Mittwoch, 5. Dezember 2018

Sühneopfer - Die hl. Therese von Lisieux



 Msgr. Ascânio Brandão
Die heilige Therese vom Kinde Jesu gehört sozusagen zu unserer Zeit — in Kürze feiern wir ihren fünfzigsten Todestag —, und viele Menschen, die noch unter uns sind, sind absolut Zeitgenossen der jungen Karmelitin, die im Alter von 24 Jahren verstarb. Glücklicherweise wurde die Fotografie schon zu ihrer Zeit erfunden, also haben wir authentische Porträts der großen „kleinen Heiligen“: einzigartig schön, mit regelmäßigen Gesichtszügen, leuchtendem und weitem Blick, fester Haltung und entschlossenem Antlitz offenbart ihre Physiognomie anscheinend gegensätzliche Eigenschaften — zumindest für die liberale Mentalität — wie Güte und Festigkeit, Vornehmheit und Einfachheit, vollkommene und absolute Selbstbeherrschung und eine anziehende Natürlichkeit. Wenn wir keine Fotos von dieser heiligen Rose des Karmel hätten, würden wir eine Vorstellung von ihr haben wie viele ihrer Bilder und Statuen uns präsentieren: süß, von einer sentimentalen und fast romantischen Süße, gut, von einer rein menschlichen Güte und ohne jeglichen Hauch des Übernatürlichen, endlich eine junge Frau von guten Neigungen, aber von übertriebener Empfindlichkeit ... niemals eine Heilige, eine authentische und echte Heilige, ein funkelndes Licht im geistigen Firmament der Kirche des Wahren Gottes. Wenn auch nicht die gesamte Ikonographie, so doch wenigstens eine bestimmte Ikonographie, hat es fertiggebracht, nicht die Eigenschaften der Heiligen, doch aber ihre Physiognomie stark zu verändern. Das gleiche gilt für ihre Biographie. Eine gewisse sentimental-religiöse Literatur fand Mittel, ohne die biographischen Daten der hl. Theresia zu verfälschen, bestimmte Episoden ihres Lebens so einseitig und oberflächlich zu interpretieren, dass sie ihre Bedeutung irgendwie entstellten. Die ikonographischen und biographischen Entstellungen waren alle in eine Richtung gerichtet: die tiefe, bewundernswerte, heroische und unsterbliche Bedeutung des Lebens der unsterblichen „kleinen Heiligen“ zu verbergen.
Am fünfzigsten Jahrestag ihres Todes werde ich, der ihr sehr viel Dank schulde, versuchen, mit einem doktrinären Kommentar zu ihrem Leben in ehrerbietiger Liebe einen Teil dieser Schuld zu begleichen.
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Die von Adam und Eva begangene Erbsünde und die später von der Menschheit praktizierten Sünden sind Vergehen gegen Gott. Um diese Vergehen einzulösen und den göttlichen Zorn zu besänftigen, war es notwendig, dass die Menschheit Sühne leiste. Diese Sühne war wie eine Gegenleistung, die das Fehlverhalten ausgleichen würde: in gewisser Weise eine Wiedergutmachung. Durch die Sünde hat sich der Mensch unverdienterweise Freuden, Vorteile, Wohlgefühle angeeignet, auf die er kein Recht hatte. Um die Gerechtigkeit zu sühnen, hätte er notwendigerweise alles verlassen, vernichten und opfern müssen. Das sühnende Opfer nimmt dann den Wert eines Lösegeldpreises an, durch den man das begangene Vergehen wiedergutmacht. Um diese Sünden zu tilgen, hat die Heilige Kirche einen Schatz. Schauen wir mal von welcher Natur er ist.
Natürlich ist es kein Schatz materiellen Reichtums. Es ist ein moralischer und spiritueller Schatz, wie die moralische Natur der Fehler, die es zu lösen gilt, erfordert. Dieser Schatz besteht in erster Linie aus den unendlich kostbaren Verdiensten unseres Herrn Jesus Christus, die bei seinem heiligen Erlösertod von Gott angenommen wurden und die Erlösung der Menschheit bewirkten. Die Leiden, die Tugenden, die Sühne der sündigen Menschen wären völlig unfähig, den göttlichen Zorn zu besänftigen. Doch dazu würde das Heilige Opfer des Gottmenschen alleine genügen. Mehr noch, ein bloßer Tropfen des kostbaren Blutes hätte ausgereicht, die ganze Menschheit zu erlösen.
Aber durch die unergründlichen Bestimmungen der göttlichen Vorsehung war die Erlösung in der Tat nicht in dem Augenblick wirksam, als das erste Blut des Erlösers für uns vergossen wurde, sondern nur, als er nach einer Flut von Qualen für uns am Kreuz verschied. Durch eine ebenso geheimnisvolle Gesinnung Gottes begnügt Er sich nicht mit dem überreichlich genügenden Opfer des Erlösers. Die Menschheit ist erlöst, und tatsächlich ist das Erlösungswerk beendet. Aber um die Sünder zu erretten, für ihre gegenwärtigen Sünden zu sühnen, damit die verirrten Seelen das Opfer des Gottmenschen nutzen, ist es notwendig, das auch wir Verdienste haben müssen.
Die Schatzkammer der Kirche besteht daher aus zwei Parzellen: der einen, unendlich kostbar, überreich genug, überreichlich wirksam - es sind die Verdienste unseres Herrn Jesus Christus; der anderen, winzig kleine, wertlose, unbedeutend - es sind die Verdienste von Menschen, die während des ganzen Lebens der Kirche erworben werden. Der kleine Teil ist nur etwas Wert in Verbindung mit dem unendlichen Teil. Aber — Geheimnis Gottes — an sich vollkommen verzichtbar ist dieser Teil unentbehrlich, weil Gott es so wollte: „Gott, der dich ohne dich geschaffen, rettet dich nicht ohne dich“, sagt der heilige Augustinus. Gott hat uns ohne unsere Mitarbeit geschaffen, aber um uns zu erlösen, will er unsere Mitarbeit. Mitwirkung durch das Apostolat, ja, aber auch Mitwirkung durch Gebet und Opfer. Ohne die Verdienste der Menschen wird die Schatzkammer der Kirche nicht vollständig sein, und die Menschheit wird nicht vollständig von den Früchten der Erlösung profitieren.
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Aus einem anderen Blickwinkel müssen wir die Rolle der Gnade für die Erlösung betrachten. Kein Mensch ist in der Lage, den geringsten Akt der christlichen Tugend ohne die Hilfe der Gnade Gottes zu üben. Mit anderen Worten, die erste Idee, der erste Impuls, die ganze Verwirklichung des übernatürlichen Tugendaktes geschieht nur mit Hilfe der Gnade. Und zwar so, dass niemand die geringste christliche Tugend üben könnte — und nicht einmal die heiligen Namen Jesus und Maria mit Andacht aussprechen könnte — ohne die übernatürliche Hilfe der Gnade. All dies ist Glaubenswahrheit, und es zu leugnen, wäre Häresie. Unser Wille wirkt mit der Gnade zusammen, und ohne das Zusammentreffen unseres Willens gibt es keine mögliche Tugend. Aber nur von sich aus ohne die Gnade ist der Wille absolut nicht in der Lage, übernatürliche Tugend zu üben.
Nun, da ohne Tugend niemand Gott gefallen und gerettet werden kann, ist es leicht zu erkennen, dass die für die Tugend notwendige Gnade für die Erlösung notwendig ist.
Alle Menschen erhalten genug Gnade, um gerettet zu werden. Auch das ist eine Glaubenswahrheit. Aber in der Tat, durch die menschliche Boshaftigkeit, die unermesslich ist, wären nur wenige Menschen, in der Lage, mit der genügenden Gnade gerettet zu werden. Es ist notwendig, dass die Gnade im Überfluss vorhanden sei, um die Bosheit des menschlichen freien Willens zu überwinden. Die Fülle dieser Gnade, wie kann man sie von Gott erhalten, der erzürnt ist durch die Sünden der Menschen? Offensichtlich aus dem Schatz der Kirche.
Aber wie wir gesehen haben, besteht dieser Schatz aus zwei Teilen, einem vollkommen und unveränderlich — dem von Gott — und einem anderen, der veränderlich und unvollkommen ist, dem von Menschen. Je mehr der menschliche Teil des Kirchenschatzes mangelhaft ist, desto unzureichender werden die Gnaden sein. Je seltener die Gnaden sind, desto weniger werden die Seelen gerettet werden. Daraus folgt, dass, für die Rettung der Seelen, der Schatz der Kirche immer aufgefüllt wird von Verdiensten, die von den Menschen gewonnen werden. Die großen Sünder sind kranke Kinder, für deren Heilung aus den Schätzen der Kirche geschöpft wird. Die großen Heiligen sind die gesunden und tätigen Kinder, die in jedem Moment neue Reichtümer in den Schatz der Kirche einbringen, die diejenigen ersetzen, die für die Sünder benutzt werden.
All dies erlaubt uns, eine Korrelation herzustellen: für große Sünder, große Ausgaben aus der Schatzkammer der Kirche. Entweder werden diese großen Ausgaben durch neue Mittel der Großzügigkeit Gottes und der heiligen Seelen geliefert, oder die Gnaden werden weniger reichlich, und die Zahl der Sünder nimmt zu.
Daraus folgt, dass für die Erweiterung der Kirche nichts notwendiger ist, als immer und immer wieder ihren übernatürlichen Schatz mit neuen Verdiensten zu bereichern.
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Natürlich kann man Verdienste erwerben, indem man überall die Tugend praktiziert. Aber es gibt im Garten der Kirche auserlesene Seelen, die Gott besonders zu diesem Zweck bestimmt. Es sind diejenigen, die Er zum kontemplativen Leben in Klöstern mit strenger Klausur beruft, wo sie sich besonders hingeben, Ihn zu lieben und für die Menschen zu sühnen. Diese Seelen bitten Gott mutig, ihnen alle Prüfungen zu senden, die Er möchte, solange viele Sünder dadurch gerettet werden. Gott geißelt sie ständig auf die eine oder andere Weise, erntet von ihnen die Blume des Mitleids und des Leidens, um mit diesen Verdiensten neue Seelen zu retten. Nichts ist bewundernswerter als sich der Berufung eines Sühneopfers für Sünder zu weihen. Das ist umso mehr der Fall, weil es viele gibt, die arbeiten, viele, die beten: Aber wer hat den Mut, für andere zu büßen?
Das ist die tiefste Bedeutung der Berufung der Trappisten, der Franziskaner, der Dominikaner und der Karmeliter, unter denen die sanfte und heldenhafte Kleine Therese blühte.
Ihre Methode war eine ganz besondere. Indem sie die volle Übereinstimmung mit dem Willen Gottes praktizierte, bat sie nicht um Leiden, noch lehnte sie sie ab. Gott solle aus ihr machen, was Er wolle. Nie hat sie Gott oder ihre Oberinnen gebeten, Schmerzen von ihr abzuwenden. Nie hat sie Gott oder ihre Vorgesetzten um Kasteiungen gebeten. Ihr Weg war die vollständige Unterwerfung. Und in Angelegenheiten des geistlichen Lebens bedeutet vollständige Unterwerfung vollständige Heiligung.
Ihre Methode kennzeichnet sich noch durch eine weitere wichtige Note. Die heilige Therese vom Kinde Jesu übte keine großen physischen Abtötungen aus. Sie beschränkte sich einfach auf die Vorschriften ihrer Ordensregel. Aber sie bemühte sich um eine andere Art der Abtötung: jeder Zeit jeden Moment tausend kleine Opfer zu bringen. Niemals den eigenen Wille zu tun. Niemals das Angenehme, das Köstliche. Immer das Gegenteil von dem, was die Sinne verlangten. Und jedes dieser kleinen Opfer war eine kleine Münze in der Schatzkammer der Kirche. Kleine Münze, ja, aber aus Edelgold: Der Wert jeder kleinen Tat bestand aus der Liebe Gottes, mit der sie vollführt wurde.
Und was für eine verdienstvolle Liebe! Die heilige Theresa vom Kinde Jesu hatte keine Visionen, nicht einmal die gefühlten und natürlichen Regungen, die die Frömmigkeit zuweilen so angenehm machen. Absolute innere Trockenheit, dürre Liebe, aber bewundernswert inbrünstig, des vom Glauben geleiteten Willens, fest und heldenhaft an Gott gebunden, in der unfreiwilligen und unabänderlichen Atonie der Gefühle. Trockene und wirksame Liebe, ist im geistlichen Leben gleichbedeutend mit vollkommener Liebe...
Erhabener Weg, einfacher Weg. Ist es nicht einfach, kleine Opfer zu bringen? Ist es nicht einfacher, keine Visionen zu haben, als sie zu haben? Ist es nicht einfacher, die Opfer zu akzeptieren, anstatt nach ihnen zu fragen?
Einfacher Weg, Weg für alle. Die Mission der Kleinen Theresa war, uns einen Weg zu zeigen, auf dem wir alle gehen können. Möge sie uns helfen, diesen königlichen Weg zu gehen, der zu den Altären führt, nicht nur der einen oder anderen Seele, sondern ganzer Legionen.

Ins Deutsche übertragen aus „O Legionário“ Nr. 790, 28/9/47

Mittwoch, 28. November 2018

Brasilien – ein zur Größe berufenes Land



      
Als Stefan Zweig in den dreißiger Jahren Brasilien besuchte, war er von dem Land derart beeindruckt, daß er es dazu bestimmt sah, „einer der bedeutsamsten Faktoren der künftigen Entwicklung unserer Welt zu werden“ (7).
      Was einen an Brasilien zuallererst beeindruckt ist die Weite des Landes und der Horizonte. Die Ausdehnung dieses Landes mit seinen 8.511.965 Quadratkilometern Fläche entspricht mehr als der Hälfte ganz Südamerikas. Die unmittelbar zum Meer hin abfallenden hohen Gebirge, die üppigen Urwälder, der wasserreiche Amazonasstrom, der mit seinem über fünf Millionen Quadratkilometer großen Becken das ausgedehnteste Einzugsgebiet der Erde bildet, all das vermittelt uns das Bild von einem Land, das alles im Übermaß besitzt: Natur, Licht, Farben, sodaß man durchaus den Vergleich Rocha Pitas heranziehen und von einem wahren „irdischen Paradies“ sprechen kann.
      „In keiner anderen Region zeigt sich der Himmel so heiter, noch steigt schöner der Morgen herauf; in keinem anderen Erdteil strahlt die Sonne goldener, noch leuchtet ihr Widerschein kräftiger in der Nacht; die Sterne funkeln milder und zeigen sich immer fröhlich; der Horizont ist immer klar, einerlei ob die Sonne auf- oder untergeht; das reinste Wasser kann man sowohl aus den Quellen in Feld und Wiese trinken als auch aus den Zuleitungen in den Ortschaften; mit anderen Worten, Brasilien ist das entdeckte irdische Paradies.“ (8)
      Das riesige Land ist unaufhörlich in Licht getaucht und „glänzt wie ein Diamant im Schatten der Unendlichkeit. (...) Sein Abglanz lässt im Schweigen der Räume eine unerlöschliche, dunkelgelbe, glühende, sanfte oder blasse Verklärtheit aufscheinen. Immer ist alles Licht. Von der Sonne steigt es in leuchtenden, blendenden Wellen hernieder und hält die Erde in tiefer Stille. Das Licht durchdringt alles, schluckt alles“ (9).
      Dieses Licht, das eine unerlöschliche Klarheit ausstrahlt und die Erde in einer Stimmung zurückgezogener Stille zu halten scheint, taucht die großen Räume in eine geheimnisvolle geistige Dimension. Fast könnte man sagen, daß die leuchtende Ausdehnung der Horizonte die Seele für eine sublime Berufung empfänglich macht.
      Die Geburtsstunde Brasiliens schlug am 22. April 1500, als die Schiffe der portugiesischen Flotte mit ihren weißen Segeln, auf denen das Kreuz des Christusordens leuchtete, unter dem Kommando von Pedro Alvares Cabral vor der brasilianischen Küste Anker warfen. Als erstes pflanzten die Entdecker ein Kreuz am Strand auf und ließen das unblutige Kalvarienopfer im neuentdeckten Land feiern. Seit diesem
Tag ist Brasilien das Land des Heiligen Kreuzes (10). Das Kreuz des Südens schien die Szene, die sich für immer in die brasilianische Seele eingeprägt hat, am Himmel zu besiegeln. „Das Kreuz des Südens, Wappenzeichen des Vaterlandes, erinnert nachts mit seinem süßen Licht für immerwährende Zeiten an den Fortbestand dieses Bundes. Es richtet an die christliche Nation, die im Lande des Heiligen Kreuzes lebt, Worte unvergänglicher Hoffnung.“ (11) Seither, so bemerkte ein italienischer Diplomat, „hat sich der vom Christentum ausgehende Duft über alle Teile Brasiliens ausgebreitet, als ob es ein für allemal besprengt worden wäre“ (12).
     
Das Kreuz, erinnert P. Serafim Leite S.J., „war ein Wahrzeichen und eine Verheißung. Aber es war noch nicht das Saatkorn. Dieses sollte erst ein halbes Jahrhundert später, nämlich im Jahre 1549, mit der Einrichtung des Generalgouvernements und der Ankunft der Jesuiten fruchtbar und reichlich eintreffen“ (13). In dem genannten Jahr begleiteten sechs Missionare der gerade erst vom Heiligen Ignatius gegründeten Gesellschaft den Gouverneur Tomé de Souza, dem König Johann III. von Portugal die Missionierung des neuen Landes aufgetragen hatte (14). Nach Stefan Zweig brachten sie „das Kostbarste, was ein Volk und ein Land zu seiner Existenz benötigt: eine Idee und zwar die eigentlich schöpferische Idee Brasiliens“ (15).
      Die Jesuiten flößten dem potentiell äußerst – nicht nur an materiellen Gütern - reichen, bis zu diesem Zeitpunkt jedoch schlafenden Land eine Seele ein. „Dieses Land ist unsere Aufgabe “ (16), erklärte P. Manuel da Nóbrega (17), der zusammen mit P. José de Anchieta (18) als Gründer Brasiliens angesehen werden kann. Seit der Entdeckung bis in unsere Tage entwickelten die Missionare in brasilianischen Landen ein Werk der Christianisierung und gleichzeitig der Zivilisierung, das „in der Geschichte einzigartig dasteht“ (19).
P. Joseph Anchieta nimmt Indianer in Schutz
Die Jesuiten katechisierten die in Siedlungen zusammengeführten Ureinwohner, richteten die ersten Schulen ein, bauten Unterrichtsstätten, Kirchen, Straßen und Städte (20). Als die Hugenotten sich des neuen Landes bemächtigen wollten, waren es die Jesuitenpatres Nóbrega und Anchieta, die militärische Maßnahmen gegen die in der Guanabara-Bucht gelandeten französischen Protestanten veranlassten (21). Inmitten der  herrlichen 
Küste, von den Portugiesen zurückeroberten Bucht (22) wurde eine kleine Stadt gegründet, aus der später einmal die Hauptstadt des Landes hervorgehen sollte: Rio de Janeiro, die Stadt, die in einer unvergleichlichen Synthese die ganze Naturschönheit Brasiliens in sich vereinigt: Berge, Hügel, Wälder, Wasser, Inseln, Buchten (23). Die erste Hauptstadt der portugiesischen Besitzungen in Südamerika, São Salvador da Bahia, bildete zusammen mit São Paulo, São Sebastião do Rio de Janeiro und den Kapitanaten von Pernambuco und Maranhão eine der „Urzellen“ (24) Brasiliens.
      Das ungeheuer große Land wurde in zwölf Erbkapitanate aufgeteilt, von denen die meisten Bundesstaaten der heutigen brasilianischen Föderation ausgehen (25). Die mit weitgehenden Vorrechten und Gunstbezeigungen versehenen Lehensträger wurden vom König von Portugal unter den „besten Leuten, ehemaligen Seefahrern, Hofherren“ (26) ausgewählt. Brasilien blieb weiterhin Bestandteil des portugiesischen Reiches, auch während des Zeitraums, in dem die portugiesische Krone mit der spanischen vereint war (1580–1640).
      Das brasilianische Nationalbewusstsein begann sich schließlich im Kampf gegen die Holländer zu bilden, die sich in Bahia (1624–1625) und dauerhafter in Recife (1630–1654) festsetzen konnten (27). Als sich dieser letzte holländische Posten dem portugiesisch-brasilianischen Heer ergab, konnte man bereits von einem einigen Volk sprechen. „Die holländischen Kriege hatten den Vorzug, daß sie die unterschiedlichen Elemente der Kolonisierung auf eine bis dahin nicht gekannte Weise festigten.“ (28).
      Der erste aristokratische „Typus“ Brasiliens war der des Zuckermühlen-Herrn, des Zuckerrohranbauers, dessen Produktion während der ganzen Kolonialzeit im feudalen Rahmen der Kapitanate das typisch brasilianische Erzeugnis bildete. (29)
      Zuckerrohrpflanzungen und Mühlen – kleine, an Wasserläufen errichtete Raffinerien, die von Sklaven betrieben wurden – legten die Grundlagen der brasilianischen Landwirtschaft. Das angestammte Herrenhaus des Gutsbesitzers glich einer Festung (30). Um die Mühlenherren sammelten sich die Widerstandskräfte gegen die holländischen Invasoren, Feinde des Glaubens und des Königs (31). Es war bereits der Landadel gewesen, der die Verteidigung gegen die Franzosen und die Engländer organisiert hatte, als diese sich in der Vergangenheit in Brasilien festsetzen wollten.
      Anbau und Verarbeitung des Zuckerrohrs bildeten während der ersten zwei Jahrhunderte die wichtigste landwirtschaftliche und industrielle Tätigkeit des Landes. Im 18. Jahrhundert wurde dann das Gold, nach seiner unerwarteten Entdeckung in Minas Gerais, zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor des Landes.
      Die Bandeirantes-Expeditionäre (32), unmittelbare Nachkommen der Entdecker, lösten mit ihrem außerordentlichen Mut und Abenteuergeist das Zeitalter des Goldes und der Edelsteine aus.
      In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nach Abschluss der sozialen und wirtschaftlichen Zyklen des Zuckers und des Goldes, nahm dann ein drittes Zeitalter seinen Anfang, das des Kaffees, der bis 1930 die Hauptquelle des Reichtums der brasilianischen Wirtschaft sein sollte.
Kaiser Pedro I. ruft die
Unabhängigkeit Brasiliens aus
      Im 19. Jahrhundert erreichte Brasilien seine Unabhängigkeit, aber auf eine andere Art und Weise als die übrigen südamerikanischen Nationen: Nicht mit Waffengewalt, sondern durch die Errichtung eines Kaiserreichs, dessen Thron Dom Pedro I. von Bragança, Sohn des Königs von Portugal, bestieg.
      Am 7. September 1822 proklamierte Dom Pedro in São Paulo die Unabhängigkeit Brasiliens, und zwei Jahre darauf erhielt das Land seine erste Verfassung. Der Nachfolger, Dom Pedro II. (33) war ein außerordentlich gebildeter und unternehmungslustiger Herrscher, dessen lange, friedvolle Regierungszeit mit der republikanischen Revolution gleich nach der Abschaffung der Sklaverei (34) endete. Das
Kaiser Pedro II. von Brasilien
Kaiserreich verlor die Unterstützung der Landaristokratie, für die die Sklavenbefreiung ein Fehler oder aber verfrüht war. Am 15. November 1889 wurde in Rio de Janeiro nach einem unblutigen Staatsstreich die Republik ausgerufen.
      „Die Brasilianer“, schrieb der italienische Historiker Guglielmo Ferrero, „sahen die Monarchie sanft fallen, ohne Blutvergießen, so wie die schönen Sommertage zu Ende gehen, ruhig und leuchtend“ (35).
      1891 wurde aus dem Kaiserreich Brasilien die Bundesrepublik der Vereinigten Staaten von Brasilien, auf deren neuer Flagge nun das positivistische Motto „Ordnung und Fortschritt“ zu lesen war (36). „Brasilien stand damals am Anfang einer Epoche, die den ‚Fortschritt‘ zum Gott und die ‚Wissenschaft‘ zu einer Göttin ihrer geistigen Eliten erheben sollte“ (37). Die Republik bestand aus einer Föderation autonomer Staaten, die alle ihr eigenes Parlament und eine eigene Regierung hatten. Es kam zur Trennung zwischen Staat und Kirche, die standesamtliche Trauung (Zivilehe) wurde eingeführt, die Wirtschaftspolitik wurde geändert. Die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zeichnen sich in Brasilien durch ein Klima der Euphorie und des Optimismus aus, was nicht zuletzt auf die Hoffnungen zurückzuführen war, die der institutionelle Wandel und der wirtschaftliche und soziale Fortschritt des Landes ausgelöst hatte (38). Es waren die „goldenen Jahre“ der 1. Republik (39).

Quelle: Roberto de Mattei: „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts: Plinio Corrêa de Oliveira. TFP-Büro Deutschland und DVCK e.V., Frankfurt, 2004, Kapitel I, Abschnitt 2, SS 22-29.
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Fußnoten:
(7) Stefan ZWEIG, Brasilien,  ein Land der Zukunft, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981, S. 8. Vgl. auch Ernani SILVA BUENO, História e Tradições da Cidade de São Paulo, Livraria José Olympio Editora, Rio de Janeiro 1954, 3 Bde.; Affonso DE FREITAS, Tradições e reminiscências paulistanas, Governo do Estado de São Paulo, São Paulo 1978 (3. Aufl.); Luiz GONZAGA CABRAL, S.J., Influência dos Jesuítas na colonização do Brasil, in Jesuítas no Brasil, Bd. III, Companhia Melhoramentos de S. Paulo, São Paulo 1925.
(8) Sebastião DA ROCHA PITA (1660 – 1783), História da América Portuguesa, in E. WERNECK, Antologia Brasileira, Livraria Francisco Alves, Rio de Janeiro 1939, S. 210.
(9) José PEREIRA DA GRAÇA ARANHA (1868 – 1931), A esthética da vida, Livraria Garnier, Rio de Janeiro – Paris 1921, S. 101.
(10) „Brasilien ist christlich geboren: ‚Insel des Wahren Kreuzes‘ nannte es sein erster Geschichtsschreiber, der gleichzeitig auch einer der Entdecker war“ (P. Serafim LEITE, S.J., Páginas de Història do Brasil, Companhia Editora Nacional, São Paulo 1937, S. 11). Der Chronist der Expedition, Pero Vaz de Caminha, richtet folgende Worte an den König: „Bis jetzt konnten wir noch nicht erfahren, ob es Gold oder Silber oder Metallsachen oder Eisen gibt; wir sahen nichts dergleichen. An und für sich ist das Land aber reich (...) Der größte Gewinn, den man indessen von ihm haben kann, ist meiner Meinung nach die Errettung der Seelen seiner Einwohner“ (nach Roger BASTIDE, Il Brasile, italien. Übersetzung, Garzanti, Mailand 1964, S. 13; der Text des Briefes des Pero Vaz de Caminha ist zu finden in Jaime CORTESÃO, A expedição de Pedro Álvares Cabral, Livrarias Ailland e Bertrand, Lissabon 1922, S. 233 – 256).
(11) Yves DE LA BRIÈRE, Le règne de Dieu sous la Croix de Sud, Desclée de Brouwer, Brügge – Paris 1929, S. 20.
(12) Roberto CANTALUPO, Basile euro-americano, Istituto per gli Studi di Politica Internazionale, Mailand 1941, S. 89.
(13) P. S. LEITE, S.J., Páginas de História do Brasil, a.a.O., S. 12 – 13. „Ohne andere Faktoren ausschließen zu wollen, kann man ohne weiteres folgende Behauptung aufstellen: Im 16. Jahrhundert deckt sich die Geschichte der Gesellschaft Jesu in Brasilien mit der Geschichte der Entwicklung des Landes selbst in seinen katechetischen, sittlichen, geistigen, erzieherischen und großenteils kolonialen Elementen. Der Beitrag anderer religiöser Faktoren ändert das Ergebnis nur unmerklich“ (S. 14).
(14) In der Verordnung vom 17. Dezember 1548, mit der der König von Portugal, Johannes III., seinem Gouverneur die Regeln vorschrieb, an die er sich in Brasilien halten sollte, steht geschrieben: „Der Hauptgrund, der mich veranlasst hat, dieses Land Brasilien besiedeln zu lassen, ist der, daß sich die Menschen, die dort leben, zu unserem katholischen Glauben bekehren“ (Regimento de Tomé de Souza, Nationalbibliothek Lissabon, Marinearchiv, Buch 1 der amtlichen Schreiben, 1597 – 1602). Vgl. auch P. Armando CARDOSO, S.J., O ano de 1549 na história do Brasil e da Companhia de Jesus, in Verbum, Nr. 6 (1949), S. 368-392.
(15) S. ZWEIG, a.a.O., S. 32. Vgl. Carlos SODRÉ LANNA, Gênese da Civilização Cristã no Brasil, in Catolicismo Nr. 519 (März 1994), S. 23 –24; Ders., A epopéia missionária na formação da Cristandade luso-brasileira, in Catolicismo Nr. 533 (Mai 1995), S. 22 – 23.
(16) Zitiert nach Antonio DE QUEIROZ FILHO, A vida heróica de José de Anchieta, Edições Loyola, São Paulo 1988, S. 43.
(17) P. Manuel da Nóbrega ist am 18. Oktober 1517 in Minho (Portugal) geboren und starb am 18. Oktober 1570 in Rio de Janeiro. Er hatte Kirchenrecht und Philosophie in Coimbra studiert, bevor er 1544 in die Gesellschaft Jesu eintrat und 1549 vom Heiligen Ignatius nach Brasilien entsandt wurde, wo er der erste Obere und Provinzial der Jesuitenmission werden sollte. Seine Missionsarbeit erstreckte sich über zwanzig Jahre bis zu seinem Tode.
(18) Der Selige José de Anchieta ist am 19. März 1534 in La Laguna (Kanarische Inseln) geboren und am 9. Juni 1597 in Reritiba (heute Anchieta) gestorben. Er trat 1551 in die Gesellschaft Jesu ein und fuhr zwei Jahre später mit einer Gruppe von Missionaren im Gefolge des portugiesischen Gouverneurs Duarte da Costa nach Brasilien. Als er 1566 zum Priester geweiht wurde, war er bereits an der Gründung der Stadt São Paulo (1554) beteiligt gewesen und sah auch Rio de Janeiro (1567) entstehen. 1578 wurde er Ordensprovinzial für Brasilien und entwickelte sein Apostolat so unermüdlich, daß ihm später der Titel „Apostel der Neuen Welt“ zuerkannt wurde. 1980 wurde er von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. Vgl. ALVARES DO AMARAL, O Padre José Anchieta e a fundação de São Paulo, Conselho Estadual de Cultura, São Paulo 1971.
(19) S. LEITE, S.J., História da Companhia de Jesus no Brasil, Livraria Portugália, Lissabon 1938, Bd. I.
(20) Neben den Jesuiten gingen auch die Benediktiner (1582), die Karmeliter (1584), die Kapuziner (1612) und andere Orden ihrem Apostolat nach. Nachdem die Jesuiten 1760 durch Pombal vertrieben worden waren, kehrten sie erst 1842 wieder nach Brasilien zurück. Über die 40 Märtyrer aus den Reihen der Jesuiten s. Mauricio GOMES DOS SANTOS, S.J., Beatos Inácio de Azevedo e 39 companheiros mártires, in Didaskalia Nr. 8 (1978), S. 89 – 155; S. 331 – 366 (Übersetzung der Studie der Geschichtlichen Abteilung der Heiligenkongregation).
(21) Berater der Patres Nóbrega und Anchieta war ein italinischer Adliger namens Guiseppe Adorno aus der Genueser Dogenfamilien, der Leben und Vermögen in den Dienst seines neuen Vaterlandes Portugal gestellt hatte, nachdem er aus seiner Heimatstadt vertrieben worden war. Neben Adorno kamen im 16. Jahrhundert auch die Acciaiuoli (Accioly), die Doria, die Fregoso und die Cavalcanti (Cavalcanti d’Albuquerque) nach Brasilien.
(22) C. SODRÉ LANNA, A expulsão dos franceses do Rio de Janeiro, in Catolicismo Nr. 509 (Mai 1993), S. 22–24.
(23) „Vom Panorama her gesehen, kann man Rio de Janeiro als eine Synthese Brasiliens betrachten. Hier schlägt weiterhin das Herz Brasiliens, obwohl die Hauptstadt nun offiziell nach Brasilia verlegt wurde. Man stößt hier auf eine geheimnisvolle Synthese des Landes, eine Einladung für eine Zukunft voller geheimnisträchtiger Versprechen“ (Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Meditando sobre as grandezas do Brasil, in Catolicismo Nr. 454 (Oktober 1988).
(24) „Der hervorragende Kenner der brasilianischen Geschichte, João Ribeiro, bezeichnet mit energischer Genauigkeit die folgenden Punkte des Landes als Urzellen Brasiliens: Bahia, Pernambuco, São Paulo, Rio und Maranhão. Von den erwähnten fünf  Urzellen sind zwei (...) ausschließlich das Werk der Gesellschaft Jesu: São Paulo, das sie mit eigenen Händen geschaffen hat, und Rio de Janeiro, dessen Gründung sie gegen alles und gegen alle durchgesetzt hat. Die anderen drei – Bahia, Pernambuco, Maranhão – verdanken den Jesuiten ihre größte Ausdehnung.“ (L. G. CABRAL, S.J., Jesuítas no Brasil (século XVI), Companhia Melhoramentos de São Paulo, São Paulo 1925, S. 266).
(25) Homero BARRADAS, As capitanias hereditárias. Primeiro ensaio de um Brasil orgânico, in Catolicismo Nr. 131 (November 1961).
(26) Pedro CALMON, História do Brasil, Livraria José Olympio Editora, Rio de Janeiro 1959, Bd. I, S. 170.
(27) Vgl. Lúcio MENDES, Calvinistas holandeses invadem cristandade luso-americana, in Catolicismo Nr. 427 (Juli 1986), S. 2 – 3; Ders. Martírio e heroísmo na resistência ao herege invasor, in Catolicismo Nr. 429 (September 1986), S. 10–12; Diego LOPES SANTIAGO, História da Guerra de Pernambuco, Fundação do Patrimônio Histórico e Artístico de Pernambuco, Recife 1984. In diesem Zeitraum kämpften in Brasilien viele italienische, vor allem neapolitanische Offiziere (vgl. Gino DORIA, I soldati napoletani nelle guerre del Brasile contro gli olandesi (1625 – 1641), Riccardo Ricciardi Editore, Neapel 1932). Als 1624 die Ostindische Kompagnie Bahia besetzen ließ, schickte Philipp IV. eine Flotte, der auch ein neapolitanisches Kontingent unter der Führung von Carlo Andrea Caracciolo, Marquis von Torrecuso, angehörte. Ein weiterer neapolitanischer Führer war Gian Vincenzo Sanfelice, Graf von Bagnoli, der 1638 erfolgreich Bahia gegen die Invasion der holländischen Kalvinisten verteidigte, die in Südamerika einen protestantischen Staat gründen wollten. Zwischen Brasilien und dem Reich Neapel bestand stets ein fruchtbarer Austausch (vgl. z. B. Paolo SCARANO, Rapporti politici, economici e sociali tra il Regno delle Due Sicilie e il Brasile (1815 – 1860), Società Napoletana di Storia Patria, Neapel 1958).
(28) P. CALMON, Storia della Civiltà brasiliana, italien. Übersetzg. Industria Tipografica Italiana, Rio de Janeiro 1939, S. 52.
(29) Zuckerrohr, das ideale landwirtschaftliche Erzeugnis eines Landes, das am Anfang seiner Entwicklung steht, wurde seit Ende des 16. Jahrhunderts in Nord- und Südbrasilien angepflanzt. Das Hauptanbaugebiet war jedoch Pernambuco, dessen Hafenstadt Recife im 17. Jahrhundert zum größten Zuckerhandelsplatz der Welt wurde (P. CALMON, Storia della civiltà brasiliana, loc. cit., S. 85). Vgl. auch Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, No Brasil Colônia, no Brasil Império e no Brasil República: gênese, desenvolvimento e ocaso da Nobreza da terra, Anhang zur portugiesischen Ausgabe von Nobreza e elites tradicionais análogas nas alocuções de Pio XII ao Patriciado e à Nobreza Romana, Livraria Civilização Editora, Porto 1993, S. 159–201.
(30) Gilberto FREYRE, Casa Grande e Senzala, Editora José Olympio, São Paulo 1946 (5. Aufl.), Bd. I, S. 24.
(31) Die Eroberung der Ländereien ist vor allem kriegerischer Natur. „Jedes gerodete Stück Land, jeder ‚bevölkerte‘ Landstrich, jeder bebaute Raum, jede ‚fabrizierte‘ Zuckermühle setzt eine schwierige militärische Unternehmung voraus. Von Norden nach Süden werden landwirtschaftliche Gründungen und Viehzucht mit dem Schwert in der Hand durchgeführt“ (Francisco José de OLIVEIRA VIANA, O povo Brasileiro e sua Evolução, Ministério da Agricultura, Indústria e Comércio, Rio de Janeiro 1922, S. 19).
(32) Vgl. zum Thema Bandeirantes die imposante História Geral das Bandeiras Paulistas (São Paulo 1924 – 1950, 11 Bände) von Affonso DE TAUNAY, zusammengefasst in História das Bandeiras Paulistas, Edições Melhoramentos, São Paulo 1951, 2 Bde.; vgl. auch J. CORTESÃO, Raposo Tavares e a formação territorial do Brasil, Ministério da Educação e Cultura, Rio de Janeiro 1958; Ricardo ROMÁN BLANCO, Las Bandeiras, Universidade de Brasília, Brasília 1966.
(33) Dom Pedro II. (1825–1891) heiratete 1843 die Prinzessin Teresa Cristina, Schwester Ferdinando II., des Königs beider Sizilien. Seine älteste Tochter, Isabel (1846–1921) heiratete den Prinzen Gastão de Orléans, Graf d’Eu, dem sie drei Söhne schenkte: Pedro de Alcântara, Luís und Antônio. Da der Erstgeborene 1908 auf die Nachfolgerechte für sich und seine Nachkommen verzichtet hatte, ging das Thronfolgerecht auf dessen Bruder Dom Luís de Orléans und Bragança (1878–1920) über, der mit der Prinzessin Maria Pia de Bourbon-Sicilia verheiratet war (vg. Armando Alexandre DOS SANTOS, A Legitimidade Monárquica no Brasil, Artpress, São Paulo 1988). Zu Dom Pedro II. vgl. Heitor LYRA, História de dom Pedro II.: 1825–1891, Editora Nacional, São Paulo 1940. „Dom Pedro war ein großmütiger, gütiger und gerechter Herrscher, ein Vorbild der Vaterlandsliebe und Kultur, des Eifers und der Rechtschaffenheit, der Duldsamkeit und Einfachheit. Er war weise und menschenfreundlich. Als Mitglied des Institut de France und der wichtigsten wissenschaftlichen und literarischen Gesellschaften des Auslandes war er ein Förderer der Künste, der Wissenschaften und der Literatur. Er unterstützte mit materieller Hilfe viele berühmte Brasilianer; der große Mäzen verschloss ihnen nie den Beutel“ (S. RANGEL DE CASTRO, Quelques Aspects de la civilisation brésilienne, Les Presses Universitaires de France, Paris o. J., S. 29f). Vgl. auch Leopoldo B. XAVIER, Dom Pedro e a gratidão nacional, in Catolicismo Nr. 491 (Dezember 1991).
(34) Ein erstes Gesetz, das den Beinamen „Gesetz des freien Leibes“ erhielt, gewährte 1871 den von einer Sklavin geborenen Kindern im Alter von 21 Jahren die Freiheit. 1885 wurde dann das „Sechzigjährigen-Gesetz“ erlassen, das alle mehr als 65-jährigen Sklaven in die Freiheit entließ. Am 13. Mai 1888 sanktionierte die Gräfin d’Eu und kaiserliche Regentin, Prinzessin Isabel, unter dem konservativen Ministerium João Alfredo Corrêa de Oliveiras während der Abwesenheit ihres Vaters, de sich auf einer Europa-Reise befand, das Gesetz, mit dem die Sklaverei dann endgültig abgeschafft wurde. Auf die damalige Bevölkerung Brasiliens von 14 Millionen Mesnchen kamen 700.000 Sklaven; tatsächlich war die Einrichtung der Sklaverei bereits spontan am Erlöschen. Zur Abschaffung der Sklaverei vgl. PLINIO CORRÊA DE OLIVEIRA, A margem do 13 de maio, in Legionário Nr. 296 (15. Mai 1938). Vgl. auch Robert CONRAD, Os últimos anos da escravatura no Brasil, 1850–1888, Civilização Brasileira, Rio de Janeiro 1978 (2. Aufl.); Emilia VIOTTI DA COSTA, A abolição, Global, São Paulo 1982.
(35) Zitiert bei S. RANGEL DE CASTRO, Quelques aspects de la civilisation brésilienne, a.a.O., S. 29.
(36) Guglielmo Ferrero berichtet, daß er in Rio de Janeiro, in der Benjamin Constant-Straße, den „Menscheitstempel“ besucht und sich dort angenehm mit dem Hohen Priester, Herrn Teixeira Mendes, unterhalten habe (G. FERRERO, Fra i due mondi“, Fratelli Treves Editori, Mailand 1913, S. 187).
(37) G. FREYRE, Order and Progress. A Political History of Brazil, Westview Press, Boulder (Colorado) 1991.
(38) An der Spitze des Staates folgten aufeinander Prudente de Moraes (1894–1898), Campos Sales (1898–1902), Rodrigues Alves (1902–1906), Afonso Pena (1906–1909), Nilo Peçanha (1909–1910), Hermes da Fonseca (1910–1914), die brasilianische Außenpolitik aber verblieb während dieser ganzen Periode in den Händen des Barons von Rio Branco (1845–1912) .
(39) „Es waren die ‚goldenen Jahre‘ der Ersten Republik, wenn wir diesem Zeitabschnitt eine Bezeichnung geben wollen, wie sie bei den alten Historikern üblich war ...“ (Plinio DOYLE, Brasil 1900-1910, Biblioteca Nacional, Rio de Janeiro 1980, Bd. I, S. 14). Zu Anfang des Jahrhunderts lebten in Brasilien 17.318.556 Einwohner, 60% davon auf dem Land.

Freitag, 23. November 2018

Die Hl. Therese von Lisieux



Heute feiert die Kirche das liturgische Fest der hl. Therese vom Kinde Jesu.
Ebenfalls am 3. Oktober 1883 begann der Aufstand der Carlisten in Spanien. Es war eine neue Reconquista, durchgeführt in modernen Zeiten von den spanischen Ultramontanen, nicht mehr gegen die Sarazenen sondern gegen die damaligen Revolutionäre, die Liberalen. Es sind die heldenhaften Carlistischen Kämpfe, die damals anfingen.
Über die hl. Therese wurden mir zwei Texte zum kommentieren gegeben. Erstens ein Brief von ihr an den Pater Bellière (vom 10. August 1897), ein sehr schöner Brief, im Hinblick auf die Friedfertigkeit, mit der sie ihren Tod herannahen sah.
Wir sehen da, wie die Gnade ihre Seele vor den Schrecken des Todes schützte. Wir sehen auch wie eine Seele, mit einer gewissen Berufung, eine besondere Kraft erhält, um diese Berufung zu erfüllen. Man könnte sagen, dass die kleine Therese vom Tod sprach wie von einer herrlichen, wunderbaren Reise. Und in der Tat war es so, weil sie ja letztendlich in den Himmel ging.
Man sieht auch – im vorliegenden Text – die wunderbare Gewissheit, die sie vom Himmel hatte. Es gibt auch ein Hinweis über die Barmherzigkeit der Seligen im Himmel, die man nicht ohne besondere Anmerkung zur Kenntnis nehmen sollte.
So schreibt sie denn in einem Brief an P. Bellière:
„Mein lieber kleiner Bruder*, jetzt bin ich ganz bereit abzureisen, ich habe meinen Pass für den Himmel, und durch meinen geliebten Vater erlangte ich diese Gnade.“
Ihr Vater war schon verstorben, und sie bat ihn, oder sie wenigsten hatte Gründe, um zu meinen, dass er um dies für sie gebetet hat.
„Am 29. gab er mir die Zusicherung, das ich bald bei ihm sein werde; am folgenden Tag sagte der Arzt, erstaunt über das Fortschreiten der Krankheit innerhalb von zwei Tagen, zu unserer guten Mutter, es sei nun Zeit meine Wünsche zu erfüllen und mich die letzte Ölung empfangen zu lassen.“
„Ich habe also am 30. dieses Glück gehabt und auch jenes, dass Jesus in der Hostie um meinetwillen den Tabernakel verließ und ich ihn als Wegzehrung für meine lange Reise empfing!...“
Wir merken hier mit welcher Freude sie über den Tod spricht: Es ist ein „Reisepass“, ein eingelöstes Versprechen ihres Vaters, es ist die Hostie, die kommt, ihr zu helfen, ihr beizustehen. Sie empfängt dies alles mit großer Freude.
„Dieses Brot vom Himmel stärkte mich. Sie sehen, meine Pilgerfahrt scheint sich nicht vollenden zu können. Weit entfernt, mich zu beklagen, freue ich mich, dass der liebe Gott mir noch gewährt, um seiner Liebe willen zu leiden. Ah! Wie süß ist es, sich in seine Arme zu werfen, ohne Furcht und ohne Wünsche.“
Sie befand sich in einer vollständigen und heiligen Gleichgültigkeit. Was Gott von ihr auch immer verlangen würde, war sie bereit zu erleiden. Sollte sie sofort sterben, so war es gut. Sollte sie später sterben und noch mehr leiden, war es ebenso gut. Sie wünschte nichts und fürchtete nichts. Sie hatte sich ganz dem Willen Gottes überlassen. Es ist die perfekte Haltung einer Heiligen angesichts des Todes. Aber das, was eine heldenmütige Haltung ist und eine Seele mit gewisser Anstrengung einnehmen würde, ist es bei der hl. Therese über den Weg der Verzückung etwas so natürliches, so mildes, so einfaches, man könnte sagen, dass es ihr nicht im geringsten schwer fiel, sich mit solcher Natürlichkeit dem Tode zu stellen.
Weiter schreibt sie:
„Ich gestehe Ihnen, mein kleiner Bruder, dass wir nicht dieselbe Auffassung vom Himmel haben. Sie meinen, wenn ich an der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes teilhabe, werde ich nicht mehr auf der Erde, Ihre Fehler entschuldigen können. Vergessen Sie denn, dass ich auch an der unendlichen Barmherzigkeit des Herrn teilhaben werde?“
Der Pater sagte ihr nämlich, wenn sie im Himmel sei, würde sie nicht die gleiche Nachsicht zu seinen Fehlern üben, wie sie auf Erden hatte.
„Ich glaube, die Seligen haben ein großes Mitleid mit unseren Armseligkeiten. Sie erinnern sich daran, dass sie hinfällig und sterblich waren wie wir. Sie haben dieselben Fehler begangen, dieselben Kämpfe durchgestanden, und ihre brüderliche Zuneigung wird noch größer sein, als sie auf der Erde war, deshalb hören sie nicht auf, und zu beschützen und für uns zu beten.“
Das heißt, wenn eine Seele in den Himmel kommt, wird sie viel mitleidiger und barmherziger als sie auf Erden war.
So weit der Brief Thereses an ihren „kleinen Bruder“.


Nun haben wir hier einen langen Text der hl. Therese über den Wunsch des Martyriums. Damit dieser Text richtig verstanden wird, möchte ich einiges sagen, um was es hier geht und zwar folgendes:
Es gibt viele fromme Seelen, die sich wünschen für die Kirche viel mehr einzubringen, als sie es schon tun. Menschen, zum Beispiel, die das Krankenbett hüten müssen und so im Apostolat nicht tätig sein können. Andere, die im Apostolat tätig sind, bedauern, dass sie nicht in einem Krankenhaus für die Kirche leiden können. Und so weiter. So ist es für die Seelen, die alles für die Kirche tun wollen, ein wahres Martyrium, nicht alles tun zu können.
Der Wunsch ist da, und dieser Wunsch kann glühend und feurig sein wie der Durst Jesu am Kreuz. Es ist der Wunsch alles zu tun, überall zu sein, alles sagen zu können, alle nur erdenkliche Tätigkeiten zu erfüllen an allen Orten bis ans Ende der Welt. Die Unersättlichkeit dieser Wünsche kann, für gewisse Seelen ein wahres Martyrium bedeuten. Die kleine Therese litt dieses Martyrium. Mit wunderbaren Worten löste sie das Problem, welches ihr dieses Martyrium brachte. Wir werden sehen, welche Wünsche sie in ihrer Seele hegte:
„Oh! Verzeih mir, Jesus, wenn ich von Sinnen bin, indem ich meine ans Unendliche grenzenden Wünsche und Hoffnungen abermals vortrage, verzeih mir und heile meine Seele, indem du ihr gibst, was sie erhofft!!!...
Deine Braut sein, o Jesus, Karmelitin sein; durch meine Verreinigung mit dir Mutter der Seelen sein, das sollte mir genügen… Und doch ist dem nicht so…“
In der Tat, wer für die Seelen leidet, sollte damit genug getan haben. Doch das reichte ihr nicht. Sie wollte noch mehr.
„Gewiss, diese drei Vorrechte sind meine Berufung, Karmelitin, Braut und Mutter, aber ich fühle noch andere Berufungen in mir, ich fühle die Berufung zum KRIEGER, zum PRIESTER, zum APOSTEL, zum KIRCHENLEHRER, zum MARTYRER; kurz, ich spüre das Bedürfnis, den Wunsch für dich, Jesus, die heroischsten Werke allesamt zu vollbringen… Ich spüre in meiner Seele den Mut eines Kreuzfahrers, eines päpstlichen Soldaten (zouaves pontificaux);
Es waren die Soldaten, die gegen die Truppen Garibaldis kämpften, um die Souveränität der Kirchenstaaten zu verteidigen.
„... zur Verteidigung der Kirche möchte ich auf dem Schlachtfeld sterben…“

Hier ist die Schönheit des Gedankens hervorzuheben: Wie ein Kreuzritter, wie eine echte Jeanne d’Arc, für die Kirchenstaaten kämpfen, wie Jeanne d’Arc für Frankreich kämpfte und auf dem Schlachtfels sterben für die Verteidigung der Kirche.
(„Ich fühle in mir die Berufung zum PRIESTER; mit welcher Liebe trüge ich dich, o Jesus in meinen Händen, wenn auf mein Wort hin du vom Himmel herabstiegest… Mit welcher Liebe reichte ich dich den Seelen!… Jedoch, so sehr ich wünschte Priester zu sein, so bewundere und beneide ich dennoch die Demut des Hl. Franz von Assisi und spüre in mir die Berufung, ihn nachzuahmen, indem ich die erhabenen Würde des Priestertums ausschlage“).
„O Jesus! meine Liebe, mein Leben... wie sind diese Gegensätze vereinbar? Wie können die Begierden meiner armen kleinen Seele Verwirklichung finden?...
Oh! Trotz meiner Kleinheit möchte ich die Seelen erleuchten wie die Propheten, die Kirchenlehrer, ich habe die Berufung, Apostel zu sein…“
Das ist wunderbar!
…ich möchte die Welt durcheilen, deinen Namen verkünden und dein glorreiches Kreuz in den Heidenländern aufpflanzen…“
Sie wollte Missionarin werden.
„...aber, o mein Viel-Geliebter, eine einzige Mission genügte mir nicht; ich möchte das Evangelium in alle fünf Weltteilen gleichzeitig verkünden, bis zu den fernsten Inseln... Ich möchte Missionar sein nicht nur für einige Jahre, sondern möchte es gewesen sein vom Anbeginn der Welt und es bleiben bis ans Ende der Zeiten.“
Es kann nichts Schöneres geben!
„Vor allem aber möchte ich, mein Viel-Geliebter Erlöser, möchte ich mein Blut für dich vergießen bis zum letzten Tropfen…“
„Das Martyrium, ja das war schon der Traum meiner Jugend, und dieser Traum ist in der Zelle des Karmels mit mir gewachsen… Aber auch da fühle ich wieder, dass mein Traum zur Torheit wird, denn ich könnte mich nicht darauf beschränken, nur eine Art von Marter zu ersehnen… Um mir genugzutun bedürfte ich ihrer aller… wie du, mein angebeteter Bräutigam, möchte ich gegeißelt und gekreuzigt werden… “
„O mein Jesus, was antwortest du nun auf alle meine Torheiten?... Gibt es wohl eine kleinere, ohnmächtigere Seele als die meine!... Doch gerade um meiner Schwachheit willen hat es dir gefallen, meine kleinen kindlichen Wünsche zu erfüllen, die größer sind als das Weltall…“
„Die Liebe gab mir den Schlüssel meiner Berufung. Ich begriff, dass wenn die Kirche einen aus verschiedenen Gliedern BESTEHENDEN Leib hat, ihr auch das notwendigste, das edelste von allen nicht fehlt; ich begriff, dass die Kirche ein Herz hat, und das dieses Herz von LIEBE BRENNT. Ich erkannte, dass die Liebe allein die Glieder der Kirche in Tätigkeit setzt, und würde die Liebe erlöschen, so würden die Apostel das Evangelium nicht mehr verkünden, die Martyrer sich weigern, ihr Blut zu vergießen… Ich begriff, dass die LIEBE ALLE BERUFUNGEN IN SICH SCHLIESST, DAS DIE LIEBE ALLES IST, DASS SIE ALLE ZEITEN UND ORTE UMSPANNT… MIT EINEM WORT, DASS SIE EWIG IST!...“
„Da rief ich im Übermaß meiner überschäumenden Freude: O Jesus, meine Liebe… endlich habe ich meine Berufung gefunden, MEINE BERUFUNG IST DIE LIEBE!..“.
„Ja, ich habe meinen Platz in der Kirche gefunden, und diesen Platz, mein Gott, den hast du mir geschenkt… im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein… so werde ich alles sein… so wird mein Traum Wirklichkeit werden.“
Das heißt, sie hat verstanden, dass ihre Arbeit, ihr Dasein, ihr Gebet, alles, was sie tat, um die Liebe unter allen Menschen zu steigern, damit der Grad der Liebe in der Kirche sich erhöhe, sie wäre wie eine Wunderquelle des Lebens in der Kirche. Die Propheten würden treu sein, die Kirchenlehrer erleuchtet, die Apostel unermüdlich, die Kämpfer unbeugsam und in der Kirche würde alles anfangen, sich mit erneutem Schwung zu bewegen. Dann verstand sie, dass sie als Opfer der Liebe sterben solle. Opfer der barmherzigen Liebe damit andere auch lieben könnten, derart, dass durch diese Verstärkung der Liebe in der Kirche, alle Berufungen zu ihrer Erfüllung kommen.
Wenn sie die Mission derer kennengelernt hätte, die die Katholische Kirche zu lieben berufen sind und die Treue zu ihr darzustellen und in sich alle Treuen zu vereinen wie in einer Arche während der Zeit der schlimmsten Untreue, und so in gewissem Sinn alle Apostolate aller Zeiten und aller Orten durchzuführen, wie wäre sie erfreut und mit welcher Bestrebung würde sie sich diese Berufung zu haben wünschen.
Wir verstehen nun wie sehr ihre Verdienste uns nützlich sind. Wie viel sie im Himmel für uns betet. Wir können sie auch bitten, das sie mit uns so umgehe, wie sie es dem Pater gesagt hat, im Himmel seien die Seligen mitleidiger und barmherziger als auf Erden. Möge sie Mitleid haben mit unseren Fehlern und uns vorbereiten zur großen Weihe am 13. Oktober, damit wir vollständig der Muttergottes gehören.
Dieser Gedanke, dass dies unsere Berufung ist und, dass sie daher für uns beten würde, wird bestätigt durch unzählige Gefälligkeiten, die sie uns erwiesen hat. Wir haben also einen historischen Beweis ihrer besonderen liebevollen Zuneigung zu uns. Das ist der Grund, dass wir heute Abend diesen Tag besonders gedenken und ehren.
Bitten wir also der hl. Therese, sie möge in der Tiefe unseres Herzens unsere Begeisterung, unsere Liebe zur Heiligen, Katholischen, Apostolischen und Römischen Kirche vergrößern. Mit dieser Liebe, mit Steigerung unserer Marienverehrung, wird die kleine Therese dazu beigetragen haben, die Berufung der Apostel der Letzten Zeiten, wie sie der hl. Ludwig von Montfort vorausgesehen hat, zu verwirklichen. Dies ist, um was wir am heutigen Tag bitten sollten.

Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, den er am 3. Oktober 1967 hielt. Er wurde frei übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne Überarbeitung von Seiten des Autors.

*) Am 17.10.1895 hat Therese im Auftrag von Mutter Agnès das Gebetsapostolat für den Seminaristen Maurice Bellière übernommen, doch erst unter Mutter Marie de Gonzague beginnt der persönliche Briefkontakt.
Im Brief vom 25. April 1897 gebraucht sie zum ersten Mal die Anrede „mein kleiner Bruder“ mit folgender Begründung: „Meine Feder oder vielmehr mein Herz weigert sich, Sie weiterhin ,Herr Abbé‘ anzureden, und unsere gute Mutter sagte, ich könne, wenn ich Ihnen schreibe, denselben Namen gebrauchen, mit dem ich Sie vor Jesus nenne.“
Abbé Bellière wurde Franziskaner-Tertiar und erhielt als zweiten Namenspatron den Heiligen Ludwig von Frankreich. Am 29.9.1897 schifft er sich ein nach Algier ins Noviziat bei den Weißen Vätern, wird 1901 zum Priester geweiht, wirk als Missionar in Nyassaland und kehrt 1906, von der Schlafkrankheit befallen, nach Frankreich zurück.
Quelle der deutschen Zitate:
„Briefe der heiligen Therese von Lisieux“ – Deutsche authentische Ausgabe – Paulinus Verlag, Trier. Herausgeber Theresienwerk e.V., Augsburg. 4. Auflage 2011.
Therese vom Kinde Jesu – „Selbstbiographische Schriften“. Johannes Verlag Einsiedeln, 1958

Donnerstag, 22. November 2018

Herz Mariä, unsere Hoffnung!



„Herz Mariä, meine Hoffnung!“ Das war die Losung des berühmten polnischen Königs Johann Sobieski, der in den schwierigen Lagen seines Lebens und seiner Herrschaft aus dem Unbefleckten Herzen Mariens Trost und Mut schöpfen wollte. Mit diesem Kriegsruf „Cor Mariae, spes mea“, der in seiner Seele vibrierte und sein Herz berauschte, warf er sich 1683 gegen die Türken und befreite heldenmütig kurz darauf die Stadt Wien von der muslimischen Belagerung.
„Herz Mariä, unsere Hoffnung!“ ist der Ruf des Krieges, mit dem wir von allen Enden der Erde alle bereitwilligen Seelen zu einem unbesiegbaren Kreuzzug unter der Schirmherrschaft der Himmelskönigin herbeirufen müssen, um zur schweren Aufgabe aufzubrechen, die die arme Menschheit endlich von den schrecklichen eisernen Zwängen zu befreien, mit der Perversität und der Wahnsinn versuchen, sie zu vernichten. Durch das Herz Mariens werden wir das Herz Jesu zum Triumph führen!
Vor vierzig Jahren wies Leo XIII. auf das Heiligste Herz Jesu als das große Zeichen am Firmament, das uns den Sieg versprach: „In hoc signo vinces!“ (in diesem Zeichen wirst du siegen). Und er befahl uns, uns mit diesem Herzen zu wappnen, wie einst die Soldaten Konstantins, mit dem Zeichen des Kreuzes. Und viele Christen folgten seinem Ruf und die Welt wurde offiziell vom Papst dem Heiligen Herzen des Erlösers geweiht.
Aus diesem Grund konnte Pius XII. in seiner Antrittsenzyklika schreiben: „Aus der Verbreitung und Vertiefung der Andacht zum Göttlichen Herzen des Erlösers, die in der Weihe des Menschengeschlechtes an der Jahrhundertwende und weiterhin in der Einführung des Christkönigfestes durch Unsern unmittelbaren Amtsvorgänger ihre erhebende Krönung fand, ist unsagbarer Segen erflossen für ungezählte Seelen - ein starker Lebensstrom, der die Stadt Gottes mit Freude erfüllt: fluminis impetus laetificat civitatem Dei (Psalm 45,5)“.
Aber wir müssen erkennen, dass die Triumphe des Herzens Jesu in unserer Zeit noch nicht vollständig den freudigen Hoffnungen Leos XIII. entsprechen, die er hegte, als er Ihm die Welt weihte. „Welche Zeit, sagt Pius XII., bedürfte dieses Segens dringender als die gegenwärtige? Welche Zeit leidet inmitten alles technischen und rein zivilisatorischen Fortschrittes so sehr an seelischer Leere, an abgrundtiefer innerer Armut? ... Kann es Größeres, Dringenderes geben, als solcher Zeit den unergründlichen Reichtum Christi zu verkündigen?“(Eph 3,8) Kann es Edleres geben, als das Königsbanner Christi – Vexilla regis – vor denen zu entfalten, die so vielen trügerischen Fahnen gefolgt sind und noch folgen, um der siegreichen Standarte des Kreuzes die Gefolgschaft auch der Abtrünnigen wiederzugewinnen?
Wenn es jetzt dringend notwendig ist, diese unermesslichen Reichtümer Christi den Menschen zu verkünden, ist Maria der schnellste und verpflichtendste Weg – per Mariam ad Jesum – dieses zu tun. So war es seit Beginn der Kirche immer. Durch Maria kommt Jesus zu uns.
Und der christliche Impuls – der endlich unter dem Wirken des Heiligen Geistes aus den Seelen hervorbricht, wie Leo XIII. in einer seiner Enzykliken über den Rosenkranz bemerkte – der christliche Impuls geht noch weiter und bekräftigt immer deutlicher und heftiger, besonders seit einem Jahrhundert, dass durch das Herz Mariens das Herz Jesu zu uns kommen wird. Durch die Herrschaft des Herzens der Mutter wird das Reich des Herzens des Sohnes kommen.
Damit Er regiere, muss man Ihn lieben - es ist sein Triumph in den Herzen und im Willen. Um Ihn zu lieben ist es dringend, Ihn zunächst zu kennen - es ist seine Herrschaft in den Intelligenzen.
Mögen diese Zeilen dazu beitragen, um den Seelen dieses Licht und diese Wärme zu bringen.
Viel haben wir bereits im „Boten Mariens“ geschrieben und einiges haben unsere Leser auch über die Gottesmutter hier gelesen.
Doch haben wir uns vielleicht niemals in den richtigen Blickpunkt und in das wahre Licht gestellt, in dem uns die ganze Vorzüglichkeit, Kraft und Güte Marias offenbart wird.
„Omnis gloria eius Filiae Regis ab intus“ (Psalm 44,15): Alle Herrlichkeit der Tochter des Königs ist inwendig. So wie Christus nicht bekannt ist, bis sein Herz bekannt ist - das Herz Jesu ist der beste Standpunkt des Erlösers, es ist der Schlüssel zum Rätsel all seiner Erbarmungen, dem unerschöpflichen Abgrund all seiner Erfindungen der Liebe. ... So wird auch die Allerseligste Maria nur bekannt und geliebt werden und vollkommen in den Seelen herrschen, wenn ihr Unbeflecktes Herz bekannt ist. Es ist auch die beste Aussicht auf Maria. Im Licht ihres Herzens erstrahlt ihre unerschütterliche Jungfräulichkeit, ihre unvergleichliche Würde als Mutter Gottes, als Braut des Heiligen Geistes und als geliebteste Tochter des Allerhöchsten, ihre zärtlichste Sorge als Mutter der Menschen und Königin des Himmels und der Erde.
Ihr Herz ist der geheimnisvolle Magnet, der die Herzen erobert, was den hl. Bernhard dazu veranlasste, sie als die Eroberin der Herzen zu nennen: Raptrix cordium. Aber wenn es durch das Herz ist, dass sie uns erobert, ist es auch die Waffe, mit der wir sie erobern: sie im Herzen zu berühren heißt, sie zu überwinden. Und - tiefes Geheimnis! – es ist kein anderes Zepter, mit dem Maria gemeinsam mit dem Allerhöchsten regiert. Dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist das Herz der Tochter, Braut und Mutter zu zeigen, bedeutet Gott zu erobern; bedeutet, die ganze Heilige Dreifaltigkeit zu ihren Gunsten zu neigen.
Daraus folgt, dass alles, was von der Heiligsten Jungfrau Maria in ihrer Sendung und Barmherzigkeit gegenüber jeden Einzelnen, der Menschheit und insbesondere der Kirche, behauptet wird, mit einem stärkeren Grund von ihrem Unbefleckten Herzen behauptet werden muss.
Daher kennt Maria nicht, wer ihr Herz nicht kennt; wer aber dieses Herz kennt, kennt Maria am besten.
Es liebt Maria nicht, wer ihr Herz nicht liebt; doch das Herz Mariens lieben, heißt es so zu lieben, wie sie sich wünscht geliebt zu werden. In ihrem Herzen, befindet sich der Grund für all ihre Güte zu den Menschen; es ist diese Kraft, die uns anzieht, wenn wir zu ihr kommen und der Balsam, der uns tröstet, wenn wir sie bitten, in der Gewissheit, dass uns geholfen wird.

Weil in der Brust Mariens ein Herz schlug, das so ähnliches wie sein Herz war, gab dieses Herz Jesu in der Stunde des Todes auf Golgatha sie uns zur Mutter: ecce mater tua und es gab uns ihr als Kinder: ecce filius tuus.

Wenn vom hl. Paulus gesagt wurde, dass sein Herz ähnlich dem Herzen Jesu war: „cor Pauli, Cor Christi“, viel mehr und besser als irgendjemand anderer hat Maria das Recht auf diese höchste Anerkennung: „Cor Mariae, Cor Jesu“.
Weil in ihrer Brust auch im Himmel noch dasselbe süße und liebevolle Herz schlägt, empfiehlt uns die Heilige Kirche, in unseren schmerzvollen Stunden Maria zu Hilfe zu flehen, mit der Sicherheit, von ihr immer sofortige Hilfe erhalten werden.
„Wer die Annalen der katholischen Kirche genau betrachtet“, schrieb der verstorbene Papst Pius XI., „wird leicht sehen, dass alle christlichen Chroniken mit dem wertvollen Schutz der Jungfrau Maria verbunden sind. Und in der Tat, wenn die überall tobenden Irrtümer den nahtlosen Rock der Kirche zu zerreißen und die katholische Welt zu untergraben versuchten, flehten unsere Väter mit vertrauensvollen Herzen die an, die „alleine alle Irrlehren der ganzen Welt vernichtete“ (aus dem römischen Brevier), und der von ihr erhaltene Sieg brachte ihnen glücklichere Zeiten“.
Als muslimische Ruchlosigkeit, die auf ihre mächtigen Flotten und großen Armeen vertrauten, die Völker Europas zu erobern und zu versklaven drohte, wurde auf dringlicher Bitte des Papstes der Schutz der himmlischen Gottesmutter erfleht; daraufhin wurden der Feind zerstört und seine Schiffe versenkt (AdR: Verweis auf die Schlacht von Lepanto im Oktober 1571).
Und ebenso in allgemeinen Katastrophen wie auch in persönlichen Nöten haben die Gläubigen aller Zeiten Maria angefleht, damit sie wohlwollend zu ihrer Hilfe komme und ihnen Trost und Heilmittel für die Übel von Körper und Seele verschaffe. Und nie warteten diejenigen, die vertrauensvoll sie in frommen Gebet anflehten, vergeblich auf ihre mächtige Hilfe.
Mit größerem Grund also sind in den schwierigen Zeiten, in denen wir heute leben, alle unsere Hoffnungen auf Erlösung, Triumphe und Frieden in dieser Arche der Erlösung gelegt: im Herzen Mariens.
„Mir, dem geringsten unter allen Heiligen, wurde diese Gnade verliehen, unter den Heiden die unerforschlichen Reichtümer Christi zu verkünden“, sagte der hl. Paulus.
Einer der unergründlichsten Reichtümer, die Christus uns hinterlassen hat, ist das Herz seiner Mutter. Wäre uns doch ein ähnliches Charisma gewährt wie dem Apostel, um unseren Lesern all die Tiefe, Länge und Breite, alle kostbaren Abgründe der Liebe, die im Herzen Mariens eingeschlossen sind, zu verkünden!
Ein gelehrter und frommer Autor sagte, als er über das Herz der Muttergottes schrieb, dass er für sich erstrebe, wie einst der hl. Johannes Evangelist beim Letzten Abendmahl sich an der Brust des Herrn lehnte, auch an der Brust Mariens ruhen zu können, um nachdem er ihr Herzklopfen gehörte hätte, leichter über diese Geheimnisse der Liebe sprechen zu können.
Unsere Bestrebungen gehen in diesem Moment noch weiter: Wir möchten nicht nur unser Haupt an das Unbefleckte Herz unserer himmlischen Mutter lehnen, sondern auch in der Lage sein, unsere Wohnung im Innern dieses Herzens einzurichten, so dass wir in diesem Licht erleuchtet, in dieser Reinheit gereinigt und in den Flammen dieser Liebe entzündet werden, damit alles, was wir sagen, Worte des Lichts und des Feuers sei, die aus der Fülle dieses unbeschreiblichen Herzens entspringen.
Möge sie uns zu dieser verborgenen Liebe willkommen heißen, uns so zu sagen in ihr verschwinden lassen, so dass es schließlich Maria selbst ist, die durch das schwache Instrument, das sich ihr ganz geweiht hat, von den Wundern ihres Herzens erzählt.

Mögen unsere Leser auch dort ihre Wohnung aufschlagen, um in dieser Schule und unter diesem Licht das Meisterwerk des Herrn besser zu verstehen.

Freie Übersetzung aus “Legionário”, vom 28. März 1943, Nr. 555, S. 2