Mittwoch, 20. April 2016

Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts - Jugendzeit


Ein militantes Verständnis des geistigen Lebens

   
Plinio am Tag seiner
Ersten hl. Kommunion
Im Februar des Jahres 1919 kam Plinio Corrêa de Oliveira im Alter von zehn Jahren auf das Gymnasium des von den Jesuitenpatres geleiteten St. Ludwigs–Kollegium, das traditionsgemäß von den Kindern der führenden Oberschicht São Paulos besucht wurde.(97) Wie es sein soll, fand die mütterliche Erziehung in der Schule ihre natürliche Fortsetzung und Weiterentwicklung. In den Unterweisungen der Jesuiten fand Plinio die Liebe zu dem methodischen Leben wieder, das ihm bereits seine Gouvernante Mathilde Heldmann (98) beigebracht hatte, und vor allem jenes militante Verständnis des geistigen Lebens, das seine Seele zutiefst anstrebte. (99)
Frl. Mathilde Heldmann
    In der Schule kam es dann zum ersten Zusammenstoß mit der äußeren Welt. Hier erwartete den jungen Plinio sein erstes Schlachtfeld, denn hier stieß er auf die „zwei Städte“ Augustins, vermengt wie Weizen und Unkraut, wie Getreidekorn und Stroh, von denen im Evangelium (100) die Rede ist. Und er verstand, daß das Leben des Menschen auf Erden ein harter Kampf ist, in dem nur der den Kranz empfängt, „der nach Vorschrift gekämpft hat“ (101). „Vita militia est“. (102) Das Neue Testament, vor allem aber die paulinischen Briefe bestehen immer wieder darauf, das das geistliche Leben des Christen ein Kampf ist. „Der Christ ist zum Kämpfen geboren“, behauptet Leo XIII. (103) „Das Wesen und die Grundlage allen christlichen Lebens besteht darin, nicht die verdorbenen Sitten der Welt zu unterstützen, sondern sie zu bekämpfen und ihnen mit Ausdauer zu widerstehen“. (104)
    Vom hl. Ignatius lernte Plinio, daß „die Seele eines jeden Menschen ein Schlachtfeld ist, auf dem Gut und Böse gegeneinander kämpfen“ (105). Als Folge der Erbsünde besitzen wir alle unordentliche Neigungen, die uns zum Sündigen einladen; der Teufel sucht, diese zu fördern, während die himmlische Gnade uns hilft, sie zu besiegen und sie in Gelegenheit der Heiligung zu verwandeln. „Zwischen den Kräften, die ihn zum Guten oder zum Bösen führen, steht als Zünglein an der Waage die menschliche Willensfreiheit“ (106). Plinio gehörte sicherlich zu den Paulistaner Jungens seiner Generation, die P. Burnichon 1910 bei einem Besuch des St. Ludwig-Gymnasiums als „ernst, umsichtig, bedächtig“ beschrieb. „Ihr Gesichtsausdruck erhellt sich selten, das Lächeln scheint ihnen wenig vertraut zu sein; andererseits hat man mir versichert, daß sie fünf Stunden lang an der gleichen Stelle stillzustehen vermögen, um gelehrten Reden zu lauschen, was ihnen hin und wieder tatsächlich widerfährt. Unzweifelhaft beschert das Klima dieser Rasse eine frühzeitige Reife, die sicher ihre Vor- und Nachteile hat, daneben aber auch ein habituelles Phlegma, das keineswegs lebendige Eindrücke und heftige Gemütsausbrüche ausschließt.“ (107)
   
Plinio (Kreis) und Schulkameraden
Im St. Ludwig-Gymnasium lernte der junge Plinio den radikalen Gegensatz zwischen der Welt der Familie und der der Kollegen mit ihren ersten Anzeichen von Bosheit und Unsittlichkeit kennen. Wie es unter Schülern oft zu geschehen pflegt, waren es die boshaftesten Jungen, die sich gegen die anderen durchsetzten: Die Reinheit wurde verspottet und verachtet, Schamlosigkeit und Vulgarität wurden als Zeichen von Männlichkeit und Erfolg hingestellt. Mit allen seinen Kräften lehnte er sich gegen diese Situation auf. Ihm war durchaus klar, daß es sich hier nicht um einen Einzelfall handelte, sondern daß dies die Folgen einer Mentalität waren, die der seiner Familie entgegengesetzt sein mussten. Wenn er diese Sinnesart übernähme, würde er mit seiner Reinheit auch all die Ideale verlieren, die in seinem Herzen aufblühten. Ihm wurde klar, daß die Religion die Grundlage aller Dinge war, die er liebte, und so entschied er sich für einen Kampf ohne Unterlass für jene Weltanschauung, die ihm anerzogen worden war. Auf diese Weise gelangte er zu einer Überzeugung, die im Laufe der Jahre immer rationalere Grundlagen finden sollte:
    „Es war ein konterrevolutionäres Verständnis der Religion als einer verfolgten Macht, die uns die ewigen Wahrheiten lehrt, unsere Seele rettet, in den Himmel führt und unserem Leben einen Stil aufdrückt, der als einziger das Leben lebenswert macht. Daher kam mir der Gedanke, daß ich, zum Mann geworden, den Kampf gegen eine Lebensordnung aufnehmen müsste, die ich für revolutionär und böse ansah, um an ihrer Stelle eine Ordnung zu errichten, wie sie der katholischen Lebensordnung entsprach.“ (108)
    Im Alter von 17 Jahren schloss Plinio 1925 seinen Gymnasialkurs ab. Später würde er in den Ängsten und der inneren Vereinsamung jener Jahre einen Ausdruck der schweren Krise sehen, die einen der wichtigsten Aspekte der Geschichte der Menschheit im 19. Jahrhundert und einen der Gründe ihrer tiefen Zerrissenheit ausmachen.
    „Die Einstellung des 19. Jahrhunderts gegenüber der Religion und der Moral war eine zutiefst widersprüchliche. (...) Religion und Moral wurden nicht als etwas für alle Menschen Notwendiges und Verpflichtendes angesehen. Im Gegenteil, für jedes Geschlecht, jedes Alter, jeden gesellschaftlichen Stand gab es eine religiöse Lage und ein sittliches Verhalten, die dem, was das 19. Jahrhundert für das andere Geschlecht, für ein anderes Alter und andere Gesellschaftsschichten vorschrieb, entgegengesetzt waren. Das 19. Jahrhundert bewunderte den „Köhlerglauben“ in seiner Einfachheit und Reinheit, machte aber gleichzeitig den Glauben eines Wissenschaftlers als unbewusstes Vorurteil lächerlich. Kinder durften glauben. Bei Jugendlichen und Erwachsenen war der Glaube jedoch verpönt. Höchstens wurde er noch dem Alter zugestanden. Von der Frau verlangte man Reinheit. Vom Mann aber forderte man geradezu die Unreinheit. Der Arbeiter hatte Disziplin zu halten. Den Denker aber feierte man ob seines revolutionären Geistes.“ (109)
    Bei der Gelegenheit dieser Rede hat sich Plinio den Mitschülern seiner Generation zuwenden und sie mit begeisternden Worten zu Kampf und Heroismus aufgerufen:
    „Wir verstehen das Leben nicht als Fest, sondern als Kampf. Unser Ziel ist das eines Helden und nicht eines Sybariten. Über diese Wahrheit, die ich euch heute wiederhole, haben wir tausendmal nachgedacht (...). Stellt Christus in die Mitte eures Lebens. Lasst alle eure Ideale in ihm zusammentreffen. Angesichts des großen Kampfes, der die nobelste Berufung eurer Generation darstellt, wiederholte der hl. Martin von Tours den berühmten Satz: Domine, non recuso laborem.“ (110)
   
Plinio (M) auf der Fakultät
Der Tradition seiner Familie folgend, immatrikulierte sich Plinio Corrêa de Oliveira 1926 an der Rechtsfakultät der Universität São Paulo. Der junge Mann, der sich gern der Betrachtung hingab und viel las, begann nun neben dem Jurastudium auch die philosophische, die moralische und geistige Kultur zu pflegen. Zu den Werken, die er in diesen Jahren las und die seine Bildung zutiefst beeinflussen sollten, gehörten die „Abhandlung über das Naturrecht“ des Jesuitenpaters Luigi Taparelli d’Azeglio (111) sowie „Die Seele eines jeden Apostolats“ von dem Trappisten-Abt Jean Baptiste Chautard (112). Dieses Werk, dem seine besondere Vorliebe galt, bildete ein wertvolles Gegengift gegen die „Häresie der Aktion“ (113), die zu einem Kennzeichen der damaligen Zeit zu werden begann. Ihr setzt Abt Chautard das innere Leben entgegen, das er als „den Zustand einer Seele“ definiert, „die reagiert, um die natürlichen Neigungen zu beherrschen, und sich die Gewohnheit anzueignen sucht, alles nach den Anweisungen des Evangeliums und dem Beispiel Christi zu beurteilen und sich nach diesen zu richten.“ (114)
    Plinio Corrêa de Oliveira hat diese geistige Haltung seit dem Jugendalter zutiefst geliebt und gelebt. Obwohl er sich seit seiner frühesten Jugend der Aktion und dem öffentlichen Apostolat widmete, vergaß er doch nie, mit Hilfe eifriger und ständiger Übung der geistigen Fähigkeiten, sein inneres Leben zu entwickeln.
    Das von Pius X. aufgezeigte Ideal der Restauration der katholischen Zivilisation schien angesichts des verworrenen Panoramas der zwanziger Jahre, die die Entstehung und Verbreitung des Kommunismus und des Faschismus und die Durchsetzung eines der traditionellen Lebensweise radikal entgegengesetzten amerikanischen way of life erlebten, noch in weiter Ferne zu liegen. Im Herzen des jungen brasilianischen Studenten bildete sich jedoch im Laufe dieser Jahre das Bewusstsein einer Berufung heraus. (115) Diese war auf geheimnisvolle, vorsehungshafte Weise mit der unerfüllten Aufgabe des großen Papstes verbunden, der seit seiner ersten Enzyklika, E supremi Apostolatus vom 4. Oktober 1903, die Devise „Instaurare omnia in Christo“ (Eph 1,10) als Programm seines Pontifikats und Ziel für das beginnende 20. Jahrhundert gewählt hatte.
    Alles wiederherstellen in Christus meint „nicht nur das, was eigentlich zur göttlichen Sendung der Kirche gehört, nämlich die Seelen zu Gott zu führen, sondern auch das, was (...) auf natürliche Weise von dieser göttlichen Sendung abzuleiten ist: die christliche Zivilisation mit jedem einzelnen und allen sie bildenden Elementen“. (116)
    Plinio Corrêa de Oliveira würde eines Tages seine eigene Berufung mit folgenden Worten beschreiben:
    „Als ich noch sehr jung war, betrachtete ich hingerissen die Ruinen der Christenheit. An sie hängte ich mein Herz. Dem Künftigen kehrte ich den Rücken zu und machte aus jener segensreichen Vergangenheit meine Zukunft ...“. (117)

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Fussnoten

(97) Das Gymnasium St. Ludwig war 1867 in Itú gegründet worden und zog später in das imposante Gebäude Nr. 2324 an der Avenida Paulista in São Paulo um. Der Rektor der Schule war zu dieser Zeit P. João Baptista du Dréneuf (1872-1948) (vgl. A. GREVE SJ, Fundação do Colégio São Luiz. Seu Centenário, 1867-1967, in A.S.I.A. Nr. 26 (1967), S. 41-59). Zu den Lehrern des jungen Plinio zählte P. Castro e Costa, der ihm dann auch im Kampf um die Katholische Aktion zur Seite stehen sollte, und den er in den fünfziger Jahren in Rom wiedersehen würde (vgl. J. CLÁ DIAS, Dona Lucília, a. a. O. Bd. I, S. 203).
(98) Mathilde Heldmann stammte aus Regensburg und hatte bereits das Amt einer Gouvernante in mehreren aristokratischen Häusern Europas ausgeübt. „Eine der größten Wohltaten, die wir unserer Mutter verdanken, bestand darin, daß sie das ,Fräulein‘ eingestellt hat“, konnte man öfters aus dem Munde Plinio Corrêa de Oliveiras vernehmen (J. CLÁ DIAS, Dona Lucília, Bd. I, S. 203).
(99) Zum „militanten“ Verständnis der christlichen Spiritualität vgl. Pierre BOURGUIGNON, Francis WENNER, Combat spirituel, in DSp. Bd. II,1 (1937), Sp. 1135-1142; Umile BONZI DA GENOVA, Combattimento spirituale, in DSp. Bd. X (1980), Sp. 1210-1233.
(100) Mt 13, 24-27.
(101) 2 Tim 2,5.
(102) Ijob 7,1.
(103) Leo XIII. in der Enzyklika Sapientiae Christianae vom 10. Januar 1890, in La pace interna delle nazioni, Bd. III (1959), S. 192.
(104) Leo XIII. in der Enzyklika Exeunte iam anno vom 25. Dezember 1888, in Le fonti della vita spirituale, Bd. II, S. 345, 358 (S.337-359).
(105) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Lutar varonilmente e lutar até o fim, in Catolicismo Nr. 67 (Juli 1956), S. 2.
(106) Ibid.
(107) Joseph BURNICHON, Le Brésil d’aujourd’hui, Perrin, Paris 1910, S. 242.
(108) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Memórias. Unveröffentlicht.
(109) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Discurso no encerramento do ano de 1936 no Colégio Arquidiocesano de São Paulo, in Echos Nr. 29 (1937), S. 88-92.
(110) Ibid.
(111) Über den Jesuiten Luigi TAPARELLI D’AZEGLIO (1793-1862), Verfasser des berühmten theoretischen Traktats über das Naturrecht, wieder aufgelegt in 2 Bänden bei La Civiltà Cattolica, Rom 1949 (1940-1943), in dem die Beziehungen von Recht, Moral und Politik im Lichte der katholischen Lehre scharfsinnig analysiert werden, s. Robert JACQUIN, Taparelli, Lethielleux, Paris 1943, und die Stimme von Pietro PIRRI S.J. in EC, Bd. XI (1953), Sp. 1741-1745.
(112) Abt Jean-Baptiste CHAUTARD, L’âme de tout apostolat, Office Français du Livre, Paris 1947. „Beim Lesen der wunderbaren Seiten dieses Buches, dessen Inbrunst streckenweise an die ‚Nachfolge Christi‘ erinnert, nimmt man ohne weiteres die Schätze der Empfindsamkeit wahr, die seine große Seele hütete“ (Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Almas delicadas sem fraqueza e fortes sem brutalidade, in Catolicismo Nr. 52 (April 1955). Der Abt Jean Baptiste Chautard ist am 12. März 1858 in Briançon geboren. Er trat in den Zisterzienser-Orden der strengen Observanz ein, wurde 1897 zum Abt des Trappistenklosters Chambaraud (Grenoble) gewählt und 1899 zum Abt von Sept-Fons (Moulins). Während seiner langen Regierungszeit musste er sich mit weltlichen Problemen auseinandersetzen, die seinen Orden betrafen, den es gegen die antireligiöse Politik seiner Zeit zu verteidigen galt. Als vollkommenes Beispiel der in Die Seele eines jeden Apostolats beschriebenen Verbindung von kontemplativem und aktivem Leben verstand er es, sich mit seiner Persönlichkeit gegen den Minister Clémenceau durchzusetzen und ihn dazu zu bringen, seine Haltung gegen die kontemplativen Orden zu mäßigen. Er starb am 29. September 1935 in Sept-Fons.
(113) Die „Häresie der Aktion“, verstanden als eine aktivistische, naturalistische Weltsicht, die die entscheidende Rolle der Gnade im menschlichen Leben verkennt, war ein Kennzeichen des „katholischen Amerikanismus“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts; sie wurde von Leo XIII. in dem apostolischen Schreiben Testem Benevolentiae vom 22. Januar 1899 (in Acta Leonis XIII., Bd. XI, Rom 1900, S. 5-20) verurteilt. Vgl. Emanuele CHIETTINI, Americanismo, in EC, Bd. I (1950), Sp. 1054-1056); G. PIERREFEU, Americanisme, in DSp, Bd. I (1937), Sp. 475-488); H. DELASSUS, L’américanisme et la conjuration anti-chrétienne, Desclée de Brouwer, Lille 1899; Thomas McAVOY, The Americanist Hersey in Roman Catholicism 1895-1900, University of Notre Dame Press, Notre Dame (Ind.) 1963; Robert CROSS, The emergence of Liberal Catholicism in America, Harvard University Press, Harvard 1967; Ornella CONFESSORE, L’americanismo cattolico in Italia, Studium, Rom 1984.
(114) J.-B. CHAUTARD, L’âme de tout apostolat, S. 14.
(115) „Illos quos Deus eligit, ita praeparat et disponit ut id ad quod eliguntur, inveniantur ideonei“ (Hl. THOMAS VON AQUIN, Summa Theologica, III, 27, 4c). Die Berufung ist die besondere Weise, nach der Gott will, daß sich seine Erwählten entwickeln. Als Erwählte werden sie ausgesucht und dementsprechend vorbereitet und gerüstet, um für das Ziel, das Gott ihnen seit aller Ewigkeit bestimmt hat, geeignet zu sein.
(116) Hl. PIUS X., Enzyklika Il fermo proposito vom 11. Juni 1905, in Bd. IV, Il laicato (1958), S. 216.
(117) Diese Worte Plinio Corrêa de Oliveiras sind in seiner Handschrift als Epigraph in dem Buch Ein halbes Jahrhundert antikommunistischen Heldenkampfes zu finden.


Roberto de Mattei: „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts: Plinio Corrêa de Oliveira. TFP-Büro Deutschland, Frankfurt, 2004, Kapitel I, Abschnitt 9, SS 47-52.

Donnerstag, 7. April 2016

Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts


Kapitel III
  
5. Der Höhepunkt des „Legionário“

  
     Am 3. Mai 1938 wurde die neue Druckerei des Legionário in Gegenwart des Erzbischofs von São Paulo, Dom Duarte Leopoldo e Silva [49], und der kirchlichen, geistlichen und gesellschaftlichen Prominenz der Landeshauptstadt eingeweiht. Aus ganz Brasilien trafen zahlreiche Grußbotschaften von Abonnenten und Sympathisanten ein, die nicht persönlich an dem Ereignis teilnehmen konnten. Unter diesen verdient besondere Hervorhebung ein Brief des Bischofs von Campos, Octaviano Pereira de Albuquerque, eine der berühmtesten Persönlichkeiten im brasilianischen Klerus. Dieser Brief soll hier im vollen Wortlaut wiedergegeben werden, da er ein beredtes Zeugnis von der Atmosphäre der Hochachtung und Bewunderung ablegt, die zu dieser Zeit den Legionário umgab. Der an Plinio Corrêa de Oliveira gerichtete Brief trägt das Datum vom 18. April 1938:
Bischof Octaviano Pereira de Albuquerque
     „Da Sie mich immer wieder mit der Zusendung Ihres Wochenblatts Legionário beehren, dessen Lektüre ich der anderer Blätter vorziehe, sehe ich mich gedrängt, Ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche zu all dem Guten übermitteln, das es der Gesellschaft tut. Mit dem vorzüglichen Einsatz Ihrer intellektuellen Tätigkeit zeigen Sie, dass Sie seit dem frühesten Kindesalter eine vorbildliche religiöse Erziehung genossen haben und dass Sie es verstanden haben, sich von vorzüglichen Lehrmeistern leiten zu lassen, die Sie befähigt haben, Schriftleiter eines katholischen Presseorgans zu werden und seine Spalten mit nützlichem, gehaltvollem Stoff über all die Themen zu füllen, die die Religion und die sozialen Fragen der Gegenwart betreffen, und dabei alles Banale und Unwichtige beiseite zu lassen. Daneben ist meiner Aufmerksamkeit auch nicht die Ernsthaftigkeit entgangen, mit der die politischen Fragen behandelt werden; unverändert wahren Sie dabei Ihre Ideale, ohne deswegen jedoch dem gegnerischen Lager mit übertriebener Heftigkeit zu begegnen; so vermeiden Sie unnötige, wenn nicht gar kontraproduktive Streitereien, die doch nur zu persönlicher Gehässigkeit führen. Mit meinen Wünschen für ein frohes Osterfest geht meine Bitte an Gott, dass er Ihnen persönlich weiterhin seinen Segen und den unentwegten Mut schenken möge, „sans peur et sans reproche“ für die Sache unserer erhabenen heiligen Religion zu kämpfen. Ihr großer Freund und Bewunderer.“ [50]
P. Réginald Garrigou-Lagrange (M)
mit Plinio Corrêa de Oliveira (L)
      Im selben Jahr kam es noch zu einem weiteren wichtigen Besuch. Im Sommer 1938 bereiste Brasilien der bekannte Dominikanerpater Réginald Garrigou-Lagrange [51], um an der unter dem Vorsitz des Apostolischen Nuntius Bento Aloisi Masella abgehaltenen Ersten Woche Thomistischer Studien in Rio teilzunehmen. Anschließend kam P. Garrigou-Lagrange nach São Paulo, wo er auch dem Redaktionsstab des Legionário einen Besuch abstattete [52]. In der Ausgabe vom 18. September 1938 ist ein Bild zu sehen, das Plinio Corrêa de Oliveira zusammen mit dem französischen Dominikaner zeigt. Auf eine Bitte des Legionário, den Satz „Die Kirche steht weder rechts noch links“ zu kommentieren, gab der berühmte Theologe folgende Antwort:
     „Persönlich bin ich ein Mann der Rechten und brauche das keineswegs zu verheimlichen. Ich glaube, dass viele, die sich der zitierten Formel bedienen, diese benutzen, weil sie die Rechte verlassen und sich der Linken zugeneigt haben; sie wollen das eine Extrem vermeiden und fallen ins entgegengesetzte, wie dies auch mit Frankreich in den letzten Jahren geschehen ist. Ich glaube auch, dass man die wahre Rechte nicht mit den falschen Rechten verwechseln sollte, die eine falsche Ordnung anstelle der richtigen verteidigen. Die wahre Rechte, die sich für die auf der Gerechtigkeit gründenden Ordnung einsetzt, scheint ein Spiegelbild dessen zu sein, was die Heilige Schrift die Rechte Gottes nennt, wenn sie sagt, dass Christus zur Rechten seines Vaters sitzt und dass die Auserwählten zur Rechten des Allerhöchsten stehen werden [53]“.

FUSSNOTEN
[49] Wir zitieren hier aus der Ansprache des Bischofs: „Mit meinem bischöflichen Herzen und aus ganzer Seele bringe ich Euch heute meinen Segen, nicht nur aus Anlass der Inbetriebnahme der Maschinen für den Druck unserer Zeitung, sondern vor allem im Hinblick auf Euren Einsatz und euren Glaubensgeist.“ (Vgl. O Legionário Nr. 295, 8. Mai 1938)
[50] Zitiert aus O Legionário Nr. 296 (15. Mai 1938). Ein Jahr darauf erhielt Dr. Plinio für den Legionário einen ebenso bedeutenden besonderen Segen Pius‘ XII., übermittelt durch Kardinal Leme, der zur Papstkrönung in Rom gewesen war. Der Brief des Kardinals trägt das Datum vom 5. April 1939 und lautet so: „Mein lieber Dr. Plinio, von ganzem Herzen danke ich Ihnen für das liebevolle Telegramm, das Sie mir nach Bahia geschickt haben. Mit Genugtuung übermittle ich Ihnen einen besonderen Segen des Heiligen Vaters für unseren unerschrockenen Legionário und seinen wohlverdienten Schriftleiter, diesen wahren Mann der katholischen Presse, sowie seine Redakteure, Wohltäter und Leser.“ (In O Legionário Nr. 346, 30. April 1939)
[51] P. Réginald Garrigou-Lagrange ist 1877 in Auch, in der Nähe von Tarbes, geboren und 1964 in Rom gestorben. Schüler der Dominikaner Cormier, Gardeil und Arintero, wurde er zu einem der größten Theologen des 20. Jahrhunderts. Vgl. seine umfangreiche Bibliographie in Angelicum Nr. 42 (1965), S. 200-272. Vgl. auch Innocenzo COLOSIO O.P., Il P. Maestro Reginald Garrigou-Lagrange. Ricordi personali di un discepolo, in Rivista di Ascetica e Mistica Nr. 9 (1964), S. 226-240; Benoît LAVAUD, Garrigou-Lagrange, in DSp, Bd. VI (1967), Sp. 128-134.
[52] Vgl. in O Legionário Nr. 309 (14. August 1938) und Nr. 310 (21. August 1938).
[53] Zitiert in O Legionário Nr. 313 (11. September 1938).

Dienstag, 5. April 2016

Warum Tradition, Familie und Privateigentum?


Weshalb Tradition, Familie und Eigentum verteidigen? 

    Die Notwendigkeit, Tradition und Familie zu verteidigen, wird im Allgemeinen sehr wohl verstanden. Was aber das Recht auf Eigentum betrifft, hat eine gezielte revolutionäre Propaganda, die auf Jean-Jacques Rousseau und Pierre-Joseph Proudhon zurückgeht, Eigentum ist Diebstahl, sogar bei Nicht­ Kommunisten und vielen Katholiken Zweifel hervorgerufen.

    Tradition 

    In zwanzig Jahrhunderten haben religiöse und zivilisatorische Handlungen der Kirche in unseren Seelen, in unserer Gesellschaft unschätzbare Werte angehäuft übernatürliche und natürliche, individuelle und soziale. Durch Generationen hindurch wurde an großen Traditionen festgehalten.

    Die Grundsätze, die für eine echte Zivilisation maßgebend sind, zu bewahren, zu verbreiten und zu verkündigen, sind für unsere christliche Tradition von großer Bedeutung.

    Familie 

    Wie jeder weiß, ist die Familie das Fundament der Gesellschaft. Jesus Christus hat die christliche Ehe zum Sakrament erhoben. Sie verleiht der Familie Stabilität, der väterlichen Autorität, Würde und Kraft. Mütterliche Liebe, kindliche Zuneigung, geschwisterliche Beziehungen, Geborgenheit sind der Inbegriff einer Familie.

    Dies müssen wir verkünden und verbreiten, um den Widerstand gegenüber der unheilvollen Ideologie, die die Ehe abschaffen, das Familienleben zerstören und der freien Bindung Tür und Tor öffnen will, zu verstärken.

    Eigentum 

Eigentum ist ein heiliges Recht, das an die menschliche Natur gebunden ist: an ihre Freiheit und an ihre Würde.

    — Der Mensch ist mit Vernunft ausgestattet und hat das Recht auf Freiheit, um gemäß seiner Zielsetzung zu handeln.

    — Diese Freiheit zu handeln, schließt das Recht auf Arbeit ein, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.

    — Das Recht auf Arbeit schließt das Recht auf die Früchte der Arbeit ein - das ist das Recht auf Eigentum. Andernfalls ist das menschliche Wesen ein Sklave ohne Freiheit, den man um die Früchte seiner Arbeit beraubt.

    Eigentum ist also das Recht, über die Früchte seiner Arbeit zu verfügen. Es entsteht aus der Freiheit und der Arbeit des Menschen.

    Im Manifest der kommunistischen Partei im Jahr 1848 haben Marx und Engels bekräftigt: „Die Kommunisten können ihre Theorie in dieser einfachen Formel zusammenfassen: Abschaffung des Privateigentums“. Diese Abschaffung führt zu einer Negation der menschlichen Person. Jemanden das Recht auf Eigentum abzustreiten bedeutet, ihm das Recht zu verweigern, über die Früchte seiner Arbeit zu verfügen, mit anderen Worten gesagt, seine Autonomie und seine Freiheit in Abrede zu stellen. 

    — Die Anerkennung der Würde des Menschen hängt eng davon ab, ob ihm das Recht auf Eigentum zuerkannt wird oder nicht. (Pius XII. in seiner Ansprache beim Kongress über Privatrecht, 1948).

    Die Möglichkeit ein Vermögen zu bilden, so bescheiden es auch sein mag, und es an seine Ehefrau und seine Kinder zu vererben, ist legitim. Die Erbschaft ist eine Einrichtung, die sich auf Familie und Eigentum bezieht und auch die Tradition einschließt, die an die nachfolgende Generation überliefert wird.

    Drei Grundsätze, die ein Ganzes bilden

    Diese Übertragung des Eigentums in der Familie entspricht einer höheren Ordnung, die auch spirituelle und kulturelle Güter einschließt. Diese Weitergabe, in der die Familie eine privilegierte und unersetzbare Rolle spielt, ist die Tradition. Sie wird von jeder Generation durch neue Erfahrungen bereichert, Unnützes wird ausgeschieden. Ohne Tradition gibt es keinen authentischen Fortschritt.

    Ohne Eigentum keine Familie, ohne Familie keine Tradition, ohne Tradition keine christliche Zivilisation. Ohne christliche Zivilisation kann der Mensch das Ziel, das ihm von Gott gesetzt wurde, nicht erreichen.

Um sich in dieses Thema zu vertiefen, empfehlen wir folgende Enzykliken: Leo XIII. Quod apostolici muneris; Rerum Novarum. Pius XI. Quadragesimo Anno. Johannes XXIII. Mater et Magistra sowie auch zwei Bücher von Prof. Plinio Correa de Oliveira Revolution und Gegen-Revolution; Adel und analoge traditionelle Eliten.

Freitag, 25. März 2016

Mein Volk, was habe ich dir getan?

Mein Volk, was habe ich dir getan?

Plínio Corrêa de Oliveira


 Deine Feinde haben sich gegen Dich verschwört, Herr. Ohne viel Mühe haben sie den Pöbel gegen Dich aufgehetzt und dieser ist nun in Hass gegen Dich entbrannt. Hass umgibt Dich von allen Seiten, schließt Dich ein wie eine dichte Wolke, wirft sich Dir entgegen wie ein dunkler, kalter Sturm. Grundloser, rasender, unerbittlicher Hass. Er lässt sich nicht damit stillen, dass Du gedemütigt, mit Schmach bedeckt und mit Bitternis erfüllt wirst. Deine Feinde hassen dich dermaßen, dass sie Dich schon nicht mehr unter den Lebenden ertragen – sie wollen Deinen Tod. Sie wollen, dass Du für immer verschwindest, dass die Sprache Deiner Beispiele und die Weisheit Deiner Lehren verstummt. Sie wollen Dich tot, vernichtet, zerstört sehen. Nur so können sie den Wirbelsturm des Hasses besänftigen, der sich in ihren Herzen erhebt.
Jahrhunderte vor Deiner Geburt hat der Prophet Micha diesen Hass schon vorausgesehen, den das Licht der Wahrheit, die Du verkündigen würdest, und der göttliche Glanz der Tugenden, die dich schmücken würden, dereinst wecken sollten: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit dich beleidigt?“ (Buch Micha 6,3) Und die heilige Liturgie bringt Deine Gefühle zum Ausdruck, wenn sie den Ungläubigen von damals wie von heute zuruft: „Was hätte ich denn noch für dich tun sollen, was ich nicht getan habe? Wie einen auserwählten, kostbaren Weinberg habe ich dich gepflanzt, doch du hast dich für mich in Bitternis verwandelt; Essig hast du mir in meinem Durst zu trinken gegeben, und mit einer Lanze hast du das Herz deines Erlösers durchbohrt.“ (Improperien)
*   *   *
So groß war der Hass, der sich gegen Dich erhob, dass selbst die Autorität Roms, die damals über die ganze Welt das Urteil sprach, feige Schwäche zeigte, zurückwich und sich dem Hass jener beugte, die Dich grundlos töten wollten. Der römische Stolz, siegreich an Rhein, Donau, Nil und Mittelmeer, ertrank in der Wasserschüssel des Pilatus.
„Christianus alter Christus“, der Christ ist ein anderer Christus. Wenn wir wirklich Christen, das heißt, echte Katholiken sind, sind wir ein anderer Christus. Und es wird nicht zu vermeiden sein, dass der Wirbelsturm des Hasses, der sich gegen Dich erhoben hat, auch uns grimmig ins Gesicht bläst.
Und er tut es tatsächlich, Herr. Erbarme dich unser, mein Gott, und gib dem armen Schuljungen Kraft, der den Hass seiner Kameraden zu ertragen hat, weil er sich zu Deinem Namen bekennt und sich weigert, die Unschuld seiner Lippen mit unreinen Worten  zu entweihen. Ja, der Hass. Vielleicht nicht der Hass in Gestalt einer abstoßenden, wilden Schmähung, sondern in der schrecklichen Gestalt des Spottes, der Absonderung und der Verachtung. Gib dem Gymnasiasten Kraft, mein Gott, der zögernd mitten im Unterricht in Gegenwart eines gottlosen Lehrers und einer spottenden Klasse zu Deinem Namen steht. Gib dem Mädchen Kraft, mein Gott, das sich zu Dir bekennt, indem es sich weigert, sich in den von der Mode vorgeschriebenen Kleidern zu zeigen, weil diese Kleidung wegen ihrer Extravaganz oder Unsittlichkeit nicht zu einer echten Katholikin passt. Gib dem Intellektuellen Kraft, mein Gott, der zusehen muss, wie sich ihm die Türen des Ruhmes und der Ehren verschließen, weil er Deine Lehre verkündet und sich zu Deinem Namen bekennt. Gib dem Apostel Kraft, mein Gott, der sich den grausamen Angriffen der Gegner Deiner Kirche und der tausendmal peinlicheren Feindseligkeit vieler Kinder des Lichtes ausgesetzt sieht, nur weil er nicht mit den Verwässerungen, Verstümmelungen und Einseitig­keiten einverstanden ist, mit denen die „Klugen“ die Nachsicht der Welt für „ihr Apostolat“ nutzen.
Oh mein Gott, wie weise sind Deine Feinde! Sie fühlen, dass in der Sprache dieser „Klugen“ zwischen den Zeilen zu lesen ist, dass Du weder das Böse noch den Irrtum noch die Finsternis hasst. Und darum klatschen sie den Weisen und Klugen dieser Welt Beifall. So wie sie Dir in Jerusalem Beifall gezollt hätten, statt Dich zu töten, wenn Du vor dem Hohen Rat eben diese Sprache gebraucht hättest.
Herr, gib uns Kraft. Wir wollen nicht paktieren, nicht zurückweichen, nicht nachgeben, nicht verwässern, nicht zulassen, dass auf unseren Lippen die göttliche Makellosigkeit Deiner Lehre verblasst. Und selbst wenn eine Sintflut der Unbeliebtheit über uns hereinbrechen sollte, soll unser Gebet doch immer das der Heiligen Schrift sein: „Wahrlich, lieber auf der Schwelle liegen am Hause meines Gottes als in den Zelten des Frevels wohnen.“ (Ps 84,11b)
Jesus nimmt  das Kreuz  
aus der Hand der Henker entgegen
Doch das erfordert Geduld von uns, Herr. Eine Geduld, die mit verschränkten Armen und resigniertem Herzen die Fluten der Unbeliebtheit über den eigenen Kopf hereinbrechen lässt. Geduld ist die Tugend, die uns für ein höheres Gut Leiden ertragen lässt. Geduld ist also die Fähigkeit, für das Gute zu leiden. So braucht der Kranke Geduld, der unter der drückenden Last eines unheilbaren Leidens resigniert den Schmerz annimmt, den es ihm auferlegt. Geduld braucht auch derjenige, der sich um den fremden Schmerz kümmert, um zu trösten, wie Du, Herr, jene getröstet hast, die Dich aufgesucht haben. Geduld braucht derjenige, der sich dem Apostolat mit unbesiegbarer Liebe zuwendet und liebevoll die Seelen zu Dir zieht, die auf den Pfaden der Ketzerei oder im Schlamm der Begierde straucheln. Geduld braucht auch der Kreuzritter, der das Kreuz entgegennimmt und in den Kampf gegen die Feinde der Kirche zieht. Es tut weh, im Streit die Initiative zu ergreifen, Kampfgeist und Tatkraft in sich zu wecken und wach zu halten, die Gleichgültigkeit, die Mittelmäßigkeit, die Trägheit zu besiegen. Sich als würdiger Jünger des Löwen von Juda auf den unverschämten Gottlosen zu werfen, der die Herde unseres Herrn Jesus Christus bedroht. Erhabene Geduld derer, die kämpfen, streiten, die Initiative ergreifen, eintreten, sprechen, verkünden, raten, ermahnen und allein allen Hochmut, allen Dünkel, alle Anmaßung des frechen Lasters, des eleganten Makels, des sympathischen, beliebten Irrtums herausfordern!
Du Herr, bist ein Beispiel der Geduld gewesen. Deine Geduld bestand aber nicht darin, erdrückt unter dem Kreuz zu sterben, das man Dir auflud. Eine fromme Offenbarung erzählt, dass Du es liebevoll geküsst hast, als Du es aus den Händen der Henker entgegennahmst und dann hast Du es auf die Schultern geladen und hast es mit unbesiegbarer Kraft bis auf die Golgotha-Höhe hinaufgetragen.
Gib uns, Herr, diese Fähigkeit zu leiden. Viel zu leiden! Alles zu leiden! Heldenhaft zu leiden! Den Schmerz nicht nur zu ertragen, sondern ihm entgegenzugehen, ihn zu suchen und bis zu dem Tag zu tragen, an dem wir die Krone des ewigen Sieges erhalten.

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Es ist leicht, vom Leiden zu sprechen - schwer ist es zu leiden. Du, Herr, hast es bewiesen. Wie anders ist doch dein göttliches Heldentum, Herr, im Vergleich mit dem albernen, künstlichen Heldentum so vieler Soldaten der Finsternis. Du hast im Angesicht des Todes nicht gelächelt. Du, Herr, hast nicht zu denen gehört, die da lehren, dass man lächelnd durchs Leben gehen soll. Als Deine Stunde kam, hast Du gezittert, warst Du verwirrt, hast Du in Erwartung des Leidens Blut geschwitzt. Und in dieser Flut von leider nur zu gerechtfertigten Befürchtungen liegt die Bekräftigung Deines Heldentums. Du hast die ununterdrückbarsten Schreie, die schlimmste Bedrängnis, die schrecklichste Panik überwunden. Alles in Dir beugte sich vor Deinem menschlichen und göttlichen Willen. Über allem aber schwebte Deine unerschütterliche Entschlossenheit, das zu tun, wozu der Vater Dich gesandt hatte. Und als Du mit Deinem Kreuz den bitteren Weg gingst, versagten Dir wieder die natürlichen Kräfte. Du bist hingefallen, weil Du keine Kraft mehr hattest. Ja, Du bist hingefallen, aber erst als Du einfach nicht mehr weiterkonntest. Du bist gefallen, aber nicht zurückgewichen. Du bist gefallen, hast aber nicht das Kreuz liegen lassen. Du hast es auf den Schultern behalten, als sichtbaren, fühlbaren Ausdruck Deines Vorsatzes, es bis Golgotha hinaufzutragen.
Schenke uns Deine Gnade, mein Gott, damit wir im Kampf gegen die Sünde und gegen die Ungläubigen, wenn es denn sein muss, unter dem Kreuz zusammenbrechen, ohne aber je dem Weg der Pflicht und der Kampfstätte des Apostolats den Rücken zu kehren. Ohne Deine Gnade, Herr, vermögen wir nichts, überhaupt nichts. Wenn wir aber Deiner Gnade entsprechen, vermögen wir alles. Herr, wir wollen Deiner Gnade entsprechen.
Das Kreuz tragen heißt: sehr, sehr oft zu entsagen. Vor allem natürlich dem Unerlaubten, dem Sündhaften. Doch oft heißt es auch, dem zu entsagen, was an sich zwar erlaubt oder gar bewundernswert ist, infolge gewisser Umstände jedoch schlecht oder weniger vollkommen ist.
*     *     *
Auf Deinem Leidensweg, Herr, hast Du uns ein schreckliches und zugleich leuchtendes, wunderbares Beispiel des Verzichts auf das Erlaubte gegeben. Gibt es etwas Zulässigeres, Herr, als die Zärtlichkeit, als die Hingabe Deiner heiligsten Mutter? Alles, was wir von Ihr wissen, ist, dass wir, auch wenn wir noch so viel von Ihr wissen, nie alles von Ihr wissen können. So unermesslich ist der Ozean der Vollkommenheit und der Gnaden, den Sie enthält. Deine Mutter will Dich trösten. Sie will von Dir getröstet werden. Sieh doch! Nichts ist statthafter, als dass Du anhältst auf Deinem Kreuzweg, um Trost zu suchen, um Ihr Trost zu spenden.
Doch dann kommt der Augenblick der Trennung nach diesem eiligen Zwiegespräch. Welch ein Schmerz! Ihr müsst Euch voneinander trennen. Keiner von beiden zögert. Das Opfer geht seinen Lauf. Und Deine heilige Mutter bleibt am Wege zurück. Am besten sagt man gar nicht wie, Sie sieht Dich weitergehen, blutend, unsicheren Schritts, wankend, das letzte, größte Opfer vor Augen. Du tust Ihr leid. Maria folgt Dir mit den Augen, sieht Dich allein in den Händen von Henkern und Feinden. Wer wird Dich trösten? Was für ein unwiderstehlicher, hinreißender, ungeheurer Wille, Deinen Fußstapfen zu folgen, Dir zärtliche Worte zuzuflüstern, wie nur Sie es kann. Deinen göttlichen Körper zu stützen, sich zwischen Dich und Deine Henker zu stellen, und am Boden kniend wie jemand, der um ein unschätzbares Almosen bittet, einige der Schläge, die Dich treffen, auf sich selbst herabzuflehen, in der Hoffnung, dass sie Dich dafür weniger verletzen und Dein unschuldiges Fleisch weniger misshandeln! O Mutterherz, was musstest Du in diesem Moment erleiden!
Priestermütter, Missionarsmütter, Mütter von Ordensleuten, wenn ihr die Schwere der grausamen Trennung spürt, denkt an die Gottesmutter, die Ihren göttlichen Sohn allein auf dem Weg weiterziehen ließ, den ihm der Wille Gottes vorgezeichnet hatte. Und bittet Sie, dass Sie euch in eurem glücklichen Schmerz tröste.
Es gibt aber noch andere tausendfach unglückliche, verlassene Mütter. Mütter gottloser, Mütter ausschweifender, Mütter sündiger Menschen: auch ihr bleibt oft verlassen auf dem Schmerzensweg zurück, während eure Kinder ins Verderben eilen. Bittet die Gottesmutter, dass Sie euch tröste, dass Sie euch Mut und Ausdauer gebe, und dass Sie einen Teil der Schmerzen, die Sie auf diesem Weg erlitten hat, dafür darbringen möge, dass eure Kinder eines Tages zu euch zurückkehren können. Denkt an Maria und verzweifelt nicht! Für eure irregeleiteten Kinder wird die Gottesmutter die Stella Maris sein, der Meeresstern, der sie früher oder später in den Hafen leiten wird.

 (Aus “O Legionário” vom April 1943)

II - Seine Hände wurden gefesselt, weil sie das Gute taten

(Zweiter Teil)

Und diese Hände, so mild für rechtschaffene Menschen wie den hl. Johannes, den Unschuldigen, die Magdalena, die Bußfertige, diese Hände, die so furchterregend für die Welt, den Teufel und das Fleisch waren, warum sind sie nun gebunden und bluttriefend?


Aufgrund der Taten der Unschuldigen, der Bußfertigen etwa? Oder vielmehr durch das Werk derer, die durch sie die verdiente Strafe bekommen und sich gegen diese Strafe diabolisch aufgelehnt haben?

Ja, warum so viel Hass, warum diese Angst, dass es ratsam erschien, Deine Hände zu fesseln, Deine Stimme zum Schweigen zu bringen, Dein Leben auszulöschen?

War es, weil jemand befürchtete geheilt zu werden? Oder gestreichelt? Wer fürchtet sich vor der Gesundheit? Oder, wer hasst eine Liebkosung?

* * *

O Herr, um diese Ungeheuerlichkeit zu verstehen, muss man an die Existenz des Bösen glauben. Man muss erkennen, dass die Menschen so sind, dass ihre Natur sich leicht gegen das Opferbringen auflehnt und, wenn einmal der Weg der Auflehnung eingeschlagen ist, es keine Infamie und keine Unordnung gibt, zu denen sie nicht fähig sind. Man muss erkennen, dass Dein Gesetz Opferbereitschaft verlangt, dass es schwer ist, rein, demütig, ehrlich zu sein. Demzufolge ist es schwer, Deinem Gesetz zu folgen. Doch, Dein Joch ist mild, Deine Last ist leicht. Nicht aber, weil es nicht bitter ist, auf das Tierische, auf die Unordnung in uns zu verzichten, sondern weil Du selbst uns dabei hilfst.

Und wenn einer zu Dir Nein sagt, beginnt er sofort, Dich zu hassen, indem er das ganze Gute, die ganze Wahrheit, die ganze Vervollkommnung hasst, von denen Du die Verkörperung bist. Und wenn er nicht Dich in sichtbarer Weise zur Hand hat, um an Dir seinen satanischen Hass auszulassen, greift er die Kirche an, entweiht er die Eucharistie, lästert, schürt die Unsittlichkeit und predigt die Revolution.

* * *

Deine Hände sind gebunden, mein Jesus. Wo sind die Hinkenden und die Gelähmten, die Aussätzigen, die Blinden, die Stummen, die Du geheilt hast, die Besessenen, die Du befreit hast, die Sünder, die Du wieder aufgerichtet hast, die Gerechten, denen Du das ewige Leben geoffenbart hast? Warum kommen sie alle nicht, um die Deine Hände bindenden Stricke zu zerschneiden?

* * *

Merkwürdiges Paradox. Deine Feinde fürchten weiterhin selbst Deine gebundenen Hände. Und aus diesem Grund werden sie Dich töten. Deine Freunde scheinen Deiner Macht weniger bewusst zu sein. Und weil sie auf Dich nicht vertrauen, fliehen sie ängstlich vor denjenigen, die Dich verfolgen.

Warum? Hier zeigt sich wieder klar die Macht des Bösen. Deine Feinde lieben das Böse so sehr, dass sie selbst unter den demütigenden Stricken, die Dich fesseln, die ganze Kraft Deiner Macht wahrnehmen ... und zittern! Um sicher zu sein, wollen sie Dein letztes gesundes Fleisch in Wunde verwandeln, Deinen letzten Tropfen Blut ausfließen lassen und Deinen letzten Hauch vernehmen. Und selbst dann sind sie nicht beruhigt. Tot, jagst Du ihnen noch Schrecken ein. Dein Grab muss versiegelt werden und bewaffnete Männer müssen über Deinen Leichnam wachen. Wie doch der Hass gegenüber dem Guten sie so scharfsinnig macht, dass sie wahrnehmen, was an Dir unzerstörbar ist.

Doch im Gegenteil sehen die Guten dies nicht mit derselben Klarheit. Sie halten Dich für besiegt, verloren... Sie fliehen, um die eigene Haut zu retten. Sie haben Augen, sie haben Ohren, nur um die eigene Gefahr wahrzunehmen. Es ist nämlich so, dass der Mensch nur in bezug auf das, was er liebt, scharfsinnig ist. Und wenn er sein Risiko besser sieht als Deine Macht, ist dies so, weil er sein Leben mehr liebt als Deinen Ruhm.
O Herr, wie oft zittern Deine Feinde vor der Macht deiner Kirche, während ich elender, alles für verloren halte, weil ich sie gefesselt sehe!
* * *
Jedoch, wie haben Deine Feinde Recht behalten! Du bist auferstanden. Nicht nur die Stricke und die Nägel nutzten nichts, selbst der Grabstein und der Kerker des Todes konnten Dich nicht in Haft halten. Ja, Du bist auferstanden! Halleluja!
Mein Herr, welch eine Lehre! Angesichts Deiner verfolgten und gedemütigten Kirche, verlassen von den eigenen Kindern, verleugnet durch die heidnischen Sitten und die heutige pantheistische Wissenschaft, von außen bedroht durch die Horden des Bösen und von innen durch den Unbesonnenheit derjenigen, die mit dem Teufel paktieren wollen, was tue ich? Ich zögere, ich zittere, halte alles für verloren.

Mein Herr, tausend Mal Nein! Du bist durch Deine eigene Kraft auferstanden und hast die Bande, mit denen Deine Feinde Dich im Schatten des Todes gefangen halten wollten, vernichtet.

Deine Kirche nimmt an dieser inneren Kraft teil und kann in jedem Moment alle Hindernisse, die sie umgeben, zerstören. Unsere Hoffnung liegt weder in Konzessionen noch in der Anpassung an die Irrtümer unserer Zeit. Unsere Hoffnung liegt in Dir, o Herr.

Erhöre die Bitten der Gerechten, die durch die Fürsprache der Allerheiligsten Jungfrau Maria Dich bitten: Sende, o Jesus, Deinen Geist und Du wirst das Antlitz der Erde erneuern.
(Original Portugiesisch in „Catolicismo“ Nr. 16, April 1952)

I - Seine Hände wurden gefesselt, weil sie das Gute taten

Plinio Correa de Oliveira

(Original Portugiesisch in „Catolicismo“ Nr. 16, April 1952)


Warum ist Jesus von den Folterknechten gefesselt worden? Warum haben sie die Bewegungen Seiner Hände verhindert und sie mit dicken Stricken festgebunden? Nur der Hass oder die Furcht hätten eine Erklärung dafür geben können, warum jemand derart zur Immobilität und zur Ohnmacht reduziert wird. Warum ein solcher Hass gegen diese Hände? Warum eine solche Furcht vor ihnen?

Die Hand ist einer der ausdrucksvollsten und edelsten Teile des menschlichen Körpers. Wenn die Päpste und die Eltern den Segen erteilen, tun sie das mit einer Geste der Hand. Um zu beten, faltet der Mensch die Hände oder hebt sie gen Himmel empor. Wenn er Macht versinnbildlichen will, hält er das Zepter in der Hand. Wenn er Kraft zum Ausdruck bringen möchte, hält er das Schwert. Wenn er zu einer Menge redet, drückt der Redner mit Händen die Kraft seiner Gedanken aus, mit denen er überzeugen will oder den Ausdruck seiner Worte, mit denen er die Gemüter rührt. Mit der Hand überreicht der Arzt die Medizin; mit der Hand hilft der mildtätige Mensch den Armen, den Greisen und den Kindern.

Und deswegen küssen die Menschen die Hände derjenigen, die Gutes vollbringen, und fesseln die Hände, die Böses verrichten.

Deine Hände, o Herr, was haben sie getan? Warum wurden sie gefesselt?

* * *

„In principio erat verbum, et Verbum erat apud Deum“ (Joh 1,1). Wie kann man Deine transzendente, ewige und unaussprechliche Majestät beschreiben, als Du vor allen Dingen und vor allen Zeiten von dem höchstglorreichen und glücklichen Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit lebtest. Der hl. Paulus schaute dieses Leben, und das einzige, was er zu sagen vermochte, war, dass es mit menschlichen Worten nicht beschrieben werden kann. Von der Höhe dieses Thrones bist Du mit Liebesabsichten herabgekommen um die Menschen zu erlösen. Dafür hast Du mit eine unaussprechlichen Liebe unsere menschliche Natur angenommen. Du wolltest einen menschlichen Leib aus Liebe zu uns Menschen. Deine Hände wurde geschaffen, um das Gute zu tun. Wer vermag es zu sagen, o Herr, welche Ehre diese jetzt bluttriefenden und missgestalteten, und seit den ersten Tagen Deiner Kindheit doch so schönen und würdigen Hände, Gott gaben, als sie die ersten Küsse Unserer Lieben Frau und des hl. Josef empfingen? Wer vermag es zu sagen, mit welcher Zärtlichkeit sie die Hl. Jungfrau liebkosten? Mit welcher Frömmigkeit sie sich erstmals zum Gebet falteten? Und mit welcher Kraft, mit welcher Erhabenheit, mit welcher Demut sie in der Werkstatt des hl. Josef arbeiteten?

Hände eines vollkommenen Sohnes, was haben sie im elterlichen Hause anderes als das Gute getan?

* * *

Als Dein öffentliches Leben begann, warst Du hauptsächlich der Meister, der die Menschen den Weg zum Himmel lehrte. Und als Du der "kleinen Schar" Deiner erwählten die evangelische Vollkommenheit lehrtest, als Deine Stimme sich erhob und über die verzückte und andächtige Menschenmenge schwebte, bewegten sich Deine Hände, um auf die himmlische Wohnung hinzuweisen oder das Verbrechen anzuprangern und Deinem Worte all das Unsagbare hinzufügtest, durch das die Geste es bereichert. Und die Apostel, die Volksscharen glaubten an Dich, und beteten Dich an, o Herr.

* * *

Hände eines Lehrmeisters, aber zugleich Hände eines Hirten. Nicht nur lehrtest Du, sondern Du führtest auch. Die Aufgabe des Führens wirkt besonders auf den Willen, wie die des Lehrens auf die Vernunft. Und weil der Wille vor allem durch die Liebe gelenkt wird, hatten Deine göttlichen Hände geheimnisvolle und übernatürliche Tugenden, um die Kleinen zu liebkosen, die Bußfertigen aufzunehmen und die Kranken zu heilen. Sie besaßen eine so flammende, so überquellende, so mitteilsame Liebe, so dass von je her, immer wenn die Hände eines Christen - und besonders eines Priesters - sich bewegen, um die Kleinen zu liebkosen, die Bußfertigen zu trösten, den Kranken die Arznei zu reichen, ist die Liebe, die sie dazu anleiten nur ein Funke Deiner unendlichen Liebe, o mein Gott.

Aber diese Hände, so übernatürlich stark, dass sich unter ihrer Herrschaft alle Naturgesetze beugten und bei ihrem Wink der Schmerz, der Tod, der Zweifel flohen, hatten noch eine andere Aufgabe zu erfüllen. Hast Du etwa nicht vom gefräßigen Wolf gesprochen? Würdest Du ein Hirt sein, wenn Du ihn verjagen würdest? Und wenn Du alles mit einer unwiderstehlichen Kraft durchführst, wie könnte jemand nicht den Hieb der Knute spüren, die Du schwangest?

Den Wolf, ja... doch vor allem den Teufel. Dein Leben zeigt uns klar, dass der Teufel kein Wesen einer Fiktion ist; ein Wesen, dem so selten die Macht des Handelns gegeben wird, so dass es scheint, dass die große Mehrheit der Dinge geschehen, als ob er nicht existiere. Heuchler und Menschen mit unsittlichen Gewohnheiten, die in Richterroben oder Priesterkleidung dahergingen, das alles kommt in den Evangelien vor, nicht nur als Folge der menschlichen Verderbnis durch die Erbsünde und unserer Boshaftigkeit, sondern auch durch das Werk des Teufels, der aktiv, eifrig, hier und da Fallen stellt, und des öfteren seine Anwesenheit durch Um- und Besessenheit verrät.

Du pflegtest mit furchtbarer Befehlsmacht den Teufel auszutreiben, o Herr, und vor Deinem Wort, ernst und gebieterisch wie der Donner, edler und feierlicher als der Gesang der Engel, flohen erschrocken und besiegt die unreinen Geister. Dermaßen besiegt und so verschrocken, dass sie von da an Deinen Aposteln fügsam gehorchen mussten. Überall wo Dein verkündetes Wort von den Menschen angenommen wurde, flohen die Unreinheit, die Auflehnung, der Teufel immer. Sie begannen nur dann wieder ihre dunklen Flügel und ihre Verführungsmacht über die Menschheit auszubreiten, als die Welt Deine Kirche, deinen mystischen Leib ablehnte. Doch sie sind so vernichtet und so machtlos, dass es genügt, dass die Menschen wieder die Gnade Gottes annehmen, damit das Reich der höllischen Mächte wieder zerfalle und die Finsternis, die Unzucht und der Geist der Revolution zurückgewiesen werden in ihren geheimen Höhlen, aus denen sie vor Jahrhunderten entkamen.

Als Hirte beschränkten sich Deine göttlichen Hände nicht nur, den Stab gegen die geistigen, unsichtbaren Mächte zu schwingen, die nach dem hl. Paulus in der Luft schweben und das Verderben der Menschen suchen, sondern griffen auch den Teufel und das Böse in ihren sichtbaren und greifbaren Agenten an.

Das Böse, vor allem in Abstraktum betrachtet. Es gab kein Laster, das Du nicht anprangertest.

Aber auch das Böse in Konkretum, wie es in den Menschen existiert. Aber nicht nur in den Menschen allgemein, sondern in gewissen Gesellschaftsschichten - den Pharisäern zum Beispiel -, und nicht nur in gewissen Klassen, sondern auch höchst konkret in gewissen konkreten Personen: die Händler des Tempels sind auf den Seiten des Evangeliums verewigt, wegen der exemplarisch erlittenen Strafe.

Du hast die Sanftmut bis zum äußersten empfohlen, wenn nur persönliche Interessen im Spiel waren. Du willst, dass wir die andere Seite hinhalten, wenn wir eine Ohrfeige bekommen. Doch Du hast eine flammende und heilige Schmähung gebraucht, um die Pharisäer in Misskredit zu bringen; und Du hast die Geißel geschwungen, um die Händler blutend aus dem Tempel zu vertreiben. Es handelte sich dabei nicht um schier menschliche Rechte, sondern um die Sache Gottes. Und im Dienste Gottes gibt es Augenblicke, in denen das nicht Anprangern, das nicht Geißeln einem Verrat gleichkommt.

* * *
Weiter im Teil II

Donnerstag, 24. März 2016

„PATER NON MEA VOLUNTAS, SED TUA FIAT“

„PATER NON MEA VOLUNTAS, SED TUA FIAT“
Plinio Correa de Oliveira

„Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus, über den Bach Kidron hinüber, wo ein Garten war, in dem Er und seine Jünger eintraten“ (Joh 18,1).
Jesus verlässt Jerusalem. Es war kein gewöhnliches Aufbrechen, gefolgt von einer baldigen Wiederkehr, sondern eine wahre und endgültige Trennung.
Der Messias liebte die Heilige Stadt, ihre mit Ruhm bedeckten Mauern, den Tempel des lebendigen Gottes, der sich aus ihnen erhob, das auserwählte Volk, das in ihr wohnte. Deshalb predigte Er ihm die frohe Botschaft mit besonderer Liebe und Hingabe und bekämpfte sein Laster mit besonderem brennendem Nachdruck. Doch es verweigerte sich ihm. Er verließ also die verbannte Stadt.
Es war Nacht. Jerusalem glänzte in all seinen Lichtern. Es gab Wärme und Überfluss in den Häusern und lebhafter Betrieb in seinen Straßen. Eine große Sorglosigkeit lag über der frohen und friedlichen Stadt. Jesus, mit all seiner Schönheit, seinem Anmut, seiner Güte kümmerte sie wenig. Als Er die Stadt verließ, vernahm es niemand, niemand wusste es, vielleicht hier und da ein Spaziergänger, der Ihn mit Gleichgültigkeit begegnete. Um ihre Seelen zu führen, zogen sie Annas, Kaiphas und dergleichen vor. Um ihre nationalen Interessen zu wahren, reichten ihnen Herodes. Sie tolerierten Pilatus mit resignierter schlechter Laune. Unter der Wachsamkeit dieser geistlichen und weltlichen Hirten konnten sie ja nach Lust und Laune ungezwungen essen, trinken und sich vergnügen, und im nachhinein ihr Gewissen mit einem Gebet und einem Opfer im Tempel trösten. So erledigte sich alles in Schläfrigkeit und Anpassung.
Jesus, meinten sie, ist gekommen um diesen Frieden zu stören. Er sprach von Tod, Gericht, Himmel und Hölle ohne zu verstehen, dass für die Welt solche Predigten nicht angebracht waren; und das die erste Pflicht eines Rabbi in Anpassung an den Forderungen der Zeit bestand. Doch Jesus, als Kenner der heiligen Schriften, sehr gewandt in seiner Denkfähigkeit, mit hervorragenden Eigenschaften Menschenmengen zu beeindrucken und in vertraulich überzeugenden Gesprächen Menschen an sich zu ziehen, schien bemüht eine unumgängliche Unvereinbarkeit zwischen Religion einerseits und ein nach Herzenslust sorgenfreies und hemmungsloses Leben andererseits aufzuweisen. So spaltete Er die zwei Teile eines Bogens und bewirkte früher oder später den Zusammenbruch dieses Systems. Doch das störte Ihn nicht, denn es war vernunftwidrig. Um die gefährlichen Folgen Seiner Worte hervorzuheben, wirkte Er Wunder. Gestützt auf das Ansehen, die diese Ihm einbrachten, verwirrte Er die Geister noch mehr, als Er ihnen lehrte, dass der Weg, der zum Himmel führt, schmal ist und ihnen die Notwendigkeit der Reinheit, der Redlichkeit, der Rechtschaffenheit einschärfte, um diesen Weg einzugehen. Hatte Er, der Erbarmen predigte, denn kein Mitleid mit den Seelenkämpfen, der Gewissensdramen, die Er damit hervorrief? Er, der die Demut predigte, sah Er nicht ein, dass es notwendig war, sich mit dem Beispiel der Vorsicht, die ihm die Hohenpriester  gaben, abzufinden?
Es ist wahr, dass es eine Zeitlang so aussah, als ob Er siegen würde. Doch der Hohe Rat handelte zeitlich. Er öffnete freigebig seine Schatztruhen, schickte Abgesandte, die im Volk Vorbehalte gegen den Eindringling erwecken sollten. Sie waren sehr geschickt und verstanden die richtigen psychologischen Saiten der Menschen anzuschlagen. Damit waren die Aussichten des Rabbi beseitigt. Jerusalem würde nicht ihm gehören. Sein Tod war beschlossen und das Volk würde ihm zustimmen. Dieser Todesbeschluss wäre die letzte und unbedeutende Folge  ihrer Machenschaften. Ein kleiner Fall für die Polizei. So wäre denn der „Fall“ Jesus erledigt. Das Volk konnte sich wieder den Belustigungen, dem Gold und der endlosen Tempelzeremonien hingeben. Alles konnte wieder zur normalen Tagesordnung übergehen. Ja, eine große Sorglosigkeit erfrischte die Luft in dieser üppigen und ruhigen Nacht.
Die Predigten Jesu waren beendet und Er verließ die Stadt, weil dort nichts mehr zu tun war. Teilzuhaben an dieser lauen und schläfrigen Ruhe, in der die Gewissen schliefen, die Er zu wecken versucht hatte, war mit Seiner Vollkommenheit nicht vereinbar. Das einzige, was Er noch tun konnte, war, die Stadt zu verlassen, um eine vollständige Entfremdung, eine absolute Trennung, eine unumwundene Unvereinbarkeit zu verstehen zu geben.
Und Er ging! Es blieben zurück die Lichter der Stadt und Er trat in die Finsternis der Nacht. Es blieb zurück die Menge der Menschen. Mit ihm nahm Er nur eine Handvoll, die ihm folgten. Zurück blieb alles, was Macht, Reichtum und weltlicher Ruhm war. Er zog sich zurück an einen abgelegenen, einsamen, armen Ort, nur gefolgt von einigen Unbekannten, die keine gesellschaftliche, keine nennenswerte kulturelle Bedeutung hatten, nichts. Es blieben zurück die Freuden des Lebens. Er ging der Trostlosigkeit der Verlassenen entgegen, der schrecklichen Qual derjenigen, die auf den Tod warten.

„… und Er sagte zu seinen Jüngern: ,Setzt euch hier nieder, während ich bete!‘“ (Mk 14,32)
Die Einsamkeit Jesu war viel größer, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Apostel folgten ihm, das ist wahr. Doch ihre Seele hing noch an allem, was sie bei dieser furchtbaren Trennung zurückgelassen hatten. Große Angst überkam sie, in der Vorausahnung was die nächsten Stunden ihnen bringen würden. Sie waren schon nicht mehr in der Lage zu beten. Das war der Anfang der Fahnenflucht, denn wer nicht betet gleitet den Abgrund hinunter. Beten konnten sie nicht. Zurück nach Jerusalem wollten sie nicht. Also blieben sie „sitzen“. Und sie haben zugelassen, dass der Meister ein Stück weiter ging und alleine blieb. Wahrscheinlich fühlten die Apostel sich als Helden, als sie dort sitzen blieben. Sie waren dermaßen mit ihrem eigenen Leid beschäftigt, dass sie an das Leid des Herren gar nicht dachten. Sie ließen sich von ihrem eigenen Schmerz erdrücken; und da saßen sie, kurz darauf schliefen sie ein, und etwas später ergriffen sie die Flucht.
Schreckliche Lehre für die, die den langen Weg in Richtung Vollkommenheit beschritten haben!
Jesus hatte ihnen gesagt: „Betet, dass ihr nicht in Versuchung fallet!“ (Lk 22,40). Sie haben nicht gebetet und erlagen…

„Er nahm Petrus und die beiden Zebedäussöhne mit sich und begann zu zittern und zu zagen“ (Mt 26,37).
Auswahl. Einige waren weniger abgestumpft durch den Schmerz der Verlassenheit, der Niederlage, der völligen Trennung von der Welt. Ihnen schmerzte das Leiden Jesu mehr als den anderen. Sie wurden beiseite gerufen und durften den Beginn der kostbaren Schmerzen des Erlösers mit ansehen.
Wie viele erhalten den gleichen Ruf! Die Gnade ruft sie zu einer größeren Frömmigkeit, zu einem tieferen Glauben, zu einem genaueren Verständnis der schrecklichen Lage der Kirche in unseren Tagen. Um dieser Gnade zu entsprechen, muss man den Mut haben, an der Traurigkeit Christi teilzunehmen. Dazu bedarf es eines großmütigen, starken und ernsthaften Geistes.
Wie wird eine solche Gnade abgelehnt? Indem man die Traurigkeit Jesu ablehnt: Man lebt nur für Kleinigkeiten, vergöttert den Sport, macht aus Radio und Fernsehen das Zentrum des Lebens, Witze werden zum einzigen Gesprächsthema, man will von den schweren Aufgaben, die die Zeit auferlegt, nichts wissen, weil man sich in die kleinen Angelegenheiten des täglichen Lebens versenkt.
Solche Seelen haben nicht Teil an den vertraulichen, anbetungswürdigen Beziehungen zu den Schmerzen des Herzen Jesu. Sie sind wie Kröten, die mit dem Bauch am Boden herumkriechen und nicht wie Adler, die mit ihrem kräftigen Flug die Weiten des Himmels durchkreuzen.

„Und Er sagte zu ihnen: ,Meine Seele ist betrübt bis in den Tod; bleibt hier und wacht mit mir‘“! (Mt 26,38).
„Meine Seele ist betrübt“, sagt Jesus, und nicht „ich bin betrübt“. Damit wollte Er bedeuten, dass die Qual, in der Er sich befand rein seelischer, moralischer Natur war. Das körperliche Leiden hatte noch nicht begonnen. In der Leidensgeschichte Jesu wird das körperliche Leiden besonders hervorgehoben, und das ist gut so. Doch die Andacht zum Heiligsten Herzen Jesu weist auf die seelische Marter Jesu hin, und das ist besser. Denn die Schmerzen des Geistes greifen tiefer, sind quälender aber doch viel edler als die Marter des Leibes, und sie widersetzen eher den seelischen Fehlern, die Gott so sehr beleidigen.
Was litt Christus in seiner Seele? Was sollen wir leiden?
Weil der Wille des Ewigen Vaters verletzt, Jesus, unser Herr, abgelehnt, verneint, gehasst wurde. Denken wir darüber nach, messen wir das Ausmaß und den Ernst dieser Lage, so werden wir in uns die seelischen Schmerzen Unseres Herren mitleiden.
Christus und seine Kirche bilden ein Ganzes. Jedes mal wenn wir ein unmoralisches Werbeplakat sehen, ein falsches Urteil hören, eine Einrichtung oder ein Gesetz wahrnehmen, das der katholischen Lehre widerspricht, müssen wir leiden. Wenn wir dafür kein Eifer und keine Kraft haben, dann taugen wir nur zum „sitzenbleiben“ und um in der Stunde der Gefahr zu fliehen.
„Betrübt bis in den Tod“, das heißt bis an die Grenzen des menschlich Möglichen. Die Betrübnis mit anzusehen wie das Gesetz verletzt, die Kirche verfolgt, die Ehre Gottes verkannt wird, muss in uns eine äußerste Betrübnis sein und nicht eine kleine emotionale und vorübergehende Traurigkeit, wie sie frivole und leicht erregbare Seelen an den Tag bringen, ähnlich wie Irrlichter über Sümpfe und Friedhöfe flackern.
Das ist eine oberflächliche Traurigkeit, die keine ernsten Vorsätze, tiefen Eifer, echte Entsagung von allem hervorbringt, um nur im Kampfe zu leben. Jemand, dessen „Seele betrübt“ ist, tröstet sich nicht mit Zeitschriften, Kleidung, Restaurants, Spazierfahrten, ehrlichen – oder unehrlichen – Bagatellen! Er kann nur in großem Kummer leben, weil die Ehre Gottes beleidigt wurde und sie findet nur und ausschließlich Trost im geistlichen Leben und im Apostolat.
„Bleibt hier“, das heißt, kehrt nicht zurück und vermischt euch nicht unter die Verdorbenen Kinder Jerusalems, auch nicht zu den Lauen, die ein paar Schritte abseits schliefen.
„Wachet mit mir“. Ja, nimmt Anteil an meiner Einsamkeit, an meiner Niederlage, an meinem Schmerz. Macht daraus euren Ruhm, eure Freude, euren Reichtum.

„Er ging ein wenig weiter, fiel auf sein Angesicht“ (Mt 26,39).

Warum „ging Er ein wenig weiter“, wenn Er doch wollte, dass die drei Apostel bei Ihm bleiben sollten? Bei Jesus bleiben, bedeutet, im Geiste in Seiner Nähe bleiben, Ihm beistehen. Es bleibt bei Ihm derjenige, der aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit vollem Verstand in der Kirche ist. Es bleibt bei Unserem Herren der, der in den Stunden seines Leidens nur an Ihn denkt und nicht an sich selbst. Es bleibt bei Jesus der, der nur an Ihn denkt und nicht an die Welt, ihren Geist und ihren Gelüsten.
Jesus ging nur „ein wenig“ weiter, „etwa einen Steinwurf weit“, schreibt der hl. Lukas (22,41). Warum „weitergehen“? Und warum nur „ein wenig“? Unser Herr wollte in Sichtweite bleiben, Er wollte gesehen werden, um die Treue der drei erwählten Apostel zu bewahren, Er wollte sie trösten und sich trösten, in dem Er sie in der Nähe wusste. Doch es war angebracht, dass Er sich ein wenig entfernte, denn es war eine äußerst schwere Stunde gekommen. Er würde mit Gott Vater sprechen und Gott Vater mit Ihm. So wie in der jüdischen Liturgie der Priester nur Er alleine in das Allerheiligste (Sancta sanctorum) eintrat, so wollte Jesus auch alleine diesen ersten Schritt seines Leidensweges gehen.
Haben wir solche heiligen Einsamkeiten der Seele, Gipfel, auf denen nur Gott und wir sind, wo kein Freund, keine irdische Liebe zugegen ist, auf dem wir nur den Blick unseres Seelenführers zulassen? Oder sind wir von der Sorte, dessen Seele keine Zurückhaltung und kein Adel kennen, offen für alle Winde, alle Blicke, alle Schritte, wie ein gewöhnlicher öffentlicher Platz?
Er „fiel auf sein Angesicht“. Äußerste Demütigung, vollständige Entsagung.
Welch eine Vorbereitung für das Gebet! Wenn wir mit Gott sprechen, werfen wir uns zuvor nieder? Das heißt, gehen wir demütig, bereit zu gehorchen, bereitwillig allem zu entsagen, unser Nichts einsehend? Oder gehen wir mit Vorbehalt, mit Andeutungen, mit schmerzenden Punkten, an denen Gott von uns kein Opfer verlangen kann? Wenn wir die Kirche hören, werfen wir uns nieder, indem wir auf all unsere Meinungen und Willen verzichten, um nur zu gehorchen? Bei denen, die uns erbauen durch die Hinführung zur Kirche und zum Papst, werfen wir uns da nieder und nehmen ihren Einfluss an, oder erheben wir Barrieren und Einwände?

„… betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst.“ (Mt 26,39)
Niedergeworfen auf die Erde und zugleich beten! Mit dem Körper auf dem Boden, das Niedrigste, was es gibt, und mit der Seele sich erhebend zum Höchsten des Himmels, zum Throne Gottes! In dieser Haltung besteht die Unbesiegbarkeit des echten Katholiken. Auf dem Höhepunkt der Not, der Demütigung, der Verlassenheit, trägt er noch in der Hand die Waffe, die alle Gegner besiegt. Wie wahr ist das, in den Kämpfen des innerlichen Lebens! Wir sehen keine Mittel, um einen Ausweg zu finden oder zu widerstehen, wir beten… und siegen letztendlich. Wie wahr ist das im Apostolat! Erschreckt uns die Wucht der heidnischen, gottlosen Welle? Denken wir sofort an Konzessionen, bei denen wir das Nebensächliche opfern, weil es nebensächlich ist; an das zweitrangige Wesentliche, weil es zweitrangig ist, und zuletzt an das Hauptsächlichste… „um ein größeres Übel zu verhindern“? Wenn wir um die Macht des Gebets wüssten, wenn wir „mit dem Angesicht zu Boden fallen“ würden, würden wir auch die Wirksamkeit unserer übernatürlichen Waffen, den Sinn, den Wert und den Nutzen der christlichen Kompromisslosigkeit besser verstehen. Der göttliche Erlöser litt hier für die Pessimisten, die Entmutigten, die keine Ahnung haben von der siegessicheren Kraft der Kirche.
„So gehe dieser Kelch an mir vorüber…“ Welcher Kelch? Es war das erbarmungslose, erdrückende, ungerechte Leiden, das herannahte. Hier litt der göttliche Meister für die, die durch Optimismus sündigen, für jene, die, angesichts der Perspektiven des Kampfes, der Qual, des Schmerzes, die Vogelstrausspolitik anwenden und meinen, alles werde schon gut ablaufen. Das Leid vorhersehen und sich mutig darauf vorbereiten, ist allerhöchste Tugend. Und das gilt sowohl für unser Privatleben, als auch für die Anliegen der Heiligen Kirche. In dieser Zeit, in der sie dermaßen angegriffen wird, können wir nicht die Dummheit begehen zu sagen, es wird schon alles gut gehen. Erkennen wir den Ernst der Stunde, blicken wir mutig und christlich den Drohungen der Zukunft entgegen, mit entschlossenem und vertrauensvollem Gemüt, bereit, durch Gebet, Kampf und vollständiger Annahme des Opfers, zu reagieren.
Dies ist das Beispiel, das der göttliche Meister uns gegeben hat: Sich von allem zurückziehen, um von Angesicht zu Angesicht mit Gott das Meer der Schmerzen, das auf Ihn zukam, in ihrem ganzen Umfang zu messen und vor diese Perspektive Stellung zu nehmen.
Welche Haltung:  „wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst.“
Zwei inständige Bitten sind hier enthalten. In der einen bittet der Gott-Mensch, dass der Schmerz „wenn möglich“ an ihn vorüber gehe. In der anderen nimmt Er ihn an, wenn es nicht möglich sein sollte ihn zu verhindern.
Welch heilige Haltung. Nichts theatralisches; ohne Eitelkeit. Schmerzen verursachen im Menschen von Natur aus Angst. Unser Herr, der nicht nur wahrer Gott sondern auch wahrer Mensch war, hatte Angst vor den Schmerzen, die Er voraussah. Deshalb bat Er, dass sie „wenn möglich“ entfernt werden sollten. Schmerzen verhindern zu wollen ist legitim, weise und heilig. Aber sie um jeden Preis verhindern zu wollen, nein: nur „wenn möglich“.
„Wenn möglich“: Was bedeutet das? Wenn angesichts dieser Bitte eines Gerechten, der zermalmt in der Voraussicht der Schmerzen daliegt, der göttliche Wille sich gütig erweisen könnte, indem Er diesen Schmerz vorüber gehen ließe, dann sollte es so sein. Wenn aber die Beseitigung dieses Schmerzes eine Änderung in den Plänen der Vorsehung bedeuten würde, eine Verminderung der Ehre Gottes und des Wohles der Kirche — die gegründet werden sollte —, und der Seelen zur Folge haben würde, dann wäre es besser alles zu leiden.
„Wenn möglich“ … Ein erhabener Bedingungssatz, den die Welt nicht kennt. Und deshalb ist die ganze Welt in Krise, in Gefahr, in Agonie. Güter der Erde, Reichtum, Ruhm, Gesundheit, Schönheit, dies alle ist gut in dem Maße, in dem wir den Willen Gottes alledem überordnen. Wenn es aber notwendig ist, allem zu entsagen, weil es auf Grund diesem oder jenem äußeren oder inneren Umstand „nicht möglich ist“, diese Dinge zu besitzen, ohne Gott zu missfallen, dann entsagen wir doch vollständig allem. Wenn alle Menschen so denken und fühlen würden, wäre die Welt eine andere! Weil aber dieser Bedingungssatz fehlt, der jede Ordnung und jedes Gut in sich trägt, liegt unsere Zivilisation im Sterben.
„Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Worte auf denen das ganze Leben der Kirche, der Seelen und der Völker beruht. Es sind heilige, süße, harte und schreckliche Worte, die der moderne Mensch nicht verstehen will. Sie sind eine perfekte Definition des Gehorsams, dieses Gehorsams, den seit Luther die Welt mehr und mehr hasst.
Ja, es geschehe der Wille Gottes und nicht meiner: ich werde den Gebote folgen und nicht meinen Launen! Ich werden denken wie der Papst, auch wenn mir eine andere Lehre vorzüglicher erscheinen würde. Ich werde allen gehorsam sein, die über mich eine legitime Obrigkeit ausüben, weil sie Gott vertreten: deshalb werde ich ihren Willen walten lassen und nicht meinen!
Mein Jesus, wie kann man, angesichts dessen noch sagen, dass Du ein Umstürzler warst und dass Du gekommen bist, die Revolution in die Welt zu bringen?

 Nach diesem Bittgebet, Schweigen. Die Evangelien berichten uns nicht, welche Antwort Jesus erhalten hat, auch nicht was Er darauf erwiderte. Warum auch? Und mit welchen Worten? Wahrscheinlich gab es nur eine einzige Person auf Erden, die alles gesehen, alles gewusst und alles angebetet hatte: Seine Mutter Maria war ohne Zweifel im Geiste gegenwärtig und an allem beteiligt.
Das Thema ist zu erhaben, als das wir dieses Schweigen deuten können, das selbst die Evangelisten nicht brechen wollten. Bitten wir der Mittlerin aller Gnaden, sie möge uns einführen in die stille geistige Sammlung und in die unaussprechlichen Geheimnisse dieses Schweigens.
Jesus hat es angenommen. „Da erschien Ihm ein Engel vom Himmel und stärkte Ihn. Voll innerer Erregung betete Er noch eindringlicher, und Sein Schweiß rann wie Blutstropfen zur Erde nieder“ (Lk 23,43-44).
So fing nun die Passion an. Jesus hatte den Schmerz und den Tod vorausgesehen und sie angenommen. Die bloße Voraussicht des Unvermeidlichen versetzte Ihn vor einen bedrückenden Berg der Qualen.
Doch „ein Engel stärkte Ihn“. Ja, Sein demütiges Gebet wurde erhört. Gott gab Ihm Kraft den unerträglichen Schmerz zu ertragen, die unannehmbare Ungerechtigkeit ergeben anzunehmen.
Wenn wir das verstehen würden! Die Gebote scheinen uns allzu schwer, es braust in uns der Sturm der liederlichen Begierlichkeiten und der teuflischen Versuchungen. Wenn wir verstehen würden, dass dies die Stunde Gottes ist, wenn wir „noch eindringlicher beten“ würden, wenn wir den Besuch des Engels aufnehmen würden, der uns Stärkung bringt! Ja, denn auch zu uns kommt der Engel immer, sodann wir beten. Mal ist es eine innere Bewegung der Gnade, mal ein gutes Buch, das wir lesen, mal ein Freund, der uns einen guten Rat gibt oder mit gutem Beispiel vorangeht. Doch wir beten nicht. Die Folge ist: wir fallen.
In Christi Leiden kam der Engel auf Grund Seines Gebets. Nachdem Er Ihn gestärkt hatte, betete Jesus weiter: Ja, noch eindringlicher beten, ist das große Geheimnis des Sieges. Wer betet, wird gerettet werden, wer nicht betet, geht verloren, sagte der hl. Alphons von Liguori. Und wie hatte Er recht! Jesus hat Blut geschwitzt. Das erlösende Blut quoll hervor, durch die Last der seelischen Schmerzen. Man kann sagen, dass es Blut des Herzens war. Welch wunderbares Thema für die Verehrer des Heiligen Herzens.
Blut schwitzen ist der äußerste Schmerz. Es ist der Gipfel der Last des Seelenleidens auf den Leib. Man könnte sagen, dass Jesus hier schon alles an Leiden ertrug, was Er nur konnte. Indessen war noch nicht einmal der erste Schritt des Leidenweges getan.
Wie kann man diese fast unmögliche Widerstandfähigkeit erklären? Sein Martyrium begann, wo es bei anderen schon den Höhepunkt erreicht hatte.
Weil „ein Engel vom Himmel Ihn stärkte“, und „Er noch eindringlicher betete“
O, der Wert des Übernatürlichen! Und wir wagen zu behaupten, dass wir im geistlichen Leben oder in den Kämpfen des Apostolats versagen aus Mangel an Kräften!
Dreimal sagte der Herr sein „Fiat“ (vgl. Mt 26,39-44). Und nach jedem Mal kam Er zu seinen Jüngern zurück.
Beim ersten Mal „fand Er sie schlafend“ (Mt 26,40). Und Er riet ihnen: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist zwar willig, das Fleisch aber ist schwach“ (Mt 26,41).
Doch sie machten sich nichts draus. Warum? Weil sie müde waren. Von einer Müdigkeit befallen, die aus zwei Übermäßigkeiten bestand: Verzweiflung einerseits und andererseits Eingebildetheit. — Die Verzweiflung: Angesichts der menschlichen Niederlage Jesu waren ihre Träume weltlicher Größe zerstört. Was blieb ihnen? Diese Dunkelheit, diese Einsamkeit, dieser harte schlichte Boden, auf dem sie saßen. Die Karriere war vernichtet, o Schmerz aller Schmerzen! Unter der Last dieses Schmerzes, das einzige, was zu tun war, war schlafen. — Die Eingebildetheit: Indessen hielten sie sich für starke Typen. Sie hatten ja so viel gekämpft und es wäre sicherlich beleidigend, an ihren Mut zu zweifeln. Überzeugt von ihrer Widerstandskraft, sorglos über ihre Beharrlichkeit, verbrachten sie die Zeit, schlafend…
Eine Müdigkeit vor allem auch aus Ungehörigkeit. Der Herr litt und sie schliefen! Was brachte ihnen denn der Herr? War es nicht schon ein großer Gefallen, bei Ihm zu sein inmitten dieser Verlassenheit? Was wollte Er mehr? Das sie noch außer der Zeit beteten? Nein. Er sollte wachen, wenn Er wollte. Die Jünger gingen schlafen.
Je mehr man schläft, desto schwerer wird der Schlaf. Das ist genau der Entwicklungsprozess der Lauheit. Beim zweiten Mal „fand Er sie wiederum schlafend; denn ihre Augen waren schwer“ (Mt 26,42). Es war der Schlaf der Mittelmäßigkeit, der Nachlässigkeit, der Trägheit. Folgten sie noch dem Meister? Ja und nein. Ja, denn letztlich waren sie noch da. Nein, weil sie Ihm nicht mehr gehorchten. Er litt und sie schliefen. Es war der Anfang der Trennung.
Wie kommt es zu einem so verhängnisvollen Absturz? Schlafen, während Jesus spricht, ist für mich zerstreut, übellaunig, lau sein, genauso wenn zu mir die Vertreter der Heiligen Kirche sprechen, diejenigen, die mich auf dem Weg der Heiligkeit führen sollen, die für mich durch ihr Beispiel die Orthodoxie, den Edelmut, den Hunger und den Durst nach Tugend darstellen. Wenn ich diesem Schlaf verfalle, was gibt es anderes zu tun als aufzustehen und „wachen und beten, um nicht in Versuchung zu fallen“? Wenn ich es aber nicht tue, was sind die Folgen? Das Scheitern im geistlichen Leben und in der Berufung.
Beim dritten Mal sind die Worte Jesu, Worte des Tadels: „Ihr schlaft noch und ruht! Seht, die Stunde ist gekommen, da der Menschensohn überliefert wird in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen!  Seht, mein Verräter naht!“ (Mt 26,45-46).
Nun ist die Stunde vorüber. Nicht einmal die zärtliche und schmerzvolle Bitte hatte sie gerührt: „Konntest du nicht eine einzige Stunde wachen?“ (Mk 14,37).
„Und sogleich, während Er noch redete, erschien Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und Knütteln“ (Mk 14,43). Kurz darauf „verließen Ihn alle und flohen“ (Mk 14,50).
Ja, sie flohen alle, weil sie lau waren, haben geschlafen, haben nicht gebetet. Wenn ich, Herr, nicht fliehen will, muss ich fest sein, darf nicht schlafen, ich muss beten.
Gib mir, Herr, diese Gnade der Beharrlichkeit in allen Situationen, in allen Nöten, in allen Erbitterungen. Die Gnade der Treue in allen Verlassenheiten, in allen Hilflosigkeiten, in allen Niederlagen. Die Gnade der Standhaftigkeit, auch wenn alle Dich verlassen, unterdrückt vom Schlaf oder irregeworden durch die Lüsternheit der weltlichen Dinge. Oder sonst, mein Gott, nimm mich von diesem Leben. Denn eines möchte ich nicht: Fliehen!
Durch die allmächtige Fürsprache  Deiner heiligsten Mutter bitte ich Dich um diese Gnade der Beharrlichkeit, o mein Herr Jesus.