Freitag, 7. August 2015

Philosophisches Selbstbildnis IV


Ein gleichmacherischer, anarchistischer Nährboden beeinflusst weiterhin tief die Öffentlichkeit

   Bei all diesen Überlegungen wird deutlich, dass das Chaos, in das sich der Westen zusammen mit dem Rest der Welt im Begriff ist, hineinzustürzen, vor allem verursacht wird, durch das Eingehen auf die egalitären und anarchistischen Tendenzen und Lehren, die zwar in den eigentlichen intellektuellen Kreisen als völlig überholt gelten, die öffentliche Meinung jedoch weiterhin zutiefst beeinflussen. Und so dienen sie den Kommunisten als Köder, deren sie sich bedienen, um unter bestimmten politischen Voraussetzungen heute wie gestern die Massen, mit deren Hilfe sie die letzten Überreste des Heiligen und der Hierarchie der christlichen Zivilisation zu zerstören gedenken, hinter sich her zu ziehen.
   Das bedeutet jedoch nicht, dass das Denken Proudhons und seiner Geistesverwandten der große ideologische Hebel der zeitgenössischen Ereignisse war. Die Utopisten sind tot und kaum jemand erinnert sich heute noch an sie. Sie waren nichts mehr als eine Etappe auf dem Weg, der mit den ideologischen und kulturellen Bewegungen des 16. Jahrhunderts seinen Anfang nahm. Sie haben dazu beigetragen, die wirtschaftlichen und sozialen Gleichheitsbestrebungen, die in der Französischen Revolution erst im Keim enthalten waren, allgemein zu verbreiten. Diese Bestrebungen, denen die Utopisten nur als Sprachrohr dienten, stießen weltweit auf ein diffuses Echo. Und dieses Echo hallt noch durch die Geschichte, wenngleich sie und ihre Werke schon lange in Vergessenheit geraten sind.
   Wenn wir also die neue Katastrophe, die uns erwartet, aufhalten wollen, gilt es vor allem, den tragischen Irrtum rückgängig zu machen, der die absolute Gleichheit mit der absoluten Gerechtigkeit und wahren Freiheit – wie sie die absolute Wahrheit und das absolute Gut verdienen -,  mit dem freien Lauf und sogar mit der Befürwortung aller Irrtümer und Ordnungswidrigkeiten gleichsetzt.
All dies lässt uns an die Gegenrevolution denken.
  
Die Gegenrevolution muss auf die grundlegenden metaphysischen Irrtümer der Revolution hinweisen

   Im Laufe der letzten Jahrhunderte haben sich viele Bewegungen gegen den Revolutionsprozess gebildet. Ihr Erfolg hielt jedoch nie lange an und war oft sogar gleich null. Nicht dass es diesen Bewegungen an der Unterstützung hervorragender Köpfe, einflussreicher Persönlichkeiten oder breiter Volksschichten gefehlt hätte. Doch meistens beschränkten sich diese Bewegungen darauf, die Revolution nur auf dem einen oder anderen religiösen, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Gebiet zu bekämpfen. Und wenn sie auch manchmal auf die tiefer liegenden Irrtümer metaphysischer Natur aufmerksam gemacht haben, so haben sie doch nicht mit genügendem Nachdruck auf diesem Punkt bestanden. Und deshalb konnte die Revolution weiter unangefochten ihren Lauf nehmen.
   Andere hielten es für angebrachter, der Revolution mit Hilfe ihrer eigenen Sprache und ihrer Techniken Einhalt zu gebieten und gegen einige Missbräuche vorzugehen, die die Revolution selbst anprangerte. Auf diese Weise meinten sie ihr die Vorwände zu entkräften. Nun ist es stets verdienstvoll, Missstände zu bekämpfen. Doch lag schon viel Naivität in der Annahme, dass die Kraft der Revolution vor allem in der Entrüstung über gewisse Missstände ihre Wurzel hatte, gegen die sie tobte. Die Geschichte hat erwiesen, wie falsch diese Taktik war. Einige Missstände, die noch vor einigen Jahrzehnten in Europa herrschten, wurden so weitgehend behoben, dass Pius XII. zum Katholikentag in Wien sagen konnte: „Vor den Augen der Kirche liegt heute die erste Phase der sozialen Kämpfe unserer Zeit. Im Wesentlichen ging es dabei um die Arbeiterfrage: das Elend des Proletariats und die Pflicht, diesen hilflos der Unsicherheit der wirtschaftlichen Konjunktur ausgelieferten Menschen die gleiche Würde zu verschaffen, die auch die anderen städtischen Klassen mit ihren konkreten Rechten genießen. Es ist dies ein Problem, das man heute wenigstens in seinen wesentlichen Aspekten als gelöst betrachten kann, und die katholische Welt hat loyal und wirksam zu dieser Lösung beigetragen.“ (6) Dennoch tobt die Revolution drohender denn je weiter.
  
(6) Rundfunkbotschaft Pius‘ XII. vom 14. September 1952. Discorsi e Radiomessaggi di Sua Santità Pio XII, Tipografia Poliglotta Vaticana, Bd. XIV, S. 313.
  
   Ohne also die Verdienste weder der vielen gegenrevolutionären Bewegungen in der Vergangenheit und in der Gegenwart noch die des Kampfes gegen die Ungerechtigkeiten der herrschenden Ordnung leugnen zu wollen, scheint es mir aber, dass es in unseren Tagen vor allem darauf ankommt, die grundlegenden metaphysischen Irrtümer der Revolution aufzuzeigen und auf die enge Verbindung zwischen den drei großen Wogen hinzuweisen, die nacheinander gegen die westliche Christenheit anrollten: Zuerst der Humanismus, die Renaissance und die protestantische Pseudoreformation (erste Revolution), später dann die Französische Revolution (zweite Revolution) und schließlich der Kommunismus (dritte Revolution).

Auf dem Gebiet des Handelns

   Dieser Einsatz hat meinem Leben als Parlamentarier, Professor, Schriftsteller und Publizist Sinn gegeben.
   Meine Tätigkeit als Abgeordneter der katholischen Wählerliga in der verfassungsgebenden Versammlung von 1939 soll hier nur kurz erwähnt werden, denn für das Lexikon, auf dessen Anfrage hin ich diesen Text schreibe, ist sie nur von mittelbarer Bedeutung.
   Während meiner Lehrtätigkeit als Studienrat für Kulturgeschichte an dem der Rechtsfakultät der Universität São Paulo angeschlossenen Universitätskolleg, als Dozent des gleichen Faches am Roosevelt-Kolleg und dann als Professor für Moderne und Zeitgeschichte an den Philosophischen Fakultäten St. Benedikt und Sedes Sapientiae der Katholischen Universität São Paulo standen die oben angestellten Betrachtungen stets vor dem Auge meines Geistes.
   Während meiner Tätigkeit als Schriftleiter des bekannten katholischen Wochenblatts „Legionário“, das offiziöse Organ des Erzbistums São Paulo, als Vorsitzender des Diözesanrates der Katholischen Aktion sowie als Sekretär des Verbandes der Marianischen Kongregationen von São Paulo stand meine Apostolatsarbeit stets unter dem Zeichen des Kampfes gegen die Revolution, die für mich nicht allein in den linksorientierten Bewegungen ihren Ausdruck fand, sondern sich häufig auch in solchen der Mitte oder selbst der sogenannten extremen Rechten versteckte. Gegen letztere richteten sich meine heftigsten Feldzüge, die denn auch mit entsprechender Gewalt beantwortet wurden. Die Seiten des „Legionário“ bezeugen, dass ich zu einer Zeit, in der diese Bewegungen ihren Höhepunkt zu erreichen schienen, ohne Unterlass gegen die verschiedenen Arten von Faschismus und Nationalsozialismus (7) gekämpft habe.
   Die Gegenrevolution, gab meiner schriftstellerischen Tätigkeit eigentlich ihren Sinn.
  
(7) Anmerkung der Redaktion: Von 1929 bis 1947 wurden im „Legionário“ insgesamt 2936 Artikel gegen den Nazismus und den Faschismus veröffentlicht, davon stammten 447 aus der Feder von Prof. Oliveira, der vom 12.10.1929 bis zum 8.12.1929 und dann wieder vom 6.8.1933 bis zum 28.12.1947 Chefredakteur und Leiters des genannten Presseorgans war. Zum gleichen Thema erschienen später auch 55 Artikel im “Catolicismo” (zwischen 1951 und 1982), von denen 6 von Prof. Oliveira unterzeichnet waren. Auch in der Tageszeitung „Folha de S. Paulo“ wurden von ihm zwischen 1968 und 1982 insgesamt 24 Artikel zu diesem Thema veröffentlicht.
  
Zur Verteidigung der Katholischen Aktion: Alarmruf gegen die Keime des Laizismus, Liberalismus und Egalitarismus in der katholischen Kirche

Mein erstes Buch erschien 1943 und trug den Titel „Zur Verteidigung der Katholischen Aktion“ (Verlag Ave Maria, São Paulo). Es war ein Alarmruf gegen die Keime des Laizismus, Liberalismus und Egalitarismus, die damals in die Katholische Aktion einzudringen begannen (8). Mir, als dem Vorsitzenden dieser Institution im Staat São Paulo fiel die Aufgabe zu, den Kampf gegen diese Irrtümer aufzunehmen. Das Buch rief leidenschaftliche Kontroversen hervor, denen nicht einmal das herzliche Lobschreiben Einhalt gebot, das mir 1949 Msgr. Montini, damals stellvertretender Staatssekretär des Heiligen Stuhls und späterer Papst Paul VI.,  im Namen Pius XII. zuschickte.
  
(8) Anmerkung der Redaktion: Das Buch hat zwei Auflagen erlebt, deren erste (2.500 Exemplare) schon bald völlig vergriffen war. Deshalb erschien 1983 zum 40. Jahrestag ihres Erscheinens eine zweite Auflage von 2.000 Exemplaren.
  
   In katholischen Kreisen wurde das Buch zum großem Teil mit starkem Beifall aufgenommen. Die Keime des Progressismus breiteten sich jedoch weiter aus und führten schließlich zu dieser Lawine von Irrtümern, die sich gerade heute über das ganze Land erstrecken. Wenn dereinst ohne Voreingenommenheit die Geschichte der Kirche in Brasilien im 20. Jahrhundert geschrieben werden wird, so wird man wohl anerkennen, dass der bedeutende Widerstand, der dem Progressismus in unserer Mitte entgegengebracht wird, zu einem großen Teil dem in „Zur Verteidigung der Katholischen Aktion“ ausgesprochenen Warnruf zuzuschreiben ist. Denn dieses Buch hat viele Geister, die noch nicht unter den verführerischen Einfluss der neuen Ideen geraten waren, auf den in seinen Anfängen steckenden Virus des brasilianischen Progressismus aufmerksam gemacht.
   Wenn auch dieses mein erstes Buch durchaus Lehrcharakter trug, so ist ihm doch anzumerken, dass es auf ein wichtiges konkretes Problem ausgerichtet war, dem damals größte Aktualität zukam.
  
Die sichtbarste Folge von „Revolution und Gegenrevolution“: TFPs und verwandte Vereinigungen in 26 Ländern auf den fünf Kontinenten

Das Gleiche kann man nicht von  meinem zweiten Buch „Revolution und Gegenrevolution“ behaupten. Wie bereits der oben vorgestellten Zusammenfassung des Werkes leicht zu entnehmen ist, bezog sich sein Inhalt im Jahre seiner Veröffentlichung, 1959, auf kein aktuelles brasilianisches Thema. In dem neuen Werk ging es vor allem darum, der Öffentlichkeit die tiefe Bedeutung klar zu machen, die lehrmäßig der angesehenen kulturellen Monatszeitschrift „Catolicismo“ zukam, welche damals in Campos (Bundesstaat Rio de Janeiro) unter der Schirmherrschaft des dortigen Diözesanbischofs Antonio de Castro Mayer (*20.6.1904, +25.4.1991) herausgegeben wurde.(9)

(9) Anmerkung der Redaktion: Hier muss darauf hingewiesen werden, dass Bischof Antonio de Castro Mayer im Dezember 1982 die Beziehungen zu Prof. Plinio Corrêa de Oliveira und zur TFP für abgebrochen erklärte. Die Monatszeitschrift “Catolicismo” verwandelte sich daraufhin in das Sprachrohr der TFP.
Am 22. Juni 1988 nahm Bischof Antonio Castro Mayer zusammen mit dem französischen Erzbischof Marcel Fefèbvre in Ecône (Schweiz) an der von Rom nicht genehmigten Weihe von vier Bischöfen teil. Am darauf folgenden 1. Juli veröffentlichte Kardinal Gantin, Präfekt der Bischofskongregation, ein Dekret, das die Exkommunikation der beiden Bischöfe bestätigte.
Der Bruch des früheren Bischofs von Campos mit Prof. Plinio Corrêa de Oliveira, TFP und “Catolicismo” geschah also fünf Jahre vor dessen Exkommunikation.

   In Brasilien hat „Revolution und Gegenrevolution“ vier Auflagen erlebt. Die erste Ausgabe erschien in der Nummer 100 des „Catolicismo“ (mit einem Nachdruck). Es folgten später Ausgaben für die spanischsprachige Welt, in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Italien.(10)

(10) Anmerkung der Redaktion: Neben den in Brasilien veröffentlichten Ausgaben in portugiesischer Sprache (zwei 1959, eine 1982 und eine weitere 1993) erreichte „Revolution und Gegenrevolution“ zwölf Auflagen in Spanisch: Argentinien (zwei Auflagen 1970 und eine weitere 1992), Chile (1964 und 1992), Kolumbien (1992), Ecuador (1992), Spanien (1959, 1965, 1978, 1992) und Peru (1994), zwei in Französisch: Brasilien (1960) und Kanada (1978); drei in Englisch: USA (1972, 1980 und 1993); drei in Italienisch (1964, 1972 und 1977), eine in Rumänisch (1995), und 1996 wurde bei der Frankfurter Buchmesse die erste illustrierte Ausgabe in deutscher Sprache vorgestellt. Damit kommt das Werk auf insgesamt 26 Ausgaben. Hinzu kommen Abdrucke in Zeitungen und Zeitschriften in Brasilien, Angola, Argentinien, Frankreich, Italien, Kolumbien, Spanien und Venezuela. Die Gesamtauflage (ohne Teilabdrucke) erreicht damit die Zahl von 126.700 Exemplaren.
  
   Die sichtbarste Folge von „Revolution und Gegenrevolution“ war der Anstoß zur Gründung der „Brasilianischen Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP) in Brasilien und zur Gründung ähnlicher, eigenständiger Organisationen außerhalb des Landes; sie sind derzeit in fast allen wichtigen westlichen Ländern zu finden und breiten ihre Zweige über alle übrigen Kontinente aus. Da es in einer Reihe von Ländern auch Vertretungen der TFP gibt, sind die Lehrgrundsätze und Ideale von „Revolution und Gegenrevolution“ heute in 26 Ländern auf den fünf Kontinenten gegenwärtig.(11)
   Diese Vereinigungen bilden eine große Seelenfamilie, die sich um das Thema des Buches „Revolution und Gegenrevolution“ geschart hat.

(11) Anmerkung der Redaktion: Heute (2008) gibt es die TFP bzw. ihre Vertretungsbüros in Brasilien, Argentinien, Australien, Chile, Deutschland, Ekuador, Frankreich, Italien, Kanada, Kolumbien, Paraguay, Peru, auf den Philippinen, in Polen, Portugal, Spanien, Südafrika, in den USA, im Vereinigten Königreich (England und Schottland) und in Uruguay. Die TFP von Venezuela wurde 1984 willkürlich durch ein im Endeffekt wirkungsloses Regierungsdekret aufgehoben. Ihre Mitglieder stehen in TFP-Niederlassungen anderer Länder weiterhin im Dienste der gleichen Ideale. Die Unschuld der venezuelanischen TFP wurde mit der Veröffentlichung des endgültigen Gerichtsurteils am 15. Mai 1986 in jeder Hinsicht bestätigt und die gegen die Vereinigung vorgebrachten Anklagen wurden als unbegründet zurückgewiesen.
  
Eine interne, von den Theoretikern des Marxismus selbst angekündigte Transformation: der Zusammenbruch des Staates und die Entstehung einer kooperativistischen Gesellschaft

   1976 fügte ich „Revolution und Gegenrevolution“ einen dritten Teil hinzu. Es handelt sich dabei um eine Bestandsaufnahme der Veränderungen, die die Revolution in den seit der Veröffentlichung des Werkes vergangenen zwanzig Jahren im internationalen Panorama hervorgerufen hatte. Dem Leser sollte die Herstellung eines Bezugs zwischen dem Inhalt und den neuen Gegebenheiten jener Tage erleichtert werden.
Die Herrschaft der III. – kommunistischen – Revolution hatte einen paradoxen Zustand von Höhepunkt und Krise erreicht. Höhepunkt unter dem Gesichtspunkt der tatsächlichen territorialen Ausbreitung des Kommunismus und seines mit Hilfe eines immensen Bündnisses kommunistischer, kryptonkommunistischer und parakommunistischer Parteien gewonnenen Einflusses auf die westliche Welt, abgesehen von dem grenzenlosen Magma nützlicher Idioten. Gleichzeitig ein Zustand der Krise. In den Augen der Öffentlichkeit begann pari passu der Niedergang des Kommunismus. Seine Überzeugungskraft und seine revolutionäre Führungskapazität gingen innerhalb und außerhalb der Grenzen der Sowjetunion zurück. Würde der Kommunismus, der sein Vorrücken angesichts der Erfolglosigkeit der herkömmlichen Vorgehens- und Bekehrungsmethoden kompromittiert sah, sich von nun an für ein Abenteuer entscheiden?
   Tatsächlich ließ die III. Revolution, auf dem Höhepunkt der Macht angelangt, Drohungen und Angriffe beiseite und begann plötzlich zu lächeln und zu bitten. Der direkte Weg, der ja auch immer der kürzeste ist, wurde aufgegeben, und an seine Stelle trat ein Zickzackkurs, in dessen Verlauf es nicht an Unsicherheiten fehlte.
   Der Kommunismus setzte seine größten Hoffnungen auf die revolutionäre psychologische Kriegsführung, die das Lächeln als Angriffs- und Kriegswaffe einsetzt und den Eroberungsschock von der (physischen, handgreiflichen) Gewalt auf das Gebiet psychologischer Maßnahmen (d. h. auf das Gebiet des Ungreifbaren) überträgt. Ihr Ziel war nun der schrittweise, unmerklich im Seeleninnern errungene Sieg, da die herrschenden Umstände ein Vorgehen nach der klassischen, d.h. drastischen, allgemein sichtbaren Methode nicht zuließen.
   Wohlgemerkt, diese Methoden haben nichts mit den normalerweise „Gehirnwäsche“ usw. genannten Praktiken zu tun, wie man sie in Spionageromanen finden kann. Es ging nicht darum, ein paar vereinzelte Aktionen auf intellektuellem Gebiet durchzuführen. Vielmehr hatte man einen wahren Eroberungskrieg im Auge, der zwar auf psychologischer Ebene geführt werden sollte, aber eben totalen Charakter hatte, da er gleichzeitig den ganzen Menschen und alle Menschen in allen Ländern anvisierte.
   Diesen revolutionären psychologischen Krieg kann man nicht beschreiben, ohne detailliert auf seine Auswirkungen auf die eigentliche Seele der westlichen Welt einzugehen, nämlich auf das Christentum oder, noch konkreter gesprochen, auf die katholische Religion, da diese das Christentum in seiner absoluten Fülle und seiner einzigartigen Authentizität darstellt.
   In der Perspektive von „Revolution und Gegenrevolution“ besteht der größte Erfolg des lächelnden nachstalinistischen Kommunismus in dem rätselhaften, verwirrenden, erstaunlichen Schweigen von tragischem apokalyptischem Ausmaß des II. Vatikanischen Konzils gegenüber dem Kommunismus.
   Im Licht der Tatsachen hat das II. Vatikanische Konzil als eines der größten unheilvollen Ereignisse, wenn nicht gar als das größte der Kirchengeschichte zu gelten. Mit ihm ist der „Rauch Satans“ (12) in unvorstellbarem Ausmaße in die Kirche eingedrungen und breitet sich dort mit dem fürchterlichen Ausbreitungsvermögen der Gase immer weiter aus. Zum Ärgernis unzähliger Seelen des Mystischen Leibes Christi ist dieser in den unheilvollen Prozess der „Selbstzerstörung“ geraten, von dem Paul VI. gesprochen hatte.(13)

(12) Vgl. Ansprache Pauls VI. vom 29. Juni 1972
(13) Vgl. Ansprache vom 7. Dezember 1968.

Anmerkung der Redaktion: Bei mehreren Gelegenheiten hat sich auch Johannes Paul II. zu den Problemen der modernen Welt und ihrer Beziehung zu dem Sturm geäußert, der über die heilige Kirche hereingebrochen ist. Viele dieser Probleme, sagte der Papst, schließen die Verbreitung „ausgesprochener Häresien im Bereich von Dogma und Moral“ ein „und schaffen Zweifel, Verwirrung und Aufruhr“ (Ansprache vom 6. Februar 1981, in Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Libreria Editrice Vaticana, 1981, Bd. IV, S. 235).

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Mittwoch, 24. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis III

Die Erste Revolution:
Humanismus, Renaissance, Protestantismus

   Auf diese Weise wird der tiefere Sinn der sophistischen Revolution A und der (faktischen) Revolution B, wie sie sich in Europa im 16. Jahrhundert ereignet haben, als eine Folge der oben beschriebenen, vorausgegangenen tendenziellen Revolution A verständlich.
   Der Niedergang des Mittelalters war von einem Ausbruch des Hochmuts und der Sinnlichkeit geprägt. Dieser Ausbruch brachte egalitäre und liberale Tendenzen hervor, die in den darauf folgenden Jahrhunderten immer mehr zunahmen.
   Im Humanismus und in der Renaissance offenbart sich Feindseligkeit sowohl gegenüber dem Übernatürlichen und dem kirchlichen Lehramt als auch gegenüber der Sittenstrenge. Im Protestantismus finden sich das „liberum examen“, der Minimalismus gegenüber dem Übernatürlichen, die Begünstigung der Ehescheidung, die Abschaffung des Ordensstandes, der Sittenstrenge und der Unterwerfung unter die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, sowie die virtuelle Beseitigung der kirchlichen Hierarchie. Zwar gibt es in fast allen protestantischen Sekten einen geistlichen Stand, doch ist in diesen der in der katholischen Kirche bestehende deutliche und tiefgehende Unterschied zwischen Geistlichem und Weltlichem infolge eines anderen Priesteramtsverständnisses sehr abgeschwächt. Außerdem wurde in den protestantischen Sekten auch der in der Kirche errichtete hierarchische Aufbau des geistlichen Standes durch die Ablehnung des monarchischen Elements im Papsttum entscheidend verstümmelt. Wenn die gleichmacherischen Tendenzen auch im Anglikanismus nicht so weit gegangen sind, die Bischofswürde abzuschaffen, so gibt es bei den Presbyterianern doch schon keine bischöflichen Würdenträger mehr, sondern nur noch Presbyter. In anderen Sekten ist der egalitäre Trieb so weit gegangen, dass man sogar das Priesteramt abgeschafft hat.
   Wenn ich hier die Bedeutung der liberalen und egalitären Einstellung des Humanismus, der Renaissance und der Reformation hervorhebe, so will ich damit keineswegs leugnen, dass es daneben noch weitere Ursachen gegeben hat, die zur Entstehung und Verbreitung dieser Bewegungen beigetragen haben. Ich sage damit nur, dass die tendenzielle Revolution A mit ihrem radikal anarchischen und egalitären Charakter eine entscheidende Rolle in den Anfängen, in den Lehren, in dem, was man heute den Werbeerfolg nennen würde, und in den Ergebnissen dieser Strömungen gespielt hat.
   Ich will auch nicht behaupten, dass diese Hauptantriebskraft nur in den Völkern zur Wirkung kam, die sich von der Kirche getrennt haben. Der Geist der Renaissance und des Humanismus hat nachhaltig auch in den Völkern geweht, die sich weiterhin katholisch nennen. Und obwohl die tendenzielle Revolution A dort nicht zum offenen Bruch mit der Kirche geführt hat, hat sie doch gewisse Inkubationsformen des Protestantismus wachgerufen, von denen die wichtigste wohl der Jansenismus war. Dieser hat das religiöse Leben zusehends erkalten lassen und schließlich zum Skeptizismus geführt. Eine aufmerksame Untersuchung des königlichen Absolutismus, der in keinem Lande radikalere Formen angenommen hat als im katholischen Frankreich, zeigt, dass die Politik der absolutistischen Herrscher in allem, was nicht ihre eigene Autorität anging, von einem gewissen egalitären Zug geprägt war. Die von den absoluten Königen schrittweise eingeführte Einschränkung der Privilegien des Klerus und des Adels bewegte sich auf die politische Gleichstellung aller, der Macht des Alleinherrschers unterworfenen Bürger zu. Die ständige Unterstützung, die die Könige dem aktiveren, entwickelteren Teil des gemeinen Volkes, d.h. dem Bürgertum zukommen ließen, hat diese politische Gleichstellung nur noch mehr gefördert.
  
Die Zweite Revolution:
Aufklärung, Absolutismus, Französische Revolution


   Die seit dem Ende des Mittelalters zunehmende Sittenverderbnis erreichte im 18. Jahrhundert derartige Ausmaße, dass sie sogar einige ihrer Anführer zu alarmieren begann. Die französische Gesellschaft, angetrieben von den gleichen Faktoren, die in den nordischen Ländern zur Reformation geführt hatten, befand sich mit Hilfe der Aufklärung und des Absolutismus auf dem besten Weg zu einer heftigen Konvulsion, die sich als nichts anderes erweisen sollte als die Übertragung auf die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ebene all dessen, was das Wesen des Protestantismus ausgemacht hatte.
   Im ausgehenden 18. Jahrhundert, als dieser schon müde und alt geworden und innerlich von den wachsenden Zweifeln der Skepsis ausgehöhlt war, so dass er keine Expansionskraft mehr besaß und nur noch mit Hilfe des Staates einen Rest an Leben fristete, erreichten die liberalen und egalitären Tendenzen in Frankreich schließlich ihren Höhepunkt. Der Humanismus und die Renaissance waren zu dieser Zeit bereits längst tot. Und der ganze Protestantismus war, wie gesagt, äußerst abgenutzt. Das Dynamischste und Grundlegendste der drei Bewegungen aber – der Geist, der sie hervorgerufen hatte – hatte sie überlebt und zeigte sich nun stärker denn je. Und dieser Geist sollte Frankreich und später ganz Europa in eine liberale, egalitäre Katastrophe stürzen.
   Die Französische Revolution war derart vom Geist der Reformation geprägt, dass die von ihr geschaffene Konstitutionelle Kirche nichts als ein kaum vertuschtes Werkzeug zur Einführung eines wirklichen Protestantismus in Frankreich war. Der egalitäre, antimonarchische und antiaristokratische Charakter der Französischen Revolution ist nichts anderes als die auf den zivilen Bereich übertragene gleichmacherische Tendenz, die den Protestantismus dazu veranlasst hat, die aristokratischen und monarchischen Elemente der kirchlichen Hierarchie abzulehnen. Der an der extremen Linken der Revolution wirkende kommunistische Gärstoff, der in Bewegungen wie der von Babeuf zum Ausdruck kam, war nichts als das laizistische Gegenstück jener kommunistischen Bewegungen wie dem der Brüder Moravos, die aus dem Boden hervorgingen, den man als die extreme protestantische Linke bezeichnen könnte. Die völlige Laizisierung des Staates, die griechisch-römische Tarnung, die fortgesetzte Beschwörung des klassischen Heidentums waren ein Beweis für die Auswirkungen des Humanismus, der Renaissance und der Aufklärung in der Französischen Revolution.
   Wir müssen darauf bestehen, dass der Protestantismus, der Humanismus und die Renaissance nichts anderes waren als historisch bedingte Ausdrucksformen eines anarchischen, egalitären Geistes. Dass sie selbst nicht überlebt haben, verdanken sie zum Teil dem gleichen Geist, aus dem sie hervorgegangen sind, denn dieser, als Zerstörer schlechthin, hat sie in ihrem eigenen Kern vernichtet. Die Französische Revolution war lediglich eine neue, wenngleich energischere Ausdrucksform desselben Geistes.

Die napoleonischen Truppen haben
die Französische Revolution in ihren Rucksäcken
nach ganz Europa getragen

   Durchaus bekannte geschichtliche Umstände haben dazu geführt, dass die mit der Errichtung des Kaiserreiches scheinbar abgeschlossene Französische Revolution von den Truppen Napoleons über ganz Europa verbreitet wurde. Die Kriege und Revolutionen, die den Zeitabschnitt zwischen 1814 und 1918, das heißt vom Sturz Napoleons bis zum Sturz der Habsburger, der Romanow und der Hohenzollern, geprägt haben, bilden eine Abfolge von Konvulsionen, in deren Verlauf sich Europa im Geiste der Französischen Revolution verwandelt hat. Die Folgen des 2. Weltkriegs haben diese Verwandlung nur noch verstärkt. Von den alten Monarchien Europas sind nicht mehr als ein halbes Dutzend übrig geblieben, und die zeigen sich dem republikanischen Geist gegenüber derart fügsam, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, sie hätten sich andauernd zu entschuldigen, dass es sie überhaupt noch gibt ...
   Mit diesen Bemerkungen möchte ich keineswegs leugnen, dass es in den zerstörten Strukturen tatsächlich auch Missbräuche gegeben hat, die einer Korrektur bedurften. Ich will auch nicht behaupten, die Einführung einer aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Regierung könne nur das Ergebnis des egalitären, liberalen Geistes sein, von dem ich hier spreche. Das entspräche weder lehrmäßig der Wahrheit noch wäre es angesichts der Geschichte zu rechtfertigen. Neben verschiedenen politischen Strukturen aristokratischen Charakters, die, wie etwa in Venedig, keinesfalls alle monarchisch ausgerichtet waren, gab es auch andere Strukturen, die weder monarchisch noch aristokratisch aufgebaut waren, wie etwa Schweizer Kantone und freie deutsche Reichsstädte. Alle diese Regierungsformen bestanden friedlich nebeneinander, denn die Vielfalt der Regierungssysteme wurde je nach Zeit, Ort und sonstigen Umständen als legitim angesehen.
   Die Revolution aber, die am Ende des Mittelalters ausbrach, wurde von einem ganz anderen Geist getragen als dem, der zur Bildung der aristokratischen beziehungsweise bürgerlichen Staaten des europäischen Mittelalters geführt hatte. Dieser Geist kam in der Behauptung absoluter, anarchischer Freiheit und der vollkommenen Gleichheit als den einzigen, für alle Zeiten und Orte gültigen Regeln der Ordnung und Gerechtigkeit zum Ausdruck.
   Dieser Geist hat dann andererseits wieder die politisch egalitäre bürgerliche Gesellschaft untergraben, die er selbst hervorgebracht hatte. Den Höhepunkt seiner verwegenen Behauptungen erreichte er aber schließlich im Zuge der dritten großen Revolution der westlichen Welt, im Kommunismus.

Die Grundsätze von 1789:
Die Tendenz zur völligen Freiheit und Gleichheit

   Die Gleichheitsthese fand ihren unverbrämten Ausdruck in der „Erklärung der der Menschenrechte“, der Magna Charta der Französischen Revolution und der von dieser eingeleiteten geschichtlichen Epoche: „Frei und gleich an Rechten werden die Menschen geboren und bleiben es.“ Dieses Prinzip kann man natürlich auch richtig auslegen, denn im Grunde besagt es, dass alle Menschen ihrer Natur nach wesentlich gleich sind. Ungleich sind sie nur in ihren Akzidenzien. Da sie außerdem eine Geistseele und damit auch Vernunft und Willen besitzen, sind sie von Grund aus frei. Die Grenzen dieser Wahrheit liegen allein im Natur- und göttlichen Gesetz sowie in der Macht der verschiedenen geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, denen sich alle Menschen zu unterwerfen haben.
   Niemand wird leugnen können, dass es zu allen Zeiten Obrigkeiten gab, die die grundlegende Gleichheit und Freiheit des Menschen verletzt haben. Andererseits hat es im Laufe der Geschichte auch immer wieder Bewegungen zum Schutz gegen die Ausschreitungen der Obrigkeit gegeben, denen es darum ging, der letzteren ihre rechtmäßigen Grenzen aufzuzeigen. Solange sich diese Bewegungen an das genannte Ziel halten, verdienen sie auch sicherlich allen Beifall. Wie in jeder anderen Epoche auch konnten Gleichheit und Freiheit im 18. Jahrhundert nutzbringend in Erinnerung gebracht werden, soweit sie nur richtig verstanden wurden.
   Es stimmt natürlich, dass es 1789 unter den Revolutionären der ersten Stunde auch Leute gab, die nichts anderes wollten als eine gerechte Mäßigung der Staatsgewalt und die Gleichheit und Freiheit, wie sie in der Erklärung der Rechte des Menschen verkündet wurden, in ihrem förderlichsten Sinne verstanden.
   Der Text der berühmten Erklärung war jedoch zu allgemein gehalten: Er vertrat eine Gleichheit und Freiheit ohne jede Einschränkung, was wiederum zu einer umfassenden, unangebrachten Auslegung führen musste, zu einer absoluten Gleichheit und Freiheit nämlich, die alles einbezog.
   Diese Auslegung entsprach selbstverständlich dem Geist der heraufziehenden Revolution, die sich nach und nach von all den Parteigängern frei machte, die nicht mit diesem Geist übereinstimmten. Die Jagd auf den Adel und den Klerus wurde von der Verfolgung des Bürgertums abgelöst. Allein die Handwerker sollten übrig bleiben.
   Als der Terror schließlich vorbei war, vertrat der Bürgerstand, dem es um die Ausmerzung der alten privilegierten Klassen ging, weiterhin die unvergänglichen Prinzipien von 1789. Doch tat er dies auf eine zwiespältige, unkluge Art und Weise, denn er rief die zu einer völligen Gleichheit und Freiheit tendierenden Volksmassen auf den Plan, um sich ihrer Unterstützung im Kampf gegen Königtum, Adel und Klerus zu vergewissern.
   Diese Unklugheit ermöglichte in großem Ausmaß den Ausbruch jener Bewegung, die schließlich die Macht des Bürgertums selbst in Frage stellen sollte.
   Wenn alle Menschen frei und gleich sind, haben dann die Reichen eine Daseinsberechtigung? Mit welchem Recht erben die Kinder das Vermögen ihrer Eltern ohne zu arbeiten?

Der utopische Kommunismus verkündete,
dass die bürgerliche politische Gleichheit
ohne die soziale und wirtschaftliche Gleichheit
eine Täuschung sei

   Bevor noch die Industrialisierung zu den großen Zusammenballungen unterernährter Proletarier führte, prangerte der utopische Kommunismus bereits die vom Bürgertum eingeführte rein politische Gleichheit als eine Täuschung an und verlangte nun die absolute soziale und wirtschaftliche Gleichheit. Der von einer Gesellschaft ohne Obrigkeit träumende Anarchismus breitete sich aus. Diese anfangs nur von einer beschränkten Anhängerzahl vertretenen radikalen Grundsätze des utopischen Kommunismus sollten später eine ungeahnte Verbreitung in den westlichen Ländern erleben. Allmählich drangen sie auch in das Denken zahlreicher Monarchen ein und beeinflussten die Mächtigen sowie weltliche und kirchliche Persönlichkeiten. So machte sich in weiten Bereichen von Nutznießern der bestehenden Ordnung eine gewisse Sympathie gegenüber dem Edelmut der freiheitlichen und egalitären Ideale breit, und mancher bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen, wenn er an die Rechtmäßigkeit der Machtausübung durch jene dachte, denen sie anvertraut war.
Meiner Ansicht nach besteht die Größe von Karl Marx nicht darin, dass er den wissenschaftlichen Kommunismus, eine verworrene, nur Wenigen bekannte Lehre geschaffen hat, denn der Marxismus ist an der kommunistischen Basis und in der heutigen Öffentlichkeit genauso unbekannt wie die Gedankengänge Plotins oder Averroes‘. Marx hat es aber vermocht, weltweit die kommunistische Offensive auszulösen, indem er die Anhänger einer radikal egalitären und anarchischen Tendenz auf der Grundlage des utopischen Kommunismus verbündet hat.

   Wenn also auch die Führer des Marxismus mehr oder weniger vom Marxistischen Geiste beeinflusst sind, so sind doch die von ihnen befehligten einfachen Soldaten im Allgemeinen nicht in der Lage, diese Lehre zu verstehen. Was sie dazu veranlasst, sich um ihre Führer zu scharen, sind nichts als vage, im utopischen Sozialismus inspirierte Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Und wenn die marxistischen Kader in gewissen Bereichen der öffentlichen Meinung auf Sympathie stoßen, so verdanken sie dies im Grunde der fast universalen Ausstrahlung der egalitären Prinzipien der Französischen Revolution und der dem utopischen Sozialismus eigenen romantischen Sentimentalität.

Dienstag, 23. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis II

Krisen haben ihren Ursprung nicht im Kopf eines Denkers, sondern in ungezügelten, von den Gewalten der Finsternis geschürten Begierden

   Es gibt Menschen, die glauben, Kultur- und Zivilisationskrisen hätten ihren Ursprung stets im Kopfe eines Denkers, von dessen kraftvollem Geist der klärende — oder zerstörerische — Funke ausgehe, der anfangs auf die kulturellen Eliten überspringe, um sich schließlich über den ganzen gesellschaftlichen Körper zu verbreiten. Manche Krisen entstanden wirklich auf diese Weise. Die Geschichte bestätigt jedoch keinesfalls, dass alle Krisen so entstanden sind. Und vor allem hat jene Krise, die schließlich zum Niedergang des Mittelalters und den Humanismus, die Renaissance und den protestantischen Reformation hervorbrachte, bestimmt nicht so ihren Anfang genommen.
   Schon allein die Tatsache, dass die Kirche dem Menschen eine für die menschliche Natur beschwerliche sittliche Strenge abverlangt, führt dazu, dass ihr Einfluss auf jede Seele, jedes Volk, jede Kultur und jede Zivilisation ständig bedroht ist. Die ungezügelten, durch das außernatürliche Wirken der Mächte der Finsternis geschürten Begierden treiben Menschen und Völker ohne Unterlass zum Bösen. Die Schwäche des menschlichen Verstandes kann von diesen Tendenzen ausgenutzt werden. Der Mensch erfindet nur zu gern Trugschlüsse, um damit schlechte Handlungen zu rechtfertigen, die er zu begehen gedenkt oder bereits begeht, ebenso wie schlechte Sitten, die er sich aneignet oder bereits angeeignet hat. Paul Bourget hat einmal gesagt: „Man muss so leben, wie man denkt, sonst denkt man früher oder später darüber nach, wie man gelebt hat.“(6)

(6) Le Démon du Midi, Bd. II, S. 375. Plon, Paris 1914.
  
Hochmut und Sinnlichkeit: Ihre überragende Bedeutung im Verlauf der Rebellion gegen die Kirche

   Zwei Begierden sind es, die im besonderen Maße die Rebellion des Menschen gegen die Sitte und den christlichen Glauben hervorrufen können: der Hochmut und die Sinnlichkeit.
   Der Hochmut veranlasst ihn dazu, jedwede Überlegenheit in einem anderen abzulehnen, und weckt in ihm eine leicht in Paroxysmus ausartende Gier nach Macht und Befehlsgewalt. Alle Unbeherrschtheit strebt letztendlich auf einen Paroxysmus zu. In seinem paroxystischen Zustand nimmt der Hochmut jede Art von metaphysischem Kolorit an: Er begnügt sich nicht mehr damit, konkret diese oder jene Obrigkeit oder hierarchische Struktur zu erschüttern, es geht ihm vielmehr um die Abschaffung jeder Art von Obrigkeit, in welchem Bereich es diese auch geben mag. Nur die umfassende, komplette Gleichheit erscheint ihm erträglich und wird daher zum höchsten Kriterium aller Gerechtigkeit. Auf diese Weise bringt der Hochmut schließlich seine eigene Moral hervor. Und im Kern dieser hochmütigen Moral verbirgt sich ein metaphysisches Prinzip: Die Seinsordnung fordert die Gleichheit, und alles Ungleiche ist ontologisch gesehen schlecht.
   Die absolute Gleichheit ist für den, den wir den vollständig Hochmütigen nennen würden, der höchste Wert, dem sich alles Andere zu unterordnen hat.
   Eine weitere Begierde von wesentlicher Bedeutung im Verlauf der Rebellion gegen die Kirche ist die Unzucht. An sich führt sie zur Zügellosigkeit und veranlasst den Menschen, jede Art von Gesetz mit Füßen zu treten und jede Beschränkung weit von sich zu weisen. Ihre Auswirkungen summieren sich zu denen des Hochmütigen und veranlassen den menschlichen Geist zu allerlei Sophismen, die schließlich das Autoritätsprinzip überhaupt in seinem Kern untergraben.
   Daher führt die von Hochmut und Sinnlichkeit ausgelöste Tendenz zur Abschaffung aller Ungleichheit, aller Autorität und aller Hierarchie.
  
Zwei entgegengesetzte Vorgänge:
Während der Glaube zur Liebe gegenüber der Hierarchie einlädt, führt der Sittenverfall zum Egalitarismus der Anarchie

Selbst wenn der Mensch vor ihnen kapituliert, können die ungezügelten Leidenschaften selbstverständlich in der Seele oder im Geiste eines Volkes auf Gegengewichte in Form von Überzeugungen, Traditionen usw. stoßen.
   In diesem Fall sieht sich die Seele oder Mentalität eines Volkes zwischen zwei einander entgegengesetzten Polen geteilt: Auf der einen Seite steht der Glaube, der zu Sittenstrenge, Bescheidenheit, Liebe zu aller legitimen Hierarchie einlädt; auf der anderen Seite steht der Sittenverfall, der zum vollkommenen, im eigentlichen Wortsinn an-archischen Egalitarismus aufruft. Wie wir gleich sehen werden, verleitet der Sittenverfall schließlich zum religiösen Zweifel und zur völligen Ablehnung des Glaubens.
   In den meisten Fällen wird die Entscheidung zwischen diesen Polen nicht auf einmal, sondern schrittweise getroffen. Durch wiederholte Liebesbeweise gegenüber der Wahrheit und dem Guten kann ein Mensch oder ein Volk nach und nach in der Tugend fortschreiten und sich endlich ganz bekehren. Dies ist etwa im Römischen Reich unter dem Einfluss der christlichen Gemeinden, der Gebete der Gläubigen in den Katakomben und Einsiedeleien, des in der Arena an den Tag gelegten Heldentums und der im Alltag gezeigten Tugendbeispiele geschehen. Hierbei handelt es sich um einen aufsteigenden Vorgang.
   Doch kann es auch ein Niedergang sein. Infolge des Zusammenstoßes der ungezügelten Leidenschaften werden die guten Überzeugungen nach und nach untergraben, die guten Traditionen verlieren ihre Kraft, die guten Sitten werden durch anstößige Sitten ersetzt, die erst ins offen Tadelnswerte und endlich ins Skandalöse abgleiten.

Hauptelemente der Lehre von Revolution und Gegenrevolution:

   Demzufolge sind also dies, kurz zusammengefasst, die wichtigsten Punkte der Lehre, auf die sich Revolution und Gegenrevolution stützt:
   a) die Mission der Kirche als der einzigen Lehrerin, Führerin und Lebensquelle der Völker auf dem Weg zur vollkommenen Zivilisation;
   b) der ununterbrochene Kampf der ungezügelten Leidenschaften, vor allem des Hochmuts und der Zügellosigkeit, gegen den Einfluss der Kirche;
   c) das Vorhandensein gegensätzlicher Pole im menschlichen Geiste, zwischen denen er sich notwendigerweise entscheiden muss: einerseits der katholische Glaube, der die Liebe zu Ordnung, Sittenstrenge und Hierarchie fördert, und andererseits die ungezügelten Leidenschaften, die zu Liederlichkeit, zum Aufstand gegen das Gesetz, gegen die Hierarchie und gegen jede Form von Ungleichheit anregen und letztendlich zum Zweifel und zum völligen Abfall vom Glauben führen;
   d) der Begriff des Vorgangs, in dessen Verlauf sich Menschen und Völker – unbeschadet des freien Willens – von den genannten Polen angezogen fühlen und sich so allmählich dem einen nähern und vom andern entfernen;
   e) der Einfluss dieses moralischen Prozesses auf die Entstehung von Philosophien. Die schlechten Tendenzen schaffen eine Neigung zum Irrtum, die guten, zur Wahrheit. Die großen Veränderungen im Geist der Völker sind nicht einfach das Ergebnis von Philosophien, die im kleinen Kreis von Intellektuellen aufgestellt wurden, die am Rande des Lebens dahinwirken. Damit eine Lehre im Volke Widerhall findet, ist es gewöhnlich notwendig, dass die Tendenzen des jeweiligen Volkes dieser Lehre ähnlich sind. Und nicht selten werden die Gedanken der Gelehrten mehr von den Neigungen der Umwelt beeinflusst, in der sie leben, als man denkt.
  
Einige grundlegende Definitionen:
Ordnung, Revolution, Gegenrevolution

   Vom Gesagten ausgehend, fällt es leicht einige Begriffe zu definieren:
   1. Ordnung ist nicht einfach die methodische und praktische Verteilung der materiellen Dinge, sondern nach dem thomistischen Verständnis die rechte Verfügung der Dinge nach ihrem naheliegenden und entfernten, physischen und metaphysischen, natürlichen und übernatürlichen Zweck;
   2. Revolution ist nicht im Wesentlichen ein Straßenaufstand, eine Schießerei oder ein Bürgerkrieg, sondern alle Anstrengung, die die Menschen gegen die Ordnung aufwiegeln will;
   3. Gegenrevolution ist jede Anstrengung zur Eingrenzung und Beseitigung der Revolution.

Revolution A – tendenziell und sophistisch;
Revolution B – in den Gesetzen, Strukturen, Institutionen und Sitten

   Man kann also sehen, dass sowohl die Ordnung als auch die Revolution und die Gegenrevolution a) in den Tendenzen, b) in den Ideen, und c) in den Gesetzen, in den Strukturen, in den Institutionen und den Sitten vorhanden sein können.
   So nenne ich die Revolution tendenziell, wenn sie in den Tendenzen zum Ausdruck kommt. Und ich nenne sie sophistisch, wenn sie sich im Hauch der Tendenzen auf dem Gebiet der Lehren ausbreitet.
   Diese beiden Arten von Revolution bilden ein eminent geistiges Phänomen, was besagt, dass sich ihr Aktionsfeld auf die menschliche Seele und die Mentalität der Gesellschaft erstreckt. Sie bilden demnach ein Ganzes, das ich die Revolution A nenne.
   Wenn die Revolution aus dem Innern der Seelen hervorbricht und zur Tat schreitet, wenn sie geschichtliche Umwälzungen verursacht sowie Gesetze, Strukturen, Einrichtungen usw. in Unordnung bringt, dann wird sie zu dem, was ich die Revolution B nenne.
   Die hier in aller Kürze dargestellten Begriffe müssen natürlich mit einer Reihe von Vorbehalten und Ausnahmen versehen werden, die ich zwar in „Revolution und Gegenrevolution“ vorbringe, hier aber nicht weiter erklärt werden können.
   Ich beschränke mich, darauf hinzuweisen, dass ich mit diesem Umriss des Wesentlichen in der Geschichte keineswegs behaupten möchte, dass sie darauf zu reduzieren sei. Die elementarste Beobachtung macht deutlich, dass der Lauf der Geschichte von zahllosen Faktoren bedingt wird, zu denen etwa die ethnischen, die geographischen und wirtschaftlichen zählen.

Wer die Gleichheit vertritt, wird wohl oder übel Einwände gegen den Glauben haben

   Es bleibt mir noch ein Wort zum Zusammenhang zwischen der absoluten, metaphysischen Gleichheit und dem Glauben zu sagen. Wer radikal gleichheitlich denkt, wird notgedrungen zahllose Einwände gegen die katholische Glaubenslehre vorzubringen haben.
   Die Begriffe eines persönlichen, vollkommenen und ewigen Gottes, der unendlich weit über den unvollkommenen und kontingenten (die der Hilfe bedürfen) Kreaturen steht; einer übernatürlichen Ordnung, die über das Natürliche hinausgeht; des gottgegebenen Gesetzes, dem zu gehorchen ist; der Offenbarung, die dem menschlichen Geist Wahrheiten zugänglich macht, die über seinem natürlichen Verständnisvermögen liegen; des unfehlbaren Lehramtes der Kirche; des monarchischen und aristokratischen Charakters ihres Aufbaus; alles, einschließlich des Gedankens von einem Gericht, das die Guten belohnt und die Bösen bestraft, stört den Gleichheitsgesinnten und veranlasst ihn zu einer ablehnenden Haltung.

   Der Katholik im Gegenteil lernt beim hl. Thomas von Aquin (Summa Theologica, I, q. 47, a 2), dass die Ungleichheit eine notwendige Voraussetzung für die Vollkommenheit der geschaffenen Ordnung ist. Daher sind Ungleichheit der Macht, des Wissens, der Klassenzugehörigkeit und des Vermögens im wesentlichen legitim und zur Erhaltung der rechten Ordnung unerlässlich, vorausgesetzt, dass sie nicht so weit gehen, dem Einzelnen seine Würde, seinen Lebensunterhalt und seine Sicherheit zu nehmen, auf die er als Mensch, durch seine Arbeit usw. einen Anspruch hat.

Montag, 22. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis I

Professor Plinio Corrêa de Oliveira


Als ich noch sehr jung war,
betrachtete ich hingerissen die Ruinen der Christenheit.
An sie hängte ich mein Herz.
Dem Künftigen kehrte ich den Rücken zu
und machte aus jener segensreichen Vergangenheit
meine Zukunft.
Mariä Himmelfahrt
-1981-

   Auf Bitten von P. Stanislas Ladusans SJ, der 1976 ein Lexikon des brasilianischen philosophischen Denkens vorbereitete, schrieb Professor Plinio Corrêa de Oliveira damals die erste Fassung seines philosophischen Selbstbildnisses. 1989 bat ihn P. Stanislas dann noch einmal, den Text zu aktualisieren. Als Prof. Oliveira schließlich gegen Ende 1994 dazu kam, dem Text die endgültige Fassung zu geben, war P. Stanislas gerade gestorben, und so blieb die Schrift unveröffentlicht.
Inzwischen sind acht Jahre vergangen, seit unser unvergesslicher Gründer am 3. Oktober 1995 das Zeitliche gesegnet hat. Aus Anlaß des 100jährigen Geburtstages von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira nehmen wir die Gelegenheit wahr, diese bisher unveröffentlichte Schrift der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die die tiefe Spiritualität dieses wahren Kreuzritters des 20. Jahrhunderts und seine Hingabe an die Kirche offenbart.


Philosophisches Selbstbildnis

„Das Lächeln der Skeptiker hat nie vermocht,
den siegreichen Vormarsch der Gläubigen aufzuhalten“

   Ich bin überzeugter Thomist.(1) Der Bereich der Philosophie, der mich am meisten interessiert, ist die Philosophie der Geschichte. In ihr finden sich die beiden Beschäftigungen zusammen, denen ich mich mein ganzes Leben lang gewidmet habe: Studium und Aktion.
   Letztere habe ich auf dem eng umschriebenen Feld der Lehre und ihrer Verbreitung sowohl im Dialog als auch durch die Polemik ausgeübt. Mögen Begriff und Wort auch noch so anachronistisch anmuten, so tue ich diese Äußerung doch mit größter Genugtuung.
   Ein Essay, der das Wesentliche meines Denkens zusammenfasst, erklärt auch den Sinn meines ideologischen Wirkens: Es handelt sich um das Buch „Revolution und Gegenrevolution“.

(1) Anm. der Redaktion: Es ist verständlich, dass der bekannte katholische Denker sein philosophisches Selbstbildnis mit der Erklärung einleitet, er sei ein überzeugter Anhänger des hl. Thomas von Aquin.
Den Spuren seiner Vorgänger folgend in der Anerkennung des Aquinaten, erhob der heilige Papst Pius V. den hl. Thomas in den Rang eines Kirchenlehrers und erklärte seine Lehre als „wahrste Regel unseres Glaubens“.
Im Konzil von Trient verdiente die Summa theologica des Doctor Communis „die einzigartigste Ehre auf dem Altar neben der Bibel gelegt zu werden“.
Leo der XIII. benannte ihn den „Fürsten der Philosophen“ und der hl. Pius X. erklärte, die thomistische Lehre „ist vollkommen, unversehrt, unerschöpfliche Quelle für jede Art von Wissenschaft“.

Große geschichtliche Veränderungen haben ihren Ursprung in der Haltung des menschlichen Geistes gegenüber der Religion und der Philosophie

   Eine Voraussetzung dieses Essay geht davon aus, dass im Gegensatz zu dem, was so viele Philosophen und Sozialwissenschaftler behaupten, der Lauf der Historie nicht vorwiegend oder gar ausschließlich von den Zwängen der Materie auf den Menschen bestimmt wird. Ohne Zweifel beeinflussen sie das Tun des Menschen. Doch ihm ist es gegeben, ausgestattet mit einer vernünftigen und freien Seele, den Lauf und die Richtung der Geschichte zu bestimmen. Er wirkt, anders gesagt, mehr oder weniger einschneidend auf die Umstände, die er vorfindet, ein und wird von diesen auch selbst auf unterschiedliche Weise beeinflusst, und bestimmt so den Lauf der Ereignisse.
   Nun entfaltet sich das menschliche Handeln normalerweise in Abhängigkeit von den Auffassungen, die ein jeder von der Welt (Universum), von sich selbst und vom Leben hat. Das bedeutet, dass die Geschichte von religiösen und philosophischen Lehren beherrscht wird, und dass der dynamische Kern jener Faktoren, die die großen historischen Umwälzungen herbeiführen, sich in der Abfolge der vom menschlichen Geist eingenommenen Haltungen gegenüber Religion und Philosophie befindet.

Die christliche Zivilisation steht in völliger Übereinstimmung mit den ewigen Grundprinzipien des Naturrechts und des göttlichen Rechts

   Ich gehe nun zu einer weiteren Voraussetzung von Revolution und Gegenrevolution über. Eine katholische Geschichtsauffassung hat zu berücksichtigen, dass das Alte und das Neue Gesetz nicht nur die Vorschriften enthalten, nach denen der Mensch in der Nachfolge Christi seine Seele zu formen und sich so auf die Anschauung Gottes vorzubereiten hat, sondern auch die Grundregeln des menschlichen Verhaltens in Übereinstimmung mit der natürlichen Ordnung der Dinge.
   In dem Maße also, in dem der Mensch im Gnadenleben fortschreitet, schafft er auch durch die Ausübung der Tugend eine Kultur, eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, in völliger Übereinstimmung mit den grundlegenden, unvergänglichen Prinzipien des Naturgesetzes und des göttlichen Gesetzes. Diese Kultur und Ordnung wird als christliche Zivilisation bezeichnet.
   Die rechte Anordnung der irdischen Dinge beschränkt sich natürlich nicht auf diese grundlegenden, unvergänglichen Prinzipien, denen auch viel Zufälliges, Vorübergehendes und Freies anhaftet. Die christliche Zivilisation schließt eine unermessliche Vielfalt von Aspekten und Nuancen ein. Das geht so weit, dass man in einem gewissen Sinne sogar von christlichen Zivilisationen und nicht nur von einer christlichen Zivilisation sprechen kann. Da jedoch die Grundprinzipien in allen christlichen Zivilisationen die gleichen sind, bildet die große Wirklichkeit, die sie alle einbezieht, eine machtvolle Einheit, die den Namen christliche Zivilisation schlechthin verdient. Die Einheit in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einheit sind perfektionierende Elemente. Somit geht die christliche Zivilisation infolge der Vielfalt ihrer Verwirklichungen keineswegs ihrer Einheit verlustig, und man kann durchaus behaupten, dass es im tieferen Sinn des Wortes nur eine einzige christliche Zivilisation gibt. Dennoch ist sie in ihrer Einheit so wunderbar vielfältig, dass man sich die Freiheit nehmen darf, unter einem bestimmten Gesichtspunkt vom Vorhandensein verschiedener christlicher Zivilisationen zu sprechen.
   Nach dieser Klarstellung, die in analoger Weise auch für den Begriff der katholischen Kultur gilt, möchte ich klarstellen, dass ich die Begriffe christliche Zivilisation und christliche Kultur in ihrem höheren Sinn, das heißt, in dem ihrer Einheit benutzen werde.
   Ich erlaube mir hier, die oben genannten Behauptungen nicht mit einschlägigen Zitaten aus Texten des Heiligen Thomas oder des kirchlichen Lehramtes zu belegen, denn diese sind so zahlreich und außerdem all denen, die sich dieser Thematik ernsthaft widmen, durchaus bekannt, so dass ich mir diese lästige und zudem überflüssige Mühe sparen kann. Diese Bemerkung gilt auch für andere Betrachtungen, die noch im ersten Teil der vorliegenden Darstellung auftauchen werden.
   Unter den oben angeführten Voraussetzungen ist es nun leicht, die Rolle der Kirche und der christlichen Zivilisation in der Geschichte zu definieren.

Die Völker können den Status einer vollkommenen Zivilisation nur erreichen, wenn sie der Gnade und dem Glauben entsprechen

   Es ist richtig, dass wenngleich der Mensch mit Gewissheit und ohne Irrtum in den göttlichen Dingen das erkennen kann, was dem menschlichen Verstand an sich nicht unzugänglich ist, (2) so ist es ihm jedoch infolge der Erbsünde nicht möglich das Gesetz Gottes dauerhaft einzuhalten. Dies ist ihm nur möglich durch die Gnade. Um den Menschen darüber hinaus gegen seine eigene Bosheit und Schwäche zu schützen, versah Jesus Christus seine Kirche mit einem unfehlbaren Lehramt, damit es nicht nur die Wahrheiten des Glaubens, sondern auch die zur Erlösung notwendigen moralischen Wahrheiten irrtumsfrei lehre.

(2) Vgl. Denzinger-Schoenmetzer, 33. Aufl., Nr. 3005.

   Es ist der Glaube, der den Menschen veranlasst, sich dem Lehramt anzuvertrauen. Ohne den Glauben wäre der Mensch nie in der Lage, die Gebote Gottes dauerhaft und in vollem Umfange zu halten.
   Daraus ergibt sich, dass die Völker die vollkommene, das heißt die christliche Zivilisation nur in dem Maße erreichen können, in dem sie dem Anspruch der Gnade und des Glaubens entsprechen; das schließt aber auch die rückhaltslose Anerkennung der katholischen als der einzig wahren Kirche und der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes mit ein.
   Die tiefgründigste und zentralste Schlüsselfrage der Geschichte besteht demnach darin, dass die Menschen den katholischen Glauben kennen lernen, bekennen und praktizieren.
   Natürlich will ich damit nicht leugnen, dass es auch hervorragende nichtchristliche Zivilisationen gegeben hat. Sie alle aber wurden durch diese oder jene Züge entstellt, die auf schockierende Weise mit dem von ihnen auf anderen Gebieten erreichten hohen Niveau in Widerspruch standen. Man braucht ja nur an die weite Verbreitung der Sklaverei zu erinnern oder an die Erniedrigung, der die Frau vor Jesus Christus ausgesetzt war. Keine andere Zivilisation hat je die der christlichen Zivilisation eigene, alles überragende Vollkommenheit erreicht.
   Ich will auch keineswegs die Tatsache leugnen, dass die Zivilisation auch in einer vorwiegend schismatischen bzw. häretischen Bevölkerung wichtige Züge christlicher Tradition bewahren kann. Die ganze Fülle der christlichen Tradition kann sich jedoch allein aus der katholischen Kirche entfalten und nur in katholischen Völkern vollständig erhalten bleiben.

„Es gab eine Zeit, wo die Weisheitslehre des Evangeliums die Staaten leitete...“

   Nun wird man jedoch fragen, wann es diese vollkommene christliche Zivilisation in der Geschichte tatsächlich gegeben habe. Ist die Vollkommenheit in diesem Leben überhaupt erreichbar?
   Die Antwort auf diese Frage wird manchen Leser schockieren und ärgern. Ich muss aber dennoch behaupten, dass es eine Zeit gegeben hat, in der ein Großteil der Menschheit dieses Vollkommenheitsideal kannte und eifrig und aufrichtig danach strebte. Dank dieses Strebens in den Seelen nahmen die Grundzüge der Zivilisation derart christliche Formen an, wie es die Umstände einer sich aus der Barbarei erhebenden Welt zuließen. Ich spreche vom Mittelalter, von dem Papst Leo XIII. trotz einer oder anderer Mängel folgende beredte Worte schrieb: „Es gab eine Zeit, wo die Weisheitslehre des Evangeliums die Staaten leitete. Gesetze, Einrichtungen, Volkssitten, alle Ordnungen und Beziehungen des Staatslebens waren in dieser Zeit von christlicher Klugheit und göttlicher Kraft durchdrungen. Da war der Religion Jesu Christi in der Öffentlichkeit jene Auszeichnung gesichert, wie sie ihr gebührt; da blühte sie überall unter dem wohlwollenden Schutz der rechtmäßigen Obrigkeiten und Regenten, da waren Kirche und Reich in glücklicher Eintracht und durch gegenseitige Freundesdienste miteinander verbunden. Diese Staatsordnung trug über alles Erwarten reiche Früchte, die noch nicht vergessen sind. Hierfür gibt es unzählige Zeugnisse aus der Geschichte, welche durch keine Arglist der Feinde verfälscht oder verdunkelt werden können.“(3)

(3) Enzyklika Immortale Dei vom 1. November 1885.

   Diese Sichtweise über das Ausmaß des kirchlichen Einflusses im Mittelalter finden wir auch in dem folgenden Text Papst Pauls VI. über die Rolle des Papsttums im mittelalterlichen Italien: „Wir vergessen keineswegs die Jahrhunderte, in denen das Papsttum die  Geschichte [Italiens] mitgestaltete, seine Grenzen verteidigte, sein kulturelles und geistiges Erbe bewahrte, ganze Generationen in Zivilisation, Sitte, moralischer und sozialer Tugend erzog und sein römisches Bewusstsein und seine besten Söhne mit dem eigenen universalen Auftrag [des Papsttums] verband.“(4)

(4) Ansprache an den Präsidenten der Italienischen Republik, 11. Januar 1964. Insegnamenti di Paolo VI, Tipografia Poliglotta Vaticana, Bd. II, S. 69.

   So ist die christliche Zivilisation also keine Utopie. Sie ist etwas Realisierbares, und das in einer bestimmten Epoche effektiv  blühte. Etwas, schließlich, das gewissermaßen das Mittelalter überlebte, so dass Papst Pius X. schreiben konnte: „Nein, es ist nicht mehr nötig, eine Zivilisation zu ersinnen, noch auch einen neuen Staat in den Wolken zu bauen. Es hat sie gegeben und es gibt sie: es sind die christliche Zivilisation und der katholische Staat. Es kann sich nur noch darum handeln, ihn unablässig gegen die immer wieder neu ausbrechenden Angriffe einer falschen Utopie, der Revolution und der Gottlosigkeit auf seine natürlichen und göttlichen Grundlagen zu stellen und ihn darin zu stärken und zu festigen.“(5) Die christliche Zivilisation hat also nachhaltige, bis in unsere Tage lebendige Spuren hinterlassen.

(5) Apostolisches Schreiben „Notre Charge Apostolique“ vom 25. August 1910, in Doctrina Pontificia, Bd. II, S. 408. B.A.C., Madrid, 1958..



Fortsetzung folgt

Mittwoch, 3. Juni 2015

Die Freude, die der Teufel verspricht, die gibt er nicht


Die nebenstehende Szene wurde nach einem Gewitter auf der Insel Ischia aufgenommen. Die Natur zeigt sich wieder von ihrer heiteren Seite. Eine schon betagte Bäuerin geht mit ihren Kindern oder vielleicht ihren Enkeln den Hang hinauf. Der Weg ist nicht asphaltiert, an den Seiten gibt es keine Kinos, keine Bars, keine Schaufenster und keine blinkende Leuchtreklame. In dieser Gruppe träumt niemand von einem Cadillac, nicht einmal von einer Lambretta. Sie laufen alle barfuss und tragen die Kleidung armer Leute.

Doch wie strotzen sie von Gesundheit, wie überläuft ihre Seele von den schlichten und grundlegenden Freuden des ländlichen Lebens, die die tausendjährige Tradition christlicher Zucht sie so angenehm spüren lässt. Sie sind froh, weil sie gesund sind, weil die Luft frisch ist, weil das Land schön ist, weil sie im Kreise der Familie verwurzelt sind, wo echte Liebe herrscht ohne Gefühlsduselei sondern reich an Opfersinn und gegenseitiger Hingabe. In der Einfalt ihres Auftretens sammeln sie sich um die zentrale Figur in einer Haltung echter Verehrung. Und in dieser Verehrung, wie viel Lieblichkeit, wie viel Vertrauen!

Damit wollen wir aber nicht den Eindruck geben, dass wir die Güter, die uns die Zivilisation und Kultur ermöglichen, gering schätzen. Wir leben jedoch in einer Zeit, in der das Neuheidentum eine monströse Fehlleitung verursacht, so dass die Kultur und Zivilisation in den Menschen unersättliche Begierden und Strebertum erweckt, und die künstlichen Freuden und Genüsse den christlichen Sinn für Zucht und Opfer zerstören. Die freigesetzten Triebe vertreiben eine gewisse Seelenfrische, mit der man die gemäßigten Freuden eines dem Gebet, Pflichterfüllung und dem Familienleben gewidmetes täglichen Lebens genießen kann. Für die Opfer dieses Prozesses wird das Leben zu einem tragischen Rennen auf der Suche nach Gold oder einem frenetischen Fandango rund um die Gelüste des Fleisches.

Das Leben wurde uns nicht gegeben um glücklich zu sein, sondern zur Ehre Gottes. Es muss indessen festgestellt werden, dass selbst vom Standpunkt des weltlichen Glücks aus das Neuheidentum ein schlechtes Geschäft ist. Es herrscht nämlich mehr Freude in einer strengen und christlichen Gesellschaft, selbst unter schlichten Verhältnissen, als im trügerischen Pomp einer hochzivilisierten – vielleicht besser gesagt einer pseudo-zivilisierten – Gesellschaft, die ihr ganzes Glück und Freude in den Gelüsten der Sinnlichkeit oder im Blendwerk des Geldes sucht.
*   *   *
Hier ein Schnappschuss in der Rue Mouffetard in Paris. Mit zwei Flaschen im Arm geht ein Bub nach Hause. Er bringt den köstlichen Vorrat für zwei behagliche Tage: Samstag und Sonntag.

Welch bescheidene Behaglichkeit! Doch welch triumphale und überschäumende Freude. Wie kann so wenig jemandem so viel Freude bereiten? Der Junge kommt offensichtlich aus einem bescheidenen Milieu, in dem, selbst in Großstädten, nicht selten eine reine wenn auch beschwerliche Freude eines einfachen und arbeitsamen Lebens herrscht, weil es mittel- oder unmittelbar durchtränkt ist vom übernatürlichen und wohltuenden Einfluss des Glaubens. In solcher Situation sammeln sich Vorräte von Seelenfrieden, Lebenskraft und tugendhafter Energie an, die mit jedem kleinen zusätzlichen Geschenk ins Schwingen geraten und sich zufrieden geben. Zu Tisch einer solchen Familie reicht schon ein wenig mehr als üblich an Essen und Trinken, für eine große Freude.

Noch einmal sieht man, dass es nicht der Überfluss an Gold und viel weniger die übermäßige Zügellosigkeit ist, die dem Menschen das höchstmögliche Maß an Freude auf dieser Welt beschert. Im Gegenteil, der Mensch erreicht in der Abtötung, in der Genügsamkeit, in der ernsthaften und wirksamen Einordnung in ein normales aber auch des Öfteren schwieriges tägliches Leben diese tugendreiche Ausgeglichenheit, die ihm die Freuden am Leben gibt.
*  *  *
Doch nachdem die Menschheit Unseren Herrn Jesus Christus und seine Heilige Kirche verlassen hat, begannen all diese sittlichen Werte, die von dem Saft der Gnade leben, zu verfallen.

Wenn der Teufel dem Menschen etwas verspricht, ist es gerade das, was er ihm entziehen wird.

Und seit dem Abfall des Westens vom wahren Christentum im frühen 14. Jahrhundert verspricht der Teufel den Menschen eine Zivilisation, die durch die Technik den Reichtum und die Freuden der Wollust vermehren soll, um somit eine größere Lebensfreude zu erreichen.
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Dermaßen war diese Lüge groß, dass die Kirche, durch den Mund Papst Pius XII. in der Weihnachtsbotschaft von 1957, Millionen Seelen vor der Verzweiflung schützen musste, die in den Krallen dieser Zivilisation gefangen gehalten wurden und denen man vorhielt, das Leben sei was Böses, das Universum ein Fehler und Gott ein Mythos.
(Bilder von Henri Cartier-Bresson)

Freie Übersetzung aus Catolicismo Nr. 89 - Mai 1958

Donnerstag, 21. Mai 2015

Vorbereitung für eine große Mission


Am Fest der Muttergottes von Fatima könnten wir folgendes betrachten: Die Erscheinungen der Muttergottes wurden eingeleitet von einigen Engelerscheinungen und vor diesen wiederum gab es einige Lichterscheinungen, die keinem himmlischen Wesen richtig zugeordnet werden konnten. Die zwei Mädchen, Lucia und Jacinta, sahen am Himmel eine Lichtgestalt, die sie nicht deutlich beschreiben konnten. Später nahm das Licht die Gestalt eines Engels an, der ihnen dann sagte, er sei der Engel von Portugal. Durch mehrere Erscheinungen und Gespräche bereitete der Engel so, die Kinder auf die späteren Erscheinungen der Muttergottes vor.
Wie wir sehen, werden die Vorbereitungen für eine große Mission in Etappen durchgeführt. Es waren verschiedene Etappen, in denen die Vorsehung wollte, dass die Gnade auf die Kinder auf pädagogische Weise einwirkte und so ihre Seelen auf den Moment vorbereitete, in dem die Muttergottes zu ihnen sprechen würde. 
Bei dieser Vorbereitung können wir eine Lehre feststellen, die wir beachten sollten. Es handelt sich bei uns keinesfalls um Visionen, Erscheinungen oder Offenbarungen, doch wir, wie jeder Christ, haben eine Mission und diese Mission wird auch für uns allmählich deutlicher, in der Weise wie es in Fatima für die Kinder geschah.
Es kann vorkommen, dass jemand meint seine Berufung gefunden zu haben und in dieser etwas Großes vermutet. Doch er sieht sie zunächst mal nur wie ein leuchtender Fleck am Himmel, der aber im Laufe der Zeit immer deutlichere Konturen annimmt. Irgendwann definiert sich in seinem Geist die deutliche Sicht seiner Mission, seiner Berufung. Es gibt also eine Art Vorbereitung, bei der die Person ein offenes Herz haben muss, in den verschiedenen Etappen der Vorbereitung treu sein muss, damit, wenn der Moment kommt, da die Vorsehung an die Tür klopft und ihr eröffnen will, wie ihre Berufung sein wird und welche Bedeutung sie hat, die Person sie richtig erkennt und versteht.

Es ist ein Prozess der Reife, in dem einem immer wieder das Gleiche oder vielleicht etwas mehr gesagt wird, in dem man in treuer Erwartung Hinweise aufnimmt. Irgendwann kommt dann sie Stunde der Gnade und man sieht und versteht alles besser und deutlicher als vorher. Es ist die Vorgehensweise des Heiligen Geistes in den Seelen: Er bereitet sie Stück für Stück vor, um eine Lehre nach und nach aufzunehmen und ihr endlich zuzustimmen. Das ist echte katholische Bildung.
Es ist die Umwandlung dessen, was man hört in gut verstandenen und geliebten Prinzipien, so dass sie sich in die Seele verankern und das geistliche Leben nähren. Es ist eine etappenweise Bildung: Die Gnade zeigt uns zuerst etwas verschwommenes, dann zeigt sie uns einen Engel und am Ende spricht zu uns die Muttergottes.
So meine ich empfehlen zu können, der Muttergottes an diesem Tag um die Gnade zu bitten, sie möge vor unseren Augen erglänzen lassen alles, was wir schon hätten verstehen und wissen müssen, aber wegen unserer Untreue nicht erfasst haben. Sie möge uns allen diese Gnade schenken und die Ankunft des Tages beschleunigen, an dem sie uns das vollständige Verständnis unserer Berufung offenbaren wird, in Vorbereitung auf die Zeiten, die sie in Fatima vorausgesagt hat.
Vieles muss in unseren Seelen noch geschehen, deshalb bitten wir die Muttergottes, sie möge, nicht durch Visionen oder Offenbarungen, sondern durch die Gnade zu uns deutlich sprechen, wie sie in der Mulde von Iria zu den Hirtenkindern gesprochen hat, damit wir unsere Aufgabe erfüllen, wie die Seherkinder ihre Aufgabe erfüllt haben.
Der kleine Francisco sah die Muttergottes bei den Erscheinungen, hörte aber nicht, was sie sagte. Es scheint, dass die Muttergottes mit ihm, obwohl er ein reiner und rechter Junge war, nicht ganz zufrieden war. Sie ließ ihm sagen, er müsse noch einige Rosenkränze mehr beten. Er fügte sich und unternahm alles, um sich zu bessern, sodass er am Ende ein bewundernswertes Kind wurde und in heldenhafter Gesinnung starb.
Bitten wir Francisco, dass er unser Fürsprecher sei, da wir in uns ähnliches haben wie er es hatte, er möge für uns von der Muttergottes erreichen, was sie für ihn getan hat. Sie sagte ihm, sie werde ihn auch in den Himmel nehmen, er müsse aber noch einige Rosenkränze beten. Bitten wir sie um die Gnade „einige Rosenkränze mehr zu beten“, das heißt, etwas mehr tun, als was wir sollen, damit wir gut vorbereitet sind, wenn uns die großen Prüfungen, die großen Kämpfe und auch der große Ruhm im Himmel bevorstehen.
     

Plinio Correa de Oliveira: Vortrag (Tagesheiliger) 13. Mai 1964 

Donnerstag, 30. April 2015

Das allerheiligste Altarsakrament

Besuch des Allerheiligsten Altarsakraments

GOTT hat uns in seiner unendlichen Barmherzigkeit viele Mittel der Heiligung bereitgestellt. Das wichtigste aber ist die Eucharistie. Durch alle anderen schenkt er uns seine Gnade, doch in der heiligen Kommunion schenkt er uns sich selbst. Die Kirche hat deshalb die Eucharistie stets mit aller Verehrung und Zuneigung umgeben und ihr die verschiedensten Kultformen gewidmet. So hat sie eucharistische Triduen, Wochen und Kongresse, Heilige Stunden, die Ewige Anbetung, Vigilien, Prozessionen, das Fronleichnamsfest, das Fest des Eucharistischen Herzens Jesu und viele weitere liturgische oder private Frömmigkeitsübungen eingeführt.

So hat die Kirche mit dem Ziel, unseren Herrn im Altarsakrament zu verehren, auch viele Besuche des Allerheiligsten sowohl an den Tagen feierlicher Ausstellung als auch an gewöhnlichen Tagen empfohlen. Als eifrige Gläubige, die in allem mit der Kirche fühlen wollen, dürfen wir uns dieser Empfehlung gegenüber nicht gleichgültig verhalten.

Die tiefe Bedeutung eines Besuchs des Allerheiligsten


Herausragende Persönlichkeiten werden in der Gesellschaft stets mit Bekundungen der Hochachtung und des Respekts behandelt. Es ist dies eine Sitte, die nicht mehr als recht und billig ist. Nehmen wir das Beispiel eines Staatschefs, in dessen Palast das Vorzimmer von Menschen wimmelt, die ihn zu sprechen suchen. Da hat ein jeder eine Bitte vorzutragen. Es geht um Nominierungen, Anträge, Bewilligungen usw. Wenn der Präsident in der Öffentlichkeit erscheint, blieben die Passanten stehen, um ihn zu sehen; eine Eskorte gibt seinem Wagen mit Sirenengeheul das Geleit; stets ist er von einem Gefolge begleitet. Auf Reisen wird erwartet ihn überall ein feierlicher Empfang mit Reden und Musikkapelle.
 
Gott hat uns in seiner unendlichen Barmherzigkeit
viele Mittel der Heiligung bereitgestellt.
Das wichtigste aber ist die Eucharistie.
Die Mächtigen dieser Erde werden alle mehr oder weniger so behandelt. Ist da ein reicher Mann? Auch sein Vorzimmer ist stets voll. Der eine bittet ihn um Spenden, der andere möchte ihn zu einem Empfang einladen, wieder andere suchen ihm nur zu schmeicheln. Ist da ein großer Unternehmer? Es werden sicher Stellengesuche an ihn herangetragen: man wirbt um seinen Einfluss. Ist da einer, der für sein Wissen berühmt ist? Man fragt ihn um Rat, sucht seine Freundschaft zu gewinnen.
Jesus haben wir im Sakrament stets lebendig in unserer Mitte und er ist bestimmt viel mächtiger als alle Politiker, reicher als jeder Machthaber, weiser als irgendein Schriftsteller oder Wissenschaftler. Wie wäre es da möglich, dass wir uns mehr Mühe um die
Großen dieser Welt machten als um ihn? Wer könnte es wagen zu bestreiten, dass es recht und billig ist, ihn stets mit Eifer und Hingabe aufzusuchen, um von ihm die geistlichen und materiellen Güter zu erbitten, deren wir bedürfen; um ihm unsere Versuchungen und Ängste zu unterbreiten, ihm für die erlangten Gaben zu danken, ihn unserer Liebe zu versichern und ihn anzubeten? Zur Samaritin hat der Herr einst gesagt „Wenn du um die Gabe Gottes wüsstest ... “ Dasselbe könnten wir auch zu uns selbst sagen. Wenn wir mit lebendigem, glühendem Glauben den kennen würden, der uns gegeben wurde, würden wir uns viel mehr Mühe geben, ihn häufig aufzusuchen und mit ihm zu sprechen.

Die Besuche sollten häufig sein


Soweit es unsere Lebensumstände erlauben, sollten wir das Allerheiligste mehrmals am Tag besuchen, brauchen wir doch die Gnade Gottes jeden Augenblick und zur Ausführung eines jeden Tugendaktes. Ist es dann nicht angebracht, dass wir diese Gnaden auch häufig erbitten, indem wir wiederholt den Freund aufsuchen, den wir unter uns haben?
Der häufige Besuch des Allerheiligsten hat den großen Vorteil, dass er uns die Ausübung bestimmter Praktiken erleichtert, die zu einem asketischen Leben gehören, wie etwa die Wachsamkeit des Herzens, die Gewissenserforschung und das Bewusstsein, in der Gegenwart Gottes zu leben. Diese Übungen verlangen von uns eine ständige, aufmerksame Beobachtung unseres eigenen Verhaltens. Nun ist es aber so, dass uns die Beschäftigungen des täglichen Lebens derart beanspruchen und bedrängen, dass wir zur Zerstreuung neigen und uns die asketischen Übungen daher besonders schwer fallen. Wenn wir aber die Möglichkeit haben, uns im Laufe des Tages einige Male zurückzuziehen und dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn all das mitzuteilen, was uns auf der Seele liegt, wird es uns leichtfallen, unser Herz zu bewahren, unser Gewissen über einen bestimmten Punkt zu erforschen und stets im Bewusstsein seiner Gegenwart zu leben.
Lobenswert ist auch die Übung, Jesus im Allerheiligsten bei gewissen Gelegenheiten aufzusuchen, die uns ungelegen erscheinen. Wenn ein junger Mann zum Beispiel abends zu einem Treffen unterwegs ist und vom gewohnten Weg abweicht, um kurz eine Kirche zu besuchen, ist es leicht zu verstehen, wie angenehm diese Geste unserem Herrn sein muss, der die Menschen so sehr geliebt hat und auf so wenig Gegenliebe stößt. Wenn es uns manchmal nicht gelingt, unsere geistlichen Schwierigkeiten zu lösen, oder wenn die materiellen Probleme Überhand nehmen, liegt dann vielleicht nicht wenigstens ein Teil der Schuld an der Tatsache, dass wir versuchen, unser Tun und Lassen systematisch auf das zu beschränken, was uns leichter fällt und weniger Umstände macht? Uns selbst Opfer aufzuerlegen, ist ein heilsames Vorgehen, das die Seele stärkt und den Segen des Himmels auf uns herabruft.
Oft kann es auch vorkommen, dass es uns gleich ist, ob wir unsere gewohnten Gebete zu Hause verrichten oder in einer Kirche - so etwa den Rosenkranz, die Meditation, das marianische Offizium usw. In diesem Falle ist es zu empfehlen, dass wir die Kirche vorziehen. Jesus, der sich durch die Tränen der Witwe von Naim bewegen ließ und ihr das Leben ihres Sohnes zurückgab, lässt sich bestimmt auch leicht durch die bewegen, die stets seine Gesellschaft suchen. Sein Herz, das so sehr an der Gleichgültigkeit und Kälte der Menschen leidet, will uns stets bei sich haben. Auf ihn überträgt die Kirche das Schriftwort: „Ich suchte einen, der mich trösten könnte, habe aber keinen gefunden.“ Jesus selbst hat die schlafenden Apostel zurechtgewiesen: „Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“