Mittwoch, 24. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis III

Die Erste Revolution: Humanismus, Renaissance, Protestantismus

Auf diese Weise wird der tiefere Sinn der sophistischen Revolution A und der in den Fakten sich daraus realisierende Revolution B, wie sie sich in Europa im 16. Jahrhundert ereignet haben, als eine Folge der oben beschriebenen, vorausgegangenen tendenziellen Revolution A verständlich.
Der Niedergang des Mittelalters war von einem Ausbruch des Stolzes und der Sinnlichkeit geprägt. Dieser Ausbruch brachte egalitäre und liberale Tendenzen hervor, die in den darauf folgenden Jahrhunderten immer mehr zunahmen.
Im Humanismus und in der Renaissance offenbart sich Feindseligkeit sowohl gegenüber dem Übernatürlichen und dem kirchlichen Lehramt als auch gegenüber der Sittenstrenge. Im Protestantismus finden sich die freie Selbstprüfung, der Minimalismus gegenüber dem Übernatürlichen, die Begünstigung der Ehescheidung, die Abschaffung des Ordensstandes, der Sittenstrenge und der Unterwerfung unter den drei Gelübden der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, sowie die virtuelle Beseitigung der kirchlichen Hierarchie. Zwar gibt es in fast allen protestantischen Sekten einen geistlichen Stand, doch ist in diesen der in der katholischen Kirche bestehende deutliche und tiefgehende Unterschied zwischen Geistlichem und Weltlichem infolge eines anderen Priesteramtsverständnisses sehr abgeschwächt. Außerdem wurde in den protestantischen Sekten auch der in der Kirche errichtete hierarchische Aufbau des geistlichen Standes durch die Ablehnung des monarchischen Elements im Papsttum entscheidend verstümmelt. Wenn die gleichmacherischen Tendenzen auch im Anglikanismus nicht so weit gegangen sind, die Bischofswürde abzuschaffen, so gibt es bei den Presbyterianern doch schon keine bischöflichen Würdenträger mehr, sondern nur noch Presbyter. In anderen Sekten ist der gleichmacherische Trieb so weit gegangen, dass man sogar das Priesteramt abgeschafft hat.
Wenn ich hier die Bedeutung der liberalen und egalitären Einstellung des Humanismus, der Renaissance und der Reformation hervorhebe, so will ich damit keineswegs leugnen, dass es daneben noch weitere Ursachen gegeben hat, die zur Entstehung und Verbreitung dieser Bewegungen beigetragen haben. Ich sage damit nur, dass die tendenzielle Revolution A mit ihrem radikal anarchischen und egalitären Charakter eine entscheidende Rolle in den Anfängen, in den Lehren, in dem, was man heute den Werbeerfolg nennen würde, und in den Ergebnissen dieser Strömungen gespielt hat.
Ich will auch nicht behaupten, dass diese Hauptantriebskraft nur in den Völkern zur Wirkung kam, die sich von der Kirche getrennt haben. Der Geist der Renaissance und des Humanismus hat nachhaltig auch in den Völkern geweht, die sich weiterhin katholisch nennen. Und obwohl die tendenzielle Revolution A dort nicht zum offenen Bruch mit der Kirche geführt hat, hat sie doch gewisse Formen von Inkubation des Protestantismus wachgerufen, von denen die wichtigste wohl der Jansenismus war. Dieser hat das religiöse Leben zusehends erkalten lassen und schließlich zum Skeptizismus geführt. Eine aufmerksame Untersuchung des königlichen Absolutismus, der in keinem Lande radikalere Formen angenommen hat als im katholischen Frankreich, zeigt, dass die Politik der absolutistischen Herrscher in allem, was nicht ihre eigene Autorität anging, von einem gewissen egalitären Zug geprägt war. Die von den absoluten Königen schrittweise eingeführte Einschränkung der Privilegien des Klerus und des Adels bewegte sich auf die politische Gleichstellung aller, der Macht des Alleinherrschers unterworfenen Bürger zu. Die ständige Unterstützung, die die Könige dem aktiven, entwickelten Teil des gemeinen Volkes, d. h. dem Bürgertum zukommen ließen, hat diese politische Gleichstellung nur noch mehr gefördert.

Zweite Revolution: Aufklärung, Absolutismus, Französische Revolution

Der seit dem Ende des Mittelalters zunehmende Sittenverfall erreichte im 18. Jahrhundert derartige Ausmaße, dass sie sogar einige ihrer Anführer zu alarmieren begann. Die französische Gesellschaft, angetrieben von den gleichen Faktoren, die in den nordischen Ländern zur Reformation geführt hatten, befand sich mit Hilfe der Aufklärung und des Absolutismus auf dem besten Wege zu einer heftigen Konvulsion, die sich als nichts anderes erweisen sollte als die Übertragung auf die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ebene all dessen, was das Wesen des Protestantismus ausgemacht hatte.
Im ausgehenden 18. Jahrhundert, als dieser schon müde und alt geworden und innerlich von den wachsenden Zweifeln der Skepsis ausgehöhlt war, so dass er keine Expansionskraft mehr besaß und nur noch mit Hilfe des Staates einen Rest an Leben fristete, erreichten die liberalen und egalitären Tendenzen in Frankreich schließlich ihren Höhepunkt. Der Humanismus und die Renaissance waren zu dieser Zeit bereits längst tot. Und der ganze Protestantismus war, wie gesagt, äußerst abgenutzt. Das Dynamischste und Grundlegendste der drei Bewegungen aber — der Geist, der sie hervorgerufen hatte — hatte sie überlebt und zeigte sich nun stärker denn je. Und dieser Geist sollte Frankreich und später ganz Europa in eine liberale, egalitäre Katastrophe stürzen.
Die Französische Revolution war derart vom Geist der Reformation geprägt, dass die von ihr geschaffene Konstitutionelle Kirche nichts als ein kaum vertuschtes Werkzeug zur Einführung eines wirklichen Protestantismus in Frankreich war. Der egalitäre, antimonarchische und antiaristokratische Charakter der Französischen Revolution ist nichts anderes als die auf den zivilen Bereich übertragene gleichmacherische Tendenz, die den Protestantismus dazu veranlasst hat, die aristokratischen und monarchischen Elemente der kirchlichen Hierarchie abzulehnen. Der an der extremen Linken der Revolution wirkende kommunistische Gärstoff, der in Bewegungen wie der von Babeuf zum Ausdruck kam, war nichts anderes als das laizistische Gegenstück jener kommunistischen Bewegungen wie der der Mährischen Brüdergemeine, die aus dem hervorgingen, was man als die extreme protestantische Linke bezeichnen könnte. Die komplette Laizisierung des Staates, die griechisch-römische Maskerade, die ständige Beschwörung der Republiken des klassischen Heidentums waren ein Beweis für die Auswirkungen des Humanismus, der Renaissance und der Aufklärung in der Französischen Revolution.
Wir müssen darauf bestehen. Der Protestantismus, der Humanismus, die Renaissance waren nichts anderes als historisch bedingte Ausdrucksformen des anarchischen, egalitären Geistes. Dass sie selbst nicht überlebt haben, verdanken sie zum Teil dem gleichen Geist, aus dem sie hervorgegangen sind, denn dieser, als Zerstörer schlechthin, hat sie in ihrem eigenen Kern vernichtet. Die Französische Revolution war lediglich eine neue, wenngleich energischere Ausdrucksform desselben Geistes.

Die napoleonischen Truppen haben die Französische Revolution in ihren Rucksäcken nach ganz Europa getragen

Durchaus bekannte geschichtliche Umstände haben dazu geführt, dass die mit der Errichtung des Kaiserreiches scheinbar abgeschlossene Französische Revolution von den Truppen Napoleons über ganz Europa verbreitet wurde. Die Kriege und Revolutionen, die den Zeitabschnitt zwischen 1814 und 1918, das heißt vom Sturz Napoleons bis zum Sturz der Habsburger, der Romanow und der Hohenzollern, geprägt haben, bilden eine Abfolge von Konvulsionen, in deren Verlauf sich Europa im Geiste der Französischen Revolution verwandelt hat. Die Folgen des 2. Weltkriegs haben diese Verwandlung nur noch verstärkt. Von den alten Monarchien Europas sind nicht mehr als ein halbes Dutzend übrig geblieben, und die zeigen sich dem republikanischen Geist gegenüber derart fügsam, dass man sich des Eindrucks nicht verwahren kann, sie hätten sich andauernd zu entschuldigen, dass es sie überhaupt noch gibt ...
Mit diesen Bemerkungen möchte ich keineswegs leugnen, dass es in den zerstörten Strukturen tatsächlich auch Missbräuche gegeben hat, die einer Korrektur bedurften. Ich will auch nicht behaupten, die Einführung einer aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Regierung könne nur das Ergebnis des egalitären, liberalen Geistes sein, von dem ich hier spreche. Das entspräche weder lehrmäßig der Wahrheit noch wäre es angesichts der Geschichte zu rechtfertigen. Neben verschiedenen politischen Strukturen aristokratischen Charakters, die, wie etwa in Venedig, keinesfalls alle monarchisch ausgerichtet waren, gab es auch andere Strukturen, die weder monarchisch noch aristokratisch aufgebaut waren, wie etwa Schweizer Kantone und freie deutsche Reichsstädte. Alle diese Regierungsformen bestanden friedlich nebeneinander, denn die Vielfalt der Regierungssysteme wurde je nach Zeit, Ort und sonstigen Umständen als legitim angesehen.
Die Revolution aber, die am Ende des Mittelalters ausbrach, wurde von einem ganz anderen Geist getragen als dem, der zur Bildung der aristokratischen beziehungsweise bürgerlichen Staaten des europäischen Mittelalters geführt hatte. Dieser Geist kam in der Behauptung absoluter, anarchischer Freiheit und der vollkommenen Gleichheit als den einzigen, für alle Zeiten und Orte gültigen Regeln der Ordnung und Gerechtigkeit zum Ausdruck.
Dieser Geist hat dann andererseits wieder die politisch egalitäre bürgerliche Gesellschaft untergraben, die er selbst hervorgebracht hatte. Den Höhepunkt seiner verwegenen Behauptungen erreichte er aber schließlich im Zuge der dritten großen Revolution der westlichen Welt, im Kommunismus.

Die Grundsätze von 1789:
Die Tendenz zur völligen Freiheit und Gleichheit

Die These der Gleichheit der Französischen Revolution fand ihren unverhohlenen Ausdruck in der Erklärung der Menschenrechte, der Magna Charta der Französischen Revolution und der von dieser eingeleiteten geschichtlichen Epoche: „Frei und gleich an Rechten werden die Menschen geboren und bleiben es.“
Dieses Prinzip kann man natürlich auch richtig auslegen, denn im Grunde besagt es, dass alle Menschen ihrer Natur nach wesentlich gleich sind. Ungleich sind sie nur in ihren Akzidenzen (nicht wesensbestimmte Eigenschaften). Da sie außerdem eine Geistseele und damit auch Vernunft und Willen besitzen, sind sie von Grund aus frei. Die Grenzen dieser Wahrheit liegen allein im Natur- und göttlichen Gesetz sowie in der Macht der verschiedenen geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, denen sich alle Menschen zu unterwerfen haben.
Niemand wird leugnen können, dass es zu allen Zeiten Obrigkeiten gab, die die grundlegende Gleichheit und Freiheit des Menschen verletzt haben. Andererseits hat es im Laufe der Geschichte auch immer wieder Bewegungen zum Schutz gegen die Ausschreitungen der Obrigkeit gegeben, denen es darum ging, der letzteren ihre rechtmäßigen Grenzen aufzuzeigen. Solange sich diese Bewegungen an das genannte Ziel halten, verdienen sie auch sicherlich allen Beifall. Wie in jeder anderen Epoche auch konnten Gleichheit und Freiheit im 18. Jahrhundert nutzbringend in Erinnerung gebracht werden, soweit sie nur richtig verstanden wurden.
Es stimmt natürlich, dass es 1789 unter den Revolutionären der ersten Stunde auch Leute gab, die nichts anderes wollten als eine gerechte Mäßigung der Staatsgewalt und die Gleichheit und Freiheit, wie sie in der Erklärung der Menschenrechte verkündet wurden, in ihrem förderlichsten Sinne verstanden.
Der Text der berühmten Erklärung war jedoch zu allgemein gehalten: Er vertrat eine Gleichheit und Freiheit ohne jede Einschränkung, was wiederum zu einer umfassenden, unangebrachten Auslegung führen musste: zu einer absoluten Gleichheit und Freiheit nämlich, die alles einbezog.
Diese Auslegung entsprach selbstverständlich dem Geist der heraufziehenden Revolution, die sich nach und nach von all den Parteigängern frei machte, die nicht mit diesem Geist übereinstimmten. Die Jagd auf den Adel und die Geistlichkeit wurde von der Verfolgung des Bürgertums abgelöst. Allein die Handwerker sollten übrig bleiben.
Als der Terror schließlich vorbei war, vertrat der Bürgerstand, dem es um die Ausmerzung der alten privilegierten Klassen ging, weiterhin die unvergänglichen Prinzipien von 1789. Doch tat er dies auf eine zwiespältige, unkluge Art und Weise, denn er rief die zu einer völligen Gleichheit und Freiheit tendierenden Volksmassen auf den Plan, um sich ihrer Unterstützung im Kampf gegen Königtum, Adel und Klerus zu vergewissern.
Diese Unklugheit ermöglichte in großem Ausmaß den Ausbruch jener Bewegung, die schließlich die Macht des Bürgertums selbst in Frage stellen sollte.
Wenn alle Menschen frei und gleich sind, haben dann die Reichen eine Daseinsberechtigung? Mit welchem Recht erben die Kinder das Vermögen ihrer Eltern ohne zu arbeiten?

Der utopische Kommunismus verkündete, dass die bürgerliche politische Gleichheit ohne die soziale und wirtschaftliche Gleichheit eine Täuschung sei

Bevor noch die Industrialisierung zu den großen Zusammenballungen unterernährter Proletarier führte, prangerte der utopische Kommunismus bereits die vom Bürgertum eingeführte rein politische Gleichheit als eine Täuschung an und verlangte nun die absolute soziale und wirtschaftliche Gleichheit. Der von einer Gesellschaft ohne Obrigkeit träumende Anarchismus breitete sich aus. Diese anfangs nur von einer beschränkten Anhängerzahl vertretenen radikalen Grundsätze des utopischen Kommunismus sollten später eine ungeahnte Verbreitung in den westlichen Ländern erleben. Allmählich drangen sie auch in das Denken zahlreicher Monarchen ein und beeinflussten die Mächtigen sowie weltliche und kirchliche Persönlichkeiten. So machte sich in weiten Bereichen von Nutznießern der bestehenden Ordnung eine gewisse Sympathie gegenüber dem Edelmut der freiheitlichen und egalitären Ideale breit, und mancher bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen, wenn er an die Rechtmäßigkeit der Machtausübung durch jene dachte, denen sie anvertraut war.
Meiner Ansicht nach besteht der große Erfolg von Karl Marx nicht darin, dass er den wissenschaftlichen Kommunismus, eine verworrene, nur wenigen bekannte Lehre geschaffen hat, denn der Marxismus ist an der kommunistischen Basis und in der heutigen Öffentlichkeit genauso unbekannt wie die Gedankengänge Plotins oder Averroes‘. Marx hat es aber vermocht, weltweit die kommunistische Offensive auszulösen, indem er die Anhänger einer radikal egalitären und anarchischen Tendenz auf der Grundlage des utopischen Kommunismus verbündet hat.

Wenn also auch die Führer des Marxismus mehr oder weniger vom Marxistischen Geiste beeinflusst sind, so sind doch die von ihnen befehligten einfachen Soldaten im Allgemeinen nicht in der Lage, diese Lehre zu verstehen. Was sie dazu veranlasst, sich um ihre Führer zu scharen, sind nichts als vage, im utopischen Sozialismus inspirierte Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Und wenn die marxistischen Kader in gewissen Bereichen der öffentlichen Meinung auf Sympathie stoßen, so verdanken sie dies im Grunde der fast universalen Ausstrahlung der egalitären Prinzipien der Französischen Revolution und der dem utopischen Sozialismus eigenen romantischen Sentimentalität.

Dienstag, 23. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis II

Krisen haben ihren Ursprung nicht im Kopf eines Denkers, sondern in ungezügelten, von den Gewalten der Finsternis geschürten Begierden

Es gibt Menschen, die glauben, Kultur- und Zivilisationskrisen hätten ihren Ursprung stets im Kopfe eines Denkers, von dessen kraftvollem Geist der klärende – oder zerstörerische – Funke ausgehe, der anfangs auf die kulturellen Eliten überspringe, um sich schließlich über den ganzen gesellschaftlichen Körper zu verbreiten. Manche Krisen entstanden wirklich auf diese Weise. Die Geschichte bestätigt jedoch keinesfalls, dass alle Krisen so entstanden sind. Und vor allem hat jene Krise, die schließlich zum Niedergang des Mittelalters und zum Heraufziehen des Humanismus, der Renaissance und der protestantischen Pseudo-Reformation führen sollte, bestimmt nicht so ihren Anfang genommen.
Schon allein die Tatsache, dass die Kirche dem Menschen eine für die menschliche Natur beschwerliche sittliche Strenge abverlangt, führt dazu, dass ihr Einfluss auf jede Seele, jedes Volk, jede Kultur und jede Zivilisation andauernd bedroht ist. Die ungezügelten, durch das außernatürliche Wirken der Mächte der Finsternis geschürten Begierden treiben Menschen und Völker ohne Unterlass zum Bösen. Die Schwäche des menschlichen Verstandes kann von diesen Tendenzen ausgenutzt werden. Der Mensch erfindet nur zu gern Trugschlüsse, um damit schlechte Handlungen zu rechtfertigen, dass er zu begehen gedenkt oder bereits begeht, ebenso wie üble Sitten, die er sich aneignet oder bereits angeeignet hat. Paul Bourget hat einmal gesagt: „Man muss so leben, wie man denkt, sonst denkt man über kurz oder lang so, wie man lebt.“4

4 Le Démon du Midi, Bd. II, S. 375. Plon, Paris 1914.

Stolz und Sinnlichkeit: Ihre überragende Bedeutung im Verlauf der Rebellion gegen die Kirche

Zwei Begierden sind es, die im besonderen Maße die Rebellion des Menschen gegen die Sitte und den christlichen Glauben hervorrufen können: der Stolz und die Sinnlichkeit.
Der Stolz veranlasst ihn dazu, jedwede Überlegenheit in einem anderen abzulehnen, und weckt in ihm eine leicht in Paroxysmus ausartende Gier nach Macht und Befehlsgewalt. Alle Unbeherrschtheit strebt letztendlich auf einen Paroxysmus zu. In seinem paroxystischen Zustand nimmt der Stolz jede Art von metaphysischem Kolorit an: Er begnügt sich nicht mehr damit, konkret diese oder jene Obrigkeit oder hierarchische Struktur zu erschüttern, es geht ihm vielmehr um die Abschaffung jeder Art von Obrigkeit, in welchem Bereich es diese auch geben mag. Nur die umfassende, komplette Gleichheit erscheint ihm erträglich und wird daher zum höchsten Kriterium aller Gerechtigkeit. Auf diese Weise bringt der Stolz schließlich seine eigene Moral hervor. Und im Kern dieser stolzen Moral verbirgt sich ein metaphysisches Prinzip: Die Seinsordnung fordert die Gleichheit, und alles Ungleiche ist ontologisch gesehen schlecht.
Die absolute Gleichheit ist für den, den wir den vollständig Stolzen nennen würden, der höchste Wert, dem sich alles Andere zu unterordnen hat.
Eine weitere Leidenschaft von wesentlicher Bedeutung im Verlauf der Rebellion gegen die Kirche ist die Unzucht. An sich führt sie zur Zügellosigkeit und veranlasst den Menschen, jede Art von Gesetz mit Füßen zu treten und jede Beschränkung weit von sich zu weisen. Ihre Auswirkungen summieren sich zu denen des Stolzes und veranlassen den menschlichen Geist zu allerlei Sophismen, die schließlich das Autoritätsprinzip überhaupt in seinem Innern untergraben.
Daher führt die von Stolz und Sinnlichkeit ausgelöste Tendenz zur Abschaffung aller Ungleichheit, aller Autorität und aller Hierarchie.

Zwei entgegengesetzte Vorgänge: Während der Glaube die Liebe zur Hierarchie fördert, führt der Sittenverfall zum Gleichheit der Anarchie

Selbst wenn der Mensch vor ihnen kapituliert, können die ungezügelten Leidenschaften selbstverständlich in der Seele oder im Geiste eines Volkes auf Gegengewichte in Form von Überzeugungen, Traditionen usw. stoßen.
In diesem Fall sieht sich die Seele oder Mentalität eines Volkes zwischen zwei einander entgegengesetzten Polen geteilt: Auf der einen Seite steht der Glaube, der zu Sittenstrenge, Bescheidenheit, Liebe zu aller legitimen Hierarchie einlädt; auf der anderen Seite steht der Sittenverfall, der zum vollkommenen, im eigentlichen Wortsinn an-archischen Egalitarismus aufruft. Wie wir gleich sehen werden, verleitet der Sittenverfall schließlich zum religiösen Zweifel und zur völligen Ablehnung des Glaubens.
In den meisten Fällen wird die Entscheidung zwischen diesen Polen nicht auf einmal, sondern schrittweise getroffen. Durch wiederholte Liebesbeweise gegenüber der Wahrheit und dem Guten kann ein Mensch oder ein Volk nach und nach in der Tugend fortschreiten und sich endlich ganz bekehren. Dies ist etwa im Römischen Reich unter dem Einfluss der christlichen Gemeinden, der Gebete der Gläubigen in den Katakomben und Einöden, des in der Arena an den Tag gelegten Heldentums und der im Alltag gezeigten Tugendbeispiele geschehen. Hierbei handelt es sich um einen aufsteigenden Vorgang.
Doch kann es auch ein Niedergang sein. Infolge des Zusammenstoßes der ungezügelten Leidenschaften werden die guten Überzeugungen nach und nach untergraben, die guten Traditionen verlieren ihre Kraft, die guten Sitten werden durch anstößige Sitten ersetzt, die erst ins offen Tadelnswerte und endlich ins Skandalöse abgleiten.

Hauptelemente der These von
 Revolution und Gegenrevolution:

Demzufolge sind also dies, kurz zusammengefasst, die wichtigsten Punkte der These, auf die sich Revolution und Gegenrevolution stützt:
a) die Aufgabe der Kirche als der einzigen Lehrerin, Führerin und Lebensquelle der Völker auf dem Weg zur vollkommenen Zivilisation;
b) der ununterbrochene Kampf der ungezügelten Begierden, vor allem des Stolzes und der Beschimpfung, gegen den Einfluss der Kirche;
c) das Vorhandensein gegensätzlicher Pole im menschlichen Geiste, zwischen denen er sich notwendigerweise entscheiden muss: einerseits der katholische Glaube, der die Liebe zu Ordnung, Sittenstrenge und Hierarchie fördert, und andererseits die ungezügelten Begierden, die zu Liederlichkeit, zum Aufstand gegen das Gesetz, gegen die Hierarchie und gegen jede Form von Ungleichheit anregen und letztendlich zum Zweifel und zum völligen Abfall vom Glauben führen;
d) der Begriff des Vorgangs, in dessen Verlauf sich Menschen und Völker — unbeschadet des freien Willens — von den genannten Polen angezogen fühlen und sich so allmählich dem einen nähern und vom andern entfernen;
e) der Einfluss dieses moralischen Prozesses auf die Entstehung der Lehren. Die schlechten Tendenzen schaffen eine Neigung zum Irrtum, die guten, zur Wahrheit. Die großen Veränderungen im Geist der Völker sind nicht einfach das Ergebnis von Lehren, die im kleinen Kreis von Intellektuellen aufgestellt wurden, die am Rande des Lebens dahinwirken. Damit eine Lehre im Volke Widerhall findet, ist es gewöhnlich notwendig, dass die Tendenzen des jeweiligen Volkes dieser Lehre ähnlich sind. Und nicht selten werden die Gedanken der Gelehrten mehr von den Neigungen der Umwelt beeinflusst, in der sie leben, als man denkt.

Einige grundlegende Definitionen:
Ordnung, Revolution, Gegenrevolution

Vom Gesagten ausgehend, fällt es leicht einige Begriffe zu definieren:
1. Ordnung ist nicht einfach die methodische und praktische Verteilung der materiellen Dinge, sondern nach dem thomistisch Verständnis die rechte Verfügung der Dinge nach ihrem naheliegenden und entfernten, physischen und metaphysischen, natürlichen und übernatürlichen Zweck;
2. Revolution ist nicht im Wesentlichen kein Straßenaufstand, eine Schießerei oder ein Bürgerkrieg, sondern alle Anstrengung, die die Menschen gegen die Ordnung aufwiegeln will;
3. Gegenrevolution ist jede Anstrengung zur Eingrenzung und Beseitigung der Revolution.

Revolution A – tendenziell und sophistisch;
Revolution B – in den Gesetzen, Strukturen, Institutionen und Sitten

Man kann also sehen, dass sowohl die Ordnung als auch die Revolution und die Gegenrevolution a) in den Tendenzen, b) in den Ideen, und c) in den Gesetzen, in den Strukturen, in den Institutionen und den Sitten vorhanden sein können.
So nenne ich die Revolution tendenziell, wenn sie in den Tendenzen zum Ausdruck kommt. Und ich nenne sie sophistisch, wenn sie sich im Hauch der Tendenzen auf dem Gebiet der Lehren ausbreitet.
Diese beiden Arten von Revolution bilden ein eminent geistiges Phänomen, was besagt, dass sich ihr Aktionsraum auf die menschliche Seele und die Mentalität der Gesellschaft erstreckt. Sie bilden demnach ein Ganzes, das ich die Revolution A nenne.
Wenn die Revolution aus dem Innern der Seelen hervorbricht und zur Tat schreitet, wenn sie geschichtliche Umwälzungen verursacht sowie Gesetze, Strukturen, Einrichtungen usw. in Unordnung bringt, dann wird sie zu dem, was ich die Revolution B nenne.
Die hier in aller Kürze dargestellten Begriffe müssen natürlich mit einer Reihe von Vorbehalten und Ausnahmen versehen werden, die ich zwar in Revolution und Gegenrevolution vorbringe, hier aber nicht weiter erklärt werden können.
Ich beschränke mich, darauf hinzuweisen, dass ich mit diesem Umriss des Wesentlichen in der Geschichte keineswegs behaupten möchte, dass sie darauf zu reduzieren sei. Die elementarste Beobachtung macht deutlich, dass der Lauf der Geschichte von zahllosen Faktoren bedingt wird, zu denen etwa die ethnischen, die geographischen und wirtschaftlichen zählen.

Wer die Gleichheit vertritt, muss wohl oder übel gegen den Glauben sein

Es bleibt mir noch ein Wort zum Zusammenhang zwischen der absoluten, metaphysischen Gleichheit und dem Glauben zu sagen. Wer radikal gleichheitlich denkt, wird notgedrungen zahllose Einwände gegen die katholische Glaubenslehre vorzubringen haben.
Die Begriffe von einem persönlichen, vollkommenen und ewigen Gott, der unendlich weit über den unvollkommenen, kontingenten (die der Hilfe bedürfen) Kreaturen steht; von einer übernatürlichen Ordnung, die über das Natürliche hinausgeht; von dem gottgegebenen Gesetz, dem zu gehorchen ist; von der Offenbarung, die dem menschlichen Geist Wahrheiten zugänglich macht, die über seinem natürlichen Verständnisvermögen liegen; vom unfehlbaren Lehramt der Kirche; vom monarchischen und aristokratischen Charakter ihres Aufbaus; alles, einschließlich des Gedankens von einem Gericht, das die Guten belohnt und die schlechten bestraft, stört den Gleichheitsgesinnten und veranlasst ihn zu einer ablehnenden Haltung.
Der Katholik im Gegenteil lernt beim Hl. Thomas von Aquin (Summa Theologica, I, q. 47, a 2), dass die Ungleichheit eine notwendige Voraussetzung für die Vollkommenheit der geschaffenen Ordnung ist. Daher sind Ungleichheit der Macht, des Wissens, der Klassenzugehörigkeit und des Vermögens im wesentlichen legitim und zur Erhaltung der rechten Ordnung unerlässlich, vorausgesetzt, dass sie nicht so weit gehen, dem Einzelnen seine Würde, seinen Lebensunterhalt und seine Sicherheit zu nehmen, auf die er als Mensch, durch seine Arbeit usw. einen Anspruch hat.

Montag, 22. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis I

Professor Plinio Corrêa de Oliveira


Als ich noch sehr jung war,
betrachtete ich hingerissen die Ruinen der Christenheit.
An sie hängte ich mein Herz.
Dem Künftigen kehrte ich den Rücken zu
und machte aus jener segensreichen Vergangenheit
meine Zukunft.
Mariä Himmelfahrt
-1981-

Auf Bitten von P. Stanislas Ladusans SJ, der 1976 ein Lexikon des brasilianischen philosophischen Denkens vorbereitete, schrieb Professor Plinio Corrêa de Oliveira damals die erste Fassung seines philosophischen Selbstbildnisses. 1989 bat ihn P. Stanislas dann noch einmal, den Text zu aktualisieren. Als Prof. Oliveira schließlich gegen Ende 1994 dazu kam, dem Text die endgültige Fassung zu geben, war P. Stanislas gerade gestorben, und so blieb die Schrift unveröffentlicht.
Inzwischen sind acht Jahre vergangen, seit unser unvergesslicher Gründer am 3. Oktober 1995 das Zeitliche gesegnet hat. Aus Anlaß des 100jährigen Geburtstages von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira nehmen wir die Gelegenheit wahr, diese bisher unveröffentlichte Schrift der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die die tiefe Spiritualität dieses wahren Kreuzritters des 20. Jahrhunderts und seine Hingabe an die Kirche offenbart.


Philosophisches Selbstbildnis

„Das Lächeln der Skeptiker hat nie vermocht,
den siegreichen Vormarsch der Gläubigen aufzuhalten“

Ich bin überzeugter Thomist. Der Bereich der Philosophie, der mich am meisten interessiert, ist die Philosophie der Geschichte. In ihr finden sich die beiden Beschäftigungen zusammen, denen ich mich mein ganzes Leben gewidmet habe: Studium und Aktion.
Letztere habe ich auf dem eng umschriebenen Feld der katholischen Lehre und ihrer Verbreitung sowohl im Dialog als auch durch die Polemik ausgeübt. Mögen Begriff und Wort auch noch so anachronistisch anmuten, so tue ich diese Äußerung doch mit größter Genugtuung.
Ein Essay, der das Wesentliche meines Denkens zusammenfasst, erklärt auch den Sinn meines ideologischen Wirkens: Es handelt sich um das Buch „Revolution und Gegenrevolution“.

Große geschichtliche Veränderungen haben ihren Ursprung in der Haltung des menschlichen Geistes gegenüber der Religion und der Philosophie

Dieses Essay („Revolution und Gegenrevolution“) geht von der Voraussetzungen aus, dass im Gegensatz zu dem, was so viele Philosophen und Sozialwissenschaftler behaupten, der Lauf der Geschichte nicht vorwiegend oder gar ausschließlich von den Zwängen der Materie auf den Menschen bestimmt wird. Ohne Zweifel beeinflussen sie das Werk des Menschen. Es ist jedoch der mit einer vernünftigen, freien Seele ausgestattete Mensch, der der Geschichte ihre Richtung gibt. Mit anderen Worten, der Mensch wirkt mehr oder weniger einschneidend auf die Umstände ein, die er vorfindet, und bestimmt so, wenn auch selbst auf unterschiedliche Weise von diesen beeinflusst, den Lauf der Ereignisse.
Nun entfaltet sich das menschliche Handeln normalerweise in Abhängigkeit von den Auffassungen, die ein jeder von der Welt, von sich selbst und vom Leben hat. Das bedeutet, dass die Geschichte von religiösen und philosophischen Lehren beherrscht wird, und dass der dynamische Kern jener Faktoren, die die großen geschichtlichen Umwälzungen herbeiführen, in der Abfolge der vom menschlichen Geist eingenommenen Haltungen gegenüber Religion und Philosophie zu suchen ist.

Die christliche Zivilisation in völliger Übereinstimmung mit den ewigen Grundprinzipien des Naturrechts und des göttlichen Rechts

Ich gehe nun zu einer weiteren Voraussetzung von Revolution und Gegenrevolution über. Ein katholisches Geschichtsbild hat zu berücksichtigen, dass Altes und Neues Gesetz nicht nur die Vorschriften enthalten, nach denen der Mensch in der Nachfolge Christi seine Seele zu formen  und sich so auf die Anschauung Gottes vorzubereiten hat, sondern auch die Grundregeln des menschlichen Verhaltens in Übereinstimmung mit der natürlichen Ordnung der Dinge.
In dem Maße, in dem der Mensch also im Gnadenleben fortschreitet, schafft er auch durch die Ausübung der Tugend eine Kultur, eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, in völliger Übereinstimmung mit den grundlegenden, unvergänglichen Prinzipien des Naturgesetzes und des göttlichen Gesetzes. Wir bezeichnen diese als christliche Zivilisation.
Die rechte Anordnung der irdischen Dinge beschränkt sich natürlich nicht auf diese grundlegenden, unvergänglichen Prinzipien, denen auch viel Zufälliges, Vorübergehendes und Freies anhaftet. Die christliche Zivilisation schließt eine unermeßliche Vielfalt von Aspekten und Nuancen ein. Das geht so weit, dass man in einem gewissen Sinne sogar von christlichen Zivilisationen und nicht nur von einer christlichen Zivilisation sprechen kann. Da jedoch die Grundprinzipien in allen christlichen Zivilisationen die gleichen sind, bildet die große Wirklichkeit, die sie alle einbezieht, eine machtvolle Einheit, die den Namen christliche Zivilisation schlechthin verdient. Die Einheit in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einheit sind perfektionierende Elemente. Somit geht die christliche Zivilisation infolge der Vielfalt ihrer Verwirklichungen keineswegs ihrer Einheit verlustig, und man kann durchaus behaupten, dass es im tieferen Sinn des Wortes nur eine einzige christliche Zivilisation gibt. Dennoch ist sie in ihrer Einheit so wunderbar vielfältig, dass man sich die Freiheit nehmen darf, unter einem bestimmten Gesichtspunkt vom Vorhandensein verschiedener christlicher Zivilisationen zu sprechen.
Nach dieser Erläuterung, die in analoger Weise auch für den Begriff der katholischen Kultur gilt, möchte ich klarstellen, dass ich die Begriffe christliche Zivilisation und christliche Kultur in ihrem höheren Sinn, das heißt, in dem ihrer Einheit benützen werde.
Ich erlaube mir hier, die oben genannten Behauptungen nicht mit einschlägigen Zitaten aus Texten des Heiligen Thomas oder des kirchlichen Lehramtes zu belegen, denn diese sind so zahlreich und außerdem all denen, die sich dieser Thematik ernsthaft widmen, durchaus bekannt, so dass ich mir diese lästige und zudem überflüssige Mühe ersparen kann. Diese Bemerkung gilt auch für andere Betrachtungen, die noch im ersten Teil der vorliegenden Darstellung auftauchen werden.
Unter den oben angeführten Voraussetzungen ist es nun leicht, die Rolle der Kirche und der christlichen Zivilisation in der Geschichte zu definieren.

Die Völker können sich einer vollkommenen Zivilisation allein in dem Maße nähern, in dem sie der Gnade und dem Glauben entsprechen

Es ist richtig, dass der Mensch infolge der Erbsünde das Gesetz Gottes nicht dauerhaft einzuhalten vermag, wenngleich er mit Gewißheit und ohne Irrtum in den göttlichen Dingen das erkennen kann, was dem menschlichen Verstand an sich nicht unzugänglich ist. So braucht er zu seiner Einhaltung die Gnade. Um den Menschen nun gegen seine eigene Bosheit und Schwäche zu schützen, versah Jesus Christus seine Kirche mit einem unfehlbaren Lehramt, damit es nicht nur die Wahrheiten des Glaubens, sondern auch die zur Erlösung notwendigen moralischen Wahrheiten lehre.
Es ist der Glaube, der den Menschen veranlaßt, sich dem Lehramt anzuvertrauen. Ohne Glauben wäre der Mensch nie in der Lage, die Gebote Gottes auf die Dauer und in vollem Umfange zu halten.
Daraus ergibt sich, dass die Völker die vollkommene, das heißt die christliche Zivilisation nur in dem Maße erreichen können, in dem sie dem Anspruch der Gnade und des Glaubens entsprechen; das schließt aber auch die rückhaltslose Anerkennung der katholischen als der einzig wahren Kirche und der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes mit ein.
Die tiefgehendste und zentralste Schlüsselfrage der Geschichte besteht demnach darin, dass die Menschen den katholischen Glauben kennenlernen, bekennen und praktizieren.
Natürlich will ich damit nicht leugnen, dass es auch hervorragende nichtchristliche Zivilisationen gegeben hat. Sie alle aber wurden durch diese oder jene Züge entstellt, die auf schockierende Weise mit dem von ihnen auf anderen Gebieten erreichten hohen Niveau in Widerspruch standen. Man braucht ja nur an die weite Verbreitung der Sklaverei zu erinnern oder an die Erniedrigung, der die Frau vor Jesus Christus ausgesetzt war. Keine andere Zivilisation hat je die der christlichen Zivilisation eigene, alles überragende Vollkommenheit erreicht.
Ich will auch keineswegs die Tatsache leugnen, dass die Zivilisation auch in einer vorwiegend schismatischen bzw. häretischen Bevölkerung wichtige Züge christlicher Tradition bewahren kann. Die ganze Fülle der christlichen Tradition kann sich jedoch allein in der katholischen Kirche entfalten und nur in katholischen Völkern vollständig erhalten bleiben.

„Es gab eine Zeit, in der die Philosophie des Evangeliums die Völker regierte ...“

Nun wird man jedoch fragen, wann es diese vollkommene christliche Zivilisation in der Geschichte tatsächlich gegeben habe. Ist die Vollkommenheit in diesem Leben überhaupt erreichbar?
Die Antwort auf diese Frage wird manchen Leser schockieren und ärgern. Ich muß aber dennoch behaupten, dass es eine Zeit gegeben hat, in der ein Großteil der Menschheit dieses Vollkommenheitsideal kannte und eifrig und aufrichtig danach strebte. Dank dieses Strebens in den Seelen nahmen die Grundzüge der Zivilisation derart christliche Formen an, wie es die Umstände einer sich aus der Barbarei erhebenden Welt zuließen. Ich spreche vom Mittelalter, von dem Leo XIII. trotz aller Mängel folgende beredte Worte schrieb: „Es gab eine Zeit, in der die Philosophie des Evangeliums die Völker regierte. Damals hatten die der christlichen Weisheit eigene wirksame Kraft und ihre göttliche Tugend die Gesetze, die Institutionen, die Moral der Völker durchdrungen und sich in allen gesellschaftlichen Schichten und Beziehungen ausgebreitet. Der von Jesus Christus gegründeten Religion war der Ehrenplatz eingeräumt worden, der ihr zusteht, und sie erblühte allenthalben dank der wohlwollenden Vertrauenskundgebung der Regierenden und der legitimen Treuhandschaft der Amtspersonen. Priestertum und Kaisertum lebten in gegenseitigem Einvernehmen und freundlicher Einwilligkeit zusammen. Gestützt auf diese Organisation, konnte der Staat Güter hervorbringen, die alle Erwartungen übertrafen, und noch heute lebt die Erinnerung an diese Leistungen fort und bleibt lebendig in den zahllosen geschichtlichen Denkmälern, die keine noch so verderbliche Geschicklichkeit der Gegner wird entkräften oder verschleiern können“.1

1 Enzyklika Immortale Dei vom 1. November 1885, in Doctrina Pontificia, Bd. II, S. 202. B.A.C., Madrid 1958.

Diesen Gesichtspunkt über das Ausmaß des kirchlichen Einflusses im Mittelalter finden wir auch in dem folgenden Text Pauls VI. über die Rolle des Papsttums im mittelalterlichen Italien: „Wir vergessen keineswegs die Jahrhunderte, in denen das Papsttum die  Geschichte [Italiens] mitgestaltete, seine Grenzen verteidigte, sein kulturelles und geistiges Erbe bewahrte, ganze Generationen in Zivilisation, Sitte, moralischer und sozialer Tugend erzog und sein römisches Bewusstsein und seine besten Söhne mit dem eigenen universalen Auftrag [des Papsttums] verband.“2

2 Ansprache an den Präsidenten der italienischen Republik, 11. Januar 1964. Insegnamenti di Paolo VI, Tipografia Poliglotta Vaticana, Bd. II, S. 69.

So ist die christliche Zivilisation also keine Utopie. Sie ist etwas Realisierbares, das in einer bestimmten Epoche blühte. Etwas, schließlich, das gewissermaßen das Mittelalter überlebte, so dass Papst Pius X. schreiben konnte: „Nein, die Zivilisation braucht nicht erst erfunden zu werden und die neue Stadt schwebt nicht in den Wolken. Es gab sie bereits und gibt sie noch immer, es ist die christliche Zivilisation, es ist die katholische Stadt. Sie braucht nur immer wieder auf ihrem natürlichen und göttlichen Fundament gegen den Ansturm der krankhaften Utopie, der Revolution und der Gottlosigkeit errichtet und wiederhergestellt zu werden.“
3 Die christliche Zivilisation hat also nachhaltige, bis in unsere Tage lebendige Spuren hinterlassen.

3 Apostolisches Schreiben Notre Charge Apostolique vom 25. August 1910, in Doctrina Pontificia, Bd. II, S. 408. B.A.C., Madrid, 1958.



Fortsetzung folgt

Mittwoch, 3. Juni 2015

Die Freude, die der Teufel verspricht, die gibt er nicht


Die nebenstehende Szene wurde nach einem Gewitter auf der Insel Ischia aufgenommen. Die Natur zeigt sich wieder von ihrer heiteren Seite. Eine schon betagte Bäuerin geht mit ihren Kindern oder vielleicht ihren Enkeln den Hang hinauf. Der Weg ist nicht asphaltiert, an den Seiten gibt es keine Kinos, keine Bars, keine Schaufenster und keine blinkende Leuchtreklame. In dieser Gruppe träumt niemand von einem Cadillac, nicht einmal von einer Lambretta. Sie laufen alle barfuss und tragen die Kleidung armer Leute.

Doch wie strotzen sie von Gesundheit, wie überläuft ihre Seele von den schlichten und grundlegenden Freuden des ländlichen Lebens, die die tausendjährige Tradition christlicher Zucht sie so angenehm spüren lässt. Sie sind froh, weil sie gesund sind, weil die Luft frisch ist, weil das Land schön ist, weil sie im Kreise der Familie verwurzelt sind, wo echte Liebe herrscht ohne Gefühlsduselei sondern reich an Opfersinn und gegenseitiger Hingabe. In der Einfalt ihres Auftretens sammeln sie sich um die zentrale Figur in einer Haltung echter Verehrung. Und in dieser Verehrung, wie viel Lieblichkeit, wie viel Vertrauen!

Damit wollen wir aber nicht den Eindruck geben, dass wir die Güter, die uns die Zivilisation und Kultur ermöglichen, gering schätzen. Wir leben jedoch in einer Zeit, in der das Neuheidentum eine monströse Fehlleitung verursacht, so dass die Kultur und Zivilisation in den Menschen unersättliche Begierden und Strebertum erweckt, und die künstlichen Freuden und Genüsse den christlichen Sinn für Zucht und Opfer zerstören. Die freigesetzten Triebe vertreiben eine gewisse Seelenfrische, mit der man die gemäßigten Freuden eines dem Gebet, Pflichterfüllung und dem Familienleben gewidmetes täglichen Lebens genießen kann. Für die Opfer dieses Prozesses wird das Leben zu einem tragischen Rennen auf der Suche nach Gold oder einem frenetischen Fandango rund um die Gelüste des Fleisches.

Das Leben wurde uns nicht gegeben um glücklich zu sein, sondern zur Ehre Gottes. Es muss indessen festgestellt werden, dass selbst vom Standpunkt des weltlichen Glücks aus das Neuheidentum ein schlechtes Geschäft ist. Es herrscht nämlich mehr Freude in einer strengen und christlichen Gesellschaft, selbst unter schlichten Verhältnissen, als im trügerischen Pomp einer hochzivilisierten – vielleicht besser gesagt einer pseudo-zivilisierten – Gesellschaft, die ihr ganzes Glück und Freude in den Gelüsten der Sinnlichkeit oder im Blendwerk des Geldes sucht.
*   *   *
Hier ein Schnappschuss in der Rue Mouffetard in Paris. Mit zwei Flaschen im Arm geht ein Bub nach Hause. Er bringt den köstlichen Vorrat für zwei behagliche Tage: Samstag und Sonntag.

Welch bescheidene Behaglichkeit! Doch welch triumphale und überschäumende Freude. Wie kann so wenig jemandem so viel Freude bereiten? Der Junge kommt offensichtlich aus einem bescheidenen Milieu, in dem, selbst in Großstädten, nicht selten eine reine wenn auch beschwerliche Freude eines einfachen und arbeitsamen Lebens herrscht, weil es mittel- oder unmittelbar durchtränkt ist vom übernatürlichen und wohltuenden Einfluss des Glaubens. In solcher Situation sammeln sich Vorräte von Seelenfrieden, Lebenskraft und tugendhafter Energie an, die mit jedem kleinen zusätzlichen Geschenk ins Schwingen geraten und sich zufrieden geben. Zu Tisch einer solchen Familie reicht schon ein wenig mehr als üblich an Essen und Trinken, für eine große Freude.

Noch einmal sieht man, dass es nicht der Überfluss an Gold und viel weniger die übermäßige Zügellosigkeit ist, die dem Menschen das höchstmögliche Maß an Freude auf dieser Welt beschert. Im Gegenteil, der Mensch erreicht in der Abtötung, in der Genügsamkeit, in der ernsthaften und wirksamen Einordnung in ein normales aber auch des Öfteren schwieriges tägliches Leben diese tugendreiche Ausgeglichenheit, die ihm die Freuden am Leben gibt.
*  *  *
Doch nachdem die Menschheit Unseren Herrn Jesus Christus und seine Heilige Kirche verlassen hat, begannen all diese sittlichen Werte, die von dem Saft der Gnade leben, zu verfallen.

Wenn der Teufel dem Menschen etwas verspricht, ist es gerade das, was er ihm entziehen wird.

Und seit dem Abfall des Westens vom wahren Christentum im frühen 14. Jahrhundert verspricht der Teufel den Menschen eine Zivilisation, die durch die Technik den Reichtum und die Freuden der Wollust vermehren soll, um somit eine größere Lebensfreude zu erreichen.
*   *   *
Dermaßen war diese Lüge groß, dass die Kirche, durch den Mund Papst Pius XII. in der Weihnachtsbotschaft von 1957, Millionen Seelen vor der Verzweiflung schützen musste, die in den Krallen dieser Zivilisation gefangen gehalten wurden und denen man vorhielt, das Leben sei was Böses, das Universum ein Fehler und Gott ein Mythos.
(Bilder von Henri Cartier-Bresson)

Freie Übersetzung aus Catolicismo Nr. 89 - Mai 1958

Donnerstag, 21. Mai 2015

Vorbereitung für eine große Mission


Am Fest der Muttergottes von Fatima könnten wir folgendes betrachten: Die Erscheinungen der Muttergottes wurden eingeleitet von einigen Engelerscheinungen und vor diesen wiederum gab es einige Lichterscheinungen, die keinem himmlischen Wesen richtig zugeordnet werden konnten. Die zwei Mädchen, Lucia und Jacinta, sahen am Himmel eine Lichtgestalt, die sie nicht deutlich beschreiben konnten. Später nahm das Licht die Gestalt eines Engels an, der ihnen dann sagte, er sei der Engel von Portugal. Durch mehrere Erscheinungen und Gespräche bereitete der Engel so, die Kinder auf die späteren Erscheinungen der Muttergottes vor.
Wie wir sehen, werden die Vorbereitungen für eine große Mission in Etappen durchgeführt. Es waren verschiedene Etappen, in denen die Vorsehung wollte, dass die Gnade auf die Kinder auf pädagogische Weise einwirkte und so ihre Seelen auf den Moment vorbereitete, in dem die Muttergottes zu ihnen sprechen würde. 
Bei dieser Vorbereitung können wir eine Lehre feststellen, die wir beachten sollten. Es handelt sich bei uns keinesfalls um Visionen, Erscheinungen oder Offenbarungen, doch wir, wie jeder Christ, haben eine Mission und diese Mission wird auch für uns allmählich deutlicher, in der Weise wie es in Fatima für die Kinder geschah.
Es kann vorkommen, dass jemand meint seine Berufung gefunden zu haben und in dieser etwas Großes vermutet. Doch er sieht sie zunächst mal nur wie ein leuchtender Fleck am Himmel, der aber im Laufe der Zeit immer deutlichere Konturen annimmt. Irgendwann definiert sich in seinem Geist die deutliche Sicht seiner Mission, seiner Berufung. Es gibt also eine Art Vorbereitung, bei der die Person ein offenes Herz haben muss, in den verschiedenen Etappen der Vorbereitung treu sein muss, damit, wenn der Moment kommt, da die Vorsehung an die Tür klopft und ihr eröffnen will, wie ihre Berufung sein wird und welche Bedeutung sie hat, die Person sie richtig erkennt und versteht.

Es ist ein Prozess der Reife, in dem einem immer wieder das Gleiche oder vielleicht etwas mehr gesagt wird, in dem man in treuer Erwartung Hinweise aufnimmt. Irgendwann kommt dann sie Stunde der Gnade und man sieht und versteht alles besser und deutlicher als vorher. Es ist die Vorgehensweise des Heiligen Geistes in den Seelen: Er bereitet sie Stück für Stück vor, um eine Lehre nach und nach aufzunehmen und ihr endlich zuzustimmen. Das ist echte katholische Bildung.
Es ist die Umwandlung dessen, was man hört in gut verstandenen und geliebten Prinzipien, so dass sie sich in die Seele verankern und das geistliche Leben nähren. Es ist eine etappenweise Bildung: Die Gnade zeigt uns zuerst etwas verschwommenes, dann zeigt sie uns einen Engel und am Ende spricht zu uns die Muttergottes.
So meine ich empfehlen zu können, der Muttergottes an diesem Tag um die Gnade zu bitten, sie möge vor unseren Augen erglänzen lassen alles, was wir schon hätten verstehen und wissen müssen, aber wegen unserer Untreue nicht erfasst haben. Sie möge uns allen diese Gnade schenken und die Ankunft des Tages beschleunigen, an dem sie uns das vollständige Verständnis unserer Berufung offenbaren wird, in Vorbereitung auf die Zeiten, die sie in Fatima vorausgesagt hat.
Vieles muss in unseren Seelen noch geschehen, deshalb bitten wir die Muttergottes, sie möge, nicht durch Visionen oder Offenbarungen, sondern durch die Gnade zu uns deutlich sprechen, wie sie in der Mulde von Iria zu den Hirtenkindern gesprochen hat, damit wir unsere Aufgabe erfüllen, wie die Seherkinder ihre Aufgabe erfüllt haben.
Der kleine Francisco sah die Muttergottes bei den Erscheinungen, hörte aber nicht, was sie sagte. Es scheint, dass die Muttergottes mit ihm, obwohl er ein reiner und rechter Junge war, nicht ganz zufrieden war. Sie ließ ihm sagen, er müsse noch einige Rosenkränze mehr beten. Er fügte sich und unternahm alles, um sich zu bessern, sodass er am Ende ein bewundernswertes Kind wurde und in heldenhafter Gesinnung starb.
Bitten wir Francisco, dass er unser Fürsprecher sei, da wir in uns ähnliches haben wie er es hatte, er möge für uns von der Muttergottes erreichen, was sie für ihn getan hat. Sie sagte ihm, sie werde ihn auch in den Himmel nehmen, er müsse aber noch einige Rosenkränze beten. Bitten wir sie um die Gnade „einige Rosenkränze mehr zu beten“, das heißt, etwas mehr tun, als was wir sollen, damit wir gut vorbereitet sind, wenn uns die großen Prüfungen, die großen Kämpfe und auch der große Ruhm im Himmel bevorstehen.
     

Plinio Correa de Oliveira: Vortrag (Tagesheiliger) 13. Mai 1964 

Donnerstag, 30. April 2015

Das allerheiligste Altarsakrament

Besuch des Allerheiligsten Altarsakraments

GOTT hat uns in seiner unendlichen Barmherzigkeit viele Mittel der Heiligung bereitgestellt. Das wichtigste aber ist die Eucharistie. Durch alle anderen schenkt er uns seine Gnade, doch in der heiligen Kommunion schenkt er uns sich selbst. Die Kirche hat deshalb die Eucharistie stets mit aller Verehrung und Zuneigung umgeben und ihr die verschiedensten Kultformen gewidmet. So hat sie eucharistische Triduen, Wochen und Kongresse, Heilige Stunden, die Ewige Anbetung, Vigilien, Prozessionen, das Fronleichnamsfest, das Fest des Eucharistischen Herzens Jesu und viele weitere liturgische oder private Frömmigkeitsübungen eingeführt.

So hat die Kirche mit dem Ziel, unseren Herrn im Altarsakrament zu verehren, auch viele Besuche des Allerheiligsten sowohl an den Tagen feierlicher Ausstellung als auch an gewöhnlichen Tagen empfohlen. Als eifrige Gläubige, die in allem mit der Kirche fühlen wollen, dürfen wir uns dieser Empfehlung gegenüber nicht gleichgültig verhalten.

Die tiefe Bedeutung eines Besuchs des Allerheiligsten


Herausragende Persönlichkeiten werden in der Gesellschaft stets mit Bekundungen der Hochachtung und des Respekts behandelt. Es ist dies eine Sitte, die nicht mehr als recht und billig ist. Nehmen wir das Beispiel eines Staatschefs, in dessen Palast das Vorzimmer von Menschen wimmelt, die ihn zu sprechen suchen. Da hat ein jeder eine Bitte vorzutragen. Es geht um Nominierungen, Anträge, Bewilligungen usw. Wenn der Präsident in der Öffentlichkeit erscheint, blieben die Passanten stehen, um ihn zu sehen; eine Eskorte gibt seinem Wagen mit Sirenengeheul das Geleit; stets ist er von einem Gefolge begleitet. Auf Reisen wird erwartet ihn überall ein feierlicher Empfang mit Reden und Musikkapelle.
 
Gott hat uns in seiner unendlichen Barmherzigkeit
viele Mittel der Heiligung bereitgestellt.
Das wichtigste aber ist die Eucharistie.
Die Mächtigen dieser Erde werden alle mehr oder weniger so behandelt. Ist da ein reicher Mann? Auch sein Vorzimmer ist stets voll. Der eine bittet ihn um Spenden, der andere möchte ihn zu einem Empfang einladen, wieder andere suchen ihm nur zu schmeicheln. Ist da ein großer Unternehmer? Es werden sicher Stellengesuche an ihn herangetragen: man wirbt um seinen Einfluss. Ist da einer, der für sein Wissen berühmt ist? Man fragt ihn um Rat, sucht seine Freundschaft zu gewinnen.
Jesus haben wir im Sakrament stets lebendig in unserer Mitte und er ist bestimmt viel mächtiger als alle Politiker, reicher als jeder Machthaber, weiser als irgendein Schriftsteller oder Wissenschaftler. Wie wäre es da möglich, dass wir uns mehr Mühe um die
Großen dieser Welt machten als um ihn? Wer könnte es wagen zu bestreiten, dass es recht und billig ist, ihn stets mit Eifer und Hingabe aufzusuchen, um von ihm die geistlichen und materiellen Güter zu erbitten, deren wir bedürfen; um ihm unsere Versuchungen und Ängste zu unterbreiten, ihm für die erlangten Gaben zu danken, ihn unserer Liebe zu versichern und ihn anzubeten? Zur Samaritin hat der Herr einst gesagt „Wenn du um die Gabe Gottes wüsstest ... “ Dasselbe könnten wir auch zu uns selbst sagen. Wenn wir mit lebendigem, glühendem Glauben den kennen würden, der uns gegeben wurde, würden wir uns viel mehr Mühe geben, ihn häufig aufzusuchen und mit ihm zu sprechen.

Die Besuche sollten häufig sein


Soweit es unsere Lebensumstände erlauben, sollten wir das Allerheiligste mehrmals am Tag besuchen, brauchen wir doch die Gnade Gottes jeden Augenblick und zur Ausführung eines jeden Tugendaktes. Ist es dann nicht angebracht, dass wir diese Gnaden auch häufig erbitten, indem wir wiederholt den Freund aufsuchen, den wir unter uns haben?
Der häufige Besuch des Allerheiligsten hat den großen Vorteil, dass er uns die Ausübung bestimmter Praktiken erleichtert, die zu einem asketischen Leben gehören, wie etwa die Wachsamkeit des Herzens, die Gewissenserforschung und das Bewusstsein, in der Gegenwart Gottes zu leben. Diese Übungen verlangen von uns eine ständige, aufmerksame Beobachtung unseres eigenen Verhaltens. Nun ist es aber so, dass uns die Beschäftigungen des täglichen Lebens derart beanspruchen und bedrängen, dass wir zur Zerstreuung neigen und uns die asketischen Übungen daher besonders schwer fallen. Wenn wir aber die Möglichkeit haben, uns im Laufe des Tages einige Male zurückzuziehen und dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn all das mitzuteilen, was uns auf der Seele liegt, wird es uns leichtfallen, unser Herz zu bewahren, unser Gewissen über einen bestimmten Punkt zu erforschen und stets im Bewusstsein seiner Gegenwart zu leben.
Lobenswert ist auch die Übung, Jesus im Allerheiligsten bei gewissen Gelegenheiten aufzusuchen, die uns ungelegen erscheinen. Wenn ein junger Mann zum Beispiel abends zu einem Treffen unterwegs ist und vom gewohnten Weg abweicht, um kurz eine Kirche zu besuchen, ist es leicht zu verstehen, wie angenehm diese Geste unserem Herrn sein muss, der die Menschen so sehr geliebt hat und auf so wenig Gegenliebe stößt. Wenn es uns manchmal nicht gelingt, unsere geistlichen Schwierigkeiten zu lösen, oder wenn die materiellen Probleme Überhand nehmen, liegt dann vielleicht nicht wenigstens ein Teil der Schuld an der Tatsache, dass wir versuchen, unser Tun und Lassen systematisch auf das zu beschränken, was uns leichter fällt und weniger Umstände macht? Uns selbst Opfer aufzuerlegen, ist ein heilsames Vorgehen, das die Seele stärkt und den Segen des Himmels auf uns herabruft.
Oft kann es auch vorkommen, dass es uns gleich ist, ob wir unsere gewohnten Gebete zu Hause verrichten oder in einer Kirche - so etwa den Rosenkranz, die Meditation, das marianische Offizium usw. In diesem Falle ist es zu empfehlen, dass wir die Kirche vorziehen. Jesus, der sich durch die Tränen der Witwe von Naim bewegen ließ und ihr das Leben ihres Sohnes zurückgab, lässt sich bestimmt auch leicht durch die bewegen, die stets seine Gesellschaft suchen. Sein Herz, das so sehr an der Gleichgültigkeit und Kälte der Menschen leidet, will uns stets bei sich haben. Auf ihn überträgt die Kirche das Schriftwort: „Ich suchte einen, der mich trösten könnte, habe aber keinen gefunden.“ Jesus selbst hat die schlafenden Apostel zurechtgewiesen: „Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“


Montag, 30. März 2015

KREUZWEG

von Plinio Corrêa de Oliveira
GEBET

O schmerzhafte Mutter, in diesen Zeiten, in denen die große Mehrheit der Menschen die Opfer flieht, obwohl diese zur vollkommenen Erfüllung der Gebote und Weisungen Deines göttlichen Sohnes unerlässlich sind, erlange allen, die notwendige Kraft, ihr eigenes Kreuz bis hinauf auf Golgotha zu tragen.
1. Station
Jesus wird zum Tode verurteilt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DER RICHTER, der das ungeheuerlichste Verbrechen der Menschheitsgeschichte beging, wurde dazu nicht angetrieben durch das Auflodern einer stürmischen Leidenschaft. Es blendete ihn nicht ideologischer Hass, nicht Gier nach neuen Reichtümern, nicht der Wunsch, einer Salome zu gefallen. Es war die Furcht, seinen Posten zu verlieren, die ihn antrieb, den Unschuldigen zu verurteilen. Die Furcht, den Eindruck zu erwecken, die Vorrechte des Kaisers nicht sorgfältig zu hüten; die Angst, politische Schwierigkeiten für sich selbst zu schaffen, wenn er dem Pöbel missfallen würde; die instinktive Angst „Nein“ zu sagen, das Gegenteil zu tun, was verlangt wird, mit Haltungen und Meinungen aufzutreten, die dem Umfeld widersprechen.
O Herr, lange hast Du ihn angeschaut mit dem gleichen Blick, der im Nu die Bekehrung des Petrus erwirkte. Ein Blick, in dem sich Deine höchste moralische Vollkommenheit widerspiegelte, Deine unendliche Unschuld. Und dennoch, er hat Dich verurteilt.
O Herr, wie oft habe ich Pilatus nachgeahmt! Wie oft habe ich zugelassen, dass aus Liebe zu meiner Karriere die Wahrheit in meiner Gegenwart angegriffen wurde und ich dazu schwieg. Wie oft habe ich mit verschränkten Armen dem Kampf und dem Martyrium derer zugesehen, die sich für Deine Kirche einsetzten. Und hatte keinen Mut, ihnen ein Wort der Unterstützung zu sagen, aus Feigheit, denen zu entgegnen, die mich umgaben, „Nein“ zu sagen denen, die mein Umfeld bildeten, aus Angst „anders zu sein, als die anderen“. So, als ob Du mich erschaffen hättest, o Herr, um Dich nicht nachzuahmen, sondern unterwürfig meine Freunde nachzuahmen. In jenem schmerzhaften Augenblick der Verurteilung hast Du, o Herr, gelitten für alle Feiglinge, für alle Schwächlinge, für alle Lauen, ... , für mich, o Herr.
Mein Jesus, Verzeihung und Barmherzigkeit. Durch das Beispiel Deiner Stärke, mit der Du der Verachtung der Menschen entgegengetreten bist und das Urteil des römischen Statthalters auf Dich genommen hast, heile in meiner Seele das Geschwür der Trägheit und der Bequemlichkeit.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.

2. Station
Jesus nimmt sein Kreuz auf sich

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

NUN BEGINNT, o mein angebeteter Herr, Dein Weg zur Opferstätte. Nicht einen schnellen Tod hat Dein himmlischer Vater für Dich bestimmt. Nein! Durch einen langen Leidensweg solltest Du uns nicht nur ein Beispiel im Sterben sein, sondern auch in der Sicht des herannahenden Todes: Ihm mit Ruhe, ohne Zögern und ohne Schwächen zu begegnen; ja sogar ihm entgegenzuschreiten mit dem sicheren Schritt eines Kriegers, der zum Kampfe vordringt. Dies ist die bewundernswerte Lehre, die Du mir gibst.
Doch bei mir wieviel Feigheit in der Vorahnung eines Schmerzes, o mein Gott. Bevor ich mein Kreuz auf mich nehme, versuche ich mich entweder anzupassen, oder ich ziehe mich zurück und verrate meine Pflichten. Wenn ich es schließlich annehme, dann mit soviel Überdruss und Trägheit, dass es scheint, ich verabscheue die Last, die Dein Wille mir auf die Schultern legt. Und wie oft kommt es vor, dass ich meine Augen schließe, um den Schmerz nicht zu sehen. Ich verblende mich mit einem einfältigen Optimismus, weil ich keinen Mut habe, die Prüfung auf mich zu nehmen. Und deshalb lüge ich mir selbst vor: Es ist nicht wahr, dass der Verzicht auf dieses Vergnügen notwendig ist, um nicht der Sünde zu verfallen. Es ist nicht wahr, dass ich jener Gewohnheit, die meine innersten Leidenschaften schürt, entsagen muss. Es ist nicht wahr, dass ich jene Umgebung, jene Freundschaft meiden muss, weil sie mein geistliches Leben ruinieren. Nein, nichts davon ist wahr... Ich schließe die Augen und werfe mein Kreuz zur Seite.
Mein Jesus, verzeih' mir soviel Bequemlichkeit. Durch die Wunde, die das Kreuz auf Deiner heiligen Schulter öffnete, heile, o Vater der Barmherzigkeit, die schreckliche Wunde in meiner Seele, die Jahre innerer Sorglosigkeit und Selbstgefälligkeit aufgerissen haben.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.


3. Station
Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.


WIE DENN, o Herr? War es Dir nicht erlaubt, Dein Kreuz liegen zu lassen? Da Du es doch getragen hattest, bis all Deine Kräfte erschöpft waren und die nicht mehr tragbare Last des Kreuzes Dich zu Boden warf, war es da nicht deutlich genug, dass es unmöglich war, es weiter zu tragen? Deine Aufgabe war erfüllt! Nun sollten die Engel des Himmels das Kreuz für Dich weiter tragen! Du hattest das Möglichste gelitten! Was könntest Du noch mehr hergeben?
Doch Du hast Dich anders verhalten und meiner Feigheit eine hohe Lehre erwiesen. Als Deine Kräfte erschöpft waren, hast Du Dich nicht der Last entledigt, sondern um noch mehr Kraft gefleht, um das Kreuz wieder aufzunehmen. Und Du hast sie erhalten.
Schwer ist heute das Leben eines Christen. Gezwungen gegen sich selbst zu kämpfen, um vom Pfade der Gebote nicht abzuweichen, scheint er gegenüber einer Welt, die in Zügellosigkeit und Reichtum sich der Lebensfreude brüstet, eine überspannte Ausnahme zu sein.
O Herr, das Kreuz der Treue zu Deinen Geboten lastet schwer auf unseren Schultern und manchmal scheint uns der Atem zu versagen.
In diesem Augenblick der Prüfung reden wir uns selber ein: Wir haben schon alles getan, was in unseren Kräften stand. Letztendlich ist ja die Ausdauer des Menschen begrenzt! Gott wird dafür schon Verständnis haben ... Legen wir das Kreuz am Rande des Weges ab und lassen wir uns sachte in die Genüsse des Lebens versinken! ...
O, wie viele verlassene Kreuze am Rande unserer Wege; wer weiß, wie viele am Rande meines eigenen Weges!
Gib mir, o Herr, die Gnade, mein Kreuz fest in den Armen zu halten, selbst wenn unter seiner Last meine Kräfte mich verlassen sollten. Gib mir die Gnade, mich wieder aufzurichten, wenn immer ich zusammenbreche. Gib mir, Herr, die große Gnade niemals vom Wege abzukommen, auf dem ich zum Gipfel meines eigenen Kalvarienberges gelangen muss.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.

A. Amen.

4. Station
Jesus begegnet seiner heiligen Mutter

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

WER WÜRDE es wagen, o Mutter, Dich so weinen zu sehen und nach dem Grund Deiner Tränen zu fragen? Weder die Erde, noch der Himmel, noch das ganze Firmament könnten als Vergleich herangezogen werden, für die Unermesslichkeit Deiner Schmerzen.
Gib mir, o Mutter, wenigstens einen kleinen Teil Deiner Schmerzen. Gib mir die Gnade, Jesus mit den Tränen einer aufrichtigen und tiefen Zerknirschung zu beweinen.
Du leidest mit Jesus. Gib mir die Gnade zu leiden, Wie Du und Er leiden.
Dein größter Schmerz kam nicht von der Betrachtung des unsagbaren körperlichen Leidens Deines göttlichen Sohnes. Was sind schon die Leiden des Körpers im Vergleich zu den Leiden der Seele? Wenn Jesus all diese Marter hätte erleiden müssen, doch an seiner Seite mitleidige Herzen gewesen wären! Wenn der dümmste, der ungerechteste, der platteste Hass das heiligste Herz nicht unendlich mehr verwundeten, als die Last des Kreuzes und die Misshandlungen den heiligen Leib Unseres Herren! Und da war der sich tobend äußernde Hass und die Undankbarkeit derer, denen Er seine Liebe erwiesen hatte ... Hier ein Aussätziger, den Er geheilt hatte ... Da ein Blinder, dem Er das Augenlicht zurückgegeben hatte ... Etwas weiter ein Betrübter, dem Er wieder den Frieden geschenkt hatte... Und alle verlangten Seinen Tod. Alle hassten Ihn; alle beschimpften Ihn. Dies alles bereitete Jesus viel mehr Leiden, als die unsagbaren Schmerzen, die seinen heiligen Leib erdrückten.
Doch es gab noch Schlimmeres. Da war noch die Sünde; die ausgesprochene Sünde, die offensichtliche Sünde, die abscheuliche Sünde. Wenn all jene Undankbarkeiten dem gütigsten aller Menschen zuteil würden, aber paradoxerweise Gott nicht
beleidigen würden! Doch sie richteten sich gegen den Gottmenschen und waren deshalb ein äußerstes Vergehen gegen die Heiligste Dreifaltigkeit selbst. Und das ist das Verhängnisvollste an der Ungerechtigkeit und der Undankbarkeit.
Das schlimmste an diesem Vergehen ist nicht, dass es die Rechte des Wohltäters verletzt, sondern dass es Gott selbst beleidigt.
Und unter den vielen Ursachen Eurer Schmerzen, bereitete Euch gewiss die Sünde das größte Leid, o heiligste Mutter, o göttlicher Erlöser.
Und ich? Weiß ich um meine Sünden? Erinnere ich mich meiner ersten Sünde? Meiner jüngsten Sünde? Der Zeit, zu der ich sie begang, des Ortes, der Personen, die um mich waren, der Gründe, die mich zur Sünde führten? Hätte ich an all das Leid gedacht, das Dir nur eine einzige Sünde zufügt, hätte ich es dann je gewagt, Dich zu beleidigen, o Herr?
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.

5. Station
Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

WER WAR dieser Simon? Was weiß man von ihm schon mehr, als dass er aus Cyrene stammte? Und was wissen wir über Cyrene schon mehr, als dass es die Heimat dieses Simon war? Die Person und der Ort traten auf einmal aus der Dunkelheit zum Ruhm hervor; und zum höchsten allen Ruhmes, weil ein heiliger Ruhm, in einem Augenblick, als ganz andere Gedanken die des Cyrenäers waren.
Er ging wohl ganz unbekümmert seinen Weg. Er dachte wohl an die kleinen Probleme und kleinen Interessen, die den Alltag eines gewöhnlichen Menschen bestimmen.
Doch Du, mein Herr, überquertest seinen Weg mit Deinen Wunden, mit Deinem Kreuz, mit Deinem unsagbaren Schmerz. Diesem Simon war es gegeben, Dir gegenüber Stellung zu beziehen. Sie zwangen ihn, Dein Kreuz mitzutragen. Entweder würde er es unwillig mittragen, gleichgültig Dir gegenüber, dem Pöbel zu gefallen, indem er auf irgendeine Weise Deine leiblichen und seelischen Schmerzen erhöhte; oder er würde es mit Liebe tragen, aus Mitleid, den Schaulustigen zum Trotz, um Dein Leid zu lindern, um selbst ein wenig Deine Schmerzen zu leiden, damit Du etwas weniger littest.
Der Cyrenäer zog es vor, mit Dir zu leiden. Und siehe, seit zweitausend Jahren wird sein Name in Liebe, in Dankbarkeit und mit heiligem Neid von allen gläubigen Menschen auf der ganzen Welt wiederholt. Und so wird es sein bis ans Ende der Zeiten!
O mein Jesus, auch mir bist Du über den Weg gegangen. Du kamst mir entgegen, als Du mich durch die heilige Taufe von der Finsternis des Heidentums in den Schoß Deiner Kirche berufen hast. Du kamst mir entgegen, als meine Eltern mich das Beten lehrten. Du kamst mir entgegen, als ich im Katechismus meine Seele der wahren katholischen Lehre öffnete. Du kamst mir entgegen bei meiner ersten Beichte, bei meiner ersten heiligen Kommunion, in all den Augenblicken, in deenen ich wankte und Du mich gestützt hast, in denen ich fiel und Du mich wieder aufgerichtet hast, in denen ich Dich anflehte und Du mich erhört hast.
Und ich, Herr? Auch jetzt kommst Du mir wieder entgegen in diesem Kreuzweg. Was tue ich, o Herr, wenn Du an mir vorübergehst?
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.



6. Station
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

AUF DEN ersten Blick würde man sagen, es gibt in der Geschichte keinen größeren Preis. Denn welcher König hatte jemals ein kostbareres Tuch in der Hand, als jenen Schleier? Welcher Feldherr besaß je ein glorreicheres Banner? Welche mutige und selbstlose Tat wurde je mit einer so außerordentlichen Auszeichnung belohnt?
Und doch: Es gibt eine Gnade, die viel wertvoller ist als der Besitz eines Schleiers mit dem Abbild des heiligen Antlitzes unseres Erlösers. Hier ist das göttliche Antlitz wie auf einem Bild dargestellt. In der Heiligen Katholischen Kirche sieht man Ihn wie in einem Spiegel.
In ihren Einrichtungen, in ihrer Lehre, in ihren Geboten, in ihrer Einheit, in ihrer Universalität, in ihrer unübertrefflichen Katholizität ist die Kirche ein wahrer Spiegel, der unseren göttlichen Erlöser widerspiegelt. Mehr noch: Sie ist der Mystische Leib Christi selbst.
Und wir alle haben die Gnade, der Kirche anzugehören, lebendige Bausteine der Kirche zu sein!
Wie müssen wir für diese Gnade dankbar sein! Doch vergessen wir nicht, dass "Adel verpflichtet". Der Kirche anzugehören, ist etwas sehr hohes und zugleich schweres. Wir müssen denken, wie die Kirche denkt, fühlen, wie die Kirche fühlt, in allen Umständen unseres Lebens handeln, wie es die Kirche will. Dies setzt eine wahrhaftige katholische Gesinnung voraus, eine echte und vollständige Sittenreinheit, eine tiefe und ehrliche Frömmigkeit. Mit anderen Worten: Es setzt das Opfer eines ganzen Daseins voraus.
Und der Preis? „Christianus alter Christus“! Ich werde auf hervorragende Weise ein Abbild Christi selbst. Die Ähnlichkeit Christi wird sich lebendig und heilig meiner Seele einprägen.
O Herr, wenn die der Veronika zuerteilte Gnade groß war, wie viel größer ist doch die Gunst, die Du mir versprichst.
Ich bitte Dich um Kraft und Entschlossenheit, um sie durch eine unverbrüchliche Treue wirklich zu erlangen.

Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.


7. Station
Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

FALLEN, hinfallen, am Boden niedergestreckt, vor Aller Füßen liegen, offen zu erkennen geben, dass alle Kräfte dahin sind: Dies sind, o Herr, die Demütigungen, denen Du Dich unterwerfen wolltest, um mich zu belehren. Niemand hatte Mitleid mit Dir. Im Gegenteil: Die Beleidigungen und Grobheiten nahmen zu. Indessen flehte vergeblich Deine Gnade um eine Geste des Erbarmens im Innern dieser versteinerten Herzen.
Doch auch in dieser Lage wolltest Du Deinen Leidensweg weitergehen, um die Menschen zu erlösen. Welche Menschen? Alle, einschließlich derer, die da waren und Deine Schmerzen auf alle Art und Weise vermehrten.
In meinem Apostolat, o Herr, muss ich weitermachen, auch wenn all meine Werke zu Boden gefallen sind; auch wenn alle sich zusammentun, um mich anzugreifen; auch wenn die Undankbarkeit und die Bosheit derer, denen ich Gutes tun wollte, sich gegen mich wenden.
Ich werde nicht der Schwäche nachgeben und einen anderen Weg einschlagen, nur um ihnen zu gefallen. Meine Wege können nur die Deinen sein, das heißt, die Wege der Wahrheit, der Reinheit, der Strenge. Auf diesen Deinen Wegen werde ich für sie leiden. Und in der Vereinigung meiner unvollkommenen Schmerzen mit Deinem vollkommenen Schmerz, mit Deinem unendlich kostbaren Schmerz, werde ich ihnen weiterhin Gutes tun, damit sie gerettet werden oder damit die verweigerten Gnaden sich wie glühende Kohlen auf sie häufen und nach Strafe rufen. Dies tatest Du mit denen, die Deinen Tod verlangten, und mit allen, die Dich bis zuletzt ablehnten.

Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.



8. Station
Jesus tröstet die weinenden Frauen

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

ES FEHLTE aber nicht an guten Seelen, die den Umfang der hier verübten Sünde erkannten und die göttliche Gerechtigkeit fürchteten.
Sehe nicht auch ich eine solche Sünde? Ist es nicht wahr, dass heute der Stuhl Petri angefochten, verlassen, verraten wird? Ist es nicht wahr, dass die Gesetze, die Institutionen, die Sitten gegenüber Jesus Christus immer feindseliger werden? Ist es nicht wahr, dass eine ganze Welt, eine ganze Kultur aufgebaut wird, die Christus leugnet? Und ist es nicht wahr, dass die Muttergottes in Fatima all diese Sünden aufgezeigt hat und um Buße und Sühne bat?
Doch wo ist diese Buße? Wie viele sind es, die die Sünde wirklich sehen und versuchen sie beim Namen zu nennen, zu enthüllen, zu bekämpfen, ihr Schritt für Schritt den Boden zu bestreiten, ihr in einem Kreuzzug von Gedanken und Taten mit aller Härte zu begegnen? Wie viele gibt es, die fähig sind, das Banner der absoluten und makellosen Wahrheit dort zu entfalten, wo der Unglaube oder der falsche Glaube herrscht? Wie viele sind es, die in Einheit mit der Kirche diese Zeiten leben, die so tragisch sind, so tragisch wie der Leidensweg Christi war; in diesem entscheidenden Zeitpunkt der Geschichte, in dem die Welt die Wahl für oder gegen Christus trifft?
O mein Gott, wie viele Kurzsichtige gibt es, die es vorziehen, die Wirklichkeit, die ihnen in die Augen springt, nicht sehen und nicht vorhersehen zu wollen.
Wie viel Zufriedenheit, wie viel kleiner Wohlstand, wie viel alltäglicher kleiner Genuss. Wie viel schmackhafte Linsengerichte zum Schlürfen!
Gib mir, o mein Jesus, die Gnade nicht zu ihnen zu zählen. Die Gnade, Deinem Rat zu folgen, und zwar über uns und die Unseren zu weinen. Nicht mit fruchtlosen Tränen, sondern mit Tränen, die zu Deinen Füßen fallen, durch Dich fruchtbar werden und für uns Verzeihung, Kraft und Unerschrockenheit im Apostolat erlangen.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.


9. Station
Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

MEHR DENN JE, o mein Herr, bist Du erschöpft, entkräftet, verwundet. Was erwartet Dich noch? Bist Du am Ziel angelangt? Nein. Gerade das Schlimmste steht noch bevor. Das entsetzlichste Verbrechen wird noch vollbracht. Die größten Schmerzen wirst Du noch leiden müssen. Zum dritten Male liegst Du am Boden und dennoch, alles, was bisher geschah, war erst der Anfang. Doch Dein zu einer einzigen Wunde gewordener Leib bewegt sich wieder. Was unmöglich schien, geschieht: Noch einmal erhebst Du Dich, langsam, wenn auch jede kleinste Bewegung einen neuen Schmerz bedeutet. Und siehe, wieder einmal stehst Du aufrecht da... mit Deinem Kreuz. Neue Kräfte hast Du geschöpft und setzt Deinen Weg fort. Dreimal bist Du gefallen und gabst mir damit drei Lehren der Standhaftigkeit, jede einzelne schmerzlicher und nachdrücklicher als die andere.
Warum soviel Nachdruck? Weil unsere Feigheit beständig ist. Wir nehmen uns vor, unser Kreuz auf uns zu nehmen, doch die Feigheit stellt sich immer wieder ein. Damit sie aber keinen Vorwand in unseren Schwächen findet, wolltest Du selbst uns ein dreifaches Beispiel geben.
Ja, unsere Schwäche kann uns nicht als Vorwand dienen. Die Gnade, die Gott niemandem verwehrt, kann erreichen, was die rein natürlichen Kräfte nicht vermögen.
Gott will, dass man Ihm bis zum letzten Atemzug dient, bis zur Erschöpfung der letzten Kräfte; und Er vergrößert unsere Fähigkeit zu leiden und zu wirken, damit unsere Hingabe bis an die Grenzen des Unvorhersehbaren, des Unwahrscheinlichen, ja, des Wunders reiche. Das Maß, Gott zu lieben, ist, Ihn ohne Maßen zu lieben, sagte der hl. Franz von Sales. Das Maß, für Gott zu kämpfen, ist, ohne Maßen für Ihn zu kämpfen, könnten wir sagen.
Doch, ich: wie schnell fühle ich mich erschöpft! In meinen apostolischen Werken hält mich das kleinste Opfer auf, die kleinste Mühe ruft in mir Widerwillen hervor, der kleinste Kampf treibt mich in die Flucht. Ich liebe das Apostolat, ja, aber es muss sich ganz meinen Vorlieben und Phantasien anpassen, denen ich mich hingeben kann, wann ich will, wie ich will und weil ich will. Und am Ende glaube ich noch, Gott ein großes Almosen gegeben zu haben.
Doch Gott hat daran keinen Gefallen. Im Einsatz für die Kirche will Er mein ganzes Leben, Er will Organisation, Scharfsinn, Kühnheit; Er will die Einfalt der Taube, aber auch die List der Schlange, die Sanftmut des Lammes, aber auch den hinreißenden und überwältigenden Zorn des Löwen. Wenn es notwendig sein sollte, Karriere, Freundschaften, Familienbande, dürftige Eitelkeiten, eingefleischte Gewohnheiten aufzugeben, um meinem Gott zu dienen, muss ich es tun. Lehrt mich doch diese Station des Leidens meines Herrn Jesus Christus, dass wir Gott alles schenken müssen, absolut alles. Und nachdem wir Ihm alles geschenkt haben, müssen wir Ihm noch unser eigenes Leben schenken.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.

R. Amen.

10. Station
Jesus wird seiner Kleider beraubt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

ALLES, ja absolut alles! Selbst die Schmach müssen wir erleiden, aus Liebe zu Gott und zur Rettung der Seelen.
Und da ist der Beweis. Der durchaus Reine wurde seiner Kleider beraubt und die Unreinen verhöhnten Ihn in seiner Reinheit. Und Unser Herr widerstand dem Spott der Unreinheit.
Scheint es nicht unbedeutsam, dem Hohn zu widerstehen, wer doch schon so vielen Martern widerstanden hat? Dennoch war auch diese Lehre noch nötig. Wegen der Verachtung einer Magd hat Petrus seinen Herrn verleugnet. Wie viele Menschen werden Christus verlassen haben aus Furcht vor Lächerlichkeit. Denn wenn es Menschen gibt, die in den Krieg gehen und sich Schüssen und dem Tod aussetzen, nur um nicht als Feiglinge verspottet zu werden, ist es nicht wahr, dass gewisse Menschen mehr Angst vor einem Lächeln haben als vor allem anderen?
Der göttliche Meister trotzte dem Spott. Damit lehrte Er uns, dass es nichts Lächerliches gibt, wenn man auf dem Pfade der Tugend und des Guten ist.
Lehre mich, o Herr, die Majestät Deines Antlitzes widerzuspiegeln und die Kraft Deiner Standhaftigkeit, wenn die Bösen gegen mich die Waffe des Spottes gebrauchen wollen.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

11. Station
Jesus wird ans Kreuz genagelt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DIE BOSHEIT wählte für Dich, mein Herr, als letzte die grausamste Pein. Ja, die grausamste, denn sie führte zu einem langsamen Tod, sie verursachte die größten Schmerzen und war die schändlichste, denn sie war den niederträchtigsten Verbrechern vorbehalten.
Alles wurde von der Hölle bestellt, um Dir die größten und schlimmsten Schmerzen an Leib und Seele zuzufügen. Beinhaltet dieser tiefgründige Hass nicht eine Lehre für mich? Wehe mir, der ich sie nie ganz begreifen werde, wenn ich nicht nach Heiligkeit strebe. Zwischen Dir und dem Teufel, zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Irrtum besteht ein tiefer, unversöhnlicher, ewiger Hass. Die Finsternis hasst das Licht, die Söhne der Finsternis hassen die Söhne des Lichtes; der gegenseitige Kampf wird andauern bis zur Vollendung der Tage, und es wird nie Frieden sein zwischen der Nachkommenschaft der Frau und der Nachkommenschaft der Schlange... Um die unermessliche Breite, die Größe dieses Hasses zu verstehen, betrachte man alles, was er zu tun wagte. Es ist der Sohn Gottes, der da hängt, verwandelt in einen Aussätzigen, wie es in der Heiligen Schrift heißt, an dem nichts Heiles ist, in ein Wesen, das sich krümmt unter den Schmerzen wie ein Wurm, verabscheut, verlassen, an ein Kreuz genagelt zwischen zwei gemeinen Verbrechern. Der Sohn Gottes: Welch unendliche, unvorstellbare, erhabene Größe enthalten diese Worte! Doch siehe, was der Hass gegen den Sohn Gottes zu verüben wagte!
Und die ganze Weltgeschichte, die ganze Kirchengeschichte ist nichts anderes als dieser unerbittliche Kampf zwischen denen, die Gottes sind, und denen, die des Teufels sind, zwischen denen, die der Jungfrau gehören, und denen, die der Schlange gehören. Ein Kampf, in dem es nicht nur Missverständnisse gibt, nicht nur Schwäche, sondern auch Bosheit, absichtliche, verschuldete, sündhafte Bosheit von Seiten der Scharen der Menschen und bösen Geister, die dem Satan folgen.
Dies ist es, was gesagt, bekräftigt, ausgerufen und woran immer wieder am Fuße des Kreuzes erinnert werden muss. Denn wir sind, vom Liberalismus dermaßen verunstaltet, immer dazu geneigt, diesen unentbehrlichen Aspekt des Leidens unseres Herrn zu vergessen.
Doch die Jungfrau der Jungfrauen, die schmerzhafte Mutter, die an der Seite ihres Sohnes an seinem Leiden teilnahm, sie wusste um diese Tatsache. Ebenfalls wusste es der jungfräuliche Apostel, dem unter dem Kreuze Maria als Mutter gegeben wurde und der damit das größte Vermächtnis erhielt, dass jemals einem Menschen gegeben wurde. Denn es gibt gewisse Wahrheiten, die Gott den Reinen bereithält und den Unreinen verweigert.
O meine Mutter, in dem Augenblick, in dem sogar ein Schächer Verzeihung verdient hat, bitte Jesus, Er möge mir all meine Blindheit verzeihen, durch die ich die Verschwörung des Bösen um mich herum nicht zur Kenntnis nahm.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.



12. Station
Jesus stirbt am Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

Nun kam schließlich der Gipfel aller Schmerzen. Ein so hoher Gipfel, dass er sich in den Wolken des Geheimnisvollen verhüllt.
Die physischen Leiden haben ihre Grenzen erreicht, die moralischen Leiden ihren Höhepunkt.
Doch eine weitere Qual sollte den Schmerz noch darüber hinaus führen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Auf eine gewisse geheimnisvolle Weise wurde selbst das fleischgewordene Wort von der Qual der Verlassenheit befallen, bei der die Seele keinen göttlichen Trost erfährt. Und so groß war diese Pein, dass Er, von dem die Evangelisten kein einziges Wort der Klage zu berichten wussten, diesen herzzerreißenden Ruf von sich gab: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Ja, warum? Warum, da Er doch die Unschuld selbst war?
Eine schreckliche Verlassenheit, gefolgt von dem Tod und einem Aufbäumen der ganzen Natur. Die Sonne verbarg sich. Der Himmel verlor seinen Glanz. Die Erde bebte. Der Vorhang des Tempels riss entzwei, eine Trostlosigkeit breitete sich im ganzen Universum aus.
Warum? Um den Menschen zu erlösen. Um die Sünde zu vernichten. Um die Pforten des Himmels zu öffnen.
Der Gipfel des Leidens war zugleich der Gipfel des Sieges. Der Tod war tot! Die gereinigte Erde war wie ein freigelegtes Land, auf dem die Kirche nun erbaut werden konnte.
Dies alles geschah, um zu erlösen. Um Menschen zu erlösen. Um diesen Menschen, der ich selbst bin, zu retten. Meine Erlösung kostete diesen hohen Preis. Ich werde kein Opfer mehr scheuen, um diese so kostbare Erlösung zu sichern.
Durch das Wasser und das Blut, die aus Deiner göttlichen Seite flossen, durch die Wunde in Deinem heiligsten Herzen, durch die Schmerzen Deiner Mutter, gib mir, o Jesus, die Kraft, mich von Personen und Dingen zu trennen, die mich von Dir entfernen können. Jede Freundschaft, jede Leidenschaft, jede Bestrebung, jeder Genuss, alles was mich von Dir trennte, soll heute sterben, ans Kreuz geschlagen werden.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

13. Station
Jesus wird vom Kreuze abgenommen und in den Schoß seiner heiligen Mutter gelegt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DIE RUHE des Grabes erwartet Dich, o Herr. In den Schatten des Todes öffnest Du den Himmel den Gerechten, während auf Erden einige wenige Gläubige sich um Deine Mutter versammeln, um Dir die Ehrungen des Begräbnisses zu erweisen.
In der Stille dieser Stunde vernimmt man die ersten Strahlen einer aufgehenden Hoffnung. Diese ersten Ehrerbietungen, die Dir zuteil werden, sind der Anfang einer unendlichen Folge von Liebeszeichen der erlösten Menschheit, die sie Dir bis ans Ende der Zeiten darbringen wird.
Hier zeigt sich uns ein Bild der Schmerzen, der Trostlosigkeit, aber doch voller Frieden. Ein Bild, das etwas Siegreiches voraussagt, wenn man die Sorge und Liebe betrachtet, mit der Dein heiliger Leichnam behandelt wird.
Ja, diese frommen Seelen hatten Mitleid mit Dir, und doch ließ sie etwas den glorreichen Sieger in Dir vorausahnen.
Möge auch ich, o mein Herr, in der trostlosesten Lage, in der sich die Kirche auch befinden mag, ihr immer treu bleiben, sie auch in ihren traurigsten Stunden nicht verlassen, mit der unverwüstlichen Gewissheit, dass Deine heilige Braut einst siegen wird durch die Treue der Guten, da sie ja Deinen Schutz erfährt.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

14. Station
Jesus wird ins Grab gelegt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

EIN STEIN verschließt das Grab. Nun scheint alles zu Ende.
Aber nein. Es ist der Augenblick, in dem alles seinen Anfang nimmt. Die Apostel versammeln sich wieder. Die Hingabe und die Hoffnung flackern wieder auf. Das Osterfest naht.
Zugleich aber umkreist der Hass der Feinde das Grab, Maria und die Apostel. Aber sie fürchten sich nicht. Bald wird der Morgen der Auferstehung glänzen.
Möge auch ich, Herr, mich nicht fürchten. Mich nicht fürchten, wenn alles unwiderruflich verloren scheint. Mich nicht fürchten, wenn alle Mächte der Welt in den Händen Deiner Feinde zu liegen scheinen. Mich nicht fürchten, weil ich bei Maria bin, bei der sich immer und immer wieder die treuen Kinder Deiner Kirche für neue Siege versammeln werden.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mõgen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

Schlussgebet

O mein Jesus, Mann der Schmerzen, in Deiner Seele und an Deinem Leib hast Du alles erlitten, was ein Mensch nur leiden kann.
Ich betrachte Deinen vom Kreuz herabgeholten Leichnam, Deine Menschheit, dem Aussehen nach vernichtet, und Dein unendlich kostbares Blut, das bis zum letzten Tropfen während Deines Leidensweges vergossen wurde.
Für alle Zeiten wirst Du nun in unseren Seelen der Inbegriff von Schmerz sein: Von Schmerz mit allem, was er an Würde, Stärke, Ernsthaftigkeit, Süßigkeit und Erhabenheit beinhaltet; Schmerz, der von der Ebene der philosophischen Betrachtung zum unendlich hohen Firmament des Glaubens erhoben wurde; Schmerz in seiner theologischen Bedeutung als notwendige Sühne und unerlässliches Mittel unserer Heiligung.
Durch die Verdienste Deines kostbarsten Blutes gib unserem Verstand die notwendige Klarheit, den Sinn des Schmerzes zu begreifen, und unserem Willen die Kraft ihn mit aller Aufrichtigkeit unserer Seele zu lieben.
Denn nur durch das Verständnis der großen Rolle des Schmerzes und des Geheimnisses des Kreuzes wird die Menschheit aus der furchtbaren Krise, in die sie gefallen ist, herauskommen und diejenigen von der ewigen Pein bewahren, die bis zuletzt Deine Einladung abgelehnt haben, mit Dir den Schmerzensweg zu gehen.
Heiligste Maria, Mutter der Schmerzen, erlange durch Deine Gebete, dass Gott auf Erden die Zahl derer vermehrt, die das Kreuz wahrhaftig lieben.
Dies ist die Gnade, um die wir in dieser Abenddämmerung unserer armen und so zerrütteten Zivilisation bitten. Amen.

Plinio Corrêa de Oliveira * 1908 - † 1995
Sein Leben
„Noch sehr jung betrachtete ich begeistert die Ruinen der Christenheit; ihnen schenkte ich mein Herz, kehrte meiner Zukunft den Rücken und gestaltete aus jener segensträchtigen Vergangenheit meinen Lebensweg.“