Freitag, 7. Mai 2021

Pius X., Modell der Entschiedenheit

3. JUNI 1951

SELIGSPRECHUNG PIUS' X.

Eine dramatische Episode aus seinem Leben: „Die schlimmsten Feinde der Kirche schmieden ihre verderblichen Pläne nicht außerhalb, sondern in ihrem Innern, - es ist sozusagen in ihren eigenen Adern und Eingeweiden, in denen sich die Gefahr befindet.

( Enzyklika „Pascendi“ ) 


Plinio Corrêa de Oliveira (zugeschrieben)

Mit der Seligsprechung Pius' X. will die Kirche bekräftigen, dass dieser Papst zu Lebzeiten in heldenhaftem Maße die göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sowie die Kardinaltugenden der Gerechtigkeit, der Klugheit, der Tapferkeit und der Mäßigung geübt hat und dass er deshalb im Himmel die entsprechende Herrlichkeit genießt. Damit erlaubt die Kirche, dass er an bestimmten Orten öffentlich verehrt werden darf.

Diese Verkündigung hat als unmittelbaren und ausdrücklichen Gegenstand die Person von Papst Pius X. selbst. Implizit geht es aber in gewisser Weise um eine Würdigung seiner Art, die Kirche zu leiten. Denn wenn der Papst in den Kardinaltugenden heldenhaft war, so deshalb, weil er sich bei der Leitung der höchsten geistlichen Interessen der Christenheit weder ungerecht, noch unklug, noch schwach, noch unmäßig zeigte. Im Gegenteil, er zeichnete sich durch die Ausübung dieser Tugenden aus, nicht nur als Privatmann, sondern auch als Papst. Und sein Handeln, sowohl als Mensch als auch als Papst, kann und sollte uns als ein nachahmenswertes Modell vorgeschlagen werden.

Es ist daher sehr angebracht, das Verhalten des heiligen Papstes in einer absolut denkwürdigen Episode im Leben der Kirche in unserem Jahrhundert zu analysieren und daraus wertvolle Lehren für unsere Heiligung zu ziehen.


Eine brennende Frage

Die Kirche befindet sich heute in einer der dramatischsten Phasen ihrer Geschichte. Ihre Feinde waren noch nie so mächtig, so radikal, so militant. Erinnern wir uns zunächst an die sowjetische Welt, die sich von Indochina bis nach Deutschland erstreckt und damit ein Reich bildet, das größer ist als das von Alexander oder Karl dem Großen. Es ist sinnlos, die Augen vor der Realität zu verschließen: Diese „Welt“ bildet die größte atheistische Zyste, die es je auf Erden gab. Innerhalb der Grenzen, die der Eiserne Vorhang umschreibt, sterben Kardinäle, Erzbischöfe, Priester, Missionare, Schwestern und einfache Gläubige in Gefängnissen, Konzentrationslagern und anderen Gefängnissen, die vielleicht besser getarnt, aber nicht weniger grausam sind. Ein Achtel der katholischen Weltbevölkerung ist somit einer direkt und offiziell atheistischen Regierung unterworfen, deren offizielle und erklärte Absicht es ist, die Religion auszulöschen. Und diese riesige kommunistische Zyste bildet nur den Kopf der Krake. Ihre Tentakel reichen bis in die Nachbarregionen, nach Indonesien, Indien, Persien, das unglückliche Österreich, Westdeutschland, und sind in aktive Verästelungen aufgeteilt, die wie in einem Netzwerk ganz Westeuropa, Nord- und Südamerika und einen großen Teil Afrikas einbeziehen. In den Universitäten, in den Parlamenten, in der Presse, im Kino, im Radio, in den Gewerkschaften - die Verzweigungen dieses Netzwerks vervielfältigen sich ständig. Der Feind steht nicht „vor den Toren“. Er ist in unseren eigenen Eingeweiden installiert.

Und wenn es nur dieser eine wäre! Angesichts des Umfangs an massiven Lehren des Kommunismus, seiner eisernen Organisation, ist nichts flüssiger, inkonsistenter, weniger organisch als das Amalgam von Prinzipien, Institutionen und Völkern, das gewöhnlich als antikommunistisch betrachtet wird.

Das extreme Gegenteil des Kommunismus ist der Katholizismus. Und so stellt alles, was zur Schwächung des Einflusses des Katholizismus beiträgt, eine wertvolle - wenn auch manchmal unbeabsichtigte - Zusammenarbeit mit der kommunistischen Expansion dar. Und die westliche Gesellschaft wird von allerlei Ungeziefer zerfressen, das so für den Sieg des Gegners arbeitet. Die unmoralische Literatur und Veranstaltungen, die die Widerstandskräfte der christlichen Familie verunsichern; die sozialistische Propaganda, die unter dem Vorwand der sozialen Gerechtigkeit in Wirklichkeit die Armen gegen die Reichen aufhetzt, das Prinzip der Autorität untergräbt und den Geist der Revolution sät; die höheren oder sekundären Bildungsstätten, die das Universum als ein großes Ganzes lehrt, das in sich selbst die Kräfte seiner gigantischen und unendlichen Evolution enthält, ein Ganzes, das von keinem persönlichen Gott geschaffen wurde und in dem der Mensch nicht zu einem übernatürlichen, außerirdischen und ewigen Glück tendiert; all dies verletzt die christliche Zivilisation in ihrer Seele, die die katholische Kirche ist, und bereitet das Feld für das Aufkommen des Kommunismus.

Wenn man also die Kräfte, die gegen die Kirche arbeiten, in ihrer Gesamtheit betrachtet, in einer immensen Offensive, manchmal gewaltsam, manchmal subtil, manchmal versüßt (das ist z.B. bei den Sozialisten so oft der Fall), in der der Gegner mit jeder Waffe, vom Schießpulver bis zum Zucker, Positionen erobert, was sollte die katholische Haltung sein?

Mit anderen Worten, was soll man tun: sich der Welle stellen oder versuchen, auf ihr mitzugleiten?

Verschiedene Aspekte des Themas

Wie würde man der Welle begegnen? Indem man sehr deutlich den Unterschied zwischen dem Geist der Kirche und den tausend und einer Manifestationen des neuheidnischen Geistes unserer Tage hervorhebt, von den brutalen Manifestationen des russischen Kommunismus bis zu den sanftesten Schmeicheleien der versöhnlichen Flügel des Sozialismus, Protestantismus oder Liberalismus: auf die wirksamste Weise gegen den neuheidnischen Geist und für die Lehre der Kirche zu argumentieren, die sich in ihrer Gesamtheit, in der Kühnheit ihres Adels, in der nackten und manchmal tragischen Erhabenheit ihrer Strenge zeigt; den Seelen zeigen, dass sie nicht in der Mitte zwischen zwei ideologischen Positionen stehen können; alles Mögliche tun und sogar das Unmögliche versuchen, um sie in die Kirche Jesu Christi zu bringen.

Wie würde man sich auf der Welle mitgleiten lassen? Indem man es vermeidet, offen mit irgendetwas nicht einverstanden zu sein: Menschen, Fakten, Doktrinen. Versuchen überall das Gute, das in allem ist, zu loben (denn selbst der Teufel, in der tiefsten Hölle, total schlecht vom moralischen Standpunkt aus, hat dennoch einen Punkt, in dem er gelobt werden kann: es ist die Tatsache, dass er ein Geschöpf Gottes ist). Den Katholizismus so vollständig wie möglich, an den Geschmack des Jahrhunderts anzupassen: Träumen von der Abschaffung des Priesterkleidung und des kirchlichen Zölibats, sich sehnen nach der Aufhebung der rein kontemplativen Orden, sich wünschen dass die Wahl des Papstes nicht mehr vom Kardinalskollegium durchgeführt wird, sondern vom römischen Volk; die Beteiligung der Gläubigen an der liturgischen Feier befürworten, mehr als zu irgendeiner anderen Zeit im Leben der Kirche; die Einführung sehr einfacher liturgischer Gewänder oder sogar die Erlaubnis für Priester in Arbeits-„Blaumänner“ zu zelebrieren, befürworten; unverblümte Unterstützung des Kampfes gegen alle Unterschiede von Reichtum und Vermögen oder der sozialen Klassen, usw., usw., usw. In Lehrfragen besteht das Gleiten auf der Welle darin, die katholische Lehre so nah wie möglich an den Irrtümern der Person, mit der wir uns unterhalten, darzustellen. Wenn er Pantheist ist, sollten wir über den Mystischen Leib so sprechen, dass er, ohne unsere Lehre klar zu leugnen, darin ein wenig pantheistisches „Salz“ spürt. Wenn er ein Sozialist ist, lasst uns energischer als er gegen alle Unterschiede der sozialen Klasse brüllen. Wenn er Protestant ist, sollten wir in seiner Gegenwart die Grenzen des Lehramtes der Kirche so weit wie möglich einschränken.

Zwei Lebenssysteme

Ohne dem Thema vorzugreifen, wollen wir hier einen grundlegenden Punkt in Erinnerung rufen. Es ist, dass es mit einem ganz heiklen Problem des Charakters und des geistigen Temperaments zusammenhängt.

Wenn jemand ein Freund der Logik, der Klarheit, der Offenheit ist; wenn er sich für die katholische Lehre begeistert und es ihn schmerzt, die Straflosigkeit des Irrtums zu sehen; wenn er idealistisch ist und deshalb bereit ist, für die Bejahung der Prinzipien, zu denen er sich bekennt, zu kämpfen und zu leiden, wird er die Taktik der Konfrontation mit der Welle befürworten.

Wenn im Gegenteil jemand am „Komplex“ (die Leser werden den barbarischen Ausdruck verzeihen) der Schüchternheit leidet; wenn er sich seiner Meinungen nicht absolut sicher ist und nicht den Mut hat, sie zu behaupten; wenn es ihn nicht schmerzt oder stört, dass andere das Laster oder den Irrtum verherrlichen und propagieren; wenn er vor allem ein Freund des sozialen Ansehens ist und sich gern als freundlich, modern, verständnisvoll, aufgeklärt ausgibt; wenn er schließlich die Ruhe liebt und zu allem Schweigen bereit ist, um in keine Streitereien und Diskussionen einzugehen, dann wird er ein Parteigänger des „Vorbeiziehenlassens der Welle“, oder sich von ihr treiben lassen und eine Politik der „vorsichtigen“ und weitgehenden „Anpassung“ betreiben.

Zusammenfassend lässt sich sagen: es gibt Katholiken, die dem Gegner mit dem flammenden Schwert des Erzengels Michael entgegentreten; andere hingegen meinen, es besser zu machen, wenn sie den Gebrauch des Regenschirms eines Chamberlain empfehlen.....

Erweiterung des Horizonts

Dieses Problem ist nicht neu. Und es stellt sich auch nicht nur auf religiösem Feld. Denn dieser Unterschied in Charakter und Temperament wirkt sich auf alle Bereiche des menschlichen Handelns aus. Angesichts des Protestantismus verkörperte Philipp II. von Spanien die Haltung derer, die sich der Gefahr stellen, und in der Tat, wenn der Protestantismus Europa nicht eroberte, war es - zumindest menschlich gesehen - diesem großen König zu verdanken. Ludwig XVI. hingegen suchte sich der Revolution anzupassen. Auch Nikolaus II. Sie waren Vorläufer von Chamberlain... der seinerseits Anhänger hatte und immer haben wird.

Während des Pontifikats Pius' X.

Letztlich ist die Frage, wie man sieht, sehr alt. In der Tat ist sie sogar älter als Philipp II. Sie reicht bis in die Anfänge der Menschheit zurück. Von Zeit zu Zeit, also in dem, was die Franzosen treffend „les tournants de l'Histoire“ (Wendepunkten der Geschichte) nennen, taucht sie auf.

Zur Zeit Pius' X. hatte die damalige Offensive gegen die Kirche noch nicht ihren heutigen Höhepunkt erreicht, aber sie war bereits offen in ihrer Entwicklung. Nicht alle religiösen Probleme der damaligen Zeit waren so gelagert wie heute. Aber zumindest in den groben Zügen könnte die Situation so gesehen werden, wie wir sie heute sehen. Es gab bereits eine starke kommunistische Bewegung, der Sozialismus verbreitete sich im ganzen Westen, die Verderbnis der Sitten war bereits tief eingedrungen, sogar in „christlichen“ Familien, der Geist der Rebellion war bereits überall verbreitet. Materialismus, Pantheismus und Evolutionismus waren bereits an der Tagesordnung.

Aus diesem Grund hatten sich die beiden Temperamente auch unter den Katholiken bereits voll ausgeprägt. Einige sprachen sich für den Kampf aus. Andere sprachen sich für eine Anpassung aus. Diese versuchten, den Katholizismus zu „modernisieren“.

Die „Modernisten“

Es waren die sogenannten „modernistischen“ Katholiken. Sie bildeten eine „Bewegung“, die eine Doktrin, eine Strategie, klar definierte Ziele, ein Netzwerk von Institutionen zu ihren Diensten und eine ganze Galerie von großen Männern hatte, die sie führten. Wie jede „Bewegung“, die etwas auf sich hält, hatten auch die Modernisten ihre „Tabus“.

Die Doktrin

Die modernistische Doktrin bestand letztlich aus einer langen Reihe von Strategemen (Geschicklichkeiten) und Kunstgriffen, die darauf abzielten, den Katholizismus an die religiösen Vorstellungen der Zeit anzupassen.

Wie gesagt, übernahmen diese Vorstellungen die Idee eines unpersönlichen Gottes, der in allen Kräften des Universums latent vorhanden ist und der sich letztlich mit der „Natur“ identifizierte. Dieser im Kosmos verankerte Gott lenkte alle Kräfte in Richtung eines unendlichen Fortschritts, in dem der Kosmos selbst und insbesondere das Menschengeschlecht sich vervollkommnen würden. Vorhanden in allen Wesen wie Wasser in einem Schwamm oder Tinte in einem Löschblatt, ist dieser unpersönliche Gott auch im Menschen „eingebettet“. Eine Kraft, die in uns innere Empfindungen, Sehnsüchte von mehr oder weniger vagem religiösem Charakter erzeugt. Jeder versucht, diese Sehnsüchte zu befriedigen, indem er eine Religion schmiedet, die zu ihm passt, oder indem er eine der verschiedenen bereits bekannten Religionen wählt. Dies vorausgeschickt, sind alle bestehenden oder noch zu entstehenden Religionen gleichermaßen legitim, insofern sie ihre Aufgabe erfüllen, und die religiösen Bestrebungen der Menschen, die sie hervorgebracht haben, befriedigen. Nach dieser Auffassung ist es vollkommen gleichgültig, ob die Dogmen dieser oder jener Religion wahr sind. In Wirklichkeit sind alle Dogmen falsch, Produkte des menschlichen Geistes, der sie zu seiner eigenen Befriedigung erdacht hat. Sie sind für Erwachsene mehr oder weniger das, was Märchen für Kinder sind. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hat der Katholizismus zwei Aspekte. Einerseits einen sehr guten: als eine Religion, die von einer großen Anzahl von Menschen zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse hervorgebracht wurde. Auf der anderen, eine sehr schlechte Seite: solange man wollte, das unsere Dogmen wirklich wahr sind, weil wir es so behaupten, sind sie jedoch genauso offensichtlich falsch wie die jeder anderen Religion. Und dann kam eine ganze Erklärung von Einwänden gegen die katholische Lehre: die Göttlichkeit Jesu Christi wurde geleugnet, die Existenz des Übernatürlichen, die Existenz eines persönlichen Gottes, die Wahrhaftigkeit der in den Heiligen Büchern erzählten Tatsachen, usw., usw. Würde man einen Weisen dieser Schule fragen, ob er ein Feind des Katholizismus sei, so würde er es verneinen, dass er es aber vollkommen lächerlich fände, in ihm eine objektiv wahre Religion zu sehen. Seine Dogmen sind falsch, sie sind wandelbar, in der Tat waren sie etwas zu Beginn des Christentums und wurden etwas anderem im Laufe der Zeit.

Was taten die Modernisten angesichts dieser Tatsachen? Anstatt die neue Lehre zu entlarven und zu zeigen, dass sie letztlich alle Religionen, auch die katholische, verleugnete, haben sie sie geduldet:

a) - einige, „gemäßigtere“, beschränkten sich darauf, den gottlosen Schriftstellern in „sekundären“ Punkten beizustimmen, d.h. die Echtheit ehrwürdiger Reliquien und hagiographischer Tatsachen zu leugnen, die bisher als unanfechtbar galten; verfängliche Auslegungen der Heiligen Schrift anzunehmen, die dazu neigten, diesem oder jenem Thema eine „vernünftigere“ Bedeutung zu geben; plädierten für eine Anpassung der gesamten Kirchenordnung an die Sitten und Gebräuche des zwanzigsten Jahrhunderts;

b) - andere, gewagtere, deuteten die Möglichkeit an, das Dogma selbst in Punkten zu reformieren, die als „weniger wichtig“ angesehen wurden, mit der Behauptung, dass einige von ihnen den Fortschritt der Wissenschaften begleiten sollten. Sie forderten auch die „Reform“ bestimmter moralischer Punkte, wie z.B. die Unauflöslichkeit der Ehe, die sie für offensichtlich anachronistisch hielten;

e) - andere schließlich, die für ihre Dreistigkeit keine Grenzen mehr kannten, präsentierten in ihren Büchern in verschleierter Sprache die ganze Lehre der gottlosen Schriftsteller.

Die „Bewegung“

Der „katholische“ Modernismus verbreitete sich in den kirchlichen Kreisen Europas und Amerikas mit der Geschmeidigkeit und Schnelligkeit eines Ölflecks. Als Pius X. den päpstlichen Thron bestieg, stellte diese ideologische Bewegung bereits eine Macht dar, die auf die Mitarbeit von Universitätsprofessoren, Schriftstellern, Journalisten, Aktivisten, gesellschaftlichen Persönlichkeiten aller Art zählte.

Gab es ein Direktorium, das all diese Bemühungen leitete? Es ist schwierig, diese Frage zu beantworten, aber es ist sicher, dass viele Dinge passiert sind, als ob dieses Direktorium existierte. So pflegten die Modernisten aller Länder eine enge Korrespondenz untereinander, lobten sich gegenseitig mit Inbrunst und arbeiteten eng für das gleiche Ziel zusammen... alles mit einer solchen Präzision, einer solchen Harmonie, einer solchen Beschwörung aller für das gemeinsame Ziel, dass man wirklich in bestimmten Momenten den Eindruck hatte, dass in so viel Arbeit etwas Koordiniertes steckte.

Die Strategie

Dieser Eindruck drängte sich jedem auf, der die modernistische Strategie aufmerksam beobachtete:

a) - zunächst haben sie dies und jenes geheim gehalten. Um besser „die Fährte zu verwischen“, vermieden sie früher eine systematische und logische Darstellung ihrer Lehre. Sie schienen sogar untereinander in dem einen oder anderen Punkt uneinig zu sein. Es bedurfte einer sehr reifen Analyse, um zu erkennen, dass diese Diskrepanzen entweder völlig zufällig waren oder gar nicht existierten; und dass inmitten dieses scheinbaren Durcheinanders eine perfekte Einheit des Denkens bestand;

b) - auf der anderen Seite, äußerten die mehr gewagten, nicht vollständig ihre Gedanken. Sie sprachen durch Metaphern und Umschreibungen. Eine Art Einweihung war notwendig, um zu einer vollständigen Kenntnis ihrer Denkweise zu gelangen;

c) - Um jeglicher päpstlichen Verurteilung zu entgehen, veröffentlichten sie Bücher mit den Namen angeblicher Autoren, was es einem gleichen Autor erlaubte, mehrere Masken zu tragen und die Leichtgläubigen leichter zu täuschen;

d) - schließlich, wenn sie aufgefordert wurden, sich zu erklären, widerriefen sie sich mit aller Leichtigkeit, um später, in einem anderen Werk, den gleichen Irrtum wieder zu predigen.

Es ist schmerzlich, zu sagen, aber diese Strategie wurde nicht nur von Laien, sondern sogar von Priestern verfolgt, so dass der modernistische Fanatismus die Gewissen ausgelöscht hat.

e) - wenn jemand ihre Doktrinen angriff, führten sie einen „totalen Krieg“ gegen ihn, der von der Widerlegung der Doktrinen bis zu einer Kampagne persönlicher Diffamierung reichte. Und wenn sie lehrmäßig oder persönlich nichts zu beanstanden hatten, organisierten sie eine Kampagne des Schweigens gegen den Angreifer. Den so „Bestraften“ wurden alle Tribünen, alle Zeitungsredaktionen, die Türen aller Zeitschriften und sogar vieler religiöser Vereinigungen verschlossen. Es war Ächtung.

Die Ziele

Die Ziele der Bewegung waren klar. Es ging darum, die Kirche von innen heraus zu verändern. Es handelte sich um eine Entwicklung, die sanft, ohne Schocks und Lärm, durchgeführt werden sollte, die aber letztlich die größte aller Umgestaltungen sein sollte, die die Kirche in ihrer zwanzigfachen säkularen Geschichte erlebt hat. Dazu war es unerlässlich, dass die Modernisten im katholischen Umfeld blieben; dass sie katholische Lehrstühle, Kanzeln, Zeitungen und Zeitschriften besetzten; dass sie immer im Namen der katholischen Meinung sprächen. In unserer Zeit würde man dies eine fünfte Kolonne nennen. Aber zur Zeit Pius' X. gab es diesen Ausdruck noch nicht. Auffällig ist der Fall eines modernistischen Priesters, dessen Buch verurteilt wurde. Er wurde gefragt, ob er sich empöre und die Soutane ablegen würde oder seinen Ideen abschwöre. Er lächelte und wies darauf hin, dass er weder das eine noch das andere tun würde, und antwortete: „Ich werde mir eine neue Soutane kaufen“.

Die Position von Pius' X.

Was würde der Papst tun? Würde er vor dem Modernismus die Augen schließen? Viele Gründe schienen für diese Taktik zu sprechen:

a) - Einige der modernistischen Führer waren intelligent, fähig zu intensivster apostolischer Tätigkeit, von unzweifelhafter Redlichkeit des Lebens. Es wäre äußerst schmerzhaft, Menschen zu schlagen, die eine solch hohe Wertschätzung verdienen;

b) – Nach dem Schlag würde man nicht Gefahr laufen, sie zum Abfall zu verleiten? Wenn man bedenkt, dass unter den potentiellen Abtrünnigen nicht wenige Priester, auch Ordensleute wären, wäre das nicht ein beachtlicher Skandal in den Augen der Gläubigen?

c) – Würde es sich lohnen, die Katholiken in einer Zeit der Kämpfe zu spalten?

d) - Der Papst ist ein Vater der Barmherzigkeit. Wirkt es sich gut auf sein Amt aus, wenn er mit Strenge gegen eine Strömung vorgeht, in deren Reihen sich möglicherweise viele wohlmeinende Menschen befinden?

Dieser letzte Punkt erforderte besondere Aufmerksamkeit. Pius X. war von einer engelhaften Güte. Keiner näherte sich ihm, ohne die Ausstrahlungen seiner Güte zu erfahren. Würde er mit einer Strenge handeln, die seinem Temperament so sehr zu widersprechen schien?

Die Lösung eines Heiligen

Mit väterlicher Güte ermahnte Pius X. zunächst privat die Hauptverantwortlichen, beriet sie, ermahnte sie, warnte sie. Angesichts der Nutzlosigkeit dieser Bemühungen begann er, öffentlich zu handeln, indem er sich mit einer Energie voller strenger Prognosen auf die Angelegenheit bezog. Am 3. Juli 1907 veröffentlichte die Heilige Römische und Universelle Inquisition das berühmte Dekret „Lamentabili“, in dem die wichtigsten modernistischen Doktrinen zusammengefasst waren, die alle von der Kirche verurteilt wurden. Doch das war noch nicht genug. Pius X. schlug dann den fulminanten Schlag mit der Enzyklika „Pascendi Dominici Gregis“ vom 8. September 1907, in der er mit einer Energie, die man herkulisch nennen könnte, wenn sie viel mehr als dass, nicht übernatürlich wäre, den Modernismus anprangerte und stigmatisierte.

In dieser Enzyklika entlarvt Pius X. ausführlich die gesamte modernistische Lehre, zeigt ihre Identität mit dem gottlosen Gedankengut, das im zwanzigsten Jahrhundert en vogue war, schildert die Ursprünge der Bewegung, ihre Taktik, die Perfidie ihrer Vorgehensweise, die Unaufrichtigkeit ihrer Handlungsprozesse und zeigt schließlich die Heilmittel für diese „Sturzflut sehr schwerer Irrtümer, die offen und im Geheimen anschwillt“.

Eine Reihe schwerster Exkommunikationen, die viele Führer der Bewegung aus den katholischen Reihen ausschlossen, führte schließlich dazu, dass das ganze System der modernistischen Verkrustung in den Reihen der Kirche zerschlagen wurde.

Die Aktualität des Beispiels

Beachten wir zunächst, wie Pius X. sich in eine Position stellte, die dem Lager derjenigen völlig entgegengesetzt ist, die meinen, es sei besser, sich vor dem Gegner zurückzuziehen und unter ihm hindurchzugehen, als sich ihm zu stellen. Dies ist das erste Beispiel, das wir sorgfältig betrachten sollten.

Auf der anderen Seite sollten wir beachten, wie Pius X. - eben jener Papst, dem die Menschen eine Güte nachsagten, die eher der eines Engels als der eines Menschen glich - es verstand, im Angesicht des Bösen von unbesiegbarer Energie zu sein. Die Güte schließt die Energie nicht aus, im Gegenteil, sie vervollständigt sie. Und gegen diejenigen, die hartnäckig im Bösen sind, muss man in dem Maße energisch sein, wie es nötig ist, um sie daran zu hindern, ihre Irrtümer zu verbreiten und die Guten in die Irre zu führen. So handelt der Gute Hirte gegenüber dem Wolf im Schafspelz...

Betrachten wir schließlich das Vertrauen von Pius X. in das Übernatürliche. Die Kraft der Kirche kommt nicht von Menschen, sondern von Gott. Bei der Erfüllung ihrer Mission hat sie weder Tyrannen noch Menschenmassen zu fürchten. Im Vertrauen auf Gott kann sie mit evangelischer Furchtlosigkeit vorgehen, denn der Sieg wird ihr gehören.

Diese Beispiele haben eine tiefgreifende Anwendung auf unser aller Leben. Wenn wir gegen die modernen Irrtümer ankämpfen müssen, mit denen die Umwelt, die wir alle frequentieren, gesättigt ist, werden wir wissen, dass es unsere Pflicht ist, zu reagieren und nicht, uns zurückzuziehen. Wenn ein falsches Ideal der Güte Feigheit angesichts triumphierender Gottlosigkeit suggeriert, werden wir wissen, dass die Güte nicht darin besteht, den Bösen zu erlauben, unsere Brüder nach Belieben zu dezimieren. Wenn es uns scheint, dass der Kampf zu ungleich ist, werden wir sogar mit verdoppelter Kraft weiterkämpfen, weil wir wissen, dass unser Sieg von Gott kommt und nicht von uns.

 

 

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Deepl-Übersetzer von „Pio X, modelo de energia“ in Catolicismo Nr. 6 – Juni 1951 – São Paulo, Brasilien.

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„Pius X., Modell der Entschiedenheit“ erschien erstmals in deutscher Sprache in www.p-c-o.blogspot.com

Donnerstag, 6. Mai 2021

Ein wichtiger Mann

Hermann Rauschning

In letzter Zeit ist es schwierig, eine europäische Zeitschrift oder ein Magazin von einiger Bedeutung zu lesen, ohne Hinweise auf Rauschning zu finden. Der ehemalige Senatspräsident (Regierungschef) der Freien Stadt Danzig, Hermann Rauschning, hat einen lang erwarteten Band mit dem Titel „Die Revolution des Nihilismus“ veröffentlicht, der laut „Der Deutsche Weg“ den ersten Platz unter den Büchern über den Nationalsozialismus einnimmt. Derselbe Kritiker gesteht, dass ihn die 500 Seiten des Bandes zunächst erschreckten, dass er aber am Ende aufrichtig bedauerte, dass es nicht 1000 waren, die er lesen konnte.

Hermann Rauschning selbst hat soeben in der Zeitschrift „Maß und Wert“ des Oprecht-Hauses in Zürich eine Studie veröffentlicht, die allein schon vom Titel her für heftige Diskussionen sorgen wird: „Die tödliche Schwäche des Reiches“. Die stets gut orientierte Zeitung „Der Deutsche in Polen“ (vom 25.12.38) meint jedoch, dass der ehemalige nationalsozialistische Danziger Senatspräsident diese tödliche Schwäche des Reiches mit der Präzision eines Suchscheinwerfers beleuchtet hat, der, wenn er sein Objekt in der Dunkelheit der Nacht entdeckt, nicht mehr loslässt. „Dieses Deutschland — schreibt Rauschning — ist nicht das, was es zu sein scheint. Seine Stärke ist nur ein Schwindel, so wie alle Werte und Maximen, die es in Umlauf bringt. Dieses Deutschland ist nicht nur weit davon entfernt, das zu sein, was es zu sein scheint, sondern es ist genau das Gegenteil von dem, was es behauptet: Es ist unvorstellbar schwach.“

Soll man angesichts solch ungewöhnlicher Behauptungen zur Tagesordnung übergehen? Zweifellos sind Freunde und Feinde des Nationalsozialismus gleichermaßen daran interessiert zu erfahren, was an Rauschnings Behauptungen wahr ist; den großen und kleinen Mächten der internationalen Welt kann es nicht gleichgültig sein, ob Rauschning eine wirkliche Situation aufgedeckt oder ob er die Wahrheit bewusst oder unbewusst falsch dargestellt hat.

Preußische Tugenden

Es versteht sich von selbst, dass der ehemalige Präsident des Nazi-Senats von Danzig, Autor des inzwischen berühmten „Die Revolution des Nihilismus“, nicht so naiv ist, anzunehmen, dass die ganze Welt akzeptiert, was er sagt, nur weil er es sagt; nein, er tut das Gegenteil: er unterwirft Punkt für Punkt die schwerwiegendsten Probleme dem unbarmherzigen Licht des Suchscheinwerfers der Fakten und der Logik und überlässt es dem Leser, die Konsequenzen zu ziehen. So zerstört er zum Beispiel die süße Hoffnung von Millionen, die meinen, die Armee, der Stolz der Deutschen, sich noch nicht der Nazi-Ideologie angeschlossen hat, und immer noch treu die Tradition der sogenannten preußischen Tugenden aufrecht hält: „Die bewaffnete Kraft, die nicht in einem Kosmos fester, unveränderlicher Werte lebt, ist den Anforderungen der modernen Kriegsführung nicht gewachsen.“

Zweifellos ist der oberflächliche Betrachter mehr und mehr von der wachsenden, erschreckenden, scheinbar überwältigenden materiellen Aufrüstung beeindruckt, aber die Soldaten von 1914 wussten, was der Kosmos fester, unveränderlicher Werte wert war, der sie befähigte, vier Jahre lang einer überwältigenden Mehrheit gegenüberzustehen und „in einem erhabenen Opfergeist“ weiterzumachen. Dieser auf dem Christentum basierende Opfergeist wurde allmählich durch das Dogma von Rasse und Blut ersetzt, und „dort ist es, wo das (Nazi-)System — wie Rauschning sagt — seinen totalen geistigen und moralischen Bankrott offenbart.... Die Phrasen der verlogenen Begeisterung und der patriotischen Ekstase werden wie Spreu verfliegen und nur den selbstdenkenden Partisanen zurücklassen, der gelernt hat, richtig ist, was ihm nützlich ist.... Das Militär war bisher eine der mächtigsten traditionellen Mächte; es war mit Recht so ... es war zugleich christlich und national.“

Dieses schreckliche war! ... Es war einmal ... Es ist nicht mehr; und gerade im scheinbar mächtigsten Faktor Deutschlands offenbaren die fallenden Schleier „die tödliche Schwäche des Reiches.“

Der Bolschewismus im Bauch des Nationalsozialismus

„Der Deutsche in Polen“, der den Artikel von Dr. Rauschning studiert, beendet seine Ausführungen mit diesen markanten Worten: „Die von Dr. Rauschning aus der tödlichen Schwäche des Reichs gezogenen Konsequenzen bestätigen unsere Meinung, dass das deutsche Volk das Kommen des Bolschewismus nicht zu fürchten braucht, weil es ihn im Nationalsozialismus schon hat. Was einst eine reale Gefahr war, die proletarische Revolution, ein deutscher Bolschewismus, ist nun Realität. Wir sind voll darinnen, denn das Charakteristische ist nicht ein Hitler für den Nazismus und ein Stalin für den Bolschewismus, sondern die Tatsache, dass man in Moskau und in Berlin in der ausschließlichen Wertschätzung der Gewalt und des Herrschaftswillens das alleinige Regulativ des geschichtlichen Lebens sieht, und dass es so praktiziert werde; das ist es, was die Identität der Orientierung öffentlich macht.

„Es wird also nicht mehr als eine Illusion sein, zu glauben, dass das deutsche Volk, der Diktatur der S.A.- und S.S.-Milizionäre überdrüssig wird, um Hitler loszuwerden, und die Diktatur eines Proletariats à la Stalin dulden wird. Die Erfahrungen des deutschen Volkes mit Diktaturen lassen die Aussage zu, dass der Wille zur Rückkehr zur unverbrüchlichen Ordnung des Rechts keine Möglichkeit für diktatorische Träume lässt.“

Ein weiteres Zeugnis

In der gleichen Weihnachtsausgabe von „Der Deutsche in Polen“ ergänzt Luigi Sturzo diese Gedanken mit einer Studie unter dem Titel „Freiheit“, die von Anfang bis Ende packend ist: „Freiheit ist wie Luft: Wir merken sie nur, wenn sie uns fehlt. Wenn wir Luft haben, denken wir an unsere Tätigkeit, an das Studium, an die Arbeit, an das Vergnügen. Wenn uns die Luft ausgeht, wird alles zur Seite gelegt: Studium, Arbeit, sogar Vergnügen werden unmöglich. Zunächst einmal suchen wir Luft, ein wenig Luft, nur zum Atmen...“

„Der Unterschied zwischen Engländern, Franzosen, Schweizern, Belgiern, unter einem demokratischen Regime, — Deutschen oder Italienern unter einer totalitären Macht —, ist dieser: der Engländer besitzt die Freiheit und fühlt nicht, dass er sie braucht; — der Deutsche hat sie nicht und fühlt, dass sie ihm fehlt.... Wer kann Hitler oder Mussolini bremsen, wenn sie Juden und Christen verfolgen wollen?“ Sie lassen keine moralischen Grenzen zu, weil sie glauben, dass sie über jedem religiösen oder menschlichen Gesetz stehen, das ihnen nicht gefällt... Sie haben die Freiheit monopolisiert, weil sie sie mit der Macht verbunden haben.

„Nach Cicero ist die Freiheit eine Teilhabe an der Macht. So war das Parlament in England gegenüber Monarchen mit Tendenzen zum Absolutismus der Garant für die traditionellen Freiheiten. Weder alle Macht dem König, noch alle Macht dem Parlament; das eine wie das andere beschränkte die Freiheit der eigenen Funktionen....

„Das ist nicht alles. Das Volk, das seine Funktion hat, muss seine Freiheit haben. Wenn es sich selbst überschätzt, schadet es sich selbst, indem es die Freiheit verliert, die es früher genossen hat. Viele Engländer, die ihr System kritisieren, denken, dass es unter ihnen keine wirkliche Freiheit gibt, da der Kapitalismus — die City — einen entscheidenden Einfluss auf die Presse, die konservative Partei und die Regierung hat. Zum Teil stimmt es. Die Macht des Geldes war schon immer groß, gestern wie heute, im Mittelalter wie in der griechisch-römischen Antike. Es liegt an den Menschen mit Wissen und Gewissen, an der Kirche, am Bürgertum und an den Arbeitern, die Macht des Geldes in gerechten Grenzen zu halten und sich den Gefahren eines unverantwortlichen und maßlosen Kapitalismus entgegenzustellen...

„Die Freiheit muss Tag für Tag neu errungen werden, denn sie ist immer wieder durch feindliche Kräfte bedroht. So wie jeder von uns sein ganzes Leben lang darum kämpfen muss, kein Sklave des Lasters zu sein um die von Gott gegebene moralische Freiheit zu genießen, so müssen wir dasselbe in Bezug auf die politische und soziale Freiheit tun...

„Freiheit ist nicht nur für einige wenige Menschen, sie ist für alle da. Diese Tatsache an sich zieht natürliche und moralische Grenzen gegen jede Übertreibung der Freiheit, ob sie nun für Einen (Diktatur), für einige Wenige (Oligarchie des Kapitalismus oder Militarismus) oder für die Massen (Demagogie und Anarchie) gilt. Wahre Freiheit ist vor allem eine sittliche Ordnung; sie ist die Grundlage des Rechts; sie ist Disziplin und Ordnung; sie ist die unabdingbare Voraussetzung des Friedens, innerhalb der Nation und in den internationalen Beziehungen. Deshalb schrieb Kardinal Pacelli im Namen von Papst Pius XI. anlässlich der Sozialen Woche an die Katholiken Frankreichs: „Seien Sie nicht überrascht, dass die Kirche die einzige und größte Verteidigerin der Freiheit ist.“

Ein charakteristisches Ereignis

Nachdem wir Rauschning und Sturzo vorgestellt haben, ist es nicht unangebracht, eine Geschichte wiederzugeben, die in der gleichen Ausgabe von „Der Deutsche in Polen“ erzählt wird: In das Gymnasium einer großen Stadt in Schlesien, das früher katholisch war, tritt der Lehrer einer der oberen Stufen um 8 Uhr morgens in die Klasse ein. Die Schüler erheben sich und, wie es Brauch war, beteten sie gemeinsam. Kaum waren sie fertig, machte der Lehrer eine hässliche Bemerkung über das Gebet und sagte, dass man das in Deutschland bald nicht mehr machen würde.

Wie aufs Stichwort standen die Jungen, in guter Absicht, wieder auf und beteten laut alle Gebete, die sie kannten, so sehr der Lehrer auch versuchte, sie zu unterbrechen.

Mutige Jungs! Eine der Hoffnungen für die Zukunft!

 

Aus dem Portugiesischen übersetzt mit DeepL/Translator (kostenlose Version) von „Um homem importante“ in Legionário Nr. 333 vom 29. Januar 1939, S. 1. São Paulo.

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„Ein wichtiger Mann“ erschien erstmals in deutscher Sprache in www.p-c-o.blogspot.com

Bild: Unbekannter Autor - Narodowe Archiwum Cyfrowe, sygn. 1-E-6125, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61476652

Mittwoch, 5. Mai 2021

Der endlose Konflikt


Die katholische Kirche gegen jeglichen Irrtum

„Der endlose Konflikt“ ist der Titel eines Essays von Hilaire Belloc, bekannter englischer katholischer Schriftsteller, Freund des verstorbenen Chesterton, der in der Londoner Zeitschrift „The Universe“ veröffentlicht wurde. Belloc zeigt, dass alle Kontroversen unserer aufgewühlten Zeit im Grunde auf eine reduziert sind: den Konflikt zwischen der katholischen Kirche und ihren Feinden.

Der interessanteste Aspekt des gegenwärtigen Zeitalters ist dieser: Niemand erkennt die Natur des großen Kampfes, der in allen Nationen Europas und teilweise in Amerika und Asien geführt wird.

Hilaire Belloc 1910

Von allen Seiten wird man hören, dass es um einen Kampf geht zwischen dem Kommunismus und dem, was man konventionell „Faschismus“ benannt  hat. Diejenigen, die es nicht so genau nehmen, werden sagen, dass es ein Kampf ist zwischen einer traditionellen alten Welt und einer brandneuen Welt, die im Entstehen ist. Andere, mit einer engeren Sichtweise, nennen es „einen Kampf zwischen Rassen oder Nationen“, was nicht stimmt, denn es geht um eine universelle Bewegung; wieder andere glauben, dass wir nur einen Krieg zwischen Reich und Arm haben.

Alle diese Erklärungen für das, was vor sich geht, sind bis zu einem gewissen Grad unvollkommen, wenn nicht sogar ausgesprochen absurd. Was wir tatsächlich erleben, ist ein Konflikt zwischen der katholischen Kirche und ihren Feinden.

Wir gehen dem Chaos entgegen

Die meisten derjenigen, die diesen Kampf ernster und intelligenter beurteilen, erkennen diese Wahrheit sicher nicht — und doch ist sie die zentrale Wahrheit der ganzen Angelegenheit. Sie wird nicht erkannt, weil wir alle in der Regel mit indirekten Ergebnissen konfrontiert sind und die ersten Ursachen nicht wahrnehmen, da die Ursprünge aller Ereignisse mit sozialem Charakter im Hintergrund liegen und daher nicht leicht zu erkennen sind. Aber wenn wir nicht verstehen, dass der ganze moderne Konflikt sich um den Glauben dreht und ein weiteres Beispiel für den Kampf zwischen dem Glauben und der Welt ist, der durch die Jahrhunderte hindurch andauert, werden wir die Natur der Gefahr, die die ganze Welt umfasst, nicht verstehen. Denn die Bedrohung der modernen Welt besteht nicht in der Möglichkeit, in die Fänge dieser oder jener Theorie, dieser oder jener Rasse, dieser oder jener Philosophie zu geraten, sondern in der Gefahr, das zu verlieren, was unsere Zivilisation aufgebaut hat.

Was unsere Zivilisation aufgebaut hat, ist der Glaube, und wenn wir diese kreative Kraft verlieren, wird unsere Zivilisation mehr und mehr zerbröckeln. Wenn diese Kraft völlig verloren geht, wird unsere gesamte Zivilisation mit ihr verloren gehen: Wir werden auf das Chaos zusteuern.

Ein paar Fragen an Dr. Inge

Der englische Schriftsteller Dr. William Ralph Inge, ein anglikanischer Theologieprofessor in Cambridge, hat soeben einen außergewöhnlichen Satz geschrieben, der besagt, dass die Welt dem Untergang geweiht sein wird, wenn sie sich nicht wieder den Lehren unseres Herrn unterwirft. „Nichts“, sagte Dr. Inge, „kann uns retten als die Gesetze und Lehren Christi.“ Er ist ein sehr intelligenter Mensch, wie jeder weiß, und was fast genauso wichtig ist: Er ist ein äußerst gelehrter Mann. Er ist der Wahrheit sehr nahe gekommen, und in dem, was er gesagt hat, haben seine Worte sicherlich die Wahrheit ausgedrückt.

Aber Dr. Inge fügte nicht den einen ergänzenden Satz hinzu, der seinem Gedanken Sinnfülle hätte verleihen können. Er fügte nicht hinzu, dass nur eine Institution eine ungebrochene Tradition dieser göttlichen Lehre bewahrt hat, von der er mit Recht annimmt, dass sie die einzige und notwendigste Medizin für moderne Krankheiten ist. Und er es hat nicht gesagt, weil er das so nicht glaubt: Dr. Inge glaubt nicht, dass die katholische Kirche mit der Stimme Christi spricht, oder dass sie die einzige ist, die die ganze Tradition Christi in sich trägt. Doch Dr. Inge wäre, wie jeder andere Mensch auch, ratlos, wenn er sagen müsste, wer in der ganzen Welt diesen Titel für sich beanspruchen kann außer die Kirche, die nach ihrer eigenen Definition: die eine, katholische und apostolische ist.

Betrachten wir irgendeines der verschiedenen Hauptthemen, die die Menschen heute zum Krieg geführt haben, für diejenigen, die bereits kämpfen oder die im Begriff sind zu kämpfen. Geben wir diesen Themen die Form einer Frage: „Was ist die richtige Lehre über das Eigentum, die aus der Autorität Christi hervorgeht?“ Oder auch: „Was ist die richtige Lehre über die Ehe?“ Oder diese andere Frage: „Was ist die richtige Lehre über den Krieg?“ Auf diese und auf alle anderen Hauptfragen, die gestellt werden können, werden wir eine Antwort mit der Autorität der Kirche erhalten. Außerhalb der Kirche werden wir eine Vielzahl von widersprüchlichen Antworten bekommen. Niemand kann auf eine letzte Autorität hier oder dort verweisen, außer wir Katholiken, wenn wir auf das verweisen, was wir als heilsame Lebensphilosophie akzeptieren.

Die Antwort der Kirche

Darüber hinaus ist zu beachten, dass die Antwort, die die Kirche auf jede Hauptfrage gibt, die für die Führung der Menschheit unerlässlich ist, auf mehreren Prinzipien beruht, die ihr Halt geben und die Falschheit der Übertreibung und die Falschheit der Behandlung von universalen Angelegenheiten verhindern, als ob es sich um isolierte Fragen handelte. So behauptet die Kirche z. B. in Bezug auf das Eigentum das Recht auf Eigentum. Sie sagt nicht wie die Kommunisten: „Das Eigentum an den Produktionsmitteln ist unmoralisch“; aber sie behauptet, dass das Eigentum eine moralische Institution ist, egal ob es sich um Konsumgüter oder Produktionsmittel handelt. Die Kirche bekräftigt aber auch, dass jeder Mensch das Recht hat, nach menschlichen Normen zu leben; dass jeder Mensch das Recht auf das hat, was die Kirche nennt: „ das menschliche Brot“. Mehr noch: Die Menschenwürde muss unangetastet bleiben. Wenn wirtschaftlicher Druck so erdrückend wird, dass er zu einer Situation führt, die der amtierende Papst als „an Sklaverei grenzend“ bezeichnet hat, unmoralisch ist.

Mehr noch: Der Glaube setzt eine stabile soziale Organisation voraus; deshalb gewährt er keine uneingeschränkte, ungezügelte Kompetenz. Die Lehre der Kirche über das Eigentum beruht auf einem ganzen Netz von miteinander verbundenen Aussagen, die, wenn sie vollständig angewendet würden, in der Lage sind, eine stabile und glückliche Gesellschaft hervorzubringen.

Die Familie und der Staat

Nehmen wir einen anderen, analogen Punkt: Ist die einzelne Person für den Staat da oder der Staat für den Einzelnen? Der ganze Konflikt zwischen Despotismus und Freiheit dreht sich um diese Frage. Auch hier hat die Kirche eine ganz klare, aber mehrfache Antwort.

Der Staat existiert für die Familie, und der Staat existiert, um sowohl das physische als auch das geistige Leben des Einzelnen zu schützen und zu verbessern, und das geistige Leben vor allem. Aber der Staat hat das Recht, von seinen Bürgern den Einsatz zur Verteidigung gegen Aggression und Gehorsam gegenüber vernünftigen Gesetzen zu verlangen. Die zivile Autorität kommt von Gott, aber der Missbrauch dieser Autorität kommt nicht von Gott. Wenn diese Autorität in Konflikt mit Gottes Gesetz kommt, verliert sie jede Gültigkeit.

Niemals in ihrer langen Geschichte hat die Kirche eine Gesellschaft hervorgebracht oder inspiriert, die prinzipiell der Tyrannei unterworfen ist, noch hat sie eine Gesellschaft hervorgebracht, in der die Autorität der zivilen Magistrate (Obrigkeiten) geleugnet wird.

An der Wurzel all ihrer Politik und all ihrer sozialen Erziehung steht ihre klare Lehre über die Familie; aber die Familie wurde zum Heil des Individuums geschaffen.

Falsche Abhilfemaßnahmen

Die tragische Gefahr unserer Zeit liegt in den falschen Heilmitteln, denen eine wirksame Autorität fehlt, Heilmittel, die auf einem unzureichenden Prinzip beruhen, Heilmittel, die aus dem Extremismus abgeleitet sind, die vorschlagen, das tödliche Leiden, das uns plagt, zu heilen. Im industriellen Kapitalismus ist der Mensch das Opfer von Ungerechtigkeit. Deshalb rufen diejenigen, die mit dem Glauben in Konflikt stehen, aus: „Lasst uns das Privateigentum an den Produktionsmitteln abschaffen und die Ungerechtigkeit wird verschwinden!“ Und so wird es sicherlich sein, aber um den Preis, etwas Schlimmeres zu erleiden, das das Privateigentum ersetzen wird. Denn die einzig mögliche Alternative zum Eigentum als soziale Institution ist die Sklaverei.

Das Eheleben hat immer seine Tücken und ist manchmal wirklich tragischen, fast unerträglichen Prüfungen ausgesetzt. Diejenigen, die mit dem Glauben in Konflikt stehen, rufen aus: „Lasst uns die Ehe durch ein System einfacher Scheidungen abschaffen und die Übel, die aus der Ehe entstehen, werden verschwinden.“ Und das wird sicherlich so sein, aber anstelle der abgeschafften Ehe werden andere, viel schlimmere, absolut unmenschliche Übel auftreten; denn die Zelle oder Einheit des gesellschaftlichen Lebens wird zerstört, und das bedeutet, dass sehr bald die Gesellschaft selbst vernichtet wird.

 

Aus dem Portugiesischen übersetzt mit DeepL/Translator (kostenlose Version) von „O verdadeiro conflito“ in Legionário Nr. 370 vom 15. Oktober 1939, S. 3. São Paulo.

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Der endlose Konflikt erschien erstmals in deutscher Sprache in www.p-c-o.blogspot.com

Hilaire Belloc portrait by T. & R. Annan & Sons, vintage bromide print, 1910 - Wikipedia 

Dienstag, 4. Mai 2021

Die Engelslehre bei Plinio Corrêa de Oliveira

Apokaliptische Engel in strahlendem Linnen gekleidet
mit den goldenen Schalen


von Julio Loredo

1. „Der Kreuzritter des zwanzigsten Jahrhunderts“

Plinio Corrêa de Oliveira ist ein brasilianischer katholischer Denker und eine Führerfigur der katholischen Bewegung Brasiliens im 20. Jahrhundert. Er starb im Jahre 1995. Seine Werke, die in vielen Sprachen übersetzt wurden, haben zur Bildung katholischer Gruppierungen in verschiedenen Ländern beigetragen. Wir können aber nicht sagen, dass er eine weltbekannte Persönlichkeit ist. So bitte ich um Verständnis und ein wenig Geduld, wenn ich hier sein Leben und Werk vorstelle, in denen ich dann seine Auffassung über die Lehre der Engel einfügen werde.

Plinio Corrêa de Oliveira ist im Jahre 1908 in der Stadt São Paulo, Brasilien, geboren. Angesichts einer Welt, in der der christliche Geist mehr und mehr verlorenging, traf er in seinem 12. Lebensjahr die Entscheidung, sich ganz der Verteidigung der Kirche und der christlichen Zivilisation zu widmen.

Dieses Vorhaben verwirklicht sich im Jahr 1928 mit seinem Eintritt in die Marianische Kongregation, in der er sofort eine führende Rolle übernahm. Nach dem er 1932 das Studium der Rechtswissenschaften abschloss, wurde er zum Abgeordneten des Katholischen Wählerbundes für die 1933 einberufene Verfassunggebende Versammlung gewählt. Im Jahr 1941 wurde er zum Präsidenten der Katholischen Aktion der Erzdiözese von São Paulo ernannt. Seit 1929 schreibt er regelmäßig in dem monatlichen Pfarrblatt Legionário, dessen Leitung ihm bald übertragen wurde und es in einer sehr wichtigen und einflussreichsten Wochenzeitung verwandelte. Mit ihr führte er im katholischen Lager Brasiliens den Kampf gegen den Kommunismus, Nationalsozialismus und andere neuheidnische totalitären Erscheinungen.

Im Jahr 1943 schreibt er das Buch Zur Verteidigung der Katholischen Aktion, in dem er die neo-modernistische und christlich-demokratische Unterwanderung in der Kirche aufzeigt. Für dieses Werk erhielt er einen Lobesbrief von Papst Pius XII. Im Jahr 1945 übernimmt er die Professur für Neuere Geschichte an der Päpstlichen Katholischen Universität von São Paulo.

Im Jahr 1951 gründete er die Zeitschrift Catolicismo, um die sich eine dynamische katholische Bewegung bildete, die sich zunächst auf das südamerikanische Ausland ausbreitete und später weltweit bekannt wurde. Um dieser Bewegung eine doktrinäre Grundlage zu geben, schreibt er im Jahr 1959, sein Meisterwerk, Revolution und Gegenrevolution.

Im Jahr 1960 gründete er die Brasilianische Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition Familie und Privateigentum – TFP –, mit der er den großen Kampf zur Verteidigung der christlichen Grundsätze in der Gesellschaft fortsetzen wird. Viele seiner Aktionen erreichten weltweiten Widerhall. Das Beispiel der brasilianischen TFP hat sich über die ganze Welt verbreitet und inspirierte die Gründung von ähnlichen Vereinigungen in 25 Ländern. So können wir ihn auch als den Gründer einer großen geistigen Familie betrachten.

Plinio Corrêa de Oliveira stirbt in São Paulo 3. Oktober 1995. Sein Leben war, wie seine Biographen schreiben, dass eines wahren „Kreuzritters des zwanzigsten Jahrhunderts“ (1).

2. „Ein treues Echo des höchsten Lehramtes der Kirche“

Diesen „Kreuzzug“ hat Plinio Corrêa de Oliveira besonders im geistigen und doktrinären Felde geführt. Autor von 20 Bücher und 2.500 Artikeln und Essays hat er auch sein Gedankengut in mehr als 20 Tausend Vorträgen, Konferenzen und Versammlungen dargelegt, dessen Niederschriften über eine Million Seiten ergibt. Ein Dokument der Päpstlichen Kongregation für Seminare und Universitäten qualifizierte 1964 seine intellektuelle Arbeit als ein „treues Echo des höchsten Lehramtes der Kirche“.

3. Ein noch nicht systematisiertes geistiges Werk

Dieses riesige Lehrwerk befindet sich noch in der Phase der Zusammenstellung und Systematisierung und somit zur Konsultation noch nicht komplett verfügbar. Nur ein kleiner Teil wurde bereits veröffentlicht. Was unser Thema betrifft, ist die Lehre von den Engeln unter mehreren Aufsätzen und mindestens fünfzig Vorträgen und Konferenzen verteilt. Zu beachten ist, insbesondere eine Reihe von Sitzungen der Kommission für philosophische Studien der brasilianischen TFP, intern unter dem Namen „Kommission MNF“ (Akronym für Manifest) bekannt. Eine erste schematische und unvollständige Sammlung wurde von mir im Jahre 1982 hergestellt und umfasst fast 400 Seiten.

Dieser vorliegende Aufsatz ist basiert auf einige wenige Hinweise in der Sammlung. Er enthält also nicht die vollständige und gegliederte Darlegung seines Gedankenguts bezüglich der Engelstheorie. Es ist vielmehr eine Übernahme einiger Beobachtungen, Meinungen oder auch einfach theologische Hypothesen. Der Autor dieses Artikels verweist selbst auf den „hypothetischen Charakter dieser Arbeit“.

Andererseits ist zu beachten, dass Plinio Corrêa de Oliveira alle seine Gedanken und Theorien „ohne Einschränkungen“ der letztendlichen Beurteilung des Lehramtes der Kirche unterwarf, „bereit, ohne zu zögern auf alle Thesen und Theorien zu verzichten, die sich, selbst im Geringsten, von der Lehre der Heiligen Kirche, unsere Mutter, Lade des Heils und Pforte des Himmels abweichen sollten“. (2)

4. Katechetischer und apostolischer Zweck

Um die Engelslehre von  Plinio Corrêa de Oliveira zu verstehen, müssen wir zunächst einmal seine Eigenschaften in der Katechese und im Apostolat in Betracht ziehen. Als Führer von Laienbewegungen mit besonderer Blickrichtung auf das Apostolat, sei es mit der Masse der Katholiken – also die große Öffentlichkeit – sei es mit dem einzelnen, besonders mit Jugendlichen, war sein Ziel ein ganz anders als das eines Theologen. Während letzterer eher die Aufgabe hat das depositum fidei zu systematisieren, zu vertiefen und in rationalen Begriffen zu erläutern und sich in der Regel auf das geistige Studium beschränkt, war Plinio Corrêa de Oliveira stets auf der Suche nach Argumenten und Analysen, die er als  „Kampfeswaffen“ in seinem Apostolat verwenden konnte. Dies war auch der Fall in seinem Studium der Engelslehre.

„Mit der Lehre über die Engel – schreibt er – könnte man der materialistischen Weltanschauung des modernen Menschen den Todesstoß geben. (…) Die Verkündigung dieser Lehre wäre eine Herausforderung für den modernen Materialismus. Es wäre die katholische Antwort auf New Age und die Pfingstbewegung, eine Aufforderung an die Menschen, die Sünden der Welt zu verlassen und sich dem Universum der Engel zu öffnen. (...) Das Studium der Engelslehre würde uns erlauben, einen Einblick in eine Art wunderbarem Universum zu gewähren, das als Alternative zum Horrenden der modernen Welt präsentiert werden könnte. Es wäre nicht nur das Apostolat der Schönheit der Engelwelt, sondern ganz allgemein das Apostolat der engelhaften Darstellung der Schönheit“.

Das Studium des Universums der Engel, fährt der brasilianische Denker fort, „setzt eine Einstellung und Haltung gegenüber der Schönheit voraus, die leider heute im Katechismus nicht gelehrt wird. (...) Im Gegensatz zum modernen Säkularismus, der die Welt auf dem menschlichen Bereich beschränkt, erweitert die Lehre über die Engel dermaßen die geistige Weitsicht und würde eine solche Tiefe erreichen, es würde zu einem Flaggschiff der katholischen Katechese sein. Es wäre vergebens moderne Fehler, wie den Relativismus intellektuell zu widerlegen, wenn parallel dazu wir nicht ein Apostolat der engelhaften Schönheit machten. Dies ist insbesondere notwendig, bei den neuen Generationen, die viel offener sind für die Schönheit als ihre Eltern, die noch vom materiellen Fortschritt der Industriegesellschaft verzaubert sind.“ (3)

Ein weiterer Punkt, der zu beachten ist, ist, dass der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit von Plinio Corrêa de Oliveira sich in erster Linie auf den weltlichen Bereich richtete. Er betrachtete es als seine Aufgabe, die Merkmale einer christlichen Zivilisation zu ergründen, und sich für ihre Verwirklichung einzusetzen. Dieses war das Ziel seines geistigen Schaffens und insbesondere seiner Angelologie: „Ich möchte eine globale Vision des Universums der Engel erarbeiten und ihre Grundprinzipien dann auf das menschliche Universum umsetzen, um, zum Beispiel, eine Theorie der Regierung und eine Theorie der Autorität in der Gesellschaft zu entwickeln.“

5. Im Einklang mit der Tradition

Bezüglich der Angelologie fügt sich Plinio Corrêa de Oliveira voll und ganz in die traditionelle Theologie eines Thomas von Aquin und eines Bonaventura ein. Er widmete eine besondere Aufmerksamkeit dem Werk De coeleste hierarchia des Pseudo-Dionysius Areopagita (5. Jahrhundert). Für das Studium der Engel in der Heiligen Schrift, konsultierte er das monumentale Werk des Jesuiten Cornelius a Lapide (1567-1637) Commentaria in Sacram Scripturam, und nicht zu vergessen das nicht minder berühmte De angelis, des Jesuiten Francisco Suarez (1548-1617), der Doctor Eximius.

Auf diese traditionelle Engelslehre baute Plinio Corrêa de Oliveira eine Reihe von Gedanken und Erwägungen, die einen Zusammenhang mit seiner Mission aufweisen.

In Revolution und Gegenrevolution analysiert Oliveira den Prozess der Entchristlichung, der im Laufe von mehr als fünf Jahrhunderten im Begriff ist die christliche Zivilisation zu zerstören und heute einen beängstigenden Höhepunkt erreicht hat. Er nennt diesen Prozess „Revolution“ und definiert sie als eine „Unordnung“, das heißt, ein Vorhaben die Ordnung zu zerstören:

„Die Ordnung der Dinge, die von der Revolution zerstört wird, ist die der mittelalterlichen Christenheit. Diese Christenheit aber war nicht irgendeine mögliche Ordnung, wie viele andere Ordnungen möglich wären. Sie war vielmehr, unter den zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten, die Verwirklichung der einzig wahren Ordnung unter den Menschen, d.h., die der christlichen Zivilisation. (…) Was also seit dem 15. Jahrhundert zerstört wird — dessen Zerstörungswerk heute fast schon vollendet ist —, das ist die Anordnung der Menschen und Dinge gemäß der Lehre der Kirche, der Lehrmeisterin der Offenbarung und des Naturgesetzes. Diese Anordnung ist das Bild der Ordnung schlechthin.“

Diesem Prozess der Zerstörung stellt er eine Gegenrevolution entgegen, die er definiert als „die Wiederherstellung der Ordnung; und unter Ordnung verstehen wir den Frieden Christi im Reiche Christi, oder auch die christliche Zivilisation – streng, hierarchisch, sakral, antiegalitär und antiliberal..

Im Kern der Vision von Plinio Corrêa de Oliveira finden wir also den Begriff der Ordnung, der den Begriff von Harmonie mit einschließt. Nun gibt es zwei grundlegende Harmonien in der Schöpfung: die der menschlichen Seele und die des Universums; eine das Spiegelbild der anderen:

„Die menschliche Seele ist Harmonie und das Universum ist auch Harmonie. Die Ästhetik, die im Universum vorhanden ist, ist die Verwirklichung einer Harmonie im Universum, die es auch in der menschlichen Seele gibt (Pius XII., Weihnachtsansprache 1957). (...) Die Ästhetik des Universums kann also von zwei verschiedenen Polen aus gesehen werden. Diese beiden Pole befinden sich nicht in verschiedenen Umlaufbahnen, wo der eine im Zentrum ist und der andere sich um diesen dreht. Der Mensch ist das Zentrum des Universums, und die Ordnung, die in ihm herrscht, ist sozusagen das Zentrum und die höchste Verwirklichung der Grundsätze der Ordnung und der Schönheit, die außerhalb ihm existieren.“ (4)

Nun ist aber die menschliche Seele von Natur aus gesellig, das heißt, sie tendiert eine Gesellschaft zu bilden, die ihre innere Harmonie wie auch die Harmonie des Universums widerspiegelt.

Hier können wir nun die drei großen Kapitel nennen, in denen wir das Gedankengut von Plinio Corrêa de Oliveira einordnen:

- Die Ordnung in der menschlichen Seele („Der menschliche Prozess“)
- Die Ordnung in der Gesellschaft („Die Gesellschaft der Seelen“)
- Die Ordnung des Universums („Die Ästhetik des Universums“)

6. Die Engel: Existenz und Natur

Plinio Corrêa de Oliveira beginnt sein Studium der Engel mit einem Kommentar zu den Questiones 50-64 des ersten Buches der Summa theologica des hl. Thomas von Aquin, die die Existenz, die Natur und die Aufgabe der Engel behandeln. Über diesen Punkt werde ich nicht näher eingehen, es sei denn um darauf hinzuweisen, wie er auf jedem Schritt aus den Lehren des Doctor angelicus Ideen für eine Theorie der christlichen Zivilisation hervorholt. Sehen wir ein paar Beispiele, auf einer notwendigerweise schematischen Weise:

a. Egalitarismus und Hierarchie

Im Gegensatz zum egalitären Geist der Revolution, stellt Plinio Corrêa de Oliveira eine hierarchische Auffassung der Gesellschaft vor, die sich auf das Universum der Engel begründet.

Gott hat nicht nur ein einziges Lebewesen geschaffen, das alle Seine eigenen Vollkommenheiten widerspiegeln würde. Er schuf eine Vielzahl von Lebewesen. Und diese Vielfalt impliziert eine Hierarchie, in der die Engel eine Funktion haben. Der Engel, als reiner Geist, verglichen mit dem Menschen, ist in Bezug auf Gott immateriell und körperlos. Er ist ein in der hierarchischen Ordnung des Universums notwendiges Wesen zwischen Mensch und Gott, damit zwischen beide kein gähnender Abgrund klafft.

Prof. Oliveira kommentiert: „Diese Hierarchie gründet auf die Natur der geschaffenen Wesen: der Mineralien, Pflanzen, Tiere, Menschen, Engel. Es ist nicht eine bloße zweckmäßige Stufenordnung, sondern eine Notwendigkeit in der Ordnung des Universums. Diese Gedanken sollten an der Basis der anti-egalitären Bildung der Katholiken heute stehen. (...) Es genügt nicht, im Katechismus die Existenz der Engel aus der Offenbarung heraus zu lehren. Es ist notwendig ihre Funktion in der Hierarchie des Universums aufzuzeigen“.

b. Die Bewegung in der christlichen Gesellschaft

Die Engel bewegen sich. Nicht in dem Sinne, dass sie sich physisch bewegen — da sie von aller Stofflichkeit frei sind, belegen sie keinen Platz — aber in dem Sinne, dass sie ständig im Erkennen und im Wollen von Potenz zum Akt übergehen.

„Hieraus — folgert Prof. de Oliveira — können wir eine Theorie der Bewegung in der christlichen Gesellschaft ableiten. Die christliche Gesellschaft hat die höchste Form der Bewegung, nicht die Form sich physisch zu bewegen, sondern indem sie die Wahrheit immer tiefer erkennen und sie immer intensiver lieben kann. In einer christlichen Gesellschaft ist die physische Bewegung nebensächlich. Vorrangig ist die geistige Bewegung. Ein wahrhaft christlicher Herrscher sollte in der Lage sein, vor allem diese Bewegung anzuregen.“ Diese Bewegung findet in der Tat sein Vorbild in der Welt der Engel.

7. Die Engelsgesellschaft ist das Muster der menschlichen Gesellschaft

a. Die Engelsgesellschaft

Für Plinio Corrêa de Oliveira ist die Engelsgesellschaft das Modell der menschlichen Gesellschaft. Er widmet daher viel Raum dem Studium der inneren Beziehungen Gottes — der trinitarischen Perichorese — sowie den Beziehungen Gottes zu seinen Engeln und der Engel untereinander. Lassen Sie es uns hören:

„Um eine transzendentale Erklärung der Ordnung zu erarbeiten, müssen wir sie aus der eigenen göttlichen Essenz und seinen ersten Beziehungen zu den Geschöpfen ableiten. Mit anderen Worten: Wir finden in der Heiligsten Dreifaltigkeit und in der Natur der Beziehungen Gottes zu seinen Engeln das perfekte Modell dessen, was eine menschliche Gesellschaft sein sollte.“

Dies behandelt er z.B. in seinem Aufsatz „Anmerkungen zum Begriff des Christentums. Der sakrale Charakter der zeitlichen Gesellschaft und ihre Ministerialität, auf die ich der Kürze halber nicht näher eingehen möchte, sondern nur einen Absatz daraus zitiere:

„Wenn man die menschliche Seele in ihrer Natur, in ihren Kräften, in ihrer Tätigkeit betrachtet, in welchem Sinne kann sie ein soziales Leben haben? Da ein Bereich des sozialen Lebens rein geistige Beziehungen von Mensch zu Mensch umfasst, mag er auf einer so hohen Ebene stehen, dass nichts Definitives oder Nützliches darüber gesagt werden kann. Dieser Eindruck wird zerstreut, wenn wir auf das zurückgreifen, was uns die Kirche über Engel lehrt“ (5).

b. Der Sündenfall der Engel

Ein interessantes Kapitel des Denkens von Plinio Corrêa de Oliveira auf diesem Gebiet ist seine Studie über den Sündenfall der Engel, d.h. die Sünde Luzifers, aus der er Erkenntnisse für die Analyse gesellschaftlicher Dekadenzprozesse zog. Aufgrund des Prinzips, dass sich Gesellschaften wie eine große kollektive menschliche Seele verhalten, kann man soziale Prozesse so studieren, als wären sie geistige Prozesse.

Wie zerfällt eine Gesellschaft? Wie ist zum Beispiel das christliche Mittelalter verfallen? Oder: Wie zerfällt ein religiöser Orden? Wenn man den Mechanismus verstanden hat, kann man eine Katechese konstruieren, die darauf abzielt, eine solche Möglichkeit zu vermeiden.

Plinio Corrêa de Oliveira fragt sich, ob die Prüfung, der Gott die Engel unterzog, unbedingt notwendig war, oder ob er darauf hätte verzichten können. Seiner Meinung nach war dieser Prozess absolut notwendig. „Bevor er die Engel in seine Vertrautheit aufnahm, wollte Gott, dass sie einen Beweis ihrer Liebe erbringen. Diese Prüfung war unbedingt notwendig, damit die Engel den Grad der Vollkommenheit erreichen konnten, zu dem sie berufen waren.“

Das liegt an dem — auch für Gesellschaften gültigen — Prinzip, dass das aufsteigende geistige Leben (das, was zur Heiligkeit tendiert) aus aufeinanderfolgenden Opfern besteht, bei denen der Mensch allmählich den alten Menschen tötet und den neuen hervorbringt. Ohne diese wird die Vollkommenheit nicht erreicht.

Alles deutet darauf hin, dass Gott sich zunächst den Engeln gegenüber etwas verschleiert hat. Während einige die Erinnerung an Ihn wach hielten und, wenn überhaupt, eine verdoppelte Anstrengung unternahmen, Ihn zu lieben, ohne Ihn zu sehen, schlich sich bei anderen eine Art Amnesie Gottes ein. Das lag an einem Überdruss am Erhabenen und folglich an einer Verlangsamung des Impulses zur Heiligkeit.

Diese Verlangsamung hat verschiedene Ursachen, die ich hier nur aufzählen möchte: die Wahl von unmittelbareren Gütern, auch wenn sie unbedeutend sind; die Ersetzung des Idealismus durch persönlichen Genuss; das Aufkommen von unvernünftigen Phantasien. Dies löst einen Prozess der geistigen Verfinsterung aus, der mehrere Stufen durchläuft: wachsende Selbstzufriedenheit, die zur Selbstgenügsamkeit tendiert; das konsequente Aufkommen von Hochmut und damit die Ablehnung der Demütigung vor dem Transzendenten; wachsendes Unwohlsein mit der von Gott geschaffenen hierarchischen Ordnung.

Dieser Prozess mündete in das non serviam, mit dem sich Luzifer offen gegen Gott auflehnte und einen dritten Teil der Engel des Himmels mit sich nahm.

8. Der heilige Michael und die engelhafte Militanz

In seinem Apostolat musste sich Plinio Corrêa de Oliveira oft der Haltung entgegenstellen, die wir heute als Gutmenschentum bezeichnen, die den Verzicht auf den kämpferischen Charakter der Kirche impliziert und die Wurzel so vieler Misserfolge ist, sowohl im Bereich der Lehre als auch der Disziplin. Deshalb widmete er besondere Aufmerksamkeit dem Studium der kämpferischen Mission bestimmter Engel und in primis des Heiligen Michael, der sich der Rebellion Luzifers mit jenem großartigen Quis ut Deus! entgegenstellte, das noch in der Geschichte nachhallt.

Der hl. Thomas stellt den hl. Michael an erster Stelle der Fürstentümer, da sie diejenigen sind, die die Kämpfe führen. St. Michael ist der Hauptkrieger Gottes. Man könnte einwenden, dass der Kampf der Engel nicht militärisch ist, und das stimmt auch. Es ist ein Kampf der Präsenz, der Liebe zum Guten und des Hasses auf das Böse, in dem sich das Gute dem Bösen aufdrängt und es aus der göttlichen Gegenwart vertreibt.

Dies ist die Essenz des Proelium magnum, auf das in der Offenbarung Bezug genommen wird. Deshalb spricht Plinio Corrêa de Oliveira vom Himmel als „das schönste Schlachtfeld der ganzen Geschichte“.

Laut dem brasilianischen Denker hat die Mission des Heiligen Michael zwei Aspekte: „Der Kampf ist nicht nur die Vernichtung derer, die sich gegen Gott erhoben hatten. Sie impliziert auch die Bejahung des Gegenteils. Der Kampf ist nicht glorreich, außer in dem Maße, in dem er das bekräftigt und aufrichtet, was der Feind zu zerstören suchte. Durch das Ausrufen von Quis ut Deus! hat der heilige Michael nicht nur den Widersacher in die Hölle gestürzt, sondern auch ein vollkommenes Lied der Liebe zu Gott im Universum zum Klingen gebracht, das in alle Ewigkeit widerhallen wird. Das Lied der vollkommenen Liebe ist sowohl ein Lied des Krieges als auch ein Lied der Anbetung gegenüber dem, was verteidigt und bejaht wird. Aus der Liebe zur Ordnung erwächst der Hass gegen die Unordnung.“

Aber es gibt noch andere kämpferische Missionen in der Engelswelt, die der brasilianische Denker sorgfältig studiert hat.

Cornelius a Lapide befasst sich in seinen maßgeblichen Commentaria in Sacram Scripturam mit der Exegese des 2. Kapitels von Sacharja, das von der Vision von vier Hörnern erzählt, die das Böse darstellen, das Juda, Israel und Jerusalem zerstreut hat. Dann gibt es vier Handelnde Engel, die der Jesuitentheologe „eiserne Engel“ nennt, die diese Hörner mit schweren Hämmern schlagen. Ihre Mission ist es, „die Hörner der Nationen, die gegen das Land Juda stoßen, um es zu zerstreuen, zu zerbrechen und abzureißen“ (6).

Diese Engel waren von Gott auf die Erde gesandt worden, fanden diese aber im Frieden vor und konzentrierten sich auf Juda, das stattdessen von Feinden heimgesucht wurde. Mit anderen Worten: Sie suchten den Krieg, um in ihn einzugreifen.

Diese Hörner, kommentiert Plinio Corrêa de Oliveira, stellen vier Formen des Bösen dar. Gegen jede von ihnen erhebt Gott eine Form von repressivem Gut, dem eine engelgleiche Person entspricht. Diese Engel haben den Auftrag, Schrecken zu verbreiten, um jede Form des Bösen niederzuschlagen und zu zerstören. Da Engel nun ex natura propria handeln, d.h. ihr Auftrag beruht auf ihrer Natur, bedeutet dies, dass diese Engel im Wesentlichen Krieger sind. Der Krieg ist eines Wesens mit ihnen.

Dieser Vision folgt in Kapitel 6 eine weitere, in der vier von roten, schwarzen, weißen und gescheckten Rossen gezogene Wagen zu sehen sind, die der Prophet deutet:  „diese ziehen aus in die Richtung der vier Winde des Himmels, nachdem sie vor dem Herrn der ganzen Erde gestanden“. Während die weißen Rosse geschickt werden, um „den Geist der Völker zu besänftigen“, werden die gescheckten Rosse von Cornelius a Lapide „Racheengel“ genannt. Das heißt, sie kommen, um Rache an den Feinden des Herrn zu üben und den Kindern des Lichts zu helfen, ihre Gegner in die Flucht zu schlagen.

„Es ist eine romantische Vorstellung, zu denken, dass der Engel nur kommt, um eine Plage zu beenden“, glossiert Plinio Corrêa de Oliveira. „In der Heiligen Schrift gibt es viele Stellen, die zeigen, dass Engel gesandt werden, um Nationen und Einzelpersonen zu züchtigen, zu geißeln“. Ein markantes Beispiel ist der Engel, der geschickt wurde, um die erstgeborenen Söhne der Ägypter zu töten (Ex, 12,29).

In diesem Sinne untersucht Plinio Corrêa de Oliveira auch die Vision der sieben in reines Leinen gekleideten Engel mit sieben goldenen Bechern, gefüllt mit dem Zorn Gottes, die in Kapitel 15 der Offenbarung vorgestellt wird. Er kommentiert: „Das strahlende Linnen bedeutet die Freude der Engel bei der Ausführung der göttlichen Gerechtigkeit durch Bestrafung der Gottlosen. Die goldenen Schalen sind aus Gold, weil der Zorn aus der Liebe kommt. Zorn ist Liebe im Zustand der Streitbarkeit; es ist heiliger Zorn.“ (s. erstes Bild oben)

9. Der heilige Raphael, der politische Scharfsinn




Raphael bedeutet „Arzneimittel Gottes“, nicht nur im strengen klinischen Sinne, sondern auch im weiteren Sinne der Behebung schwieriger Situationen. Während St. Michael Situationen mit Gewalt löst, tut St. Raphael dies mit List und „savoir faire“. Der heilige Raphael repräsentiert eine engelhafte Form der List der unschuldigen Seele, die es versteht, in schwierigen Situationen einzugreifen. Während sich ein banaler Verstand in einem Labyrinth von komplizierten Details verliert, erfasst der heilige Raphael sofort den Knoten des Problems und löst es.

Die Menschen sind aufgerufen, die von den abtrünnigen Engeln leer gelassenen Throne zu besetzen. In diesem Sinne kann man davon ausgehen, dass es einige Menschen gibt, die eher den Heiligen Michael widerspiegeln, während andere eher den Heiligen Raphael widerspiegeln. Eine solche Person war König Ludwig XI. von Frankreich, der seine Politik so geschickt zu weben verstand, dass militärische Kriegsführung fast unnötig wurde.

Man kann sich eine christliche Gesellschaft nicht vorstellen ohne Seelen à la Sankt Michael und Seelen à la Sankt Raphael, die in Harmonie zur größeren Ehre Gottes handeln.

10. Die Schutzengel

Zum Thema Schutzengel untersucht Plinio Corrêa de Oliveira ein Feld, das vielleicht noch wenig erforscht ist: die innige Beziehung des Menschen zu seinem Engel.

Er geht davon aus, dass der Schutzengel nicht zufällig gegeben ist. Von aller Ewigkeit her hat Gott für jeden Menschen einen eigenen Engel bestimmt. Dieser Engel hat eine sehr tiefe Bindung zu dem Menschen, die über zufällige Aspekte hinausgeht und fast sein ganzes Wesen berührt. Der Schutzengel ist der Archetyp des Menschen. Er ist, auf einer engelhaften Ebene, die perfekte Verwirklichung dessen, was der Mensch nach Gottes Plänen sein sollte.

Normalerweise haben die Menschen die Vorstellung, dass der Schutzengel nur existiert, um die Person vor dem Bösen zu schützen. In Wirklichkeit, so heißt es im Gebet, besteht seine Aufgabe darin, „zu erleuchten, zu bewachen, zu regieren und zu leiten“. Oder, nach Dionysius dem Areopagiten, zu „läutern, zu erleuchten und zu vervollkommnen“. Dies, kommentiert Plinio Corrêa de Oliveira, „ist der tiefste Sinn jeder göttlichen, engelhaften und menschlichen Regierung, gesehen in ihrer höchsten Bedeutung“.

a. Die Aufrechterhaltung im Sein

Ein erstes Element ist der Erhaltung im Sein. Gott, der Schöpfer aller Dinge, erhält sie ständig. Nur Gott ist ens per se, d.h. er findet in sich selbst seinen eigenen Seinsgrund. Geschöpfe sind ens per accidens und brauchen göttliche Erhaltung, um zu existieren. Der dominikanische Theologe Antonio Royo Marín erklärt diese Wahrheit mit einer Metapher: Wenn Gott absurderweise eindösen würde, würde er ohne das Universum aufwachen, da die Aufrechterhaltung des Seins aufgehört hätte.

Nun, Gott regiert das Universum durch Zweitursachen. Und das gilt auch für die engelhafte Versorgung der Menschen: „Gott hätte nur Materie erschaffen können, auch nicht die Menschen, die eine Mischung aus Materie und Geist sind. Es war notwendig, dass es rein geistige Wesen zwischen Gott und Mensch gibt, und das sind die Engel. (...) Nach der katholischen Lehre ist es Gott, der die Geschöpfe erhält. Da aber durch göttlichen Willen die höheren Wesen die niederen regieren, können wir dann sagen, dass die Engel die Menschen im Sein erhalten?“

Um eine Antwort zu skizzieren, schlägt Plinio Corrêa de Oliveira das Konzept der Komplementarität vor. In der Schöpfung gibt es komplementäre Realitäten, in denen die eine nicht ohne die andere existieren könnte. Dies ist beim Mond und der Erde der Fall. Der Mond existiert in Funktion der Erde. De potentia Dei absoluta, könnte Gott einen Mond ohne eine Erde erschaffen haben. Aber ihre notwendige Komplementarität deutet auf etwas Tieferes als den bloßen Zufall hin. Der brasilianische Denker schreibt:

„Es gibt eine indirekte Einwirkung Gottes auf den Menschen durch den Engel, der ihn im Sein erhält. Dieser Unterhalt ist nicht de potentia Dei absoluta, sondern de potentia Dei ordinata. Aber es scheint, dass es sich nicht um eine rein zufällige Beziehung handelt. Ohne den Engel wäre der Mensch für Gott nicht denkbar. In der göttlichen Vorstellung erzeugt und erhält der Engel auf eine bestimmte Weise den Menschen. Mit anderen Worten: Der Mensch wird in Funktion des Engels gedacht und geschaffen.“

b. Die Übernahme des Engels

Worin aber besteht das „Reinigen, Erleuchten und Vervollkommnen“ des Engels in Bezug auf den Menschen? Hier ist ein zentraler Aspekt davon:

„Es handelt sich um eine dreifache Handlung, die die Übergabe des Archetypus an den Typus beinhaltet, die als Antwort das Opfer des Typus an den Archetypus erhält. Der Archetypus reinigt, erleuchtet und vervollkommnet den Typus, indem er sich ihm hingibt. Dies ist die Essenz des Dienens. In diesem Sinne ist das Regieren eine Dien(st)leistung. Der Regierte schenkt sich selbst dem, der ihn regiert. Dieser wiederum korrespondiert, indem er das Opfer seinerselbst vollzieht. Und wenn der Typus sich dem Archetypus zur Verfügung stellt, übernimmt ihn der Archetypus in gewissem Sinne und lässt ihn seine Vollkommenheit, seine Fülle erreichen. Hier gibt es eine geheimnisvolle Symbiose, die besser untersucht werden sollte.“

Dies ist ein Prozess, der bei den höheren Engeln im Verhältnis zu den niederen und bei den Engeln im Verhältnis zu den Menschen stattfindet. Nur wenn der Mensch sich von seinem Engel übernehmen lässt, kann er die Höhen der Heiligkeit erreichen.

Die Untersuchung dieser „Übernahme“ des Menschen durch den Engel — mit allen Anwendungen auf die menschliche Gesellschaft — bildet ein zentrales Kapitel in Plinio Corrêa de Oliveiras Angelologie.

11. Schutzengel kollektiver „Seelen“

Plinio Corrêa de Oliveiras Interesse an der christlichen Zivilisation führte ihn dazu, soziale Phänomene eingehend zu studieren. Zu den untersuchten Problemen gehört das der „kollektiven Seelen“, wobei der Begriff „Seele“ natürlich streng in Anführungszeichen steht.

Wenn eine Gruppe von Individuen, die durch ein bestimmtes Band verbunden sind, zusammenkommt, kann etwas entstehen, das mehr ist als die einfache Summe der Komponenten darstellt. Plinio Corrêa de Oliveira schreibt: „Nehmen wir das Beispiel einer Adelsfamilie im Mittelalter, die verstreut auf zehn Burgen lebt. Einmal im Jahr, anlässlich des Festes des Schutzpatrons der Familie, versammeln sich alle im Schloss des Familienoberhauptes. Ist es nicht so, dass etwas entsteht, das mehr ist als nur die Summe der Individuen? Da ist etwas vom Stammvater, von den Vorfahren und ihren Heldentaten, von der Vergangenheit und der Zukunft. Es gibt nicht Titius, Caius und Sempronius. Da ist die Familie Soundso. Es kommt eine gewisse Vorstellung über das Wesen der kollektiven Seelen ins Spiel, die besser untersucht werden sollte.“

„Es ist klar, dass das Individuum an sich mehr ist als die Gesellschaft“, fährt er fort, „aber es ist auch wahr, dass eine Gesellschaft eine größere Vollkommenheit erfasst. Ich denke, es hat mit dem Satz in der Genesis zu tun, dass alles, was von Gott erschaffen wurde, „gut“ war, aber das Ganze war „sehr gut“. Man könnte fast sagen, dass etwas ontologisch Anderes und Höheres geboren wird, nämlich eine kollektive Seele. (...) Diese Realität ist zufällig, aber sie ist ähnlich wie eine Person, weniger „dicht“, aber edler, das zur Geltung bringt, was die Komponenten am besten haben“.

Wir können uns vorstellen, dass diese kollektive „Seele“ einem Engel entspricht, der sich von den Schutzengeln der einzelnen Mitglieder unterscheidet und ihnen überlegen ist. Er wäre der Schutzengel des Kollektivs, von Gott dazu bestimmt, es zu reinigen, zu erleuchten und zu vervollkommnen. Für die oben genannten Prinzipien wäre dieser Engel der Archetyp dieser Kollektivität: „Der Engel steigt auf diese Kollektivität herab und geht eine Symbiose mit ihr ein, die ihr einen ontologischen Reichtum verleiht, den bloße menschliche Beziehungen nicht erklären können.“

Dies bringt uns zu einer Vorstellung von Schutzengeln nicht nur für Nationen — eine Vorstellung, die sowohl in der Heiligen Schrift als auch in der Theologie begründet ist — sondern im weiteren Sinne für „kollektive Seelen“ in der menschlichen Gesellschaft, wie Familien, Institutionen, religiöse Orden und so weiter. In dieser Logik kann davon ausgegangen werden, dass eminente Personen, die die Regierung von Kollektiven, sowohl geistig als auch zeitlich, in ihren Händen halten, nicht nur auf ihren eigenen Engel zählen können, sondern auch auf den des Kollektivs.

12. Die Gegenwart der Engel in der Natur

Gott schuf das Universum zu seiner äußerlichen Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit besteht im Bild und Gleichnis des Schöpfers in der Schöpfung. „Coeli enarrant gloriam Dei et opera manuun ejus annuntiat firmamentum“, heißt es im Psalm. Der Mensch kann Gott nicht direkt kennen, aber er kann den Widerschein seiner Vollkommenheiten in der Schöpfung betrachten und sie so auf ihn zurückführen. So sagt uns z.B. die Majestät eines Berges etwas über die Majestät Gottes, so wie die Unermesslichkeit des Meeres uns eine Ahnung seiner Unendlichkeit gibt.

Dies ist ein natürlicher Vorgang, so dass selbst die Heiden, die die Natur bewunderten, ihr oft göttliche Eigenschaften zuschrieben. Sie haben sich in der Schlussfolgerung geirrt, aber nicht in der Prämisse. Die Natur ist nicht Gott, aber sie spiegelt Ihn wider und kann uns durch Kontemplation zu Ihm führen. Dies ist der Prozess, den der heilige Bonaventura in seinem berühmten Weg des Geistes zu Gott untersucht.

Für Plinio Corrêa de Oliveira ist es nicht schwer zu vermuten — es handelt sich offensichtlich um eine theologische Hypothese, die im Übrigen bereits von der Patristik schon erforscht wurde —, dass, so wie Gott jedem Menschen einen Schutzengel zugewiesen hat, er einigen Engeln die Obhut bestimmter besonders prächtiger Orte anvertraut hat. So schreibt der brasilianische Denker:

„Manchmal sehen wir bestimmte Orte in der Natur, die so schön sind und auf höhere Dinge hinweisen, dass wir glauben, sie hätten etwas Religiöses an sich. Offensichtlich gibt es nichts Göttliches, wie die Heiden fälschlicherweise dachten. Aber, dürfen wir nicht denken, dass es ein engelhaftes Handeln gibt? Die Schönheit des Ortes ist vollkommen natürlich. Aber darüber behauptet sich die Anwesenheit eines Engels. So wie Engel moralische Tugenden verkörpern, könnte man nicht denken, dass es Engel gibt, die die Schönheit bestimmter Orte verkörpern?“

Man könnte von diesen Engeln so etwas Ähnliches wie von den Schutzengel sagen. Sie stellen den Archetyp dieses Ortes dar, d. h. den höchsten Aspekt, wodurch dieser Ort das Abbild und Ebenbild Gottes ist.

Seine Rolle ist nicht nur ästhetisch, sondern auch apostolisch. Er würde auf die Menschen einwirken, die diesen Ort betrachten, und ihnen helfen, ihn richtig zu betrachten, zu Gott aufzusteigen und ihn dann mit der größten Intensität zu lieben.

Was man über die Natur sagen kann, könnte man auch über bestimmte Schöpfungen des menschlichen Genius sagen. Es gibt zum Beispiel Kirchen, die so schön sind, dass es unmöglich ist, nicht an etwas Engelhaftes zu denken. Es ist, als ob Gott, nachdem diese Kirche fertig gebaut war, sie einem Engel anvertraut hätte. Wer gerät nicht in Ekstase, zum Beispiel vor dem Petersdom? (vor der Saint-Chapelle in Paris?) Kann man nicht denken, dass es die Anwesenheit des Schutzengels der Kirche gibt, der jeden einlädt, durch die Betrachtung des Gebäudes die Heilige Römische Kirche besser kennenzulernen und sie deshalb mehr zu lieben?

13. Fazit

Und mit dieser großartigen Vision der Heiligen Mutter Kirche schließe ich meinen Vortrag, schematisch und synthetisch und doch schon zu umfangreich. Es bleibt mir nur noch, Plinio Corrêa de Oliveira zu bitten, bei der Allerheiligsten Jungfrau Maria, die er auf Erden so sehr geliebt und ihr gedient hat, Fürsprache einzulegen, damit die Verehrung der Engel immer mehr wächst und immer mehr spannende und begeisternde Horizonte des Glaubens eröffnet.

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Anmerkungen

1. Vgl. Roberto de Mattei, Il Crociato del secolo XX. Plinio Corrêa de Oliveira, Piemme, Casale Monferrato, 1996; Massimo Introvigne, Una battaglia nella notte. Plinio Corrêa de Oliveira e la crisi nella Chiesa nel secolo XX, Sugarco, Milano, 2008; Plinio Corrêa de Oliveira, numero speciale della rivista Tradizione Famiglia Proprietà, ottobre 2005.

2. Plinio Corrêa de Oliveira, Rivoluzione e Contro-Rivoluzione, Roma, Luci sull’Est, 1998, p. 178.

3. Im Jahr 2006 veröffentlichte der Päpstliche Rat für Kultur das Dokument Via Pulchritudinis, dessen Übereinstimmung in Bezug auf die Architektur und das allgemeine Schema mit diesem Aspekt des Denkens von Plinio Corrêa de Oliveira wirklich bemerkenswert ist.

4. Paulo Corrêa de Brito Filho, Introduzione a «A inocência primeva e a contemplação sacral do universo no pensamento de Plinio Corrêa de Oliveira», Istituto Plinio Corrêa de Oliveira, San Paolo, 2008.

5. Plinio Corrêa de Oliveira, Note sul concetto di Cristianità. Carattere sacrale della società temporale e sua ministerialità, Thule, Palermo, 1997, p. 12.

6. Cornelio a Lapide, Commentaria in Sacram Scripturam, Ludovico Vives, Parigi, 1874-1887, vol. 14 In Zachariam.

 

Dieser Text ist ein Vortrag, der gehalten wurde auf der 7. Tagung über die Engel in der Wallfahrtskirche Santa Maria la Nova, Campagna (Salerno) Italien, am 2. Juni 2011, den der Autor freundlicherweise zur Übersetzung und Veröffentlichung überlassen hat.

 

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„Die Angelologie von Plinio Corrêa de Oliveira“ erschien erstmals in deutscher Sprache in www.p-c-o.blogspot.com