Mittwoch, 24. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis III - Die I. Revolution


Die Erste Revolution:

Humanismus, Renaissance, Protestantismus

   Auf diese Weise wird der tiefere Sinn der sophistischen Revolution A und der (faktischen) Revolution B, wie sie sich in Europa im 16. Jahrhundert ereignet haben, als eine Folge der oben beschriebenen, vorausgegangenen tendenziellen Revolution A verständlich.
   Der Niedergang des Mittelalters war von einem Ausbruch des Hochmuts und der Sinnlichkeit geprägt. Dieser Ausbruch brachte egalitäre und liberale Tendenzen hervor, die in den darauf folgenden Jahrhunderten immer mehr zunahmen.
   Im Humanismus und in der Renaissance offenbart sich Feindseligkeit sowohl gegenüber dem Übernatürlichen und dem kirchlichen Lehramt als auch gegenüber der Sittenstrenge. Im Protestantismus finden sich das „liberum examen“, der Minimalismus gegenüber dem Übernatürlichen, die Begünstigung der Ehescheidung, die Abschaffung des Ordensstandes, der Sittenstrenge und der Unterwerfung unter die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, sowie die virtuelle Beseitigung der kirchlichen Hierarchie. Zwar gibt es in fast allen protestantischen Sekten einen geistlichen Stand, doch ist in diesen der in der katholischen Kirche bestehende deutliche und tiefgehende Unterschied zwischen Geistlichem und Weltlichem infolge eines anderen Priesteramtsverständnisses sehr abgeschwächt. Außerdem wurde in den protestantischen Sekten auch der in der Kirche errichtete hierarchische Aufbau des geistlichen Standes durch die Ablehnung des monarchischen Elements im Papsttum entscheidend verstümmelt. Wenn die gleichmacherischen Tendenzen auch im Anglikanismus nicht so weit gegangen sind, die Bischofswürde abzuschaffen, so gibt es bei den Presbyterianern doch schon keine bischöflichen Würdenträger mehr, sondern nur noch Presbyter. In anderen Sekten ist der egalitäre Trieb so weit gegangen, dass man sogar das Priesteramt abgeschafft hat.
   Wenn ich hier die Bedeutung der liberalen und egalitären Einstellung des Humanismus, der Renaissance und der Reformation hervorhebe, so will ich damit keineswegs leugnen, dass es daneben noch weitere Ursachen gegeben hat, die zur Entstehung und Verbreitung dieser Bewegungen beigetragen haben. Ich sage damit nur, dass die tendenzielle Revolution A mit ihrem radikal anarchischen und egalitären Charakter eine entscheidende Rolle in den Anfängen, in den Lehren, in dem, was man heute den Werbeerfolg nennen würde, und in den Ergebnissen dieser Strömungen gespielt hat.
   Ich will auch nicht behaupten, dass diese Hauptantriebskraft nur in den Völkern zur Wirkung kam, die sich von der Kirche getrennt haben. Der Geist der Renaissance und des Humanismus hat nachhaltig auch in den Völkern geweht, die sich weiterhin katholisch nennen. Und obwohl die tendenzielle Revolution A dort nicht zum offenen Bruch mit der Kirche geführt hat, hat sie doch gewisse Inkubationsformen des Protestantismus wachgerufen, von denen die wichtigste wohl der Jansenismus war. Dieser hat das religiöse Leben zusehends erkalten lassen und schließlich zum Skeptizismus geführt. Eine aufmerksame Untersuchung des königlichen Absolutismus, der in keinem Lande radikalere Formen angenommen hat als im katholischen Frankreich, zeigt, dass die Politik der absolutistischen Herrscher in allem, was nicht ihre eigene Autorität anging, von einem gewissen egalitären Zug geprägt war. Die von den absoluten Königen schrittweise eingeführte Einschränkung der Privilegien des Klerus und des Adels bewegte sich auf die politische Gleichstellung aller, der Macht des Alleinherrschers unterworfenen Bürger zu. Die ständige Unterstützung, die die Könige dem aktiveren, entwickelteren Teil des gemeinen Volkes, d.h. dem Bürgertum zukommen ließen, hat diese politische Gleichstellung nur noch mehr gefördert.
  
Die Zweite Revolution:
Aufklärung, Absolutismus, Französische Revolution


   Die seit dem Ende des Mittelalters zunehmende Sittenverderbnis erreichte im 18. Jahrhundert derartige Ausmaße, dass sie sogar einige ihrer Anführer zu alarmieren begann. Die französische Gesellschaft, angetrieben von den gleichen Faktoren, die in den nordischen Ländern zur Reformation geführt hatten, befand sich mit Hilfe der Aufklärung und des Absolutismus auf dem besten Weg zu einer heftigen Konvulsion, die sich als nichts anderes erweisen sollte als die Übertragung auf die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ebene all dessen, was das Wesen des Protestantismus ausgemacht hatte.
   Im ausgehenden 18. Jahrhundert, als dieser schon müde und alt geworden und innerlich von den wachsenden Zweifeln der Skepsis ausgehöhlt war, so dass er keine Expansionskraft mehr besaß und nur noch mit Hilfe des Staates einen Rest an Leben fristete, erreichten die liberalen und egalitären Tendenzen in Frankreich schließlich ihren Höhepunkt. Der Humanismus und die Renaissance waren zu dieser Zeit bereits längst tot. Und der ganze Protestantismus war, wie gesagt, äußerst abgenutzt. Das Dynamischste und Grundlegendste der drei Bewegungen aber – der Geist, der sie hervorgerufen hatte – hatte sie überlebt und zeigte sich nun stärker denn je. Und dieser Geist sollte Frankreich und später ganz Europa in eine liberale, egalitäre Katastrophe stürzen.
   Die Französische Revolution war derart vom Geist der Reformation geprägt, dass die von ihr geschaffene Konstitutionelle Kirche nichts als ein kaum vertuschtes Werkzeug zur Einführung eines wirklichen Protestantismus in Frankreich war. Der egalitäre, antimonarchische und antiaristokratische Charakter der Französischen Revolution ist nichts anderes als die auf den zivilen Bereich übertragene gleichmacherische Tendenz, die den Protestantismus dazu veranlasst hat, die aristokratischen und monarchischen Elemente der kirchlichen Hierarchie abzulehnen. Der an der extremen Linken der Revolution wirkende kommunistische Gärstoff, der in Bewegungen wie der von Babeuf zum Ausdruck kam, war nichts als das laizistische Gegenstück jener kommunistischen Bewegungen wie dem der Brüder Moravos, die aus dem Boden hervorgingen, den man als die extreme protestantische Linke bezeichnen könnte. Die völlige Laizisierung des Staates, die griechisch-römische Tarnung, die fortgesetzte Beschwörung des klassischen Heidentums waren ein Beweis für die Auswirkungen des Humanismus, der Renaissance und der Aufklärung in der Französischen Revolution.
   Wir müssen darauf bestehen, dass der Protestantismus, der Humanismus und die Renaissance nichts anderes waren als historisch bedingte Ausdrucksformen eines anarchischen, egalitären Geistes. Dass sie selbst nicht überlebt haben, verdanken sie zum Teil dem gleichen Geist, aus dem sie hervorgegangen sind, denn dieser, als Zerstörer schlechthin, hat sie in ihrem eigenen Kern vernichtet. Die Französische Revolution war lediglich eine neue, wenngleich energischere Ausdrucksform desselben Geistes.


Die napoleonischen Truppen haben 

die Französische Revolution in ihren Rucksäcken
nach ganz Europa getragen

   Durchaus bekannte geschichtliche Umstände haben dazu geführt, dass die mit der Errichtung des Kaiserreiches scheinbar abgeschlossene Französische Revolution von den Truppen Napoleons über ganz Europa verbreitet wurde. Die Kriege und Revolutionen, die den Zeitabschnitt zwischen 1814 und 1918, das heißt vom Sturz Napoleons bis zum Sturz der Habsburger, der Romanow und der Hohenzollern, geprägt haben, bilden eine Abfolge von Konvulsionen, in deren Verlauf sich Europa im Geiste der Französischen Revolution verwandelt hat. Die Folgen des 2. Weltkriegs haben diese Verwandlung nur noch verstärkt. Von den alten Monarchien Europas sind nicht mehr als ein halbes Dutzend übrig geblieben, und die zeigen sich dem republikanischen Geist gegenüber derart fügsam, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, sie hätten sich andauernd zu entschuldigen, dass es sie überhaupt noch gibt ...
   Mit diesen Bemerkungen möchte ich keineswegs leugnen, dass es in den zerstörten Strukturen tatsächlich auch Missbräuche gegeben hat, die einer Korrektur bedurften. Ich will auch nicht behaupten, die Einführung einer aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Regierung könne nur das Ergebnis des egalitären, liberalen Geistes sein, von dem ich hier spreche. Das entspräche weder lehrmäßig der Wahrheit noch wäre es angesichts der Geschichte zu rechtfertigen. Neben verschiedenen politischen Strukturen aristokratischen Charakters, die, wie etwa in Venedig, keinesfalls alle monarchisch ausgerichtet waren, gab es auch andere Strukturen, die weder monarchisch noch aristokratisch aufgebaut waren, wie etwa Schweizer Kantone und freie deutsche Reichsstädte. Alle diese Regierungsformen bestanden friedlich nebeneinander, denn die Vielfalt der Regierungssysteme wurde je nach Zeit, Ort und sonstigen Umständen als legitim angesehen.
   Die Revolution aber, die am Ende des Mittelalters ausbrach, wurde von einem ganz anderen Geist getragen als dem, der zur Bildung der aristokratischen beziehungsweise bürgerlichen Staaten des europäischen Mittelalters geführt hatte. Dieser Geist kam in der Behauptung absoluter, anarchischer Freiheit und der vollkommenen Gleichheit als den einzigen, für alle Zeiten und Orte gültigen Regeln der Ordnung und Gerechtigkeit zum Ausdruck.
   Dieser Geist hat dann andererseits wieder die politisch egalitäre bürgerliche Gesellschaft untergraben, die er selbst hervorgebracht hatte. Den Höhepunkt seiner verwegenen Behauptungen erreichte er aber schließlich im Zuge der dritten großen Revolution der westlichen Welt, im Kommunismus.

Die Grundsätze von 1789:
Die Tendenz zur völligen Freiheit und Gleichheit

   Die Gleichheitsthese fand ihren unverbrämten Ausdruck in der „Erklärung der der Menschenrechte“, der Magna Charta der Französischen Revolution und der von dieser eingeleiteten geschichtlichen Epoche: „Frei und gleich an Rechten werden die Menschen geboren und bleiben es.“ Dieses Prinzip kann man natürlich auch richtig auslegen, denn im Grunde besagt es, dass alle Menschen ihrer Natur nach wesentlich gleich sind. Ungleich sind sie nur in ihren Akzidenzien. Da sie außerdem eine Geistseele und damit auch Vernunft und Willen besitzen, sind sie von Grund aus frei. Die Grenzen dieser Wahrheit liegen allein im Natur- und göttlichen Gesetz sowie in der Macht der verschiedenen geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, denen sich alle Menschen zu unterwerfen haben.
   Niemand wird leugnen können, dass es zu allen Zeiten Obrigkeiten gab, die die grundlegende Gleichheit und Freiheit des Menschen verletzt haben. Andererseits hat es im Laufe der Geschichte auch immer wieder Bewegungen zum Schutz gegen die Ausschreitungen der Obrigkeit gegeben, denen es darum ging, der letzteren ihre rechtmäßigen Grenzen aufzuzeigen. Solange sich diese Bewegungen an das genannte Ziel halten, verdienen sie auch sicherlich allen Beifall. Wie in jeder anderen Epoche auch konnten Gleichheit und Freiheit im 18. Jahrhundert nutzbringend in Erinnerung gebracht werden, soweit sie nur richtig verstanden wurden.
   Es stimmt natürlich, dass es 1789 unter den Revolutionären der ersten Stunde auch Leute gab, die nichts anderes wollten als eine gerechte Mäßigung der Staatsgewalt und die Gleichheit und Freiheit, wie sie in der Erklärung der Rechte des Menschen verkündet wurden, in ihrem förderlichsten Sinne verstanden.
   Der Text der berühmten Erklärung war jedoch zu allgemein gehalten: Er vertrat eine Gleichheit und Freiheit ohne jede Einschränkung, was wiederum zu einer umfassenden, unangebrachten Auslegung führen musste, zu einer absoluten Gleichheit und Freiheit nämlich, die alles einbezog.
   Diese Auslegung entsprach selbstverständlich dem Geist der heraufziehenden Revolution, die sich nach und nach von all den Parteigängern frei machte, die nicht mit diesem Geist übereinstimmten. Die Jagd auf den Adel und den Klerus wurde von der Verfolgung des Bürgertums abgelöst. Allein die Handwerker sollten übrig bleiben.
   Als der Terror schließlich vorbei war, vertrat der Bürgerstand, dem es um die Ausmerzung der alten privilegierten Klassen ging, weiterhin die unvergänglichen Prinzipien von 1789. Doch tat er dies auf eine zwiespältige, unkluge Art und Weise, denn er rief die zu einer völligen Gleichheit und Freiheit tendierenden Volksmassen auf den Plan, um sich ihrer Unterstützung im Kampf gegen Königtum, Adel und Klerus zu vergewissern.
   Diese Unklugheit ermöglichte in großem Ausmaß den Ausbruch jener Bewegung, die schließlich die Macht des Bürgertums selbst in Frage stellen sollte.
   Wenn alle Menschen frei und gleich sind, haben dann die Reichen eine Daseinsberechtigung? Mit welchem Recht erben die Kinder das Vermögen ihrer Eltern ohne zu arbeiten?


Der utopische Kommunismus verkündete,

dass die bürgerliche politische Gleichheit
ohne die soziale und wirtschaftliche Gleichheit
eine Täuschung sei

   Bevor noch die Industrialisierung zu den großen Zusammenballungen unterernährter Proletarier führte, prangerte der utopische Kommunismus bereits die vom Bürgertum eingeführte rein politische Gleichheit als eine Täuschung an und verlangte nun die absolute soziale und wirtschaftliche Gleichheit. Der von einer Gesellschaft ohne Obrigkeit träumende Anarchismus breitete sich aus. Diese anfangs nur von einer beschränkten Anhängerzahl vertretenen radikalen Grundsätze des utopischen Kommunismus sollten später eine ungeahnte Verbreitung in den westlichen Ländern erleben. Allmählich drangen sie auch in das Denken zahlreicher Monarchen ein und beeinflussten die Mächtigen sowie weltliche und kirchliche Persönlichkeiten. So machte sich in weiten Bereichen von Nutznießern der bestehenden Ordnung eine gewisse Sympathie gegenüber dem Edelmut der freiheitlichen und egalitären Ideale breit, und mancher bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen, wenn er an die Rechtmäßigkeit der Machtausübung durch jene dachte, denen sie anvertraut war.
Meiner Ansicht nach besteht die Größe von Karl Marx nicht darin, dass er den wissenschaftlichen Kommunismus, eine verworrene, nur Wenigen bekannte Lehre geschaffen hat, denn der Marxismus ist an der kommunistischen Basis und in der heutigen Öffentlichkeit genauso unbekannt wie die Gedankengänge Plotins oder Averroes‘. Marx hat es aber vermocht, weltweit die kommunistische Offensive auszulösen, indem er die Anhänger einer radikal egalitären und anarchischen Tendenz auf der Grundlage des utopischen Kommunismus verbündet hat.

   Wenn also auch die Führer des Marxismus mehr oder weniger vom Marxistischen Geiste beeinflusst sind, so sind doch die von ihnen befehligten einfachen Soldaten im Allgemeinen nicht in der Lage, diese Lehre zu verstehen. Was sie dazu veranlasst, sich um ihre Führer zu scharen, sind nichts als vage, im utopischen Sozialismus inspirierte Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Und wenn die marxistischen Kader in gewissen Bereichen der öffentlichen Meinung auf Sympathie stoßen, so verdanken sie dies im Grunde der fast universalen Ausstrahlung der egalitären Prinzipien der Französischen Revolution und der dem utopischen Sozialismus eigenen romantischen Sentimentalität.

Fortsetzung folgt

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