Donnerstag, 30. Oktober 2014

Der befreiende Gehorsam


Plinio Corrêa de Oliveira
in „Folha de S. Paulo“, 20.9.80

Das Echo der zeitlich sehr entfernten Worte, die  der hl. Remigius sprach, als er Chlodwig, den ersten christlichen König taufte, möchte ich, lieber Leser, auffangen und Dir zu Ohren bringen: „Verbrenne, was Du angebet und bete an, was Du verbrannt hast“. Ja, verbrenne den Egoismus, den Zweifel, die Schlaftrunkenheit, und angeregt durch die Liebe Gottes, liebe und diene und kämpfe für den Glauben, für die Kirche und die christliche Zivilisation. Opfere Dich auf. Entsage Dir selbst.

Wie? — So wie es in allen Jahrhunderten diejenigen getan haben, die für Jesus Christus den „guten Kampf“ gekämpft haben (2 Tim 4,7).

Hl- Ludwig Maria Grignion von Montfort
Und noch ausgezeichneter wirst Du es vollbringen können, wenn Du die vom hl. Ludwig Maria Grignon von Montfort selbst verfasste und gerechtfertigte Methode anwendest. Es ist die „Sklavenschaft aus Liebe“ zur Heiligsten Jungfrau.

„Sklavenschaft“ ... Ein grobes und fremdes Wort, vor allem für moderne Ohren, die allzeit gewohnt sind über Unabhängigkeit und Freiheit zu hören und mehr und mehr geneigt sind zur großen Anarchie, die, wie ein Totenkopf mit einer Sichel in der Hand, die Menschen auf der Ausgangsschwelle des 20. Jahrhunderts mit seinem finsteren Lächeln erwartet.

Es gibt aber eine Sklavenschaft, die befreit und eine Freiheit, die versklavt.

Früher sagte man von einem Menschen, der seinen Verpflichtungen nachkam, er sei ein „Sklave seiner Pflichten“ (A.d.Ü.: so die übliche Art in Brasilien. Im Deutschen entsprechend „pflichttreu“). Doch in der Tat war es ein Mensch, der sich auf dem Höhepunkt seiner Freiheit befand. Durch einen ganz persönlichen Akt verstand er, welche ihm zustehende Wege er gehen musste, und fasste mit männlicher Entschlossenheit den Vorsatz sie aufzunehmen. Er überwältigte die bösen Leidenschaften, die versuchten ihn zu blenden, seinen Willen zu schwächen um damit seinen frei gewählten Weg zu versperren. Der Mensch, der diesen hohen Sieg erreicht hatte, schreitete mit sicherem Schritt dem entsprechenden Ziel entgegen. Er war frei.

„Sklave“ war im Gegensatz jener, der sich von seinen ungeordneten Leidenschaften mitreißen ließ in eine Richtung, mit der seine Vernunft nicht einverstanden war und auch sein Wille nicht bevorzugte. Diese echten Besiegten nannte man „Lastersklaven“. Weil sie sich dem Laster versklavten, „befreiten“ sie sich vom gesunden Reich der Vernunft.

Diese Begriffe von Freiheit und Sklaventum behandelte Papst Leo XIII. mit seinem eigenartigen meisterhaften Glanz in der Enzyklika „Libertas praestantissimum“.

Heute hat sich alles umgekehrt. Als Muster eines „freien“ Menschen haben wir den Hippie, der mit einer Bombe in der Hand nach seinem Gutdünken den Terror verbreitet. Doch umgekehrt, wird als zaghaft, unfrei derjenige gehalten, der im Gehorsam der Gebote Gottes und der Menschen lebt.

Nach heutiger Perspektive ist derjenige „frei“, dem das Gesetz erlaubt die Drogen zu kaufen, die er will, sie gebraucht wie es ihm gefällt und um letztendlich... sich ihnen zu versklaven. Tyrannisch und versklavend aber wird das Gesetz angesehen, das dem Bürger untersagt sich den Drogen zu versklaven.

Versklavung ist auch aus dieser schielenden Perspektive der Umkehrung der Werte, das in vollem Bewusstsein und in voller Freiheit geleistete religiöse Ordensgelübde, nach dem sich der Mönch in den Dienst der höchsten christlichen Idealen stellt, unter Ausschluss jeglicher Rückkehr. Um diese freie Entscheidung gegen die Tyrannei seiner eigenen Schwäche zu schützen, unterwirft sich der Mönch in diesem Akt der Autorität seiner wachenden Oberen. Wer sich so bindet, um sich frei zu halten von seinen schlechten Begierden, setzt sich heute aus, als ein niederträchtiger Sklave bezeichnet zu werden. So als ob der Obere ihm eine Last auflegen würde, die seinen Willen einschränken soll. Im Gegenteil, der Obere dient als Handlauf den höheren Seelen, die frei und unerschrocken anstreben bis zur letzten Stufe die Treppe der höchsten Ideale aufzusteigen, ohne der gefährlichen Höhenangst nachzugeben.

Kurz, für einige ist frei, wer mit benebelter Vernunft und gebrochenem Willen, angetrieben vom Wahnsinn der Sinne, die Fähigkeit hat, auf dem Toboggan der schlechten Sitten wollüstig herunterzugleiten. „Sklave“ ist aber der, der seiner eigenen Vernunft dient, mit der Kraft des Willens die eigenen Begierden besiegt, den göttlichen und menschlichen Gesetzen gehorcht und die Regeln der Ordnung anwendet.

Vor allem ist unter dieser Perspektive ein „Sklave“, derjenige, der sich, um seine Freiheit voll zu garantieren, entscheidet, frei sich Autoritäten zu unterwerfen, die ihn dorthin führen, wohin er ankommen will. So weit führt uns die gegenwärtige von Freudismus durchtränkte Meinung!

Mit einer ganz anderen Perspektive entwarf der hl. Ludwig Grignion von Montfort die „Sklavenschaft aus Liebe“ zur Mutter Gottes. Sie eignet sich für jedes Alter und jeden Lebensstand: Laien, Priester, Ordensleute usw.

Was macht das Wort „Liebe“, das so überraschenderweise an das Wort „Sklaventum“ geknüpft wird, da ja dieses den Gedanken einer brutalen Herrschaft eines Starken über einen Schwachen, des Egoisten über den Armen, den er ausbeutet, hervorruft? „Liebe“ ist, in der Philosophie, der Akt durch welchen der Wille in Freiheit etwas haben will. So werden im gewöhnlichen Sprachgebrauch „wollen“ und „lieben“ im gleichen Sinn benutzt. „Sklaventum aus Liebe“ ist der edelste Höhepunkt des Aktes, durch den jemand sich aus freien Stücken einem Ideal oder einer Sache widmet. Oder auch sich an einen anderen bindet.

Die heilige Zuneigung und die Pflichten des Ehebundes besitzen etwas, was bindet, verbindet und adelt. Im Spanischen nennt man Handschellen „esposas“ (A.d.Ü.: Was auf Portugiesisch „Ehegattin“ bedeutet). Der Vergleich bringt uns zum Lächeln. Den Befürwortern der Ehescheidung mag er schaudern lassen, denn er gibt einen Hinweis auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Im Portugiesischen sprechen wir vom „Band“ oder eher wörtlicher von den „Ketten“ der Ehe.

Viel bindender als der Stand der Ehe ist jedoch der des Priesters, und in einem gewissen Sinn noch mehr ist es der Stand der Ordensperson. Je höher der frei gewählte Stand, desto stärker ist das Band und echter die Freiheit.

So empfiehlt der hl. Ludwig Grignion, der Gläubige solle sich freiwillig als „Sklave der Liebe“ der Heiligen Jungfrau weihen, indem er ihr in der Eigenschaft eines Sklaven seinen Leib und seine Seele, seine inneren und äußeren Güter und selbst den Wert aller seiner vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen guten Handlungen weiht, und Ihr alles Recht und volle Gewalt überlässt über sich und all sein Eigentum ohne Ausnahme nach Ihrem Wohlgefallen, zur größeren Ehre Gottes in der Zeit und in der Ewigkeit (vgl. „Weihegebet zur vollkommenen Hingabe an Jesus durch Maria“). Maria, als erhabene Mutter, erwirkt im Tausch für ihre „Liebessklaven“ die Gnaden Gottes, die ihren Verstand erhöht zum klaren Verständnis der höchsten Glaubenssätze, die ihren Willen engelhafte Kraft verleiht um sich frei von jeglichem Ballast in die Höhen dieser Ideale aufzuschwingen und alle inneren und äußeren Hindernisse besiegen, die sich ihnen entgegenstellen.

Doch könnte jemand fragen, wie kann ein Mönch diese durchscheinende und engelhafte Freiheit üben, da er ja durch sein Gelübde der Autorität eines Oberen unterworfen ist?

Nichts einfacher als dies. Mönch ist man durch einen Ruf Gottes („Berufung“). Es ist also Gottes Wille, dass ein Ordensmann seinen Oberen gehorcht. Der Wille Gottes ist der Wille Mariens. Wann immer also der Ordensmann sich Maria geweiht hat als ihren „Sklaven aus Liebe“, gehorcht er als Mariensklave seinem Oberen. Die Stimme des Oberen ist für ihn auf Erden, sozusagen die Stimme der Muttergottes selbst.

Der hl. Ludwig Grignion ruft alle Menschen dermaßen vorsichtig auf zu diesen Gipfeln des „Liebssklaventums“, sodass dieses viel Raum lässt für wichtige Nuancen. Sein „Sklaventum aus Liebe“, das von so großer Bedeutung ist für Menschen, die sich durch Gelübde an einen Religionsorden gebunden haben, kann gleichsam von Weltpriestern und Laien praktiziert werden. Denn im Gegensatz zu den Ordensgelübden, die für eine gewisse Zeit oder für das ganze Leben verpflichtend sind, kann der „Sklave aus Liebe“ zu jeder Zeit diesen erhabenen Zustand verlassen, ohne damit eine Sünde zu begehen. Während der Ungehorsam einer Ordensperson gegenüber der Ordensregel sündhaft ist, begeht der Laie „Sklave“ keine Sünde, wenn er der edelmütigen Hingabe widerspricht.

So verbleibt also der Laie in der Eigenschaft eines „Sklaven“ durch einen freien Akt, den er implizit oder explizit täglich, oder besser, jeden Moment wiederholt.

Für alle Gläubigen ist also das „Sklaventum aus Liebe“ diese engelhafte und höchste Freiheit, mit der Maria sie an der Schwelle zum 21. Jahrhundert erwartet: lächelnd, anziehend, sie einladend in ihr Reich, gemäß ihrem Versprechen in Fatima: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren!“

Komm also, lieber Leser, bekehre Dich und gehe mit mir, mit allen „Sklaven aus Liebe“ zu Maria, in Richtung dieses Reiches der höchstgeordneten Freiheit und der höchstfreien Ordnung, zu dem Dich die Sklavin (ancilla) des Herrn, die Königin des Himmels einladet.

Umgehe die Schwelle in der der Teufel wartet, wie ein schaurig lachender Totenkopf, in der Hand die Sichel der extrem versklavenden Freiheit und der extrem freiheitlichen Versklavung, das heißt, der Anarchie.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Die Gegen-Revolution und die Liebe zum Kreuz


Durch die Einwirkung der Kirche hatte der Mensch im Mittelalter im allgemeinen eine Neigung zu einer besonderen Verehrung des Kreuzes. Daher liebte er auch mehr die Werte der Seele und alles, was zu ihrem Heil notwendig war.

Im 14. Jahrhundert:
„(…)zeichnete sich im christlichen Europa eine Mentalitätsänderung ab, die dann im Verlauf des 15. Jahrhunderts immer deutlichere Züge annahm. Das Streben nach irdischen Freuden wuchs zu einer wahren Gier. Die Vergnügungsveranstaltungen wurden immer häufiger und prunkvoller.“
Ergebnis:

„(…)Der wachsende Hang zu einem lust- und phantasievollen Leben des Genusses führte in Kleidung, Sitten, Sprache, Literatur und Kunst zu immer deutlicheren Anzeichen von Sinnlichkeit und Verweichlichung.“
„(…)Alles gewann einen ausgelassenen, verspielten und festlichen Charakter. Die Herzen wendeten sich nach und nach von der Opferfreudigkeit, von der wahren Kreuzesverehrung und dem Streben nach Heiligkeit und nach dem ewigen Leben ab.“[1]

Seit dem Ende des Mittelalters bis in unsere Tage nahm dieser Hang immer mehr an Stärke zu. Leider ist die Gesellschaft, in der wir leben, von ihm durchtränkt und die allgemeine Regel scheint zu sein die Befriedigung der leiblichen Gelüste.

Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort (1673 – 1716), ein feuriger französischer Missionar, erkannte, mit Hilfe der Gnade, den Mangel an Kreuzesliebe bei den Menschen seiner Zeit. Um diese Liebe zu erneuern, schrieb er einen „Rundbrief an die Freunde des Kreuzes“. So lehrt er in diesem:
„Ein Freund des Kreuzes ist ein von Gott auserwählter Mensch unter Zehntausenden, die nach den Sinnen und der bloßen Vernunft leben, um als ein ganz vergöttlichter Mensch [2] zu sein, und erhaben über die Vernunft [3] und ganz in Gegnerschaft zu den Sinnen [4], für ein Leben im Lichte des reinen Glaubens und in brennender Liebe zum Kreuze.“

Da der Hochmut und die Sinnlichkeit — die wichtigsten Triebkräfte der Revolution — die Seele des Menschen beherrschen, wenn er sich von der Liebe zum Kreuz abwendet und eine hemmungslose Eigenliebe entwickelt, empfiehlt der hl. Ludwig als Gegenmittel die Hinnahme der Verdemütigung und eine Liebe zum Opfergeist: „Ein Freund des Kreuzes ist ein allmächtiger König und ein über den Satan, die Welt und das Fleisch und ihre drei Begierlichkeiten triumphierender Held. Durch seine Liebe zu den Verdemütigungen wirft er den Stolz Satans nieder, durch seine Liebe zur Armut besiegt er den Geiz der Welt und durch seine Liebe zum Leiden ertötet er die Sinnlichkeit des Fleisches.“[5]

Diese Beschreibung erinnert uns an den hl. Franz von Assisi, ein Heiliger, der von Gott in eine Zeit berufen wurde, in der die ersten Keime dieser Dekadenz aufgetreten sind. Um davon eine Vorstellung zu haben, braucht man sich nur an die Opposition und Unverständnis zu erinnern, denen er ausgesetzt war. Es ist zu glauben, dass sein Wirken den Beginn des revolutionären Prozesses verzögert hat.

Ein Gegenrevolutionär wird nicht echt sein, solange er nicht ein „Freund des Kreuzes“ ist.

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Anmerkungen

[1] vgl. Revolution und Gegenrevolution I. Teil, III. Kapitel, 5 A.

[2] Im Sinn von „Ich lebe, nein, nicht mehr ich, es lebt in mir Christus“ (Gal 2.20).

[3] Erhaben über, doch nicht gegen die rechte Vernunft.

[4] Das Thema Widrigkeit der Sinne wird in einem anderen Post anhand eines erläuternden Textes des hl. Thomas von Aquin behandelt.


[5] „Rundschreiben an die Freunde des Kreuzes“, 2. Teil – Bedeutung dieses Namens. Das goldene Buch vom hl. Ludwig Maria Grignion von Monfort, Lins-Verlag, A-6804 Feldkirch, 1987.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Gebet zum Heiligsten Herzen Jesu

      





Aufschauend zum gekreuzigten Heiland und die vom römischen Hauptmann aufgerissene Seitenwunde betrachtend, bitten wir ihn durch die Anrufung aus der Herz-Jesu-Litanei:
Cor Jesu lancea perforatum, miserere nobis!“ Herz Jesu, von einer Lanze durchbohrt, erbarme dich unser! So weit hast Du Dein erbarmen mir gegenüber getragen, dass Du wolltest, trotzdem Du schon gestorben warst, dass Dein Herz von der Lanze durchbohrt werde und der letzte Rest an Wasser und Blut Deines kostbaren Körpers aus Liebe zu mir auch noch herausfließen sollte, damit ich diesen kostbaren Schatz, den Du mir geschenkt, verwerfe. 
Jeden Tag der Karwoche möchte ich jeden Schritt Deines Leidenwegs mit der Bitte betrachten: „Anima Christi, sanctifica me“, Seele Christi, heilige mich! Es gibt nicht heiligeres als die Seele Christi… Möge sie mich berühren und bewirken, dass ich heilig werde. Nichts anderes will ich!
„Corpus Christi, salva me!“ „Leib Christi, rette mich!“ … „Blut Christi, tränke mich!“ „Wasser der Seite Christi, wasche mich!“ … und wasche mich! „Leiden Christi, stärke mich!“ Blicke auf mein Elend, auf meine Trägheit, auf meine Unzulänglichkeiten. Stärke mich auch im Kampf gegen Deine Feinde. „O guter Jesus, erhöre mich“ auf die Fürbitten Mariens! „Birg in Deinen Wunden mich“,  zum Schutz vor dem gerechten Zorn des Ewigen Vaters. „Von Dir lass nimmer scheiden mich!“ „In meiner Todesstunde rufe mich, zu Dir zu kommen heiße mich, mit Deinen Heiligen zu loben Dich in Deinem Reiche ewiglich. Amen!“

Donnerstag, 14. August 2014

Mariä Himmelfahrt

Plinio Corrêa de Oliveira


Wir haben einen Bericht über Mariä Himmelfahrt, wie es die sel. Seherin Anna Katharina Emmerick beschrieben hat.
„In der Nacht nach der Beisetzung Marias geschah die Himmelfahrt der Jungfrau mit ihrem Leib. Ich sah mehrere Apostel und heilige Frauen in dem Gärtchen vor dem Grabfelsen beten und singen. Es senkte sich aber eine breite Lichtbahn vom Himmel zu dem Felsen, und ich sah in ihr eine Glorie von drei Kreisen. Von Engeln und Geistern sich niederbewegen, welche die Erscheinung unseres Herren und der leuchtenden Seele Marias umgaben. So wie bei Unserem Herrn war auch ihre Seele drei Tage vom Leibe getrennt.“
Sie sehen, dass ihre Seele einige Zeit vom Leib getrennt war. Dann kam sie zum Leib zurück geführt von Engeln und Geistern.
„Die Erscheinung Jesu Christi mit hellstrahlenden Wundmalen schwebte vor ihr her“.
Das heißt die zweite Person der Dreifaltigkeit wollte persönlich hernieder kommen um der Auferstehung Marias vorzustehen.
„Im innersten Kreis der Glorie wo die Seele Marias war, sah man drei Engelchöre.“
Die drei Chöre der Engel bildeten einen Strahlenkranz, in dessen Mitte die heiligste Seele der Muttergottes war.
„Um die Seele Marias sah ich im innersten Kreis der Glorie nur kleine Kindergestalten, im zweiten Kreis erschienen sie wir von sechsjährigen Kindern und im äußersten gleich erwachsenen Jünglingen.“
Wahrscheinlich um die sich folgenden Grade der Spiritualität zu symbolisieren. Kinder sind das Bild der Reinheit und so wies die Erscheinung auf die höchste und edelste Form von Spiritualität hin.
„Nur die Angesichter erkannte ich deutlich, alles Übrige sah ich nur wie schimmernde Lichtgestalten. Als diese Erscheinung, immer deutlicher werdend, sich bis auf den Felsen ergossen hatte, sah ich von ihr bis hinauf in das himmlische Jerusalem eine leuchtende Bahneröffnet. Nun aber sah ich die Seele der heiligen Jungfrau, welche der Erscheinug Jesu folgte, bei dieser vorüber durch den Felsen in das Grab niederschweben und bald darauf, mit ihrem verklärten leib vereinigt. Viel deutlicher und leuchtender aus demselben heraussteigen und mit dem Herrn und der ganzen Glorie in das himmlische Jerusalem hinaufziehen, worauf aller Glanz wieder einsank und der stille Sternenhimmel die Gegend bedeckte.“
„Vier Tage später sah ich die Apostel am Abend noch im Gebet und Trauer in ihrem Raume. Da sah ich den Apostel Thomas mit einem Begleiter vor dem Tor des Hofes anlangen und pochen.“
„Nun aber verlangte Thomas und der Begleiter nach dem Grabe der heiligen Jungfrau. Bei dem Grabe angekommen, warfen sie sich auf die Knie nieder. Thomas aber eilte zuerst nach dem Eingang der Höhle. Johannes folgte ihm. — Dann nahte sich Johannes dem leichten Korbsarge, löste die drei großen Binden auf, welche den Deckel umschlossen, und stellte diesen zur Seite, nun leuchteten sie in den Sarg uns sagen mit tiefer Erschütterung die Grabtücher des heiligen Leibes in der ganzen Form der Einhüllung leer vor sich liegen. Über dem Angesicht und der Brust waren sie auseinandergeschlagen, die Umwindungen der Arme lagen leicht aufgelöst, doch noch in gewickelter Form, wie sie gelegen, aber der verklärte Leib Marias war nicht mehr auf der Erde. Sie blickten mit aufgehobenen Armen staunend empor, als sei der heilige Leib ihnen jetzt erst entschwunden und Johannes rief zu der Höhle hinaus: Kommt und staunt, sie ist nicht mehr hier!

Es ist interessant die Ordnung zu bemerken, in der die Grabtücher gelegen waren. Warum kann man diese Einzelheit für wichtig halten? Gott liebt nämlich dermaßen das Gute, er liebt die Welt, die er erschaffen hat, und er will, dass die gute Ordnung über alle Dinge herrscht. Alles, was von ihm oder durch die Eingabe seiner Gnade gemacht wurde, ordnet sich auf eine richtige und angebrachte Weise an. Es gibt eine Art Bündnis des Metaphysischen mit dem Übernatürlichen. Das Übernatürliche vervollständigt was metaphysisch gut zusammengeführt, metaphysisch gut aufgestellt ist, und deshalb stellen alle Einflüsse der Gnade die Ordnung in der Natur her. Es ist das Gegenteil der Auswirkungen des Teufels.
Immer wenn es dem Teufel gestattet wird zu erscheinen oder die Seelen zu beeinflussen, kennzeichnet sich dieser Einfluss durch fürchterliche Verwirrungen, Aufwühlungen; wenn er eine Person heimsucht äußert er sich durch Zuckungen und groteske Gesten; in einer Wohnung verursacht er Geräusche und Radau, verschiebt Möbel, sorgt nur für Unordnung. 
Da verstehen wir, dass alle Bereiche der Ordnung und alle Aspekte der Ordnung unter sich solidarisch sind, sie gehören untrennbar zusammen. Aber auch alle Bereiche und Aspekte der Unordnung sind zusammengehörig unter sich. So verstehen wir die Einheit der Revolution und die Einheit der Gegenrevolution.
Die Revolution kann nicht als eine nur politische Bewegung oder als eine nur religiöse oder nur kulturelle Bewegung angesehen werden, sie ist die Tendenz zur Subversion und zur Unordnung in allem. So auch die Gegenrevolution: Sie ist nicht nur eine politische, religiöse oder kulturelle Bewegung. Um vollständig zu sein, muss sie einen Geist besitzen, sie muss von einer Gnade belebt werden, die alles in Ordnung versetzen will. Hier sehen wir wie eine kleine Einzelheit uns Gelegenheit gibt über das Zusammenwirken aller Formen der Ordnung, wie auch der Unordnung nachzudenken.
Weiter der Text von Anna Katharina Emmerick.
 „Da traten sie alle paarweise in die Höhle und sahen mit staunen die leeren Grabtücher vor sich liegen, und hinausgetreten, knieten alle zur Erde, sahen die Arme gen Himmel hebend empor, weinten und beteten, priesen den Herrn und seine liebe verklärte Mutter. — Da erinnerten sie sich wohl und gedachten jener Lichtwolke, welch sie gleich nach der Begrabung auf dem Heimweg aus der Ferne gesehen, wie sie auf den Grabhügel niedergesunken und dann wieder emporgeschwebt war.“
„Johannes aber nahm die Grabtücher der heiligen Jungfrau mit großer Ehrfurcht aus dem Sargkorbe, faltete und rollte sie ordentlich zusammen und nahm sie zu sich. Betend und Psalmen singend, wandelten sie auf dem Kreuzwege zu dem Hause. Hier gingen alle in den Wohnraum Mariä. Johannes legte hier die Grabtücher ehrerbietig auf das Tischchen vor dem Betwinkel der heiligen Jungfrau. Thomas und die anderen beteten noch auf der Stelle, wo sie gestorben. — Petrus zog sich abgesondert zurück; vielleicht bereitete er sich vor, um einen  feierlichen Gottesdienst zu halten.“
Er ist der Fürst der Apostel, so dass es ihm zukam die erste Messe der Aufnahme Mariens in den Himmel zu zelebrieren.
„Hierauf sah ich den Altar vor dem Betort Mariä, wo deren Kreuz stand, aufrichten…“
Das Kreuz, vor dem die Muttergottes gewöhnlich betete.
„... und Petrus einen feierlichen Gottesdienst hier halten. Die übrigen Apostel standen reihenweise hinter ihm und beteten und sangen wechselseitig. Die heiligen Frauen standen mehr zurück an de Türen und an der Rückseite der Feuerstelle. Der einfältige Knecht  des Thomas war ihm aus dem fernen Lande, wo er zuletzt gewesen war gefolgt. Er hatte ein ganz fremdes Aussehen. Er hatte kleine Augen, eine eingedrückte Stirne und Nase und hohe Backenknochen. Seine Farbe war bräunlicher als hierzulande. Er war getauft und außerdem aber ganz wie ein unerfahrenes, gehorsames Kind. Er tat alles, was man ihm befahl, er blieb stehen, wo man ihn hinstellte, sah hin, wo man es gebot, und lachte jedermann an. Als er Thomas weinen sah, weinte auch er bitterlich. Dieser Mansch ist immer bei Thomas geblieben, er konnte große Lasten tragen, und ich habe ihn ganz gewaltige Steine heranschleppen sehen, als Thomas eine Kapelle baute.“

Sehr schön ist dieser Treuerweis eines Knechtes, der alles tut, was sein Herr im aufträgt und auch fühlt wie sein Herr fühlte und so ganz eins mit ihm ist. Eine Vorstellung, die die Welt heute vollständig verloren hat, dieses edlen Begriffs der Treue, nach dem zwei Personen unterschiedlichen Standes sich nicht hassen, sondern sich gegenseitig schätzen. Nicht nur schätzen sie sich, aber sie verschmelzen wie zu einem Ganzen, so dass man sich fast gar nicht mehr den einen ohne den anderen vorstellen kann. Ritter und Knappe im Mittelalter befanden sich in diesem Verhältnis.
Es gibt unzählige Beispiele eines solchen Zustandes. Das schönste, was mir gerade in den Sinn kommt, war das eines Märtyrers, dessen Namen ich leider vergessen habe, der Messdiener eine Papstes war – auch dessen Namen ist mir entgangen. Als dieser Papst zum Martyrium geführt wurde, näherte sich der Messdiener und sagte: „Heiliger Vater, sie schreiten zum Martyrium und werden mich allein lassen. Kann es sein, dass sie mich in der Stunde ihres letzten Opferganges verlassen, der ich doch täglich ihnen bei der heiligen Messe diente?“ Und beide empfingen nun die Palme des Martyriums.
Welcher Adel und Schönheit von Gedanken beinhaltet solch eine Beziehung. Es zeigt uns, wie die Treue zu einer wirklichen Teilnahme an dem gleichen Ruhm führen kann, und wie die Welt heute dies alles vergessen hat.


So haben wir zwei Betrachtungen zur Aufnahme Mariens in den Himmel.

Vortrag am 14. August 1963

(Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira. Er wurde frei übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne eine Überarbeitung des Autors.)

Donnerstag, 7. August 2014

Sie vis pacem, para bellum

Willst du den Frieden, rüste dich zum Krieg *)

Plinio Correa de Oliveira





Wenn wir diese gewaltigen Burgen des Mittelalters sehen, die an den Grenzen des Reichs Karls des Großen errichtet wurden, an den Ufern des Rheins oder der Donau, oder auch entlang der Straßen Spaniens von den Truppen des großen Kaisers, um den Vormarsch der Mauren zu verhindern, haben wir den Eindruck, als ob diese Burgen immer noch pochen durch die Schlachten, die um sie geführt wurden. Ihre Steine scheinen pulsierenden Herzen!

Doch die Menschen erinnern sich nicht mehr an die Lektion der Voraussicht, die sie enthalten. Welche Lektion? Niemand baut Burgen, wenn der Feind gerade angreift. Festungen werden in Zeiten errichtet, in denen kein Krieg stattfindet. Und da die Erbauer Krieger des Glaubens waren und nicht ein Haufen dummer Optimisten, bauten sie ihre Burgen in Friedenszeiten in Vorsorge auf künftige Angriffe eines Feindes.


Diese Burgen waren Werke des Friedens, aber ein Frieden, der auf einen eventuellen Krieg orientiert ist! 
So sollen auch wir sein, als Kinder der streitenden Kirche, die wir an einem weltweiten, furchtbaren und heiligen Krieg teilnehmen, eines gegenrevolutionären psychologischen Krieges gegen die universelle Revolution, um die christliche Zivilisation mit friedlichen und legalen Mitteln zu verteidigen. Unsere doktrinären Festungen müssen in Friedenszeiten errichtet werden. Dies ist die Art, wie wir unsere kämpferischen und prächtigen Burgen bauen, in Zeiten des Friedens ... aber in der Voraussicht des Kampfes!

*) Angeblich Wahlspruch des hl. Augustinus. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts findet sich bei Vegetius das Zitat: Qui desiderat pacem, praebaret bellum - wer den Frieden wünscht, möge sich auf den Krieg vorbereiten. (Latein im Alltag, VMA-Verlag, Wiesbaden)

Donnerstag, 31. Juli 2014

TFP analysiert die Lage in der Welt - 1990


KOMMUNISMUS UND ANTIKOMMUNISMUS
AN DER SCHWELLE DES LETZTEN
JAHRZEHNTS DIESES JAHRTAUSENDS


Plinio Corrêa de Oliveira

An den deutschen Leser.
  Für viele Zeitgenossen, die an das Lesen auflagenstarker, in ihrer Mehrzahl banaler Presseorgane gewohnt sind, ist das im repräsentativen demokratischen System zum Ausdruck kommende politische Ideal heute sowohl im Denken als auch im Handeln auf dem Höhepunkt der Aktualität angelangt.
  Tatsächlich bestand einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der Welt diesseits und der Welt jenseits des heute niedergerissenen Eisernen Vorhangs in der Vorherrschaft der Demokratie auf der einen und ihrer völligen Abwesenheit auf der anderen Seite. Und einer der von der internationalen Presse am häufigsten angeführten Gründe für die Genugtuung, mit der die Öffentlichkeit im Westen und wohl auch in einem überwiegenden Teil des Ostens die fortlaufenden Veränderungen feiert, die Gorbatschow in der sowjetischen Welt durchführt, besteht darin, daß diese nach dem Dafürhalten vieler die Hoffnung aufkommen lassen, durch die Reformen möge die derzeit für viele erst im Anfangsstadium steckende Demokratisierung schließlich Schritt für Schritt die volle Gültigkeit eines repräsentativen demokratischen Regimes erreichen.
  Es geht hier nicht darum, die Objektivität dieser Erwartungen zu untersuchen. Wir haben sie hier lediglich angeführt, um zu zeigen, daß die repräsentative Demokratie von vielen Zeitgenossen als ein allgemein gutgeheißenes Ziel verstanden und mit Freude angestrebt wird.
  Damit aber eine zukünftige Weltordnung, im Teil wie im Ganzen, die Früchte zu bringen vermag, die so viele von ihr erwarten, ist es unerlässlich, daß die politische Demokratie sowohl von denen, die ihr Beifall klatschen, als auch von denen, die zwar nicht so weit gehen, sie aber dennoch auf ihrem derzeitigen Höhepunkt mit Wohlwollen betrachten, wirklich ernst genommen wird.
  *    *    *
  Die nahen und entfernten Träger der repräsentativen Demokratie haben also durchaus das Recht, ja sogar die Pflicht, von den Medien ständig und unnachgiebig zu verlangen, daß sie dem Volke stets „die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ sagen, wie es in der ehrwürdigen, bündigen Formel so schön heißt. Die Wahrheit muss dem Volke ohne „beschönigende“ Umschweife nahegebracht werden, damit ihre Objektivität keinen Verlust erleide, aber natürlich auch ohne nicht weniger „beschönigende“ Unterschlagungen. Wenn das Volk entscheiden soll, muss es auch die seine Entscheidung bedingenden Tatsachen in ihrer ganzen Tragweite kennen lernen, denn andernfalls wird die politische Demokratie zur Farce, und von dem Punkt, in dem der Westen und der Osten ihre Übereinstimmung gefunden zu haben glauben, bleibt nichts als eine plumpe Lüge.
  Die Folge davon wäre, daß Ost und West sich auf eine Utopie zubewegen, auf eine Leere, auf eine Katastrophe weltweiten Ausmaßes.
  *    *    *
  Die zahlreichen Politiker, Denker und Schriftsteller, die es als ihr Recht und ihre Pflicht ansehen, der Öffentlichkeit durch „vorsichtiges“, interessenfreies Schweigen den ein oder anderen Teil der politischen Wirklichkeit vorzuenthalten, damit die weltweite Übereinkunft auf dem Gebiet gemeinsamer demokratischer Anstrengungen nicht hinausgezögert werde, erkennen scheinbar nicht, daß sie damit eben diese Wege zur Konvergenz unwirklich werden lassen. Sie merken nicht, daß die Massen, wenn sie sich auf geschminkte oder unvollständige Informationen verwiesen sehen, unwillkürlich den hohlen Klang ihrer Schritte zu spüren beginnen. Sie verlieren allmählich das Interesse an dem unwirklichen politischen Panorama, das ihnen von den Medien vorgegaukelt wirt. Der Überdruss macht sich auf der politischen Szene breit. Zweifel schleichen sich in die Herzen der Wähler. Die Politiker verlieren ihre Repräsentativität und beginnen, sich um sich selbst, um ihre Mythen, ihre „Geheimnisse“, ihre Interessen zu drehen. Niemand mehr fühlt sich zu ihnen hingezogen oder von ihnen beeinflusst. Auch sie selbst interessieren sich für niemanden mehr. Die Politiker werden zum Baum dessen Wurzeln abgestorben sind. Ihr Ende naht. Der Sturmwind einer größeren Krise ideologischer oder kultureller Natur oder eben einer Gesellschafts- oder Wirtschaftskrise wirft sie um und mit ihnen stürzt auch die Demokratie, die sie verkörperten. Dies kann aber auch durch den starken Arm eines Holzfällers geschehen – mit anderen Worten, eines auf Allmacht erpichten Demagogen.
  Wehe der durchweg demokratisierten Welt von morgen wenn die universelle Demokratie zusammenstürzt und an ihrer Stelle ihre unerbittliche Alternative das Haupt erhebt, die Gewaltherrschaft der Massen nämlich oder die der Omniarchen.
  *    *    *
  Die Demokraten mehr als sonst jemand sollten also in diesen Tagen, die von dem alles mitreißenden Strom der Medienmehrheit als Post-Kommunismus bezeichnet werden, nachdrücklichst Wert darauf legen, daß die Einführung systematischer Verschönerungen und Unterschlagungen vermieden werde, und das Volk – alle Völker – „die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ erfahren.
  Von diesen Gedanken ließ sich der Verfasser des jetzt in Deutschland zur Veröffentlichung kommenden Manifestes, Prof. Plinio Corrêa de Oliveira, eine hervorragende, auf dem ganzen amerikanischen Kontinent und in verschiedenen Ländern Europas bekannte Persönlichkeit, bei seiner Stellungnahme gegenüber folgenden Problemen leiten:
  1. Nehmen wir an, die kommunistischen Regierungen, Richtungen und Gruppierungen würden – als Kommunisten – tatsächlich vom Angesicht der Erde verschwinden. Eine Hypothese, die von einigen schon als sicher betrachtet, von andren aber mit Skepsis angesehen wird.
  Auf jeden Fall stellt die Gruppe derer, die mit dieser Etikettierung oder ohne sie doch die Kader des internationalen Kommunismus bilden, weiterhin eine ungeheure Macht dar, denn sie beherrschen die Weiten Chinas und die Gelbe Welt des asiatischen Kontinents. Sie besitzen noch Reste der Macht im schwankenden Gebäude Sowjetrusslands. Sie überleben noch brodelnd in einer Reihe von Denkern und Männern der Tat in den „ehemaligen“ kommunistischen Ländern, in fest zusammenhaltenden disziplinierten Kommunistischen Parteien fast überall auf der Welt.
  2. Für einen beträchtlichen Teil der Erde ist es keineswegs so gewiss, daß die Reformen Gorbatschows von allen Kommunisten auch wirklich angenommen wurden. So hat sich zum Beispiel Fidel Castro, der kubanische Diktator, gegen diese Maßnahmen erhoben und seine Bereitschaft bekundet, die kommunistische Orthodoxie weiterhin zu verteidigen, selbst wenn dies „sonst niemand mehr auf der Welt tun sollte“ (O Estado de São Paulo, 31.10.89). Es handelt sich schließlich um einen Diktator, der in katholischen Kreisen Brasiliens einen solchen Einfluss genießt, daß der Kardinal-Erzbischof von São Paulo, Paulo Evaristo Arns, ihm zu Weihnachten 1988 einen Brief zukommen ließ, in dem er ihn als „Liebster Fidel“ ansprach und zu seinem offiziell gegen die Perestrojka gerichteten System folgendes verlauten ließ: „Heute darf Kuba stolz darauf sein, auf unseren durch die Auslandsverschuldung so verarmten Kontinent ein Beispiel sozialer Gerechtigkeit zu sein“ (O Estado de São Paulo, 19.1.89).
  Der Kommunismus besteht also weiter, und er wird auch in Zukunft auch eine beträchtliche Macht ausüben, selbst wenn die Reformen Gorbatschows keinen kommunistischen Zweck verfolgen sollten, und er sie auch tatsächlich bis zum Ende durchzuführen vermöchte – was ja auch nur zwei Hypothesen sind.
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  Demnach ist das vorliegende Manifest also von dem Wunsche getragen, die zwar geringer gewordene, aber dennoch stark genug gebliebene Macht des Kommunismus näher zu untersuchen, und es fragt, was für neue Aspekte zu den bereits bekannten hinzukommen, wenn wir die kommunistische Wirklichkeit ohne ihre Masken und Verstellungen anschauen, so wie sie sich, aus Anlass der von Gorbatschow betriebenen Veränderungen vor den Augen einer erschrockenen Welt im Verlaufe dieser Tage der Hoffnung und Ungewissheit offenbart hat.
  Auf diese Fragestellung antwortet Prof. Plinio Corrêa de Oliveira mit einer vielen vielleicht unangebracht erscheinenden Offenheit. Ihnen wäre es wohl lieber, wenn der Finger nicht in gewisse Wunden gelegt würde. Die Antwort des Vorsitzenden des Nationalrates der brasilianischen TFP ist jedoch stets die gleiche: Nichts wäre vor allem zum jetzigen Zeitpunkt unangebrachter als der Weg verbrämter oder unterschlagener Informationen für die Öffentlichkeit und der dementsprechenden Verfälschung der repräsentativen politischen Demokratie, ausgerechnet in einem Augenblick, wo sie als die große Errungenschaft gefeiert wird, die der Westen schon seit langem sein eigen nennen darf, während die Völker des Ostens sich anzuschicken scheinen, sie im Laufe einer weltumspannenden Konvergenzbewegung zu erobern.
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  Die vorliegende Analyse wurde ursprünglich zur Veröffentlichung in Brasilien verfasst. Der Autor erhält aber seit dem Erscheinen des Textes in seinem Heimatland so viele Anfragen aus amerikanischen und europäischen Ländern, daß er gern bereit ist, die Übersetzung und Veröffentlichung in den entsprechenden Ländern zu genehmigen.
  Mit besonderer Genugtuung willigte er deshalb auch in den analogen Vorschlag ein, der über das TFP-Büro Deutschland an ihn herangetragen worden war, zumal er gerade diesem Land eine ganz besondere Bewunderung und Liebe entgegenbringt, hat doch die deutsche Kultur einen tiefen, heilsamen Einfluss auf seinen geistigen Werdegang ausgeübt.
  Dem deutschen Leser möchte der Verfasser jedoch zwei Erwägungen voranstellen:
  1. Gewisse Themen, wie Agrarreform und die „lautstarken Pressekampagnen“ gegen die TFP (während der 30jährigen dynamischen Geschichte der brasilianischen TFP waren es insgesamt 12), haben direkt mit der brasilianischen Wirklichkeit zu tun, und ihre Erwähnung wird für den in brasilianischen Dingen weniger bewanderten Leser wohl kaum in voller Tragweite verständlich sein; sie sind deshalb von dieser ihre spezifisch brasilianischen Warte aus zu sehen.
  2. Wenn von politischen Fehlern der Westmächte bei den Hilfeleistungen an Länder hinter dem jetzt niedergerissenen Eisernen Vorhang oder ähnlichen Fakten die Rede ist, so ist die Bundesrepublik in diese Betrachtungsweise grundsätzlich nicht eingeschlossen. Denn seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich ja dieses Land in einer ganz besonderen Lage. Da wäre vor allem die Pflicht hervorzuheben, dem östlichen Teil Deutschlands Hilfe und Beistand zu gewähren, moralisch gesehen handelte es sich doch immer noch um ein und dasselbe Vaterland, sodaß also im Sinne der hier vorliegenden Studie die beiden Teile Deutschlands in einem politischen und wirtschaftlichen Kontext standen, der sich völlig von den allgemeinen Beziehungen zwischen dem Westen und den kommunistischen Ländern abhob.
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Dieses Manifest wurde bisher im vollen Wortlaut in folgenden Zeitungen oder Zeitschriften veröffentlicht:
  Bolivien: El Mundo und El Deber, Santa Cruz, 4.3.90; El Diário, La Paz, 10.3.90; Los Tiempos, Cochabamba, 25.3.90; La Gazeta, Sucre, 1.4.90; El Cirio, Potosi, 1.4.90.
  Brasilien: Folha de São Paulo, São Paulo, 14.2.90; A Cidade, Campos, 22.2.90; A Gazeta, Vitória, 23.2.90; Estado de Minas, Belo Horizonte, 8.3.90; Catolicismo, São Paulo, März/90; O Diário, Maringá, 11.3.90; Jornal do Povo, Parnaíba, 11.3.90; Zero Hora, Porto Alegre, 14.3.90; O Diário Popular, Pelotas, 14.3.90; Folha de Londrina, Londrina, 14.3.90; Diário do Noroeste, Paranavaí, 14.3.90; Diário do Nordeste, Fortaleza, 20.3.90; A Notícia, Joinville, 29.3.90; Nossa Folha, Arapongas, 14.4.90.
  USA: The Wall Street Journal, New York, 27.2.90; Diário Las Américas, Miami, 1.4.90.
  Chile: El Mercurio, Santiago, 2.3.90.
  Italien: Corriere della Sera, Mailand, 7.3.90; Il Tempo, Rom, 8.3.90; Lepanto, Rom, Februar/90; Cristianità, Piacenza, März/90
  Portugal: O Dia und Semanário, Lissabon, 10.3.90; O Zé, Rio Maior, 30.3.90
  Venezuela: El Universal, Caracas, 13.3.90; El Nacional, Caracas, 21.3.90
  Ecuador: El Comercio, Quito, 14.3.90; El Telégrafo, Guayaquil, 14.3.90; El Austral, Cuenca, 22.4.90
  Spanien: Ya, Madrid, 17.3.90; El Pilar, Zaragoza, 18.3.90; Las Provincias, Valencia, 29.3.90; Covadonga Informa, Madrid, März/90; El Mundo Financiero, Madrid, April/90
  Costa Rica: La Nación, San José, 25.3.90; El Eco Católico, San José, 1.4.90
  Kolumbien: El Tiempo, Bogotá, 28.3.90; El Derecho, Pasto, 31.3.90; Diário del Huila, Neiva, 31.3.90; El Informador, Santa Marta. 31.3.90
  Uruguay: EI País, Montevideo, 1.4.90
  Sudafrika: The Star, Johannesburg, 5.4.90
  Peru: Expreso, Lima, 16.4.90.


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I. Unzufriedenheit macht sich Luft und lässt die sowjetische Welt auseinanderfallen
  
Die von der Perestrojka in Sowjetrussland veranlassten Reformen und die vom Mittelpunkt wegstrebenden politischen Bewegungen, die kürzlich in Aserbaidschan und seinen armenischen Enklaven fast zum Bürgerkrieg geführt haben, erschüttern auch die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland, sowie weiter südwestlich Polen und die DDR, und in südlicher Richtung die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien. Nimmt man die spektakuläre Öffnung der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs noch hinzu, so bilden diese Erschütterungen im Zusammenhang gesehen eine Bewegung wahrhaft zyklopischen Ausmaßes, wie man es seit den beiden Weltkriegen und vielleicht den Napoleonischen Kriegen nicht mehr gesehen hatte.
  Diese derzeitige Bewegung der Europakarte ist je nach Gegend verschiedenen Umständen zuzuschreiben, und auch die Bedeutung ist jeweils eine andere. Über allem aber schwebt ein Zeichen, das alles weitere einschließt und durchdringt: die Unzufriedenheit.
Eine ungemein große Unzufriedenheit
  Diese Unzufriedenheit muss ganz groß geschrieben werden, denn sie ist das Sammelbecken all der regionalen und nationalen Unzufriedenheiten wirtschaftlicher und kultureller Natur, die sich über Jahrzehnte hinweg in der sowjetischen Welt unter dem Anschein einer tragisch-gleichgültigen Apathie angestaut haben, von Menschen, die zwar mit nichts einverstanden waren, sich aber physisch daran gehindert sahen, sich auszudrücken, zu bewegen, zu erheben, alles in allem, wirksamen Widerspruch zu leisten. Es handelte sich um eine totale Unzufriedenheit, die aber jeden einzelnen in seiner Wohnung, in seiner Hütte, in seinem Unterschlupf stumm und gelähmt hielt, vielfach ohne die Stütze der Familie, denn an die Stelle der Ehe war schon oft das Konkubinat getreten. Unzufriedenheit auch, weil man die Kinder immer wieder ihrem „Zuhause“ entzog, um sie zwangsweise dem Staat zu überantworten, dem allein die gesamte Erziehung zustand. Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, wo ein guter Teil der Arbeitszeit mit Trägheit, Nichtstun und Langeweile zugebracht wurde, und die mäßigen Löhne gerade zum Kauf von nur ungenügend zur Verfügung stehenden Lebensmitteln und Artikeln schlechter Qualität reichten, jenen typischen Produkten einer vom Staatskapitalismus verstaatlichten Industrie. In den langen Schlangen vor den Läden, aus deren fast leeren Regalen einen die schamlose Armut anstarrte, sprach man flüsternd vom kompletten Mangel an Qualität und Quantität. Unzufriedenheit vor allem auch wegen des fast allerorts geltenden Verbots der Religionsausübung, der verschlossenen Kirchen, der nur beschränkt zugelassenen Glaubenslehre. In den Schulen wurde zwangsläufig der Materialismus, der Atheismus, mit einem Wort die kommunistische Unreligion verbreitet.
  All diese Übel zusammengenommen verdrießen den Menschen natürlich noch mehr als jedes einzelne für sich. Wenn demnach schon gegen diesen oder jenen Aspekt der sowjetischen Wirklichkeit Klagen erhoben werden, so ist es nur zu verständlich, daß sich gegen diese Wirklichkeit als Ganzes jetzt ein wahrer Feuersturm der Wut Bahn bricht. Diese gegen das Ganze gerichtete Wut, trifft natürlich voll das Regierungssystem und entfacht alle Kräfte der Empörung im Menschen zu einer alles umfassenden Unzufriedenheitswelle gegen das kommunistische Regime, den Staatskapitalismus, den polizeilich verordneten, despotischen Atheismus, gegen alles schließlich, was die marxistische Ideologie hervorgebracht und in den jetzt sich erhebenden Ländern durchgeführt hat.
  Es ist also durchaus angebracht, hier von Unzufriedenheit zu sprechen. Wohl die umfassendste Unzufriedenheit, die es in der Geschichte je gab.
– Ängstliche, halbherzige Zugeständnisse Moskaus
  Um zu verhindern, daß diese Unzufriedenheit in Aufstand und Bürgerkrieg umschlug, hat Moskau offensichtlich hier und da ein paar ängstliche, halbherzige Zugeständnisse gemacht.
  In Wirklichkeit aber bleibt die Tragweite dieser Zugeständnisse äußerst fragwürdig. Sie sind zwar dazu angetan, die Gemüter einigermaßen zu beruhigen, doch wecken sie auch bei den Unzufriedenen verstärkt das Bewusstsein der eigenen Macht und der Schwäche des gestern noch allmächtig scheinenden Moskauer Gegners. Die Befriedung kann also von den Unzufriedenen durchaus dazu genutzt werden, immer größere Scharen von Anhängern um sich zu sammeln und sie für Bewegungen vorzubereiten, die vielleicht schon morgen mit noch nachdrücklicheren Forderungen auf den Plan treten als gestern.
  So kann es nach und nach zu einer Entwicklung kommen, wie sie kennzeichnend ist für den erfolgreichen Aufstieg aufrührerischer Bewegungen, während gleichzeitig das überholte, von innerer Fäulnis zerstörte Establishment der Regierungen zu Fall kommt.
– Ein Schrei der Entrüstung, wie ihn die Geschichte bisher noch nicht kannte
  Sollten sich die Ereignisse im sowjetischen Machtbereich ohne ernsthaften Widerstand weiterentwickeln, braucht es keines durchdringenden politischen Verstandes, um zu erkennen, was für ein Ende das nehmen wird: Und zwar der Sturz der Sowjetmacht in dem ganzen, ungeheuren Reich, das noch bis vor kurzem vom Eisernen Vorhang fest umschlossen war. Und aus den Tiefen der sich anhäufenden Ruinen wird man den donnernden Schrei der Entrüstung der unterdrückten und versklavten Völker vernehmen.


II. Interpellation an die direkt Verantwortlichen für das ungeheure Elend: Die Sowjetführung in Russland und in den geknechteten Völkern
  Dieser Schrei wird sich vor allem gegen die unmittelbar Verantwortlichen für all den Schmerz, der jahrzehntelang in den unermesslichen Weiten des Reiches einer ungeheuer großen Anzahl von Opfern zugefügt wurde.
  Und falls die menschlichen Ereignisse ihre Logik nicht gänzlich eingebüßt haben sollten (ein tragischer Rückzug, den die Geschichte in Zeiten totalen Verfalls, wie zum Ende dieses Jahrhunderts und Jahrtausends, schon öfters zu verzeichnen hatte), werden die Opfer dieses ungeheuerlichen Elends einstimmig aufheulen und von der Welt einen Akt der Gerechtigkeit gegenüber den Verantwortlichen verlangen.
  Die Verantwortlichen schlechthin aber waren. die obersten Führer der KPdSU, denen in der sowjetischen Machtstruktur immer die größten Befugnisse zukamen, und denen sich sogar die Regierung und dementsprechend auch die KP-Chefs und die Regierungen der geknechteten Völker zu unterordnen hatten.
  Sie sind die Verantwortlichen, denn ihnen ist und konnte das unsagbare Unglück und Elend nicht verborgen geblieben sein, in das die kommunistische Lehre und ihr System die Massen stürzten! Und dennoch haben sie nie gezögert, diese Lehre auszubreiten und anderen ihr System aufzuzwingen.
III. Interpellation an die Einfältigen, die Nachgiebigen und die freiwilligen oder gezwungenen westlichen Kollaborateure des Kommunismus
  Wenn wir weiterhin mit der Logik der Ereignisse rechnen, so werden all die Menschen, Familien, Völkerschaften und Nationen nicht nur gegen die oben Genannten Gerechtigkeit fordern.
– Optimistische, oberflächliche Historiker haben die Reaktion der freien Völker gegen die Machenschaften des internationalen Kommunismus abgeschwächt
  In einer zweiten Phase werden sie sich an die verschiedenen westlichen Historiker richten, die während der langen Periode sowjetischer Herrschaft auf optimistische und oberfläch1iche Weise die Ereignisse in der kommunistischen Welt geschildert haben; und man wird sie fragen, warum sie in ihren weltweit in gewissen Medien gefeierten zeitgeschichtlichen Werken so wenig über das immense Elend zu sagen hatten. Dies hat nämlich dazu geführt, daß die notwendige Reaktion der freien Völker gegen die Unterwanderung und die Machenschaften des internationalen Kommunismus nur in abgeschwächter Form zur Wirkung kam.
– Die Staatsmänner des Westens haben sich kaum für die Befreiung der Opfer aus der sowjetischen Sklaverei eingesetzt
  Schließlich werden sich dieselben Unzufriedenen an die Staatsmänner der reichen westlichen Länder richten und sie zur Rede stellen, warum sie so wenig unternommen haben, die zahllosen Opfer aus der endlosen Dunkelheit der Nacht Sowjetischer Knechtschaft zu befreien.
  Wir wissen natürlich, daß dann die stets lächelnden, ausgeschlafenen, frisch gewaschenen und wohlgenährten Staatsmänner leutselig antworten werden: „Wieso denn ausgerechnet wir!? Haben wir euren Regierungen nicht so viel Geld zukommen lassen, ihnen so viele Kredite eröffnet, haben wir nicht so viele defekte Waren aus euren miserablen Fabriken angenommen, und das alles, um euren Hunger ein wenig zu stillen? Ausgerechnet an uns richtet ihr euren sinnlosen Tadel!“ Und sie werden hinzufügen: „Geht doch einmal zur UNO, zur UNESCO und zu den vielen anderen Institutionen, die so eifrig um die Menschenrechte bemüht sind, und schaut euch die vielen wohlklingenden, literarisch ausgefeilten Proklamationen an, die wir überall im Westen zur Verbreitung brachten, und in denen wir uns gegen die Lage ausgesprochen haben, in der ihr euch befandet... Ist euch das nicht genug?“
  Wenn diese liebenswürdigen Machthaber des Westens meinen, so die unausweichlichen Einwände entkräften zu können, die an sie herangetragen werden, so täuschen sie sich.
– Die Subventionen des Westens haben die Tätigkeit der Schergen in die Länge gezogen
  Denn die Wirklichkeit ist in ihrer konkret fassbaren Gestalt keineswegs so einfach und so leicht zu verstehen und zu beschreiben, wie sie scheinbar annehmen. Die unzufriedenen Massen werden ihnen wohl oder übel antworten: „Führt euch einmal Tausende, Millionen von Menschen vor Augen, die alle gleichzeitig in Räumen so groß wie ganze Länder gequält werden. So sah die Welt hinter dem Eisernen Vorhang aus! Fast immer kamen die Subventionen des Westens nicht den armen Folteropfern zugute sondern den Schergen, denen diese landesweiten Folterkammern unterstanden, denn nichts anderes waren doch die Regierungen, die da unter der grimmigen Führung Moskaus die ,souveränen‘ und ,alliierten‘ Nationen hinter dem Eisernen Vorhang, wie Polen, die DDR, die Tschechoslowakei, Ungarn und so viele andere unterjocht hielten; dazu muss man auch die mit Moskau ,vereinigten' Sozialistischen Sowjetrepubliken und Gebiete zählen, die deutlich und offiziell von den Despoten im Kreml abhängen. Diesen Schergen-Regierungen kamen meistens die Wohltaten des Westens zugute.“
  Doch spätestens bei diesem Punkt werden Zweifel auftauchen, die von den Unzufriedenen immer wieder in Umlauf gebracht werden dürften, und auf diese Zweifel wird nicht so leicht eine Antwort zu finden sein.
  Natürlich lässt sich nicht leugnen, daß ein kleiner Teil dieser an die Marionettenregierungen hinter dem Eisernen Vorhang gegangenen Mittel doch noch die entsprechenden Opfer erreicht und ihre unglückliche Lage etwas erleichtert haben. Vielleicht haben diese Hilfeleistungen sogar manchen vor dem Hungertod gerettet. Doch waren aus den Reihen der Unzufriedenen selbst noch vor den derzeitigen Umwälzungen peinliche Einwände hierüber laut geworden.
  So hat der Westen nach dem Dafürhalten der leidvollsten und entrüstetsten unter ihnen zwar den Schergen Mittel zur Verfügung gestellt, mit denen sie den Opfern über den schlimmsten Mangel hinweghelfen sollten, doch haben diese Mittel gleichzeitig auch dazu gedient, die allgemeine Empörung abzuschwächen und auf diese Weise die Herrschaft eben dieser Schergen noch weiter hinauszuziehen.
  Wäre es dann in diesem Fall nicht besser für die unterdrückten Völker gewesen, wenn der Westen keine Hilfe geschickt hätte, damit der Tag des Ausbruchs der Unzufriedenheit früher gekommen wäre und mit ihm die endliche und totale Befreiung der unglücklichen Unterdrückten?
– Selbstmörderische Helfer bei der Verbreitung des Kommunismus
  Wir müssen zugeben, daß uns diese Frage bestürzt, vor allem wenn man nie davon gehört hat, daß die Bewilligung der genannten Mittel von den westlichen Spendern mit irgendeiner Auflage verbunden gewesen wären, die es ihnen erlaubt hätte, darüber zu wachen, daß diese Mittel nicht zum Kauf oder zur Herstellung von Waffen und Munition verwendet würden, um damit versklavte Völker noch länger unter dem Joch zu halten. Oder daß sie sogar im Falle eines Krieges gegen den Westen gegen die Gebernationen selbst eingesetzt würden.
  Gehen wir der Sache bis auf den Grund! Wenn Moskau soviel Gold hatte, daß es in der Lage war, mit seinem Netz von Propagandisten und Verschwörern überall auf der Welt zu wühlen, so ist doch gewiss anzunehmen, daß die pharaonischen Ausgaben dafür zu einem beträchtlichen Teil auch aus den Geldsummen gespeist wurden, die westliche Spender für irgendwelchen Zweck überwiesen hatten.
  Waren aber dann die Wohltäter der Opfer des Kommunismus in diesem Falle nicht „unfreiwillige“ Komplizen der Schergen? Und waren sie nicht auch gleichzeitig selbstmörderische Mitarbeiter eines Angriffs gegen den Westen und noch dazu Partner bei der Verbreitung des kommunistischen Irrtums unter allen Völkern?
– Der Kreuzzug, der nicht stattfand
  Noch wissen wir nicht, ob die versklavten Nationen eines Tages wirklich frei sein werden, bevor es zu den heilenden und strafenden Katastrophen kommen wird, die Unsere Liebe Frau bei den Erscheinungen in Fatima angekündigt hat (s. Antonio Augusto Borelli Machado, Die Erscheinungen und die Botschaft von Fatima nach den Aufzeichnungen von Schwester Lucia. São Paulo 1989. 26. Aufl.).
  Was wir aber wissen ist: Wenn diese Nationen dereinst frei sein werden, wird die Unzufriedenheit von den „Wohltätern“ der versklavten Nationen strenge Rechenschaft fordern. Jene werden sich gezwungen sehen, um ihres Rufes willen ganze Archive durchzuwühlen und den Staub von vielen Kostenstellen zu wischen. Es sei denn, sie ziehen es vor, alles zu verriegeln und dafür zu sorgen, daß sich noch einmal das Schweigen über diese Fragen senkt.
  In Wirklichkeit haben die schön klingenden Erklärungen von UNOs, UNESCOs und ähnlicher Organisationen sie gleichgültig gelassen, so wie die Opfer gleichgültig bleiben würden angesichts des artigen Lächelns, das von Leuten ausginge, die ihnen damit ihren Gruß und ihre Solidarität bekunden wollten, während sie mit verschränkten Armen ihrer Qual zuschauen.
  „Wir hätten eines Kreuzzuges zu unserer Befreiung bedurft", werden sie ausrufen, „und ihr habt uns nichts als ein bisschen Brot geschickt, das uns helfen sollte, auf unbestimmte Zeit unsere Knechtschaft auszuhalten. Wusstet ihr denn nicht, daß die große Lösung für den Gefangenen nicht nur im Brot liegt, sondern vor allem in der Freiheit?“
  Vielleicht gibt es sogar gültige Argumente gegen diese Klagen der Gefangenen. Doch geben wir zu, daß es nicht leicht sein wird, sie ausfindig zu machen.
– Ein Sieg der „Harten“ würde die Verbitterung und den Jammer nur noch vergrößern
  Die gesamte westliche Presse hat immerhin festgestellt, daß der Sieg dieser riesengroßen Unzufriedenheit noch nicht unbestreitbar ist. Denn niemand kann garantieren, daß die so erfolgreich und schlagfertig auf dem Platz des Himmlischen Friedens (!) in Peking und jüngst wieder mit scheinbaren Erfolg in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan, durchgeführte Niederschlagung der Rebellion sich nicht noch andere Male in anderen Unzufriedenheitsherden wiederholen kann. Nehmen wir schließlich an, diese Abfolge von Niederschlagungen vermöchte der Unzufriedenheit eine karikierte Friedensmaske überzustülpen, eines Friedens der Leichenstarre allerdings.
  Ein solcher Ausgang würde sicherlich weltweite Folgen zeitigen, die wir im Augenblick größtenteils gar nicht voraussehen können. Die Unzufriedenheit würde jedenfalls die Verbitterung und den Jammer nur noch vergrößern, vor allem in bezug auf den Westen. Denn aus der Tiefe ihres Kerkers würden die Unzufriedenen die lange Liste der Proteste gegen uns im Westen nur noch vergrößern.
  Als Anklage gegen den Westen werden sie notgedrungen vorbringen: „Bis 1989-1990 hatten wir noch nicht die ganze Welt mit unseren Schreien erfüllt. 1989-90 hatten wir endlich Gelegenheit, dies zu tun. Seither gibt es nicht einmal mehr den geringsten Schleier, der euch gegen uns abschirmen könnte. Ihr habt alles gesehen und gehört, und dennoch habt ihr wenig mehr als das Unzulängliche von vorher getan.“
  Es wird uns wiederum schwer fallen und peinlich sein, darauf Antwort zu finden.
IV. Interpellation an die KP-Führer in aller Welt
 
Doch sollten wir uns nicht mit dem Gedanken täuschen, daß sich eine Abrechnung nur zwischen den Opfern, die da aus allen Rissen des immensen, aus den Fugen geratenen sowjetischen Kerkers ihre Stimme erheben, und ihren Schergen abspielen wird, oder zwischen eben diesen Opfern und ihren lächelnden, kargen Wohltätern, die hin und wieder im Laufe der langen Jahre der Knechtschaft, von der nur Gott weiß, wann sie ein Ende haben wird, im Westen etwas von sich hören ließen. Das alles hängt davon ab, was uns die für uns noch rätselvolle Zukunft bringen wird.

  Es ist durchaus auch noch eine andere Auseinandersetzung vorauszusehen, nämlich die der Bevölkerung westlicher Länder mit den Leitern der verschiedenen kommunistischen Parteien, die unter dem Einfluss der vorgeblichen ideologischen und technischen Modernität des Kommunismus und natürlich auch manchmal dank der Überzeugungskraft des Goldes und der Wirksamkeit der kommunistischen Propagandataktiken in allen nicht kommunistischen Ländern der Erde bequem Fuß zu fassen vermochten.
– Haben sie nichts gesehen?
  Jahrzehntelang haben die kommunistischen Führer der verschiedenen Länder ständig vielfältigen Kontakt mit Moskau unterhalten. Mehr als einmal Sind sie dort gewesen und wurden normalerweise als Komparsen und Freunde in Empfang genommen.
– Haben sie nichts berichtet?
  Und jedes Mal, wenn sie in ihre Länder zurückkehrten, wurden sie von den Parteimitgliedern gierig nach allem ausgefragt, was sie in Moskau, diesem wahren Mekka des internationalen Kommunismus, gesehen und gehört hatten.
– Haben sie nach nichts gefragt?
  Nach allem, was man so von diesen Moskaubesuchern der Öffentlichkeit gegenüber hören konnte, wäre anzunehmen, daß sie bei diesen Reisen niemals auch nur den Versuch unternommen hatten, unmittelbar die Lage zur Kenntnis zu nehmen, in der die Russen und andere unterdrückte Völker lebten. Sie hatten nichts von den endlosen Schlangen gesehen, die sich in den frühen Morgenstunden vor den Türen der Metzgereien, Bäckereien und Apotheken bildeten, weil die Leute auf qualitativ und quantitativ unzulängliche Ware warten mussten, um deren Erwerb sie wie Bettler anstanden. Sie hatten auch nicht die Lumpen um die Schultern der Armen bemerkt, das völlige Fehlen der Freiheit, das alle Bürger bedrückte. Das traurige Schweigen der Bevölkerung, die Angst sogar, mit den Besuchern zu sprechen, weil sie die Brutalität polizeilicher Verdächtigungen zu fürchten hatte, das alles hatte sie nicht beeindruckt.
  Haben diese Stützen des Kommunismus aus den verschiedenen Ländern der freien Welt die sowjetischen Machthaber nicht danach gefragt, warum es so viele Polizeistreifen gab, wenn doch das System beim Volke so beliebt war? Und wenn es dies nicht war, wie war dann diese Unbeliebtheit zu erklären bei einem Regime, das ungeheure Summen für Propaganda ausgab, um die Menschen im Westen davon zu überzeugen, daß die Russen schließlich die wahre soziale Gerechtigkeit im Paradies des Überflusses für alle gefunden hatten?
– Wenn sie um das tragische Scheitern des Kommunismus wussten, warum wollten sie ihn dann für ihre Länder?
  Wenn die kommunistischen Führer der freien Welt aber wussten, was die ganze Welt heute als Frucht des Kommunismus erkennen kann, warum suchten sie dann dieses System des Elends, der Knechtschaft und der Schande auf ihre eigenen Länder auszudehnen? Warum waren ihnen weder Geld noch Anstrengungen zuviel, die Eliten aller Volksschichten für das harte Vorhaben der Einführung des Kommunismus zu gewinnen, angefangen mit der geistlichen Elite des Klerus, mit den gesellschaftlichen Eliten des Groß- und Kleinbürgertums, den kulturellen Eliten von Universität und Medien, den Eliten des zivilen und militärischen Beamtentums, dazu der Gewerkschaften und Berufsgruppen aller Art, schließlich der Jugend und sogar der Kindheit in den Grundschulen? Hat sie die Leidenschaft der Ideologie so geblendet, daß sie nicht einmal gemerkt haben, daß die Lehre und das System, die sie ihrer jeweiligen Heimat predigten, auch da die Früchte des Elends und dasselbe Unglück hervorbringen mussten, das in den endlosen Weiten des sowjetischen Reiches, von den Ufern der Spree bis nach Wladiwostok herrschte?
– Als eine wichtige Stimme die Wahrheit sagte: Überraschung!
  Somit kam es in der westlichen Welt zu einer so ungenauen Vorstellung von der unglücklichen Lage der unterdrückten Völker, daß 1984, als ein Mann von apostolischer Unerschrockenheit den Mut hatte, mit einigen festen Worten einen Überblick zu geben, die im Westen wie eine Bombe einschlugen und weltweit zu hören waren.
  Wer war dieser Mann? Ein weltbekannter Theologe, eine hohe Kirchenpersönlichkeit: Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Vatikanischen Glaubenskongregation.
  Und was hat er gesagt? Hier seine Worte: „Millionen unserer Zeitgenossen sehnen sich legitimerweise danach, die grundlegenden Freiheiten wiederzuerlangen, deren sie durch totalitäre und atheistische Regierungsformen beraubt wurden, die auf revolutionärem und gewalttätigem Weg die Macht an sich gerissen haben, und dies im Namen der Befreiung des Volkes. Man kann diese Schande unserer Zeit nicht übersehen: Ganze Nationen werden unter menschenunwürdigen Bedingungen in Knechtschaft gehalten, während gleichzeitig behauptet wird, man bringe ihnen die Freiheit“ (Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über einige Aspekte der „Theologie der Befreiung“ vom 6. August 1984, Nr. XI, 10). Eine Sklaverei, die natürlich mit der allgemeinen Misere zu tun hat (s. Vittorio Messori a colloquio con il cardinale Joseph Ratzinger: Rapporto sulla Fede. Edizioni Paoline 1985. S. 201).
  Das alles hat er gesagt, und nur das, doch die westliche Öffentlichkeit erzitterte. Jahre später sollte die ungeheure Krise im sowjetischen Machtbereich zeigen, daß der Purpurträger nicht nur recht hatte, sondern daß seine mutigen Worte lediglich eine Kurzfassung der schaurigen Wirklichkeit waren.
– Die große Interpellation, die noch bevorsteht
  Derzeit ziehen die Ereignisse in der sowjetischen Welt die allgemeine Aufmerksamkeit derart auf sich, daß hier für Überlegungen, Analysen und tiefergehende Interpellationen kein Raum ist.
  Doch der Tag dafür wird kommen. Und an diesem Tag wird die Öffentlichkeit von den KP-Chefs im Westen ohne Umschweife wissen wollen, warum sie Kommunisten geblieben sind, obwohl sie doch um das Elend wussten, in das der Kommunismus die von Moskau geknebelten Völker gestürzt hatte. Man wird eine Erklärung von ihnen verlangen, warum sie trotz ihrer Kenntnis vom Elend in Russland und den anderen geknechteten Völkern bereit waren, einer politischen Partei vorzustehen, der es nur darum ging, die eigenen Länder der freien Welt, in denen sie geboren waren, ebenfalls in Not, Sklaverei und Schande zu stürzen. Was hat ihnen denn so sehr an diesem düsteren Ziel gelegen, daß sie nicht einmal zögerten, die Wahrheit vor den eigenen Anhängern zu verbergen, von denen dann doch wenigstens einige entsetzt aus den roten Reihen ausgebrochen wären.
  Diese Haltung der kommunistischen Führer aus den verschiedenen Ländern der freien Welt, die sich mit Moskau verschworen hatten, jeweils das eigene Vaterland ins Elend zu stürzen, wird wohl für die Nachwelt eines der großen Rätsel der Geschichte bleiben.
  Schon heute stachelt dieses Rätsel die Neugier jener an, denen es nicht an Scharfsinn fehlt, das Problem zu erkennen und sich fragend damit zu beschäftigen.
– Die hastige Übertünchung der KP-Fassaden garantiert noch nicht, dass die Kommunisten tatsächlich ihre Lehre ändern werden.
  Das sieben Jahrzehnte alte Bild, das so viele KP-Chefs auf der ganzen Welt nicht sehen wollten, oder nicht sehen konnten, und das uns die dramatischen Ereignisse, die jetzt die sowjetische Welt in Atem halten, völlig ungeschminkt vor Augen führen, versetzt die KPs verschiedener Länder offensichtlich in einen Zustand der Verunsicherung. Selbst die Bezeichnung „KP“, auf die sie doch einst so stolz waren, scheint ihnen heute, psychologisch gesehen, unangebracht und, vom taktischen Standpunkt aus gesehen, sogar Ärgernis erregend.
  Deshalb ziehen es heute verschiedene unter ihnen vor, sich sozialistisch zu nennen. Und zwar soll es sich dabei nicht nur um einen Etikettenwechsel handeln, sondern auch den Innhalt betreffen.
  Solcherlei Änderungen veranlassen uns allerdings zum Nachdenken:
  1. Was die KPs in Zukunft zu tun gedenken, ist allein noch nicht genug, all das zu rechtfertigen, was sie bisher getan oder zu tun unterlassen haben. So erklärt die einfache Namensänderung noch lange nicht, warum sie bisher zu allem, was in sowjetischen Machtbereich geschah, Ja und Amen gesagt haben. Und wie steht es mit dem Schweigen der KPs der freien Welt zu dem schrecklichen Elend, das in Russland und den unterjochten Völkern herrschte? Wenn man die Sache so betrachtet, behalten unsere weiter oben formulierten Fragen und Interpellationen durchaus ihre Aktualität.
  2. Die angeblichen Änderungen können nur unter der Bedingung ernst genommen werden, wenn die KPs unzweideutig erklären,
  a) was sich an ihren philosophischen, wirtschaftlich-sozialen und anderen Lehren tatsächlich geändert hat;
  b) warum sie diese Änderungen vorgenommen haben, und in welcher Beziehung diese Änderungen zur Perestrojka stehen.
  3. Außerdem ist eine Erklärung der KPs vonnöten, aus der konkret hervorgeht,
  a) wie sie heute zur Freiheit der katholischen Kirche und dementsprechend auch der anderen Religionen stehen;
  b) was für eine Auffassung sie nun über die Freiheit der politischen Parteien und der unterschiedlichen philosophischen, politischen, kulturellen u.ä. Strömungen haben, die dem Menschen im biblischen Dekalog zugesichert sind;
  c) ob und inwiefern sie ihre Doktrin und Gesetzesvorlagen in bezug auf Familie, Privateigentum und freies Unternehmertum geändert haben;
  d) und ob sie schließlich diesem neuen Trend eine gewisse Stabilität zuschreiben, oder ob es sich lediglich um eine Phase eines Entwicklungsprozesses handelt, dem bald schon andere Einstellungen folgen werden;
  e) falls ja, was wären das für Einstellungen?
  Ohne diese klärenden Stellungnahmen garantiert die hastige Übertünchung der KP-Fassade mit den sozialistischen Farben keinesfalls, daß die Kommunisten tatsächlich auch ihre Lehre geändert haben.
V. Warum der erbarmungslose Kampf gegen die Antikommunisten, die gegen das Vordringen des Elends aus der Sowjetunion Schranken errichten wollten?
  Doch gab es noch schlimmeres. Warum haben die über die ganze Welt verbreiteten Kommunistenführer neben dem trügerischen Mantel des Schweigens, den sie über das „Sowjet-Paradies“ gebreitet hielten, unermüdlich und systematisch sieben Jahrzehnte lang diejenigen verleumdet, die sich – als einzelne, in Gruppen oder als ganze Strömung – entschieden dafür eingesetzt haben, ihrem Vaterland das sowjetische Elend zu ersparen, indem sie der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen versuchten?
– Inländische Netze im Dienste Moskaus
  Bei ihren Verleumdungskampagnen von wahrhaft sintflutartiger Gewalt und Ausdauer waren die Kommunisten so geschickt, in Gesellschaftskreisen, die als insuspekt galten, ganze Netze von Helfershelfern aufzubauen und so über eine beträchtliche Anzahl von nützlichen Handlangem zu verfügen, die es gut verstanden, nach der Taktik „lieber nachgeben als alles verlieren“ vorzugehen. Und alles wurde in jedem Land in Übereinstimmung mit den besonderen lokalen Umständen entworfen und durchgeführt.
– Arglose Handlanger aus dem Klerus, dem Bürgertum und den politischen Parteien griffen zwar nie den Kommunismus an, lieferten aber stets einen Schwall von Verleumdungen gegen antikommunistische Organisationen
  Die arglosen Handlanger wurden in dem Sinne dressiert, daß sie den Kommunismus nicht mehr als etwas schädliches und für das jeweilige Land Gefährliches hinstellen sollten. Am besten eigneten sich für diese Rolle Vertreter aus dem Klerus mit konservativem Image, biedere Bürger, in ideologiefreien Machenschaften bewanderte Politiker u.a.m. Keiner von diesen nahm auch nur das Wenige zur Kenntnis, das man in den Medien über die Auswüchse innerhalb des kommunistischen Systems erfahren konnte. Ebenso blieb ihnen die fortschreitende rote Offensive im eigenen Land verborgen. Sie befürchteten weder einen Putsch der Kommunisten noch viel weniger deren Sieg. Ruhig vor sich hinlebend, verbreiteten sie eine Stimmung der Sorglosigkeit um sich.
  Somit schufen sie um den Antikommunismus herum ein Klima der Ablehnung und der Verachtung, während andererseits im selben Maße eine Atmosphäre von Sympathie und Vertrauen zugunsten des Kommunismus aus ihrer selten ernst zu nehmenden Arglosigkeit entstand.
  Der Kommunismus ist auch nie davor zurückgeschreckt, die Mitarbeit der Toren zu suchen, von denen die Schrift sagt, daß „infinitus est numerus“ (Koh 1,15) unter den Menschen im allgemeinen und „quorum parvus est numerus“ in den Reihen der Roten.
  Hier muss festgehalten werden, daß diese arglosen Handlanger normalerweise nie die Initiative ergriffen haben, um gegen antikommunistische Persönlichkeiten oder Gruppen loszulegen, vielmehr zogen sie es vor, diese systematisch zu ignorieren.
  Wenn aber in einer Gesprächsrunde irgendein misslicher Fall über antikommunistische Persönlichkeiten oder Gruppen zur Sprache kam, war es immer der arglose Handlanger, der als erster bereit war, daran zu glauben und sich darüber zu entrüsten. Gewöhnlich hatte er dann auch gleich eine mehr oder weniger wahrscheinliche Einzelheit zur Hand, um das Gesagte zu „bestätigen“.
  Wenn aber in derselben Gesprächsrunde etwas Nachteiliges über eine kommunistische Persönlichkeit oder Gruppe aufs Tapet kam, zeigte sich der arglose Handlanger, gestützt auf die systematischen Zweifel einer wohlwollenden Prüfmethode, sofort bereit, mildernde Umstände zugunsten des Angeklagten anzuführen und traurig auf die Gefahr hinzuweisen, daß unangebrachte polizeiliche Nachforschungen die familiäre Ruhe der aufs Korn genommenen Leute stören könnten usw. usw. Das könnte natürlich alles auch einer guten Dosis Ausgeglichenheit und gesunden Menschenverstandes zugeschrieben werden. Doch steckt dahinter vor allem eine tückische, bestens verstellte Voreingenommenheit zugunsten des Kommunismus. Das wird deutlich, wenn man zur Kenntnis nimmt, daß der arglose Handlanger dieses süße Getue eben nur linksorientierten Leuten und Gruppen gegenüber an den Tag legte, niemals aber Vertretern der Rechten gegenüber.
  In seinem ganzen Verhalten redet somit der geschickte Handlanger niemals dem Kommunismus selbst das Wort. Er braucht das auch gar nicht. Denn wenn er den Kommunismus loben würde, käme Misstrauen auf, mit der Arglosigkeit aber wäre es vorbei, und damit hätte er auch als Handlanger ausgedient.
– Aufgabe anderer argloser Handlanger
  Anderen arglosen Handlangem stand eine besondere taktische Aufgabe zu.
  Auch sie durften sich niemals direkt zugunsten des Kommunismus äußern. Im wesentlichen bestand ihre Aufgabe darin, die Linksorientierung all jener anzuheizen, die noch keine Kommunisten waren, damit sie wenigstens teilweise mit der jeweiligen KP zusammenarbeiteten. So sollte der arglose Handlanger etwa in einer Gesprächsrunde von nur träge der Landreform widerstehenden Großgrundbesitzer den Ertragsmangel gewisser Landgüter bedauern, um dann die Gleichgesinnten gegen den Großgrundbesitz in Bewegung zu setzen. Damit käme es zu einer agrarreformistischen Aktion, die wenigstens zum Teil den Gesamtplan zur Landreform ausführen und damit das vom Kommunismus angestrebte Ziel erreichen würde.
  So würden die Kommunisten und arglosen Handlanger in einer Einheitsfront für eine gemäßigte Agrarreform agieren.
  Das wäre aber nur der Anfang.
  Derselbe arglose Handlanger würde dann in dieser „gemäßigten“ Gruppe einige für die Teilenteignung gewinnen, und zwar nicht mehr nur von Großgrundbesitzen sondern auch von mittelgroßen Gütern. Nach diesem weiteren Ergebnis würden sich natürlich alle Linksstehenden zusammenschließen und auf das nächste Ziel, die Beschlagnahme aller Landgüter schlechthin, ob groß oder klein, hinzuarbeiten.
  Damit wäre das Ziel der kommunistischen Agrarstruktur erreicht.
– Andere Mitarbeiter des Kommunismus
  Und so könnte man weiter von all denen sprechen, die nach der Taktik vorgehen: „Lieber nachgeben als alles verlieren“. Das würde aber über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen.
  Für eine Übersicht über den Vormarsch des Kommunismus in einem Land, sollte man das hier Gesagte wenigstens im Auge behalten.
  Ohne Zweifel ist das Hauptunglück einer solchen Situation im unglücklichen kommunistischen Schicksal des betroffenen Landes selbst zu suchen.
– Der Versuch einer Zerstörung durch Verleumdung: Die Erfolglosigkeit lärmender Öffentlichkeitsarbeit gegen die brasilianische TFP
  Schaden richtet aber auch die ausgesuchte Ungerechtigkeit an, mit der man im Dienste des feindlichen Vordringens jene mit geflüsterten Verleumdungen aus anonymer Quelle zu besudeln und in die schmutzigen Gewässer der Diffamierung zu ziehen sucht, deren einziges, „unsühnbares“ Vergehen darin bestand und besteht, ihr Land gegen diejenigen zu verteidigen, die ihm das schreckensreiche Schicksal auferlegen wollen, unter dem eine wachsende Anzahl von versklavten Nationen und Völkern schmachtet, heult und aufbegehrt.
  Nicht immer bleiben aber diese vom Kommunismus begünstigten und unterstützten, wenn nicht gar direkt oder indirekt von ihm angezettelten Angriffe auf geflüsterte Verleumdungen beschränkt, sondern haben in den vergangenen 30 Jahren die Ausmaße aufsehenerregender, lärmreicher Diffamierungskampagnen gegen die brasilianische TFP angenommen. Es waren insgesamt zwölf, und jede erhob sich wie ein zerstörerischer Orkan, dem die TFP nicht widerstehen zu können schien.
  Unmittelbar findet dieser Sturm Unterstützung bei all den Gruppen argloser Helfershelfer im ganzen Land, zu denen auch die verschiedenen, unermüdlichen Verleumdergruppen gehören, die vor allem gern im Familienkreis, in Sakristeien, Vereinen und Berufsgruppen ihre Tätigkeit ausüben.
  Während alles flüstert, kocht und schreit, bereitet die TFP in aller Ruhe ihre Erwiderung vor. Und wenn diese dann schließlich erscheint, immer gelassen und höflich, aber von unerbittlicher Logik getragen, bringen die Argumente unserer Vereinigung den Gegner bald zum Schweigen. Selten nur rafft er sich zur Widerrede auf; langsam zieht er sich in seine Höhle zurück. Nach und nach „vergessen“ alle wieder den Fall. Der Feind zieht sich zurück, ohne daß die TFP in den meisten Fällen auch nur ein Mitglied, einen Mitarbeiter oder Korrespondenten, einen einzigen Wohltäter, Freund oder Sympathisanten verloren hätte.
  Wenn auch diese „Paukenschläge“ möglichst weltweit Echo hervorzurufen suchten, so vermochten sie doch nicht das Weiterwachsen der großen TFP-Familie mit ihren selbständigen Schwestervereinigungen und befreundete Organisationen zu verhindern. Heute ist sie der größte Zusammenschluss entschieden antikommunistischer, im traditionellen Lehramt der Kirche verankerter Organisationen, so daß es gegenwärtig schon TFPs in allen Kontinenten gibt.
  *    *    *
  Inzwischen zogen die Tage Gorbatschows herauf, deren Ergebnis wir gerade miterleben. Und nun kommt die Wahrheit über die Sowjetunion und die vielen unterdrückten Völker vor aller Augen ans Licht.
  Die TFPs haben das Recht, diese Überlegungen der Öffentlichkeit vorzulegen und vor allem ihre unmittelbaren Opponenten, die westlichen Kommunistenführer, zur Rechenschaft zu ziehen.
VI. Der große Schmerz: Kampf gegen Glaubensbrüdern
  Wenn sich diese Überlegungen in Anbetracht der komplexen Thematik, um die es hier geht, etwas in die Länge ziehen, darf doch ein wichtiger Punkt nicht unerwähnt bleiben.
  Gemeint ist die langandauernde und unter so vielen Gesichtspunkten schmerzhafte Meinungsverschiedenheit zwischen uns und einer großen Anzahl von Glaubensbrüdern.
– Von Pius IX. bis Johannes Paul II.
  Schon zur Zeit des leidenvollen, aber auch glorreichen Pontifikats Pius' IX. (1846-1878) kann man in den päpstlichen Schreiben erkennen, daß ein radikaler, unüberwindbarer Gegensatz zwischen der traditionellen kirchlichen Lehre einerseits und den gefühlsbetonten Phantasiegebilden des utopischen Kommunismus, sowie dem gehässigen, dünkelhaften wissenschaftlichen oder marxistischen Kommunismus andererseits bestanden.
  Diese Unvereinbarkeit der Standpunkte trat während der späteren Pontifikate nur noch deutlicher hervor, wie es zum Beispiel in der lapidaren Aussage Pius' XI. in der Enzyklika Quadragesimo Anno von 1931 zum Ausdruck kommt: „So liegt ihm (dem Sozialismus) doch eine Gesellschaftsauffassung zugrunde, die ihm eigentümlich ist, mit der echten christlichen Auffassung aber im Widerspruch steht. Religiöser Sozialismus, christlicher Sozialismus sind Widersprüche in sich; es ist unmöglich, gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein“ (Acta Apostolicae Sedis, Bd. XXIII, S. 216). Noch deutlicher ist das berühmte Dekret des Heiligen Offiziums von 1949, das von Pius XII. erlassen wurde und allen Katholiken die Zusammenarbeit mit dem Kommunismus nach den im Dekret aufgezeigten Richtlinien verbietet. Gewisse Formen der Zusammenarbeit werden sogar mit der Strafe der Exkommunikation bedroht.
  Damit wollten die Päpste einerseits verhindern, daß Katholiken in die Reihen des Kommunismus überwechselten. Doch ebenso sollte auch das Eindringen von Kommunisten unter dem Vorwand beidseitiger Zusammenarbeit zur Lösung gewisser sozialökonomischer Probleme in den katholischen Bereich unterbunden werden.
  Das war ein besonders wichtiger Punkt, denn indem sie den Katholiken die Hand zu einer angeblichen Zusammenarbeit anboten („Politik der ausgestreckten Hand“), gelang es erklärten Kommunisten und vor allem ihren arglosen Handlangern, immer wieder mit den Katholiken in engen Kontakt zu treten und in dieser ihrem Vorhaben günstigen Atmosphäre eine beachtliche Anzahl von Anhängern der Kirche für marxistisches Denken und Handeln zu gewinnen.
– Die Ära der vatikanischen Ostpolitik
  In der ungeheuren Propagandamaschinerie des internationalen Kommunismus begann nun, angefangen vom Kreml bis zur entferntesten kommunistischen Dorfzelle, weltweit eine Reihe von Anzeichen der Entspannung sowohl gegenüber den freien Nationen des Westens als auch den verschiedenen Kirchen, besonders der katholischen Kirche gegenüber ausmachen.
  So kam es auch zu einer Änderung in der Haltung der Kirchen gegenüber der Welt hinter dem Eisernen Vorhang. Die neue Haltung war bereits deutlich während des Pontifikats des Papstes Johannes XXIII. (1958-1963), des direkten Nachfolgers Pius' XII., wahrzunehmen. Und diese entspannungsfreundliche Haltung setzte sich bis in unsere Tage fort und fand schließlich im Besuch Gorbatschows bei Johannes Paul II. ihren Höhepunkt.
  Als Willy Brandt 1969 mit seiner Ostpolitik begann, wurde dieser Begriff schnell zu einem wahren Schlagwort in den Medien. Schließlich fand er auch Anwendung zur Bezeichnung der vom Vatikan geübten Entspannungspolitik, die in Wirklichkeit, zeitlich gesehen, noch vor den Entspannungsbestrebungen Bonns eingesetzt hatte.
  Die diplomatischen Richtlinien des Vatikans in bezug auf die kommunistische Welt haben natürlich von Pius XII. bis Johannes Paul II. tiefgehende Änderungen durchgemacht. Es geht da sicherlich auch um Aspekte, die in de Entscheidungsbereich des höchsten Lehramtes der Kirche fallen. Im Grunde aber handelt es sich um diplomatische Schritte, die als solche von den Gläubigen durchaus missbilligt werden dürfen.
  Deshalb sehen wir uns durchaus im Recht zu behaupten, dass die Vatikanische Ostpolitik dem Kommunismus nicht nur große, sondern, wörtlich genommen, unermessliche Vorteile gebracht hat. Was beim II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) geschah, ist beispielhaft dafür.
  Im Klima der beginnenden Ostpolitik des Vatikans richtete man damals eine Einladung an Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche, als offizielle Beobachter an den Sitzungen des Konzils teilzunehmen. Was für Vorteile hatte die Kirche davon? Soweit man bis heute erkennen kann, waren sie äußerst mager und kärglich. Nachteile? Nur einer sei erwähnt.
  Unter dem Vorsitz Johannes' XXIII. und später Pauls VI. versammelte sich in Rom das größte Konzil der Kirchengeschichte. Die für die Kirche bedeutendsten Themen der Gegenwart sollten da zur Sprache kommen. Es konnte also auf gar keinen Fall die Haltung der Kirche gegenüber ihrem seinerzeit größten Feind ausgespart bleiben, handelte es sich doch um einen offen im Gegensatz zu ihrer Lehre stehenden Gegner, den mächtigsten, brutalsten und hinterlistigsten, dem sie in ihrer fast tausendjährigen Geschichte je begegnet war. Die religiösen Gegenwartsprobleme zu behandeln, ohne auch den Kommunismus einzuschließen, wäre so unvorstellbar wie ein Ärztekongress über die wichtigsten Zeitkrankheiten, ohne daß die Immunschwäche AIDS die geringste Erwähnung im Programm fände...
  Das aber hat sich die vatikanische Ostpolitik vom Kreml aufoktroyieren lassen, denn dieser drohte mit dem definitiven Abzug der Beobachter der schismatischen russisch-orthodoxen Kirchen aus der Versammlung, falls das Problem des Kommunismus zur Debatte käme. Die Aussicht auf einen so aufsehenerregenden Bruch ließ viele empfindsame Seelen vor Mitleid erzittern, denn es war ja zu befürchten, daß damit auch die barbarischen Verfolgungen gegen die Kirche hinter dem Eisernen Vorhang wieder aufgenommen würden. Angesichts dieser Möglichkeit des Bruches hat also das Konzil nicht gegenüber der kommunistischen AIDS Stellung genommen!
  Die ausgestreckte Hand trug einen feinen Handschuh, den samtenen Handschuh der Herzlichkeit. In dem Handschuh aber steckte eine eiserne Hand. Führende Kirchenleute bekamen das wohl zu spüren. Dennoch wurde die Ostpolitik beibehalten, und damit auch die Zahl der Katholiken immer größer, die innerlich dem Kommunismus gegenüber zu einer Haltung übergingen, die einem wahren „Einsturz der ideologischen Barrieren“ gleichkam. Auf dem Gebiet praktischen Handelns kam es zu einer immer breiteren Zusammenarbeit mit der Linken beim Angriff auf den privaten Kapitalismus, in dem man das Gegenteil der „vorrangigen Option für die Armen“ entdeckt zu haben glaubte, während der Staatskapitalismus eine Reihe von Affinitäten (oder sogar mehr als das) zu dieser vom derzeitigen Papst so oft gepredigten Option an den Tag legte. Was für ein grausames Dementi hat ihnen nun der Staatskapitalismus auferlegt!
– Die TFP unter Sturm und Hagel
  Diese Abfolge von wahrhaft dramatischen Ereignissen musste natürlich die Mitglieder der brasilianischen TFP aufs tiefste überraschen (wäre nicht das Vertrauen auf die Heilige Jungfrau, würde man wohl besser sagen: „schrecklich beängstigen“). Deshalb erhob die kleine Gruppe von Katholiken, aus der später unsere Gesellschaft hervorgehen sollte, schon im verschmutzten Halbdunkel des „Morgengrauens“, das die heraufziehende Krise ankündigte, ihre warnende Stimme (s. Plinio Corrêa de Oliveira, „Zur Verteidigung der Katholischen Aktion“, 1943, mit einem Vorwort des damaligen Apostolischen Nuntius in Brasilien, Kardinal Bento Aloisi Masella. – Das Werk wurde ausdrücklich in einem im Namen Pius' XII. von dem stellvertretenden Staatssekretär Mons. J .B. Montini, dem späteren Paul VI., verfassten Brief gelobt). Daraufhin hagelte es von allen Seiten Gegenangriffe, die dazu führten, daß eine große Zahl katholischer Kreise, aus deren Saatbeet während der politischen Unruhen 1963/64 manche Kommunisten hervorgehen sollten, sich gegen unsere Bewegung abriegelten. So zeigten die Linkskatholiken, trotz ihrer ökumenischen Haltung gegenüber allem und allen, uns gegenüber von Anfang an eine inquisitorische Haltung.
  Daraus erwuchs uns der schmerzlichste Teil unseres Kampfes, den wir früher gegen den gefräßigen Wolf geführt hatten und den wir nun gerade aus Treue zur Kirche gegen Schafe aus der gleichen Herde führen mussten. Und – wie schmerzlich ist es, dies sagen zu müssen! – sogar gegen die Hirten einzelner Herden unseres Herrn Jesus Christus.
  Die Geschichte dieses langen, tränenreichen Kampfes, der uns Schweiß und Blut der Enttäuschungen gekostet hat, wurde von der TFP in zwei Büchern festgehalten, von denen das letztere gerade erst erschienen ist (Ein halbes Jahrhundert glorreichen Kampfes gegen den Kommunismus, 1980 und Ein Mann, ein Werk, eine Tat, 1989).
  Erwähnt sei hier einfach nur, daß 1974 mit der Unterstützung der tapferen TFP-Gesellschaften von damals (in Argentinien, Bolivien, Kanada, Chile, Kolumbien, Ecuador, Spanien, USA, Uruguay und Venezuela) eine Denkschrift mit dem Titel Die Entspannungspolitik des Vatikans gegenüber den kommunistischen Regierungen - Heißt das für die TFP Unterlassung oder Widerstand? an Papst Paul VI. gerichtet wurde. Darin erklärten sich alle angeschlossenen und selbständigen Vereinigungen mit uns im Zustand respektvollen Widerstandes gegen die vatikanische Ostpolitik. Der Geist dieses Vorgehens, der auch heute noch die TFPs und ihre Büros in insgesamt 22 Ländern beseelt, kann mit der folgenden Apostrophe aus der genannten Erklärung wiedergegeben werden: „In kindlichem Vertrauen richten wir uns an den Hirten der Hirten: Unsere Seele gehört Euch, unser Leben gehört Euch. Befehlt uns nach Eurem Gutdünken, was Ihr wollt. Nur verlangt nicht, dass wir die Arme vor dem Ansturm des roten Wolfes verschränken sollen. Dagegen erhebt sich unser Gewissen!“
– Interpellation? Nein. Brüderlicher Appell
  An Euch, geliebte Brüder im Glauben, deren Wachsamkeit durch den kommunistischen Trug abgelenkt wurde oder abgelenkt werden sollte, richten wir keine Interpellation. Aus dem Gleichmut unseres Herzens richten wir in Christo Domino einen Appell voll glühender Zuneigung an Euch: Angesichts des schrecklichen Bildes, das sich in diesen Tagen vor Euren Augen abzuzeichnen beginnt, erkennt wenigstens heute, daß Ihr verführt worden seid. Was Ihr zum Sieg bringen wolltet, verbrennt! Kämpft an der Seite derer, die Ihr heute noch rücksichtslos „verheizen“ wollt.
  Aufrichtig, entschieden, ohne Hintergedanken, vielmehr mit der größten Respekt verdienenden Offenheit, die der demütigen Reue eigen ist, kehrt denen den Rücken, die Euch so grausam getäuscht haben! Und dann wendet Euren ruhig gewordenen Blick von Glaubensbrüdern auf uns!
  Diesen Appell richten wir heute an Euch. Er drückt unsere unveränderte Gesinnung aus, die von gestern wie die von morgen.
  Bei den abschließenden Worten dieses Schriftstücks klingt Ergriffenheit in unserer ehrfürchtig erstickenden Stimme, denn wir erheben kindlich ergeben unsere Augen zu Euch, ehrwürdige Hirten, deren Meinung von der unseren abwich. Woher sollen wir die Worte der Zuneigung und Ehrfurcht nehmen, die hier angebracht wären, um sie in einem solchen Augenblick in Eure Hände, in Eure Herzen zu legen?
  Wir können keine besseren ausfindig machen als die, die wir, mutatis mutandis, 1974 an den damaligen Papst Paul VI. gerichtet haben:
  „Kniend sprechen wir sie aus und bitten um Euren Segen und Eure Gebete.“
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  Die verschiedenen Interpellationen unter Punkt II bis V und den Appell an die Linkskatholiken (Punkt VI) bringt die TFP nach eigenem Ermessen und unter eigenem Risiko in diesem, mit der einstimmigen Genehmigung aller Mitglieder ihres Nationalrates veröffentlichten Schriftstück wieder.
  Allen Interpellierten und denen, an die der Appell gerichtet ist, steht natürlich das Recht auf Antwort zu.
  Und da sie uns näher stehen, ist diese Antwort für die kommunistischen Führer des Westens und für die Führer der katholischen Linken nicht nur ein Recht sondern eine Pflicht.
  An sie richtet sich denn auch unsere Schlussfrage: Werdet Ihr Euch dazu äußern oder schweigen? Ihr habt das Wort!
  São Paulo, den 11. Februar 1990
Am Festtag der Mutter Gottes von Lourdes
Plinio Corrêa de Oliveira
Vorsitzender des Nationalrates der TFP
  
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  Plinio Corrêa de Oliveira (1908-1995), war Professor an der Päpstlichen Katholischen Universität São Paulo in Brasilien, Gründer der Brasilianischen Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Privateigentum (TFP) und dessen Vorsitzender im Nationalrat. Er ist der Autor der weltbekannten Botschaft der TFPs: „Der selbstverwaltete Sozialismus: gegenüber dem Kommunismus, eine Barriere? Oder ein Brückenkopf?“ Die Botschaft wurde 1981 und 1982 in 49 Zeitungen in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern Nord- und Südamerikas veröffentlicht, sowie in Europa, Australien, Asien und Afrika.