Freitag, 18. April 2014

Die Schmerzensreiche Gottesmutter

Die Schmerzensreiche Gottesmutter 
und die Schmerzen der Kirche heute

Zum Thema Schmerzen Mariens gäbe es viele Kommentare, denn der Schmerz ist ja eines der Höhepunkte im Leben Mariens. Man könnte sagen, so wie die Passion Unseres Herrn in der Erfüllung Seines Erlösungswerkes der Höhepunkt Seines Lebens darstellte, so war auch für Maria, in Ihrer Eigenschaft als Miterlöserin, das Mit-Leiden mit Jesus während der Passion der Höhepunkt Ihres Lebens. In diesem Zusammenhang werden wir einiges über die Schmerzen der Heiligen Katholischen Kirche betrachten.
Alles, was wir von und über Jesus und Maria sagen, können wir auch von der Kirche sagen. Wir können also behaupten, dass Jesus in Seiner Passion für alle Schicksalsschläge, die die Heilige Kirche im Laufe der Jahrhunderte trafen, gelitten hat. Er sah die gegenwärtige Krise der Kirche, Er kannte den erbärmlichen Zustand der Kirche heute; und dieser Zustand entriss Ihm viel stöhnen, verursachten  viele Schmerzen, und Er sah die relative Vergeblichkeit Seines vergossenen Blutes. Viele Menschen würden nämlich die Erlösung, die Er ihnen bringen wollte,  verschmähen. Eine große Zahl Menschen würde sich in die Hölle stürzen; eine große Zahl Menschen würde, in unserer Zeit, eines der kostbarsten Früchte Seines Erlöserleidens und -sterbens vernichten wollen: Die Heilige Katholische Kirche. Und sie würden sie auf die schlimmste Weise vernichten wollen: Von Innen her.
Das heißt, Hände von Freunden, Hände von Kindern, Hände von Priestern nehmen es auf sich, das zu tun, was der schlimmsten Ruchlosigkeit im Laufe von Jahrhunderten nicht gelungen ist. Diesen Schmerz der Kirche sah Jesus von der Höhe des Kreuzes. Dieser Schmerz entriss Ihm viel Stöhnen und Ächzen. Maria nahm von all dem auch Kenntnis, Sie sah auch alles, und Ihr Zustand wird sehr deutlich dargestellt in den sieben Schwertern, die Ihre Seele durchdringen. Die Gottesmutter litt um diesen Zustand.
Warum litten beide, Jesus und Maria, bezüglich der Kirche? Sie litten, weil das Meisterwerk Gottes in der Ordnung der Gnade, nicht die Einsetzung der Eucharistie oder die Einsetzung dieses oder jenes Sakraments war, sondern die Gründung der Katholischen Kirche, denn sie ist der Schrein, in dem all diese Juwelen enthalten sind. Auch die Unfehlbarkeit der Kirche ist eines dieser Juwelen in diesem Schrein, der die Katholische Kirche ist.
Unter diesen Umständen bedeutet die Absicht, die Katholische Kirche zu zerstören, das feindseligste, abscheulichste und höchst teuflischste Unternehmen gegen das Werk der Erlösung. Und das schlimmste ist, zu merken, dass der Ruchlosigkeit bewusst wurde, dass dieses Werk der Zerstörung nur durch geweihte Hände durchgeführt werden kann. Es sind die Machenschaften einer Verschwörung geweihter Hände, um dieses Werk zu vollbringen. Davon zeugt die Unterwanderung der Seminare, die Unterwanderung der höchsten Grade der Hierarchie. Diese Verschwörung wurde übrigens von einem heiligen Papst enthüllt, – der hl. Papst Pius X., der annehmbar nicht eines natürlichen Todes gestorben ist –, doch die Verschwörung ging und geht weiter und kommt wie eine steigende Flut bis zum heutigen Stand der Dinge.
Es ist die Wiederholung des Gottesmordes. Man will im Rahmen des Möglichen Gott nochmals töten, indem man den Mystischen Leib Christi zerstören will, und das, wie der hl. Pis X. in seine Enzyklika „Pascendi Dominici gregis“ schreibt, mittels einer internen Verschwörung, bei der geweihte Hände mit am Werk sind. Teuflischer könnte dieses Vorhaben nicht sein. Nach der Erlösung hätte man nichts Teuflischeres in Gang bringen können als das, und dieser Versuch könnte eigentlich nicht weiter gehen, als zu dem Punkt, zu dem er heute gekommen ist.
Wir können also sagen, dass, nach dem Tod Unseres Herrn Jesus Christus und nach dem Sieg, den der Teufel – unter gewissen Aspekten – mit dem Tod Christi errungen hat, wir den größten Sieg Satans seither miterleben. Ein Triumph, der schon eine Vorhersage und Vorschau seines Triumphes vor dem Ende der Zeiten ist.
So wie die Muttergottes wegen all dem gelitten hat, müssen auch wir mit Ihr leiden. Am Gedenktag Ihrer Schmerzen, den die Kirche in der Nähe der Passionstage gelegt hat, um uns auf das Leiden und Sterben Unseres Herrn vorzubereiten, sollten wir die Muttergottes um folgendes bitten: Wir alle sind ständig in Gefahr uns ausschließlich um die Sorgen und Kleinigkeiten unseres täglichen Lebens zu kümmern, wenn diese auch der Aufrechterhaltung unserer kleinen Werke im Apostolat gewidmet sind. Jeder baut sich damit sein kleines persönliches Leben auf: Man organisiert den Tagesablauf, dieser ist immer gut ausgefüllt, alles dreht sich um die eigenen Interessen. Doch es fehlt der Blick auf den Hintergrund und wir verlieren die Sicht dessen, was wichtiger ist.
Das Wichtigste für mein Leben als Katholik ist nicht, was ich heute oder morgen tun werde, sondern im Geiste die Passion, die die Heilige Katholische Kirche leidet, begleiten. Das Wichtigste ist, den ganzen Tag zu bluten mit dem Gedanken an die undenkbare und unheimliche Gewalt, die der Kirche angetan wird. Den ganzen Tag muss der Hintergrund unserer Tätigkeiten sein: Tun, beten, leiden für die Kirche, mit ihr leiden. Alles, was ich mache und tue, Kleines wie Großes, sollen letztendlich meiner Mutter, der Kirche helfen und trösten in ihrem Schmerz.
Deshalb soll an diesem Gedenktag Ihrer Schmerzen, die Muttergottes uns diese Bitte nahelegen, die Sie über Jahrhunderte und in allen Ländern zu den an Ihr vorübergehenden spricht: „O Ihr alle, die Ihr des Weges zieht, haltet und seht, ob ein Schmerz sei ähnlich meinem Schmerz!“ Und verstehen, das nicht die Gottesmutter so zu uns spricht, sondern die Katholische Kirche. Es gibt in der heutigen Welt nichts, was so verachtet, so verraten, so verfolgt, von so viel Hass getroffen wird, wie die Katholische Kirche. Es ist die Kirche, die uns heute zuruft: „O Ihr alle, die Ihr des Weges zieht, haltet und seht, ob ein Schmerz sei ähnlich meinem Schmerz!“
Wahrlich gibt es heutzutage keinen größeren Schmerz, als den der Heiligen Kirche. Selbst die Marter der Zeit des Protestantismus, in den Tagen der Französischen Revolution, zur Zeit des Falls von Byzanz, der Völkerwanderung, der Christenverfolgung im römischen Reich oder was auch immer, haben keinen Vergleichswert mit dem Schmerz, den die Kirche heute leidet.
Zur Vorbereitung auf das Gedenken an die Schmerzen Mariens und auf das Leiden Christi, denken wir intensiv an die Kirche und verinnerlichen wir, wie in der Kirche sich die Passion Jesu Christi wiederholt. Wie machen wir das? Halten wir inne. Stellen wir diese ständige, verzehrende Geschäftigkeit mit uns selbst ein, „halten und sehen, ob ein Schmerz sei ähnlich“ dem Schmerz der Katholischen Kirche. Bitten wir die Muttergottes, Ihr Schwert des Schmerzens möge unsere Herzen durchdringen. 
Die Schmerzensschwerter der Gottesmutter müssen unsere Seele durchdringen, damit wir mit der Kirche in diesen schrecklichen Tagen leiden können.
Also dann, „haltet und seht, haltet und betrachtet, erwägt und prüfet, ob es einen Schmerz gibt gleich meinem Schmerz“, ist die Einladung dieses Fests der Schmerzen Mariens und dieser wirklich kreuzigende Karwoche, die uns bevorsteht.

Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, den er am 7. April 1965 hielt. Er wurde frei übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne seine Überarbeitung.


Dienstag, 15. April 2014

„PATER NON MEA VOLUNTAS, SED TUA FIAT“

„PATER NON MEA VOLUNTAS, SED TUA FIAT“
Plinio Correa de Oliveira

„Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus, über den Bach Kidron hinüber, wo ein Garten war, in dem Er und seine Jünger eintraten“ (Joh 18,1).
Jesus verlässt Jerusalem. Es war kein gewöhnliches Aufbrechen, gefolgt von einer baldigen Wiederkehr, sondern eine wahre und endgültige Trennung.
Der Messias liebte die Heilige Stadt, ihre mit Ruhm bedeckten Mauern, den Tempel des lebendigen Gottes, der sich aus ihnen erhob, das auserwählte Volk, das in ihr wohnte. Deshalb predigte Er ihm die frohe Botschaft mit besonderer Liebe und Hingabe und bekämpfte sein Laster mit besonderem brennendem Nachdruck. Doch es verweigerte sich ihm. Er verließ also die verbannte Stadt.
Es war Nacht. Jerusalem glänzte in all seinen Lichtern. Es gab Wärme und Überfluss in den Häusern und lebhafter Betrieb in seinen Straßen. Eine große Sorglosigkeit lag über der frohen und friedlichen Stadt. Jesus, mit all seiner Schönheit, seinem Anmut, seiner Güte kümmerte sie wenig. Als Er die Stadt verließ, vernahm es niemand, niemand wusste es, vielleicht hier und da ein Spaziergänger, der Ihn mit Gleichgültigkeit begegnete. Um ihre Seelen zu führen, zogen sie Annas, Kaiphas und dergleichen vor. Um ihre nationalen Interessen zu wahren, reichten ihnen Herodes. Sie tolerierten Pilatus mit resignierter schlechter Laune. Unter der Wachsamkeit dieser geistlichen und weltlichen Hirten konnten sie ja nach Lust und Laune ungezwungen essen, trinken und sich vergnügen, und im nachhinein ihr Gewissen mit einem Gebet und einem Opfer im Tempel trösten. So erledigte sich alles in Schläfrigkeit und Anpassung.
Jesus, meinten sie, ist gekommen um diesen Frieden zu stören. Er sprach von Tod, Gericht, Himmel und Hölle ohne zu verstehen, dass für die Welt solche Predigten nicht angebracht waren; und das die erste Pflicht eines Rabbi in Anpassung an den Forderungen der Zeit bestand. Doch Jesus, als Kenner der heiligen Schriften, sehr gewandt in seiner Denkfähigkeit, mit hervorragenden Eigenschaften Menschenmengen zu beeindrucken und in vertraulich überzeugenden Gesprächen Menschen an sich zu ziehen, schien bemüht eine unumgängliche Unvereinbarkeit zwischen Religion einerseits und ein nach Herzenslust sorgenfreies und hemmungsloses Leben andererseits aufzuweisen. So spaltete Er die zwei Teile eines Bogens und bewirkte früher oder später den Zusammenbruch dieses Systems. Doch das störte Ihn nicht, denn es war vernunftwidrig. Um die gefährlichen Folgen Seiner Worte hervorzuheben, wirkte Er Wunder. Gestützt auf das Ansehen, die diese Ihm einbrachten, verwirrte Er die Geister noch mehr, als Er ihnen lehrte, dass der Weg, der zum Himmel führt, schmal ist und ihnen die Notwendigkeit der Reinheit, der Redlichkeit, der Rechtschaffenheit einschärfte, um diesen Weg einzugehen. Hatte Er, der Erbarmen predigte, denn kein Mitleid mit den Seelenkämpfen, der Gewissensdramen, die Er damit hervorrief? Er, der die Demut predigte, sah Er nicht ein, dass es notwendig war, sich mit dem Beispiel der Vorsicht, die ihm die Hohenpriester  gaben, abzufinden?
Es ist wahr, dass es eine Zeitlang so aussah, als ob Er siegen würde. Doch der Hohe Rat handelte zeitlich. Er öffnete freigebig seine Schatztruhen, schickte Abgesandte, die im Volk Vorbehalte gegen den Eindringling erwecken sollten. Sie waren sehr geschickt und verstanden die richtigen psychologischen Saiten der Menschen anzuschlagen. Damit waren die Aussichten des Rabbi beseitigt. Jerusalem würde nicht ihm gehören. Sein Tod war beschlossen und das Volk würde ihm zustimmen. Dieser Todesbeschluss wäre die letzte und unbedeutende Folge  ihrer Machenschaften. Ein kleiner Fall für die Polizei. So wäre denn der „Fall“ Jesus erledigt. Das Volk konnte sich wieder den Belustigungen, dem Gold und der endlosen Tempelzeremonien hingeben. Alles konnte wieder zur normalen Tagesordnung übergehen. Ja, eine große Sorglosigkeit erfrischte die Luft in dieser üppigen und ruhigen Nacht.
Die Predigten Jesu waren beendet und Er verließ die Stadt, weil dort nichts mehr zu tun war. Teilzuhaben an dieser lauen und schläfrigen Ruhe, in der die Gewissen schliefen, die Er zu wecken versucht hatte, war mit Seiner Vollkommenheit nicht vereinbar. Das einzige, was Er noch tun konnte, war, die Stadt zu verlassen, um eine vollständige Entfremdung, eine absolute Trennung, eine unumwundene Unvereinbarkeit zu verstehen zu geben.
Und Er ging! Es blieben zurück die Lichter der Stadt und Er trat in die Finsternis der Nacht. Es blieb zurück die Menge der Menschen. Mit ihm nahm Er nur eine Handvoll, die ihm folgten. Zurück blieb alles, was Macht, Reichtum und weltlicher Ruhm war. Er zog sich zurück an einen abgelegenen, einsamen, armen Ort, nur gefolgt von einigen Unbekannten, die keine gesellschaftliche, keine nennenswerte kulturelle Bedeutung hatten, nichts. Es blieben zurück die Freuden des Lebens. Er ging der Trostlosigkeit der Verlassenen entgegen, der schrecklichen Qual derjenigen, die auf den Tod warten.

„… und Er sagte zu seinen Jüngern: ,Setzt euch hier nieder, während ich bete!‘“ (Mk 14,32)
Die Einsamkeit Jesu war viel größer, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Apostel folgten ihm, das ist wahr. Doch ihre Seele hing noch an allem, was sie bei dieser furchtbaren Trennung zurückgelassen hatten. Große Angst überkam sie, in der Vorausahnung was die nächsten Stunden ihnen bringen würden. Sie waren schon nicht mehr in der Lage zu beten. Das war der Anfang der Fahnenflucht, denn wer nicht betet gleitet den Abgrund hinunter. Beten konnten sie nicht. Zurück nach Jerusalem wollten sie nicht. Also blieben sie „sitzen“. Und sie haben zugelassen, dass der Meister ein Stück weiter ging und alleine blieb. Wahrscheinlich fühlten die Apostel sich als Helden, als sie dort sitzen blieben. Sie waren dermaßen mit ihrem eigenen Leid beschäftigt, dass sie an das Leid des Herren gar nicht dachten. Sie ließen sich von ihrem eigenen Schmerz erdrücken; und da saßen sie, kurz darauf schliefen sie ein, und etwas später ergriffen sie die Flucht.
Schreckliche Lehre für die, die den langen Weg in Richtung Vollkommenheit beschritten haben!
Jesus hatte ihnen gesagt: „Betet, dass ihr nicht in Versuchung fallet!“ (Lk 22,40). Sie haben nicht gebetet und erlagen…

„Er nahm Petrus und die beiden Zebedäussöhne mit sich und begann zu zittern und zu zagen“ (Mt 26,37).
Auswahl. Einige waren weniger abgestumpft durch den Schmerz der Verlassenheit, der Niederlage, der völligen Trennung von der Welt. Ihnen schmerzte das Leiden Jesu mehr als den anderen. Sie wurden beiseite gerufen und durften den Beginn der kostbaren Schmerzen des Erlösers mit ansehen.
Wie viele erhalten den gleichen Ruf! Die Gnade ruft sie zu einer größeren Frömmigkeit, zu einem tieferen Glauben, zu einem genaueren Verständnis der schrecklichen Lage der Kirche in unseren Tagen. Um dieser Gnade zu entsprechen, muss man den Mut haben, an der Traurigkeit Christi teilzunehmen. Dazu bedarf es eines großmütigen, starken und ernsthaften Geistes.
Wie wird eine solche Gnade abgelehnt? Indem man die Traurigkeit Jesu ablehnt: Man lebt nur für Kleinigkeiten, vergöttert den Sport, macht aus Radio und Fernsehen das Zentrum des Lebens, Witze werden zum einzigen Gesprächsthema, man will von den schweren Aufgaben, die die Zeit auferlegt, nichts wissen, weil man sich in die kleinen Angelegenheiten des täglichen Lebens versenkt.
Solche Seelen haben nicht Teil an den vertraulichen, anbetungswürdigen Beziehungen zu den Schmerzen des Herzen Jesu. Sie sind wie Kröten, die mit dem Bauch am Boden herumkriechen und nicht wie Adler, die mit ihrem kräftigen Flug die Weiten des Himmels durchkreuzen.

„Und Er sagte zu ihnen: ,Meine Seele ist betrübt bis in den Tod; bleibt hier und wacht mit mir‘“! (Mt 26,38).
„Meine Seele ist betrübt“, sagt Jesus, und nicht „ich bin betrübt“. Damit wollte Er bedeuten, dass die Qual, in der Er sich befand rein seelischer, moralischer Natur war. Das körperliche Leiden hatte noch nicht begonnen. In der Leidensgeschichte Jesu wird das körperliche Leiden besonders hervorgehoben, und das ist gut so. Doch die Andacht zum Heiligsten Herzen Jesu weist auf die seelische Marter Jesu hin, und das ist besser. Denn die Schmerzen des Geistes greifen tiefer, sind quälender aber doch viel edler als die Marter des Leibes, und sie widersetzen eher den seelischen Fehlern, die Gott so sehr beleidigen.
Was litt Christus in seiner Seele? Was sollen wir leiden?
Weil der Wille des Ewigen Vaters verletzt, Jesus, unser Herr, abgelehnt, verneint, gehasst wurde. Denken wir darüber nach, messen wir das Ausmaß und den Ernst dieser Lage, so werden wir in uns die seelischen Schmerzen Unseres Herren mitleiden.
Christus und seine Kirche bilden ein Ganzes. Jedes mal wenn wir ein unmoralisches Werbeplakat sehen, ein falsches Urteil hören, eine Einrichtung oder ein Gesetz wahrnehmen, das der katholischen Lehre widerspricht, müssen wir leiden. Wenn wir dafür kein Eifer und keine Kraft haben, dann taugen wir nur zum „sitzenbleiben“ und um in der Stunde der Gefahr zu fliehen.
„Betrübt bis in den Tod“, das heißt bis an die Grenzen des menschlich Möglichen. Die Betrübnis mit anzusehen wie das Gesetz verletzt, die Kirche verfolgt, die Ehre Gottes verkannt wird, muss in uns eine äußerste Betrübnis sein und nicht eine kleine emotionale und vorübergehende Traurigkeit, wie sie frivole und leicht erregbare Seelen an den Tag bringen, ähnlich wie Irrlichter über Sümpfe und Friedhöfe flackern.
Das ist eine oberflächliche Traurigkeit, die keine ernsten Vorsätze, tiefen Eifer, echte Entsagung von allem hervorbringt, um nur im Kampfe zu leben. Jemand, dessen „Seele betrübt“ ist, tröstet sich nicht mit Zeitschriften, Kleidung, Restaurants, Spazierfahrten, ehrlichen – oder unehrlichen – Bagatellen! Er kann nur in großem Kummer leben, weil die Ehre Gottes beleidigt wurde und sie findet nur und ausschließlich Trost im geistlichen Leben und im Apostolat.
„Bleibt hier“, das heißt, kehrt nicht zurück und vermischt euch nicht unter die Verdorbenen Kinder Jerusalems, auch nicht zu den Lauen, die ein paar Schritte abseits schliefen.
„Wachet mit mir“. Ja, nimmt Anteil an meiner Einsamkeit, an meiner Niederlage, an meinem Schmerz. Macht daraus euren Ruhm, eure Freude, euren Reichtum.

„Er ging ein wenig weiter, fiel auf sein Angesicht“ (Mt 26,39).

Warum „ging Er ein wenig weiter“, wenn Er doch wollte, dass die drei Apostel bei Ihm bleiben sollten? Bei Jesus bleiben, bedeutet, im Geiste in Seiner Nähe bleiben, Ihm beistehen. Es bleibt bei Ihm derjenige, der aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit vollem Verstand in der Kirche ist. Es bleibt bei Unserem Herren der, der in den Stunden seines Leidens nur an Ihn denkt und nicht an sich selbst. Es bleibt bei Jesus der, der nur an Ihn denkt und nicht an die Welt, ihren Geist und ihren Gelüsten.
Jesus ging nur „ein wenig“ weiter, „etwa einen Steinwurf weit“, schreibt der hl. Lukas (22,41). Warum „weitergehen“? Und warum nur „ein wenig“? Unser Herr wollte in Sichtweite bleiben, Er wollte gesehen werden, um die Treue der drei erwählten Apostel zu bewahren, Er wollte sie trösten und sich trösten, in dem Er sie in der Nähe wusste. Doch es war angebracht, dass Er sich ein wenig entfernte, denn es war eine äußerst schwere Stunde gekommen. Er würde mit Gott Vater sprechen und Gott Vater mit Ihm. So wie in der jüdischen Liturgie der Priester nur Er alleine in das Allerheiligste (Sancta sanctorum) eintrat, so wollte Jesus auch alleine diesen ersten Schritt seines Leidensweges gehen.
Haben wir solche heiligen Einsamkeiten der Seele, Gipfel, auf denen nur Gott und wir sind, wo kein Freund, keine irdische Liebe zugegen ist, auf dem wir nur den Blick unseres Seelenführers zulassen? Oder sind wir von der Sorte, dessen Seele keine Zurückhaltung und kein Adel kennen, offen für alle Winde, alle Blicke, alle Schritte, wie ein gewöhnlicher öffentlicher Platz?
Er „fiel auf sein Angesicht“. Äußerste Demütigung, vollständige Entsagung.
Welch eine Vorbereitung für das Gebet! Wenn wir mit Gott sprechen, werfen wir uns zuvor nieder? Das heißt, gehen wir demütig, bereit zu gehorchen, bereitwillig allem zu entsagen, unser Nichts einsehend? Oder gehen wir mit Vorbehalt, mit Andeutungen, mit schmerzenden Punkten, an denen Gott von uns kein Opfer verlangen kann? Wenn wir die Kirche hören, werfen wir uns nieder, indem wir auf all unsere Meinungen und Willen verzichten, um nur zu gehorchen? Bei denen, die uns erbauen durch die Hinführung zur Kirche und zum Papst, werfen wir uns da nieder und nehmen ihren Einfluss an, oder erheben wir Barrieren und Einwände?

„… betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst.“ (Mt 26,39)
Niedergeworfen auf die Erde und zugleich beten! Mit dem Körper auf dem Boden, das Niedrigste, was es gibt, und mit der Seele sich erhebend zum Höchsten des Himmels, zum Throne Gottes! In dieser Haltung besteht die Unbesiegbarkeit des echten Katholiken. Auf dem Höhepunkt der Not, der Demütigung, der Verlassenheit, trägt er noch in der Hand die Waffe, die alle Gegner besiegt. Wie wahr ist das, in den Kämpfen des innerlichen Lebens! Wir sehen keine Mittel, um einen Ausweg zu finden oder zu widerstehen, wir beten… und siegen letztendlich. Wie wahr ist das im Apostolat! Erschreckt uns die Wucht der heidnischen, gottlosen Welle? Denken wir sofort an Konzessionen, bei denen wir das Nebensächliche opfern, weil es nebensächlich ist; an das zweitrangige Wesentliche, weil es zweitrangig ist, und zuletzt an das Hauptsächlichste… „um ein größeres Übel zu verhindern“? Wenn wir um die Macht des Gebets wüssten, wenn wir „mit dem Angesicht zu Boden fallen“ würden, würden wir auch die Wirksamkeit unserer übernatürlichen Waffen, den Sinn, den Wert und den Nutzen der christlichen Kompromisslosigkeit besser verstehen. Der göttliche Erlöser litt hier für die Pessimisten, die Entmutigten, die keine Ahnung haben von der siegessicheren Kraft der Kirche.
„So gehe dieser Kelch an mir vorüber…“ Welcher Kelch? Es war das erbarmungslose, erdrückende, ungerechte Leiden, das herannahte. Hier litt der göttliche Meister für die, die durch Optimismus sündigen, für jene, die, angesichts der Perspektiven des Kampfes, der Qual, des Schmerzes, die Vogelstrausspolitik anwenden und meinen, alles werde schon gut ablaufen. Das Leid vorhersehen und sich mutig darauf vorbereiten, ist allerhöchste Tugend. Und das gilt sowohl für unser Privatleben, als auch für die Anliegen der Heiligen Kirche. In dieser Zeit, in der sie dermaßen angegriffen wird, können wir nicht die Dummheit begehen zu sagen, es wird schon alles gut gehen. Erkennen wir den Ernst der Stunde, blicken wir mutig und christlich den Drohungen der Zukunft entgegen, mit entschlossenem und vertrauensvollem Gemüt, bereit, durch Gebet, Kampf und vollständiger Annahme des Opfers, zu reagieren.
Dies ist das Beispiel, das der göttliche Meister uns gegeben hat: Sich von allem zurückziehen, um von Angesicht zu Angesicht mit Gott das Meer der Schmerzen, das auf Ihn zukam, in ihrem ganzen Umfang zu messen und vor diese Perspektive Stellung zu nehmen.
Welche Haltung:  „wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst.“
Zwei inständige Bitten sind hier enthalten. In der einen bittet der Gott-Mensch, dass der Schmerz „wenn möglich“ an ihn vorüber gehe. In der anderen nimmt Er ihn an, wenn es nicht möglich sein sollte ihn zu verhindern.
Welch heilige Haltung. Nichts theatralisches; ohne Eitelkeit. Schmerzen verursachen im Menschen von Natur aus Angst. Unser Herr, der nicht nur wahrer Gott sondern auch wahrer Mensch war, hatte Angst vor den Schmerzen, die Er voraussah. Deshalb bat Er, dass sie „wenn möglich“ entfernt werden sollten. Schmerzen verhindern zu wollen ist legitim, weise und heilig. Aber sie um jeden Preis verhindern zu wollen, nein: nur „wenn möglich“.
„Wenn möglich“: Was bedeutet das? Wenn angesichts dieser Bitte eines Gerechten, der zermalmt in der Voraussicht der Schmerzen daliegt, der göttliche Wille sich gütig erweisen könnte, indem Er diesen Schmerz vorüber gehen ließe, dann sollte es so sein. Wenn aber die Beseitigung dieses Schmerzes eine Änderung in den Plänen der Vorsehung bedeuten würde, eine Verminderung der Ehre Gottes und des Wohles der Kirche — die gegründet werden sollte —, und der Seelen zur Folge haben würde, dann wäre es besser alles zu leiden.
„Wenn möglich“ … Ein erhabener Bedingungssatz, den die Welt nicht kennt. Und deshalb ist die ganze Welt in Krise, in Gefahr, in Agonie. Güter der Erde, Reichtum, Ruhm, Gesundheit, Schönheit, dies alle ist gut in dem Maße, in dem wir den Willen Gottes alledem überordnen. Wenn es aber notwendig ist, allem zu entsagen, weil es auf Grund diesem oder jenem äußeren oder inneren Umstand „nicht möglich ist“, diese Dinge zu besitzen, ohne Gott zu missfallen, dann entsagen wir doch vollständig allem. Wenn alle Menschen so denken und fühlen würden, wäre die Welt eine andere! Weil aber dieser Bedingungssatz fehlt, der jede Ordnung und jedes Gut in sich trägt, liegt unsere Zivilisation im Sterben.
„Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Worte auf denen das ganze Leben der Kirche, der Seelen und der Völker beruht. Es sind heilige, süße, harte und schreckliche Worte, die der moderne Mensch nicht verstehen will. Sie sind eine perfekte Definition des Gehorsams, dieses Gehorsams, den seit Luther die Welt mehr und mehr hasst.
Ja, es geschehe der Wille Gottes und nicht meiner: ich werde den Gebote folgen und nicht meinen Launen! Ich werden denken wie der Papst, auch wenn mir eine andere Lehre vorzüglicher erscheinen würde. Ich werde allen gehorsam sein, die über mich eine legitime Obrigkeit ausüben, weil sie Gott vertreten: deshalb werde ich ihren Willen walten lassen und nicht meinen!
Mein Jesus, wie kann man, angesichts dessen noch sagen, dass Du ein Umstürzler warst und dass Du gekommen bist, die Revolution in die Welt zu bringen?

 Nach diesem Bittgebet, Schweigen. Die Evangelien berichten uns nicht, welche Antwort Jesus erhalten hat, auch nicht was Er darauf erwiderte. Warum auch? Und mit welchen Worten? Wahrscheinlich gab es nur eine einzige Person auf Erden, die alles gesehen, alles gewusst und alles angebetet hatte: Seine Mutter Maria war ohne Zweifel im Geiste gegenwärtig und an allem beteiligt.
Das Thema ist zu erhaben, als das wir dieses Schweigen deuten können, das selbst die Evangelisten nicht brechen wollten. Bitten wir der Mittlerin aller Gnaden, sie möge uns einführen in die stille geistige Sammlung und in die unaussprechlichen Geheimnisse dieses Schweigens.
Jesus hat es angenommen. „Da erschien Ihm ein Engel vom Himmel und stärkte Ihn. Voll innerer Erregung betete Er noch eindringlicher, und Sein Schweiß rann wie Blutstropfen zur Erde nieder“ (Lk 23,43-44).
So fing nun die Passion an. Jesus hatte den Schmerz und den Tod vorausgesehen und sie angenommen. Die bloße Voraussicht des Unvermeidlichen versetzte Ihn vor einen bedrückenden Berg der Qualen.
Doch „ein Engel stärkte Ihn“. Ja, Sein demütiges Gebet wurde erhört. Gott gab Ihm Kraft den unerträglichen Schmerz zu ertragen, die unannehmbare Ungerechtigkeit ergeben anzunehmen.
Wenn wir das verstehen würden! Die Gebote scheinen uns allzu schwer, es braust in uns der Sturm der liederlichen Begierlichkeiten und der teuflischen Versuchungen. Wenn wir verstehen würden, dass dies die Stunde Gottes ist, wenn wir „noch eindringlicher beten“ würden, wenn wir den Besuch des Engels aufnehmen würden, der uns Stärkung bringt! Ja, denn auch zu uns kommt der Engel immer, sodann wir beten. Mal ist es eine innere Bewegung der Gnade, mal ein gutes Buch, das wir lesen, mal ein Freund, der uns einen guten Rat gibt oder mit gutem Beispiel vorangeht. Doch wir beten nicht. Die Folge ist: wir fallen.
In Christi Leiden kam der Engel auf Grund Seines Gebets. Nachdem Er Ihn gestärkt hatte, betete Jesus weiter: Ja, noch eindringlicher beten, ist das große Geheimnis des Sieges. Wer betet, wird gerettet werden, wer nicht betet, geht verloren, sagte der hl. Alphons von Liguori. Und wie hatte Er recht! Jesus hat Blut geschwitzt. Das erlösende Blut quoll hervor, durch die Last der seelischen Schmerzen. Man kann sagen, dass es Blut des Herzens war. Welch wunderbares Thema für die Verehrer des Heiligen Herzens.
Blut schwitzen ist der äußerste Schmerz. Es ist der Gipfel der Last des Seelenleidens auf den Leib. Man könnte sagen, dass Jesus hier schon alles an Leiden ertrug, was Er nur konnte. Indessen war noch nicht einmal der erste Schritt des Leidenweges getan.
Wie kann man diese fast unmögliche Widerstandfähigkeit erklären? Sein Martyrium begann, wo es bei anderen schon den Höhepunkt erreicht hatte.
Weil „ein Engel vom Himmel Ihn stärkte“, und „Er noch eindringlicher betete“
O, der Wert des Übernatürlichen! Und wir wagen zu behaupten, dass wir im geistlichen Leben oder in den Kämpfen des Apostolats versagen aus Mangel an Kräften!
Dreimal sagte der Herr sein „Fiat“ (vgl. Mt 26,39-44). Und nach jedem Mal kam Er zu seinen Jüngern zurück.
Beim ersten Mal „fand Er sie schlafend“ (Mt 26,40). Und Er riet ihnen: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist zwar willig, das Fleisch aber ist schwach“ (Mt 26,41).
Doch sie machten sich nichts draus. Warum? Weil sie müde waren. Von einer Müdigkeit befallen, die aus zwei Übermäßigkeiten bestand: Verzweiflung einerseits und andererseits Eingebildetheit. — Die Verzweiflung: Angesichts der menschlichen Niederlage Jesu waren ihre Träume weltlicher Größe zerstört. Was blieb ihnen? Diese Dunkelheit, diese Einsamkeit, dieser harte schlichte Boden, auf dem sie saßen. Die Karriere war vernichtet, o Schmerz aller Schmerzen! Unter der Last dieses Schmerzes, das einzige, was zu tun war, war schlafen. — Die Eingebildetheit: Indessen hielten sie sich für starke Typen. Sie hatten ja so viel gekämpft und es wäre sicherlich beleidigend, an ihren Mut zu zweifeln. Überzeugt von ihrer Widerstandskraft, sorglos über ihre Beharrlichkeit, verbrachten sie die Zeit, schlafend…
Eine Müdigkeit vor allem auch aus Ungehörigkeit. Der Herr litt und sie schliefen! Was brachte ihnen denn der Herr? War es nicht schon ein großer Gefallen, bei Ihm zu sein inmitten dieser Verlassenheit? Was wollte Er mehr? Das sie noch außer der Zeit beteten? Nein. Er sollte wachen, wenn Er wollte. Die Jünger gingen schlafen.
Je mehr man schläft, desto schwerer wird der Schlaf. Das ist genau der Entwicklungsprozess der Lauheit. Beim zweiten Mal „fand Er sie wiederum schlafend; denn ihre Augen waren schwer“ (Mt 26,42). Es war der Schlaf der Mittelmäßigkeit, der Nachlässigkeit, der Trägheit. Folgten sie noch dem Meister? Ja und nein. Ja, denn letztlich waren sie noch da. Nein, weil sie Ihm nicht mehr gehorchten. Er litt und sie schliefen. Es war der Anfang der Trennung.
Wie kommt es zu einem so verhängnisvollen Absturz? Schlafen, während Jesus spricht, ist für mich zerstreut, übellaunig, lau sein, genauso wenn zu mir die Vertreter der Heiligen Kirche sprechen, diejenigen, die mich auf dem Weg der Heiligkeit führen sollen, die für mich durch ihr Beispiel die Orthodoxie, den Edelmut, den Hunger und den Durst nach Tugend darstellen. Wenn ich diesem Schlaf verfalle, was gibt es anderes zu tun als aufzustehen und „wachen und beten, um nicht in Versuchung zu fallen“? Wenn ich es aber nicht tue, was sind die Folgen? Das Scheitern im geistlichen Leben und in der Berufung.
Beim dritten Mal sind die Worte Jesu, Worte des Tadels: „Ihr schlaft noch und ruht! Seht, die Stunde ist gekommen, da der Menschensohn überliefert wird in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen!  Seht, mein Verräter naht!“ (Mt 26,45-46).
Nun ist die Stunde vorüber. Nicht einmal die zärtliche und schmerzvolle Bitte hatte sie gerührt: „Konntest du nicht eine einzige Stunde wachen?“ (Mk 14,37).
„Und sogleich, während Er noch redete, erschien Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und Knütteln“ (Mk 14,43). Kurz darauf „verließen Ihn alle und flohen“ (Mk 14,50).
Ja, sie flohen alle, weil sie lau waren, haben geschlafen, haben nicht gebetet. Wenn ich, Herr, nicht fliehen will, muss ich fest sein, darf nicht schlafen, ich muss beten.
Gib mir, Herr, diese Gnade der Beharrlichkeit in allen Situationen, in allen Nöten, in allen Erbitterungen. Die Gnade der Treue in allen Verlassenheiten, in allen Hilflosigkeiten, in allen Niederlagen. Die Gnade der Standhaftigkeit, auch wenn alle Dich verlassen, unterdrückt vom Schlaf oder irregeworden durch die Lüsternheit der weltlichen Dinge. Oder sonst, mein Gott, nimm mich von diesem Leben. Denn eines möchte ich nicht: Fliehen!
Durch die allmächtige Fürsprache  Deiner heiligsten Mutter bitte ich Dich um diese Gnade der Beharrlichkeit, o mein Herr Jesus.


Mittwoch, 9. April 2014

Mein Volk, was habe ich dir getan?

Mein Volk, was habe ich dir getan?

Plínio Corrêa de Oliveira


 Deine Feinde haben sich gegen Dich verschwört, Herr. Ohne viel Mühe haben sie den Pöbel gegen Dich aufgehetzt und dieser ist nun in Hass gegen Dich entbrannt. Hass umgibt Dich von allen Seiten, schließt Dich ein wie eine dichte Wolke, wirft sich Dir entgegen wie ein dunkler, kalter Sturm. Grundloser, rasender, unerbittlicher Hass. Er lässt sich nicht damit stillen, dass Du gedemütigt, mit Schmach bedeckt und mit Bitternis erfüllt wirst. Deine Feinde hassen dich dermaßen, dass sie Dich schon nicht mehr unter den Lebenden ertragen – sie wollen Deinen Tod. Sie wollen, dass Du für immer verschwindest, dass die Sprache Deiner Beispiele und die Weisheit Deiner Lehren verstummt. Sie wollen Dich tot, vernichtet, zerstört sehen. Nur so können sie den Wirbelsturm des Hasses besänftigen, der sich in ihren Herzen erhebt.
Jahrhunderte vor Deiner Geburt hat der Prophet Micha diesen Hass schon vorausgesehen, den das Licht der Wahrheit, die Du verkündigen würdest, und der göttliche Glanz der Tugenden, die dich schmücken würden, dereinst wecken sollten: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit dich beleidigt?“ (Buch Micha 6,3) Und die heilige Liturgie bringt Deine Gefühle zum Ausdruck, wenn sie den Ungläubigen von damals wie von heute zuruft: „Was hätte ich denn noch für dich tun sollen, was ich nicht getan habe? Wie einen auserwählten, kostbaren Weinberg habe ich dich gepflanzt, doch du hast dich für mich in Bitternis verwandelt; Essig hast du mir in meinem Durst zu trinken gegeben, und mit einer Lanze hast du das Herz deines Erlösers durchbohrt.“ (Improperien)
*   *   *
So groß war der Hass, der sich gegen Dich erhob, dass selbst die Autorität Roms, die damals über die ganze Welt das Urteil sprach, feige Schwäche zeigte, zurückwich und sich dem Hass jener beugte, die Dich grundlos töten wollten. Der römische Stolz, siegreich an Rhein, Donau, Nil und Mittelmeer, ertrank in der Wasserschüssel des Pilatus.
„Christianus alter Christus“, der Christ ist ein anderer Christus. Wenn wir wirklich Christen, das heißt, echte Katholiken sind, sind wir ein anderer Christus. Und es wird nicht zu vermeiden sein, dass der Wirbelsturm des Hasses, der sich gegen Dich erhoben hat, auch uns grimmig ins Gesicht bläst.
Und er tut es tatsächlich, Herr. Erbarme dich unser, mein Gott, und gib dem armen Schuljungen Kraft, der den Hass seiner Kameraden zu ertragen hat, weil er sich zu Deinem Namen bekennt und sich weigert, die Unschuld seiner Lippen mit unreinen Worten  zu entweihen. Ja, der Hass. Vielleicht nicht der Hass in Gestalt einer abstoßenden, wilden Schmähung, sondern in der schrecklichen Gestalt des Spottes, der Absonderung und der Verachtung. Gib dem Gymnasiasten Kraft, mein Gott, der zögernd mitten im Unterricht in Gegenwart eines gottlosen Lehrers und einer spottenden Klasse zu Deinem Namen steht. Gib dem Mädchen Kraft, mein Gott, das sich zu Dir bekennt, indem es sich weigert, sich in den von der Mode vorgeschriebenen Kleidern zu zeigen, weil diese Kleidung wegen ihrer Extravaganz oder Unsittlichkeit nicht zu einer echten Katholikin passt. Gib dem Intellektuellen Kraft, mein Gott, der zusehen muss, wie sich ihm die Türen des Ruhmes und der Ehren verschließen, weil er Deine Lehre verkündet und sich zu Deinem Namen bekennt. Gib dem Apostel Kraft, mein Gott, der sich den grausamen Angriffen der Gegner Deiner Kirche und der tausendmal peinlicheren Feindseligkeit vieler Kinder des Lichtes ausgesetzt sieht, nur weil er nicht mit den Verwässerungen, Verstümmelungen und Einseitig­keiten einverstanden ist, mit denen die „Klugen“ die Nachsicht der Welt für „ihr Apostolat“ nutzen.
Oh mein Gott, wie weise sind Deine Feinde! Sie fühlen, dass in der Sprache dieser „Klugen“ zwischen den Zeilen zu lesen ist, dass Du weder das Böse noch den Irrtum noch die Finsternis hasst. Und darum klatschen sie den Weisen und Klugen dieser Welt Beifall. So wie sie Dir in Jerusalem Beifall gezollt hätten, statt Dich zu töten, wenn Du vor dem Hohen Rat eben diese Sprache gebraucht hättest.
Herr, gib uns Kraft. Wir wollen nicht paktieren, nicht zurückweichen, nicht nachgeben, nicht verwässern, nicht zulassen, dass auf unseren Lippen die göttliche Makellosigkeit Deiner Lehre verblasst. Und selbst wenn eine Sintflut der Unbeliebtheit über uns hereinbrechen sollte, soll unser Gebet doch immer das der Heiligen Schrift sein: „Wahrlich, lieber auf der Schwelle liegen am Hause meines Gottes als in den Zelten des Frevels wohnen.“ (Ps 84,11b)
Jesus nimmt  das Kreuz    
aus der Hand der Henker entgegen
Doch das erfordert Geduld von uns, Herr. Eine Geduld, die mit verschränkten Armen und resigniertem Herzen die Fluten der Unbeliebtheit über den eigenen Kopf hereinbrechen lässt. Geduld ist die Tugend, die uns für ein höheres Gut Leiden ertragen lässt. Geduld ist also die Fähigkeit, für das Gute zu leiden. So braucht der Kranke Geduld, der unter der drückenden Last eines unheilbaren Leidens resigniert den Schmerz annimmt, den es ihm auferlegt. Geduld braucht auch derjenige, der sich um den fremden Schmerz kümmert, um zu trösten, wie Du, Herr, jene getröstet hast, die Dich aufgesucht haben. Geduld braucht derjenige, der sich dem Apostolat mit unbesiegbarer Liebe zuwendet und liebevoll die Seelen zu Dir zieht, die auf den Pfaden der Ketzerei oder im Schlamm der Begierde straucheln. Geduld braucht auch der Kreuzritter, der das Kreuz entgegennimmt und in den Kampf gegen die Feinde der Kirche zieht. Es tut weh, im Streit die Initiative zu ergreifen, Kampfgeist und Tatkraft in sich zu wecken und wach zu halten, die Gleichgültigkeit, die Mittelmäßigkeit, die Trägheit zu besiegen. Sich als würdiger Jünger des Löwen von Juda auf den unverschämten Gottlosen zu werfen, der die Herde unseres Herrn Jesus Christus bedroht. Erhabene Geduld derer, die kämpfen, streiten, die Initiative ergreifen, eintreten, sprechen, verkünden, raten, ermahnen und allein allen Hochmut, allen Dünkel, alle Anmaßung des frechen Lasters, des eleganten Makels, des sympathischen, beliebten Irrtums herausfordern!
Du Herr, bist ein Beispiel der Geduld gewesen. Deine Geduld bestand aber nicht darin, erdrückt unter dem Kreuz zu sterben, das man Dir auflud. Eine fromme Offenbarung erzählt, dass Du es liebevoll geküsst hast, als Du es aus den Händen der Henker entgegennahmst und dann hast Du es auf die Schultern geladen und hast es mit unbesiegbarer Kraft bis auf die Golgotha-Höhe hinaufgetragen.
Gib uns, Herr, diese Fähigkeit zu leiden. Viel zu leiden! Alles zu leiden! Heldenhaft zu leiden! Den Schmerz nicht nur zu ertragen, sondern ihm entgegenzugehen, ihn zu suchen und bis zu dem Tag zu tragen, an dem wir die Krone des ewigen Sieges erhalten.

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Es ist leicht, vom Leiden zu sprechen - schwer ist es zu leiden. Du, Herr, hast es bewiesen. Wie anders ist doch dein göttliches Heldentum, Herr, im Vergleich mit dem albernen, künstlichen Heldentum so vieler Soldaten der Finsternis. Du hast im Angesicht des Todes nicht gelächelt. Du, Herr, hast nicht zu denen gehört, die da lehren, dass man lächelnd durchs Leben gehen soll. Als Deine Stunde kam, hast Du gezittert, warst Du verwirrt, hast Du in Erwartung des Leidens Blut geschwitzt. Und in dieser Flut von leider nur zu gerechtfertigten Befürchtungen liegt die Bekräftigung Deines Heldentums. Du hast die ununterdrückbarsten Schreie, die schlimmste Bedrängnis, die schrecklichste Panik überwunden. Alles in Dir beugte sich vor Deinem menschlichen und göttlichen Willen. Über allem aber schwebte Deine unerschütterliche Entschlossenheit, das zu tun, wozu der Vater Dich gesandt hatte. Und als Du mit Deinem Kreuz den bitteren Weg gingst, versagten Dir wieder die natürlichen Kräfte. Du bist hingefallen, weil Du keine Kraft mehr hattest. Ja, Du bist hingefallen, aber erst als Du einfach nicht mehr weiterkonntest. Du bist gefallen, aber nicht zurückgewichen. Du bist gefallen, hast aber nicht das Kreuz liegen lassen. Du hast es auf den Schultern behalten, als sichtbaren, fühlbaren Ausdruck Deines Vorsatzes, es bis Golgotha hinaufzutragen.
Schenke uns Deine Gnade, mein Gott, damit wir im Kampf gegen die Sünde und gegen die Ungläubigen, wenn es denn sein muss, unter dem Kreuz zusammenbrechen, ohne aber je dem Weg der Pflicht und der Kampfstätte des Apostolats den Rücken zu kehren. Ohne Deine Gnade, Herr, vermögen wir nichts, überhaupt nichts. Wenn wir aber Deiner Gnade entsprechen, vermögen wir alles. Herr, wir wollen Deiner Gnade entsprechen.
Das Kreuz tragen heißt: sehr, sehr oft zu entsagen. Vor allem natürlich dem Unerlaubten, dem Sündhaften. Doch oft heißt es auch, dem zu entsagen, was an sich zwar erlaubt oder gar bewundernswert ist, infolge gewisser Umstände jedoch schlecht oder weniger vollkommen ist.
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Auf Deinem Leidensweg, Herr, hast Du uns ein schreckliches und zugleich leuchtendes, wunderbares Beispiel des Verzichts auf das Erlaubte gegeben. Gibt es etwas Zulässigeres, Herr, als die Zärtlichkeit, als die Hingabe Deiner heiligsten Mutter? Alles, was wir von Ihr wissen, ist, dass wir, auch wenn wir noch so viel von Ihr wissen, nie alles von Ihr wissen können. So unermesslich ist der Ozean der Vollkommenheit und der Gnaden, den Sie enthält. Deine Mutter will Dich trösten. Sie will von Dir getröstet werden. Sieh doch! Nichts ist statthafter, als dass Du anhältst auf Deinem Kreuzweg, um Trost zu suchen, um Ihr Trost zu spenden.
Doch dann kommt der Augenblick der Trennung nach diesem eiligen Zwiegespräch. Welch ein Schmerz! Ihr müsst Euch voneinander trennen. Keiner von beiden zögert. Das Opfer geht seinen Lauf. Und Deine heilige Mutter bleibt am Wege zurück. Am besten sagt man gar nicht wie, Sie sieht Dich weitergehen, blutend, unsicheren Schritts, wankend, das letzte, größte Opfer vor Augen. Du tust Ihr leid. Maria folgt Dir mit den Augen, sieht Dich allein in den Händen von Henkern und Feinden. Wer wird Dich trösten? Was für ein unwiderstehlicher, hinreißender, ungeheurer Wille, Deinen Fußstapfen zu folgen, Dir zärtliche Worte zuzuflüstern, wie nur Sie es kann. Deinen göttlichen Körper zu stützen, sich zwischen Dich und Deine Henker zu stellen, und am Boden kniend wie jemand, der um ein unschätzbares Almosen bittet, einige der Schläge, die Dich treffen, auf sich selbst herabzuflehen, in der Hoffnung, dass sie Dich dafür weniger verletzen und Dein unschuldiges Fleisch weniger misshandeln! O Mutterherz, was musstest Du in diesem Moment erleiden!
Priestermütter, Missionarsmütter, Mütter von Ordensleuten, wenn ihr die Schwere der grausamen Trennung spürt, denkt an die Gottesmutter, die Ihren göttlichen Sohn allein auf dem Weg weiterziehen ließ, den ihm der Wille Gottes vorgezeichnet hatte. Und bittet Sie, dass Sie euch in eurem glücklichen Schmerz tröste.
Es gibt aber noch andere tausendfach unglückliche, verlassene Mütter. Mütter gottloser, Mütter ausschweifender, Mütter sündiger Menschen: auch ihr bleibt oft verlassen auf dem Schmerzensweg zurück, während eure Kinder ins Verderben eilen. Bittet die Gottesmutter, dass Sie euch tröste, dass Sie euch Mut und Ausdauer gebe, und dass Sie einen Teil der Schmerzen, die Sie auf diesem Weg erlitten hat, dafür darbringen möge, dass eure Kinder eines Tages zu euch zurückkehren können. Denkt an Maria und verzweifelt nicht! Für eure irregeleiteten Kinder wird die Gottesmutter die Stella Maris sein, der Meeresstern, der sie früher oder später in den Hafen leiten wird.

 (Aus “O Legionário” vom April 1943)

Freitag, 14. März 2014

Unsere Liebe Frau des Heiligen Herzens


Viele und schön sind die Anrufungen, die die Kirche Unserer Lieben Frau zuschreibt. Jede einzelne von ihnen unterstreicht klar und deutlich ihre Bezie­hung zur Gottesliebe. Sie loben entweder eine Gabe Gottes, der sie vollkommen treu war, oder eine besondere Macht, die sie bei ihrem Gottessohn hat.
Nun, die Gaben Gottes sind nichts anderes als eine besondere Äußerung Seiner Liebe. Und die Vermit­tlungsrolle Unserer Lieben Frau ist nichts anderes als ein erhabener Aspekt der besonderen Liebe Gottes zu uns!
Es ist also vollkommen passend, sie einerseits als „Spiegel der Gerechtigkeit“, andererseits als „allmächtige Mittlerin“ zu nennen. Sie ist der Spiegel der Gerech­tigkeit, weil Gott sie so liebte, dass Er in ihr die ganze einer menschlichen Kreatur mögliche Vollkommenheit konzentrierte. In keinem anderen Geschöpf ist Er so gut reflektiert wie in ihr. So spiegelt sie Seine Gerechtigkeit vollkommen wider. Sie ist eine allmächtige Mittlerin, weil keine Gnade ohne sie erhalten wird und es keine Gnade gibt, die sie für uns nicht erhalten kann.

Daher, wenn wir Maria als Unsere Liebe Frau des Heiligen Herzens anrufen, machen wir eine schöne Synthese aller anderen Ausrufungen; wir weisen auf die reinste Betrachtung der Gottesmutterschaft hin; wir schlagen gleichzeitig alle Akkorde der Liebe in schöner Harmonie, dieselben Akkorde, die wir schlagen, wenn wir ihre Litanei rezitieren oder das Salve Regina singen.
Es gibt auch eine andere Anrufung Unserer Lieben Frau, an die ich besonders erinnern möchte. Es ist „refugium peccatorum“, „Zuflucht der Sünder.“ Unser Herr Jesus Christus ist unser Richter, und obwohl Seine Gnade groß ist, bleibt Er dennoch unser höch­ster Richter und kann nicht unter­lassen, Seine gerichtliche Pflicht auszuüben.
Jedoch ist Unsere Liebe Frau unse­re Fürsprecherin und tut einzig und allein, was ein Anwalt tun soll, das heißt, den Angeklagten zu verteidigen.
Her­zens, der Zuflucht der Sünder, einer allmächtigen Für­sprecherin vor dem Gerichte Gottes, deren Bitte um Barmherzigkeit nicht verweigert werden? Dann zu sagen, dass Unsere Liebe Frau des Heiligen Herzens unsere Fürsprecherin ist, bedeutet, dass wir einen all­mächtigen Verfechter im Himmel haben, der den golde­nen Schlüssel zu einem unendlichen Lagerhaus der Barmherzigkeit hält. Also, welche bessere Lösung für eine sündige Menschheit, die tiefer in die Sünde fällt, wenn die Gerechtigkeit nicht erwähnt wird, und falls sie erwähnt an ihre Rettung verzweifelt?



Die Gerechtigkeit muss auf jedem Fall erwähnt wer­den; das ist eine Pflicht; die Unterlassung, sie zu nen­nen, hat nur schlechte Früchte hervorgebracht. Aber zusammen mit der Gerechtigkeit, die den Sünder ins Visier nimmt, vergessen wir nicht die Barmherzigkeit, die dem ernstlich reuigen Sünder hilft, die Sünde zu vermei­den und so gerettet zu werden, wie Er mit Seinem gan­zen Herzen wünscht, das Heilige Herz Jesu.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Das Heiligste Herz Jesu: Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt



Wenn es eine Epoche gibt, derer Hoff­nung einzig und allein auf das Herz Jesu liegt, dann ist dies die unsere. Die durch die Menschen begangenen Übel lassen sich kaum überbieten. Um nur einige davon zu nennen, braucht man nur auf die Gotteslästerun­gen und die Zerstörung der Familie durch Abtreibung, Ehescheidung, Euthanasie, Por­nographie, Homoehe und so weiter hinzuwei­sen.
Papst Plus XI. sagte einmal, dass die heutige Welt derart moralisch verdorben ist, dass sie schnell in ein noch tieferes gei­stiges Elend abstürzen könnte als jenes, das in der Zeit der Geburt Unseres Herrn herrschte.
In Anbetracht der heutzutage unaufhörlich begangenen Sünden, taucht natürlich die Idee der göttlichen Bestrafung auf. Wenn wir diese sündhafte Welt ansehen, die unter der Last von Tausenden Krisen und Bedrängnissen leidet und nichtsdestotrotz reuelos ist. Wenn wir den furchtbaren Fortschritt des die ganze Welt umfassenden Neuheidentums ins Auge fas­sen und wenn wir, andererseits, die Unent­schlossenheit, die Blindheit und die Unei­nigkeit der sogenannten Guten sehen, erfüllt uns das selbstverständlich vor den düsteren katastrophalen Perspektiven, welche die heutige Generation bedrohen, mit großer Sorge.
Die Vorstellung, dass so viele Verbrechen keine Bestrafung verdienen, dass eine so breite Apostasie Ergebnis irgendwelches intellektuellen Irr­tums sei, entspringt eher einer liberalen Mentalität.
Die Wirklichkeit ist eine ganz andere, denn Gott verlässt Seine Geschöpfe nie. Ganz im Gegenteil. Er gibt ihnen die notwendigen Gnaden, damit sie den richtigen Weg ein­schlagen. Wenn sie einen anderen Weg neh­men, dann sind sie selbst schuld daran.
Dies ist das düstere Bild der heutigen Welt: einerseits haben wir eine sündhafte Zivili­sation, andererseits hebt der Schöpfer die göttliche Geißel und schwingt sie.
Gibt es nichts mehr für die Menschheit als Feuer und Schwefel? Weil wir im Anfang des neuen Millenniums sind, können wir auf eine Zukunft außer der Geißel hoffen, die durch die Heiligen Schriften für die Ver­stocktheit der letzten Tage vorausgesagt ist? Wenn Gott nur allein gemäß Seiner Gerechtigkeit handeln würde, dann gibt es keinen Zweifel, was uns erwartet.
Dennoch, da Gott nicht nur gerecht sondern auch barmherzig ist, sind die Tore der Erlösung für uns noch nicht geschlossen worden. Ein Volk, das in seiner Gottlosigkeit beharrt, hat jeden Grund, die Strenge Gottes zu erwarten. Jedoch will Er, der unendlich barmherzig ist, den Tod die­ser sündigen Generation nicht, sondern dass sie sich bekehre und am leben bleibe (Ezech18,23). Seine Gnade verfolgt also alle Menschen und lädt sie ein, ihre schlech­ten Wege zu verlassen und zur Herde des Guten Hirten zurückzukehren.
Wenn eine reuelose Menschheit jeden Grund hat, jede Katastrophe zu fürchten, hat eine reuige Menschheit jeden Grund, jede Gnade zu erwarten. Tatsächlich, damit die Barmherzigkeit Gottes auf den zerknirschten Sünder wirken kann, braucht seine Reue nicht den ganzen Weg gegangen sein. Selbst wenn er in den Tiefen der Grube sich befindet, wenn er sich aufrichtig und ernsthaft Gott zuwendet, wird er sofort Hilfe erfahren, denn Gott ignoriert auch den Sünder nie.
Der Heilige Geist sagt in der Heili­gen Schrift: „Vergisst eine Frau ihren Säugling, eine Mutter den Sohn ihres Schoßes? Mögen selbst diese vergessen, ich aber verges­se dich nicht“ (Is 49,15). Das heißt, sogar in solchen äußersten Fällen, wo eine Mutter aufgibt, Gott tut es nicht. Die Barmherzigkeit Gottes nützt dem Sünder, auch wenn die göttliche Gerechtigkeit ihn auf dem Weg zum Bösen erfasst. Der moder­ne Mensch darf diese zwei grundle­genden Konzepte der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes nicht aus dem Auge verlieren: Gerechtig­keit, damit wir nicht wagen anzuneh­men, dass wir uns ohne Verdienste retten können; Barmherzigkeit, dass wir an die Rettung unserer Seele nicht verzweifeln, sobald wir die Sün­den bereuen und von neuem anfan­gen.
Gott ist Liebe. Deswegen ruft die bloße Erwähnung des heiligsten Namens Jesu Liebe herbei. Es ist die unendliche, grenzenlose Liebe, die die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit dazu brachte, Mensch zu werden. Es ist die Liebe, die in der völligen Erniedrigung eines Gottes, der zu uns als ein armes, in einem Stall geborenes Kind, ausgedrückt ist.
Es ist die Liebe, erwiesen in jenen dreißig Jahren des verborgenen Lebens in der Demut einer strengsten Armut; erwiesen in den drei harten Jahren der Evan­gelisierung, als der Menschensohn Landstraßen bereiste, Berge bestieg, Täler, Flüs­se und Seen durchquerte, Städte und Dörfer besuchte, durch Wüsten und kleine Ortschaften ging, mit Reichen und Armen redete, Liebe verstreuend und oft Undankbarkeit erntend. Es ist die Liebe, ausgedrückt im Letzten Abendmahl bei der Fußwaschung der Apostel, und die Einsetzung der heiligen Eucharistie. Es ist die Liebe, die ihn antrieb Judas, nach dem verräterischen Kus­s, als Freund anzusprechen;  auch dem herzzerreißenden Blick auf Petrus strömte unendliche Liebe aus. Liebe auch gegenüber den Beleidigungen, die er geduldig und sanftmü­tig erlitt und dem Leiden bis zum letzten Tropfen seines Blutes.

Es ist die Liebe, die den sterbenden Schächer ver­zeiht und ihm ermöglichte, den Himmel zu „stehlen“. Schließlich ist es die Liebe, die im Geschenk einer himmli­schen Mutter an eine elende Menschheit ausgedrückt ist! Jede dieser Episoden wurde von den Gelehrten sorgfältig studiert, durch Künstler wunderbar ausgedrückt, von Heiligen fromm betrachtet und vor allem unvergleichlich in der Gottesliturgie gefeiert. In ihr drückt die Kirche besonders die unendliche Liebe Unseres Herrn gegenüber den Menschen aus. Da sein Herz das Symbol der Liebe ist, feiert die Kirche die Liebe, wenn sie sein Herz verehrt.

Freitag, 20. Dezember 2013

Et vocabitur Princeps Pacis, cujus Regni non erit finis

Plinio Corrêa de Oliveira 
In einer geschichtlichen Perspektive gesehen, stellt das Weihnachtsfest den ersten Lebenstag der christlichen Zivilisation dar. Noch war es zwar ein aufkeimendes, erst an seinem Anfang stehendes Leben, vergleichbar der aufgehenden Sonne, doch dieses Leben barg bereits all die unvergleichlich reichen Bestandteile der herrlichen Reife seiner Bestimmung in sich.

Denn, wenn wir bedenken, dass sich alle Reichtümer der christlichen Zivilisation in unserem Herrn Jesus Christus als ihrer einzigen, unendlich vollkommenen Quelle enthalten sind, und dass sich das Licht, das für die Menschen in Bethlehem zu strahlen begann, immer weiter erstrecken sollte, bis es die ganze Welt erleuchtete und die Gesinnungen verwandelte, Sitten aufhob und neue begründete, allen Kulturen einen neuen Geist einflößte, alle Zivilisationen auf eine höhere Stufe erhob, dann kann man auch sagen, dass der erste Tag Christi auf Erden von Anfang an der erste Tag eines neuen Zeitalters war.

Wer hätte das geahnt? Es gibt kein schwächeres Menschenwesen als ein Kind, keine ärmlichere Wohnstatt als eine Grotte, keine rohere Wiege als eine Krippe. Und doch wird dieses Kind in dieser Grotte, in dieser Krippe den Lauf der Geschichte verändern.

Und was für eine Veränderung!
Die schwierigste von allen, denn es ging nicht einfach darum, den Lauf der Dinge in der Richtung zu beschleunigen, die sie genommen hatten, sondern die Menschen auf den Weg zu leiten, der ihren Neigungen am deutlichsten entgegenstand, auf den Weg der Strenge, des Opfers, des Kreuzes. Es handelte sich darum, eine durch Aberglauben, religiösen Synkretismus und totale Skepsis verrottete Welt auf den Weg des Glaubens zu führen, eine Menschheit zur Gerechtigkeit zu bewegen, die allen möglichen Formen der Bosheit verfallen war: der despotischen Herrschaft des Starken über den Schwachen, der Massen über die Eliten und der Plutokratie, die die Fehler der bereits genannten in sich vereint, über die Masse. Es sollte eine Welt zur Entsagung angehalten werden, die sich allein dem Vergnügen in allen seinen Formen hingab. Es ging darum, der Reinheit in einer Welt Raum zu schaffen, in der alle Laster

bekannt, geübt und gut geheißen wurden. Natürlich musste diese Aufgabe unlösbar erscheinen, und dennoch hat sie das göttliche Kind vom ersten Augenblick seines Erscheinens auf Erden an in Angriff genommen, und weder der Hass eines Herodes, noch die Gewalt der römischen Herrschaft und die Macht der menschlichen Leidenschaften vermochten es aufzuhalten.


Zweitausend Jahre nach der Geburt Christi scheint es, dass wir wieder zum Ausgangspunkt zurückgekommen sind. Die Anbetung des Geldes, die Vergöttlichung der Massen, die grundlose Sucht nach den eitelsten Vergnügungen, die despotische Herrschaft der brutalen Gewalt, der religiöse Synkretismus, der Skeptizismus, alles in allem, das Neuheidentum in all seinen Erscheinungen hat sich wieder über die ganze Welt verbreitet.


Er käme einer Gotteslästerung gleich, wer hier behaupten wollte, dass dieses höllengleiche Durcheinander von Korruption, Revolte, Gewalt, das wir vor uns haben, die christliche Kultur, das Reich Christi auf Erden sei. Nur hier und da überlebt der eine oder andere große Umriss der ehemaligen Christenheit verletzt in der heutigen Welt. Doch in ihrer vollständigen und globalen Wirklichkeit existiert die Christenheit nicht mehr, und von dem großen Licht, das in Bethlehem zu leuchten anfing, erleuchten nur einige wenige Strahlen die Gesetze, die Sitten, die Institutionen und die Kultur des 20. Jahrhunderts. Wie ist es dazu gekommen? Hat das Wirken Jesu Christi – genauso gegenwärtig in unseren Tabernakeln, wie damals in der Krippe in Bethlehem – an Wirksamkeit verloren? Keinesfalls!

Wenn die Ursache nicht bei Ihm ist und bei Ihm nicht sein kann, dann ist sicherlich bei den Menschen zu suchen. Jesus kam in eine äußerst dekadenten Welt, doch dann fand Er und nach Ihm die Heilige Kirche Seelen, die sich der Verkündigung des Evangeliums öffneten. Heute wird das Evangelium in der ganzen Welt gepredigt. Doch die Zahl derjenigen, die hartnäckig sich weigern, das Wort Gottes zu hören, wird erschreckend immer größer. Ebenso derer, die durch ihre Gedanken oder Sitten sich am entgegengesetzten Pol der Kirche befinden. „Lux in tenebris lucet, et tenebrae eam non comprehenderunt“.

Das und nur das ist der Grund des Verfalls der christlichen Kultur auf der Welt. Denn, wenn der Mensch nicht Katholisch ist und es nicht sein will, wie kann die Zivilisation, die seine Hände hervorbringen soll, christlich sein?

Es ist erstaunlich, dass so viele Menschen sich fragen, welches der Grund der titanischen Krise ist, in der sich die Welt herumschlägt. Man braucht sich doch nur vorzustellen, die Menschheit würde die Gebote Gottes befolgen, um zu verstehen, dass die Krise sich auflösen würde. Das Problem liegt also an uns, an unserem freien Willen. Es liegt an unserem Verstand, der sich der Wahrheit verschließt; an unserem Willen, der von den Trieben beansprucht, sich dem Guten verweigert. Die Umkehr des Menschen ist heute die wichtigste und unerlässlichste zu vollziehende Reform. Mit ihr wäre alles gelöst. Ohne sie, werden alle Mühen nutzlos sein.
Dies ist die große Wahrheit, die man zu Weihnachten betrachten sollte. Es reicht nicht, dass wir uns vor dem Jesuskind verneigen unter den Klängen liturgischer Musik, eingestimmt in die Freude der Gläubigen. Jeder von uns muss sich um seine eigene Umkehr kümmern, und auch um die Umkehr des Nächsten, damit die gegenwärtige Krise eine Lösung finde, damit das Licht, das in der Krippe leuchtet, freien Lauf bekommt, um über die ganze Welt erstrahlt.

 Doch wie soll man das erreichen? Wo sind die Kinos, Rundfunksender, Zeitungen, Organisationen? Wo sind unsere Atombomben, Trompetenstöße, Heere? Wo sind unsere Banken, unsere Schätze, unsere Vermögen? Wie, gegen die ganze Welt kämpfen?

Diese Frage ist naiv. Unser Sieg kommt im Wesentlichen und vor allem von Unserem Herrn Jesus Christus. Banken, Radios, Kinos, Organisationen sind wichtig und gut und wir haben die Pflicht sie für die Ausbreitung des Reiches Gottes einzusetzen. Aber nichts von dem ist absolut notwendig. Mit anderen Worten, wenn die katholische Sache mit diesen Mitteln nicht rechnen kann, nicht aus Nachlässigkeit oder durch Mangel an unsere Großherzigkeit, aber ohne eigenes Verschulden, wird der göttliche Heiland das Notwendige tun, damit wir auch ohne alldem siegen. Das Beispiel geben uns die ersten Jahrhunderte der Kirche: Ist sie nicht siegreich aus allen Schwierigkeiten und Verfolgungen hervorgegangen, trotz aller Mächte der Welt, die sich gegen sie verbündet hatten?

Vertrauen in Unserem Herrn Jesus Christus, vertrauen in das Übernatürliche, das ist die kostbare Lehre, die uns Weihnachten erteilt.

 Beenden wir diese Betrachtungen nicht ohne noch eine Lehre wie milden Honig hieraus zu schöpfen. Ja, wir haben gesündigt. Ja, enorm sind die Schwierigkeiten auf diesem Rückweg, beim Aufsteigen. Ja, unsere Vergehen, unsere Treulosigkeit rufen den Zorn Gottes auf uns herab. Doch an der Krippe haben wir die gütigste Mittlerin. Sie ist nicht Richterin sondern Fürsprecherin, die für uns jedes Mitleid, jede Zärtlichkeit, jede Nachsicht einer vollendeten Mutter hat.
Mit dem Blick auf Maria, mit ihr vereint, bitten wir durch sie an diesem Weihnachten um die einzig wirklich wesentliche Gnade: Das Reich Christi komme in uns und um uns.
Alles andere wird uns dazugegeben.
(Freie Übersetzung aus „Catolicismo“, Dezember 1952)