Dienstag, 19. Juli 2016

Der große Wert des Leidens

Plinio Corrêa de Oliveira
Wir haben einige Gedanken, einige Aussagen von Heiligen gesammelt, über die Vortrefflichkeit des Leidens aus Liebe zu Gott.
Beim hl. Petrus finden wir folgende Aussage: „Seid selig, wenn ihr wegen des Namens Christi geschmäht werdet; denn was Ehre, Herrlichkeit und Kraft Gottes in euch ist, wohnt und ruht in euch mit seinem Geist.“
Das ist etwas sehr schönes für diejenigen, die die Aufgabe haben, ständig gegen die Feinde des Glaubens zu kämpfen. Der Gedanke hier ist: Gegen die Feinde des Glaubens zu kämpfen um sie zu besiegen; aus dem Kampf ehrenhaft herausgehen und von allen mit Beifall bedacht werden, ist eine verdienstvolle Sache, doch das Verdienst ist größer, unter einem gewissen Gesichtspunkt, wenn man im Kampf von allen verspottet, kritisiert und gehasst wird, denn der, der von Gott auserwählt wurde, diese Verachtung zu erleiden, wird von Ihm mit besonderem Wohlgefallen betrachtet.
Um diesen Gedanken zu verstehen, müssen wir in Betracht ziehen, dass kein Haar von unsrem Haupt fällt, kein Vogel von einem Baum fällt, ohne das es Gottes Wille ist und in seinen Plänen steht. Immer wurde es so verstanden, dass das Leiden aus Liebe zum Glauben eine Ehre sei und es denen bereitet ist, die von Gott sehr geliebt werden, auch wenn es willkürlich geschieht und Er von diesen einen einzigartigen Liebesbeweis verlangt.
Also, verspottet, belächelt, gehasst, verleumdet werden zu Ehren des Glaubens, bedeutet eine wahre Verherrlichung, denn Gott erwählte besonders diesen aus, um aus Liebe zum Glauben verfolgt zu werden. Dies ist eine Art des Martyriums, wenn auch eines unblutigen Martyriums; es ist ein Palmenzweig, den man trägt, der jedoch nicht durch vergossenes Blut errungen wurde, aber doch ein sehr glorreicher Palmenzweig ist.
Über diese Helden sagt der hl. Petrus: Wer aus Liebe zu Christus beleidigt oder verachtet wird, ist zunächst einmal ein Seliger, ein Glücklicher. Ein Glückspilz ist nicht einer, der im Lotto gewonnen hat, der ein großes Geschäft gemacht hat, sondern der, der aus Liebe zu Christus verfolgt wird. Und der hl. Petrus begründet das auch: „Weil die Ehre, die Herrlichkeit und die Kraft Gottes in seinem Geiste ruhen.“
Ehre, Herrlichkeit und Kraft! Welchen Unterschied gibt es zwischen Ehre und Herrlichkeit? Ehre ist die Art der Achtung, die man gegenüber einer tugendhaften Person hat. Herrlichkeit ist die Art der Berühmtheit, jener Glanz, der eine Person umgibt, die eine hervorragende, hohe Leistung erbracht hat. So wird Gott auf unendlicher Weise geehrt. Gott ist unendlich glorreich, die Ehre Gottes ruht auf jemandem, der aus Liebe zu Ihm verfolgt wird. Die Herrlichkeit Gottes ruht auf dem Menschen, der es hinnimmt, aus Liebe zu Ihm verfolgt zu werden.
Dann sagt der hl. Petrus: „Die Kraft Gottes ruht in diesem Menschen“. Die unerschrockene Seele, die allen Verfolgungen widersteht und trotz aller Verachtung die Treue zu Unserem Herrn bewahrt, in dieser Seele pulsiert die Kraft Gottes selbst und sie offenbart sich in ihr. Gott behauptet sich als unbesiegbar in den Geschöpfen, die er unbesiegbar macht. Welch ein prachtvoller Gedanke.
Und nun noch etwas schöneres: „All diese Dinge — die Ehre, die Herrlichkeit, die Kraft — wohnen in denen, die verfolgt werden und ruhen mit dem Geist dessen, der verfolgt wird“. Gott erschuf die Welt und am siebten Tag ruhte Er in der Betrachtung dessen, was Er getan hatte. Gott erschafft den verfolgten Menschen und erfüllt ihn mit Gnaden, um die Verfolgung zu bestehen; macht aus ihm nicht einen passiven Kämpfer, sondern einen Kämpfer, der die Kraft Gottes in sich hat, also das Beste der Kraft, — die Kraft des Angriffs für eine gerechte Sache — macht aus ihm einen Krieger Gottes und Gott ruht über ihn, betrachtet ihn, weil er eine Schönheit des Universums ist.
Ein Treuer Mensch an dem kein Falsch ist, der von Gott geliebt wurde, der von Maria geliebt wurde, und der in der Stunde der Verfolgung kein Verräter wurde, der es annahm und sich der Prüfung, die die Muttergottes ihm auferlegt hatte, stellte. Dies ist etwas Herrliches.
Auf Erden wird der wegen der Herrlichkeit Gottes verfolgte Mensch, verspottet, getreten, verschmäht, doch er beugt sich nicht, sein Kampfesgeist lässt niemals nach, sein Unternehmungsgeist im Kampf wankt niemals. Er mag von der ganzen Welt mit Füßen getreten werden, doch von den höchsten Himmelshöhen schaut Gott auf ihn, Er beugt sich über ihn und betrachtet ihn wie ein Meisterwerk Seiner Liebe. Er sieht in ihm die Verwirklichung Seiner Ehre und Seiner Herrlichkeit, ein Ausdruck Seiner Kraft und Er ruht auf ihn, wie er geruht hat in der Betrachtung der Schönheit des Universums, das Er erschaffen hatte.
Dies ist auch eure Ehre, meine lieben Unterschriftensammler! *) Wenn ihr Menschen begegnet, die euch beleidigen, wenn andere vorübergehen und euch nicht verstehen, wenn sie den Blick von euch abwenden, wenn sie euch mit Geringschätzung anblicken, wenn jemand vorbeikommt und euch bei der Arbeit sieht und doch verwegen schreit: „Du Taugenichts, geh arbeiten!“, dann denkt an folgendes: ich muss mit Standhaftigkeit, Männlichkeit und Festigkeit widerstehen und mutig weitermachen. Wenn ihr so denkt, dann werden vom Himmel hoch Gott, Unser Herr Jesus Christus, die Muttergottes, die Engel und Heiligen auf einen jeden von euch mit Freude herabschauen. Dies ist die übernatürliche und strahlende Wirklichkeit des Kampfes, den ihr auf den Straßen unserer Städte führt, um die Werte der Christenheit zu verteidigen.
(Aus einem Vortrag am 26. Juli 1968)

*) In jener Zeit veranstaltete die TFP in Brasilien eine landesweite Unterschriftensammlung gegen die kommunistische Unterwanderung katholischer Kreise. Die Unterschriftenaktion für  die „Ergebene Bitte an Papst Paul VI.“, Maßnahmen zu unternehmen um diese Unterwanderung zu stoppen, wurde am 10. Juli 1964 gestartet und am darauffolgenden 12. September abgeschlossen. In dieser Zeitspanne haben TFP-Anhänger in den Straßen von 158 Städten insgesamt 1.600.368 Unterschriften zusammengetragen, zu denen auch die von neunzehn Bischöfen und Erzbischöfen, von mehreren Ministern, zahlreichen Abgeordneten und weiteren Politikern zählten. Die Petition wurde am 7. November 1969 offiziell im Vatikan eingereicht; der Heilige Stuhl äußerte sich zwar nicht dazu, doch der Progressismus wurde für einige Zeit gestoppt und Pater Joseph Comblin, der den Anlass zu dieser Kampagne lieferte, musste das Land verlassen.

Freitag, 15. Juli 2016

Die UNO, eine Tragikomödie


Nach der Konferenz von Jalta wurde 1945 die Satzung der Vereinten Nationen verabschiedet, die als neue internationale Organisation den Völkerbund ablösen sollte. Von Anfang an hat Plinio Corrêa de Oliveira vorhergesagt, dass auch sie zum Scheitern bestimmt war, und zwar aus denselben Gründen, die auch den Völkerbund zum Zusammenbruch geführt hatten.(141)

„Die Organisation der Vereinten Nationen ist wegen ihres Laizismus zum Misserfolg verurteilt. (...)
Mit der ‚Gottesidee‘ allein ist nichts zu Wege gebracht. Erstens, weil Gott keine Fiktion ist, sondern eine Realität, das absolute Sein. Zweitens, weil die Völker von jeher an Gott geglaubt haben, oder doch wenigstens an Götter, und dennoch hat es immer wieder Kriege gegeben. Das Heilmittel ist im Christentum zu suchen.
Christentum aber heißt Katholizismus. Wenn die UNO im Schatten des Papsttums und unter dem Vorsitz des Stellvertreters Christi von christlichen Völkern gebildet worden wäre, dann wäre eine universelle Ordnung nicht nur eine Chimäre. Nun gibt es aber in der UNO nicht nur christliche Völker, und nicht alle christlichen Völker sind katholisch. Selbst die katholischen Völker werden nicht unbedingt von katholischen Regierungen geführt. Wie sollte in einer solchen Umgebung der Stellvertreter Christi einen entscheidenden Einfluss ausüben? Unter solchen Voraussetzungen ist ein Scheitern unvermeidlich. Der Völkerbund liegt bereits auf dem Friedhof der Geschichte. Und neben ihm ist schon ein weiteres Grab ausgehoben, nämlich das der Organisation der Vereinten Nationen.“(142)
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(141) Zum Versagen der UNO, vor allem im Hinblick auf ihre Ohnmacht gegenüber Kriegsverbrechen und modernem Völkermord, vgl. Yves TERNON in L’Etat criminel. Les Génocides au XX siècle (Seuil, Paris 1995), der ein eindrucksvolles Bild von den großen Massakern unseres Jahrhunderts liefert, angefangen vom Völkermord an Juden und Armeniern bis hin zu den Kambodschanern und den von der Sowjetunion beherrschten Völkern.
(142) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, 7 dias em revista, in O Legionário Nr. 762 (16. März 1947). „Die UNO hat die Existenz des Papsttums einfach übergangen. Damit hat sie die einzige Säule verworfen, auf der normalerweise das Völkerrecht zu organiseren wäre. Sie ist gescheitert wie der Völkerbund und aus denselben Gründen, aus denen auch der Völkerbund gescheitert ist.“ (Ders., Um ano em revista. A consolidação das instituições democráticas. A paz no mundo, in O Legionário Nr. 752, 5. Januar 1947). Zur UNO vgl. auch A comédia da ONU, in O Legionário Nr. 704 (3. Februar 1946).

Quelle: Roberto de Mattei, „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts“, Kap. II, Nr. 11)


Mittwoch, 8. Juni 2016

Aus dem Buch der Weisheit bezogen auf Maria

Plinio Corrêa de Oliveira


Am Fest des Unbefleckten Herzen Mariens wird die Epistel aus dem Buch der Weisheit gelesen (Eccli 24, 23-31)

„Ich bringe wie ein Weinstock süße, duftende Blüten hervor, und meine Früchte, sie sprossen schön und anmutig. Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der (Gottes)Furcht und Erkenntnis und der heiligen Hoffnung. In mir ist die Gnade des guten Wandels und der Wahrheit, bei mir die Hoffnung des Lebens und der Tugend.“
In diesem Abschnitt gibt es kein Wort, das nicht wie Musik klingt.
„Kommt her zu mir alle, die ihr nach mir Verlangen habt, und sättigt euch an meinen Früchten. Denn mein Geist ist süßer als Honig und mein Erbe süßer als Honig und Honigseim. Mein Andenken lebt fort durch die Geschlechter aller Zeiten. Wer von mir isst, den hungert immer mehr; wer vom mir trinkt, den dürstet immer mehr. Wer auf mich hört wird nicht zuschanden; wer sich um mich bemüht, wird nicht in Sünde fallen. Die mich verherrlichen, werden das ewige Leben haben.“
Hier sieht man, was Literatur ist, denn über dem wörtlichen Sinn des Wortes hinaus ist hier ein Firmament von Unwägbarkeiten, eine Schönheit, die einfach unbeschreiblich und unaussprechlich ist, und kein Kommentar hergeben kann. Es ist eines solcher Schriftstücke, dessen nicht kommentierbarer Inhalt schöner ist  als der, den man kommentieren kann. Und das schönste ist, dass es auf die Muttergottes bezogen ist.
„Ich bringe wie ein Weinstock süße, duftende Blüten hervor...“
Wahrhaftig, denn vor allem brachte Sie Unseren Herrn hervor, der die Blüte schlechthin ist, mit einem unvergleichlich angenehmen süßen Duft, aus der dann der mystische Leib Christi spross. Dies sind süße, duftende Blüten.
„...und meine Früchte, sie sprossen schön und anmutig.“
Früchte, die anmutig sind, ist etwas schönes, denn es vereint das Feste, das Nahrhafte der Frucht mit der Anmut, der Schönheit, dem Duft der Blüte. Es sind Früchte der Ehre und der Ehrbarkeit. Die Ehrbarkeit als das Dezente, die Haltung, das würdige Aussehen, eine Art von Schönheit, die die Schönheit der Ehre ist.
„In mir ist die Gnade des guten Wandels und der Wahrheit, bei mir die Hoffnung des Lebens und der Tugend.“
In Wahrheit ist in Maria jede Hoffnung des Lebens und jede Hoffnung der Tugend. Und all das kann man auch vom Heiligsten Herzen Jesu sagen, denn in Ihm ist, in unendlich vollkommener Weise als in Maria, alle Hoffnung des Lebens und alle Hoffnung der Tugend. So können sowohl Maria wie Jesus — Er natürlich mehr denn Sie — sagen: „Kommt her zu mir alle, die ihr nach mir Verlangen habt, und sättigt euch an meinen Früchten.“ Es ist eine Aufforderung, uns mit Jesus und Maria zu vereinen, um uns mit Ihren Früchten zu füllen. Es ist ein Ausdruck einer großen göttlichen Barmherzigkeit.
„Denn mein Geist ist süßer als Honig und mein Erbe süßer als Honig und Honigseim.“


Wahrhaftig, der Geist Mariens ist süßer als Honig; die Andacht zum Herzen Jesu ist süßer als Honig und Honigseim.
„Mein Andenken lebt fort durch die Geschlechter aller Zeiten.“
Maria selbst hat ja gesagt, dass alle Geschlechter Sie seligpreisen werden.
„Wer von mir isst, den hungert immer mehr; wer vom mir trinkt, den dürstet immer mehr.“
Je mehr man nach Ihn und nach Ihr sucht, desto mehr will man suchen.
„Wer auf mich hört wird nicht zuschanden; wer sich um mich bemüht, wird nicht in Sünde fallen.“
Die mit Ihnen vereint sind, werden nicht sündigen.
„Die mich verherrlichen, werden das ewige Leben haben.“
Das heißt, die mich berühmt machen unter den Menschen, werden das ewige Leben haben.


Aus einem Vortrag am 4. Juni 1964

Mittwoch, 25. Mai 2016

VII - Der revolutionäre Dreisatz Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in den Äußerungen verschiedener Päpste


7. Christliche Begriffe wurden zu antichristlichen, laizistischen und religionslosen Zwecken missbraucht

   Bei seinem Besuch in Frascati am 1. September 1963 stellte Paul VI., auf das Wirken des Hl. Vinzenz Pallotti in dieser Stadt eingehend, folgende Betrachtungen über die Französische Revolution und ihren Wahlspruch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an:

   „Es war die Zeit nach der Französischen Revolution mit all dem Unglück und den verwirrten, chaotischen und zugleich leidenschaftlichen und hoffnungsvollen Ideen, die die Revolution den Menschen des vorausgegangenen Jahrhunderts in den Kopf gesetzt hatte. Es war unbedingt notwendig geworden, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen und dieses Zeitalter sozusagen zu stabilisieren und zu festigen, wie es sich gehört. Gleichzeitig war jedoch auch der Sauerteig von etwas Neuem zu verspüren; lebendige Ideen tauchten auf, die mit den Hauptgrundsätzen der Revolution übereinstimmten, denn schließlich hatte sich jene ja nur einige eigentlich christliche Begriffe angeeignet: Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit, Fortschritt, der Wunsch, die niedrigen Klassen aufzurichten. Das alles waren christliche Ideen, waren aber nun auf eine antichristliche, laizistische, religionslose Fahne geschrieben worden, die sie ihrer evangelischen Züge zu berauben trachtete, die dem menschlichen Leben ja einen höheren, edleren Sinn geben sollen“. 1)

1) Insegnamenti di Paolo Vl. Tipografia Poliglotta Vaticana, 1y63, 13V. 1, S. 569.


in Plinio Corrêa de Oliveira: „Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Papst Pius XII. an das Patriziat und den Adel Roms“, TFP Österreich, 2008, S. 215

Dienstag, 24. Mai 2016

VI - Der revolutionäre Dreisatz Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in den Äußerungen verschiedener Päpste


6. Die revolutionären Grundsätze von 1789
beinhalteten die Summe aller Lehren der falschen Propheten

   Benedikt XV. hielt aus Anlaß der Veröffentlichung des Dekrets über die Heldenhaftigkeit der Tugenden des Seligen Marcelin Champagnat (1) am 11. Juli 1920 eine Ansprache, aus der wir folgende Auszüge wiedergeben:

   „Man braucht sich ja nur den Anfang des 19. Jahrhunderts anzuschauen, um sofort zu erkennen, daß in Frankreich viele falsche Propheten auftauchten, die von hier aus versuchten, überall den schädlichen Einfluß ihrer perversen Lehren zu verbreiten. Es waren Propheten, die sich als Rächer der Volksrechte aufspielten und ein Zeitalter der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit ankündigten. Wer sah denn nicht sogleich, daß sie nur als Schafe verkleidet waren — ,in vestimentis ovium‘?
  
   Doch die von diesen Propheten verkündete Freiheit öffnete nicht die Tore zum Guten sondern zum Bösen; die von ihnen gepredigte Brüderlichkeit grüßte Gott nicht als einzigen Vater aller Brüder; und die von ihnen angepriesene Gleichheit stützte sich nicht auf den gleichen Ursprung oder die gemeinsame Erlösung und auch nicht auf das Ziel, das für alle Menschen dasselbe ist. Es waren Propheten, die eine Gleichheit, die die von Gott in der Gesellschaft gewollten Klassenunterschiede aufhob; es waren Propheten, die die Menschen Brüder nannten, um ihnen den Gedanken gegenseitiger Unterordnung zu nehmen; es waren Propheten, die die Freiheit verkündeten, das Böse zu tun, das Licht Dunkelheit zu nennen, das Falsche mit dem Wahren zu verwechseln und das erstere dem letzteren vorzuziehen, dem Irrtum und dem Laster die Rechte und Gründe der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu opfern.
Eine französische 2 Euro-Münze mit dem eingeprägten
Wahlspruch der Französischen Revolution
   Es ist leicht verständlich, daß. diese Propheten im Schafspelz ihrem Wesen nach, d.h. in Wirklichkeit reißende Wölfe waren, ,qui veniunt ad vos in vestimentis ovium, intrinsecus gutem sunt lupi rapacis‘ [sie kommen zu euch im Schafspelz, sind aber in Wirklichkeit reißende Wölfe].
   Wen wundert es da, daß gegen diese falschen Propheten das schreckliche Wort erklingen mußte: ,Hütet euch vor ihnen!‘, attendite a falsis prophetis.

   Marcelin Champagnat hat dieses Wort vernommen, und er verstand auch, daß es nicht nur ihm galt; deshalb wollte er zum Echo dieses Wortes unter den Kindern des Volkes werden, denn er sah sehr wohl, daß. gerade diese wegen ihrer eigenen Unerfahrenheit und infolge der Unkenntnis ihrer Eltern in Religionsfragen den Grundsätzen von 1789 am leichtesten zum Opfer fielen. ...
   ,Attendite a falsis prophetis‘: das waren die Worte dessen, der dem Strom der Irrtümer und Laster Einhalt gebieten wollte, der sich in folge der Französischen Revolution über die ganze Erde zu ergießen drohte. ,Attendite a falsis prophetis‘: das waren die Worte, die den Auftrag deutlich machen, den Marcelin Champagnats zum seinigen machte, und diese Worte dürfen nicht in Vergessenheit geraten, wenn man seift Leben studieren will.
   Es ist nicht uninteressant, daß Marcelin Champagnat, geboren 1789, dazu bestimmt war, die praktische Umsetzung eben der Grundsätze zu bekämpfen, die mit der Zahl seines Geburtsjahres bezeichnet wurden und eine traurige, schmerzliche Berühmtheit erlangen sollten.
   
   Um sein Werk zu rechtfertigen, hätte es genügt, das heutige Tagesevangelium weiterzulesen, denn ein einfacher Blick auf die Wunden, die die 89er Grundsätze in den Schoß der bürgerlichen und religiösen Gesellschaft gerissen haben, würden zeigen, in welchem Maße jene Grundsätze die Summe aller Lehren der falschen Propheten beinhalteten: ,a fructibus eorum cognoscetis eos‘...

   Zum Wachstum der Häuser der Kleinen Brüder Marias [Maristen-Brüder] und zur Orientierung der dort lebenden jungen Menschen trug ohne Zweifel die Gottesmutter durch ein Bild bei, das zuerst erschien, dann wieder verschwand und schließlich wiedergefunden wurde. Wahrhaft wundervoll war jenes erste Aufblühen der Gemeinschaft, und es läßt sich nur durch das ununterbrochene, außerordentliche Anwachsen erklären, das weniger als fünfzig Jahre nach der Gründung bereits fünftausend Brüder der neuen Institution hunderttausend über den ganzen Erdkreis zerstreuten Jungen heilsame Erziehung zukommen ließen.

   Hätte der ehrwürdige Champagnat in prophetischem Licht diesen außerordentlichen Erfolg vorausgesehen, würde er sicherlich die übergroße Anzahl von Jungen bedauert haben, die weiterhin im Schatten des Todes und in der Dunkelheit des Unwissens verblieben waren, und mehr noch hätte er es bedauert, daß er nicht noch besser die unheilvolle Entwicklung des schädlichen, durch. die Französische Revolution verbreiteten Samens hat aufhalten können. Ein Gefühl tiefster Dankbarkeit Gott gegenüber für das von der Kongregation getane Gute hätte ihn jedoch auch zu der Feststellung veranlaßt, daß so, wie sich aus den schlimmen Früchten der Leinre einiger zeitgenössischer Propheten deren Falschheit ableiten lässt, auch das Heranreifen guter Früchte aus seinem Schaffen auf dessen Güte schließen läßt. ,Igitur ex fructibus eorum cognoscetis eos‘“. 2)

1) Der Selige Marcelin Joseph Benedikt Champagnat, Gründer der Maristen-Schulbrüder, geboren am 20. Mai 1759 und gestorben am 6. Juni 1840, wurde von Pius XII. am 2y. Mai 1955 seliggesprochen.
2) L’Osservatore Romano, 12.-13.7.1920, 2. Aufl.


in Plinio Corrêa de Oliveira: „Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Papst Pius XII. an das Patriziat und den Adel Roms“, TFP Österreich, 2008, S. 213-214

Montag, 23. Mai 2016

V - Der revolutionäre Dreisatz Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in den Äußerungen verschiedener Päpste


5. Eine Philosophie, die der Kirche
bei weitem keinen Anlaß zur Freude gibt

   In seinem Apostolischen Schreiben Notre Charge Apostolique vom 25. August 1910, in dem er die französische Bewegung der katholischen Linken Le Sillon von Marc Sagnier verurteilt, analysiert der Heilige Pius X. den berühmten Dreisatz folgendermaßen:
   „Die Bewegung des ,Sillon‘ vertritt in anerkennenswerter Weise die Menschenwürde. Aber sie versteht diese Würde im Sinne gewisser Philosophien, die der Kirche durchaus nicht zum Ruhm gereichen. Das erste Element dieser Würde ist die Freiheit, die so verstanden wird, daß jeder Mensch, außer in religiösen Dingen, autonom ist. Aus diesen Grundprinzip zieht die ,Sillon-Bewegung‘ folgende Schlüsse: Heute steht das Volk unter der Vormundschaft einer mit ihm nicht identischen Autorität; von ihr muß es sieh befreien, das ist politische Emanzipation. Es steht in der Abhängigkeit von Arbeitgebern, die seine Produktionsmittel in der Hand haben und es dadurch ausbeuten, unterdrücken und erniedrigen; es muß ihr Joch abschütteln, das ist, wirtschaftliche Emanzipation. Es ist schließlich beherrscht von der sogenannten herrschenden Klasse, die aufgrund ihrer besseren intellektuellen Bildung eine ungebührliche Vorrangstellung im Wirtschaftsleben besitzt; es muß sich dieser Herrschaft entziehen, das ist, intellektuelle Emanzipation. Eine Nivellierung unter diesen drei Gesichtspunkten wird die Gleichheit unter den Menschen herbeiführen, und die Gleichheit ist die wahre menschliche Gerechtigkeit. Eine politische und soziale Ordnung, die auf dieser doppelten Basis der Freiheit und Gleichheit (zu denen sich bald noch die Brüderlichkeit hinzugesellt) aufruft, das ist es, was sie Demokratie nennen. [...]
   In der Politik zunächst will die ,Sillon'-Bewegung die Autorität nicht abschaffen, sie hält sie im Gegenteil für notwendig; aber sie will sie aufteilen oder, besser gesagt, vervielfältigen, sodaß jeder Bürger eine Art König wird. [...]
   In entsprechender Weise gilt das Gleiche für die Wirtschaftsordnung. Die Wirtschaftslenkung wird, dadurch, daß sie eitler einzigen Klasse genommen wird, so gut vervielfältigt, daß jeder Arbeitnehmer eine Art Arbeitgeber wird. [...]
   Und nun zum wichtigsten Element, dem .sittlichen. l...l Der Enge seiner Privatinteressen entrissen und zu den Höhen der Interessen seines Berufsstandes erhoben, und höher noch zu den Interessen der gesamten Nation, ja der ganzen Menschen (den der Horizont der ,Sillon' Bewegung endet nicht an den Grenzen des Vaterlandes, er erstreckt sich über alle Menschen hin bis an die Grenzen der Erde), wird das menschliche Herz, geweitet durch die Liebe zum allgemeinen Wohl, alle Berufskameraden, alle Volksgenossen, alle Menschen umarmen. So wird die Größe und ideale Würde des Menschen realisiert in dem berühmten Dreisatz: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. [...]
   Das ist, kurz zusammengefaßt, die Theorie, man könnte auch sagen der Traum der ,Sillon Bewegung". 1)
   
   Der hl. Papst Pius X. folgt also ganz den Spuren seiner Vorgänger, die seit Pius VI. die von dem Wahlspruch der Französischen Revolution eingegebenen Irrtümer verurteilt haben.

1) Utz - von Galen, XXIII, 241-243-244-245-247.


in Plinio Corrêa de Oliveira: „Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Papst Pius XII. an das Patriziat und den Adel Roms“, TFP Österreich, 2008, S. 212-213

Sonntag, 22. Mai 2016

IV - Der revolutionäre Dreisatz Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in den Äußerungen verschiedener Päpste


4. Die christliche Gleichheit „die Unterschiede in der Gesellschaft nicht aufhebt, aller bei aller Verschiedenheit der Lebensweisen, Ämter und Leistungen jene herrliche Übereinstimmung und Harmonie hervorbringt"

  
Aus der gegen das Freimaurertum gerichteten Enzyklika Humanum Genus von Leo XIII. vom 20. April 1884 heben wir den folgenden Abschnitt hervor:
   „Nicht ohne Grund ergreifen Wir hier die Gelegenheit, tun erneut darauf hinzuweisen, wie notwendig es ist, den Dritten Orden des hl. Franziskus (...1 von der noch viele Früchte zu erwarten sind, vor allem jene höchst kostbare, daß in ihr die Gemüter zur wahren Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit der Rechte geführt werden; freilich nicht zu jener, wie sie die Freimaurer törichterweise erträumen, sondern wie sie Jesus Christus uns gebracht und wie sie der hl. Franziskas in seinem Leben verwirklicht hat. Wir meinen die Freiheit der Kinder Gottes, durch die wir weder dein Satan dienen, noch in die harte Knechtschaft der Begierden fallen, die Brüderlichkeit, die in Gott, dein gemeinsamen Vater und Schöpfer aller Menschen, ihren Ursprung hat, die Gleichheit, die, auf dem festen Grund der Gerechtigkeit und Liebe ruhend, die Unterschiede in der Gesellschaft nicht aufhebt, aber bei aller Verschiedenheit der Lebensweisen, Ämter und Leistungen jene herrliche Übereinstimmung und Harmonie hervorbringt, die ihrer Natur nach dem Gemeinwesen Nutzen bringen und Würde verleihen".1)

1) Utz - von Galen, I, 154.


in Plinio Corrêa de Oliveira: „Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Papst Pius XII. an das Patriziat und den Adel Roms“, TFP Österreich, 2008, S. 212