Donnerstag, 21. Mai 2015

Vorbereitung für eine große Mission


Am Fest der Muttergottes von Fatima könnten wir folgendes betrachten: Die Erscheinungen der Muttergottes wurden eingeleitet von einigen Engelerscheinungen und vor diesen wiederum gab es einige Lichterscheinungen, die keinem himmlischen Wesen richtig zugeordnet werden konnten. Die zwei Mädchen, Lucia und Jacinta, sahen am Himmel eine Lichtgestalt, die sie nicht deutlich beschreiben konnten. Später nahm das Licht die Gestalt eines Engels an, der ihnen dann sagte, er sei der Engel von Portugal. Durch mehrere Erscheinungen und Gespräche bereitete der Engel so, die Kinder auf die späteren Erscheinungen der Muttergottes vor.
Wie wir sehen, werden die Vorbereitungen für eine große Mission in Etappen durchgeführt. Es waren verschiedene Etappen, in denen die Vorsehung wollte, dass die Gnade auf die Kinder auf pädagogische Weise einwirkte und so ihre Seelen auf den Moment vorbereitete, in dem die Muttergottes zu ihnen sprechen würde. 
Bei dieser Vorbereitung können wir eine Lehre feststellen, die wir beachten sollten. Es handelt sich bei uns keinesfalls um Visionen, Erscheinungen oder Offenbarungen, doch wir, wie jeder Christ, haben eine Mission und diese Mission wird auch für uns allmählich deutlicher, in der Weise wie es in Fatima für die Kinder geschah.
Es kann vorkommen, dass jemand meint seine Berufung gefunden zu haben und in dieser etwas Großes vermutet. Doch er sieht sie zunächst mal nur wie ein leuchtender Fleck am Himmel, der aber im Laufe der Zeit immer deutlichere Konturen annimmt. Irgendwann definiert sich in seinem Geist die deutliche Sicht seiner Mission, seiner Berufung. Es gibt also eine Art Vorbereitung, bei der die Person ein offenes Herz haben muss, in den verschiedenen Etappen der Vorbereitung treu sein muss, damit, wenn der Moment kommt, da die Vorsehung an die Tür klopft und ihr eröffnen will, wie ihre Berufung sein wird und welche Bedeutung sie hat, die Person sie richtig erkennt und versteht.

Es ist ein Prozess der Reife, in dem einem immer wieder das Gleiche oder vielleicht etwas mehr gesagt wird, in dem man in treuer Erwartung Hinweise aufnimmt. Irgendwann kommt dann sie Stunde der Gnade und man sieht und versteht alles besser und deutlicher als vorher. Es ist die Vorgehensweise des Heiligen Geistes in den Seelen: Er bereitet sie Stück für Stück vor, um eine Lehre nach und nach aufzunehmen und ihr endlich zuzustimmen. Das ist echte katholische Bildung.
Es ist die Umwandlung dessen, was man hört in gut verstandenen und geliebten Prinzipien, so dass sie sich in die Seele verankern und das geistliche Leben nähren. Es ist eine etappenweise Bildung: Die Gnade zeigt uns zuerst etwas verschwommenes, dann zeigt sie uns einen Engel und am Ende spricht zu uns die Muttergottes.
So meine ich empfehlen zu können, der Muttergottes an diesem Tag um die Gnade zu bitten, sie möge vor unseren Augen erglänzen lassen alles, was wir schon hätten verstehen und wissen müssen, aber wegen unserer Untreue nicht erfasst haben. Sie möge uns allen diese Gnade schenken und die Ankunft des Tages beschleunigen, an dem sie uns das vollständige Verständnis unserer Berufung offenbaren wird, in Vorbereitung auf die Zeiten, die sie in Fatima vorausgesagt hat.
Vieles muss in unseren Seelen noch geschehen, deshalb bitten wir die Muttergottes, sie möge, nicht durch Visionen oder Offenbarungen, sondern durch die Gnade zu uns deutlich sprechen, wie sie in der Mulde von Iria zu den Hirtenkindern gesprochen hat, damit wir unsere Aufgabe erfüllen, wie die Seherkinder ihre Aufgabe erfüllt haben.
Der kleine Francisco sah die Muttergottes bei den Erscheinungen, hörte aber nicht, was sie sagte. Es scheint, dass die Muttergottes mit ihm, obwohl er ein reiner und rechter Junge war, nicht ganz zufrieden war. Sie ließ ihm sagen, er müsse noch einige Rosenkränze mehr beten. Er fügte sich und unternahm alles, um sich zu bessern, sodass er am Ende ein bewundernswertes Kind wurde und in heldenhafter Gesinnung starb.
Bitten wir Francisco, dass er unser Fürsprecher sei, da wir in uns ähnliches haben wie er es hatte, er möge für uns von der Muttergottes erreichen, was sie für ihn getan hat. Sie sagte ihm, sie werde ihn auch in den Himmel nehmen, er müsse aber noch einige Rosenkränze beten. Bitten wir sie um die Gnade „einige Rosenkränze mehr zu beten“, das heißt, etwas mehr tun, als was wir sollen, damit wir gut vorbereitet sind, wenn uns die großen Prüfungen, die großen Kämpfe und auch der große Ruhm im Himmel bevorstehen.
     

Plinio Correa de Oliveira: Vortrag (Tagesheiliger) 13. Mai 1964