Montag, 22. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis I

Professor Plinio Corrêa de Oliveira


Als ich noch sehr jung war,
betrachtete ich hingerissen die Ruinen der Christenheit.
An sie hängte ich mein Herz.
Dem Künftigen kehrte ich den Rücken zu
und machte aus jener segensreichen Vergangenheit
meine Zukunft.
Mariä Himmelfahrt
-1981-

   Auf Bitten von P. Stanislas Ladusans SJ, der 1976 ein Lexikon des brasilianischen philosophischen Denkens vorbereitete, schrieb Professor Plinio Corrêa de Oliveira damals die erste Fassung seines philosophischen Selbstbildnisses. 1989 bat ihn P. Stanislas dann noch einmal, den Text zu aktualisieren. Als Prof. Oliveira schließlich gegen Ende 1994 dazu kam, dem Text die endgültige Fassung zu geben, war P. Stanislas gerade gestorben, und so blieb die Schrift unveröffentlicht.
Inzwischen sind acht Jahre vergangen, seit unser unvergesslicher Gründer am 3. Oktober 1995 das Zeitliche gesegnet hat. Aus Anlaß des 100jährigen Geburtstages von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira nehmen wir die Gelegenheit wahr, diese bisher unveröffentlichte Schrift der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die die tiefe Spiritualität dieses wahren Kreuzritters des 20. Jahrhunderts und seine Hingabe an die Kirche offenbart.


Philosophisches Selbstbildnis

„Das Lächeln der Skeptiker hat nie vermocht,
den siegreichen Vormarsch der Gläubigen aufzuhalten“

   Ich bin überzeugter Thomist.(1) Der Bereich der Philosophie, der mich am meisten interessiert, ist die Philosophie der Geschichte. In ihr finden sich die beiden Beschäftigungen zusammen, denen ich mich mein ganzes Leben lang gewidmet habe: Studium und Aktion.
   Letztere habe ich auf dem eng umschriebenen Feld der Lehre und ihrer Verbreitung sowohl im Dialog als auch durch die Polemik ausgeübt. Mögen Begriff und Wort auch noch so anachronistisch anmuten, so tue ich diese Äußerung doch mit größter Genugtuung.
   Ein Essay, der das Wesentliche meines Denkens zusammenfasst, erklärt auch den Sinn meines ideologischen Wirkens: Es handelt sich um das Buch „Revolution und Gegenrevolution“.

(1) Anm. der Redaktion: Es ist verständlich, dass der bekannte katholische Denker sein philosophisches Selbstbildnis mit der Erklärung einleitet, er sei ein überzeugter Anhänger des hl. Thomas von Aquin.
Den Spuren seiner Vorgänger folgend in der Anerkennung des Aquinaten, erhob der heilige Papst Pius V. den hl. Thomas in den Rang eines Kirchenlehrers und erklärte seine Lehre als „wahrste Regel unseres Glaubens“.
Im Konzil von Trient verdiente die Summa theologica des Doctor Communis „die einzigartigste Ehre auf dem Altar neben der Bibel gelegt zu werden“.
Leo der XIII. benannte ihn den „Fürsten der Philosophen“ und der hl. Pius X. erklärte, die thomistische Lehre „ist vollkommen, unversehrt, unerschöpfliche Quelle für jede Art von Wissenschaft“.

Große geschichtliche Veränderungen haben ihren Ursprung in der Haltung des menschlichen Geistes gegenüber der Religion und der Philosophie

   Eine Voraussetzung dieses Essay geht davon aus, dass im Gegensatz zu dem, was so viele Philosophen und Sozialwissenschaftler behaupten, der Lauf der Historie nicht vorwiegend oder gar ausschließlich von den Zwängen der Materie auf den Menschen bestimmt wird. Ohne Zweifel beeinflussen sie das Tun des Menschen. Doch ihm ist es gegeben, ausgestattet mit einer vernünftigen und freien Seele, den Lauf und die Richtung der Geschichte zu bestimmen. Er wirkt, anders gesagt, mehr oder weniger einschneidend auf die Umstände, die er vorfindet, ein und wird von diesen auch selbst auf unterschiedliche Weise beeinflusst, und bestimmt so den Lauf der Ereignisse.
   Nun entfaltet sich das menschliche Handeln normalerweise in Abhängigkeit von den Auffassungen, die ein jeder von der Welt (Universum), von sich selbst und vom Leben hat. Das bedeutet, dass die Geschichte von religiösen und philosophischen Lehren beherrscht wird, und dass der dynamische Kern jener Faktoren, die die großen historischen Umwälzungen herbeiführen, sich in der Abfolge der vom menschlichen Geist eingenommenen Haltungen gegenüber Religion und Philosophie befindet.

Die christliche Zivilisation steht in völliger Übereinstimmung mit den ewigen Grundprinzipien des Naturrechts und des göttlichen Rechts

   Ich gehe nun zu einer weiteren Voraussetzung von Revolution und Gegenrevolution über. Eine katholische Geschichtsauffassung hat zu berücksichtigen, dass das Alte und das Neue Gesetz nicht nur die Vorschriften enthalten, nach denen der Mensch in der Nachfolge Christi seine Seele zu formen und sich so auf die Anschauung Gottes vorzubereiten hat, sondern auch die Grundregeln des menschlichen Verhaltens in Übereinstimmung mit der natürlichen Ordnung der Dinge.
   In dem Maße also, in dem der Mensch im Gnadenleben fortschreitet, schafft er auch durch die Ausübung der Tugend eine Kultur, eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, in völliger Übereinstimmung mit den grundlegenden, unvergänglichen Prinzipien des Naturgesetzes und des göttlichen Gesetzes. Diese Kultur und Ordnung wird als christliche Zivilisation bezeichnet.
   Die rechte Anordnung der irdischen Dinge beschränkt sich natürlich nicht auf diese grundlegenden, unvergänglichen Prinzipien, denen auch viel Zufälliges, Vorübergehendes und Freies anhaftet. Die christliche Zivilisation schließt eine unermessliche Vielfalt von Aspekten und Nuancen ein. Das geht so weit, dass man in einem gewissen Sinne sogar von christlichen Zivilisationen und nicht nur von einer christlichen Zivilisation sprechen kann. Da jedoch die Grundprinzipien in allen christlichen Zivilisationen die gleichen sind, bildet die große Wirklichkeit, die sie alle einbezieht, eine machtvolle Einheit, die den Namen christliche Zivilisation schlechthin verdient. Die Einheit in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einheit sind perfektionierende Elemente. Somit geht die christliche Zivilisation infolge der Vielfalt ihrer Verwirklichungen keineswegs ihrer Einheit verlustig, und man kann durchaus behaupten, dass es im tieferen Sinn des Wortes nur eine einzige christliche Zivilisation gibt. Dennoch ist sie in ihrer Einheit so wunderbar vielfältig, dass man sich die Freiheit nehmen darf, unter einem bestimmten Gesichtspunkt vom Vorhandensein verschiedener christlicher Zivilisationen zu sprechen.
   Nach dieser Klarstellung, die in analoger Weise auch für den Begriff der katholischen Kultur gilt, möchte ich klarstellen, dass ich die Begriffe christliche Zivilisation und christliche Kultur in ihrem höheren Sinn, das heißt, in dem ihrer Einheit benutzen werde.
   Ich erlaube mir hier, die oben genannten Behauptungen nicht mit einschlägigen Zitaten aus Texten des Heiligen Thomas oder des kirchlichen Lehramtes zu belegen, denn diese sind so zahlreich und außerdem all denen, die sich dieser Thematik ernsthaft widmen, durchaus bekannt, so dass ich mir diese lästige und zudem überflüssige Mühe sparen kann. Diese Bemerkung gilt auch für andere Betrachtungen, die noch im ersten Teil der vorliegenden Darstellung auftauchen werden.
   Unter den oben angeführten Voraussetzungen ist es nun leicht, die Rolle der Kirche und der christlichen Zivilisation in der Geschichte zu definieren.

Die Völker können den Status einer vollkommenen Zivilisation nur erreichen, wenn sie der Gnade und dem Glauben entsprechen

   Es ist richtig, dass wenngleich der Mensch mit Gewissheit und ohne Irrtum in den göttlichen Dingen das erkennen kann, was dem menschlichen Verstand an sich nicht unzugänglich ist, (2) so ist es ihm jedoch infolge der Erbsünde nicht möglich das Gesetz Gottes dauerhaft einzuhalten. Dies ist ihm nur möglich durch die Gnade. Um den Menschen darüber hinaus gegen seine eigene Bosheit und Schwäche zu schützen, versah Jesus Christus seine Kirche mit einem unfehlbaren Lehramt, damit es nicht nur die Wahrheiten des Glaubens, sondern auch die zur Erlösung notwendigen moralischen Wahrheiten irrtumsfrei lehre.

(2) Vgl. Denzinger-Schoenmetzer, 33. Aufl., Nr. 3005.

   Es ist der Glaube, der den Menschen veranlasst, sich dem Lehramt anzuvertrauen. Ohne den Glauben wäre der Mensch nie in der Lage, die Gebote Gottes dauerhaft und in vollem Umfange zu halten.
   Daraus ergibt sich, dass die Völker die vollkommene, das heißt die christliche Zivilisation nur in dem Maße erreichen können, in dem sie dem Anspruch der Gnade und des Glaubens entsprechen; das schließt aber auch die rückhaltslose Anerkennung der katholischen als der einzig wahren Kirche und der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes mit ein.
   Die tiefgründigste und zentralste Schlüsselfrage der Geschichte besteht demnach darin, dass die Menschen den katholischen Glauben kennen lernen, bekennen und praktizieren.
   Natürlich will ich damit nicht leugnen, dass es auch hervorragende nichtchristliche Zivilisationen gegeben hat. Sie alle aber wurden durch diese oder jene Züge entstellt, die auf schockierende Weise mit dem von ihnen auf anderen Gebieten erreichten hohen Niveau in Widerspruch standen. Man braucht ja nur an die weite Verbreitung der Sklaverei zu erinnern oder an die Erniedrigung, der die Frau vor Jesus Christus ausgesetzt war. Keine andere Zivilisation hat je die der christlichen Zivilisation eigene, alles überragende Vollkommenheit erreicht.
   Ich will auch keineswegs die Tatsache leugnen, dass die Zivilisation auch in einer vorwiegend schismatischen bzw. häretischen Bevölkerung wichtige Züge christlicher Tradition bewahren kann. Die ganze Fülle der christlichen Tradition kann sich jedoch allein aus der katholischen Kirche entfalten und nur in katholischen Völkern vollständig erhalten bleiben.

„Es gab eine Zeit, wo die Weisheitslehre des Evangeliums die Staaten leitete...“

   Nun wird man jedoch fragen, wann es diese vollkommene christliche Zivilisation in der Geschichte tatsächlich gegeben habe. Ist die Vollkommenheit in diesem Leben überhaupt erreichbar?
   Die Antwort auf diese Frage wird manchen Leser schockieren und ärgern. Ich muss aber dennoch behaupten, dass es eine Zeit gegeben hat, in der ein Großteil der Menschheit dieses Vollkommenheitsideal kannte und eifrig und aufrichtig danach strebte. Dank dieses Strebens in den Seelen nahmen die Grundzüge der Zivilisation derart christliche Formen an, wie es die Umstände einer sich aus der Barbarei erhebenden Welt zuließen. Ich spreche vom Mittelalter, von dem Papst Leo XIII. trotz einer oder anderer Mängel folgende beredte Worte schrieb: „Es gab eine Zeit, wo die Weisheitslehre des Evangeliums die Staaten leitete. Gesetze, Einrichtungen, Volkssitten, alle Ordnungen und Beziehungen des Staatslebens waren in dieser Zeit von christlicher Klugheit und göttlicher Kraft durchdrungen. Da war der Religion Jesu Christi in der Öffentlichkeit jene Auszeichnung gesichert, wie sie ihr gebührt; da blühte sie überall unter dem wohlwollenden Schutz der rechtmäßigen Obrigkeiten und Regenten, da waren Kirche und Reich in glücklicher Eintracht und durch gegenseitige Freundesdienste miteinander verbunden. Diese Staatsordnung trug über alles Erwarten reiche Früchte, die noch nicht vergessen sind. Hierfür gibt es unzählige Zeugnisse aus der Geschichte, welche durch keine Arglist der Feinde verfälscht oder verdunkelt werden können.“(3)

(3) Enzyklika Immortale Dei vom 1. November 1885.

   Diese Sichtweise über das Ausmaß des kirchlichen Einflusses im Mittelalter finden wir auch in dem folgenden Text Papst Pauls VI. über die Rolle des Papsttums im mittelalterlichen Italien: „Wir vergessen keineswegs die Jahrhunderte, in denen das Papsttum die  Geschichte [Italiens] mitgestaltete, seine Grenzen verteidigte, sein kulturelles und geistiges Erbe bewahrte, ganze Generationen in Zivilisation, Sitte, moralischer und sozialer Tugend erzog und sein römisches Bewusstsein und seine besten Söhne mit dem eigenen universalen Auftrag [des Papsttums] verband.“(4)

(4) Ansprache an den Präsidenten der Italienischen Republik, 11. Januar 1964. Insegnamenti di Paolo VI, Tipografia Poliglotta Vaticana, Bd. II, S. 69.

   So ist die christliche Zivilisation also keine Utopie. Sie ist etwas Realisierbares, und das in einer bestimmten Epoche effektiv  blühte. Etwas, schließlich, das gewissermaßen das Mittelalter überlebte, so dass Papst Pius X. schreiben konnte: „Nein, es ist nicht mehr nötig, eine Zivilisation zu ersinnen, noch auch einen neuen Staat in den Wolken zu bauen. Es hat sie gegeben und es gibt sie: es sind die christliche Zivilisation und der katholische Staat. Es kann sich nur noch darum handeln, ihn unablässig gegen die immer wieder neu ausbrechenden Angriffe einer falschen Utopie, der Revolution und der Gottlosigkeit auf seine natürlichen und göttlichen Grundlagen zu stellen und ihn darin zu stärken und zu festigen.“(5) Die christliche Zivilisation hat also nachhaltige, bis in unsere Tage lebendige Spuren hinterlassen.

(5) Apostolisches Schreiben „Notre Charge Apostolique“ vom 25. August 1910, in Doctrina Pontificia, Bd. II, S. 408. B.A.C., Madrid, 1958..



Fortsetzung folgt

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