Donnerstag, 18. November 2010

Die Abhandlung über die wahre Andacht zu Maria vom hl, Ludwig Maria Grignion von Montfort - IV. Teil

Kommentiert von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira

Maria ist nicht genug bekannt.

Wie wir am Ende der Einführung gelesen haben, sagt der hl. Ludwig: „Das Herz hat mir in die Feder diktiert, was ich soeben mit ganz besonderer Freude niederschrieb, um zu zeigen, dass Maria in ihrer hehren Würde bis jetzt fast unbekannt geblieben ist.“ In der Einführung gibt er schon die Demonstration, die er im Laufe des Buches entwickelt. Unter „unbekannt“ versteht man, dass sie viel weniger bekannt ist, als es ihre Erhabenheit und ihre wunderbaren Eigenschaften verlangen.

So werden in der Einführung schon viele Dinge gesagt, den dem Leser vielleicht überraschen.

1: „Durch die allerseligste Jungfrau Maria ist Jesus Christus in die Welt gekommen, durch Maria soll er auch in der Welt herrschen“.

Diese Wahrheit finden wir nicht bei allgemein bekannten modernen Autoren. Und vor allem nicht mit dieser Schärfe, mit dieser Klarheit, mit dieser Genauigkeit. Maria ist wohl von der Mehrheit der Gläubigen bekannt, sicher, aber auf einer allgemeinen, vagen und unbeständigen Art. Nur selten finden wir diese Wahrheit so lapidar klar und so sinnreich mit wenigen Wörtern ausgedrückt. Beim hl. Ludwig ist dies eine präzise und fundamentale Lehre, die er in seinem Werk noch weiter entwickelt.

2: „Während ihres irdischen Lebens hat sie stets in großer Verborgenheit gelebt. Deshalb wird sie vom Heiligen Geist und von der Kirche ,Alma Mater‘ genannt, verborgene, stille Mutter. Ihre Demut war so tief, dass sie auf Erden kein innigeres und beharrlicheres Verlangen hatte, als sich selbst und jedem anderen Geschöpfe verborgen zu bleiben, um Gott allein bekannt zu sein.“

Diese Wahrheit ist allgemein mehr bekannt.

3: „Um ihr Verlangen nach Verborgenheit, Armut und Erniedrigung zu stillen, hat es Gott gefallen, sie in ihrer Empfängnis, in ihrer Geburt, in ihrem Leben, in ihren Geheimnissen, in ihrer Auferstehung und Himmelfahrt fast vor jedem menschlichen Geschöpfe verborgen zu halten. Nicht einmal ihre Eltern kannten sie; selbst die Engel fragten oft einander: ,Quae est ista?‘ - Wer ist diese (Hohelied 3,6; 8,5) -, da der Allerhöchste ihnen die Bestimmung dieser Jungfrau verheimlichte, oder wenn er ihnen etwas von ihr offenbarte, ihnen doch noch unendlich mehr vorenthielt.“

Dies ist auch keine neue Wahrheit für viele. Wir wissen, dass auf ihre Bitte hin, die Evangelien sich kaum über sie äußern. Ihrerseits musste die Theologie eine bewundernswerte Arbeit vollbringen, um aus den Wahrheiten der Heiligen Schrift über Jahrhunderte hinaus die Mariologie zu begründen.

4: „Gott Vater gefiel es, dass Maria während ihres Lebens kein einziges Wunder wirkte, wenigstens kein offenkundiges, obwohl er ihr dazu die Macht verlieh. Gott Sohn billigte es, dass sie fast nichts redete, obwohl er ihr seine Weisheit mitteilte. Gott der Heilige Geist willigte ein, dass seine Apostel und Evangelisten nur sehr wenig von ihr sprachen, obwohl sie seine getreue Braut war, und dass sie nur soviel berichteten, als notwendig war, um Jesus Christus bekannt zu machen.“

Es ist bemerkenswert, dass der Heilige Geist, als er die Heiligen Bücher diktierte, über sie schwieg. So stark war das Gebet um Verborgenheit, dass sie an Gott richtete.

Bis hier ist die Lehre nicht neu, da sie die Demut Mariens beschreibt. Wenn er aber jetzt die Größe Mariens beschreibt, stellen wir fest, dass dies weniger bekannt ist. Das kommt von einer Art Komplex her, durch den man nur die Seite der Demut und der Armut hervorhebt und nur auf den Schatten und das Halbdunkel hinweist, in denen sie sich verbergen wollte, ohne auf die leuchtende Seite ihres Wesens hinzuweisen.
5: „Maria ist das herrliche Meisterwerk des Allerhöchsten.“

Wenn wir einen sternenklaren Nachthimmel betrachten, sind wir in der Lage nicht nur die Herrlichkeiten Gottes zu sehen, sondern auch die der allerseligsten Jungfrau, die ja unvergleichlich höher und schöner ist, als jeder einzelner Stern am Himmel und alle in ihrer Gesamtheit! Da sie ja das Meisterwerk der Schöpfung ist, ist jede Schönheit, jede Herrlichkeit, jede Erhabenheit, die Gott am Himmel schuf von sehr geringerem Wert im Verhältnis zu dem, was er ihr geschenkt hat. Der Himmel, den wir sehen, ist nur ein Abbild der Herrlichkeit Mariens. Wenn sie auch nur eine reine Kreatur ist, übersteigt in Vollkommenheit alles was in ihr ist, all die geschaffenen Schönheiten in einem unausdrücklichen Maß.

Wenn wir einen sehr intelligenten Menschen vor uns haben, können wir sicher sein, dass er, im Vergleich zu Maria, ignoranter ist, als der letzte Analphabet zum größten Weisen. Der hl. Thomas von Aquin ist, im Vergleich zu Maria, ein Ignorant. So vollkommen und vollständig ist ihre Erkenntnis.

Ihre Intelligenz ist nicht nur so vollkommen wie die menschliche Intelligenz, sondern sie besitzt die Erkenntnis aller Dinge, wie es nur der höchsten Kreatur eigen ist. Was auf der Welt als höchst intelligent gilt, ist im Vergleich zu Maria null, Späne, nichts. Sie besitzt die höchstmögliche Intelligenz, die ein so erhabenes Geschöpf nur besitzen kann, und dazu noch erweitert durch die Gnaden des Heiligen Geistes. Wenn wir zu ihr beten, sollten wir an ihre unvergleichliche Intelligenz denken.

So wie es Geheimnisse in der Natur gibt, die unserer Erkenntnis völlig unerreichbar sind – wir wissen z.B. nicht wie viele Sandkörner es an den Stränden der Welt gibt -, so haben wir auch kein Anhaltspunkt zu Vergleich, um den Reichtum der Intelligenz Mariens zu verstehen. Es steht ganz außer unserer Erfassungs- und Verständnismöglichkeit. Diese Wahrheit muss uns immer gegenwärtig sein.

Heldenhafter Wille – Betrachten wir die Vollkommenheit ihres Willens. Nehmen wir einige Fakten ihrer heroischen und übernatürlichen Willenskraft: 1) Der hl. Laurentius wurde auf ein glühendes Rost gelegt, hielt die Schmerzen heldenhaft aus und sagte nach einiger Zeit: „Ihr könnt mich nun umdrehen, denn auf dieser Seite bin ich schon durchgebraten“. 2) Ein Märtyrer von Tebas, der an einem Tisch gefesselt wurde und von einer Prostituierten auf alle denkbaren Arten versucht wurde, hatte nichts mehr zu tun um der Versuchung zu widerstehen, als sich die Zunge abzubeißen und sie vor der Megäre auszuspucken, um der Versuchung zu widerstehen. Dies sind Taten, die einen wahrhaft und bewundernswerten Heroismus zeigen. Doch sie sind nichts im Vergleich zum Heldentum Mariens. Sie übertrifft alle. Es ist nicht mehr als ein Sandkorn im Vergleich zur Erde.

Das Leiden, das sie erlebte, indem sie dem Leiden und Tod ihres Sohnes zustimmte, bis zum letzten Augenblick die Vollendung wünschte und alles mit ihm litt, kann mit nichts menschlichem verglichen und in keiner irdischen Sprache ausgedrückt werden. Neben ihres Mit-leidens, werden alle Leidensbeispiele unbedeutend.

Sie ist nicht eine große Heilige nur weil sie die Mutter Gottes war, obwohl dies ihr Heiligkeitstitel schlechthin ist und der Grund, dass sie voll der Gnade ist. Es muss aber festgehalten werden, dass sie der Gnade entsprochen hat und eine große Heilige wurde, weil sie auf vollkommener Weise diese Gnaden angenommen hat. Der hl. Anselm sagt: „Das, was alle Heiligen mit dir erreichen, vermagst du alleine und ohne alle jene. Wenn du schweigst, wird niemand für mich bitten, niemand mir helfen; doch spreche und alle werden für mich bitten, alle werden sich beeilen mir zu helfen.“ Das ist so, weil sie die Mutter Gottes ist, Mittlerin aller Gnaden und ihre Tugenden übertreffen unbegrenzt die aller Heiligen.

Von diesen Behauptungen kann man kein Buchstabe entfernen. Wir müssen zugeben, dass wir von dem keine würdige Vorstellung haben. Generell haften wir an rhetorische Floskeln: „Du, die schönste, die erhabenste...“ Sie sind wohl wahrhaftig, man sollte sich aber in sie vertiefen.

Harmonische Sensibilität – Wir sprachen von der Intelligenz und von dem Willen Mariens. Sprechen wir über ihre Gefühle.

Nichts ist im Menschen so in Unordnung geraten nach der Erbsünde, als das Empfindungsvermögen. Wir fühlen uns z.B. zu vielem hingezogen, was wir gar nicht wollen sollten. Dem zufolge müssen wir einen ständigen Kampf führen zwischen unsere Tendenz zum Guten und dem Hang zum Bösen.

In Maria, die ohne Erbsünde empfangen wurde, gab es diese Mißverhältnisse nicht. Ihr Empfindungsvermögen, das in allen Schwingungen und Bewegungen fein und kräftig war, und genau auf alle Wünsche eingestellt, die die Vernunft und der Wille äußerten. Sie war in ihrem ganzen Wesen reine Harmonie, ungestört von den Folgen der Erbsünde, die bei uns vorhanden sind. Sie war rein, unbefleckt, vom ersten Augenblick ihres Seins. Die Vollkommenheiten Mariens übersteigen die menschliche Erkenntnismöglichkeit.

Weiter 5: „Maria ist das herrliche Meisterwerk des Allerhöchsten, dessen Kenntnis und Besitz er sich allein vorbehielt.“

Welch wunderbarer Begriff! Maria ist so groß, dass der hl. Ludwig selbst, der ja nur ein kleiner Spielmann ist, unerschöpflich scheint, wenn er von ihr spricht. Er behauptet, Maria sei so groß, dass nur Gott ihre Vollkommenheiten in ihrem ganzen Maße erkennen kann. Wir können darüber nicht einmal eine blasse Ahnung haben. In ihr gibt es Schönheiten, Höhen, Wonne, Vollkommenheiten, Vortrefflichkeiten, die unser Verstand nie begreifen und unser Blick nie erreichen kann und wird, die nur von Gott betrachtet werden.

Stellen wir uns die riesigen wunderbaren Konstellationen am Himmel vor, die der Mensch vielleicht nie ganz erkennen wird, dessen Schönheit einzig und allein der Betrachtung Gottes zugänglich ist. So ist Maria. In ihr gibt es Dinge, die der Mensch nie zur Kenntnis nehmen wird, die ausschließlich Gott vorbehalten sind. Sie besitzt eine Art der Unerkennbarkeit: verzückt halten wir zu ihren Füßen inne und verstehen, nachdem wir meinen viel von ihr verstanden zu haben, wir doch nur verstanden haben, dass wir nur sehr wenig oder fast gar nichts von ihr verstehen. Wir werden uns immer an der Schwelle ihres Tores befinden, ein Tor, das für uns zu groß, zu erhaben ist.

Weiter 5: „Maria ist die wunderbare Mutter des Sohnes Gottes, dem es gefiel, sie während ihres Lebens zu verdemütigen und verborgen zu halten. Um sie in der Demut zu fördern, nannte er sie, wie eine fremde Person, ,Frau‘ und ,Weib‘, obwohl er sie in seinem Herzen höher schätzte und mehr liebte als alle Engel und Menschen.“
Der hl. Ludwig entwickelt auch hier den Gedanken, dass auch Jesus während seines Lebens, sie unbekannt halten wollte. Nur er kannte sie.
„Maria ist die versiegelte Quelle und die getreue Braut des Heiligen Geistes, zu der er allein zutritt hat.“ Auch hier wieder der Gedanke, dass Gott allein die Erkenntnis Mariens vorbehalten ist.

„Maria ist das Heiligtum und die Ruhestätte der allerheiligsten Dreifaltigkeit, wo Gott erhabener und göttlicher gegenwärtig ist, als an irgend einem anderen Ort des Universums, und herrlicher thront als über den Cherubim und Seraphim.“ Wir wissen, dass die Schutzengel die unteren Grade der himmlischen Hierarchie einnehmen. Als einer Heiligen einmal ihr Schutzengel erschien, kniete sie nieder, weil sie dachte, in der Gegenwart Gottes zu sein. Die Herrlichkeit der Engel ist dermaßen groß, dass bei vielen Erscheinungen im Alten Testament die Menschen glaubten es sei Gott selbst, der ihnen erschien. Und im Himmel gibt es Milliarden von Engeln. Wie würden wir vor Staunen erstarren, wenn wir sie alle zugleich sehen würden? Maria ist jedoch über alle erhaben. Vor ihrer unergründlichen Seele habe wir nur unvollkommene Vergleichsbeispiele, die im besten Sinn nur unzureichend sind.

„... Ohne ein ganz besonderes Vorecht ist es daher keinem Geschöpf erlaubt, so rein es auch sein mag, in dieses Heiligtum einzutreten.“ Es gibt also eine privilegierte Kategorie Menschen, denen es gegeben ist, Maria zu erkennen. Es sind diejenigen, denen Gott in seiner Freigebigkeit die Gabe schenkt, die im normalen Fall kein Mensch besitzt, die Andacht zu Maria zu erkennen und zu praktizieren, wie der hl. Ludwig sie lehrt. Und die „Apostel der letzten Zeiten“, von denen er spricht, werden diese Gabe haben. Deshalb werden sie furchterregend im Kampf gegen das Böse und erfolgreich in der Verteidigung des Guten sein. Es sind bevorzugte Seelen, die die Gnade haben werden, die Schwelle der wahren Andacht zu Maria zu überschreiten.

Andere Eigenschaften Mariens

6: „Mit den Heiligen sage ich: die Gottesmutter ist das Paradies des neuen Adam, ...“ Das irdische Paradies war erfüllt von Freuden, Schönheiten, Vollkommenheiten. Der hl. Ludwig sagt, dass Jesus im reinen Schoß Mariens so war, wie Adam im Paradies. Während der Schwangerschaft war Maria das Paradies des neuen Adams, Jesus Christus.

Wenn wir Jesus in der Kommunion empfangen, könnten wir uns fragen, was er von unsere Gastfreundlichkeit hält, da er es ja gewohnt ist im Paradies Mariens zu wohnen. Bieten wir ihm wenigsten den bescheidenen Luxus einer sauberen Hütte an, in der er einwilligt einzutreten?

„... in dem er durch Mitwirkung des Heiligen Geistes Fleisch annahm, um daselbst unbegreifliche Wunder zu wirken.“ Während seines Lebens in Maria vollbrachte Jesus schon wunderbare Dinge. Sie war der Tabernakel in dem er lebte. Ein wunderbarer Gedanke des hl. Ludwig, der ihn veranlaßte das Gebet „O Jesus vivens in Maria“ zu verfassen. (O Jesus, der du in Maria lebst)

„... Sie ist die große und herrliche Welt Gottes, die unaussprechliche Schönheiten und Schätze in sich birgt. Sie ist die Wonne des allerhöchsten, in der er seinen eingeborenen Sohn wie in seinem eigenen Schoße geborgen hat und mit ihm alles Herrliche und Kostbare. O, welch große und geheime Dinge hat der allmächtige Gott in diesem wunderbaren Geschöpf gewirkt, was sie selbst trotz ihrer tiefen Demut mit den Worten bestätigt: ,Großes hat an mir getan der Allmächtige!‘“ Den vollständigen Sinn des Magnificat werden wir nur begreifen, wenn wir betrachten wer sie wirklich ist. Nur wenn wir die Macht Gottes betrachten, können wir verstehen, was er alles in ihr vollbracht hat.

„... Die Welt kenn diese Geheimnisse nicht, weil sie dazu nicht fähig und dessen nicht würdig ist.“ Der hl. Ludwig bezog sich auf ein geheimnisvolles Geschlecht, dem Gott die einmalige Gunst schenkt, durch das Tor dieser Andacht einzutreten. Hier spricht er von dem bösen Geschlecht, das durch seine Bosheit, Unreinheit, Unwürdigkeit, dies alles verabscheut.

Die Verehrung Mariens: Eigenschaft der Heiligen

7: „Die Heiligen haben wunderbare Dinge von dieser heiligen Stadt Gottes ausgesagt und waren nach ihrem eigenen Geständnis nie beredter, nie glücklicher, als wenn sie sie zum Thema ihrer Ansprachen und Schriften machten.“

Dieser Satz eröffnet uns eine wichtige Wahrheit. Man darf nicht denken, dass die Andacht zur Muttergottes ein vom hl. Ludwig eingeführter Stil der Heiligkeit sei, oder von ihm zum höchsten Ausdruck geführt wurde. Die Andacht zu Maria ist eine Eigenschaft aller Heiligen. Wenn auch nicht alle sie so weit und so tief geführt haben wir der hl. Ludwig, so hatten sie doch eine große Andacht zu ihr, die unmittelbar unter der Andacht Jesu Christi ihren Platz fand.

In jedem Heiligen jedoch finden wir verschiedene Aspekte der Andacht zu Maria. Und es ist nur selten der Fall, in dem ein Heiliger nicht einen neuen Aspekt in der Verehrung Mariens eingeführt hat. Keiner jedoch wird behaupten, seinen Fortschritt im geistigen Leben und letztendlich seine Standhaftigkeit nicht ihr zu verdanken zu haben. Alle mussten harte seelische Prüfungen durchstehen, die sie nur durch ihre Fürsprache bestanden haben.

Der hl. Franz von Sales, z.B., hatte in seiner Jugendzeit eine tiefe Krise bezüglich seiner Vorherbestimmung. Er studierte das Thema und wurde sozusagen vom Abgrund des Problems verschlungen. Sehr stark setzte ihm der Teufel zu, indem er ihm einflößte, die Heilsvorherbestimmung gelte nicht für ihn. Er fiel in eine tiefe Depression, magerte ab, wurde krank, nichts konnte ihm den Seelenfrieden wiederbringen. Eines Tages, als er vor einer Muttergottesstatue betete, bat er ihr, wenn er auch in die Hölle käme, so möge sie ihm doch gewähren, dass er Gott während seines Lebens nicht beleidige, denn, was ihm an der Hölle unerträglich sei, sei nicht die ewige Pein, sondern der Gedanke Gott ewig zu beleidigen und zu hassen. In dieser Bedrängnis betete er das „Memorare, o piisima Virgo Maria“ (Gedenke, o gütigste Jungfrau) dessen Text unter der Statue angebracht war. Und er selbst erzählt, als er das Gebet zu Ende gebetet hatte, trat in seine Seele ein wundersamer Friede ein. Sofort durchschaute er das Spiel des Teufels, dem er zum Opfer gefallen war, und erlangte diese seelische Ausgeglichenheit, die sein geistiges Leben für immer prägen würde.

Im Leben aller Heiligen finden wir diese Konstante einer besonderen Verehrung und Andacht zur Muttergottes. Sie ist also eine sicheres Signal eines echten Andachtslebens. Jedem, der sie nicht übt, müssen wir die Heiligkeit in Frage stellen.

Es wäre falsch zu sagen, dass etwas, was für alle besonders wichtig ist, es für niemanden ist. Eine Mutter vieler Kinder ist für jedes besonders liebevoll und jedes Kind liebt die Mutter auf besonderer Weise. So muss auch jeder von uns die Muttergottes auf ganz eigener, besonderer und unverwechselbarer Art lieben. Sie wird ihrerseits uns eine Liebe entgegenbringen, die nicht allgemein ist, als wenn sie sagen würde: „die alle da, die liebe ich“. Nein. Sie liebt jeden einzelnen Menschen mit einer eigenen, besonderen Liebe, als wenn er der einzige Mensch auf der Erde wäre.
Maria ist die allmächtige Bittstellerin
„... Feierlich bekennen sie (die Heiligen), dass es unmöglich sei, die Größe ihrer Verdienste zu begreifen, die sich bis zum Throne Gottes erheben, die weite ihrer Liebe zu ermessen, die sich über alle Länder der Erde erstreckte, die Größe ihrer Macht zu erfassen, die sie Gott gegenüber besitze, und endlich die Tiefe ihrer Demut, aller ihrer Tugenden und Gnaden zu durchdringen, die einem unerforschlichen Abgrunde gleichen.“

Da ihre Macht so groß ist, dass sie sie selbst gegenüber Gott ausübt, nennen sie die Theologen die „allmächtig Bittende“. Das scheint auf den ersten Blick widersprüchlich, denn wer bittet, hat und kann ja nichts. Sie ist aber in der Tat die allmächtig Bittende, weil ihre Bitte alles vermag gegenüber dem der Allmächtig ist. Auf diese Weise kann sie wirklich alles erreichen, um was sie bittet.

Alles was wir in dieser Einleitung gehört haben, darf nicht als hohler Frömmigkeitsgedanke angesehen werden. Es sind Aussagen die helfen, die Andacht zur Muttergottes verständlich zu machen, dass sie der Vernunft entspricht, wie alles, was auf dem Glauben begründet. Wir sollten sie als eine kräftige geistige Nahrung ansehen, die uns als Treibstoff dient und nicht nur als Weihrauch.

Diese Behauptungen dürfen nicht ist leere fallen. Wir müssen versuchen sie in unserem geistigen Leben anzuwenden, in unseren Schwierigkeiten, Problemen, Kämpfen. Wir müssen uns ständig vergegenwärtigen, dass Maria die allmächtig Bittende ist, und in ihr ein unbegrenztes Vertrauen haben. Doch nicht immer haben wir dies alles in unserem Geist fest verankert, wie es sein sollte.

Stellen wir uns vor, Gott würde unserer leiblichen Mutter erscheinen und ihr die Möglichkeit einräumen, uns alles erdenklich Gute zu tun. Wir würden uns freuen, weil wir nun alles erwünschenswerte sehr leicht erreichen würden. Doch Maria liebt uns unendlich mehr, als alle Mütter auf Erden zusammen ihren einzigen Sohn lieben würden. Wir können also uns viel glücklicher wähnen, im Wissen, dass sie vom Himmel auf uns herabschaut, als über die Tatsache eines aüßerst wirksamen Schutzes unseren leiblichen Mutter.


Montag, 9. August 2010

DIE ROLLE DER GOTTESMUTTER IN DER GEGENREVOLUTION

Plinio Corrêa de Oliveira


Viele Katholiken kennen und bewundern heute das Werk des großen und ungestümen Volksmissionars des 18. Jahrhunderts, des hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort.


Weniger zahlreich sind die Katholiken, die die ganze Wichtigkeit der Rolle Unserer Lieben Frau in der Gegenrevolution verstanden haben und die folglich auch die Notwendigkeit der Hingabe an Maria - unerlässlich für die wahren Gegenrevolutionäre - erkannt haben. Wir veröffentlichen hier das Vorwort zu der argentinischen Ausgabe des weltbekannten Werks "Revolution und Gegenrevolution" von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira. Der Autor belegt in diesem Prolog die Übereinstimmungen seines Buches mit der Abhandlung des hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort über die vollkommene Hingabe an Jesus durch Maria.
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Der hl. Ludwig Maria wurde 1673 in Montfort-sur-Meu oder Montfort-la-Cane in der Bretagne geboren. Im Jahre 1700 zum Priester geweiht, widmete er sich bis zu seinem Tode im Jahre 1716 der Verkündigung des Wortes Gottes in Volksmissionen bei der ländlichen und städtischen Bevölkerung der Bretagne und der Normandie, des Poitou, der Vendée, von Aunis, Saintonge, Anjou und Maine. Die Orte, in denen er predigte, selbst die bedeutendsten unter ihnen, lebten zum großen Teil von der Landwirtschaft und waren tief vom ländlichen Leben geprägt. So kann man den hl. Ludwig Maria, auch wenn er nicht ausschließlich den Bauern gepredigt hat, im wesentlichen als einen Apostel der Landbevölkerung betrachten.


In seinen Predigten, die modern ausgedrückt, höchst a up-to-date " genannt werden könnten, beschränkte er sich nicht darauf, die katholische lehre in einer immer und überall passenden Ausdrucks weise zu verkünden, sondern er verstand es, die wichtigsten Gesichtspunkte für die Gläubigen, die item zuhörten, hervorzuheben.


Seine Art von "aggiornamento" würde wahrscheinlich viele der Anhänger des modernen "aggiornamento" außer Fassung bringen. Die Irrtümer seiner Zeit sah er nicht einfach ais die Früchte intellektueller Missverständnisse an, die auf Menschen unleugbar guten Glaubens zurückzuführen gewesen wären - Irrtümer, die ein geschicktes und aufgescholossenes Gespräch leicht zerstreut haben würde. Obwohl er immer zu einem freundlichen und gewinnenden Dialog bereit war, verlor er doch nie den ganzen Einfluss der Erbsünde und der zeitlichen Sünden sowie die gewaltige Aktivität des Fürsten der Finsternis in der Entstehung und Entwicklung des Kampfes der Bosheit gegen die Kirche und die christliche Zivilisation aus den Augen. Das berühmte Dreigestirn Teufel, Welt und eigenes Fleisch, das in den Überlegungen der orthodoxen Theologen und Missionare zu allen Zeiten gegenwärtig ist, betrachtete er ais eines der grundlegenden Elemente zur Deutung der Probleme seines Jahrhunderts. Und so verstand er es, je nachdem die Umstände es verlangten, einmal sanft und mild zu sein wie ein Engel, der ein Bote der Liebe bzw. der Vergebung Gottes ist, ein andermal kämpferisch und unbesiegbar wie ein Engel, der den Auftrag hat, die Drohungen der göttlichen Gerechtigkeit gegen aufsässige und verstockte Sünder anzukündigen. Dieser große Apostel konnte abwechselnd den Dialog pflegen und polemisieren. Der Polemiker in ihm verhinderte nicht das Ausströmen der Liebe des guten Hirten noch schwächte die pastorale Sanftmut die heilige Strenge des Polemikers.


Mit diesem Beispiel sind wir weit entfernt von gewissen Progressisten, für die alle unsere getrennten Brüder - Häretiker und Schismatiker - notwendigerweise im guten Glauben leben und nur durch Missverständnisse verirrt sind, so dass eine Auseinandersetzung mit ihnen immer einen Verstoß gegen die Nächstenliebe bedeute.


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Die französische Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts (unser Heiliger lebte, wie wir sagten, am Ende des einen und in den ersten Jahrzehnten des anderen) war geitig schwer erkrankt. Damit stand sie offen für die widerstandslose Einimpfung der Keime des Enzyklopädismus und schließlich für den Sturz in die Katastrophe der Französischen Revolution.

Um die Predigttätigkeit unseres Heiligen zu verstehen, ist es notwendig, ein Bild der französischen Gesellschaft zu zeichnen, das jedoch, um den Rahmen des Themas nicht zu sprengen, stark vereinfacht ist. Man kann sagen, dass in den drei Gesellschaftsklassen - Klerus, Adel und Volk - die Vertreter von zwei Geisteshaltungen vorherrschten: die "Laxisten" und die "Rigoristen" waren einem strengen, formellen und düsteren Moralismus verfallen, der zur Verzweiflung, wenn nicht zur Rebellion führte. Der "Mundanismus" und der "Jansenismus" waren die zwei Pole, die einen unheilvollen Einfluss ausübten, und das gerade in den Kreisen, die damals als die frömmsten und moralisch gefestigtsten der Gesellschaft angesehen waren.


Die eine wie die andere Geisteshaltung führte zum selben Ergebnis - wie das ja so oft bei den Extremen des Irrtums der Fall ist. Letztlich hat jede auf ihre Weise die Gläubigen von dem gesunden geistigen Gleichgewicht der Kirche entfernt. Diese lehrt uns die Sanftmut und die Strenge, die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit in einer bewundernswerten Harmonie. Sie bestätigt uns auf der einen Seite die natürliche, gottgewollte Größe des Menschen - überhöht durch seine Erhebung in die übernatürliche Ordnung und seine Einfügung in den Mystischen Leib Christi - und lässt uns auf der anderen Seite das Elend sehen, in das uns die Erbsünde gestürzt hat, mit seiner ganzen Folge unheilvoller Konsequenzen.


Nichts scheint auf den ersten Blick widernatürlicher als die Verschwörung der extremen, gegensätzlichen Irrtümer gegen den Apostel, der die echte katholische Lehre predigte. Aber das wahre Gegenteil der Einseitigkeit ist nicht die entgegengesetzte Einseitigkeit, sondern das Gleichgewicht. Dementsprechend lässt der Hass, der die Verfechter der gegensätzlichen Irrtümer anstachelt, sie nicht gegeneinanderprallen, sondern er vereint sie im Kampf gegen die Apostel der Wahrheit. Und dies besonders dann, wenn diese Wahrheit mit kraftvollem Freimut verkündet wird und diejenigen Punkte betont, die sich am schärfsten von den Irrtümern, die gerade in Mode sind, unterscheiden.


Genau dasselbe widerfuhr dem hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort bei seiner Verkündigungstätigkeit. Seine Predigten, die gewöhnlich vor riesigen Volksmengen gehalten wurden, gipfelten nicht selten in wahren Apotheosen der Zerknirschung, Reue und Begeisterung. Seine klare, flammende, tiefgehende und überzeugende Rede rüttelte die Seelen auf, welche durch tausenderlei Arten der Verweichlichung und Sinnlichkeit geschwächt waren, die sich zu dieser Zeit in allen Gesellschaftsschichten, von den höchsten bis zu den einfachsten, breitgemacht hatten. Am Ende seiner Predigten errichteten die Zuhörer auf den Marktplätzen oft Stöße von frivolen und sinnlichen Gegenständen sowie gottlosen Büchern und setzten sie in Brand. Während die Flammen ihr Werk verrichteten, ergriff unser unermüdlicher Missionar erneut das Wort und rief das Volk zur sittlichen Festigkeit auf. Dieses Werk der moralischen Erneuerung hatte ein zutiefst übernatürliches und frommes Ziel: Der gekreuzigte Christus, sein kostbares Blut, seine hochheiligen Wunden und die Schmerzen Mariens waren Ausgangspunkt und Ende seiner Predigten. Deshalb regte er in Pontchâteau die Errichtung eines großen Kalvarienberges an, welcher der Mittelpunkt der geistigen Bewegung werden sollte, die von ihm hervorgerufen worden war.


Im Kreuz sah unser Heiliger den Brunnen einer höheren Weisheit, der christlichen Weisheit, die den Menschen lehrt, in den geschaffenen Dingen Offenbarungen und Zeichen Gottes zu sehen und zu lieben; den Glauben über die stolze Vernunft zu stellen sowie den Glauben und die rechte Vernunft über die rebellierenden Gefühle; die Moral über den ungezügelten Willen, das Geistige über das Materielle, das Ewige über das Zufällige und Vergängliche.


Aber dieser glühende Prediger der echten christlichen Sittenstrenge hatte nichts von der verschlossenen, galligen und engherzigen Sittenstrenge, die einem Savonarola oder einem Calvin eigen ist. Sie war vielmehr besänftigt durch eine liebevolle Hingabe an Unsere Liebe Frau.


Man kann sagen, dass niemand die Hingabe an die Mutter der Barmherzigkeit auf eine höhere Stufe gehoben hat als er. Unsere Liebe Frau, durch göttliche Erwählung notwendige Mittlerin zwischen Jesus Christus und den Menschen, war der Gegenstand seiner ständigen Verehrung, das Thema seiner tiefsten und ureigensten Meditationen. Kein ernsthafter Kritiker kann ihnen das Prädikat genialer Eingebungen absprechen. Um die universelle Mittlerschaft Mariens - heute Glaubenswahrheit - baute der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort eine ganze Mariologie auf, die das größte Denkmal aller Jahrhunderte für die jungfräuliche Mutter Gottes darstellt.


Das sind die Hauptzüge seiner bewundernswerten Predigten. Dieses gesamte Predigtwerk ist durch den Heiligen in seinen drei Hauptschriften zusammengefasst worden: dem "Rundbrief an die Freunde des Kreuzes", der "Liebe zur Ewigen Weisheit" und der Abhandlung über "die vollkommene Hingabe an Jesus durch Maria", eine bewundernswerte Trilogie von lauter Gold und Feuer, aus der, gleichsam als Meisterwerk unter den Meisterwerken, die "vollkommene Hingabe an Jesus durch Maria" hervorragt.


Diesen Werken können wir entnehmen, worin der wesentliche Gehalt der Predigt des hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort bestand. Unser Heiliger war ein großer Verfolgter. Dieser Grundzug seines Lebens wird von allen seinen Biographen überliefert.


Ein wütender Sturm hatte sich gegen seine Predigt erhoben, entfesselt von den bloß weltlich Gesinnten; von den Skeptikern, die wütend waren angesichts so viel Glaubens und sittlichen Ernstes und schließlich den Jansenisten, die sich entrüsteten über eine derart große Hingabe an Unsere Liebe Frau, von der eine unbeschreibliche Sanftheit und Milde ausströmte.


Ein Wirbelsturm erhob sich gegen ihn - sozusagen in ganz Frankreich. Nicht selten wurden, wie es 1705 in Poitiers geschah, seine großartigen Autodafés gegen die Sittenlosigkeit auf Anordnung der kirchlichen Behörden abgebrochen, wodurch diese die Zerstörung der Mittel der Destruktion verhinderten. In fast allen Diözesen Frankreichs gab man ihm Predigtverbot. Nach 1711 gestatteten ihm allein die Bischöfe von La Rochelle und Luçon die Missionstätigkeit, und im Jahre 1710 befahl Ludwig XIV. die Zerstörung des Kalvarienbergs von Pontchâteau.


Angesichts dieser ungeheuren Gewalt des Bösen zeigte sich unser Heiliger als Prophet. Mit feurigen Worten deckte er die Krankheitskeime auf, die Frankreich unterminierten, und sagte einen katastrophalen Umsturz voraus, der sich aus ihnen ergeben müsse. Das Jahrhundert, in dem der hl. Ludwig Maria starb, sollte nicht zu Ende gehen, bevor nicht die Französische Revolution auf unheilvolle Weise seine Vorhersage bestätigt hatte.


Eine Tatsache, die symptomatisch ist und zugleich mit Begeisterung erfüllt, ist die, dass die Gegenden, in denen unser Heiliger die Freiheit hatte, seine Lehre zu verkünden und wo das einfache Volk ihr Folge leistete, diejenigen waren, in denen die Chouans mit der Waffe in der Hand sich gegen die Gottlosigkeit und die Subversion erhoben. Dies waren die Nachkommen der Bauern, die der große Heilige durch seine Mission gefestigt hatte und die dadurch vor den Keimen der Revolution bewahrt worden waren.


Soviel über die Beziehung des Meisterwerks dieses großen Heiligen zum Inhalt unseres im Vergleich dazu bescheidenen Essays, der uns nun beschäftigen soll.


Zunächst wollen wir einige Gedanken, die in "Revolution und Gegenrevolution" enthalten sind, hier vorlegen.


*   *   *


Die Revolution wird in dem genannten Werk als ein gewaltiger Prozess von Strömungen, Lehren, politischen, sozialen und ökonomischen Wandlungen dargestellt, der im letzten, um nicht zu sagen im allerletzten, von einem moralischen Verfall herrührt, der von zwei Hauptlastern bewirkt wird - dem Hochmut und der Sinnlichkeit -, die im Menschen eine grundlegende Unvereinbarkeit mit der katholischen Lehre hervorrufen. Die katholisch Kirche, so wie sie ist; die Lehre, die sie vor Augen stellt; die gesamte Welt, die Gott geschaffen hat und die wir erkennen können, so glänzend in ihren verschiedenen Aspekten - all das erregt in dem tugendhaften, dem reinen und demütigen Menschen eine tiefe Bewunderung und Verehrung. Er empfindet Freude darüber, zu sehen, dass die Kirche und die Welt so sind, wie sie sind.


Aber wenn ein Mensch dem Laster des Stolzes oder der Sinnlichkeit ein wenig nachgibt, fängt eine Unvereinbarkeit mit den verschiedenen Aspekten der Kirche und der Ordnung der Welt in ihm an zu entstehen. Diese Unvereinbarkeit kann sich zum Beispiel zeigen in einer Abneigung gegenüber dem hierarchischen Charakter der Kirche; sie kann sich aufspalten und auch die Hierarchie der weltlichen Gesellschaft betreffen; sie kann sich ferner in Hinblick auf die hierarchische Ordnung der Familie manifestieren. Und so kann ein Mensch durch die verschiedenen Formen des der Gleichmacherei in eine weltanschauliche Position geraten, in der er jedwede Ungleichheit sowie den hierarchischen Charakter der Welt verurteilt. Das wäre dann das Resultat des Hochmuts auf weltanschaulichem Gebiet.


In gleicher Weise kann man die Folgen der Sinnlichkeit für das menschliche Denken umreißen. Der unreine Mensch beginnt im allgemeinen, dem Liberalismus zuzuneigen: ihn irritiert die Existenz einer Vorschrift, einer Bremse, eines Gesetzes, das dem Überschiessen seiner Sinne Grenzen setzt. Und damit erscheint alles Asketische ihm unsympathisch. Aus dieser Abneigung entsteht natürlich auch eine Aversion gegen das Autoritätsprinzip, und so fort. Der Wunsch nach einer im wahrsten Sinne des Wortes anarchischen Welt - ohne Gesetze und ohne Institutionen -, in welcher der Staat nur eine riesige Genossenschaft wäre, das ist die höchste Entfaltung des Liberalismus, den die Unreinheit erzeugt hat.


Sowohl aus dem Stolz wie aus dem Liberalismus erwächst das Verlangen nach einer totalen Gleichheit und Freiheit, das den Kern des Kommunismus ausmacht.


Ausgehend vom Stolz und von der Sinnlichkeit entstehen so die bestimmenden Elemente eines Weltbildes, das dem Werk Gottes diametral entgegengesetzt ist. Diese Auffassung unterscheidet sich schließlich von der katholischen Lehre nicht nur in dem einen oder anderen Punkt. In dem Maße, als im Fortgang der Generationen diese Laster tiefer in die Menschen eindringen und sich verschärfen, tragen sie zur Bildung einer total gnostischen und revolutionären Weltanschauung bei. Die Vereinzelung (Individualisierung), die für die Gnosis ein Übel bedeutet, ist ein Grundsatz der Ungleichheit. Die Hierarchie - auf welchem Gebiet auch immer - ist die Tochter der Individualisierung. Die Welt befreit sich - nach der Gnostik - von der Vereinzelung und der Ungleichheit in einem Prozess der Zerstörung des "ich", das die Einzelnen im großen, homogenen Ganzen vereinigt. Die Verwirklichung der absoluten Gleichheit und ihrer Folge, der völligen Freiheit, unter den Menschen (in einer anarchischen Gesellschaftsordnung) kann als Vorbereitungsstufe zu dieser vollkommenen Aufsaugung des einzelnen angesehen werden.


Es ist nicht schwer, in dieser Hinsicht einen Zusammenhang zwischen Gnosis und Kommunismus zu erkennen.


Somit ist die Doktrin der Revolution die Gnosis, und ihre tiefsten Ursachen haben ihre Wurzeln im Stolz und in der Sinnlichkeit. Ist der moralische Charakter dieser Ursachen gegeben, dann erweist sich das ganze Problem von Revolution und Gegenrevolution im tiefsten und grundsätzlich als ein moralisches Problem. Was in der Abhandlung "Revolution und Gegenrevolution" festgestellt wird, ist dies: Dass die Revolution, wenn es nicht durch den Stolz und die Sinnlichkeit geschähe, als organisierte Bewegung auf der ganzen Welt nicht existieren würde, ja nicht einmal möglich wäre.


Wenn also nun im Kern des Problems von Revolution und Gegenrevolution eine Frage der Moral vorliegt, dann ist es auch und vor allem eine religiöse Frage; denn alle moralischen Fragen sind von ihrem Wesen her religiös. Es gibt keine Moral ohne Religion. Eine Moral ohne Religion ist das unbeständigste Ding, das man sich vorstellen kann. Jedes moralische Problem ist daher grundlegend religiös. So gesehen ist der Kampf zwischen Revolution und Gegenrevolution in seinem Wesen ein religiöser Kampf. Wenn es ein religiöser Kampf ist und wenn es sich um eine moralische Krise handelt, die den revolutionären Geist erzeugt, dann kann man nur mit Hilfe der Gnade aus dieser Krise herauskommen und ihr Lösung bringen.


Es ist ein Dogma der Kirche, dass die Menschen die Vorschriften der katholischen Morallehre, die im Alten und Neuen Testament zusammengefasst sind, allein mit natürlichen Hilfsmitteln auf Dauer und vollständig nicht befolgen können. Um die Gebote erfüllen zu können, ist die Gnade notwendig.


Auf der anderen Seite wird es dem Menschen, wenn er in den Zustand der Sünde gefallen ist und die Begierde nach dem Bösen bei ihm sich ansammelt, nicht gelingen, aus diesem Zustand, in den er gefallen ist, sich wieder zu erheben ohne die Hilfe der Gnade.


Da von der Gnade jede echte sittliche Bewahrung oder jede wahre moralische Erneuerung herrührt, ist es leicht, die Rolle der Mutter Gottes im Kampf zwischen der Revolution und der Gegenrevolution zu sehen. Die Gnade hängt ab von Gott; nichtsdestoweniger aber wollte Gott durch einen freien Akt seines Willens die Austeilung der Gnaden von Unserer Lieben Frau abhängig machen. Maria ist die universale Mittlerin, der Kanal, durch den alle Gnaden strömen. Demnach ist ihre Hilfe unerlässlich, um eine Revolution zu verhüten bzw. um sie zu besiegen durch die Gegenrevolution. Tatsächlich wird derjenige, der die Gnade durch ihre Vermittlung erfleht, sie auch erhalten. Wer sie ohne die Hilfe Mariens zu erlangen sucht, wird sie nicht erhalten. Wenn die Menschen der Gnade, die sie empfangen, entsprechen, dann verschwindet die Revolution automatisch. Umgekehrt ist es unausweichlich, dass die Revolution aufflammt und triumphiert, wenn sie ihr nicht entsprechen. Deshalb ist die Hingabe an die Mutter Gottes Bedingung "sine qua non" für die Beseitigung der Revolution und für den Sieg der Gegenrevolution.


Ebenso, wenn ein Land den notwendigen und ausreichenden Gnaden treu bleibt, die es von Unserer Lieben Frau empfängt und wenn die Befolgung der Gebote in ihm Allgemeingut wird, ist es unausbleiblich, dass eine gute Gesellschaftsstruktur entsteht. Denn mit der Gnade kommt die Weisheit und mit der Weisheit nehmen. alle Aktivitäten der Menschen ihren natürlichen, rechten Lauf.


Dies wird in gewisser Weise bestätigt, wenn man den Zustand analysiert, in dem sich die Zivilisation heute befindet. Gegründet auf eine Zurückweisung der Gnade, wird sie einige aufsehenerregende Resultate erzielen, die jedoch den Menschen verschlingen. In dem Maße, als sie den Laizismus zur Grundlage hat und unter verschiedenen Gesichtspunkten die natürliche Ordnung, die von der Kirche gelehrt wird, verletzt, ist die heutige Zivilisation schädlich für den Menschen.


Solange die Verehrung Unserer Lieben Frau glühend, tief und von reichem theologischen Gehalt ist, wird das Gebet des Bittenden selbstverständlich erhört werden. Die Gnaden werden auf den herabkommen, der andächtig und eifrig darum bittet. Wenn jedoch die Verehrung falsch oder lau ist, bedeckt durch Vorbehalte jansenistischen oder protestantischen Geschmacks, besteht ernste Gefahr, dass die Gnade weniger reich erteilt wird, weil sie von menschlicher Seite aus auf unheilvollen Widerstand stößt. Was vom Menschen gesagt ist, gilt "mutatis mutandis" von der Familie, von einer Region, einem Land oder von jeder anderen menschlichen Gemeinschaft.


Man sagt, im Haushalt der Gnade sei Unsere Liebe Frau der Hals des mystischen Leibes, dessen Haupt unser Herr Jesus Christus ist, weil alles durch sie hindurchfließt. Das Bild kennzeichnet treffend die Wirklichkeit im geistlichen Leben. Jemand, der Unserer Lieben Frau wenig Verehrung entgegenbringt, ist wie ein Mensch, um dessen Hals eine Schlinge gezogen ist und der gerade noch ein klein wenig Luft bekommt. Wenn er überhaupt keine Verehrung bezeigt, erstickt er. Hat er jedoch eine große Verehrung, so bleibt der Hals ganz frei, und die Luft strömt überreich in seine Brust; der Mensch kann normal leben.


Die Sterilität und sogar Schädlichkeit all dessen, was gegen das Wirken der Gnade geschieht, und die überaus große Fruchtbarkeit dessen, was man mit ihrer Hilfe tut, bestimmen genau die Stellung Unserer Lieben Frau in diesem Kampf zwischen Revolution und Gegenrevolution; denn die Intensität der empfangenen Gnaden hängt von der mehr oder weniger großen Verehrung ab, welche die Menschen ihr gezollt haben.


Doch eine Gesamtsicht der Revolution und der Gegenrevolution kann nicht bei diesen Betrachtungen stehen bleiben. Die Revolution ist nicht allein die Frucht der menschlichen Bosheit. Sie öffnet letztlich dem Teufel Tür und Tor und lässt sich von ihm anregen, antreiben und steuern.


In diesem Zusammenhang ist es nun wichtig, die Gegnerschaft zwischen Unserer Lieben Frau und dem Teufel zu sehen. Die Rolle des Teufels beim Ausbruch und im Fortgang der Revolution war enorm. Für logisches Denken ist es klar, dass eine so tiefe und allgemeine Explosion ungeordneter Leidenschaften, wie diejenige war, welche der Revolution zum Ursprung verhalf, ohne den Einfluss außernatürlicher Kräfte sich nicht ereignet hätte. Weiterhin wäre es schwierig gewesen, dass der Mensch diese extremen Stufen der Grausamkeit, Gottlosigkeit und Gemeinheit erreicht hätte, wie sie die Revolution mehrere Male im Lauf der Menschheitsgeschichte aus sich entlassen hat, wenn es nicht unter der Mithilfe des bösen Geistes geschehen wäre.


Nun gut, dieser so starke Antriebsfaktor steht ganz in der Abhängigkeit von Unserer Lieben Frau. Es genügt, dass sie einen Bannstrahl gegen die Hölle schleudert, und diese erzittert, läuft irre, flieht und verschwindet von der menschlichen Szene. Hinwiederum genügt es, dass sie, zur Züchtigung der Menschen, dem Teufel einen gewissen Aktionsradius überlässt, und seine Tätigkeit schreitet voran. So hängen die beiden gewaltigen Faktoren der Revolution und der Gegenrevolution, nämlich der Teufel und die Gnade, von ihrer Macht und von ihrer Herrschaft ab.


Die Betrachtung dieser souveränen Macht Unserer Lieben Frau erinnert uns an die Idee vom Königtum Mariens. Man darf diese Königswürde nicht als einen bloß dekorativen Titel sehen. Obwohl ganz dem Willen Gottes unterworfen, bedeutet das Königtum Unserer Lieben Frau eine echte persönliche Regierungsgewalt.


Gelegentlich einer Rede benutzte ich einmal ein Bild, das es erleichtert, die Rolle der Muttergottes als Königin zu verstehen. Man stelle sich den Direktor einer Schule mit reichlich aufsässigen Schülern vor. Er bestraft sie mit eiserner Autorität. Nachdem er sie zur Ordnung gerufen hat, zieht er sich zurück und sagt zu seiner Mutter: "Ich weiß, dass du diese Schule anders leiten würdest, als ich das jetzt getan habe. Du hast ein mütterliches Herz. Nachdem ich sie nun bestraft habe, möchte ich jetzt, dass du sie mit Freundlichkeit führst". Die Dame wird die Schule nach dem Willen des Direktors leiten, aber mit einer Methode, die von der des Direktors, verschieden ist. Ihre Handlungsweise ist anders als seine, aber dennoch erfüllt sie ganz seinen Willen.


Kein Vergleich ist völlig exakt. Trotzdem kann uns, wie ich glaube, dieses Gleichnis in gewisser Hinsicht helfen, die Sache zu verstehen.


Die Rolle Unserer Lieben Frau als Königin der Welt ist nämlich dazu analog. Unser Herr hat ihr königliche Macht über die ganze Schöpfung verliehen, doch ihr Mitleid reicht - ohne die geringste Übertreibung sei es gesagt - bis an die äußersten Grenzen. Ihr göttlicher Sohn hat sie zur Königin der Welt eingesetzt, um diese und vor allem das arme, gefallene und sündhafte Menschengeschlecht zu regieren. Und es ist der Wille unseres Herrn, dass sie das tut, was er nicht selbst tun wollte, aber durch sie, als das königliche Werkzeug seiner Liebe, getan wissen will. Es gibt deshalb ein wirkliches Regiment Mariens in der Regierung der Welt. Und so sieht man, wie Unsere Liebe Frau, obwohl auf das innigste mit Gott vereint und von ihm abhängig, im Lauf der Geschichte handelt und wirkt. Unsere Liebe Frau ist natürlich unendlich geringer als Gott, aber er wollte ihr diese Rolle aus einem Akt von Freigebigkeit heraus übertragen. Es ist Unsere Liebe Frau, die einmal die Gnade reichlicher austeilt, das andere Mal in weniger reichlichem Maße; die das Treiben des Teufels jetzt mehr, ein anders Mal weniger stark eindämmt; die ihre Königsherrschaft über den Lauf der irdischen Ereignisse ausübt. In diesem Sinne hängt von ihr die Dauer der Revolution und der Sieg der Gegenrevolution ab. Außerdem greift sie manchmal direkt in diese menschlichen Ereignisse ein, wie es z.B. in Lepanto geschah. Wie zahlreich sind doch die Tatsachenberichte aus der Kirchengeschichte, wo deutlich von ihrer direkten Intervention in den Lauf der Dinge berichtet wird! All das lässt uns erkennen, auf welch mannigfache Weise das Königtum Unserer Lieben Frau wirksam ist.


Wenn die Kirche von ihr singt: "Du allein hast die Irrtümer der ganzen Welt überwunden!", dann verkündet sie, dass die Rolle Mariens in dieser Auseinandersetzung auf gewisse Weise einzigartig war. Das heißt nichts anderes, als dass Maria die Geschichte lenkt; denn wer die Vernichtung der Irrtümer lenkt, der lenkt den Triumph der Rechtgläubigkeit, und indem er die eine oder andere Sache leitet, lenkt er die Geschichte in ihrem innersten Kern.


Es wäre eine interessante geschichtliche Aufgabe zu zeigen, dass der Teufel zu siegen beginnt, wenn es ihm gelingt, die Verehrung der Mutter Gottes zu schwächen. Das kann an allen Dekadenzepochen der Christenheit, an allen Siegeszügen der Revolution aufgezeigt werden. Charakteristisches Beispiel ist das Europa vor der Französischen Revolution. Die Verehrung Unserer Lieben Frau in den katholischen Ländern war durch den Jansenismus erheblich vermindert, und so glichen sie einem Wald nach einer Dürreperiode, in dem ein einziger Funke alles in Flammen setzt.


Diese und andere Betrachtungen, gewonnen aus der Lehre der Kirche, eröffnen die Aussicht auf das Königreich Mariens, das heißt auf ein historisches Zeitalter des Glaubens und der Tugend, das durch einen spektakulären Sieg Unserer Lieben Frau über die Revolution eingeleitet werden wird. In dieser Zeit wird der Teufel vertrieben werden und in die Hölle zurückkehren, und Unsere Liebe Frau wird über die Menschheit regieren mit Hilfe von Institutionen, die sie zu diesem Zweck wählen wird. Was diese Aussicht auf das Königreich Mariens angeht, so finden wir im Werk des hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort einige bemerkenswerte Hinweise. Der Heilige ist ohne Zweifel ein Prophet, der dieses kommende Reich ankündigt. Er spricht ausdrücklich davon: "Wann wird diese Feuerflut der reinen Liebe kommen, die Du auf der ganzen Erde entzünden und sanft und mächtig anfachen wirst, damit alle Völker, die Türken, die Götzendiener, ja selbst die Juden davon erfasst und sich bekehren werden? (Prophetisches Flammengebet, in Das Goldene Buch, S. 212). Dieser Feuerbrand, der die Menschheit reinigen wird, leitet dann zugleich das Königreich des Hl. Geistes ein, das der hl. Ludwig mit dem Königreich Mariens identifiziert. Unser Heiliger bekräftigt, dass eine Blütezeit der Kirche kommen wird, wie es sie bis dahin noch nie gegeben hat. Er schließt sein Werk mit der Versicherung: "Denn gerade für die letzten Zeiten hat Gott beschlossen, im Verein mit seiner heiligen Mutter Heilige großzuziehen, welche die Mehrzahl der anderen Heiligen soweit übertreffen werden, als die Zedern des Libanon über das niedere Gesträuch emporragen" (Das Goldene Buch, Vollkommene Hingabe, Absatz 47, S. 30).


Wenn wir bedenken, welch große Heilige die Kirche schon hervorgebracht hat, dann muss uns der Ausblick auf jene blenden, die mit der Hilfe Unserer Lieben Frau erstehen werden. Doch was ist einleuchtender, als sich ein enormes Anwachsen der Heiligkeit in einer Epoche vorzustellen, in der auch das Wirken Unserer Lieben Frau sich wunderbar vermehrt! Wir können deshalb sagen, dass der hl. Ludwig von Montfort mit seiner Bedeutung als Denker, aber vor allem mit seiner Autorität als von der Kirche kanonisierter Heiliger den Hoffnungen Gewicht, Ansehen und Festigkeit verleiht, die in vielen privaten Offenbarungen Ausdruck finden, dass nämlich eine Zeit kommen wird, in der Unsere Liebe Frau wirklich triumphieren wird.


Das Königtum Mariens verwirklicht sich an erster Stelle im Inneren der Seele. Aber es entfaltet auch im ganzen Bereich des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens eine souveräne Wirksamkeit, indem es von dort, vom innersten Heiligtum einer jeden Seele, seinen Widerschein auf das religiöse und bürgerliche Leben der Völker wirft. Das Königreich Mariens wird somit eine Epoche sein, in der die Vereinigung der Seelen mit der Mutter Gottes eine Intensität erreicht, für die es in der Geschichte kein Vorbild gibt (Einzelfälle natürlich ausgenommen). Wie wird dieser in gewissem Sinne höchste Bund aussehen?


Ich kenne kein besseres Mittel, diese Vereinigung zu verdeutlichen und Wirklichkeit werden zu lassen, als die heilige Sklavenschaft gegenüber Unserer Lieben Frau, wie sie vom hl. Ludwig von Montfort in dem "Traktat über die vollkommene Hingabe an Jesus durch Maria" gelehrt wird.


Angesichts der Tatsache, dass die Mutter Gottes der Weg ist, auf dem Gott zu den Menschen kommt und auf dem diese zu Gott gelangen können, sowie des allumfassenden Königtums Mariens, empfiehlt unser Heiliger, dass sich der Verehrer der hl. Jungfrau ihr ganz als ihr Sklave weiht. Diese Weihe ist Zeichen einer bewundernswerten Radikalität. Sie erfasst nicht nur die materiellen Güter des Menschen, sondern auch den Wert seiner guten Werke und Gebete, sein Leben, seinen Leib und seine Seele. Sie ist unbegrenzt; denn der Sklave besitzt definitionsgemäß nichts für sich selbst.


Im Gegenzug zu dieser Weihe wirkt Unsere Liebe Frau im Innersten ihres Sklaven auf wunderbare Weise, indem sie mit ihm eine unaussprechliche Verbindung eingeht.


Die Früchte dieser Vereinigung werden sichtbar werden in den Aposteln der Endzeit, deren Charakterbild er voller Feuer in seinem berühmten "Flammengebet" zeichnet. Er verwendet hier eine Sprache von apokalyptischer Größe, in der das ganze Feuer eines Johannes des Täufers, die ganze Wortgewalt eines Johannes des Evangelisten und der ganze Eifer eines Paulus von Tarsus wieder aufzuleben scheint. Jene wunderbaren Recken, die - gegen den Teufel - für das Königreich Marias kämpfen und ruhmreich bis zum Ende der Zeiten den Streit gegen Teufel, Welt und Fleisch führen werden, beschreibt der hl. Ludwig als großartige Vorbilder, welche diejenigen zur vollkommenen Sklavenschaft gegenüber Unserer Lieben Frau einladen, die in den Tagen der heutigen Finsternis in den Reihen der Gegenrevolution kämpfen.


Mit diesen Betrachtungen über die Rolle der Mutter Gottes in der Revolution und Gegenrevolution wie über das Königreich Unserer Lieben Frau - entwickelt anhand der "Abhandlung über die vollkommene Hingabe an Jesus durch Maria" glaube ich die wesentlichen Berührungspunkte zwischen dem Meisterwerk des großen Heiligen und meinem Buch über "Revolution und Gegenrevolution" herausgestellt zu haben.

LITERATURHINWEIS: Ludwig Maria Grignion von Montfort: "Das Goldene Buch - Die Wahre Andacht zu Maria, das Geheimnis Mariä und die Liebe zum Kreuz", Lins-Verlag, A-6804 Feldkirch.

Dienstag, 9. März 2010

Die Abhandlung über die wahre Andacht zu Maria vom hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort - Teil III.

Kommentiert von Prof. Plinio Correa de Oliveira

Andacht zu Maria und die Vorbereitung des Reiches Christi.

Dieses Ziel des hl. Ludwig gibt Anlass zu einem Kommentar: Der heilige Prophet nimmt sich vor, das künftige Reich Christi vorzubereiten, indem er das tut, was ihm als das wesentlichste, als das wichtigste, das eiligste erscheint und in der konkreten Ordnung der Dinge fast automatisch alles andere zur Folge hat: die vollkommene Andacht zu Maria zu verbreiten.
Den Sieg über den Geist der Welt und die Wiederherstellung der Zivilisation auf der Grundlage der Lehren de katholischen Kirche erreicht man nicht mit den Mitteln der Politik, durch Werke, Talent oder Wissenschaft. In der Zeit selbst des Heiligen, bezauberte und begeisterte Bossuet (Bild r.) Versailles und Paris mit seinen Predigten. Sie waren jedoch nicht entscheidend, um den religiösen Verfall in Frankreich aufzuhalten. Der Anfang jeder Erneuerung liegt im religiösen Andachtsleben, in der Ereiferung des geistigen Lebens, genauer gesagt, in den religiösen Grundlagen des Lebens eines Volkes. Das wesentlich wichtige Apostolat ist strikt religiös: den religiösen Eifer steigern, Andacht fördern und Charakterbildung. Alles andere sind Konsequenzen und Ergänzungen. In der Tat wichtig, aber eben nur Ergänzungen.
Die große Lehre, die der hl. Ludwig schon am Anfang seiner Abhandlung festsetzt und später weiter ausführt, ist, dass für die Charakterbildung eines Katholiken die Andacht zu Maria eine notwendige Grundbedingung darstellt. Besitz man diese Andacht in ihrer Vollkommenheit, hat der Charakter alle notwendigen übernatürlichen Voraussetzungen sich zu entwickeln in Verbindung mit dem persönlichen Willen. Bildet sich diese Andacht nicht, kann das Gnadenleben sich nicht ausbreiten und nichts kann erreicht werden.
So ist also die Andacht zur Muttergottes eine unverzichtbare Bedingung für alles, was das eigene Seelenheil betrifft, die Rettung der Zivilisation und das ewige Heil aller, die in einer gewissen Zeit die streitende Kirche bilden. Der hl. Ludwig hatte also mit diesem Buch ein Werk von größter Wichtigkeit für die Erneuerung der kommenden Jahrhunderte im Sinn. An uns liegt es nun mit großer Begierde diese von ihm gepredigte Andacht in ihrer Vollkommenheit zu besitzen. Mit anderen Worten, wir wurden zu einem vorbestimmten Werk berufen, das klare vorgegebene Ziele hat, die wir nur verwirklichen werden, wenn wir diese Andacht in ihrer Vollkommenheit praktizieren. Wenn sie also notwendig ist für die Erneuerung der Welt in Jesus Christus, und wir dabei mitwirken wollen, müssen wir uns diese Andacht zu eigen machen.
Die „Abhandlung“ ist also nicht irgendein Andachtsbüchlein, das die Verehrung eines Heiligen lehrt, die man üben kann oder nicht. Die Andacht zur Muttergottes ist eine wesentlich wichtige Übung, eine conditio sine qua non für die Durchführung unserer Arbeit. Und wir werden sie nur im vorgesehenen höchsten Maß besitzen, wenn wir die vom hl. Ludwig entwickelte Form anwenden und die von ihm gesetzten Grundlagen annehmen.
Dom J.-Baptist Chautard (Bild l.) entwickelt die These, dass das innere Leben wichtig ist für die Durchführung apostolischer Werke und das der Apostel das innere Leben pflegen muss, damit seine Werke Früchte bringen. Er erklärt, was inneres Leben ist und zeigt die Mittel auf, um es zu pflegen. Unter den Mitteln erwähnt er die Verehrung Mariens. Der hl. Ludwig setzt ebenfalls die Notwendigkeit des inneren Lebens für die Werke des Apostolats voraus, hebt jedoch hervor, dass sie nur durchführbar sind im Zusammenhang mit einer tiefen Verehrung der Muttergottes. Er setzt also das wesentliche voraus – das innerliche Leben – geht aber einen Weg, der unentbehrlich ist: die Andacht zur Muttergottes. Dies ist der Kanal, durch welchen alle notwendigen Gnaden zur Belebung der Struktur des geistigen Lebens und des Apostolatslebens strömen.

Donnerstag, 11. Februar 2010

Eine Lehre aus dem Wirken des hl. Augustinus

Ich möchte gerne noch etwas schönes über den hl. Augustinus darlegen. Es ist folgendes: Der Geist, mit dem dieser Mann seine Werke schrieb. Er schrieb seine Bücher, als das weströmische Reich bereits zusammenbrach und alles so aussah, dass mit dem Ansturm der Barbaren die katholische Religion komplett dahingefegt würde. Er war Bischof von Hippo im Norden Afrikas. Diese Region wurde dermaßen zerstört, dass bis heute der Katholizismus sich nicht wieder von den damaligen Verwüstungen erholt hat. Trotzdem schrieb er seine Werke in aller Ruhe für eine Zukunft, die er selbst nicht ausmachen konnte.
Als er im Sterben lag, brachen die Barbaren in Hippo ein. Übrigens gaben sie seinem Leichnam ncoh eine besondere Ehrerweisung. Die damalige Welt brach zusammen und es kam das Mittelalter. Seine Werke inspirierten die mittelalterliche Vorstellung des Staates, des Reiches und der Kirche. Er wurde zu einem allgemeinen Lehrer des Mittelalters.

Was war dafür notwendig gewesen? Der Glaube an Gott. Gott will, dass er schreibt und er schreibt umfangreiche Werke, sicher nicht für die Barbaren, die Hippo belagerten, sondern für dann, wann es Gott gefällt. Er hat das Werk vollendet ohne zu wissen, wann es jemals gelehrt würde.

Und als Gott Jahrhunderte später das Mittelalter einleitete, war es wie eine Lilie, die aus dieser Wurzel, die Werke des Augustinus, hervorging, insbesondere „Die Stadt Gottes“. Dies ist für uns, die wir in einem neuen Zeitalter von Barbaren leben – nicht aber von Barbaren, die mit Keulen und Lanzen daherreiten, sondern mit Atombomben - , eine hoffnungsvolle Meditation. Vollbringen wir unser Werk mit Vertrauen, mit Gewissheit und Glauben, und es wird irgendwann von Nutzen sein. Nie darf uns der Gedanke kommen, dass das, was wir tun können, nicht von äußerster Nützlichkeit sei. Wenn nicht für heute, dann für eine Zukunft, die in den Plänen Gottes steht.


Der Kampf zwischen Gut und Böse

Das Nur-an-sich-selbst-denken, an die eigenen Interessen, Genüssen, Wohlgefühle, an die Kleinigkeiten des Alltags, sich selbst als das kleine Zentrum des Universums zu betrachten, den Egoismus gänzlich auf die eigenen Zufriedenheiten gerichtet, das ist der Ausgangspunkt der Stadt des Teufels, der schlechten Geistesgesinnung und alles Weitere.

Das Fundament der „Stadt Gottes“ besteht aus Nicht-an-sich-denken, sich ganz den von der Offenbarung hingewiesenen überirdischen Wirklichkeiten zuzuwenden, einen sogenannten metaphysischen Geist, einen religiösen Geist besitzen, der sich den höheren Dingen zuwendet und die Bedingungen herstellt, damit die Seele die unschätzbare Gabe des katholischen Glaubens empfangen kann. Das ist wirklich, für Gott leben.

Diese zwei Prinzipien stehen sich in einer vollständigen Opposition gegenüber, und die Weltgeschichte ergibt sich aus dem gegenseitigen Kampf dieser beiden Prinzipien.

Es könnte jemand einwenden, dass diese Anschauung zu unnachgiebig, zu kompromisslos ist. Ich antworte: Ja, sie ist es! Der hl. Ludwig von Montfort sagte, dass alles, was Gott erschaffen hat, gut ist, weil Gott nichts falsches tun kann. Nur eine einzige Feindschaft schuf er, und diese ist perfekt, weil Er alles perfekt macht. Die Feindschaft, die Er stiftete, ist diejenige zwischen den Guten und den Bösen, zwischen den Kindern des Lichts und den Kindern der Finsternis, zwischen Maria und der Schlange.

Die Abhandlung über die wahre Andacht zu Maria vom hl Ludwig Maria Grignion von Montfort - Teil II.

Die Zielsetzung der „Abhandlung“


Unter der Nr. 13 der Einleitung finden wir den Grundgedanken des Werkes:


„Das Herz hat mir in die Feder diktiert, was ich soeben mit ganz besonderer Freude niederschrieb, um zu zeigen, daß Maria in ihrer hehren Würde bis jetzt fast unbekannt geblieben ist. Das ist auch einer der Gründe, weshalb Jesus Christus noch nicht die allgemeine Anerkennung gefunden hat, die ihm gebührt.“

Dies ist also der Zweck der Einleitung und des ganzen Buches: Maria ist unbekannt, sie muß bekannt gemacht werden, und wenn sie bekannt ist, wird das Reich Christi kommen. Das Buch hat also den Zweck, die Andacht zu Maria zu verbreiten, damit das Reich Christi komme. Es ist also ein Werk mit einer großen Weitsicht und mit einer sehr breiten historischen Reichweite, das sich auf den Wunsch fixiert, das Reich Christi einer Welt zu bringen, die davon noch weit entfernt ist, und dem das Reich Mariens vorausgeht.

Den theologischen Grund dafür, daß das Reich Mariens dem Reich Christi vorausgehen wird, liefert der Heilige im Abschnitt 1senes Buches: „Durch die allerseligste Jungfrau Maria ist Jesus Christus in die Welt gekommen, das heißt, wenn Maria nicht auf der Welt gewesen wäre, wäre Christus nicht gekommen; und durch Maria soll er auch in der Welt herrschen.“ Die Verehrung Jesu also muß durch Maria in die Welt kommen . Darum ist die Verbreitung der Andacht zu Maria, in dieser Perspektive, das größte, dem sich der Mensch widmen kann.



Donnerstag, 14. Januar 2010

Die Abhandlung über die wahre Andacht zu Maria vom hl Ludwig Maria Grignion von Montfort - Teil I.

Kommentiert von Plinio Corrêa de Oliveira

In der Abhandlung vom hl. Ludwig Maria Grigion von Monfort möchte ich einige Aspekte hervorheben, bevor ich zum Kommentar komme.

Zunächst gibt es einen theologischen Aspekt, in dem der hl. Ludwig die Muttergottes-verehrung analysiert, die Mittel aufzeigt, durch welche wir Maria verehren können und durch die wir unseren Dank für die erhaltenen Gnaden darbringen.
Zweitens, können wir die Rolle Mariens im Kampf gegen den Teufel und die Feinde der Kirche hervorheben. Der hl. Ludwig übernimmt und bereichert die Vorstellung des hl. Augustinus vom Kampf zwischen den zwei Städten - der Stadt Gottes und der Stadt des Teufels -, der das Wesen der Weltgeschichte ausmacht. Anschließend beschreibt er die Rolle Mariens in der Stadt Gottes.
Über die Rolle Mariens im Kampf gegen die Revolutiom schreibt der hl. Ludwig gar nichts. Doch die ganze Theologie dieses Kampfes findet ihre Wurzeln in seine Abhandlung über die wahre Andacht. Dies ist wichtig hervorzuheben, denn dieses Werk bestätigt die geistige Substanz der Seelenfamilie der TFP und ist deshalb eine Garantie dafür, daß, wenn wir diesen Ideen treu folgen, wenn auch von der Welt abgesondert, wir mit dem Geist und der Lehre der Kirche vereint bleiben.
Drittens, interessiert uns dieses Werk unter dem historischen Gesichtspunkt. Wie wir wissen, lebte der hl. L in der Zeit Ludwigs XIV., der unter gewissen Aspekten einen Höhepunkt der Geschichte darstellt, nachdem die Menschheit nichts anderes tat, als zu sinken, zu zerfallen. Der hl. Ludwig beschreibt die Gesellschaft seiner Zeit, in der die Keime der Französischen Revolution schon zu spüren sind.
Wir sehen also einen großen Heiligen, der zugleich ein großer Gegen-Revolutionär war, der schon in jener Zeit das Vorhandensein der gleichen Revolution aufzeigte, die wir heute hassen, gegen die wir heute kämpfen, die sich im Inneren der französischen Gesellschaft heranbildete.
Der Zusammenhang zwischen dem hl. Ludwig und der Revolution ist sehr interessant. Er war Opfer einer unnachgiebigen Opposition der jansenistischen Bischöfe Frankreichs. Von Exkommunikation zu Exkommunikation, von einer Amtsenthebung in die andere, durfte er nur noch in zwei Bistümer Predigen. Diese Diözesen waren diejenigen, in die später die Französische Revolution sich nicht durchsetzte, in denen das Volk an der Seite des Klerus und des Adels gegen die Aufständischen kämpfte, in denen die Katholiken gegen die republikanischen Kräfte marschierten unter dem Klang religiöser Lieder, die ihre Vorfahren vom hl. Ludwig gelernt hatten.
So kann man die Karte Frankreichs in zwei Teile einteilen: Der Teil, der der Revolution widerstand leistete, war der, der vom hl. Ludwig missioniert wurde. In dem Teil, wo die Jansenisten dominierten und sich gegen seine Evangelisierung stellten, hatte die Revolution freien Lauf und siegte.

Als letztes interessiert uns der prophetische Aspekt der Abhandlung, mit dem der Heilige sie prägte. Der hl. Ludwig ist im engeren Sinne ein Prophet. Ohne Zweifel merkt man in der Lektüre seines Buches, daß er von Gott ein prophetisches Charisma erhielt. Er prophezeit Ereignisse, die die Französische Revolution und die Krise der heutigen Welt voraussehen lassen. Er behauptet auch im voraus den großen Sieg der Kirche in einer neuen Weltepoche, die marianisch geprägt sein wird. Der hl. Ludwig sah das kommende Reich Mariens voraus, als die Vollendung des Reiches Christi auf Erden.
Doch er schrieb nicht vier Abhandlungen über diese vier Aspekte, sondern nur eine. Sie sind auch nicht gesondert aufgeführt in seinem Werk, sondern ziehen sich wie ein goldener Faden durch das ganze Werk. Nach Möglichkeit werde ich die einzelnen Kapitel unter diesen vier Aspekten kommentieren.


Freitag, 8. Januar 2010

Der hl. Augustinus (28. Ausgust)



Eine Lektüre, die ich jedem empfehlen kann, sind die "Bekenntnisse" des hl. Augustinus (354-430). Es ist eine Lektüre, die in ihren strikten biographischen Aspekten, unter allen Gesichtspunkten, etwas wunderbares ist.
Es ist vor allem eine Erbauungslektüre: die Psychologie der Bekehrung, wenn er beschreibt, wie er selbst sich bekehrte, alle seine Sünden, alle Irrtümer, alle Abgründe, in denen er gefallen ist, der Hochmut, der sich zerbrach, nachdem er gesehen hatte, zu was er alles fähig war; sein erster Kontakt mit dem hl. Ambrosius (340-430), Bischof von Mailand, die ersten Prinzipien, die ersten Lichter der Idee einer Religion, die allmählich durch die Anwesenheit des hl. Ambrosius in seine Gedanken eindrangen, als er noch nicht katholisch war.

Er hatte eine so große Begeisterung für den hl. Ambrosius, dass er ihn in seinem Haus aufsuchte, um sich mit ihm zu unterhalten. Doch Ambrosius, der die modernen Techniken des Apostolats nich kannte, trotzdem ein großer Apostel war, lies dem Augustinus sagen, dass er keine Zeit für ihn hatte, da er wichtiges zu schreiben hatte, und fuhr mit seinem Schreiben fort. Augustinus setzte sich in der Nähe und schaute dem großen Schreiber mit Begeisterung zu.
Ambrosius wusste, dass er durch das Apostolat der Anwesenheit viel mehr erreichen würde als durch das Apostolat des Wortes. Dem einen schrieb er, dem anderen erstrahlte er; bekehrte diejenigen, denen er schrieb und bekehrte den, dem er erlaubte ihm zuzuschauen. Wie gerne würde ich diese Szene durch eine Luke betrachten! Ambrosius, der große Kirchenlehrer, in einem Follianten schreibend, mit dem Antlitz eines ehwürdigen Alten, gelassen, erleuchtet durch die Gnade Gottes, weise, in sich gekehrt, erhaben in seinen Urteilen, ab und zu das Schreiben unterbrechend, um ein Stoßgebet zu verrichten, etwas nachdenklich bevor er eine Schlussfolgerung formuliert, und vor ihm Augustinus, der in seinem Gesicht noch die krampfartigen Züge einer Krise, die er gerade durchmachte. Doch Gottes Gnade wirkte in Augustinus und bearbeitete sein Inneres durch der Bewunderung des hl. Ambrosius.
Dann die bekannte Bekehrung des Augustinus, in der die Kirchenmusik eine große Rolle gespielt hat. Er erzählt, dass, wenn er in eine Kirche ging und dort die sakrale Musik hörte, das Singen der Psalmen, er eine Gewalt, das Tosen seiner Reue und den Ruhm Gottes verspührte, das fast einer Verzückung gleichkam.
Und dann beschreibt er die bekannte Gewissenskrise und die Szene seiner Bekehrung. Er hört eine Stimme, die ihm sagt: tolle, lege; nimm und lies! Er nimmt das Buch, das da liegt, es ist die Heilige Schrift. Er liest sie und seine Bekehrung ist beschlossen.
Weiter beschreibt er seine bekannte Unterhaltung mit seiner Mutter, der hl. Monika (331-387) in Ostia. Monika war eine extrem gütige Person, eine Heilige und er, ein sehr schlechter Sohn. Es kam einmal zu einer schmerzlichen Szene. Er wollte nach Rom (er wohnte in Afrika) und seine Mutter wollte mit ihm reisen. Er ist vor seiner Mutter geflüchtet und fuhr allein nach Rom. Sie blieb zurück, betete und weinte viel um die Bekehrung ihres Sohnes. Irgendwann ist sie ihm nachgefahren und besuchte dann den Bischof von Mailand, den hl. Ambrosius, und fragte ihn, ob er meine, dass sich ihr Sohn bekehren würde. Er antwortete: "Frau, ich habe nicht viel Zeit, um mit dir zu sprechen, doch eines will ich dir sagen: Gott kann einem Sohn so vieler Tränen nicht widerstehen." Das heisst, es sollte eine neue Geburt des Sohnes sein, diesmal aber aus tiefer Trauer, Schmerz und Tränen.
Man kann sich ihre Freude vorstellen, als sie, gegen aller Erwartung, sieht, dass sich ihr verlorener Sohn bekehrt. Sie wollen beide nach Afrika zurück, um wieder in Karthago zu wohnen. Sie erreichten die Hafenstadt Ostia, wo sie sich einquartieren. Am Abend, setzen sie sich am Fenster der Herberge und unterhalten sich. Augustinus erzählt, dass sie über den Himmel sprachen. Man kann sich vorstellen, wie dieses Gespräch sich entwickelte, eine heilige Mutter, ein heiliger Sohn. Beide gerieten in einer Art Verzückung. Augustinus erzählt, dass diese Verzückung für ihn ein Licht war, das ihn Mut gab, alle Kämpfe des Lebens zu durchstehen. Für die Mutter, war es ein Vorfreude des Himmels, da sie kurz darauf noch in Ostia gestorben ist. Er wohnt noch dem Begräbnis der Mutter bei und fährt zurück nach Afrika, wo er später (395) Bischof von Hippo wird.
In Hippo schrieb er unter anderem sein bekanntes Buch "Die Stadt Gottes", in dem er sozusagen das Prinzip, die Grundlage der Doktrin von Revolution und Gegenrevolution darstellt. Das Prinzip, welches er dort beschreibt, ist, dass es auf der Welt nur zwei Kräfte gibt, nur zwei vitale Prinzipien, nur zwei aktive Elemente, nur zwei Ordnungen, oder, wie er sagt, nur zwei Staaten (die civitas, die er beschreibt, ist der Staat und nicht die Stadt, wie man gewöhnlich meint): es sind Gott und der Teufel, die sich in einem ewigen, vollständigen und unversöhnlichen Kampf befinden.
Es ist der Gedanke, dass alle Ereignisse in der Welt einzig und allein auf einen Kampf zwischen Gut und Böse zurückgehen, zwischen katholischer Kirche und der Macht der Finsternis, zwischen denen, die in der Kirche das Gute vertreten und der Macht der Finsternis. Dieser Kampf, dieser zwei entgegengesetzten Prinzipien gehe aus zwei Arten der Liebe hervor, und die Opposition dieser zweier Lieben sei die Quelle des gegenseitigen Hasses. Und die Quelle dieser Liebe und des Hasses sei, in der Stadt Gottes, die Liebe Gottes bis hin zum Vergessen seiner selbst, und in der Stadt des Teufels, die Eigenliebe bis hin zur Gottvergessenheit. Das heißt, des Egoismus in der einen und der Suche nach dem Absoluten in der anderen.
Das nur an sich selbst denken, an die eigenen Interessen, an sein Wohlbefinden, an Kleinigkeiten, sich als kleines Zentrum den Universums zu halten, ein Egoismus, der nur auf die eigene Befriedigung eingestellt ist, das ist der Ausgangspunkt der Stadt des Teufels, der bösen Geisteshaltung und alles weitere.
Die Stadt Gottes besteht in nicht an sich denken, sich ausschließlich an die überirdische Realität ausrichten, auf die die Offenbarung uns hinweist. Einen metaphysischen Geist pflegen, einen religiösen Geist, der den höheren Dingen zuwendet und die Seele für die Annahme der unschätzbaren Gabe des katholischen Glaubens vorbereitet. Das heißt, nur für Gott leben.
Diese zwei Prinzipien stehen in einer kompletten Opposition und die Weltgeschichte entwickelt sich im gegenseitigen Kampf dieser beiden Prinzipien.
Jemand könnte einwenden, die sei eine radikale, kompromisslose Auffassung der Realität. Ja, und das ist sie auch. Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort sagt, alles was Gott geschaffen hat, ist gut, weil er nicht Falsches tun kann. Nur eine einzige Feindschaft hat er gesetzt und diese ist gut, weil er nur Gutes tun kann: Es ist die Feindschaft zwischen Guten und Bösen, zwischen den Kinder des Lichtes und den Kindern der Finsternis, zwischen der Muttergottes und der Schlange.
Es gibt da etwas sehr schönes über den hl. Augustinus: Der Geist, mit dem er seine Bücher schrieb und füllte. Er schrieb sie zu der Zeit, als das Römische Reich des Westens zusammenfiel. Alles führte dahin anzunehmen, dass mit dem Einfall der Barbaren im Westen die katholische Religion weggefegt würde. Augustinus war Bischof von Hippo im Norden Afrikas. Dort haben die Barbaren dermaßen gewütet, dass der Katholizismus bis heute nicht wieder etablieren konnte. Trotzdem schrieb er seine Bücher in aller Ruhe, für eine Zukunft, die er nicht kannte.
Als er starb, waren die Horden in die Stadt eingedrungen. So berühmt war Augustinus, dass die Eindringlinge seinem Leichnam noch die letzte Ehre erwiesen. Die Welt zerbrach und es kam das Mittealter. Seine Werke waren die Grundlage für die mittelalterliche Auffassung des Staates, des Reiches und der Kirche. Er ist ein Kirchenlehrer des Mittelalters.
Man sieht, was notwendig war an Gottesglauben und Gottvertrauen. Gott will, dass er schreibt und er schreibt ein umfangreiches Werk, nicht für die Vandalen, die Hippo erstürmten, sondern für wann es Gott will. Seine Werke liegen da, fertig.
Und als es Gott gefiel, Jahrhunderte nach seinem Tod, kam das Mittelalter, wie eine Lilien erwachsen aus dieser Wurzel, insbesondere "die Stadt Gottes". Dies soll für uns eine Ermutigung sein. Vollbringen wir mit Vertrauen und festem Glauben unser Werk, denn es wird für irgendwann nützlich sein. Niemals dürfen wir meinen, dass das, was wir tun, nicht von einer großen Nützlichkeit sei.