Donnerstag, 21. Mai 2015

Vorbereitung für eine große Mission


Am Fest der Muttergottes von Fatima könnten wir folgendes betrachten: Die Erscheinungen der Muttergottes wurden eingeleitet von einigen Engelerscheinungen und vor diesen wiederum gab es einige Lichterscheinungen, die keinem himmlischen Wesen richtig zugeordnet werden konnten. Die zwei Mädchen, Lucia und Jacinta, sahen am Himmel eine Lichtgestalt, die sie nicht deutlich beschreiben konnten. Später nahm das Licht die Gestalt eines Engels an, der ihnen dann sagte, er sei der Engel von Portugal. Durch mehrere Erscheinungen und Gespräche bereitete der Engel so, die Kinder auf die späteren Erscheinungen der Muttergottes vor.
Wie wir sehen, werden die Vorbereitungen für eine große Mission in Etappen durchgeführt. Es waren verschiedene Etappen, in denen die Vorsehung wollte, dass die Gnade auf die Kinder auf pädagogische Weise einwirkte und so ihre Seelen auf den Moment vorbereitete, in dem die Muttergottes zu ihnen sprechen würde. 
Bei dieser Vorbereitung können wir eine Lehre feststellen, die wir beachten sollten. Es handelt sich bei uns keinesfalls um Visionen, Erscheinungen oder Offenbarungen, doch wir, wie jeder Christ, haben eine Mission und diese Mission wird auch für uns allmählich deutlicher, in der Weise wie es in Fatima für die Kinder geschah.
Es kann vorkommen, dass jemand meint seine Berufung gefunden zu haben und in dieser etwas Großes vermutet. Doch er sieht sie zunächst mal nur wie ein leuchtender Fleck am Himmel, der aber im Laufe der Zeit immer deutlichere Konturen annimmt. Irgendwann definiert sich in seinem Geist die deutliche Sicht seiner Mission, seiner Berufung. Es gibt also eine Art Vorbereitung, bei der die Person ein offenes Herz haben muss, in den verschiedenen Etappen der Vorbereitung treu sein muss, damit, wenn der Moment kommt, da die Vorsehung an die Tür klopft und ihr eröffnen will, wie ihre Berufung sein wird und welche Bedeutung sie hat, die Person sie richtig erkennt und versteht.

Es ist ein Prozess der Reife, in dem einem immer wieder das Gleiche oder vielleicht etwas mehr gesagt wird, in dem man in treuer Erwartung Hinweise aufnimmt. Irgendwann kommt dann sie Stunde der Gnade und man sieht und versteht alles besser und deutlicher als vorher. Es ist die Vorgehensweise des Heiligen Geistes in den Seelen: Er bereitet sie Stück für Stück vor, um eine Lehre nach und nach aufzunehmen und ihr endlich zuzustimmen. Das ist echte katholische Bildung.
Es ist die Umwandlung dessen, was man hört in gut verstandenen und geliebten Prinzipien, so dass sie sich in die Seele verankern und das geistliche Leben nähren. Es ist eine etappenweise Bildung: Die Gnade zeigt uns zuerst etwas verschwommenes, dann zeigt sie uns einen Engel und am Ende spricht zu uns die Muttergottes.
So meine ich empfehlen zu können, der Muttergottes an diesem Tag um die Gnade zu bitten, sie möge vor unseren Augen erglänzen lassen alles, was wir schon hätten verstehen und wissen müssen, aber wegen unserer Untreue nicht erfasst haben. Sie möge uns allen diese Gnade schenken und die Ankunft des Tages beschleunigen, an dem sie uns das vollständige Verständnis unserer Berufung offenbaren wird, in Vorbereitung auf die Zeiten, die sie in Fatima vorausgesagt hat.
Vieles muss in unseren Seelen noch geschehen, deshalb bitten wir die Muttergottes, sie möge, nicht durch Visionen oder Offenbarungen, sondern durch die Gnade zu uns deutlich sprechen, wie sie in der Mulde von Iria zu den Hirtenkindern gesprochen hat, damit wir unsere Aufgabe erfüllen, wie die Seherkinder ihre Aufgabe erfüllt haben.
Der kleine Francisco sah die Muttergottes bei den Erscheinungen, hörte aber nicht, was sie sagte. Es scheint, dass die Muttergottes mit ihm, obwohl er ein reiner und rechter Junge war, nicht ganz zufrieden war. Sie ließ ihm sagen, er müsse noch einige Rosenkränze mehr beten. Er fügte sich und unternahm alles, um sich zu bessern, sodass er am Ende ein bewundernswertes Kind wurde und in heldenhafter Gesinnung starb.
Bitten wir Francisco, dass er unser Fürsprecher sei, da wir in uns ähnliches haben wie er es hatte, er möge für uns von der Muttergottes erreichen, was sie für ihn getan hat. Sie sagte ihm, sie werde ihn auch in den Himmel nehmen, er müsse aber noch einige Rosenkränze beten. Bitten wir sie um die Gnade „einige Rosenkränze mehr zu beten“, das heißt, etwas mehr tun, als was wir sollen, damit wir gut vorbereitet sind, wenn uns die großen Prüfungen, die großen Kämpfe und auch der große Ruhm im Himmel bevorstehen.
     

Plinio Correa de Oliveira: Vortrag (Tagesheiliger) 13. Mai 1964 

Donnerstag, 30. April 2015

Das allerheiligste Altarsakrament

Besuch des Allerheiligsten Altarsakraments

GOTT hat uns in seiner unendlichen Barmherzigkeit viele Mittel der Heiligung bereitgestellt. Das wichtigste aber ist die Eucharistie. Durch alle anderen schenkt er uns seine Gnade, doch in der heiligen Kommunion schenkt er uns sich selbst. Die Kirche hat deshalb die Eucharistie stets mit aller Verehrung und Zuneigung umgeben und ihr die verschiedensten Kultformen gewidmet. So hat sie eucharistische Triduen, Wochen und Kongresse, Heilige Stunden, die Ewige Anbetung, Vigilien, Prozessionen, das Fronleichnamsfest, das Fest des Eucharistischen Herzens Jesu und viele weitere liturgische oder private Frömmigkeitsübungen eingeführt.

So hat die Kirche mit dem Ziel, unseren Herrn im Altarsakrament zu verehren, auch viele Besuche des Allerheiligsten sowohl an den Tagen feierlicher Ausstellung als auch an gewöhnlichen Tagen empfohlen. Als eifrige Gläubige, die in allem mit der Kirche fühlen wollen, dürfen wir uns dieser Empfehlung gegenüber nicht gleichgültig verhalten.

Die tiefe Bedeutung eines Besuchs des Allerheiligsten


Herausragende Persönlichkeiten werden in der Gesellschaft stets mit Bekundungen der Hochachtung und des Respekts behandelt. Es ist dies eine Sitte, die nicht mehr als recht und billig ist. Nehmen wir das Beispiel eines Staatschefs, in dessen Palast das Vorzimmer von Menschen wimmelt, die ihn zu sprechen suchen. Da hat ein jeder eine Bitte vorzutragen. Es geht um Nominierungen, Anträge, Bewilligungen usw. Wenn der Präsident in der Öffentlichkeit erscheint, blieben die Passanten stehen, um ihn zu sehen; eine Eskorte gibt seinem Wagen mit Sirenengeheul das Geleit; stets ist er von einem Gefolge begleitet. Auf Reisen wird erwartet ihn überall ein feierlicher Empfang mit Reden und Musikkapelle.
 
Gott hat uns in seiner unendlichen Barmherzigkeit
viele Mittel der Heiligung bereitgestellt.
Das wichtigste aber ist die Eucharistie.
Die Mächtigen dieser Erde werden alle mehr oder weniger so behandelt. Ist da ein reicher Mann? Auch sein Vorzimmer ist stets voll. Der eine bittet ihn um Spenden, der andere möchte ihn zu einem Empfang einladen, wieder andere suchen ihm nur zu schmeicheln. Ist da ein großer Unternehmer? Es werden sicher Stellengesuche an ihn herangetragen: man wirbt um seinen Einfluss. Ist da einer, der für sein Wissen berühmt ist? Man fragt ihn um Rat, sucht seine Freundschaft zu gewinnen.
Jesus haben wir im Sakrament stets lebendig in unserer Mitte und er ist bestimmt viel mächtiger als alle Politiker, reicher als jeder Machthaber, weiser als irgendein Schriftsteller oder Wissenschaftler. Wie wäre es da möglich, dass wir uns mehr Mühe um die
Großen dieser Welt machten als um ihn? Wer könnte es wagen zu bestreiten, dass es recht und billig ist, ihn stets mit Eifer und Hingabe aufzusuchen, um von ihm die geistlichen und materiellen Güter zu erbitten, deren wir bedürfen; um ihm unsere Versuchungen und Ängste zu unterbreiten, ihm für die erlangten Gaben zu danken, ihn unserer Liebe zu versichern und ihn anzubeten? Zur Samaritin hat der Herr einst gesagt „Wenn du um die Gabe Gottes wüsstest ... “ Dasselbe könnten wir auch zu uns selbst sagen. Wenn wir mit lebendigem, glühendem Glauben den kennen würden, der uns gegeben wurde, würden wir uns viel mehr Mühe geben, ihn häufig aufzusuchen und mit ihm zu sprechen.

Die Besuche sollten häufig sein


Soweit es unsere Lebensumstände erlauben, sollten wir das Allerheiligste mehrmals am Tag besuchen, brauchen wir doch die Gnade Gottes jeden Augenblick und zur Ausführung eines jeden Tugendaktes. Ist es dann nicht angebracht, dass wir diese Gnaden auch häufig erbitten, indem wir wiederholt den Freund aufsuchen, den wir unter uns haben?
Der häufige Besuch des Allerheiligsten hat den großen Vorteil, dass er uns die Ausübung bestimmter Praktiken erleichtert, die zu einem asketischen Leben gehören, wie etwa die Wachsamkeit des Herzens, die Gewissenserforschung und das Bewusstsein, in der Gegenwart Gottes zu leben. Diese Übungen verlangen von uns eine ständige, aufmerksame Beobachtung unseres eigenen Verhaltens. Nun ist es aber so, dass uns die Beschäftigungen des täglichen Lebens derart beanspruchen und bedrängen, dass wir zur Zerstreuung neigen und uns die asketischen Übungen daher besonders schwer fallen. Wenn wir aber die Möglichkeit haben, uns im Laufe des Tages einige Male zurückzuziehen und dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn all das mitzuteilen, was uns auf der Seele liegt, wird es uns leichtfallen, unser Herz zu bewahren, unser Gewissen über einen bestimmten Punkt zu erforschen und stets im Bewusstsein seiner Gegenwart zu leben.
Lobenswert ist auch die Übung, Jesus im Allerheiligsten bei gewissen Gelegenheiten aufzusuchen, die uns ungelegen erscheinen. Wenn ein junger Mann zum Beispiel abends zu einem Treffen unterwegs ist und vom gewohnten Weg abweicht, um kurz eine Kirche zu besuchen, ist es leicht zu verstehen, wie angenehm diese Geste unserem Herrn sein muss, der die Menschen so sehr geliebt hat und auf so wenig Gegenliebe stößt. Wenn es uns manchmal nicht gelingt, unsere geistlichen Schwierigkeiten zu lösen, oder wenn die materiellen Probleme Überhand nehmen, liegt dann vielleicht nicht wenigstens ein Teil der Schuld an der Tatsache, dass wir versuchen, unser Tun und Lassen systematisch auf das zu beschränken, was uns leichter fällt und weniger Umstände macht? Uns selbst Opfer aufzuerlegen, ist ein heilsames Vorgehen, das die Seele stärkt und den Segen des Himmels auf uns herabruft.
Oft kann es auch vorkommen, dass es uns gleich ist, ob wir unsere gewohnten Gebete zu Hause verrichten oder in einer Kirche - so etwa den Rosenkranz, die Meditation, das marianische Offizium usw. In diesem Falle ist es zu empfehlen, dass wir die Kirche vorziehen. Jesus, der sich durch die Tränen der Witwe von Naim bewegen ließ und ihr das Leben ihres Sohnes zurückgab, lässt sich bestimmt auch leicht durch die bewegen, die stets seine Gesellschaft suchen. Sein Herz, das so sehr an der Gleichgültigkeit und Kälte der Menschen leidet, will uns stets bei sich haben. Auf ihn überträgt die Kirche das Schriftwort: „Ich suchte einen, der mich trösten könnte, habe aber keinen gefunden.“ Jesus selbst hat die schlafenden Apostel zurechtgewiesen: „Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“


Montag, 30. März 2015

KREUZWEG

von Plinio Corrêa de Oliveira
GEBET

O schmerzhafte Mutter, in diesen Zeiten, in denen die große Mehrheit der Menschen die Opfer flieht, obwohl diese zur vollkommenen Erfüllung der Gebote und Weisungen Deines göttlichen Sohnes unerlässlich sind, erlange allen, die notwendige Kraft, ihr eigenes Kreuz bis hinauf auf Golgotha zu tragen.
1. Station
Jesus wird zum Tode verurteilt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DER RICHTER, der das ungeheuerlichste Verbrechen der Menschheitsgeschichte beging, wurde dazu nicht angetrieben durch das Auflodern einer stürmischen Leidenschaft. Es blendete ihn nicht ideologischer Hass, nicht Gier nach neuen Reichtümern, nicht der Wunsch, einer Salome zu gefallen. Es war die Furcht, seinen Posten zu verlieren, die ihn antrieb, den Unschuldigen zu verurteilen. Die Furcht, den Eindruck zu erwecken, die Vorrechte des Kaisers nicht sorgfältig zu hüten; die Angst, politische Schwierigkeiten für sich selbst zu schaffen, wenn er dem Pöbel missfallen würde; die instinktive Angst „Nein“ zu sagen, das Gegenteil zu tun, was verlangt wird, mit Haltungen und Meinungen aufzutreten, die dem Umfeld widersprechen.
O Herr, lange hast Du ihn angeschaut mit dem gleichen Blick, der im Nu die Bekehrung des Petrus erwirkte. Ein Blick, in dem sich Deine höchste moralische Vollkommenheit widerspiegelte, Deine unendliche Unschuld. Und dennoch, er hat Dich verurteilt.
O Herr, wie oft habe ich Pilatus nachgeahmt! Wie oft habe ich zugelassen, dass aus Liebe zu meiner Karriere die Wahrheit in meiner Gegenwart angegriffen wurde und ich dazu schwieg. Wie oft habe ich mit verschränkten Armen dem Kampf und dem Martyrium derer zugesehen, die sich für Deine Kirche einsetzten. Und hatte keinen Mut, ihnen ein Wort der Unterstützung zu sagen, aus Feigheit, denen zu entgegnen, die mich umgaben, „Nein“ zu sagen denen, die mein Umfeld bildeten, aus Angst „anders zu sein, als die anderen“. So, als ob Du mich erschaffen hättest, o Herr, um Dich nicht nachzuahmen, sondern unterwürfig meine Freunde nachzuahmen. In jenem schmerzhaften Augenblick der Verurteilung hast Du, o Herr, gelitten für alle Feiglinge, für alle Schwächlinge, für alle Lauen, ... , für mich, o Herr.
Mein Jesus, Verzeihung und Barmherzigkeit. Durch das Beispiel Deiner Stärke, mit der Du der Verachtung der Menschen entgegengetreten bist und das Urteil des römischen Statthalters auf Dich genommen hast, heile in meiner Seele das Geschwür der Trägheit und der Bequemlichkeit.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.

2. Station
Jesus nimmt sein Kreuz auf sich

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

NUN BEGINNT, o mein angebeteter Herr, Dein Weg zur Opferstätte. Nicht einen schnellen Tod hat Dein himmlischer Vater für Dich bestimmt. Nein! Durch einen langen Leidensweg solltest Du uns nicht nur ein Beispiel im Sterben sein, sondern auch in der Sicht des herannahenden Todes: Ihm mit Ruhe, ohne Zögern und ohne Schwächen zu begegnen; ja sogar ihm entgegenzuschreiten mit dem sicheren Schritt eines Kriegers, der zum Kampfe vordringt. Dies ist die bewundernswerte Lehre, die Du mir gibst.
Doch bei mir wieviel Feigheit in der Vorahnung eines Schmerzes, o mein Gott. Bevor ich mein Kreuz auf mich nehme, versuche ich mich entweder anzupassen, oder ich ziehe mich zurück und verrate meine Pflichten. Wenn ich es schließlich annehme, dann mit soviel Überdruss und Trägheit, dass es scheint, ich verabscheue die Last, die Dein Wille mir auf die Schultern legt. Und wie oft kommt es vor, dass ich meine Augen schließe, um den Schmerz nicht zu sehen. Ich verblende mich mit einem einfältigen Optimismus, weil ich keinen Mut habe, die Prüfung auf mich zu nehmen. Und deshalb lüge ich mir selbst vor: Es ist nicht wahr, dass der Verzicht auf dieses Vergnügen notwendig ist, um nicht der Sünde zu verfallen. Es ist nicht wahr, dass ich jener Gewohnheit, die meine innersten Leidenschaften schürt, entsagen muss. Es ist nicht wahr, dass ich jene Umgebung, jene Freundschaft meiden muss, weil sie mein geistliches Leben ruinieren. Nein, nichts davon ist wahr... Ich schließe die Augen und werfe mein Kreuz zur Seite.
Mein Jesus, verzeih' mir soviel Bequemlichkeit. Durch die Wunde, die das Kreuz auf Deiner heiligen Schulter öffnete, heile, o Vater der Barmherzigkeit, die schreckliche Wunde in meiner Seele, die Jahre innerer Sorglosigkeit und Selbstgefälligkeit aufgerissen haben.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.


3. Station
Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.


WIE DENN, o Herr? War es Dir nicht erlaubt, Dein Kreuz liegen zu lassen? Da Du es doch getragen hattest, bis all Deine Kräfte erschöpft waren und die nicht mehr tragbare Last des Kreuzes Dich zu Boden warf, war es da nicht deutlich genug, dass es unmöglich war, es weiter zu tragen? Deine Aufgabe war erfüllt! Nun sollten die Engel des Himmels das Kreuz für Dich weiter tragen! Du hattest das Möglichste gelitten! Was könntest Du noch mehr hergeben?
Doch Du hast Dich anders verhalten und meiner Feigheit eine hohe Lehre erwiesen. Als Deine Kräfte erschöpft waren, hast Du Dich nicht der Last entledigt, sondern um noch mehr Kraft gefleht, um das Kreuz wieder aufzunehmen. Und Du hast sie erhalten.
Schwer ist heute das Leben eines Christen. Gezwungen gegen sich selbst zu kämpfen, um vom Pfade der Gebote nicht abzuweichen, scheint er gegenüber einer Welt, die in Zügellosigkeit und Reichtum sich der Lebensfreude brüstet, eine überspannte Ausnahme zu sein.
O Herr, das Kreuz der Treue zu Deinen Geboten lastet schwer auf unseren Schultern und manchmal scheint uns der Atem zu versagen.
In diesem Augenblick der Prüfung reden wir uns selber ein: Wir haben schon alles getan, was in unseren Kräften stand. Letztendlich ist ja die Ausdauer des Menschen begrenzt! Gott wird dafür schon Verständnis haben ... Legen wir das Kreuz am Rande des Weges ab und lassen wir uns sachte in die Genüsse des Lebens versinken! ...
O, wie viele verlassene Kreuze am Rande unserer Wege; wer weiß, wie viele am Rande meines eigenen Weges!
Gib mir, o Herr, die Gnade, mein Kreuz fest in den Armen zu halten, selbst wenn unter seiner Last meine Kräfte mich verlassen sollten. Gib mir die Gnade, mich wieder aufzurichten, wenn immer ich zusammenbreche. Gib mir, Herr, die große Gnade niemals vom Wege abzukommen, auf dem ich zum Gipfel meines eigenen Kalvarienberges gelangen muss.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.

A. Amen.

4. Station
Jesus begegnet seiner heiligen Mutter

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

WER WÜRDE es wagen, o Mutter, Dich so weinen zu sehen und nach dem Grund Deiner Tränen zu fragen? Weder die Erde, noch der Himmel, noch das ganze Firmament könnten als Vergleich herangezogen werden, für die Unermesslichkeit Deiner Schmerzen.
Gib mir, o Mutter, wenigstens einen kleinen Teil Deiner Schmerzen. Gib mir die Gnade, Jesus mit den Tränen einer aufrichtigen und tiefen Zerknirschung zu beweinen.
Du leidest mit Jesus. Gib mir die Gnade zu leiden, Wie Du und Er leiden.
Dein größter Schmerz kam nicht von der Betrachtung des unsagbaren körperlichen Leidens Deines göttlichen Sohnes. Was sind schon die Leiden des Körpers im Vergleich zu den Leiden der Seele? Wenn Jesus all diese Marter hätte erleiden müssen, doch an seiner Seite mitleidige Herzen gewesen wären! Wenn der dümmste, der ungerechteste, der platteste Hass das heiligste Herz nicht unendlich mehr verwundeten, als die Last des Kreuzes und die Misshandlungen den heiligen Leib Unseres Herren! Und da war der sich tobend äußernde Hass und die Undankbarkeit derer, denen Er seine Liebe erwiesen hatte ... Hier ein Aussätziger, den Er geheilt hatte ... Da ein Blinder, dem Er das Augenlicht zurückgegeben hatte ... Etwas weiter ein Betrübter, dem Er wieder den Frieden geschenkt hatte... Und alle verlangten Seinen Tod. Alle hassten Ihn; alle beschimpften Ihn. Dies alles bereitete Jesus viel mehr Leiden, als die unsagbaren Schmerzen, die seinen heiligen Leib erdrückten.
Doch es gab noch Schlimmeres. Da war noch die Sünde; die ausgesprochene Sünde, die offensichtliche Sünde, die abscheuliche Sünde. Wenn all jene Undankbarkeiten dem gütigsten aller Menschen zuteil würden, aber paradoxerweise Gott nicht
beleidigen würden! Doch sie richteten sich gegen den Gottmenschen und waren deshalb ein äußerstes Vergehen gegen die Heiligste Dreifaltigkeit selbst. Und das ist das Verhängnisvollste an der Ungerechtigkeit und der Undankbarkeit.
Das schlimmste an diesem Vergehen ist nicht, dass es die Rechte des Wohltäters verletzt, sondern dass es Gott selbst beleidigt.
Und unter den vielen Ursachen Eurer Schmerzen, bereitete Euch gewiss die Sünde das größte Leid, o heiligste Mutter, o göttlicher Erlöser.
Und ich? Weiß ich um meine Sünden? Erinnere ich mich meiner ersten Sünde? Meiner jüngsten Sünde? Der Zeit, zu der ich sie begang, des Ortes, der Personen, die um mich waren, der Gründe, die mich zur Sünde führten? Hätte ich an all das Leid gedacht, das Dir nur eine einzige Sünde zufügt, hätte ich es dann je gewagt, Dich zu beleidigen, o Herr?
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.

5. Station
Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

WER WAR dieser Simon? Was weiß man von ihm schon mehr, als dass er aus Cyrene stammte? Und was wissen wir über Cyrene schon mehr, als dass es die Heimat dieses Simon war? Die Person und der Ort traten auf einmal aus der Dunkelheit zum Ruhm hervor; und zum höchsten allen Ruhmes, weil ein heiliger Ruhm, in einem Augenblick, als ganz andere Gedanken die des Cyrenäers waren.
Er ging wohl ganz unbekümmert seinen Weg. Er dachte wohl an die kleinen Probleme und kleinen Interessen, die den Alltag eines gewöhnlichen Menschen bestimmen.
Doch Du, mein Herr, überquertest seinen Weg mit Deinen Wunden, mit Deinem Kreuz, mit Deinem unsagbaren Schmerz. Diesem Simon war es gegeben, Dir gegenüber Stellung zu beziehen. Sie zwangen ihn, Dein Kreuz mitzutragen. Entweder würde er es unwillig mittragen, gleichgültig Dir gegenüber, dem Pöbel zu gefallen, indem er auf irgendeine Weise Deine leiblichen und seelischen Schmerzen erhöhte; oder er würde es mit Liebe tragen, aus Mitleid, den Schaulustigen zum Trotz, um Dein Leid zu lindern, um selbst ein wenig Deine Schmerzen zu leiden, damit Du etwas weniger littest.
Der Cyrenäer zog es vor, mit Dir zu leiden. Und siehe, seit zweitausend Jahren wird sein Name in Liebe, in Dankbarkeit und mit heiligem Neid von allen gläubigen Menschen auf der ganzen Welt wiederholt. Und so wird es sein bis ans Ende der Zeiten!
O mein Jesus, auch mir bist Du über den Weg gegangen. Du kamst mir entgegen, als Du mich durch die heilige Taufe von der Finsternis des Heidentums in den Schoß Deiner Kirche berufen hast. Du kamst mir entgegen, als meine Eltern mich das Beten lehrten. Du kamst mir entgegen, als ich im Katechismus meine Seele der wahren katholischen Lehre öffnete. Du kamst mir entgegen bei meiner ersten Beichte, bei meiner ersten heiligen Kommunion, in all den Augenblicken, in deenen ich wankte und Du mich gestützt hast, in denen ich fiel und Du mich wieder aufgerichtet hast, in denen ich Dich anflehte und Du mich erhört hast.
Und ich, Herr? Auch jetzt kommst Du mir wieder entgegen in diesem Kreuzweg. Was tue ich, o Herr, wenn Du an mir vorübergehst?
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.



6. Station
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

AUF DEN ersten Blick würde man sagen, es gibt in der Geschichte keinen größeren Preis. Denn welcher König hatte jemals ein kostbareres Tuch in der Hand, als jenen Schleier? Welcher Feldherr besaß je ein glorreicheres Banner? Welche mutige und selbstlose Tat wurde je mit einer so außerordentlichen Auszeichnung belohnt?
Und doch: Es gibt eine Gnade, die viel wertvoller ist als der Besitz eines Schleiers mit dem Abbild des heiligen Antlitzes unseres Erlösers. Hier ist das göttliche Antlitz wie auf einem Bild dargestellt. In der Heiligen Katholischen Kirche sieht man Ihn wie in einem Spiegel.
In ihren Einrichtungen, in ihrer Lehre, in ihren Geboten, in ihrer Einheit, in ihrer Universalität, in ihrer unübertrefflichen Katholizität ist die Kirche ein wahrer Spiegel, der unseren göttlichen Erlöser widerspiegelt. Mehr noch: Sie ist der Mystische Leib Christi selbst.
Und wir alle haben die Gnade, der Kirche anzugehören, lebendige Bausteine der Kirche zu sein!
Wie müssen wir für diese Gnade dankbar sein! Doch vergessen wir nicht, dass "Adel verpflichtet". Der Kirche anzugehören, ist etwas sehr hohes und zugleich schweres. Wir müssen denken, wie die Kirche denkt, fühlen, wie die Kirche fühlt, in allen Umständen unseres Lebens handeln, wie es die Kirche will. Dies setzt eine wahrhaftige katholische Gesinnung voraus, eine echte und vollständige Sittenreinheit, eine tiefe und ehrliche Frömmigkeit. Mit anderen Worten: Es setzt das Opfer eines ganzen Daseins voraus.
Und der Preis? „Christianus alter Christus“! Ich werde auf hervorragende Weise ein Abbild Christi selbst. Die Ähnlichkeit Christi wird sich lebendig und heilig meiner Seele einprägen.
O Herr, wenn die der Veronika zuerteilte Gnade groß war, wie viel größer ist doch die Gunst, die Du mir versprichst.
Ich bitte Dich um Kraft und Entschlossenheit, um sie durch eine unverbrüchliche Treue wirklich zu erlangen.

Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.


7. Station
Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

FALLEN, hinfallen, am Boden niedergestreckt, vor Aller Füßen liegen, offen zu erkennen geben, dass alle Kräfte dahin sind: Dies sind, o Herr, die Demütigungen, denen Du Dich unterwerfen wolltest, um mich zu belehren. Niemand hatte Mitleid mit Dir. Im Gegenteil: Die Beleidigungen und Grobheiten nahmen zu. Indessen flehte vergeblich Deine Gnade um eine Geste des Erbarmens im Innern dieser versteinerten Herzen.
Doch auch in dieser Lage wolltest Du Deinen Leidensweg weitergehen, um die Menschen zu erlösen. Welche Menschen? Alle, einschließlich derer, die da waren und Deine Schmerzen auf alle Art und Weise vermehrten.
In meinem Apostolat, o Herr, muss ich weitermachen, auch wenn all meine Werke zu Boden gefallen sind; auch wenn alle sich zusammentun, um mich anzugreifen; auch wenn die Undankbarkeit und die Bosheit derer, denen ich Gutes tun wollte, sich gegen mich wenden.
Ich werde nicht der Schwäche nachgeben und einen anderen Weg einschlagen, nur um ihnen zu gefallen. Meine Wege können nur die Deinen sein, das heißt, die Wege der Wahrheit, der Reinheit, der Strenge. Auf diesen Deinen Wegen werde ich für sie leiden. Und in der Vereinigung meiner unvollkommenen Schmerzen mit Deinem vollkommenen Schmerz, mit Deinem unendlich kostbaren Schmerz, werde ich ihnen weiterhin Gutes tun, damit sie gerettet werden oder damit die verweigerten Gnaden sich wie glühende Kohlen auf sie häufen und nach Strafe rufen. Dies tatest Du mit denen, die Deinen Tod verlangten, und mit allen, die Dich bis zuletzt ablehnten.

Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.



8. Station
Jesus tröstet die weinenden Frauen

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

ES FEHLTE aber nicht an guten Seelen, die den Umfang der hier verübten Sünde erkannten und die göttliche Gerechtigkeit fürchteten.
Sehe nicht auch ich eine solche Sünde? Ist es nicht wahr, dass heute der Stuhl Petri angefochten, verlassen, verraten wird? Ist es nicht wahr, dass die Gesetze, die Institutionen, die Sitten gegenüber Jesus Christus immer feindseliger werden? Ist es nicht wahr, dass eine ganze Welt, eine ganze Kultur aufgebaut wird, die Christus leugnet? Und ist es nicht wahr, dass die Muttergottes in Fatima all diese Sünden aufgezeigt hat und um Buße und Sühne bat?
Doch wo ist diese Buße? Wie viele sind es, die die Sünde wirklich sehen und versuchen sie beim Namen zu nennen, zu enthüllen, zu bekämpfen, ihr Schritt für Schritt den Boden zu bestreiten, ihr in einem Kreuzzug von Gedanken und Taten mit aller Härte zu begegnen? Wie viele gibt es, die fähig sind, das Banner der absoluten und makellosen Wahrheit dort zu entfalten, wo der Unglaube oder der falsche Glaube herrscht? Wie viele sind es, die in Einheit mit der Kirche diese Zeiten leben, die so tragisch sind, so tragisch wie der Leidensweg Christi war; in diesem entscheidenden Zeitpunkt der Geschichte, in dem die Welt die Wahl für oder gegen Christus trifft?
O mein Gott, wie viele Kurzsichtige gibt es, die es vorziehen, die Wirklichkeit, die ihnen in die Augen springt, nicht sehen und nicht vorhersehen zu wollen.
Wie viel Zufriedenheit, wie viel kleiner Wohlstand, wie viel alltäglicher kleiner Genuss. Wie viel schmackhafte Linsengerichte zum Schlürfen!
Gib mir, o mein Jesus, die Gnade nicht zu ihnen zu zählen. Die Gnade, Deinem Rat zu folgen, und zwar über uns und die Unseren zu weinen. Nicht mit fruchtlosen Tränen, sondern mit Tränen, die zu Deinen Füßen fallen, durch Dich fruchtbar werden und für uns Verzeihung, Kraft und Unerschrockenheit im Apostolat erlangen.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.


9. Station
Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

MEHR DENN JE, o mein Herr, bist Du erschöpft, entkräftet, verwundet. Was erwartet Dich noch? Bist Du am Ziel angelangt? Nein. Gerade das Schlimmste steht noch bevor. Das entsetzlichste Verbrechen wird noch vollbracht. Die größten Schmerzen wirst Du noch leiden müssen. Zum dritten Male liegst Du am Boden und dennoch, alles, was bisher geschah, war erst der Anfang. Doch Dein zu einer einzigen Wunde gewordener Leib bewegt sich wieder. Was unmöglich schien, geschieht: Noch einmal erhebst Du Dich, langsam, wenn auch jede kleinste Bewegung einen neuen Schmerz bedeutet. Und siehe, wieder einmal stehst Du aufrecht da... mit Deinem Kreuz. Neue Kräfte hast Du geschöpft und setzt Deinen Weg fort. Dreimal bist Du gefallen und gabst mir damit drei Lehren der Standhaftigkeit, jede einzelne schmerzlicher und nachdrücklicher als die andere.
Warum soviel Nachdruck? Weil unsere Feigheit beständig ist. Wir nehmen uns vor, unser Kreuz auf uns zu nehmen, doch die Feigheit stellt sich immer wieder ein. Damit sie aber keinen Vorwand in unseren Schwächen findet, wolltest Du selbst uns ein dreifaches Beispiel geben.
Ja, unsere Schwäche kann uns nicht als Vorwand dienen. Die Gnade, die Gott niemandem verwehrt, kann erreichen, was die rein natürlichen Kräfte nicht vermögen.
Gott will, dass man Ihm bis zum letzten Atemzug dient, bis zur Erschöpfung der letzten Kräfte; und Er vergrößert unsere Fähigkeit zu leiden und zu wirken, damit unsere Hingabe bis an die Grenzen des Unvorhersehbaren, des Unwahrscheinlichen, ja, des Wunders reiche. Das Maß, Gott zu lieben, ist, Ihn ohne Maßen zu lieben, sagte der hl. Franz von Sales. Das Maß, für Gott zu kämpfen, ist, ohne Maßen für Ihn zu kämpfen, könnten wir sagen.
Doch, ich: wie schnell fühle ich mich erschöpft! In meinen apostolischen Werken hält mich das kleinste Opfer auf, die kleinste Mühe ruft in mir Widerwillen hervor, der kleinste Kampf treibt mich in die Flucht. Ich liebe das Apostolat, ja, aber es muss sich ganz meinen Vorlieben und Phantasien anpassen, denen ich mich hingeben kann, wann ich will, wie ich will und weil ich will. Und am Ende glaube ich noch, Gott ein großes Almosen gegeben zu haben.
Doch Gott hat daran keinen Gefallen. Im Einsatz für die Kirche will Er mein ganzes Leben, Er will Organisation, Scharfsinn, Kühnheit; Er will die Einfalt der Taube, aber auch die List der Schlange, die Sanftmut des Lammes, aber auch den hinreißenden und überwältigenden Zorn des Löwen. Wenn es notwendig sein sollte, Karriere, Freundschaften, Familienbande, dürftige Eitelkeiten, eingefleischte Gewohnheiten aufzugeben, um meinem Gott zu dienen, muss ich es tun. Lehrt mich doch diese Station des Leidens meines Herrn Jesus Christus, dass wir Gott alles schenken müssen, absolut alles. Und nachdem wir Ihm alles geschenkt haben, müssen wir Ihm noch unser eigenes Leben schenken.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.

R. Amen.

10. Station
Jesus wird seiner Kleider beraubt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

ALLES, ja absolut alles! Selbst die Schmach müssen wir erleiden, aus Liebe zu Gott und zur Rettung der Seelen.
Und da ist der Beweis. Der durchaus Reine wurde seiner Kleider beraubt und die Unreinen verhöhnten Ihn in seiner Reinheit. Und Unser Herr widerstand dem Spott der Unreinheit.
Scheint es nicht unbedeutsam, dem Hohn zu widerstehen, wer doch schon so vielen Martern widerstanden hat? Dennoch war auch diese Lehre noch nötig. Wegen der Verachtung einer Magd hat Petrus seinen Herrn verleugnet. Wie viele Menschen werden Christus verlassen haben aus Furcht vor Lächerlichkeit. Denn wenn es Menschen gibt, die in den Krieg gehen und sich Schüssen und dem Tod aussetzen, nur um nicht als Feiglinge verspottet zu werden, ist es nicht wahr, dass gewisse Menschen mehr Angst vor einem Lächeln haben als vor allem anderen?
Der göttliche Meister trotzte dem Spott. Damit lehrte Er uns, dass es nichts Lächerliches gibt, wenn man auf dem Pfade der Tugend und des Guten ist.
Lehre mich, o Herr, die Majestät Deines Antlitzes widerzuspiegeln und die Kraft Deiner Standhaftigkeit, wenn die Bösen gegen mich die Waffe des Spottes gebrauchen wollen.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

11. Station
Jesus wird ans Kreuz genagelt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DIE BOSHEIT wählte für Dich, mein Herr, als letzte die grausamste Pein. Ja, die grausamste, denn sie führte zu einem langsamen Tod, sie verursachte die größten Schmerzen und war die schändlichste, denn sie war den niederträchtigsten Verbrechern vorbehalten.
Alles wurde von der Hölle bestellt, um Dir die größten und schlimmsten Schmerzen an Leib und Seele zuzufügen. Beinhaltet dieser tiefgründige Hass nicht eine Lehre für mich? Wehe mir, der ich sie nie ganz begreifen werde, wenn ich nicht nach Heiligkeit strebe. Zwischen Dir und dem Teufel, zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Irrtum besteht ein tiefer, unversöhnlicher, ewiger Hass. Die Finsternis hasst das Licht, die Söhne der Finsternis hassen die Söhne des Lichtes; der gegenseitige Kampf wird andauern bis zur Vollendung der Tage, und es wird nie Frieden sein zwischen der Nachkommenschaft der Frau und der Nachkommenschaft der Schlange... Um die unermessliche Breite, die Größe dieses Hasses zu verstehen, betrachte man alles, was er zu tun wagte. Es ist der Sohn Gottes, der da hängt, verwandelt in einen Aussätzigen, wie es in der Heiligen Schrift heißt, an dem nichts Heiles ist, in ein Wesen, das sich krümmt unter den Schmerzen wie ein Wurm, verabscheut, verlassen, an ein Kreuz genagelt zwischen zwei gemeinen Verbrechern. Der Sohn Gottes: Welch unendliche, unvorstellbare, erhabene Größe enthalten diese Worte! Doch siehe, was der Hass gegen den Sohn Gottes zu verüben wagte!
Und die ganze Weltgeschichte, die ganze Kirchengeschichte ist nichts anderes als dieser unerbittliche Kampf zwischen denen, die Gottes sind, und denen, die des Teufels sind, zwischen denen, die der Jungfrau gehören, und denen, die der Schlange gehören. Ein Kampf, in dem es nicht nur Missverständnisse gibt, nicht nur Schwäche, sondern auch Bosheit, absichtliche, verschuldete, sündhafte Bosheit von Seiten der Scharen der Menschen und bösen Geister, die dem Satan folgen.
Dies ist es, was gesagt, bekräftigt, ausgerufen und woran immer wieder am Fuße des Kreuzes erinnert werden muss. Denn wir sind, vom Liberalismus dermaßen verunstaltet, immer dazu geneigt, diesen unentbehrlichen Aspekt des Leidens unseres Herrn zu vergessen.
Doch die Jungfrau der Jungfrauen, die schmerzhafte Mutter, die an der Seite ihres Sohnes an seinem Leiden teilnahm, sie wusste um diese Tatsache. Ebenfalls wusste es der jungfräuliche Apostel, dem unter dem Kreuze Maria als Mutter gegeben wurde und der damit das größte Vermächtnis erhielt, dass jemals einem Menschen gegeben wurde. Denn es gibt gewisse Wahrheiten, die Gott den Reinen bereithält und den Unreinen verweigert.
O meine Mutter, in dem Augenblick, in dem sogar ein Schächer Verzeihung verdient hat, bitte Jesus, Er möge mir all meine Blindheit verzeihen, durch die ich die Verschwörung des Bösen um mich herum nicht zur Kenntnis nahm.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.



12. Station
Jesus stirbt am Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

Nun kam schließlich der Gipfel aller Schmerzen. Ein so hoher Gipfel, dass er sich in den Wolken des Geheimnisvollen verhüllt.
Die physischen Leiden haben ihre Grenzen erreicht, die moralischen Leiden ihren Höhepunkt.
Doch eine weitere Qual sollte den Schmerz noch darüber hinaus führen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Auf eine gewisse geheimnisvolle Weise wurde selbst das fleischgewordene Wort von der Qual der Verlassenheit befallen, bei der die Seele keinen göttlichen Trost erfährt. Und so groß war diese Pein, dass Er, von dem die Evangelisten kein einziges Wort der Klage zu berichten wussten, diesen herzzerreißenden Ruf von sich gab: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Ja, warum? Warum, da Er doch die Unschuld selbst war?
Eine schreckliche Verlassenheit, gefolgt von dem Tod und einem Aufbäumen der ganzen Natur. Die Sonne verbarg sich. Der Himmel verlor seinen Glanz. Die Erde bebte. Der Vorhang des Tempels riss entzwei, eine Trostlosigkeit breitete sich im ganzen Universum aus.
Warum? Um den Menschen zu erlösen. Um die Sünde zu vernichten. Um die Pforten des Himmels zu öffnen.
Der Gipfel des Leidens war zugleich der Gipfel des Sieges. Der Tod war tot! Die gereinigte Erde war wie ein freigelegtes Land, auf dem die Kirche nun erbaut werden konnte.
Dies alles geschah, um zu erlösen. Um Menschen zu erlösen. Um diesen Menschen, der ich selbst bin, zu retten. Meine Erlösung kostete diesen hohen Preis. Ich werde kein Opfer mehr scheuen, um diese so kostbare Erlösung zu sichern.
Durch das Wasser und das Blut, die aus Deiner göttlichen Seite flossen, durch die Wunde in Deinem heiligsten Herzen, durch die Schmerzen Deiner Mutter, gib mir, o Jesus, die Kraft, mich von Personen und Dingen zu trennen, die mich von Dir entfernen können. Jede Freundschaft, jede Leidenschaft, jede Bestrebung, jeder Genuss, alles was mich von Dir trennte, soll heute sterben, ans Kreuz geschlagen werden.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

13. Station
Jesus wird vom Kreuze abgenommen und in den Schoß seiner heiligen Mutter gelegt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DIE RUHE des Grabes erwartet Dich, o Herr. In den Schatten des Todes öffnest Du den Himmel den Gerechten, während auf Erden einige wenige Gläubige sich um Deine Mutter versammeln, um Dir die Ehrungen des Begräbnisses zu erweisen.
In der Stille dieser Stunde vernimmt man die ersten Strahlen einer aufgehenden Hoffnung. Diese ersten Ehrerbietungen, die Dir zuteil werden, sind der Anfang einer unendlichen Folge von Liebeszeichen der erlösten Menschheit, die sie Dir bis ans Ende der Zeiten darbringen wird.
Hier zeigt sich uns ein Bild der Schmerzen, der Trostlosigkeit, aber doch voller Frieden. Ein Bild, das etwas Siegreiches voraussagt, wenn man die Sorge und Liebe betrachtet, mit der Dein heiliger Leichnam behandelt wird.
Ja, diese frommen Seelen hatten Mitleid mit Dir, und doch ließ sie etwas den glorreichen Sieger in Dir vorausahnen.
Möge auch ich, o mein Herr, in der trostlosesten Lage, in der sich die Kirche auch befinden mag, ihr immer treu bleiben, sie auch in ihren traurigsten Stunden nicht verlassen, mit der unverwüstlichen Gewissheit, dass Deine heilige Braut einst siegen wird durch die Treue der Guten, da sie ja Deinen Schutz erfährt.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

14. Station
Jesus wird ins Grab gelegt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

EIN STEIN verschließt das Grab. Nun scheint alles zu Ende.
Aber nein. Es ist der Augenblick, in dem alles seinen Anfang nimmt. Die Apostel versammeln sich wieder. Die Hingabe und die Hoffnung flackern wieder auf. Das Osterfest naht.
Zugleich aber umkreist der Hass der Feinde das Grab, Maria und die Apostel. Aber sie fürchten sich nicht. Bald wird der Morgen der Auferstehung glänzen.
Möge auch ich, Herr, mich nicht fürchten. Mich nicht fürchten, wenn alles unwiderruflich verloren scheint. Mich nicht fürchten, wenn alle Mächte der Welt in den Händen Deiner Feinde zu liegen scheinen. Mich nicht fürchten, weil ich bei Maria bin, bei der sich immer und immer wieder die treuen Kinder Deiner Kirche für neue Siege versammeln werden.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mõgen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

Schlussgebet

O mein Jesus, Mann der Schmerzen, in Deiner Seele und an Deinem Leib hast Du alles erlitten, was ein Mensch nur leiden kann.
Ich betrachte Deinen vom Kreuz herabgeholten Leichnam, Deine Menschheit, dem Aussehen nach vernichtet, und Dein unendlich kostbares Blut, das bis zum letzten Tropfen während Deines Leidensweges vergossen wurde.
Für alle Zeiten wirst Du nun in unseren Seelen der Inbegriff von Schmerz sein: Von Schmerz mit allem, was er an Würde, Stärke, Ernsthaftigkeit, Süßigkeit und Erhabenheit beinhaltet; Schmerz, der von der Ebene der philosophischen Betrachtung zum unendlich hohen Firmament des Glaubens erhoben wurde; Schmerz in seiner theologischen Bedeutung als notwendige Sühne und unerlässliches Mittel unserer Heiligung.
Durch die Verdienste Deines kostbarsten Blutes gib unserem Verstand die notwendige Klarheit, den Sinn des Schmerzes zu begreifen, und unserem Willen die Kraft ihn mit aller Aufrichtigkeit unserer Seele zu lieben.
Denn nur durch das Verständnis der großen Rolle des Schmerzes und des Geheimnisses des Kreuzes wird die Menschheit aus der furchtbaren Krise, in die sie gefallen ist, herauskommen und diejenigen von der ewigen Pein bewahren, die bis zuletzt Deine Einladung abgelehnt haben, mit Dir den Schmerzensweg zu gehen.
Heiligste Maria, Mutter der Schmerzen, erlange durch Deine Gebete, dass Gott auf Erden die Zahl derer vermehrt, die das Kreuz wahrhaftig lieben.
Dies ist die Gnade, um die wir in dieser Abenddämmerung unserer armen und so zerrütteten Zivilisation bitten. Amen.

Plinio Corrêa de Oliveira * 1908 - † 1995
Sein Leben
„Noch sehr jung betrachtete ich begeistert die Ruinen der Christenheit; ihnen schenkte ich mein Herz, kehrte meiner Zukunft den Rücken und gestaltete aus jener segensträchtigen Vergangenheit meinen Lebensweg.“

Donnerstag, 19. März 2015

Die Eucharistie und das Apostolat in der modernen Welt

Während der Eucharistischen Woche des Bistums Campos im Jahr 1955 hielt er hierzu einen viel beachteten Vortrag, dessen Hauptgedanken wir hier vorstellen möchten.

* * *
Die Eucharistie und das Apostolat in der modernen Welt

Es ist dies ein Thema, über das man eine ganze Reihe von Überlegungen anstellen kann. Die vier Begriffe, aus denen es sich zusammensetzt, sind zwar alle wichtig, doch unter dem Gesichtspunkt der Genauigkeit und Klarheit sind sie gleichzeitig äußerst ungleich.

Was verstehen wir denn unter „Welt“ und was sollen wir erst unter„moderner Welt“ verstehen?

Was ist die Welt?

Im Evangelium ist von der Welt die Rede. Unser Herr hat sich geweigert, für die Welt zu beten. Und doch haben die Apostel den Auftrag erhalten, alle Völker zu evangelisieren, und das heißt doch wohl, die ganze Welt evangelisieren. Was bedeutet eigentlich das Wort„Welt“?

Umgangssprachlich bezeichnet das Wort Welt den Erdball, auf dem wir leben. Sie bezeichnet einerseits die ganze Menschheit, aber auch eine bestimmte Gesellschaft zeitlichen Lebens, die sich in diesem Sinne von der Kirche unterscheidet. In einem anderen Sinne ist „Welt“ eine Art Reich der Finsternis und des Teufels. Es entspricht dies nicht eigentlich der zeitlichen Gesellschaft, sondern dem Bösen, dessen Fürst der Teufel ist, und deshalb sagen wir auch, dass der Teufel der Fürst dieser Welt ist.

Die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „modern“

Modern. Was aber ist modern? In einem gewissen Wortsinn bedeutet„moderne Welt“ die Welt von heute im Gegensatz zur Welt von gestern. Es muss aber eingeräumt werden, dass die moderne Welt nicht allein aus modernen Dingen besteht, denn die ganze menschliche Vergangenheit ist ja auch Teil der modernen Welt. Gleichzeitig stoßen wir in der modernen Welt auf den Widerschein einer superneuen, superatomaren Ära, die sich am fernen Horizont in Richtung Zukunft abzeichnet. Und doch nehmen wir in der modernen Welt noch das Wetterleuchten der Vergangenheit mit den Anfängen unserer Zivilisation wahr, die in ihr immer noch glänzen, fortbestehen und weiterleben. Der gegenwärtige Augenblick, der moderne Augenblick, dieser Augenblick, in dem ich zu Ihnen spreche, setzt sich also aus sehr heterogenen Elementen zusammen, die von den Erfahrungen und den bleibenden Errungenschaften fernster Vergangenheit bis hin zu den Aussichten auf eine unsichere, ferne Zukunft reichen. So ist das Lebensbild eines Menschen in einem bestimmten Moment nicht nur das Bild, das er gerade vor Augen hat, sondern auch das Bild der Aussichten, Pläne und Prognosen, die er in seiner Seele trägt.

Die moderne Welt erscheint uns also als eine Welt voller widersprüchlicher, gegensätzlicher Aspekte. Da ist die Vergangenheit, aus der wir kommen und der gegenüber versucht wird, wie wir gleich sehen werden, einen Gegensatz zu dem Wort „modern“ zu bilden. Und doch ist uns so viel Glorreiches aus dieser Vergangenheit geblieben! Vor allem aber besitzen wir etwas, das mehr ist als Vergangenheit, mehr als Gegenwart, mehr als Zukunft, denn es ist göttlich. Es ist dies die heilige römisch-katholische apostolische Kirche.

Modernität der Kirche

Fast zweitausend Jahre alt, ist die Kirche die jüngste, blühendste, verheißungsvollste Institution der modernen Welt. Und in einer Zivilisation, die unter so vielen Aspekten zu zerfallen und sich auf ihren Untergang zuzubewegen scheint, gibt es nur ein Ding, das nicht vergeht, sondern vielmehr unbegrenzte Jugend verspricht – das ist die katholische Kirche. In diesem Sinn des Wortes „modern“, ist sie in allen Zeiten modern. Modern ist sie aus der göttlichen Seite Unseres Herrn Jesus Christus hervorgegangen. Und modern wird sie auch noch in den letzten Augenblicken der Menschheit sein, wenn hoch am Himmel der Menschensohn in all seiner Majestät erscheinen wird.

Eine andere Bedeutung von „modern“

Wenn wir uns aber die Bedeutung von „modern“ etwas genauer ansehen, werden wir feststellen, dass das Wort oft in einem anderen Sinne gebraucht wird, nämlich als das, was im Gegensatz zum Hergebrachten steht. Modern ist dann das, was gerade erst entstanden ist. In diesem Sinne hören Dinge jeden Augenblick auf, modern zu sein, und andere, moderne Dinge treten an ihre Stelle. Noch gestern, vorgestern, vor vierzehn Tagen hat man die Kinderlähmung auf eine bestimmte, moderne Weise behandelt, doch heute schon ist diese Behandlung überholt, weil man ein besseres, noch wirksameres Vorgehen entdeckt hat. Damit gehören nun alle vorherigen Behandlungsmethoden der Geschichte der Medizin an und bilden von dem Zeitpunkt an, als die neue Methode eingeführt wurde, eine abgestorbene Vergangenheit.

In diesem Sinn ist unsere Epoche so verrückt auf Neuheiten. Sie brüstet sich, modern zu sein und in der Umgebung einer Unmenge von Neuheiten zu leben, die es früher nicht gab und die ihr das Kennzeichen der Überlegenheit gegenüber der Vergangenheit verleihen.

Eine dritte Bedeutung des Wortes „modern“

Das Wort „modern“ besitzt aber noch einen differenzierteren, schwer zu durchschauenden Sinn, auf den es in unserer Analyse schließlich ankommt.

Man würde nicht behaupten, dass ein Land, in dem die Trennung von Kirche und Staat herrschte, mit der etwaigen Rückkehr zum System der Einheit von Kirche und Staat moderner geworden sei. Viele würden jedoch behaupten, dass ein Land, das von der Einheit zur Trennung von Kirche und Staat übergeht, moderner geworden sei. Niemand würde behaupten, dass der Übergang vom Scheidungsrecht zur Untrennbarkeit der Ehe einer Modernisierung gleichkomme. Doch viele meinen, dass die endliche Einführung des Scheidungsrechts anstelle der Untrennbarkeit eine Modernisierung sei. Man würde nicht sagen wollen, dass die Erhaltung von Eliten, die Wahrung eines hierarchischen Aufbaus der Gesellschaft, die Sorge um die Beibehaltung von Sitten und Gebräuchen, der Bestand von Institutionen, die die in jeder strukturierten Gesellschaft unentbehrliche hierarchische Ordnung festlegen, ein typisch modernes Anliegen sei. Man würde vielmehr einwenden, dass derlei Dinge zur Vergangenheit gehören und dass sich ein moderner Geist eher darum bemühe, gesellschaftliche und politische Barrieren abzubauen und die vollkommene Gleichheit anzustreben, die im Kommunismus ihre Verwirklichung finde, wo sogar wirtschaftliche Gleichheit herrsche.

„Modernität“ – die Seele der heutigen Welt

Nachdem wir so die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „modern“beschrieben haben, können wir uns nun fragen, welche Rolle dieser Modernität innerhalb der heutigen Welt zukommt.

Und wir könnten sagen, dass die Geisteshaltung, die sich als modern bezeichnet, wenn sie auch nicht alles für sich eingenommen hat, so doch die große Antriebskraft ist, die hinter fast allen Ereignissen steckt, denn sie ist das Hauptmerkmal dieses Moments und die große Gefahr. Es wäre zwar sicher übertrieben, behaupten zu wollen, dass es in der heutigen Welt nichts als diese erbärmliche Modernität gebe, doch wäre es ebenso ein Zeichen von Blindheit und Wahnsinn, bestreiten zu wollen, dass diese erbärmliche Modernität das Kennzeichen und der Hauptzug dieser Epoche ist, in der wir leben.

Das Heil der modernen Welt

Gewiss stimmt es aber auch, dass es in der mehr und mehr von dieser Geisteshaltung beherrschten Welt einen gewissen Jemand gibt, die ewig und immer zugegen ist – es ist dies unser Herr Jesus Christus. Er ist in allen Tabernakeln dieser Welt gegenwärtig, in den goldenen Tabernakeln der Heiligtümer der Christenheit; in den ärmlichen Tabernakeln, den verborgenen Tabernakeln der Länder hinter dem Eisernen- und dem Bambusvorhang. Doch dieser Jemand, Unser Herr Jesus Christus, dessen Gegenwart nicht mit den Sinnen des Körpers wahrzunehmen ist, ist der große Apostel der heutigen Zeit. Und Er richtet sich stets an die Menschen, zwar in einer stummen, doch unendlich wirksamen Sprache, nämlich in der Sprache des Herrn, unseres Gottes. Er spricht zu ihnen fortwährend von der Notwendigkeit, ihr Leben auf Gott aufzubauen, seine Autorität anzuerkennen und sich aus ganzem Herzen zu Gott dem Herrn zu bekehren.

Früchte der heiligen Eucharistie

Und in dieser schrecklichen modernen Welt geschieht, was immer geschieht, wenn Gott herausgefordert wird: Gott vermehrt seine Wundertaten, und während die Frevelhaftigkeit ihrem Höhepunkt zusteuert, nehmen wir wunderbare Früchte der heiligen Eucharistie wahr, Früchte der Gnade, die dem Apostolat unvergleichliche Erfolge bescheren. Während sich die Menschen massenweise dem Vergnügen und dem Laster zuwenden, während sich die Menge dem Bösen gegenüber schweigend verhält und sich feige abwendet, nimmt überall die Zahl jener Seelen zu, die in ihrem Streben nach Vollkommenheit, nach uneingeschränkter Rechtgläubigkeit, nach völligem Gehorsam gegenüber der heiligen Kirche alles verlassen, auf alles verzichten und sich bereit zeigen, die Lehre der Kirche zu behaupten, aus Liebe zu dem in der heiligen Eucharistie gegenwärtigen Herrn Jesus Christus alles zu erleiden und zu besiegen.

Beispiele: Heilige Maria Goretti

In diesem Moment steigt in meiner Erinnerung die engelhafte Gestalt der heiligen Maria Goretti auf. In einer Zeit, in der sich ein neues Heidentum, das den ganzen Verfall der modernen Zivilisation zur Schau stellt, gibt dieses jungfräuliche Mädchen mit aller Entschiedenheit sein Leben hin, weil es nicht das verlieren will, das es mehr liebt als alles, mehr sogar als sein Leben: jene Jungfräulichkeit, die man als das wertvollste Geschenk des Lebens zu schätzen lernt, wenn man ein wirklich eucharistisches Herz besitzt. Die heilige Maria Goretti ist ein Höhepunkt. Ob dies wohl ein Einzelfall ist?

Die Märtyrer des Tabernakels

In diesem Augenblick erinnere ich mich noch an einen anderen Fall, welcher sich hinter dem Eisernen Vorhang zugetragen hat und von dem die ZeitungOsservatore Romano berichtete. Die Kommunisten hatten in ein Dorf besetzt, in dem es eine katholische Kirche gab. Nun hatten die Buben des Dorfes gehört, dass die Kommunisten zu einer bestimmten Stunde in die Kirche eindringen wollten, um den Tabernakel aufzubrechen und die geweihten Hostien zu schänden. Es wurde Nacht und draußen hatte es geschneit. Das Mondlicht lag hell auf dem Schnee. Die Stunde des Überfalls auf die Kirche rückte immer näher. Würde der Herr wieder einmal allein auf dem Ölberg ausharren müssen? Nein. Drei Buben, die durch ein offenes Fenster in die Kirche gedrungen sind, wachen bereits stundenlang. Als die Kommunisten dann die Tür aufbrechen und vordringen, versucht einer der Buben umsonst, ihnen mit seinen kindlichen Händen den Weg zum Tabernakel zu versperren. Sie schlagen ihn nieder. Ein zweiter Junge versucht, die Kommunionbank zu verteidigen und wird ebenfalls ermordet. Der dritte Junge steigt auf den Altar, um den Tabernakel mit seiner eigenen Brust zu schützen. Doch die Barbaren töten diesen lebendigen Tabernakel, bevor sie den vergoldeten Tabernakel aufbrechen. Sie nehmen die geweihten Hostien heraus und schänden sie. Die Hölle jubelt, doch mehr noch jauchzt der Himmel ob des in der Kirche vergossenen Blutes der drei kleinen Märtyrer, das bestimmt nicht weniger Ruhm verdient als das der Märtyrer, die einst in der Arena des Kolosseums ihr Blut vergossen haben.

Der Kampf in der modernen Welt

Damit habe ich Ihnen ein Bild vom Wirken der Eucharistie in der modernen Welt vor Augen geführt. In dem Augenblick, in dem die Frevelhaftigkeit auf ihren Höhepunkt gelangt, erreichen auch Gnade und Barmherzigkeit ihren Höhepunkt. Der Stärke des Lasters und des Bösen setzt Gott die unbezwingliche Stärke des Guten entgegen. Die katholische Kirche wird über die moderne Welt triumphieren. Dieser Triumph wird gewiss aus dem gigantischen Aufeinanderprallen der geringen Kräfte des Guten und der ungeheuren Kräfte des Bösen hervorgehen. Doch vielleicht werden wir noch dieses Ereignis sehen, dass die Kirche einen der größten Siege aller Zeiten davontragen wird, und es wird dies der Sieg der heiligen Eucharistie sein, dieser Quelle der Gnaden, die durch die Vermittlung und Fürsprache unserer Lieben Frau für die Welt offensteht. Mit ihren an den eucharistischen Jesus gerichteten Bitten erwirkt uns die Gottesmutter die Gnaden, derer wir bedürfen.

Quelle: „Anais da Semana Eucarística de Campos“, Rio de Janeiro,  17/24-04-1955, pp. 101 a 113