im moralischen Bereich dominiert die Verderbnis der Sitten den Alltag. Im sozialen Bereich wurde das Gold in zum höchsten Wert angehoben. Für die gut Eingerichteten verliefen die Dinge dem Schein nach reibungslos. Aber in solchen Zeiten sind die Wohlhabenden normalerweise der moralische und intellektuelle Auswurf des Landes. Und so leiden die Besten unter den tausend Qualen unverdienter und unangemessener Situationen.
Und was für ein Bild bot das auserwählte Volk, als das Wort Gottes Fleisch geworden ist? Herodes hatte sich zwar die Königskrone aufgesetzt, war aber tatsächlich nichts als ein kläglicher, lüsterner, grausamer Verbrecher, ein nützliches Werkzeug in den Händen der Besatzungsmacht, die damit den Juden ein im Grunde wertloses Königtum vortäuschen wollte. Die Priester waren, was ihren Glauben, ihre Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit anging, der Abschaum der Synagoge. Das Königshaus David wurde verachtet und lebte in größter Armut und Vergessenheit. Die Gerechten lebten am Rand dieser vom Bösen beherrschten Gesellschaft, die schließlich auch den Gerechten schlechthin ausstoßen und töten sollte. Was war da noch zu erwarten? Man war am Ende.


Das Licht strahlte in der Finsternis

Aber gerade in der Dunkelheit dieses Endes, zu einem Zeitpunkt und an einem Ort, an dem man es am wenigsten erwartet hätte, leuchtete schließlich ein überaus reines Licht auf. Mit diesem Licht kündigte sich die Stunde der Menschwerdung an und damit verbunden war die Verheißung der seit langem ersehnten Erlösung und eines neuen Zeitalters, das mit einem die ganze Welt erfassenden pfingstlichen Feuersturm seinen Anfang nehmen sollte.
Es ist die Pracht dieses Lichtes, das im Dunkeln eine Morgenröte erweckt, die triumphierend zum Tag wurde; es ist das Lied der Überraschung und der Hoffnung dieser übernatürlichen Erneuerung, die Sehnsucht und der Vorgeschmack einer neuen, auf Glauben und Tugend basierenden Ordnung, die die Gläubigen aller Jahrhunderte sich erfreuen zu betrachten, wenn sie über das göttliche Kind nachdenken, das in der Krippe liegt und zärtlich zur jungfräulichen Mutter und zu ihrem keuschsten Gemahl lächelt.
Eine bezeichnende Ähnlichkeit
Auch heute lastet eine ungeheure Beklemmung auf uns. Da hilft auch kein Versuch, den Ernst der Stunde zu verschleiern. Von dem Unterschied einmal abgesehen, dass wir heute mit dem Beistand der heiligen Kirche rechnen können, befindet sich die Welt erneut in einer Lage, die auf erschreckende Weise an die Zeit des ersten Weihnachtsfestes erinnert.
Auch unter uns zeichnet sich der Kommunismus als ein Ende an. Es ist der Epilog der religiösen und moralischen Dekadenz, der im 16. Jahrhundert mit dem Protestantismus begann. In diesem Epilog schmilzt die bürgerliche Welt, die zunehmend von Synkretismus, Sozialismus und Sinnlichkeit berauscht ist, dahin. Und als ob dies nicht genug wäre, beschleunigt Russland diesen Zerfallsprozess und verbreitet seine Irrtümer in allen Ländern.
Wir haben die Kirche unter uns, das stimmt durchaus. Doch diese erhabene und übernatürliche Präsenz ist nur in dem Maße Rettung, in dem die Menschen ihren Einfluss akzeptieren. Wenn sie sie ablehnen, sind sie in gewisser Weise einer Bestrafung eher ausgesetzt als die Heiden selbst. Die Juden hatten den Gottmenschen unter sich. Sie lehnten ihn ab und wurden zu einer schrecklicheren Zerstörung bestraft, viel mehr als die Römer.
Nun aber, wie ist die Situation der Kirche in unserer Zeit? Wir möchten lächeln und doch eher weinen, wenn uns jemand einfach sagt, dass sie gut ist.
Natürlich kann diese Situation in gewisser Hinsicht als gut bezeichnet werden. Mehr oder weniger, wie man zum Palmsonntag sagen könnte, dass die Begeisterung der Juden für unseren Herrn riesig groß war.
Zu sagen aber, dass die Situation der Kirche heute im allgemeinen gut ist, unter Berücksichtigung der positiven und negativen Faktoren, ist dies ein Affront gegen die Wahrheit.
Für die Kirche ist die Situation gut, in der die Kultur, die Gesetze, die Institutionen, das häusliche und tägliche Leben des Einzelnen mit dem Gesetz Gottes übereinstimmen. Nichts ist auffälliger, dass das heute nicht der Fall ist. Warum also die Sonne mit einem Sieb abschirmen?
Dass die gut Situierten die Dauer dieser langsamen Agonie wünschen, ist verständlich. Wenn Mikroben denken könnten, würden sie es ja auch vorziehen, ihr Opfer langsam zu töten, denn die die Agonie des Opfers Garantiert ihr Wohlergehen; und sein Tod wird auch ihr Tod bedeuten. Menschen, die meist ohne eigenes Verdienst eine Stelle einnehmen, die sie nur der Gunst chaotischer Winde verdanken, haben natürlich allen Grund dazu, eine Rückkehr zur Ordnung zu fürchten, denn damit würden sie wieder in den Staub zurückfallen.
Doch auch ihnen kann das tiefe Unbehagen dieses Augenblicks nicht verborgen bleiben und auch sie erzittern wohl unter den immer häufiger aus einer aufgeladenen Atmosphäre niederfahrenden Blitzen.
Die Stimme Fatimas
Auf dem Gipfel dieses heiligen Berges, der die Kirche darstellt, erhebt sich das mütterliche, melancholische Bild Unserer Lieben Frau von Fatima, die Stirn mit dem königlichen Diadem gekrönt, durch den - von den Brasilianern geliebten - päpstlichen Legat, den die Frömmigkeit des unsterblichen Pius XII. eigens mit dieser Aufgabe betraut hat.
Und von dieser Warte aus gehen über die unterdrückte die Welt die Strahlen der Hoffnung aus, die die Königin des Universums ihr gebracht hat. Es sind Strahlen, die in unserer Mitte Hoffnungen aufkeimen lassen, die durchaus denen ähnlich sind, die die einst die Frohe Botschaft bei den Menschen des Altertums ausgelöst hat. Ähnlich ist zu wenig gesagt. Es sind nämlich Strahlen, die von der Kirche und somit von Jesus Christus ausgehen. Sie sind nichts als die Verlängerung und Verstärkung jener Strahlen, die einst die erste Weihnachtsnacht erhellt haben.
„Am Ende wir mein unbeflecktes Herz triumphieren“, hat die Jungfrau bei ihrer dritten Erscheinung in der Mulde von Iria angekündigt.
Oh Neuheidentum, tausendmal schlimmer als das alte Heidentum, deine Tage sind gezählt. Die Sowjetmacht wird stürzen, und auch im Westen wird der Einfluss der Revolution ebenfalls zusammenbrechen. Die Muttergottes hat es angekündigt. Und gegen sie sind alle Großen dieser Erde und alle Fürsten der Finsternis machtlos.
Was kann aber der Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens bedeuten, wenn nicht die vom hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort vorausgesehenen Herrschaft der allerseligsten Jungfrau Maria? Und was kann diese Herrschaft anderes andeuten, das Zeitalter der Tugend, wenn die mit Gott versöhnte Menschheit auf Erden im Schoße der Kirche nach dem Gesetz lebt und sich auf die Herrlichkeiten des Himmels vorbereitet?
Denken wir in diesem unruhigen Jahr 1957 an Heiligabend nicht an „Sputniks“ oder Wasserstoffbomben, sondern um unsere Überzeugung zu bestätigen, dass Jesus Christus den Teufel, die Welt und das Fleisch für immer besiegt hat, und dass er, wenn erst einmal die schrecklichen Prüfungen vorbei sein werden, für seine unbefleckte Mutter Tage der höchsten Verherrlichung bereit hält.

Freie Übersetzung von „Hodie in Terra Canunt Angeli, Laetantur Archangeli, Hodie Exsultant Justi“ aus Catolicismo Nr. 84, Dezember 1957.

Samstag, 12. Januar 2019

Ordnung - Harmonie - Friede - Vollkommenheit



Ordnung, Friede und Harmonie sind wesentliche Charakterzüge einer gut gebildeten Seele und einer jeden vernünftig organisierten menschlichen Gesellschaft. Diese Werte hängen aufs engste zusammen mit dem wahren Begriff der Vollkommenheit.
Jedes Wesen, sei es belebt oder unbelebt, hat ein eigenes Endziel und eine anpassungsfähige Natur zur Erreichung dieses Zieles. So nimmt jedes Glied einer Uhr zum Beispiel seine eigene Stellung ein und trägt durch seine Form und Anordnung zur Verwirklichung eines bestimmten Zweckes bei.
Ordnung ist die Disposition der Dinge gemäß ihrer Natur. So ist eine Uhr in Ordnung, wenn alle Teile ihrer Natur und ihrem Zweck entsprechend angebracht sind. In der Sternenwelt herrscht deshalb Ordnung, weil alle Himmelskörper sich mit der Natur und dem Zweck ihres Daseins in Übereinstimmung befinden.
Wenn die Beziehungen zwischen zwei Wesen der Natur und dem Endziel eines jeden von ihnen Rechnung tragen, sprechen wir von Harmonie. Die Harmonie ist das Zusammenwirken der Dinge in ihren wechselseitigen Beziehungen nach dem Bauplan der Ordnung.
Die Ordnung erzeugt Ruhe. Die Ruhe der Ordnung ist der Friede. Nicht jeder Zustand der Ruhe verdient Friede genannt zu werden, sondern nur derjenige, der aus der Ordnung hervorgeht. Der Friede eines ruhigen Gewissens entspringt einem guten Gewissen und hat nichts zu tun mit der Gleichgültigkeit eines abgestumpften Gewissens. Körperliches Wohlbefinden bringt ein Gefühl des Friedens mit sich, das weit entfernt ist von Scheineuphorie oder Mattigkeit nach dem Genuss von Rauschmitteln.
Wenn ein Wesen sich völlig nach Maßgabe seiner Natur disponiert und aufgelegt fühlt, befindet es sich im Zustande der Vollkommenheit. So wird ein junger Mensch, der ein großes Auffassungsvermögen und ein starkes Verlangen zum Studium besitzt, darauf drängen, eine Universität zu beziehen, wo ihm alle Mittel für eine wissenschaftliche Ausbildung zur Verfügung stehen; er befindet sich dann hinsichtlich seines Studiums in einer vollkommenen Lage.
Ist die Tätigkeit eines Wesens ganz seiner Natur angepasst und vollständig auf sein Endziel hin ausgerichtet, dann können wir sie mit Fug und Recht als vollkommen - perfekt - bezeichnen. So ist die Bahn der Gestirne vollkommen, weil sie ganz und gar der Natur und dem Zweck eines jeden Sternes entspricht.


Sind die Existenzbedingungen eines Wesens vollkommen, dann werden es mit großer Wahrscheinlichkeit auch seine Lebensäußerungen sein. Es wird all seine Ausdauer, Kraft und Geschicklichkeit einsetzen, um das vorgegebene Ziel zu erreichen. Ein Mensch, der vollkommene Anlagen zum Gehen besitzt, wird in untadeliger Weise gehen, sofern er es nur will.
Für die Erkenntnis der wahren Vollkommenheit des Menschen und der menschlichen Gesellschaft müssen wir uns zuerst eine genaue Vorstellung von der Natur und dem Endziel des Menschen machen. Das Gelingen, die Fruchtbarkeit, der Glanz menschlicher Werke, seien es die einzelner Personen oder solche von Gruppen, Völkern und Nationen, hängen von der Kenntnis unserer Natur und ihres Endzweckes ab. Mit anderen Worten, der Besitz der religiösen Wahrheit ist wesentliche Voraussetzung der Ordnung, der Harmonie, des Friedens und der Vollkommenheit.

(aus "Der Kreuzzug des 20. Jahrhunderts" Catolicismo, Januar 1951)

Mittwoch, 9. Januar 2019

Das Reich Christi



Die heilige Kirche wurde durch unseren Herrn Jesus Christus gegründet, im die Wohltaten der Erlösung für ewige Zeiten den Menschen zuzuwenden. Wie die Erlösung selbst findet die Kirche ihre letzte Bestimmung darin, die Sünden der Menschen zu sühnen durch die unendlich kostbaren Verdienste des Gott-Menschen, um so Gott die äußere Ehre zurückzugeben, die die Sünde ihm geraubt hatte, und den Menschen die Pforten des Himmels zu eröffnen. Dieser Endzweck liegt ganz auf übernatürlichem Gebiet; er bezieht sich letztlich auf das ewige Leben. Die Kirche ist daher absolut erhaben über alles, was nur natürlich, irdisch und vergänglich ist. Das hat unser Herr Jesus Christus ausdrücklich bestätigt, als er zu Pilatus sagte: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» (Joh. 18, 36).
Das irdische Leben unterscheidet sich deshalb in tiefgehender Weise vom ewigen Leben. Aber diese beiden Bereiche sind nicht vollständig voneinander getrennt. Nach dem Plan der göttlichen Vorsehung besteht eine innige Beziehung zwischen dem irdischen und dem ewigen Leben. Das Erdenleben ist der Weg, das ewige Leben das Ziel. Das Reich Christi ist nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt verläuft der Weg, der uns zu jenem Ziel führt. So wie die Militärschule der Weg ist zum Waffendienst oder das Noviziat den endgültigen Eintritt in einen religiösen Orden vorbereitet, ebenso ist die Erde für uns die Vorstufe zum Himmel.
Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes. Ausgestattet mit einer Reihe natürlicher Fähigkeiten zum Guten, bereichert durch die Taufe mit der Gabe des übernatürlichen Lebens der Gnade, liegt es ihm ob, diese Anlagen zum Guten in ihren vielfältigen Möglichkeiten zu entwickeln. Auf diese Weise wird die Gottähnlichkeit des Menschen, welche zunächst nur unvollständig und potentiell gegeben ist, vollendet und aktuell.
Die Ähnlichkeit ist die Quelle der Liebe. Je mehr wir Gott ähnlich werden, um so mehr sind wir imstande, ihn vollkommen zu lieben und die Fülle der Liebe auf uns herabzuziehen. So werden wir in zunehmendem Masse vorbereitet für die Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht in jenem ewigen Akt der Liebe, der die ewige Glückseligkeit ist, zu der wir berufen sind im Himmel.
Das irdische Leben ist demnach ein Noviziat, in dem wir unsere Seele bereiten für ihr wahrhaftes Ziel, das ist: Gott schauen von Angesicht zu Angesicht und ihn lieben in alle Ewigkeit.
Um dieselbe Wahrheit anders darzulegen, gehen wir davon aus, daß Gott unendlich rein, unendlich stark, unendlich gerecht, mit einem Wort: unendlich gut ist. Um ihn zu lieben, müssen wir die Reinheit, die Stärke, die Gerechtigkeit, alles in allem: das Gute lieben. Wenn wir die Tugend nicht lieben, wie können wir Gott lieben, der das «summum bonum», das höchste Gute ist? Andererseits, wenn Gott das höchste Gute ist, wie könnte er das Böse lieben? Wie könnte er, angesichts der Tatsache, daß die Ähnlichkeit die Quelle der Liebe ist, einen Menschen lieben, der ihm wesentlich unähnlich, nämlich bewusst und willentlich unrein, feige, ungerecht und böse ist?
Da Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet werden will (Joh. 4, 24), müssen wir aus innerstem Herzen heraus rein, stark, gerecht und gut sein. Ist aber unsere Seele gut, so sind es notwendiger weise auch unsere Werke; denn der gute Baum kann nur gute Früchte hervorbringen (Mt. 7, 17-18). Wollen wir demnach den Himmel erobern, so müssen wir nicht nur im Innern das Gute lieben und das Böse verabscheuen, sondern auch in unseren Werken das Gute tun und das Böse meiden.
Der oben gebrauchte Vergleich des irdischen Lebens mit einem Weg zur ewigen Seligkeit trifft die Wirklichkeit nicht ganz. Denn das Erdenleben ist mehr als nur Weg. Was werden wir im Himmel tun? Wir werden Gott schauen von Angesicht zu Angesicht, im Licht der Glorie, das ist in der Vollkommenheit der Gnade; und wir werden ihn ganz und ohne Ende lieben. Dieses übernatürliche Leben genießt der Christ aber schon hier auf Erden auf Grund der Taufe. Der Glaube ist bereits das Samenkorn der seligen Anschauung. Und die Liebe zu Gott, die der Christ verwirklicht durch Wachsen im Guten und Vermeiden des Bösen ist schon die eigentliche übernatürliche Liebe, mit der er Gott anbeten wird im Himmel.
Das Reich Gottes tritt erst in der andern Welt völlig in Erscheinung; aber keimhaft existiert es bereits in dieser Welt. Auch der Novize nimmt schon am religiösen Leben teil, wenn auch in vorbereitender Weise, und der Zögling einer Kadettenschule übt hier sein späteres militärisches Leben ein.
Ein Bild, ja noch mehr eine wahre Vorausnahme des Himmels schon in dieser Welt ist die heilige Kirche. So kann alles, was die heiligen Evangelien uns über das Himmelreich mitteilen, auch auf sie bezogen werden, auf den Glauben, den sie uns lehrt und auf jede Tugend, zu der sie uns anleitet.
Hier wird der Sinn des Christkönigsfestes deutlich. Jesus ist vor allem der König des Himmels. In bestimmter Weise übt er seine Herrschaft aber auch schon auf Erden aus. Denn König ist, wer in einer Monarchie die höchste und vollkommenste Autorität rechtmäßig besitzt. Er gibt Gesetze, leitet und richtet. Seine Königswürde kommt am wirksamsten zur Geltung, wenn die Untertanen die Königlichen Rechte anerkennen und seine Gesetze befolgen. Nach christlicher Auffassung stehen Jesus Christus alle Rechte über uns zu. Er hat seine Gesetze verkündet, leitet die Welt und wird die Menschen einst am Jüngsten Tage richten. An uns liegt es, sein Reich wirksam werden zu lassen, indem wir seine Gesetze erfüllen sowie seine Herrschaft und Gerichtsbarkeit über uns anerkennen.
Christi Herrschaft ist zunächst individueller Natur; denn sie verwirklicht sich, wo immer eine treue Seele unserem Herrn Jesus Christus Gehorsam leistet. Sie wird aber eine soziale Wirklichkeit sein, wenn alle Mitglieder der menschlichen Gesellschaft ihm diesen Gehorsam entgegenbringen und ihre Unterwerfung unter seine Gerichtsbarkeit gläubig anerkennen.
Infolgedessen kann das Reich Christi schon hier auf Erden erstehen im individuellen wie im sozialen Sinne. Voraussetzung dafür ist nur, daß die einzelnen Menschen aus dem Innersten ihrer Seele heraus wie auch in allen ihren Handlungen sich gleichförmig machen mit dem Gesetz Christi und daß die Gesellschaft mit ihren Institutionen, Gesetzen und Bräuchen wie auch in ihren kulturellen Veranstaltungen und Darbietungen sich nach dem Gesetz Christi richtet.
Wie konkret, glänzend und deutlich fassbar diese irdische Realität des Reiches Christi auch in Erscheinung treten kann, zum Beispiel im Frankreich König Ludwigs des Heiligen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, so darf man doch nicht vergessen, daß ein solches Reich immer nur Vorbereitung ist. In seiner ganzen Fülle wird das Reich Gottes sich erst im Himmel verwirklichen: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» (Joh. 18, 36).
(aus "Der Kreuzzug des 20. Jahrhunderts" Catolicismo, Januar 1951)

Dienstag, 25. Dezember 2018

Ein Fest der Ehre und des Friedens




Plinio Correa de Oliveira
Die Verkündigung an die Hirten. Gemälde von Thomas Cole, 1834.


„Ehre sei Gott in der Höhe
 und auf Erden Friede 
unter den Menschen guten Willens“
(Lk 2, 14).
Jedem Katholiken, der sich in die Betrachtung des heiligen Weihnachtsfestes vertieft, kommen über kurz oder lang die harmonievollen, erleuchteten Worte in den Sinn — fast würden wir sagen ins Ohr — mit denen die Engel den Menschen die große Neuigkeit der Ankunft des Erlösers singend verkündet haben. Und so wollen wir sie auch an der Krippe zu Füßen des Jesuskindes und in innigster Vereinigung mit Maria zum Leitfaden unserer Weihnachtsbetrachtung machen.
„Ehre“. Wie gut verstanden die Alten die Bedeutung dieses Begriffs, wie viele glanzvolle, mitreißende sittliche Werte sahen sie in ihm! Um sie zu erobern, hat so mancher König seine Herrschaft ausgebaut, hat so manches Heer dem Tode ins Auge geschaut, hat so mancher Weise sich mühevollen Studien hingegeben, hat so mancher Forscher sich in die furchtbarsten Einöden gewagt, hat so mancher Dichter seine schönsten Werke geschrieben, hat so mancher Musiker die klangvollsten Töne aus seinem tiefsten Innern hervorgeholt und hat sich schließlich so mancher Geschäftsmann an die gewaltigste Arbeit gemacht. Denn selbst im Reichtum sah man nicht nur den Aspekt des Überflusses, des Komforts und der Sicherheit, sondern auch den der Macht, des Prestiges - in einem Wort: der Ehre.
Welche Bestandteile gehörten aber zu dem Begriff der Ehre? Einige waren Teil der Person selbst: hohes Streben, hervorragende Tugend, Ausübung besonderer Taten. Andere hatten mit dem zu tun, was wir heute die öffentliche Meinung nennen. Die Ehre wäre unter diesem Gesichtspunkt die allseitige, laut zum Ausdruck gebrachte Anerkennung der außerordentlichen Begabungen eines Menschen.
Was ist die Ehre wert? Inwieweit trägt der Wunsch nach Ehre dazu bei, eine Seele zu bereichern?
Ohne Zweifel wurden die materiellen Güter zu unserem Nutzen geschaffen, und der Mensch darf sie mit rechtem Maß und Ziel durchaus anstreben. Was wird man aber sagen, wenn er sie zu den höchsten Werten seines Daseins macht? Man wird ihn einen Krämer, einen Egoisten, einen Engherzigen heißen. Kurz gesagt, er wird denen zugerechnet, die in der heiligen Schrift mit dem Hinweis gebrandmarkt werden, ihr Gott sei der eigene Bauch (Phil 3, 19). Ihr Geist kümmert sich nur um das Körperliche, die wahren Güter der Seele verkennen sie und, wenn sie könnten, würden sie - wie Claudel einmal schrieb - die Sterne vom Himmel holen, um sie in Kartoffeln zu verwandeln.
Das einzig echte, feste, greifbare Ziel der menschlichen Gesellschaft würde in diesem Falle darin bestehen, ein sattes, angenehmes Leben zu ermöglichen. Alle Fragen, die sich um Religion, Philosophie, Kunst usw. drehen, wären lediglich von zweitrangiger, wenn nicht von überhaupt keiner Bedeutung.
Gerade hierin liegt für Millionen von Menschen die größte Versuchung, leben sie doch in einer Welt, für die der Begriff „Ehre“ fast völlig seinen Sinn verloren hat. Zwar gibt es das Wort noch in den Wörterbüchern und kommt manchmal sogar noch in der Umgangssprache vor, man könnte jedoch durchaus behaupten, dass es ein totes Wort ist. Und so wie dieses Wort außer Gebrauch gekommen ist, verschwinden nach uns nach auch die entsprechenden Bezugswörter wie Ruhm, Ansehen, Würde ...
In einer Welt, in der alles, was zu einem materiell abgesicherten, reichen und satten Leben beiträgt, bis zum Aberwitz aufgewertet ist, erteilt uns der Herr bei Gelegenheit des Weihnachtsfestes eine höchst angebrachte, doppelte Lektion.
Betrachten wir einmal unter dem Gesichtspunkt eines bequemen Lebens die Heilige Familie. Der heilige Josef, Nachkomme eines königlichen Geschlechts, das längst Thron und Besitz eingebüßt hat, lebt in Armut. Die allerseligste Jungfrau findet sich in vollkommener Ergebenheit mit dieser Lage ab. Beide sind bemüht, in dieser Armut ein ordentliches, bescheidenes Leben zu führen, denn all ihr Sinnen und Trachten ist nicht auf wirtschaftlichen Aufstieg, Komfort und Vergnügen gerichtet, sondern allein Gott dem Herrn zu gefallen. Ihrem Kind hat die Heilige Familie als erste Wohnstätte nicht mehr zu bieten als eine Grotte, und ein Trog hat als Wiege zu dienen. Dennoch ist dieses Kind das menschgewordene Wort, bei dessen Geburt die Nacht zu leuchten beginnt, der Himmel sich öffnet und die Engel singen. Und aus weiter Ferne eilen weise Könige herbei, um ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe zu Füßen zu legen ...
Welche Armut, und doch welche Ehre! Wirkliche Ehre, denn es geht nicht um das Angesehensein bei Menschen, die nur auf ihr Vorteil aus sind und andere lediglich nach ihrem Reichtum beurteilen, sondern um eine Ehre, die eine Art Abglanz der einzig wahren Ehre, nämlich der Ehre Gottes im höchsten Himmel, ist.
Man pflegt zu sagen, dass uns die Armut der Heiligen Familie in Bethlehem die Loslösung von den Gütern dieser Erde lehrt, und dies ist tausendmal richtig. Das heilige Weihnachtsfest ist aber außerdem ein klarer und deutlicher Hinweis auf die erhabene Lehre vom Wert sowohl der himmlischen als auch der sittlichen Güter, die ja auf Erden eine Art Abbild der himmlischen Güter sind.
Und die Güte? Verlangt sie nicht von einem, dass man „demokratisch“ denkt, sich mit den Unteren auf eine Stufe stellt, um ihre Liebe zu gewinnen?
Einer der verhängnisvollsten Irrtümer unserer Zeit liegt in der Vorstellung, dass sich Liebe und Respekt gegenseitig ausschließen, und dass ein König, ein Vater oder ein Lehrer umso mehr geliebt werden, je weniger Respekt ihnen gezollt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Ein hohes Maß an Respektabilität kann, wenn sie von wahrer Gottesliebe durchdrungen ist, nur die Achtung und das Vertrauen der redlichen Menschen auf sich ziehen. Und wenn dies nicht geschieht, so liegt es nicht daran, dass die Respektabilität zu groß ist, sondern dass sie nicht auf Gottesliebe gegründet ist.
Die Lösung ist nicht in der Herabsetzung, sondern in der Erhebung ins Übernatürliche zu suchen.
Die wahrhaft übernatürliche Würde beugt sich hernieder, ohne sich herabzusetzen.
Die eigensüchtige, eingebildete Würde versteht es nicht, entgegenkommend zu sein und dennoch die Würde zu wahren. Wenn sie sich stark fühlt, erniedrigt sie die andern. Wenn sie sich schwach fühlt, erniedrigt sie sich aus Furcht selbst.
Stellen wir uns nun eine weltliche Gesellschaft vor, die von diesem hehren, majestätischen, starken Adel, dem Abglanz der Erhabenheit Gottes, ganz und gar durchdrungen ist. Eine Gesellschaft, in der so viel Hoheit unauflöslich mit einer unermesslichen Güte verbunden ist, dass mit wachsender Kraft und Hoheit auch die Barmherzigkeit und Güte zunehmen. Welch eine Sanftheit, welch eine Wonne - mit einem Wort, welch eine Ordnung! Jawohl, welch eine Ordnung ... und welch ein Friede! Denn, was ist der Friede anderes als die Ruhe in der Ordnung? (vgl. Hl. Augustinus, XIX De Civ. Dei, Kap. 13)
Das Bestehen auf Irrtum und Bosheit, das Einigsein mit den Soldaten Satans, die scheinbare Verständigung zwischen Licht und Finsternis bringen, eben weil sie dem Bösen die Staatsbürgerschaft zugestehen, nichts als Unordnung und schaffen einen Zustand der Ruhe, der nur noch ein Zerrbild des wahren Friedens ist.
Den wahren Frieden finden wir allein bei den Menschen guten Willens, die aus ganzem Herzen die Ehre Gottes suchen.
Und deshalb verbindet die Weihnachtsbotschaft das Eine mit dem Anderen:

„Ehre sei Gott in der Höhe 
und auf Erden Friede 
unter den Menschen guten Willens.“ 
(Lk 2, 14)

Originaltitel: „Festa de glória e de paz“ in Catolicismo Nr. 108, Dezember 1959.

Mittwoch, 28. November 2018

Brasilien – ein zur Größe berufenes Land



      
Als Stefan Zweig in den dreißiger Jahren Brasilien besuchte, war er von dem Land derart beeindruckt, daß er es dazu bestimmt sah, „einer der bedeutsamsten Faktoren der künftigen Entwicklung unserer Welt zu werden“ (7).
      Was einen an Brasilien zuallererst beeindruckt ist die Weite des Landes und der Horizonte. Die Ausdehnung dieses Landes mit seinen 8.511.965 Quadratkilometern Fläche entspricht mehr als der Hälfte ganz Südamerikas. Die unmittelbar zum Meer hin abfallenden hohen Gebirge, die üppigen Urwälder, der wasserreiche Amazonasstrom, der mit seinem über fünf Millionen Quadratkilometer großen Becken das ausgedehnteste Einzugsgebiet der Erde bildet, all das vermittelt uns das Bild von einem Land, das alles im Übermaß besitzt: Natur, Licht, Farben, sodaß man durchaus den Vergleich Rocha Pitas heranziehen und von einem wahren „irdischen Paradies“ sprechen kann.
      „In keiner anderen Region zeigt sich der Himmel so heiter, noch steigt schöner der Morgen herauf; in keinem anderen Erdteil strahlt die Sonne goldener, noch leuchtet ihr Widerschein kräftiger in der Nacht; die Sterne funkeln milder und zeigen sich immer fröhlich; der Horizont ist immer klar, einerlei ob die Sonne auf- oder untergeht; das reinste Wasser kann man sowohl aus den Quellen in Feld und Wiese trinken als auch aus den Zuleitungen in den Ortschaften; mit anderen Worten, Brasilien ist das entdeckte irdische Paradies.“ (8)
      Das riesige Land ist unaufhörlich in Licht getaucht und „glänzt wie ein Diamant im Schatten der Unendlichkeit. (...) Sein Abglanz lässt im Schweigen der Räume eine unerlöschliche, dunkelgelbe, glühende, sanfte oder blasse Verklärtheit aufscheinen. Immer ist alles Licht. Von der Sonne steigt es in leuchtenden, blendenden Wellen hernieder und hält die Erde in tiefer Stille. Das Licht durchdringt alles, schluckt alles“ (9).
      Dieses Licht, das eine unerlöschliche Klarheit ausstrahlt und die Erde in einer Stimmung zurückgezogener Stille zu halten scheint, taucht die großen Räume in eine geheimnisvolle geistige Dimension. Fast könnte man sagen, daß die leuchtende Ausdehnung der Horizonte die Seele für eine sublime Berufung empfänglich macht.
      Die Geburtsstunde Brasiliens schlug am 22. April 1500, als die Schiffe der portugiesischen Flotte mit ihren weißen Segeln, auf denen das Kreuz des Christusordens leuchtete, unter dem Kommando von Pedro Alvares Cabral vor der brasilianischen Küste Anker warfen. Als erstes pflanzten die Entdecker ein Kreuz am Strand auf und ließen das unblutige Kalvarienopfer im neuentdeckten Land feiern. Seit diesem
Tag ist Brasilien das Land des Heiligen Kreuzes (10). Das Kreuz des Südens schien die Szene, die sich für immer in die brasilianische Seele eingeprägt hat, am Himmel zu besiegeln. „Das Kreuz des Südens, Wappenzeichen des Vaterlandes, erinnert nachts mit seinem süßen Licht für immerwährende Zeiten an den Fortbestand dieses Bundes. Es richtet an die christliche Nation, die im Lande des Heiligen Kreuzes lebt, Worte unvergänglicher Hoffnung.“ (11) Seither, so bemerkte ein italienischer Diplomat, „hat sich der vom Christentum ausgehende Duft über alle Teile Brasiliens ausgebreitet, als ob es ein für allemal besprengt worden wäre“ (12).
     
Das Kreuz, erinnert P. Serafim Leite S.J., „war ein Wahrzeichen und eine Verheißung. Aber es war noch nicht das Saatkorn. Dieses sollte erst ein halbes Jahrhundert später, nämlich im Jahre 1549, mit der Einrichtung des Generalgouvernements und der Ankunft der Jesuiten fruchtbar und reichlich eintreffen“ (13). In dem genannten Jahr begleiteten sechs Missionare der gerade erst vom Heiligen Ignatius gegründeten Gesellschaft den Gouverneur Tomé de Souza, dem König Johann III. von Portugal die Missionierung des neuen Landes aufgetragen hatte (14). Nach Stefan Zweig brachten sie „das Kostbarste, was ein Volk und ein Land zu seiner Existenz benötigt: eine Idee und zwar die eigentlich schöpferische Idee Brasiliens“ (15).
      Die Jesuiten flößten dem potentiell äußerst – nicht nur an materiellen Gütern - reichen, bis zu diesem Zeitpunkt jedoch schlafenden Land eine Seele ein. „Dieses Land ist unsere Aufgabe “ (16), erklärte P. Manuel da Nóbrega (17), der zusammen mit P. José de Anchieta (18) als Gründer Brasiliens angesehen werden kann. Seit der Entdeckung bis in unsere Tage entwickelten die Missionare in brasilianischen Landen ein Werk der Christianisierung und gleichzeitig der Zivilisierung, das „in der Geschichte einzigartig dasteht“ (19).
P. Joseph Anchieta nimmt Indianer in Schutz
Die Jesuiten katechisierten die in Siedlungen zusammengeführten Ureinwohner, richteten die ersten Schulen ein, bauten Unterrichtsstätten, Kirchen, Straßen und Städte (20). Als die Hugenotten sich des neuen Landes bemächtigen wollten, waren es die Jesuitenpatres Nóbrega und Anchieta, die militärische Maßnahmen gegen die in der Guanabara-Bucht gelandeten französischen Protestanten veranlassten (21). Inmitten der  herrlichen 
Küste, von den Portugiesen zurückeroberten Bucht (22) wurde eine kleine Stadt gegründet, aus der später einmal die Hauptstadt des Landes hervorgehen sollte: Rio de Janeiro, die Stadt, die in einer unvergleichlichen Synthese die ganze Naturschönheit Brasiliens in sich vereinigt: Berge, Hügel, Wälder, Wasser, Inseln, Buchten (23). Die erste Hauptstadt der portugiesischen Besitzungen in Südamerika, São Salvador da Bahia, bildete zusammen mit São Paulo, São Sebastião do Rio de Janeiro und den Kapitanaten von Pernambuco und Maranhão eine der „Urzellen“ (24) Brasiliens.
      Das ungeheuer große Land wurde in zwölf Erbkapitanate aufgeteilt, von denen die meisten Bundesstaaten der heutigen brasilianischen Föderation ausgehen (25). Die mit weitgehenden Vorrechten und Gunstbezeigungen versehenen Lehensträger wurden vom König von Portugal unter den „besten Leuten, ehemaligen Seefahrern, Hofherren“ (26) ausgewählt. Brasilien blieb weiterhin Bestandteil des portugiesischen Reiches, auch während des Zeitraums, in dem die portugiesische Krone mit der spanischen vereint war (1580–1640).
      Das brasilianische Nationalbewusstsein begann sich schließlich im Kampf gegen die Holländer zu bilden, die sich in Bahia (1624–1625) und dauerhafter in Recife (1630–1654) festsetzen konnten (27). Als sich dieser letzte holländische Posten dem portugiesisch-brasilianischen Heer ergab, konnte man bereits von einem einigen Volk sprechen. „Die holländischen Kriege hatten den Vorzug, daß sie die unterschiedlichen Elemente der Kolonisierung auf eine bis dahin nicht gekannte Weise festigten.“ (28).
      Der erste aristokratische „Typus“ Brasiliens war der des Zuckermühlen-Herrn, des Zuckerrohranbauers, dessen Produktion während der ganzen Kolonialzeit im feudalen Rahmen der Kapitanate das typisch brasilianische Erzeugnis bildete. (29)
      Zuckerrohrpflanzungen und Mühlen – kleine, an Wasserläufen errichtete Raffinerien, die von Sklaven betrieben wurden – legten die Grundlagen der brasilianischen Landwirtschaft. Das angestammte Herrenhaus des Gutsbesitzers glich einer Festung (30). Um die Mühlenherren sammelten sich die Widerstandskräfte gegen die holländischen Invasoren, Feinde des Glaubens und des Königs (31). Es war bereits der Landadel gewesen, der die Verteidigung gegen die Franzosen und die Engländer organisiert hatte, als diese sich in der Vergangenheit in Brasilien festsetzen wollten.
      Anbau und Verarbeitung des Zuckerrohrs bildeten während der ersten zwei Jahrhunderte die wichtigste landwirtschaftliche und industrielle Tätigkeit des Landes. Im 18. Jahrhundert wurde dann das Gold, nach seiner unerwarteten Entdeckung in Minas Gerais, zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor des Landes.
      Die Bandeirantes-Expeditionäre (32), unmittelbare Nachkommen der Entdecker, lösten mit ihrem außerordentlichen Mut und Abenteuergeist das Zeitalter des Goldes und der Edelsteine aus.
      In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nach Abschluss der sozialen und wirtschaftlichen Zyklen des Zuckers und des Goldes, nahm dann ein drittes Zeitalter seinen Anfang, das des Kaffees, der bis 1930 die Hauptquelle des Reichtums der brasilianischen Wirtschaft sein sollte.
Kaiser Pedro I. ruft die
Unabhängigkeit Brasiliens aus
      Im 19. Jahrhundert erreichte Brasilien seine Unabhängigkeit, aber auf eine andere Art und Weise als die übrigen südamerikanischen Nationen: Nicht mit Waffengewalt, sondern durch die Errichtung eines Kaiserreichs, dessen Thron Dom Pedro I. von Bragança, Sohn des Königs von Portugal, bestieg.
      Am 7. September 1822 proklamierte Dom Pedro in São Paulo die Unabhängigkeit Brasiliens, und zwei Jahre darauf erhielt das Land seine erste Verfassung. Der Nachfolger, Dom Pedro II. (33) war ein außerordentlich gebildeter und unternehmungslustiger Herrscher, dessen lange, friedvolle Regierungszeit mit der republikanischen Revolution gleich nach der Abschaffung der Sklaverei (34) endete. Das
Kaiser Pedro II. von Brasilien
Kaiserreich verlor die Unterstützung der Landaristokratie, für die die Sklavenbefreiung ein Fehler oder aber verfrüht war. Am 15. November 1889 wurde in Rio de Janeiro nach einem unblutigen Staatsstreich die Republik ausgerufen.
      „Die Brasilianer“, schrieb der italienische Historiker Guglielmo Ferrero, „sahen die Monarchie sanft fallen, ohne Blutvergießen, so wie die schönen Sommertage zu Ende gehen, ruhig und leuchtend“ (35).
      1891 wurde aus dem Kaiserreich Brasilien die Bundesrepublik der Vereinigten Staaten von Brasilien, auf deren neuer Flagge nun das positivistische Motto „Ordnung und Fortschritt“ zu lesen war (36). „Brasilien stand damals am Anfang einer Epoche, die den ‚Fortschritt‘ zum Gott und die ‚Wissenschaft‘ zu einer Göttin ihrer geistigen Eliten erheben sollte“ (37). Die Republik bestand aus einer Föderation autonomer Staaten, die alle ihr eigenes Parlament und eine eigene Regierung hatten. Es kam zur Trennung zwischen Staat und Kirche, die standesamtliche Trauung (Zivilehe) wurde eingeführt, die Wirtschaftspolitik wurde geändert. Die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zeichnen sich in Brasilien durch ein Klima der Euphorie und des Optimismus aus, was nicht zuletzt auf die Hoffnungen zurückzuführen war, die der institutionelle Wandel und der wirtschaftliche und soziale Fortschritt des Landes ausgelöst hatte (38). Es waren die „goldenen Jahre“ der 1. Republik (39).

Quelle: Roberto de Mattei: „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts: Plinio Corrêa de Oliveira. TFP-Büro Deutschland und DVCK e.V., Frankfurt, 2004, Kapitel I, Abschnitt 2, SS 22-29.
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Fußnoten:
(7) Stefan ZWEIG, Brasilien,  ein Land der Zukunft, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981, S. 8. Vgl. auch Ernani SILVA BUENO, História e Tradições da Cidade de São Paulo, Livraria José Olympio Editora, Rio de Janeiro 1954, 3 Bde.; Affonso DE FREITAS, Tradições e reminiscências paulistanas, Governo do Estado de São Paulo, São Paulo 1978 (3. Aufl.); Luiz GONZAGA CABRAL, S.J., Influência dos Jesuítas na colonização do Brasil, in Jesuítas no Brasil, Bd. III, Companhia Melhoramentos de S. Paulo, São Paulo 1925.
(8) Sebastião DA ROCHA PITA (1660 – 1783), História da América Portuguesa, in E. WERNECK, Antologia Brasileira, Livraria Francisco Alves, Rio de Janeiro 1939, S. 210.
(9) José PEREIRA DA GRAÇA ARANHA (1868 – 1931), A esthética da vida, Livraria Garnier, Rio de Janeiro – Paris 1921, S. 101.
(10) „Brasilien ist christlich geboren: ‚Insel des Wahren Kreuzes‘ nannte es sein erster Geschichtsschreiber, der gleichzeitig auch einer der Entdecker war“ (P. Serafim LEITE, S.J., Páginas de Història do Brasil, Companhia Editora Nacional, São Paulo 1937, S. 11). Der Chronist der Expedition, Pero Vaz de Caminha, richtet folgende Worte an den König: „Bis jetzt konnten wir noch nicht erfahren, ob es Gold oder Silber oder Metallsachen oder Eisen gibt; wir sahen nichts dergleichen. An und für sich ist das Land aber reich (...) Der größte Gewinn, den man indessen von ihm haben kann, ist meiner Meinung nach die Errettung der Seelen seiner Einwohner“ (nach Roger BASTIDE, Il Brasile, italien. Übersetzung, Garzanti, Mailand 1964, S. 13; der Text des Briefes des Pero Vaz de Caminha ist zu finden in Jaime CORTESÃO, A expedição de Pedro Álvares Cabral, Livrarias Ailland e Bertrand, Lissabon 1922, S. 233 – 256).
(11) Yves DE LA BRIÈRE, Le règne de Dieu sous la Croix de Sud, Desclée de Brouwer, Brügge – Paris 1929, S. 20.
(12) Roberto CANTALUPO, Basile euro-americano, Istituto per gli Studi di Politica Internazionale, Mailand 1941, S. 89.
(13) P. S. LEITE, S.J., Páginas de História do Brasil, a.a.O., S. 12 – 13. „Ohne andere Faktoren ausschließen zu wollen, kann man ohne weiteres folgende Behauptung aufstellen: Im 16. Jahrhundert deckt sich die Geschichte der Gesellschaft Jesu in Brasilien mit der Geschichte der Entwicklung des Landes selbst in seinen katechetischen, sittlichen, geistigen, erzieherischen und großenteils kolonialen Elementen. Der Beitrag anderer religiöser Faktoren ändert das Ergebnis nur unmerklich“ (S. 14).
(14) In der Verordnung vom 17. Dezember 1548, mit der der König von Portugal, Johannes III., seinem Gouverneur die Regeln vorschrieb, an die er sich in Brasilien halten sollte, steht geschrieben: „Der Hauptgrund, der mich veranlasst hat, dieses Land Brasilien besiedeln zu lassen, ist der, daß sich die Menschen, die dort leben, zu unserem katholischen Glauben bekehren“ (Regimento de Tomé de Souza, Nationalbibliothek Lissabon, Marinearchiv, Buch 1 der amtlichen Schreiben, 1597 – 1602). Vgl. auch P. Armando CARDOSO, S.J., O ano de 1549 na história do Brasil e da Companhia de Jesus, in Verbum, Nr. 6 (1949), S. 368-392.
(15) S. ZWEIG, a.a.O., S. 32. Vgl. Carlos SODRÉ LANNA, Gênese da Civilização Cristã no Brasil, in Catolicismo Nr. 519 (März 1994), S. 23 –24; Ders., A epopéia missionária na formação da Cristandade luso-brasileira, in Catolicismo Nr. 533 (Mai 1995), S. 22 – 23.
(16) Zitiert nach Antonio DE QUEIROZ FILHO, A vida heróica de José de Anchieta, Edições Loyola, São Paulo 1988, S. 43.
(17) P. Manuel da Nóbrega ist am 18. Oktober 1517 in Minho (Portugal) geboren und starb am 18. Oktober 1570 in Rio de Janeiro. Er hatte Kirchenrecht und Philosophie in Coimbra studiert, bevor er 1544 in die Gesellschaft Jesu eintrat und 1549 vom Heiligen Ignatius nach Brasilien entsandt wurde, wo er der erste Obere und Provinzial der Jesuitenmission werden sollte. Seine Missionsarbeit erstreckte sich über zwanzig Jahre bis zu seinem Tode.
(18) Der Selige José de Anchieta ist am 19. März 1534 in La Laguna (Kanarische Inseln) geboren und am 9. Juni 1597 in Reritiba (heute Anchieta) gestorben. Er trat 1551 in die Gesellschaft Jesu ein und fuhr zwei Jahre später mit einer Gruppe von Missionaren im Gefolge des portugiesischen Gouverneurs Duarte da Costa nach Brasilien. Als er 1566 zum Priester geweiht wurde, war er bereits an der Gründung der Stadt São Paulo (1554) beteiligt gewesen und sah auch Rio de Janeiro (1567) entstehen. 1578 wurde er Ordensprovinzial für Brasilien und entwickelte sein Apostolat so unermüdlich, daß ihm später der Titel „Apostel der Neuen Welt“ zuerkannt wurde. 1980 wurde er von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. Vgl. ALVARES DO AMARAL, O Padre José Anchieta e a fundação de São Paulo, Conselho Estadual de Cultura, São Paulo 1971.
(19) S. LEITE, S.J., História da Companhia de Jesus no Brasil, Livraria Portugália, Lissabon 1938, Bd. I.
(20) Neben den Jesuiten gingen auch die Benediktiner (1582), die Karmeliter (1584), die Kapuziner (1612) und andere Orden ihrem Apostolat nach. Nachdem die Jesuiten 1760 durch Pombal vertrieben worden waren, kehrten sie erst 1842 wieder nach Brasilien zurück. Über die 40 Märtyrer aus den Reihen der Jesuiten s. Mauricio GOMES DOS SANTOS, S.J., Beatos Inácio de Azevedo e 39 companheiros mártires, in Didaskalia Nr. 8 (1978), S. 89 – 155; S. 331 – 366 (Übersetzung der Studie der Geschichtlichen Abteilung der Heiligenkongregation).
(21) Berater der Patres Nóbrega und Anchieta war ein italinischer Adliger namens Guiseppe Adorno aus der Genueser Dogenfamilien, der Leben und Vermögen in den Dienst seines neuen Vaterlandes Portugal gestellt hatte, nachdem er aus seiner Heimatstadt vertrieben worden war. Neben Adorno kamen im 16. Jahrhundert auch die Acciaiuoli (Accioly), die Doria, die Fregoso und die Cavalcanti (Cavalcanti d’Albuquerque) nach Brasilien.
(22) C. SODRÉ LANNA, A expulsão dos franceses do Rio de Janeiro, in Catolicismo Nr. 509 (Mai 1993), S. 22–24.
(23) „Vom Panorama her gesehen, kann man Rio de Janeiro als eine Synthese Brasiliens betrachten. Hier schlägt weiterhin das Herz Brasiliens, obwohl die Hauptstadt nun offiziell nach Brasilia verlegt wurde. Man stößt hier auf eine geheimnisvolle Synthese des Landes, eine Einladung für eine Zukunft voller geheimnisträchtiger Versprechen“ (Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Meditando sobre as grandezas do Brasil, in Catolicismo Nr. 454 (Oktober 1988).
(24) „Der hervorragende Kenner der brasilianischen Geschichte, João Ribeiro, bezeichnet mit energischer Genauigkeit die folgenden Punkte des Landes als Urzellen Brasiliens: Bahia, Pernambuco, São Paulo, Rio und Maranhão. Von den erwähnten fünf  Urzellen sind zwei (...) ausschließlich das Werk der Gesellschaft Jesu: São Paulo, das sie mit eigenen Händen geschaffen hat, und Rio de Janeiro, dessen Gründung sie gegen alles und gegen alle durchgesetzt hat. Die anderen drei – Bahia, Pernambuco, Maranhão – verdanken den Jesuiten ihre größte Ausdehnung.“ (L. G. CABRAL, S.J., Jesuítas no Brasil (século XVI), Companhia Melhoramentos de São Paulo, São Paulo 1925, S. 266).
(25) Homero BARRADAS, As capitanias hereditárias. Primeiro ensaio de um Brasil orgânico, in Catolicismo Nr. 131 (November 1961).
(26) Pedro CALMON, História do Brasil, Livraria José Olympio Editora, Rio de Janeiro 1959, Bd. I, S. 170.
(27) Vgl. Lúcio MENDES, Calvinistas holandeses invadem cristandade luso-americana, in Catolicismo Nr. 427 (Juli 1986), S. 2 – 3; Ders. Martírio e heroísmo na resistência ao herege invasor, in Catolicismo Nr. 429 (September 1986), S. 10–12; Diego LOPES SANTIAGO, História da Guerra de Pernambuco, Fundação do Patrimônio Histórico e Artístico de Pernambuco, Recife 1984. In diesem Zeitraum kämpften in Brasilien viele italienische, vor allem neapolitanische Offiziere (vgl. Gino DORIA, I soldati napoletani nelle guerre del Brasile contro gli olandesi (1625 – 1641), Riccardo Ricciardi Editore, Neapel 1932). Als 1624 die Ostindische Kompagnie Bahia besetzen ließ, schickte Philipp IV. eine Flotte, der auch ein neapolitanisches Kontingent unter der Führung von Carlo Andrea Caracciolo, Marquis von Torrecuso, angehörte. Ein weiterer neapolitanischer Führer war Gian Vincenzo Sanfelice, Graf von Bagnoli, der 1638 erfolgreich Bahia gegen die Invasion der holländischen Kalvinisten verteidigte, die in Südamerika einen protestantischen Staat gründen wollten. Zwischen Brasilien und dem Reich Neapel bestand stets ein fruchtbarer Austausch (vgl. z. B. Paolo SCARANO, Rapporti politici, economici e sociali tra il Regno delle Due Sicilie e il Brasile (1815 – 1860), Società Napoletana di Storia Patria, Neapel 1958).
(28) P. CALMON, Storia della Civiltà brasiliana, italien. Übersetzg. Industria Tipografica Italiana, Rio de Janeiro 1939, S. 52.
(29) Zuckerrohr, das ideale landwirtschaftliche Erzeugnis eines Landes, das am Anfang seiner Entwicklung steht, wurde seit Ende des 16. Jahrhunderts in Nord- und Südbrasilien angepflanzt. Das Hauptanbaugebiet war jedoch Pernambuco, dessen Hafenstadt Recife im 17. Jahrhundert zum größten Zuckerhandelsplatz der Welt wurde (P. CALMON, Storia della civiltà brasiliana, loc. cit., S. 85). Vgl. auch Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, No Brasil Colônia, no Brasil Império e no Brasil República: gênese, desenvolvimento e ocaso da Nobreza da terra, Anhang zur portugiesischen Ausgabe von Nobreza e elites tradicionais análogas nas alocuções de Pio XII ao Patriciado e à Nobreza Romana, Livraria Civilização Editora, Porto 1993, S. 159–201.
(30) Gilberto FREYRE, Casa Grande e Senzala, Editora José Olympio, São Paulo 1946 (5. Aufl.), Bd. I, S. 24.
(31) Die Eroberung der Ländereien ist vor allem kriegerischer Natur. „Jedes gerodete Stück Land, jeder ‚bevölkerte‘ Landstrich, jeder bebaute Raum, jede ‚fabrizierte‘ Zuckermühle setzt eine schwierige militärische Unternehmung voraus. Von Norden nach Süden werden landwirtschaftliche Gründungen und Viehzucht mit dem Schwert in der Hand durchgeführt“ (Francisco José de OLIVEIRA VIANA, O povo Brasileiro e sua Evolução, Ministério da Agricultura, Indústria e Comércio, Rio de Janeiro 1922, S. 19).
(32) Vgl. zum Thema Bandeirantes die imposante História Geral das Bandeiras Paulistas (São Paulo 1924 – 1950, 11 Bände) von Affonso DE TAUNAY, zusammengefasst in História das Bandeiras Paulistas, Edições Melhoramentos, São Paulo 1951, 2 Bde.; vgl. auch J. CORTESÃO, Raposo Tavares e a formação territorial do Brasil, Ministério da Educação e Cultura, Rio de Janeiro 1958; Ricardo ROMÁN BLANCO, Las Bandeiras, Universidade de Brasília, Brasília 1966.
(33) Dom Pedro II. (1825–1891) heiratete 1843 die Prinzessin Teresa Cristina, Schwester Ferdinando II., des Königs beider Sizilien. Seine älteste Tochter, Isabel (1846–1921) heiratete den Prinzen Gastão de Orléans, Graf d’Eu, dem sie drei Söhne schenkte: Pedro de Alcântara, Luís und Antônio. Da der Erstgeborene 1908 auf die Nachfolgerechte für sich und seine Nachkommen verzichtet hatte, ging das Thronfolgerecht auf dessen Bruder Dom Luís de Orléans und Bragança (1878–1920) über, der mit der Prinzessin Maria Pia de Bourbon-Sicilia verheiratet war (vg. Armando Alexandre DOS SANTOS, A Legitimidade Monárquica no Brasil, Artpress, São Paulo 1988). Zu Dom Pedro II. vgl. Heitor LYRA, História de dom Pedro II.: 1825–1891, Editora Nacional, São Paulo 1940. „Dom Pedro war ein großmütiger, gütiger und gerechter Herrscher, ein Vorbild der Vaterlandsliebe und Kultur, des Eifers und der Rechtschaffenheit, der Duldsamkeit und Einfachheit. Er war weise und menschenfreundlich. Als Mitglied des Institut de France und der wichtigsten wissenschaftlichen und literarischen Gesellschaften des Auslandes war er ein Förderer der Künste, der Wissenschaften und der Literatur. Er unterstützte mit materieller Hilfe viele berühmte Brasilianer; der große Mäzen verschloss ihnen nie den Beutel“ (S. RANGEL DE CASTRO, Quelques Aspects de la civilisation brésilienne, Les Presses Universitaires de France, Paris o. J., S. 29f). Vgl. auch Leopoldo B. XAVIER, Dom Pedro e a gratidão nacional, in Catolicismo Nr. 491 (Dezember 1991).
(34) Ein erstes Gesetz, das den Beinamen „Gesetz des freien Leibes“ erhielt, gewährte 1871 den von einer Sklavin geborenen Kindern im Alter von 21 Jahren die Freiheit. 1885 wurde dann das „Sechzigjährigen-Gesetz“ erlassen, das alle mehr als 65-jährigen Sklaven in die Freiheit entließ. Am 13. Mai 1888 sanktionierte die Gräfin d’Eu und kaiserliche Regentin, Prinzessin Isabel, unter dem konservativen Ministerium João Alfredo Corrêa de Oliveiras während der Abwesenheit ihres Vaters, de sich auf einer Europa-Reise befand, das Gesetz, mit dem die Sklaverei dann endgültig abgeschafft wurde. Auf die damalige Bevölkerung Brasiliens von 14 Millionen Mesnchen kamen 700.000 Sklaven; tatsächlich war die Einrichtung der Sklaverei bereits spontan am Erlöschen. Zur Abschaffung der Sklaverei vgl. PLINIO CORRÊA DE OLIVEIRA, A margem do 13 de maio, in Legionário Nr. 296 (15. Mai 1938). Vgl. auch Robert CONRAD, Os últimos anos da escravatura no Brasil, 1850–1888, Civilização Brasileira, Rio de Janeiro 1978 (2. Aufl.); Emilia VIOTTI DA COSTA, A abolição, Global, São Paulo 1982.
(35) Zitiert bei S. RANGEL DE CASTRO, Quelques aspects de la civilisation brésilienne, a.a.O., S. 29.
(36) Guglielmo Ferrero berichtet, daß er in Rio de Janeiro, in der Benjamin Constant-Straße, den „Menscheitstempel“ besucht und sich dort angenehm mit dem Hohen Priester, Herrn Teixeira Mendes, unterhalten habe (G. FERRERO, Fra i due mondi“, Fratelli Treves Editori, Mailand 1913, S. 187).
(37) G. FREYRE, Order and Progress. A Political History of Brazil, Westview Press, Boulder (Colorado) 1991.
(38) An der Spitze des Staates folgten aufeinander Prudente de Moraes (1894–1898), Campos Sales (1898–1902), Rodrigues Alves (1902–1906), Afonso Pena (1906–1909), Nilo Peçanha (1909–1910), Hermes da Fonseca (1910–1914), die brasilianische Außenpolitik aber verblieb während dieser ganzen Periode in den Händen des Barons von Rio Branco (1845–1912) .
(39) „Es waren die ‚goldenen Jahre‘ der Ersten Republik, wenn wir diesem Zeitabschnitt eine Bezeichnung geben wollen, wie sie bei den alten Historikern üblich war ...“ (Plinio DOYLE, Brasil 1900-1910, Biblioteca Nacional, Rio de Janeiro 1980, Bd. I, S. 14). Zu Anfang des Jahrhunderts lebten in Brasilien 17.318.556 Einwohner, 60% davon auf dem Land.