Freitag, 25. März 2016

Mein Volk, was habe ich dir getan?

Mein Volk, was habe ich dir getan?

Plínio Corrêa de Oliveira


 Deine Feinde haben sich gegen Dich verschwört, Herr. Ohne viel Mühe haben sie den Pöbel gegen Dich aufgehetzt und dieser ist nun in Hass gegen Dich entbrannt. Hass umgibt Dich von allen Seiten, schließt Dich ein wie eine dichte Wolke, wirft sich Dir entgegen wie ein dunkler, kalter Sturm. Grundloser, rasender, unerbittlicher Hass. Er lässt sich nicht damit stillen, dass Du gedemütigt, mit Schmach bedeckt und mit Bitternis erfüllt wirst. Deine Feinde hassen dich dermaßen, dass sie Dich schon nicht mehr unter den Lebenden ertragen – sie wollen Deinen Tod. Sie wollen, dass Du für immer verschwindest, dass die Sprache Deiner Beispiele und die Weisheit Deiner Lehren verstummt. Sie wollen Dich tot, vernichtet, zerstört sehen. Nur so können sie den Wirbelsturm des Hasses besänftigen, der sich in ihren Herzen erhebt.
Jahrhunderte vor Deiner Geburt hat der Prophet Micha diesen Hass schon vorausgesehen, den das Licht der Wahrheit, die Du verkündigen würdest, und der göttliche Glanz der Tugenden, die dich schmücken würden, dereinst wecken sollten: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit dich beleidigt?“ (Buch Micha 6,3) Und die heilige Liturgie bringt Deine Gefühle zum Ausdruck, wenn sie den Ungläubigen von damals wie von heute zuruft: „Was hätte ich denn noch für dich tun sollen, was ich nicht getan habe? Wie einen auserwählten, kostbaren Weinberg habe ich dich gepflanzt, doch du hast dich für mich in Bitternis verwandelt; Essig hast du mir in meinem Durst zu trinken gegeben, und mit einer Lanze hast du das Herz deines Erlösers durchbohrt.“ (Improperien)
*   *   *
So groß war der Hass, der sich gegen Dich erhob, dass selbst die Autorität Roms, die damals über die ganze Welt das Urteil sprach, feige Schwäche zeigte, zurückwich und sich dem Hass jener beugte, die Dich grundlos töten wollten. Der römische Stolz, siegreich an Rhein, Donau, Nil und Mittelmeer, ertrank in der Wasserschüssel des Pilatus.
„Christianus alter Christus“, der Christ ist ein anderer Christus. Wenn wir wirklich Christen, das heißt, echte Katholiken sind, sind wir ein anderer Christus. Und es wird nicht zu vermeiden sein, dass der Wirbelsturm des Hasses, der sich gegen Dich erhoben hat, auch uns grimmig ins Gesicht bläst.
Und er tut es tatsächlich, Herr. Erbarme dich unser, mein Gott, und gib dem armen Schuljungen Kraft, der den Hass seiner Kameraden zu ertragen hat, weil er sich zu Deinem Namen bekennt und sich weigert, die Unschuld seiner Lippen mit unreinen Worten  zu entweihen. Ja, der Hass. Vielleicht nicht der Hass in Gestalt einer abstoßenden, wilden Schmähung, sondern in der schrecklichen Gestalt des Spottes, der Absonderung und der Verachtung. Gib dem Gymnasiasten Kraft, mein Gott, der zögernd mitten im Unterricht in Gegenwart eines gottlosen Lehrers und einer spottenden Klasse zu Deinem Namen steht. Gib dem Mädchen Kraft, mein Gott, das sich zu Dir bekennt, indem es sich weigert, sich in den von der Mode vorgeschriebenen Kleidern zu zeigen, weil diese Kleidung wegen ihrer Extravaganz oder Unsittlichkeit nicht zu einer echten Katholikin passt. Gib dem Intellektuellen Kraft, mein Gott, der zusehen muss, wie sich ihm die Türen des Ruhmes und der Ehren verschließen, weil er Deine Lehre verkündet und sich zu Deinem Namen bekennt. Gib dem Apostel Kraft, mein Gott, der sich den grausamen Angriffen der Gegner Deiner Kirche und der tausendmal peinlicheren Feindseligkeit vieler Kinder des Lichtes ausgesetzt sieht, nur weil er nicht mit den Verwässerungen, Verstümmelungen und Einseitig­keiten einverstanden ist, mit denen die „Klugen“ die Nachsicht der Welt für „ihr Apostolat“ nutzen.
Oh mein Gott, wie weise sind Deine Feinde! Sie fühlen, dass in der Sprache dieser „Klugen“ zwischen den Zeilen zu lesen ist, dass Du weder das Böse noch den Irrtum noch die Finsternis hasst. Und darum klatschen sie den Weisen und Klugen dieser Welt Beifall. So wie sie Dir in Jerusalem Beifall gezollt hätten, statt Dich zu töten, wenn Du vor dem Hohen Rat eben diese Sprache gebraucht hättest.
Herr, gib uns Kraft. Wir wollen nicht paktieren, nicht zurückweichen, nicht nachgeben, nicht verwässern, nicht zulassen, dass auf unseren Lippen die göttliche Makellosigkeit Deiner Lehre verblasst. Und selbst wenn eine Sintflut der Unbeliebtheit über uns hereinbrechen sollte, soll unser Gebet doch immer das der Heiligen Schrift sein: „Wahrlich, lieber auf der Schwelle liegen am Hause meines Gottes als in den Zelten des Frevels wohnen.“ (Ps 84,11b)
Jesus nimmt  das Kreuz  
aus der Hand der Henker entgegen
Doch das erfordert Geduld von uns, Herr. Eine Geduld, die mit verschränkten Armen und resigniertem Herzen die Fluten der Unbeliebtheit über den eigenen Kopf hereinbrechen lässt. Geduld ist die Tugend, die uns für ein höheres Gut Leiden ertragen lässt. Geduld ist also die Fähigkeit, für das Gute zu leiden. So braucht der Kranke Geduld, der unter der drückenden Last eines unheilbaren Leidens resigniert den Schmerz annimmt, den es ihm auferlegt. Geduld braucht auch derjenige, der sich um den fremden Schmerz kümmert, um zu trösten, wie Du, Herr, jene getröstet hast, die Dich aufgesucht haben. Geduld braucht derjenige, der sich dem Apostolat mit unbesiegbarer Liebe zuwendet und liebevoll die Seelen zu Dir zieht, die auf den Pfaden der Ketzerei oder im Schlamm der Begierde straucheln. Geduld braucht auch der Kreuzritter, der das Kreuz entgegennimmt und in den Kampf gegen die Feinde der Kirche zieht. Es tut weh, im Streit die Initiative zu ergreifen, Kampfgeist und Tatkraft in sich zu wecken und wach zu halten, die Gleichgültigkeit, die Mittelmäßigkeit, die Trägheit zu besiegen. Sich als würdiger Jünger des Löwen von Juda auf den unverschämten Gottlosen zu werfen, der die Herde unseres Herrn Jesus Christus bedroht. Erhabene Geduld derer, die kämpfen, streiten, die Initiative ergreifen, eintreten, sprechen, verkünden, raten, ermahnen und allein allen Hochmut, allen Dünkel, alle Anmaßung des frechen Lasters, des eleganten Makels, des sympathischen, beliebten Irrtums herausfordern!
Du Herr, bist ein Beispiel der Geduld gewesen. Deine Geduld bestand aber nicht darin, erdrückt unter dem Kreuz zu sterben, das man Dir auflud. Eine fromme Offenbarung erzählt, dass Du es liebevoll geküsst hast, als Du es aus den Händen der Henker entgegennahmst und dann hast Du es auf die Schultern geladen und hast es mit unbesiegbarer Kraft bis auf die Golgotha-Höhe hinaufgetragen.
Gib uns, Herr, diese Fähigkeit zu leiden. Viel zu leiden! Alles zu leiden! Heldenhaft zu leiden! Den Schmerz nicht nur zu ertragen, sondern ihm entgegenzugehen, ihn zu suchen und bis zu dem Tag zu tragen, an dem wir die Krone des ewigen Sieges erhalten.

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Es ist leicht, vom Leiden zu sprechen - schwer ist es zu leiden. Du, Herr, hast es bewiesen. Wie anders ist doch dein göttliches Heldentum, Herr, im Vergleich mit dem albernen, künstlichen Heldentum so vieler Soldaten der Finsternis. Du hast im Angesicht des Todes nicht gelächelt. Du, Herr, hast nicht zu denen gehört, die da lehren, dass man lächelnd durchs Leben gehen soll. Als Deine Stunde kam, hast Du gezittert, warst Du verwirrt, hast Du in Erwartung des Leidens Blut geschwitzt. Und in dieser Flut von leider nur zu gerechtfertigten Befürchtungen liegt die Bekräftigung Deines Heldentums. Du hast die ununterdrückbarsten Schreie, die schlimmste Bedrängnis, die schrecklichste Panik überwunden. Alles in Dir beugte sich vor Deinem menschlichen und göttlichen Willen. Über allem aber schwebte Deine unerschütterliche Entschlossenheit, das zu tun, wozu der Vater Dich gesandt hatte. Und als Du mit Deinem Kreuz den bitteren Weg gingst, versagten Dir wieder die natürlichen Kräfte. Du bist hingefallen, weil Du keine Kraft mehr hattest. Ja, Du bist hingefallen, aber erst als Du einfach nicht mehr weiterkonntest. Du bist gefallen, aber nicht zurückgewichen. Du bist gefallen, hast aber nicht das Kreuz liegen lassen. Du hast es auf den Schultern behalten, als sichtbaren, fühlbaren Ausdruck Deines Vorsatzes, es bis Golgotha hinaufzutragen.
Schenke uns Deine Gnade, mein Gott, damit wir im Kampf gegen die Sünde und gegen die Ungläubigen, wenn es denn sein muss, unter dem Kreuz zusammenbrechen, ohne aber je dem Weg der Pflicht und der Kampfstätte des Apostolats den Rücken zu kehren. Ohne Deine Gnade, Herr, vermögen wir nichts, überhaupt nichts. Wenn wir aber Deiner Gnade entsprechen, vermögen wir alles. Herr, wir wollen Deiner Gnade entsprechen.
Das Kreuz tragen heißt: sehr, sehr oft zu entsagen. Vor allem natürlich dem Unerlaubten, dem Sündhaften. Doch oft heißt es auch, dem zu entsagen, was an sich zwar erlaubt oder gar bewundernswert ist, infolge gewisser Umstände jedoch schlecht oder weniger vollkommen ist.
*     *     *
Auf Deinem Leidensweg, Herr, hast Du uns ein schreckliches und zugleich leuchtendes, wunderbares Beispiel des Verzichts auf das Erlaubte gegeben. Gibt es etwas Zulässigeres, Herr, als die Zärtlichkeit, als die Hingabe Deiner heiligsten Mutter? Alles, was wir von Ihr wissen, ist, dass wir, auch wenn wir noch so viel von Ihr wissen, nie alles von Ihr wissen können. So unermesslich ist der Ozean der Vollkommenheit und der Gnaden, den Sie enthält. Deine Mutter will Dich trösten. Sie will von Dir getröstet werden. Sieh doch! Nichts ist statthafter, als dass Du anhältst auf Deinem Kreuzweg, um Trost zu suchen, um Ihr Trost zu spenden.
Doch dann kommt der Augenblick der Trennung nach diesem eiligen Zwiegespräch. Welch ein Schmerz! Ihr müsst Euch voneinander trennen. Keiner von beiden zögert. Das Opfer geht seinen Lauf. Und Deine heilige Mutter bleibt am Wege zurück. Am besten sagt man gar nicht wie, Sie sieht Dich weitergehen, blutend, unsicheren Schritts, wankend, das letzte, größte Opfer vor Augen. Du tust Ihr leid. Maria folgt Dir mit den Augen, sieht Dich allein in den Händen von Henkern und Feinden. Wer wird Dich trösten? Was für ein unwiderstehlicher, hinreißender, ungeheurer Wille, Deinen Fußstapfen zu folgen, Dir zärtliche Worte zuzuflüstern, wie nur Sie es kann. Deinen göttlichen Körper zu stützen, sich zwischen Dich und Deine Henker zu stellen, und am Boden kniend wie jemand, der um ein unschätzbares Almosen bittet, einige der Schläge, die Dich treffen, auf sich selbst herabzuflehen, in der Hoffnung, dass sie Dich dafür weniger verletzen und Dein unschuldiges Fleisch weniger misshandeln! O Mutterherz, was musstest Du in diesem Moment erleiden!
Priestermütter, Missionarsmütter, Mütter von Ordensleuten, wenn ihr die Schwere der grausamen Trennung spürt, denkt an die Gottesmutter, die Ihren göttlichen Sohn allein auf dem Weg weiterziehen ließ, den ihm der Wille Gottes vorgezeichnet hatte. Und bittet Sie, dass Sie euch in eurem glücklichen Schmerz tröste.
Es gibt aber noch andere tausendfach unglückliche, verlassene Mütter. Mütter gottloser, Mütter ausschweifender, Mütter sündiger Menschen: auch ihr bleibt oft verlassen auf dem Schmerzensweg zurück, während eure Kinder ins Verderben eilen. Bittet die Gottesmutter, dass Sie euch tröste, dass Sie euch Mut und Ausdauer gebe, und dass Sie einen Teil der Schmerzen, die Sie auf diesem Weg erlitten hat, dafür darbringen möge, dass eure Kinder eines Tages zu euch zurückkehren können. Denkt an Maria und verzweifelt nicht! Für eure irregeleiteten Kinder wird die Gottesmutter die Stella Maris sein, der Meeresstern, der sie früher oder später in den Hafen leiten wird.

 (Aus “O Legionário” vom April 1943)

II - Seine Hände wurden gefesselt, weil sie das Gute taten

(Zweiter Teil)

Und diese Hände, so mild für rechtschaffene Menschen wie den hl. Johannes, den Unschuldigen, die Magdalena, die Bußfertige, diese Hände, die so furchterregend für die Welt, den Teufel und das Fleisch waren, warum sind sie nun gebunden und bluttriefend?


Aufgrund der Taten der Unschuldigen, der Bußfertigen etwa? Oder vielmehr durch das Werk derer, die durch sie die verdiente Strafe bekommen und sich gegen diese Strafe diabolisch aufgelehnt haben?

Ja, warum so viel Hass, warum diese Angst, dass es ratsam erschien, Deine Hände zu fesseln, Deine Stimme zum Schweigen zu bringen, Dein Leben auszulöschen?

War es, weil jemand befürchtete geheilt zu werden? Oder gestreichelt? Wer fürchtet sich vor der Gesundheit? Oder, wer hasst eine Liebkosung?

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O Herr, um diese Ungeheuerlichkeit zu verstehen, muss man an die Existenz des Bösen glauben. Man muss erkennen, dass die Menschen so sind, dass ihre Natur sich leicht gegen das Opferbringen auflehnt und, wenn einmal der Weg der Auflehnung eingeschlagen ist, es keine Infamie und keine Unordnung gibt, zu denen sie nicht fähig sind. Man muss erkennen, dass Dein Gesetz Opferbereitschaft verlangt, dass es schwer ist, rein, demütig, ehrlich zu sein. Demzufolge ist es schwer, Deinem Gesetz zu folgen. Doch, Dein Joch ist mild, Deine Last ist leicht. Nicht aber, weil es nicht bitter ist, auf das Tierische, auf die Unordnung in uns zu verzichten, sondern weil Du selbst uns dabei hilfst.

Und wenn einer zu Dir Nein sagt, beginnt er sofort, Dich zu hassen, indem er das ganze Gute, die ganze Wahrheit, die ganze Vervollkommnung hasst, von denen Du die Verkörperung bist. Und wenn er nicht Dich in sichtbarer Weise zur Hand hat, um an Dir seinen satanischen Hass auszulassen, greift er die Kirche an, entweiht er die Eucharistie, lästert, schürt die Unsittlichkeit und predigt die Revolution.

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Deine Hände sind gebunden, mein Jesus. Wo sind die Hinkenden und die Gelähmten, die Aussätzigen, die Blinden, die Stummen, die Du geheilt hast, die Besessenen, die Du befreit hast, die Sünder, die Du wieder aufgerichtet hast, die Gerechten, denen Du das ewige Leben geoffenbart hast? Warum kommen sie alle nicht, um die Deine Hände bindenden Stricke zu zerschneiden?

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Merkwürdiges Paradox. Deine Feinde fürchten weiterhin selbst Deine gebundenen Hände. Und aus diesem Grund werden sie Dich töten. Deine Freunde scheinen Deiner Macht weniger bewusst zu sein. Und weil sie auf Dich nicht vertrauen, fliehen sie ängstlich vor denjenigen, die Dich verfolgen.

Warum? Hier zeigt sich wieder klar die Macht des Bösen. Deine Feinde lieben das Böse so sehr, dass sie selbst unter den demütigenden Stricken, die Dich fesseln, die ganze Kraft Deiner Macht wahrnehmen ... und zittern! Um sicher zu sein, wollen sie Dein letztes gesundes Fleisch in Wunde verwandeln, Deinen letzten Tropfen Blut ausfließen lassen und Deinen letzten Hauch vernehmen. Und selbst dann sind sie nicht beruhigt. Tot, jagst Du ihnen noch Schrecken ein. Dein Grab muss versiegelt werden und bewaffnete Männer müssen über Deinen Leichnam wachen. Wie doch der Hass gegenüber dem Guten sie so scharfsinnig macht, dass sie wahrnehmen, was an Dir unzerstörbar ist.

Doch im Gegenteil sehen die Guten dies nicht mit derselben Klarheit. Sie halten Dich für besiegt, verloren... Sie fliehen, um die eigene Haut zu retten. Sie haben Augen, sie haben Ohren, nur um die eigene Gefahr wahrzunehmen. Es ist nämlich so, dass der Mensch nur in bezug auf das, was er liebt, scharfsinnig ist. Und wenn er sein Risiko besser sieht als Deine Macht, ist dies so, weil er sein Leben mehr liebt als Deinen Ruhm.
O Herr, wie oft zittern Deine Feinde vor der Macht deiner Kirche, während ich elender, alles für verloren halte, weil ich sie gefesselt sehe!
* * *
Jedoch, wie haben Deine Feinde Recht behalten! Du bist auferstanden. Nicht nur die Stricke und die Nägel nutzten nichts, selbst der Grabstein und der Kerker des Todes konnten Dich nicht in Haft halten. Ja, Du bist auferstanden! Halleluja!
Mein Herr, welch eine Lehre! Angesichts Deiner verfolgten und gedemütigten Kirche, verlassen von den eigenen Kindern, verleugnet durch die heidnischen Sitten und die heutige pantheistische Wissenschaft, von außen bedroht durch die Horden des Bösen und von innen durch den Unbesonnenheit derjenigen, die mit dem Teufel paktieren wollen, was tue ich? Ich zögere, ich zittere, halte alles für verloren.

Mein Herr, tausend Mal Nein! Du bist durch Deine eigene Kraft auferstanden und hast die Bande, mit denen Deine Feinde Dich im Schatten des Todes gefangen halten wollten, vernichtet.

Deine Kirche nimmt an dieser inneren Kraft teil und kann in jedem Moment alle Hindernisse, die sie umgeben, zerstören. Unsere Hoffnung liegt weder in Konzessionen noch in der Anpassung an die Irrtümer unserer Zeit. Unsere Hoffnung liegt in Dir, o Herr.

Erhöre die Bitten der Gerechten, die durch die Fürsprache der Allerheiligsten Jungfrau Maria Dich bitten: Sende, o Jesus, Deinen Geist und Du wirst das Antlitz der Erde erneuern.
(Original Portugiesisch in „Catolicismo“ Nr. 16, April 1952)

I - Seine Hände wurden gefesselt, weil sie das Gute taten

Plinio Correa de Oliveira

(Original Portugiesisch in „Catolicismo“ Nr. 16, April 1952)


Warum ist Jesus von den Folterknechten gefesselt worden? Warum haben sie die Bewegungen Seiner Hände verhindert und sie mit dicken Stricken festgebunden? Nur der Hass oder die Furcht hätten eine Erklärung dafür geben können, warum jemand derart zur Immobilität und zur Ohnmacht reduziert wird. Warum ein solcher Hass gegen diese Hände? Warum eine solche Furcht vor ihnen?

Die Hand ist einer der ausdrucksvollsten und edelsten Teile des menschlichen Körpers. Wenn die Päpste und die Eltern den Segen erteilen, tun sie das mit einer Geste der Hand. Um zu beten, faltet der Mensch die Hände oder hebt sie gen Himmel empor. Wenn er Macht versinnbildlichen will, hält er das Zepter in der Hand. Wenn er Kraft zum Ausdruck bringen möchte, hält er das Schwert. Wenn er zu einer Menge redet, drückt der Redner mit Händen die Kraft seiner Gedanken aus, mit denen er überzeugen will oder den Ausdruck seiner Worte, mit denen er die Gemüter rührt. Mit der Hand überreicht der Arzt die Medizin; mit der Hand hilft der mildtätige Mensch den Armen, den Greisen und den Kindern.

Und deswegen küssen die Menschen die Hände derjenigen, die Gutes vollbringen, und fesseln die Hände, die Böses verrichten.

Deine Hände, o Herr, was haben sie getan? Warum wurden sie gefesselt?

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„In principio erat verbum, et Verbum erat apud Deum“ (Joh 1,1). Wie kann man Deine transzendente, ewige und unaussprechliche Majestät beschreiben, als Du vor allen Dingen und vor allen Zeiten von dem höchstglorreichen und glücklichen Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit lebtest. Der hl. Paulus schaute dieses Leben, und das einzige, was er zu sagen vermochte, war, dass es mit menschlichen Worten nicht beschrieben werden kann. Von der Höhe dieses Thrones bist Du mit Liebesabsichten herabgekommen um die Menschen zu erlösen. Dafür hast Du mit eine unaussprechlichen Liebe unsere menschliche Natur angenommen. Du wolltest einen menschlichen Leib aus Liebe zu uns Menschen. Deine Hände wurde geschaffen, um das Gute zu tun. Wer vermag es zu sagen, o Herr, welche Ehre diese jetzt bluttriefenden und missgestalteten, und seit den ersten Tagen Deiner Kindheit doch so schönen und würdigen Hände, Gott gaben, als sie die ersten Küsse Unserer Lieben Frau und des hl. Josef empfingen? Wer vermag es zu sagen, mit welcher Zärtlichkeit sie die Hl. Jungfrau liebkosten? Mit welcher Frömmigkeit sie sich erstmals zum Gebet falteten? Und mit welcher Kraft, mit welcher Erhabenheit, mit welcher Demut sie in der Werkstatt des hl. Josef arbeiteten?

Hände eines vollkommenen Sohnes, was haben sie im elterlichen Hause anderes als das Gute getan?

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Als Dein öffentliches Leben begann, warst Du hauptsächlich der Meister, der die Menschen den Weg zum Himmel lehrte. Und als Du der "kleinen Schar" Deiner erwählten die evangelische Vollkommenheit lehrtest, als Deine Stimme sich erhob und über die verzückte und andächtige Menschenmenge schwebte, bewegten sich Deine Hände, um auf die himmlische Wohnung hinzuweisen oder das Verbrechen anzuprangern und Deinem Worte all das Unsagbare hinzufügtest, durch das die Geste es bereichert. Und die Apostel, die Volksscharen glaubten an Dich, und beteten Dich an, o Herr.

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Hände eines Lehrmeisters, aber zugleich Hände eines Hirten. Nicht nur lehrtest Du, sondern Du führtest auch. Die Aufgabe des Führens wirkt besonders auf den Willen, wie die des Lehrens auf die Vernunft. Und weil der Wille vor allem durch die Liebe gelenkt wird, hatten Deine göttlichen Hände geheimnisvolle und übernatürliche Tugenden, um die Kleinen zu liebkosen, die Bußfertigen aufzunehmen und die Kranken zu heilen. Sie besaßen eine so flammende, so überquellende, so mitteilsame Liebe, so dass von je her, immer wenn die Hände eines Christen - und besonders eines Priesters - sich bewegen, um die Kleinen zu liebkosen, die Bußfertigen zu trösten, den Kranken die Arznei zu reichen, ist die Liebe, die sie dazu anleiten nur ein Funke Deiner unendlichen Liebe, o mein Gott.

Aber diese Hände, so übernatürlich stark, dass sich unter ihrer Herrschaft alle Naturgesetze beugten und bei ihrem Wink der Schmerz, der Tod, der Zweifel flohen, hatten noch eine andere Aufgabe zu erfüllen. Hast Du etwa nicht vom gefräßigen Wolf gesprochen? Würdest Du ein Hirt sein, wenn Du ihn verjagen würdest? Und wenn Du alles mit einer unwiderstehlichen Kraft durchführst, wie könnte jemand nicht den Hieb der Knute spüren, die Du schwangest?

Den Wolf, ja... doch vor allem den Teufel. Dein Leben zeigt uns klar, dass der Teufel kein Wesen einer Fiktion ist; ein Wesen, dem so selten die Macht des Handelns gegeben wird, so dass es scheint, dass die große Mehrheit der Dinge geschehen, als ob er nicht existiere. Heuchler und Menschen mit unsittlichen Gewohnheiten, die in Richterroben oder Priesterkleidung dahergingen, das alles kommt in den Evangelien vor, nicht nur als Folge der menschlichen Verderbnis durch die Erbsünde und unserer Boshaftigkeit, sondern auch durch das Werk des Teufels, der aktiv, eifrig, hier und da Fallen stellt, und des öfteren seine Anwesenheit durch Um- und Besessenheit verrät.

Du pflegtest mit furchtbarer Befehlsmacht den Teufel auszutreiben, o Herr, und vor Deinem Wort, ernst und gebieterisch wie der Donner, edler und feierlicher als der Gesang der Engel, flohen erschrocken und besiegt die unreinen Geister. Dermaßen besiegt und so verschrocken, dass sie von da an Deinen Aposteln fügsam gehorchen mussten. Überall wo Dein verkündetes Wort von den Menschen angenommen wurde, flohen die Unreinheit, die Auflehnung, der Teufel immer. Sie begannen nur dann wieder ihre dunklen Flügel und ihre Verführungsmacht über die Menschheit auszubreiten, als die Welt Deine Kirche, deinen mystischen Leib ablehnte. Doch sie sind so vernichtet und so machtlos, dass es genügt, dass die Menschen wieder die Gnade Gottes annehmen, damit das Reich der höllischen Mächte wieder zerfalle und die Finsternis, die Unzucht und der Geist der Revolution zurückgewiesen werden in ihren geheimen Höhlen, aus denen sie vor Jahrhunderten entkamen.

Als Hirte beschränkten sich Deine göttlichen Hände nicht nur, den Stab gegen die geistigen, unsichtbaren Mächte zu schwingen, die nach dem hl. Paulus in der Luft schweben und das Verderben der Menschen suchen, sondern griffen auch den Teufel und das Böse in ihren sichtbaren und greifbaren Agenten an.

Das Böse, vor allem in Abstraktum betrachtet. Es gab kein Laster, das Du nicht anprangertest.

Aber auch das Böse in Konkretum, wie es in den Menschen existiert. Aber nicht nur in den Menschen allgemein, sondern in gewissen Gesellschaftsschichten - den Pharisäern zum Beispiel -, und nicht nur in gewissen Klassen, sondern auch höchst konkret in gewissen konkreten Personen: die Händler des Tempels sind auf den Seiten des Evangeliums verewigt, wegen der exemplarisch erlittenen Strafe.

Du hast die Sanftmut bis zum äußersten empfohlen, wenn nur persönliche Interessen im Spiel waren. Du willst, dass wir die andere Seite hinhalten, wenn wir eine Ohrfeige bekommen. Doch Du hast eine flammende und heilige Schmähung gebraucht, um die Pharisäer in Misskredit zu bringen; und Du hast die Geißel geschwungen, um die Händler blutend aus dem Tempel zu vertreiben. Es handelte sich dabei nicht um schier menschliche Rechte, sondern um die Sache Gottes. Und im Dienste Gottes gibt es Augenblicke, in denen das nicht Anprangern, das nicht Geißeln einem Verrat gleichkommt.

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Weiter im Teil II

Donnerstag, 24. März 2016

„PATER NON MEA VOLUNTAS, SED TUA FIAT“

„PATER NON MEA VOLUNTAS, SED TUA FIAT“
Plinio Correa de Oliveira

„Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus, über den Bach Kidron hinüber, wo ein Garten war, in dem Er und seine Jünger eintraten“ (Joh 18,1).
Jesus verlässt Jerusalem. Es war kein gewöhnliches Aufbrechen, gefolgt von einer baldigen Wiederkehr, sondern eine wahre und endgültige Trennung.
Der Messias liebte die Heilige Stadt, ihre mit Ruhm bedeckten Mauern, den Tempel des lebendigen Gottes, der sich aus ihnen erhob, das auserwählte Volk, das in ihr wohnte. Deshalb predigte Er ihm die frohe Botschaft mit besonderer Liebe und Hingabe und bekämpfte sein Laster mit besonderem brennendem Nachdruck. Doch es verweigerte sich ihm. Er verließ also die verbannte Stadt.
Es war Nacht. Jerusalem glänzte in all seinen Lichtern. Es gab Wärme und Überfluss in den Häusern und lebhafter Betrieb in seinen Straßen. Eine große Sorglosigkeit lag über der frohen und friedlichen Stadt. Jesus, mit all seiner Schönheit, seinem Anmut, seiner Güte kümmerte sie wenig. Als Er die Stadt verließ, vernahm es niemand, niemand wusste es, vielleicht hier und da ein Spaziergänger, der Ihn mit Gleichgültigkeit begegnete. Um ihre Seelen zu führen, zogen sie Annas, Kaiphas und dergleichen vor. Um ihre nationalen Interessen zu wahren, reichten ihnen Herodes. Sie tolerierten Pilatus mit resignierter schlechter Laune. Unter der Wachsamkeit dieser geistlichen und weltlichen Hirten konnten sie ja nach Lust und Laune ungezwungen essen, trinken und sich vergnügen, und im nachhinein ihr Gewissen mit einem Gebet und einem Opfer im Tempel trösten. So erledigte sich alles in Schläfrigkeit und Anpassung.
Jesus, meinten sie, ist gekommen um diesen Frieden zu stören. Er sprach von Tod, Gericht, Himmel und Hölle ohne zu verstehen, dass für die Welt solche Predigten nicht angebracht waren; und das die erste Pflicht eines Rabbi in Anpassung an den Forderungen der Zeit bestand. Doch Jesus, als Kenner der heiligen Schriften, sehr gewandt in seiner Denkfähigkeit, mit hervorragenden Eigenschaften Menschenmengen zu beeindrucken und in vertraulich überzeugenden Gesprächen Menschen an sich zu ziehen, schien bemüht eine unumgängliche Unvereinbarkeit zwischen Religion einerseits und ein nach Herzenslust sorgenfreies und hemmungsloses Leben andererseits aufzuweisen. So spaltete Er die zwei Teile eines Bogens und bewirkte früher oder später den Zusammenbruch dieses Systems. Doch das störte Ihn nicht, denn es war vernunftwidrig. Um die gefährlichen Folgen Seiner Worte hervorzuheben, wirkte Er Wunder. Gestützt auf das Ansehen, die diese Ihm einbrachten, verwirrte Er die Geister noch mehr, als Er ihnen lehrte, dass der Weg, der zum Himmel führt, schmal ist und ihnen die Notwendigkeit der Reinheit, der Redlichkeit, der Rechtschaffenheit einschärfte, um diesen Weg einzugehen. Hatte Er, der Erbarmen predigte, denn kein Mitleid mit den Seelenkämpfen, der Gewissensdramen, die Er damit hervorrief? Er, der die Demut predigte, sah Er nicht ein, dass es notwendig war, sich mit dem Beispiel der Vorsicht, die ihm die Hohenpriester  gaben, abzufinden?
Es ist wahr, dass es eine Zeitlang so aussah, als ob Er siegen würde. Doch der Hohe Rat handelte zeitlich. Er öffnete freigebig seine Schatztruhen, schickte Abgesandte, die im Volk Vorbehalte gegen den Eindringling erwecken sollten. Sie waren sehr geschickt und verstanden die richtigen psychologischen Saiten der Menschen anzuschlagen. Damit waren die Aussichten des Rabbi beseitigt. Jerusalem würde nicht ihm gehören. Sein Tod war beschlossen und das Volk würde ihm zustimmen. Dieser Todesbeschluss wäre die letzte und unbedeutende Folge  ihrer Machenschaften. Ein kleiner Fall für die Polizei. So wäre denn der „Fall“ Jesus erledigt. Das Volk konnte sich wieder den Belustigungen, dem Gold und der endlosen Tempelzeremonien hingeben. Alles konnte wieder zur normalen Tagesordnung übergehen. Ja, eine große Sorglosigkeit erfrischte die Luft in dieser üppigen und ruhigen Nacht.
Die Predigten Jesu waren beendet und Er verließ die Stadt, weil dort nichts mehr zu tun war. Teilzuhaben an dieser lauen und schläfrigen Ruhe, in der die Gewissen schliefen, die Er zu wecken versucht hatte, war mit Seiner Vollkommenheit nicht vereinbar. Das einzige, was Er noch tun konnte, war, die Stadt zu verlassen, um eine vollständige Entfremdung, eine absolute Trennung, eine unumwundene Unvereinbarkeit zu verstehen zu geben.
Und Er ging! Es blieben zurück die Lichter der Stadt und Er trat in die Finsternis der Nacht. Es blieb zurück die Menge der Menschen. Mit ihm nahm Er nur eine Handvoll, die ihm folgten. Zurück blieb alles, was Macht, Reichtum und weltlicher Ruhm war. Er zog sich zurück an einen abgelegenen, einsamen, armen Ort, nur gefolgt von einigen Unbekannten, die keine gesellschaftliche, keine nennenswerte kulturelle Bedeutung hatten, nichts. Es blieben zurück die Freuden des Lebens. Er ging der Trostlosigkeit der Verlassenen entgegen, der schrecklichen Qual derjenigen, die auf den Tod warten.

„… und Er sagte zu seinen Jüngern: ,Setzt euch hier nieder, während ich bete!‘“ (Mk 14,32)
Die Einsamkeit Jesu war viel größer, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Apostel folgten ihm, das ist wahr. Doch ihre Seele hing noch an allem, was sie bei dieser furchtbaren Trennung zurückgelassen hatten. Große Angst überkam sie, in der Vorausahnung was die nächsten Stunden ihnen bringen würden. Sie waren schon nicht mehr in der Lage zu beten. Das war der Anfang der Fahnenflucht, denn wer nicht betet gleitet den Abgrund hinunter. Beten konnten sie nicht. Zurück nach Jerusalem wollten sie nicht. Also blieben sie „sitzen“. Und sie haben zugelassen, dass der Meister ein Stück weiter ging und alleine blieb. Wahrscheinlich fühlten die Apostel sich als Helden, als sie dort sitzen blieben. Sie waren dermaßen mit ihrem eigenen Leid beschäftigt, dass sie an das Leid des Herren gar nicht dachten. Sie ließen sich von ihrem eigenen Schmerz erdrücken; und da saßen sie, kurz darauf schliefen sie ein, und etwas später ergriffen sie die Flucht.
Schreckliche Lehre für die, die den langen Weg in Richtung Vollkommenheit beschritten haben!
Jesus hatte ihnen gesagt: „Betet, dass ihr nicht in Versuchung fallet!“ (Lk 22,40). Sie haben nicht gebetet und erlagen…

„Er nahm Petrus und die beiden Zebedäussöhne mit sich und begann zu zittern und zu zagen“ (Mt 26,37).
Auswahl. Einige waren weniger abgestumpft durch den Schmerz der Verlassenheit, der Niederlage, der völligen Trennung von der Welt. Ihnen schmerzte das Leiden Jesu mehr als den anderen. Sie wurden beiseite gerufen und durften den Beginn der kostbaren Schmerzen des Erlösers mit ansehen.
Wie viele erhalten den gleichen Ruf! Die Gnade ruft sie zu einer größeren Frömmigkeit, zu einem tieferen Glauben, zu einem genaueren Verständnis der schrecklichen Lage der Kirche in unseren Tagen. Um dieser Gnade zu entsprechen, muss man den Mut haben, an der Traurigkeit Christi teilzunehmen. Dazu bedarf es eines großmütigen, starken und ernsthaften Geistes.
Wie wird eine solche Gnade abgelehnt? Indem man die Traurigkeit Jesu ablehnt: Man lebt nur für Kleinigkeiten, vergöttert den Sport, macht aus Radio und Fernsehen das Zentrum des Lebens, Witze werden zum einzigen Gesprächsthema, man will von den schweren Aufgaben, die die Zeit auferlegt, nichts wissen, weil man sich in die kleinen Angelegenheiten des täglichen Lebens versenkt.
Solche Seelen haben nicht Teil an den vertraulichen, anbetungswürdigen Beziehungen zu den Schmerzen des Herzen Jesu. Sie sind wie Kröten, die mit dem Bauch am Boden herumkriechen und nicht wie Adler, die mit ihrem kräftigen Flug die Weiten des Himmels durchkreuzen.

„Und Er sagte zu ihnen: ,Meine Seele ist betrübt bis in den Tod; bleibt hier und wacht mit mir‘“! (Mt 26,38).
„Meine Seele ist betrübt“, sagt Jesus, und nicht „ich bin betrübt“. Damit wollte Er bedeuten, dass die Qual, in der Er sich befand rein seelischer, moralischer Natur war. Das körperliche Leiden hatte noch nicht begonnen. In der Leidensgeschichte Jesu wird das körperliche Leiden besonders hervorgehoben, und das ist gut so. Doch die Andacht zum Heiligsten Herzen Jesu weist auf die seelische Marter Jesu hin, und das ist besser. Denn die Schmerzen des Geistes greifen tiefer, sind quälender aber doch viel edler als die Marter des Leibes, und sie widersetzen eher den seelischen Fehlern, die Gott so sehr beleidigen.
Was litt Christus in seiner Seele? Was sollen wir leiden?
Weil der Wille des Ewigen Vaters verletzt, Jesus, unser Herr, abgelehnt, verneint, gehasst wurde. Denken wir darüber nach, messen wir das Ausmaß und den Ernst dieser Lage, so werden wir in uns die seelischen Schmerzen Unseres Herren mitleiden.
Christus und seine Kirche bilden ein Ganzes. Jedes mal wenn wir ein unmoralisches Werbeplakat sehen, ein falsches Urteil hören, eine Einrichtung oder ein Gesetz wahrnehmen, das der katholischen Lehre widerspricht, müssen wir leiden. Wenn wir dafür kein Eifer und keine Kraft haben, dann taugen wir nur zum „sitzenbleiben“ und um in der Stunde der Gefahr zu fliehen.
„Betrübt bis in den Tod“, das heißt bis an die Grenzen des menschlich Möglichen. Die Betrübnis mit anzusehen wie das Gesetz verletzt, die Kirche verfolgt, die Ehre Gottes verkannt wird, muss in uns eine äußerste Betrübnis sein und nicht eine kleine emotionale und vorübergehende Traurigkeit, wie sie frivole und leicht erregbare Seelen an den Tag bringen, ähnlich wie Irrlichter über Sümpfe und Friedhöfe flackern.
Das ist eine oberflächliche Traurigkeit, die keine ernsten Vorsätze, tiefen Eifer, echte Entsagung von allem hervorbringt, um nur im Kampfe zu leben. Jemand, dessen „Seele betrübt“ ist, tröstet sich nicht mit Zeitschriften, Kleidung, Restaurants, Spazierfahrten, ehrlichen – oder unehrlichen – Bagatellen! Er kann nur in großem Kummer leben, weil die Ehre Gottes beleidigt wurde und sie findet nur und ausschließlich Trost im geistlichen Leben und im Apostolat.
„Bleibt hier“, das heißt, kehrt nicht zurück und vermischt euch nicht unter die Verdorbenen Kinder Jerusalems, auch nicht zu den Lauen, die ein paar Schritte abseits schliefen.
„Wachet mit mir“. Ja, nimmt Anteil an meiner Einsamkeit, an meiner Niederlage, an meinem Schmerz. Macht daraus euren Ruhm, eure Freude, euren Reichtum.

„Er ging ein wenig weiter, fiel auf sein Angesicht“ (Mt 26,39).

Warum „ging Er ein wenig weiter“, wenn Er doch wollte, dass die drei Apostel bei Ihm bleiben sollten? Bei Jesus bleiben, bedeutet, im Geiste in Seiner Nähe bleiben, Ihm beistehen. Es bleibt bei Ihm derjenige, der aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit vollem Verstand in der Kirche ist. Es bleibt bei Unserem Herren der, der in den Stunden seines Leidens nur an Ihn denkt und nicht an sich selbst. Es bleibt bei Jesus der, der nur an Ihn denkt und nicht an die Welt, ihren Geist und ihren Gelüsten.
Jesus ging nur „ein wenig“ weiter, „etwa einen Steinwurf weit“, schreibt der hl. Lukas (22,41). Warum „weitergehen“? Und warum nur „ein wenig“? Unser Herr wollte in Sichtweite bleiben, Er wollte gesehen werden, um die Treue der drei erwählten Apostel zu bewahren, Er wollte sie trösten und sich trösten, in dem Er sie in der Nähe wusste. Doch es war angebracht, dass Er sich ein wenig entfernte, denn es war eine äußerst schwere Stunde gekommen. Er würde mit Gott Vater sprechen und Gott Vater mit Ihm. So wie in der jüdischen Liturgie der Priester nur Er alleine in das Allerheiligste (Sancta sanctorum) eintrat, so wollte Jesus auch alleine diesen ersten Schritt seines Leidensweges gehen.
Haben wir solche heiligen Einsamkeiten der Seele, Gipfel, auf denen nur Gott und wir sind, wo kein Freund, keine irdische Liebe zugegen ist, auf dem wir nur den Blick unseres Seelenführers zulassen? Oder sind wir von der Sorte, dessen Seele keine Zurückhaltung und kein Adel kennen, offen für alle Winde, alle Blicke, alle Schritte, wie ein gewöhnlicher öffentlicher Platz?
Er „fiel auf sein Angesicht“. Äußerste Demütigung, vollständige Entsagung.
Welch eine Vorbereitung für das Gebet! Wenn wir mit Gott sprechen, werfen wir uns zuvor nieder? Das heißt, gehen wir demütig, bereit zu gehorchen, bereitwillig allem zu entsagen, unser Nichts einsehend? Oder gehen wir mit Vorbehalt, mit Andeutungen, mit schmerzenden Punkten, an denen Gott von uns kein Opfer verlangen kann? Wenn wir die Kirche hören, werfen wir uns nieder, indem wir auf all unsere Meinungen und Willen verzichten, um nur zu gehorchen? Bei denen, die uns erbauen durch die Hinführung zur Kirche und zum Papst, werfen wir uns da nieder und nehmen ihren Einfluss an, oder erheben wir Barrieren und Einwände?

„… betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst.“ (Mt 26,39)
Niedergeworfen auf die Erde und zugleich beten! Mit dem Körper auf dem Boden, das Niedrigste, was es gibt, und mit der Seele sich erhebend zum Höchsten des Himmels, zum Throne Gottes! In dieser Haltung besteht die Unbesiegbarkeit des echten Katholiken. Auf dem Höhepunkt der Not, der Demütigung, der Verlassenheit, trägt er noch in der Hand die Waffe, die alle Gegner besiegt. Wie wahr ist das, in den Kämpfen des innerlichen Lebens! Wir sehen keine Mittel, um einen Ausweg zu finden oder zu widerstehen, wir beten… und siegen letztendlich. Wie wahr ist das im Apostolat! Erschreckt uns die Wucht der heidnischen, gottlosen Welle? Denken wir sofort an Konzessionen, bei denen wir das Nebensächliche opfern, weil es nebensächlich ist; an das zweitrangige Wesentliche, weil es zweitrangig ist, und zuletzt an das Hauptsächlichste… „um ein größeres Übel zu verhindern“? Wenn wir um die Macht des Gebets wüssten, wenn wir „mit dem Angesicht zu Boden fallen“ würden, würden wir auch die Wirksamkeit unserer übernatürlichen Waffen, den Sinn, den Wert und den Nutzen der christlichen Kompromisslosigkeit besser verstehen. Der göttliche Erlöser litt hier für die Pessimisten, die Entmutigten, die keine Ahnung haben von der siegessicheren Kraft der Kirche.
„So gehe dieser Kelch an mir vorüber…“ Welcher Kelch? Es war das erbarmungslose, erdrückende, ungerechte Leiden, das herannahte. Hier litt der göttliche Meister für die, die durch Optimismus sündigen, für jene, die, angesichts der Perspektiven des Kampfes, der Qual, des Schmerzes, die Vogelstrausspolitik anwenden und meinen, alles werde schon gut ablaufen. Das Leid vorhersehen und sich mutig darauf vorbereiten, ist allerhöchste Tugend. Und das gilt sowohl für unser Privatleben, als auch für die Anliegen der Heiligen Kirche. In dieser Zeit, in der sie dermaßen angegriffen wird, können wir nicht die Dummheit begehen zu sagen, es wird schon alles gut gehen. Erkennen wir den Ernst der Stunde, blicken wir mutig und christlich den Drohungen der Zukunft entgegen, mit entschlossenem und vertrauensvollem Gemüt, bereit, durch Gebet, Kampf und vollständiger Annahme des Opfers, zu reagieren.
Dies ist das Beispiel, das der göttliche Meister uns gegeben hat: Sich von allem zurückziehen, um von Angesicht zu Angesicht mit Gott das Meer der Schmerzen, das auf Ihn zukam, in ihrem ganzen Umfang zu messen und vor diese Perspektive Stellung zu nehmen.
Welche Haltung:  „wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst.“
Zwei inständige Bitten sind hier enthalten. In der einen bittet der Gott-Mensch, dass der Schmerz „wenn möglich“ an ihn vorüber gehe. In der anderen nimmt Er ihn an, wenn es nicht möglich sein sollte ihn zu verhindern.
Welch heilige Haltung. Nichts theatralisches; ohne Eitelkeit. Schmerzen verursachen im Menschen von Natur aus Angst. Unser Herr, der nicht nur wahrer Gott sondern auch wahrer Mensch war, hatte Angst vor den Schmerzen, die Er voraussah. Deshalb bat Er, dass sie „wenn möglich“ entfernt werden sollten. Schmerzen verhindern zu wollen ist legitim, weise und heilig. Aber sie um jeden Preis verhindern zu wollen, nein: nur „wenn möglich“.
„Wenn möglich“: Was bedeutet das? Wenn angesichts dieser Bitte eines Gerechten, der zermalmt in der Voraussicht der Schmerzen daliegt, der göttliche Wille sich gütig erweisen könnte, indem Er diesen Schmerz vorüber gehen ließe, dann sollte es so sein. Wenn aber die Beseitigung dieses Schmerzes eine Änderung in den Plänen der Vorsehung bedeuten würde, eine Verminderung der Ehre Gottes und des Wohles der Kirche — die gegründet werden sollte —, und der Seelen zur Folge haben würde, dann wäre es besser alles zu leiden.
„Wenn möglich“ … Ein erhabener Bedingungssatz, den die Welt nicht kennt. Und deshalb ist die ganze Welt in Krise, in Gefahr, in Agonie. Güter der Erde, Reichtum, Ruhm, Gesundheit, Schönheit, dies alle ist gut in dem Maße, in dem wir den Willen Gottes alledem überordnen. Wenn es aber notwendig ist, allem zu entsagen, weil es auf Grund diesem oder jenem äußeren oder inneren Umstand „nicht möglich ist“, diese Dinge zu besitzen, ohne Gott zu missfallen, dann entsagen wir doch vollständig allem. Wenn alle Menschen so denken und fühlen würden, wäre die Welt eine andere! Weil aber dieser Bedingungssatz fehlt, der jede Ordnung und jedes Gut in sich trägt, liegt unsere Zivilisation im Sterben.
„Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Worte auf denen das ganze Leben der Kirche, der Seelen und der Völker beruht. Es sind heilige, süße, harte und schreckliche Worte, die der moderne Mensch nicht verstehen will. Sie sind eine perfekte Definition des Gehorsams, dieses Gehorsams, den seit Luther die Welt mehr und mehr hasst.
Ja, es geschehe der Wille Gottes und nicht meiner: ich werde den Gebote folgen und nicht meinen Launen! Ich werden denken wie der Papst, auch wenn mir eine andere Lehre vorzüglicher erscheinen würde. Ich werde allen gehorsam sein, die über mich eine legitime Obrigkeit ausüben, weil sie Gott vertreten: deshalb werde ich ihren Willen walten lassen und nicht meinen!
Mein Jesus, wie kann man, angesichts dessen noch sagen, dass Du ein Umstürzler warst und dass Du gekommen bist, die Revolution in die Welt zu bringen?

 Nach diesem Bittgebet, Schweigen. Die Evangelien berichten uns nicht, welche Antwort Jesus erhalten hat, auch nicht was Er darauf erwiderte. Warum auch? Und mit welchen Worten? Wahrscheinlich gab es nur eine einzige Person auf Erden, die alles gesehen, alles gewusst und alles angebetet hatte: Seine Mutter Maria war ohne Zweifel im Geiste gegenwärtig und an allem beteiligt.
Das Thema ist zu erhaben, als das wir dieses Schweigen deuten können, das selbst die Evangelisten nicht brechen wollten. Bitten wir der Mittlerin aller Gnaden, sie möge uns einführen in die stille geistige Sammlung und in die unaussprechlichen Geheimnisse dieses Schweigens.
Jesus hat es angenommen. „Da erschien Ihm ein Engel vom Himmel und stärkte Ihn. Voll innerer Erregung betete Er noch eindringlicher, und Sein Schweiß rann wie Blutstropfen zur Erde nieder“ (Lk 23,43-44).
So fing nun die Passion an. Jesus hatte den Schmerz und den Tod vorausgesehen und sie angenommen. Die bloße Voraussicht des Unvermeidlichen versetzte Ihn vor einen bedrückenden Berg der Qualen.
Doch „ein Engel stärkte Ihn“. Ja, Sein demütiges Gebet wurde erhört. Gott gab Ihm Kraft den unerträglichen Schmerz zu ertragen, die unannehmbare Ungerechtigkeit ergeben anzunehmen.
Wenn wir das verstehen würden! Die Gebote scheinen uns allzu schwer, es braust in uns der Sturm der liederlichen Begierlichkeiten und der teuflischen Versuchungen. Wenn wir verstehen würden, dass dies die Stunde Gottes ist, wenn wir „noch eindringlicher beten“ würden, wenn wir den Besuch des Engels aufnehmen würden, der uns Stärkung bringt! Ja, denn auch zu uns kommt der Engel immer, sodann wir beten. Mal ist es eine innere Bewegung der Gnade, mal ein gutes Buch, das wir lesen, mal ein Freund, der uns einen guten Rat gibt oder mit gutem Beispiel vorangeht. Doch wir beten nicht. Die Folge ist: wir fallen.
In Christi Leiden kam der Engel auf Grund Seines Gebets. Nachdem Er Ihn gestärkt hatte, betete Jesus weiter: Ja, noch eindringlicher beten, ist das große Geheimnis des Sieges. Wer betet, wird gerettet werden, wer nicht betet, geht verloren, sagte der hl. Alphons von Liguori. Und wie hatte Er recht! Jesus hat Blut geschwitzt. Das erlösende Blut quoll hervor, durch die Last der seelischen Schmerzen. Man kann sagen, dass es Blut des Herzens war. Welch wunderbares Thema für die Verehrer des Heiligen Herzens.
Blut schwitzen ist der äußerste Schmerz. Es ist der Gipfel der Last des Seelenleidens auf den Leib. Man könnte sagen, dass Jesus hier schon alles an Leiden ertrug, was Er nur konnte. Indessen war noch nicht einmal der erste Schritt des Leidenweges getan.
Wie kann man diese fast unmögliche Widerstandfähigkeit erklären? Sein Martyrium begann, wo es bei anderen schon den Höhepunkt erreicht hatte.
Weil „ein Engel vom Himmel Ihn stärkte“, und „Er noch eindringlicher betete“
O, der Wert des Übernatürlichen! Und wir wagen zu behaupten, dass wir im geistlichen Leben oder in den Kämpfen des Apostolats versagen aus Mangel an Kräften!
Dreimal sagte der Herr sein „Fiat“ (vgl. Mt 26,39-44). Und nach jedem Mal kam Er zu seinen Jüngern zurück.
Beim ersten Mal „fand Er sie schlafend“ (Mt 26,40). Und Er riet ihnen: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist zwar willig, das Fleisch aber ist schwach“ (Mt 26,41).
Doch sie machten sich nichts draus. Warum? Weil sie müde waren. Von einer Müdigkeit befallen, die aus zwei Übermäßigkeiten bestand: Verzweiflung einerseits und andererseits Eingebildetheit. — Die Verzweiflung: Angesichts der menschlichen Niederlage Jesu waren ihre Träume weltlicher Größe zerstört. Was blieb ihnen? Diese Dunkelheit, diese Einsamkeit, dieser harte schlichte Boden, auf dem sie saßen. Die Karriere war vernichtet, o Schmerz aller Schmerzen! Unter der Last dieses Schmerzes, das einzige, was zu tun war, war schlafen. — Die Eingebildetheit: Indessen hielten sie sich für starke Typen. Sie hatten ja so viel gekämpft und es wäre sicherlich beleidigend, an ihren Mut zu zweifeln. Überzeugt von ihrer Widerstandskraft, sorglos über ihre Beharrlichkeit, verbrachten sie die Zeit, schlafend…
Eine Müdigkeit vor allem auch aus Ungehörigkeit. Der Herr litt und sie schliefen! Was brachte ihnen denn der Herr? War es nicht schon ein großer Gefallen, bei Ihm zu sein inmitten dieser Verlassenheit? Was wollte Er mehr? Das sie noch außer der Zeit beteten? Nein. Er sollte wachen, wenn Er wollte. Die Jünger gingen schlafen.
Je mehr man schläft, desto schwerer wird der Schlaf. Das ist genau der Entwicklungsprozess der Lauheit. Beim zweiten Mal „fand Er sie wiederum schlafend; denn ihre Augen waren schwer“ (Mt 26,42). Es war der Schlaf der Mittelmäßigkeit, der Nachlässigkeit, der Trägheit. Folgten sie noch dem Meister? Ja und nein. Ja, denn letztlich waren sie noch da. Nein, weil sie Ihm nicht mehr gehorchten. Er litt und sie schliefen. Es war der Anfang der Trennung.
Wie kommt es zu einem so verhängnisvollen Absturz? Schlafen, während Jesus spricht, ist für mich zerstreut, übellaunig, lau sein, genauso wenn zu mir die Vertreter der Heiligen Kirche sprechen, diejenigen, die mich auf dem Weg der Heiligkeit führen sollen, die für mich durch ihr Beispiel die Orthodoxie, den Edelmut, den Hunger und den Durst nach Tugend darstellen. Wenn ich diesem Schlaf verfalle, was gibt es anderes zu tun als aufzustehen und „wachen und beten, um nicht in Versuchung zu fallen“? Wenn ich es aber nicht tue, was sind die Folgen? Das Scheitern im geistlichen Leben und in der Berufung.
Beim dritten Mal sind die Worte Jesu, Worte des Tadels: „Ihr schlaft noch und ruht! Seht, die Stunde ist gekommen, da der Menschensohn überliefert wird in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen!  Seht, mein Verräter naht!“ (Mt 26,45-46).
Nun ist die Stunde vorüber. Nicht einmal die zärtliche und schmerzvolle Bitte hatte sie gerührt: „Konntest du nicht eine einzige Stunde wachen?“ (Mk 14,37).
„Und sogleich, während Er noch redete, erschien Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und Knütteln“ (Mk 14,43). Kurz darauf „verließen Ihn alle und flohen“ (Mk 14,50).
Ja, sie flohen alle, weil sie lau waren, haben geschlafen, haben nicht gebetet. Wenn ich, Herr, nicht fliehen will, muss ich fest sein, darf nicht schlafen, ich muss beten.
Gib mir, Herr, diese Gnade der Beharrlichkeit in allen Situationen, in allen Nöten, in allen Erbitterungen. Die Gnade der Treue in allen Verlassenheiten, in allen Hilflosigkeiten, in allen Niederlagen. Die Gnade der Standhaftigkeit, auch wenn alle Dich verlassen, unterdrückt vom Schlaf oder irregeworden durch die Lüsternheit der weltlichen Dinge. Oder sonst, mein Gott, nimm mich von diesem Leben. Denn eines möchte ich nicht: Fliehen!
Durch die allmächtige Fürsprache  Deiner heiligsten Mutter bitte ich Dich um diese Gnade der Beharrlichkeit, o mein Herr Jesus.


Mittwoch, 23. März 2016

KREUZWEG

von Plinio Corrêa de Oliveira
GEBET

O schmerzhafte Mutter, in diesen Zeiten, in denen die große Mehrheit der Menschen die Opfer flieht, obwohl diese zur vollkommenen Erfüllung der Gebote und Weisungen Deines göttlichen Sohnes unerlässlich sind, erlange allen, die notwendige Kraft, ihr eigenes Kreuz bis hinauf auf Golgotha zu tragen.
1. Station
Jesus wird zum Tode verurteilt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DER RICHTER, der das ungeheuerlichste Verbrechen der Menschheitsgeschichte beging, wurde dazu nicht angetrieben durch das Auflodern einer stürmischen Leidenschaft. Es blendete ihn nicht ideologischer Hass, nicht Gier nach neuen Reichtümern, nicht der Wunsch, einer Salome zu gefallen. Es war die Furcht, seinen Posten zu verlieren, die ihn antrieb, den Unschuldigen zu verurteilen. Die Furcht, den Eindruck zu erwecken, die Vorrechte des Kaisers nicht sorgfältig zu hüten; die Angst, politische Schwierigkeiten für sich selbst zu schaffen, wenn er dem Pöbel missfallen würde; die instinktive Angst „Nein“ zu sagen, das Gegenteil zu tun, was verlangt wird, mit Haltungen und Meinungen aufzutreten, die dem Umfeld widersprechen.
O Herr, lange hast Du ihn angeschaut mit dem gleichen Blick, der im Nu die Bekehrung des Petrus erwirkte. Ein Blick, in dem sich Deine höchste moralische Vollkommenheit widerspiegelte, Deine unendliche Unschuld. Und dennoch, er hat Dich verurteilt.
O Herr, wie oft habe ich Pilatus nachgeahmt! Wie oft habe ich zugelassen, dass aus Liebe zu meiner Karriere die Wahrheit in meiner Gegenwart angegriffen wurde und ich dazu schwieg. Wie oft habe ich mit verschränkten Armen dem Kampf und dem Martyrium derer zugesehen, die sich für Deine Kirche einsetzten. Und hatte keinen Mut, ihnen ein Wort der Unterstützung zu sagen, aus Feigheit, denen zu entgegnen, die mich umgaben, „Nein“ zu sagen denen, die mein Umfeld bildeten, aus Angst „anders zu sein, als die anderen“. So, als ob Du mich erschaffen hättest, o Herr, um Dich nicht nachzuahmen, sondern unterwürfig meine Freunde nachzuahmen. In jenem schmerzhaften Augenblick der Verurteilung hast Du, o Herr, gelitten für alle Feiglinge, für alle Schwächlinge, für alle Lauen, ... , für mich, o Herr.
Mein Jesus, Verzeihung und Barmherzigkeit. Durch das Beispiel Deiner Stärke, mit der Du der Verachtung der Menschen entgegengetreten bist und das Urteil des römischen Statthalters auf Dich genommen hast, heile in meiner Seele das Geschwür der Trägheit und der Bequemlichkeit.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.

2. Station
Jesus nimmt sein Kreuz auf sich

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

NUN BEGINNT, o mein angebeteter Herr, Dein Weg zur Opferstätte. Nicht einen schnellen Tod hat Dein himmlischer Vater für Dich bestimmt. Nein! Durch einen langen Leidensweg solltest Du uns nicht nur ein Beispiel im Sterben sein, sondern auch in der Sicht des herannahenden Todes: Ihm mit Ruhe, ohne Zögern und ohne Schwächen zu begegnen; ja sogar ihm entgegenzuschreiten mit dem sicheren Schritt eines Kriegers, der zum Kampfe vordringt. Dies ist die bewundernswerte Lehre, die Du mir gibst.
Doch bei mir wieviel Feigheit in der Vorahnung eines Schmerzes, o mein Gott. Bevor ich mein Kreuz auf mich nehme, versuche ich mich entweder anzupassen, oder ich ziehe mich zurück und verrate meine Pflichten. Wenn ich es schließlich annehme, dann mit soviel Überdruss und Trägheit, dass es scheint, ich verabscheue die Last, die Dein Wille mir auf die Schultern legt. Und wie oft kommt es vor, dass ich meine Augen schließe, um den Schmerz nicht zu sehen. Ich verblende mich mit einem einfältigen Optimismus, weil ich keinen Mut habe, die Prüfung auf mich zu nehmen. Und deshalb lüge ich mir selbst vor: Es ist nicht wahr, dass der Verzicht auf dieses Vergnügen notwendig ist, um nicht der Sünde zu verfallen. Es ist nicht wahr, dass ich jener Gewohnheit, die meine innersten Leidenschaften schürt, entsagen muss. Es ist nicht wahr, dass ich jene Umgebung, jene Freundschaft meiden muss, weil sie mein geistliches Leben ruinieren. Nein, nichts davon ist wahr... Ich schließe die Augen und werfe mein Kreuz zur Seite.
Mein Jesus, verzeih' mir soviel Bequemlichkeit. Durch die Wunde, die das Kreuz auf Deiner heiligen Schulter öffnete, heile, o Vater der Barmherzigkeit, die schreckliche Wunde in meiner Seele, die Jahre innerer Sorglosigkeit und Selbstgefälligkeit aufgerissen haben.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.


3. Station
Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.


WIE DENN, o Herr? War es Dir nicht erlaubt, Dein Kreuz liegen zu lassen? Da Du es doch getragen hattest, bis all Deine Kräfte erschöpft waren und die nicht mehr tragbare Last des Kreuzes Dich zu Boden warf, war es da nicht deutlich genug, dass es unmöglich war, es weiter zu tragen? Deine Aufgabe war erfüllt! Nun sollten die Engel des Himmels das Kreuz für Dich weiter tragen! Du hattest das Möglichste gelitten! Was könntest Du noch mehr hergeben?
Doch Du hast Dich anders verhalten und meiner Feigheit eine hohe Lehre erwiesen. Als Deine Kräfte erschöpft waren, hast Du Dich nicht der Last entledigt, sondern um noch mehr Kraft gefleht, um das Kreuz wieder aufzunehmen. Und Du hast sie erhalten.
Schwer ist heute das Leben eines Christen. Gezwungen gegen sich selbst zu kämpfen, um vom Pfade der Gebote nicht abzuweichen, scheint er gegenüber einer Welt, die in Zügellosigkeit und Reichtum sich der Lebensfreude brüstet, eine überspannte Ausnahme zu sein.
O Herr, das Kreuz der Treue zu Deinen Geboten lastet schwer auf unseren Schultern und manchmal scheint uns der Atem zu versagen.
In diesem Augenblick der Prüfung reden wir uns selber ein: Wir haben schon alles getan, was in unseren Kräften stand. Letztendlich ist ja die Ausdauer des Menschen begrenzt! Gott wird dafür schon Verständnis haben ... Legen wir das Kreuz am Rande des Weges ab und lassen wir uns sachte in die Genüsse des Lebens versinken! ...
O, wie viele verlassene Kreuze am Rande unserer Wege; wer weiß, wie viele am Rande meines eigenen Weges!
Gib mir, o Herr, die Gnade, mein Kreuz fest in den Armen zu halten, selbst wenn unter seiner Last meine Kräfte mich verlassen sollten. Gib mir die Gnade, mich wieder aufzurichten, wenn immer ich zusammenbreche. Gib mir, Herr, die große Gnade niemals vom Wege abzukommen, auf dem ich zum Gipfel meines eigenen Kalvarienberges gelangen muss.
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.

A. Amen.

4. Station
Jesus begegnet seiner heiligen Mutter

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

WER WÜRDE es wagen, o Mutter, Dich so weinen zu sehen und nach dem Grund Deiner Tränen zu fragen? Weder die Erde, noch der Himmel, noch das ganze Firmament könnten als Vergleich herangezogen werden, für die Unermesslichkeit Deiner Schmerzen.
Gib mir, o Mutter, wenigstens einen kleinen Teil Deiner Schmerzen. Gib mir die Gnade, Jesus mit den Tränen einer aufrichtigen und tiefen Zerknirschung zu beweinen.
Du leidest mit Jesus. Gib mir die Gnade zu leiden, Wie Du und Er leiden.
Dein größter Schmerz kam nicht von der Betrachtung des unsagbaren körperlichen Leidens Deines göttlichen Sohnes. Was sind schon die Leiden des Körpers im Vergleich zu den Leiden der Seele? Wenn Jesus all diese Marter hätte erleiden müssen, doch an seiner Seite mitleidige Herzen gewesen wären! Wenn der dümmste, der ungerechteste, der platteste Hass das heiligste Herz nicht unendlich mehr verwundeten, als die Last des Kreuzes und die Misshandlungen den heiligen Leib Unseres Herren! Und da war der sich tobend äußernde Hass und die Undankbarkeit derer, denen Er seine Liebe erwiesen hatte ... Hier ein Aussätziger, den Er geheilt hatte ... Da ein Blinder, dem Er das Augenlicht zurückgegeben hatte ... Etwas weiter ein Betrübter, dem Er wieder den Frieden geschenkt hatte... Und alle verlangten Seinen Tod. Alle hassten Ihn; alle beschimpften Ihn. Dies alles bereitete Jesus viel mehr Leiden, als die unsagbaren Schmerzen, die seinen heiligen Leib erdrückten.
Doch es gab noch Schlimmeres. Da war noch die Sünde; die ausgesprochene Sünde, die offensichtliche Sünde, die abscheuliche Sünde. Wenn all jene Undankbarkeiten dem gütigsten aller Menschen zuteil würden, aber paradoxerweise Gott nicht
beleidigen würden! Doch sie richteten sich gegen den Gottmenschen und waren deshalb ein äußerstes Vergehen gegen die Heiligste Dreifaltigkeit selbst. Und das ist das Verhängnisvollste an der Ungerechtigkeit und der Undankbarkeit.
Das schlimmste an diesem Vergehen ist nicht, dass es die Rechte des Wohltäters verletzt, sondern dass es Gott selbst beleidigt.
Und unter den vielen Ursachen Eurer Schmerzen, bereitete Euch gewiss die Sünde das größte Leid, o heiligste Mutter, o göttlicher Erlöser.
Und ich? Weiß ich um meine Sünden? Erinnere ich mich meiner ersten Sünde? Meiner jüngsten Sünde? Der Zeit, zu der ich sie begang, des Ortes, der Personen, die um mich waren, der Gründe, die mich zur Sünde führten? Hätte ich an all das Leid gedacht, das Dir nur eine einzige Sünde zufügt, hätte ich es dann je gewagt, Dich zu beleidigen, o Herr?
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.

5. Station
Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

WER WAR dieser Simon? Was weiß man von ihm schon mehr, als dass er aus Cyrene stammte? Und was wissen wir über Cyrene schon mehr, als dass es die Heimat dieses Simon war? Die Person und der Ort traten auf einmal aus der Dunkelheit zum Ruhm hervor; und zum höchsten allen Ruhmes, weil ein heiliger Ruhm, in einem Augenblick, als ganz andere Gedanken die des Cyrenäers waren.
Er ging wohl ganz unbekümmert seinen Weg. Er dachte wohl an die kleinen Probleme und kleinen Interessen, die den Alltag eines gewöhnlichen Menschen bestimmen.
Doch Du, mein Herr, überquertest seinen Weg mit Deinen Wunden, mit Deinem Kreuz, mit Deinem unsagbaren Schmerz. Diesem Simon war es gegeben, Dir gegenüber Stellung zu beziehen. Sie zwangen ihn, Dein Kreuz mitzutragen. Entweder würde er es unwillig mittragen, gleichgültig Dir gegenüber, dem Pöbel zu gefallen, indem er auf irgendeine Weise Deine leiblichen und seelischen Schmerzen erhöhte; oder er würde es mit Liebe tragen, aus Mitleid, den Schaulustigen zum Trotz, um Dein Leid zu lindern, um selbst ein wenig Deine Schmerzen zu leiden, damit Du etwas weniger littest.
Der Cyrenäer zog es vor, mit Dir zu leiden. Und siehe, seit zweitausend Jahren wird sein Name in Liebe, in Dankbarkeit und mit heiligem Neid von allen gläubigen Menschen auf der ganzen Welt wiederholt. Und so wird es sein bis ans Ende der Zeiten!
O mein Jesus, auch mir bist Du über den Weg gegangen. Du kamst mir entgegen, als Du mich durch die heilige Taufe von der Finsternis des Heidentums in den Schoß Deiner Kirche berufen hast. Du kamst mir entgegen, als meine Eltern mich das Beten lehrten. Du kamst mir entgegen, als ich im Katechismus meine Seele der wahren katholischen Lehre öffnete. Du kamst mir entgegen bei meiner ersten Beichte, bei meiner ersten heiligen Kommunion, in all den Augenblicken, in deenen ich wankte und Du mich gestützt hast, in denen ich fiel und Du mich wieder aufgerichtet hast, in denen ich Dich anflehte und Du mich erhört hast.
Und ich, Herr? Auch jetzt kommst Du mir wieder entgegen in diesem Kreuzweg. Was tue ich, o Herr, wenn Du an mir vorübergehst?
Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.



6. Station
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

AUF DEN ersten Blick würde man sagen, es gibt in der Geschichte keinen größeren Preis. Denn welcher König hatte jemals ein kostbareres Tuch in der Hand, als jenen Schleier? Welcher Feldherr besaß je ein glorreicheres Banner? Welche mutige und selbstlose Tat wurde je mit einer so außerordentlichen Auszeichnung belohnt?
Und doch: Es gibt eine Gnade, die viel wertvoller ist als der Besitz eines Schleiers mit dem Abbild des heiligen Antlitzes unseres Erlösers. Hier ist das göttliche Antlitz wie auf einem Bild dargestellt. In der Heiligen Katholischen Kirche sieht man Ihn wie in einem Spiegel.
In ihren Einrichtungen, in ihrer Lehre, in ihren Geboten, in ihrer Einheit, in ihrer Universalität, in ihrer unübertrefflichen Katholizität ist die Kirche ein wahrer Spiegel, der unseren göttlichen Erlöser widerspiegelt. Mehr noch: Sie ist der Mystische Leib Christi selbst.
Und wir alle haben die Gnade, der Kirche anzugehören, lebendige Bausteine der Kirche zu sein!
Wie müssen wir für diese Gnade dankbar sein! Doch vergessen wir nicht, dass "Adel verpflichtet". Der Kirche anzugehören, ist etwas sehr hohes und zugleich schweres. Wir müssen denken, wie die Kirche denkt, fühlen, wie die Kirche fühlt, in allen Umständen unseres Lebens handeln, wie es die Kirche will. Dies setzt eine wahrhaftige katholische Gesinnung voraus, eine echte und vollständige Sittenreinheit, eine tiefe und ehrliche Frömmigkeit. Mit anderen Worten: Es setzt das Opfer eines ganzen Daseins voraus.
Und der Preis? „Christianus alter Christus“! Ich werde auf hervorragende Weise ein Abbild Christi selbst. Die Ähnlichkeit Christi wird sich lebendig und heilig meiner Seele einprägen.
O Herr, wenn die der Veronika zuerteilte Gnade groß war, wie viel größer ist doch die Gunst, die Du mir versprichst.
Ich bitte Dich um Kraft und Entschlossenheit, um sie durch eine unverbrüchliche Treue wirklich zu erlangen.

Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.


7. Station
Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

FALLEN, hinfallen, am Boden niedergestreckt, vor Aller Füßen liegen, offen zu erkennen geben, dass alle Kräfte dahin sind: Dies sind, o Herr, die Demütigungen, denen Du Dich unterwerfen wolltest, um mich zu belehren. Niemand hatte Mitleid mit Dir. Im Gegenteil: Die Beleidigungen und Grobheiten nahmen zu. Indessen flehte vergeblich Deine Gnade um eine Geste des Erbarmens im Innern dieser versteinerten Herzen.
Doch auch in dieser Lage wolltest Du Deinen Leidensweg weitergehen, um die Menschen zu erlösen. Welche Menschen? Alle, einschließlich derer, die da waren und Deine Schmerzen auf alle Art und Weise vermehrten.
In meinem Apostolat, o Herr, muss ich weitermachen, auch wenn all meine Werke zu Boden gefallen sind; auch wenn alle sich zusammentun, um mich anzugreifen; auch wenn die Undankbarkeit und die Bosheit derer, denen ich Gutes tun wollte, sich gegen mich wenden.
Ich werde nicht der Schwäche nachgeben und einen anderen Weg einschlagen, nur um ihnen zu gefallen. Meine Wege können nur die Deinen sein, das heißt, die Wege der Wahrheit, der Reinheit, der Strenge. Auf diesen Deinen Wegen werde ich für sie leiden. Und in der Vereinigung meiner unvollkommenen Schmerzen mit Deinem vollkommenen Schmerz, mit Deinem unendlich kostbaren Schmerz, werde ich ihnen weiterhin Gutes tun, damit sie gerettet werden oder damit die verweigerten Gnaden sich wie glühende Kohlen auf sie häufen und nach Strafe rufen. Dies tatest Du mit denen, die Deinen Tod verlangten, und mit allen, die Dich bis zuletzt ablehnten.

Vater unser..., Gegrüßet seist Du Maria..., Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr!
A. Erbarme Dich unser!
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
A. Amen.



8. Station
Jesus tröstet die weinenden Frauen

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

ES FEHLTE aber nicht an guten Seelen, die den Umfang der hier verübten Sünde erkannten und die göttliche Gerechtigkeit fürchteten.
Sehe nicht auch ich eine solche Sünde? Ist es nicht wahr, dass heute der Stuhl Petri angefochten, verlassen, verraten wird? Ist es nicht wahr, dass die Gesetze, die Institutionen, die Sitten gegenüber Jesus Christus immer feindseliger werden? Ist es nicht wahr, dass eine ganze Welt, eine ganze Kultur aufgebaut wird, die Christus leugnet? Und ist es nicht wahr, dass die Muttergottes in Fatima all diese Sünden aufgezeigt hat und um Buße und Sühne bat?
Doch wo ist diese Buße? Wie viele sind es, die die Sünde wirklich sehen und versuchen sie beim Namen zu nennen, zu enthüllen, zu bekämpfen, ihr Schritt für Schritt den Boden zu bestreiten, ihr in einem Kreuzzug von Gedanken und Taten mit aller Härte zu begegnen? Wie viele gibt es, die fähig sind, das Banner der absoluten und makellosen Wahrheit dort zu entfalten, wo der Unglaube oder der falsche Glaube herrscht? Wie viele sind es, die in Einheit mit der Kirche diese Zeiten leben, die so tragisch sind, so tragisch wie der Leidensweg Christi war; in diesem entscheidenden Zeitpunkt der Geschichte, in dem die Welt die Wahl für oder gegen Christus trifft?
O mein Gott, wie viele Kurzsichtige gibt es, die es vorziehen, die Wirklichkeit, die ihnen in die Augen springt, nicht sehen und nicht vorhersehen zu wollen.
Wie viel Zufriedenheit, wie viel kleiner Wohlstand, wie viel alltäglicher kleiner Genuss. Wie viel schmackhafte Linsengerichte zum Schlürfen!
Gib mir, o mein Jesus, die Gnade nicht zu ihnen zu zählen. Die Gnade, Deinem Rat zu folgen, und zwar über uns und die Unseren zu weinen. Nicht mit fruchtlosen Tränen, sondern mit Tränen, die zu Deinen Füßen fallen, durch Dich fruchtbar werden und für uns Verzeihung, Kraft und Unerschrockenheit im Apostolat erlangen.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.


9. Station
Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

MEHR DENN JE, o mein Herr, bist Du erschöpft, entkräftet, verwundet. Was erwartet Dich noch? Bist Du am Ziel angelangt? Nein. Gerade das Schlimmste steht noch bevor. Das entsetzlichste Verbrechen wird noch vollbracht. Die größten Schmerzen wirst Du noch leiden müssen. Zum dritten Male liegst Du am Boden und dennoch, alles, was bisher geschah, war erst der Anfang. Doch Dein zu einer einzigen Wunde gewordener Leib bewegt sich wieder. Was unmöglich schien, geschieht: Noch einmal erhebst Du Dich, langsam, wenn auch jede kleinste Bewegung einen neuen Schmerz bedeutet. Und siehe, wieder einmal stehst Du aufrecht da... mit Deinem Kreuz. Neue Kräfte hast Du geschöpft und setzt Deinen Weg fort. Dreimal bist Du gefallen und gabst mir damit drei Lehren der Standhaftigkeit, jede einzelne schmerzlicher und nachdrücklicher als die andere.
Warum soviel Nachdruck? Weil unsere Feigheit beständig ist. Wir nehmen uns vor, unser Kreuz auf uns zu nehmen, doch die Feigheit stellt sich immer wieder ein. Damit sie aber keinen Vorwand in unseren Schwächen findet, wolltest Du selbst uns ein dreifaches Beispiel geben.
Ja, unsere Schwäche kann uns nicht als Vorwand dienen. Die Gnade, die Gott niemandem verwehrt, kann erreichen, was die rein natürlichen Kräfte nicht vermögen.
Gott will, dass man Ihm bis zum letzten Atemzug dient, bis zur Erschöpfung der letzten Kräfte; und Er vergrößert unsere Fähigkeit zu leiden und zu wirken, damit unsere Hingabe bis an die Grenzen des Unvorhersehbaren, des Unwahrscheinlichen, ja, des Wunders reiche. Das Maß, Gott zu lieben, ist, Ihn ohne Maßen zu lieben, sagte der hl. Franz von Sales. Das Maß, für Gott zu kämpfen, ist, ohne Maßen für Ihn zu kämpfen, könnten wir sagen.
Doch, ich: wie schnell fühle ich mich erschöpft! In meinen apostolischen Werken hält mich das kleinste Opfer auf, die kleinste Mühe ruft in mir Widerwillen hervor, der kleinste Kampf treibt mich in die Flucht. Ich liebe das Apostolat, ja, aber es muss sich ganz meinen Vorlieben und Phantasien anpassen, denen ich mich hingeben kann, wann ich will, wie ich will und weil ich will. Und am Ende glaube ich noch, Gott ein großes Almosen gegeben zu haben.
Doch Gott hat daran keinen Gefallen. Im Einsatz für die Kirche will Er mein ganzes Leben, Er will Organisation, Scharfsinn, Kühnheit; Er will die Einfalt der Taube, aber auch die List der Schlange, die Sanftmut des Lammes, aber auch den hinreißenden und überwältigenden Zorn des Löwen. Wenn es notwendig sein sollte, Karriere, Freundschaften, Familienbande, dürftige Eitelkeiten, eingefleischte Gewohnheiten aufzugeben, um meinem Gott zu dienen, muss ich es tun. Lehrt mich doch diese Station des Leidens meines Herrn Jesus Christus, dass wir Gott alles schenken müssen, absolut alles. Und nachdem wir Ihm alles geschenkt haben, müssen wir Ihm noch unser eigenes Leben schenken.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.

R. Amen.

10. Station
Jesus wird seiner Kleider beraubt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

ALLES, ja absolut alles! Selbst die Schmach müssen wir erleiden, aus Liebe zu Gott und zur Rettung der Seelen.
Und da ist der Beweis. Der durchaus Reine wurde seiner Kleider beraubt und die Unreinen verhöhnten Ihn in seiner Reinheit. Und Unser Herr widerstand dem Spott der Unreinheit.
Scheint es nicht unbedeutsam, dem Hohn zu widerstehen, wer doch schon so vielen Martern widerstanden hat? Dennoch war auch diese Lehre noch nötig. Wegen der Verachtung einer Magd hat Petrus seinen Herrn verleugnet. Wie viele Menschen werden Christus verlassen haben aus Furcht vor Lächerlichkeit. Denn wenn es Menschen gibt, die in den Krieg gehen und sich Schüssen und dem Tod aussetzen, nur um nicht als Feiglinge verspottet zu werden, ist es nicht wahr, dass gewisse Menschen mehr Angst vor einem Lächeln haben als vor allem anderen?
Der göttliche Meister trotzte dem Spott. Damit lehrte Er uns, dass es nichts Lächerliches gibt, wenn man auf dem Pfade der Tugend und des Guten ist.
Lehre mich, o Herr, die Majestät Deines Antlitzes widerzuspiegeln und die Kraft Deiner Standhaftigkeit, wenn die Bösen gegen mich die Waffe des Spottes gebrauchen wollen.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

11. Station
Jesus wird ans Kreuz genagelt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DIE BOSHEIT wählte für Dich, mein Herr, als letzte die grausamste Pein. Ja, die grausamste, denn sie führte zu einem langsamen Tod, sie verursachte die größten Schmerzen und war die schändlichste, denn sie war den niederträchtigsten Verbrechern vorbehalten.
Alles wurde von der Hölle bestellt, um Dir die größten und schlimmsten Schmerzen an Leib und Seele zuzufügen. Beinhaltet dieser tiefgründige Hass nicht eine Lehre für mich? Wehe mir, der ich sie nie ganz begreifen werde, wenn ich nicht nach Heiligkeit strebe. Zwischen Dir und dem Teufel, zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Irrtum besteht ein tiefer, unversöhnlicher, ewiger Hass. Die Finsternis hasst das Licht, die Söhne der Finsternis hassen die Söhne des Lichtes; der gegenseitige Kampf wird andauern bis zur Vollendung der Tage, und es wird nie Frieden sein zwischen der Nachkommenschaft der Frau und der Nachkommenschaft der Schlange... Um die unermessliche Breite, die Größe dieses Hasses zu verstehen, betrachte man alles, was er zu tun wagte. Es ist der Sohn Gottes, der da hängt, verwandelt in einen Aussätzigen, wie es in der Heiligen Schrift heißt, an dem nichts Heiles ist, in ein Wesen, das sich krümmt unter den Schmerzen wie ein Wurm, verabscheut, verlassen, an ein Kreuz genagelt zwischen zwei gemeinen Verbrechern. Der Sohn Gottes: Welch unendliche, unvorstellbare, erhabene Größe enthalten diese Worte! Doch siehe, was der Hass gegen den Sohn Gottes zu verüben wagte!
Und die ganze Weltgeschichte, die ganze Kirchengeschichte ist nichts anderes als dieser unerbittliche Kampf zwischen denen, die Gottes sind, und denen, die des Teufels sind, zwischen denen, die der Jungfrau gehören, und denen, die der Schlange gehören. Ein Kampf, in dem es nicht nur Missverständnisse gibt, nicht nur Schwäche, sondern auch Bosheit, absichtliche, verschuldete, sündhafte Bosheit von Seiten der Scharen der Menschen und bösen Geister, die dem Satan folgen.
Dies ist es, was gesagt, bekräftigt, ausgerufen und woran immer wieder am Fuße des Kreuzes erinnert werden muss. Denn wir sind, vom Liberalismus dermaßen verunstaltet, immer dazu geneigt, diesen unentbehrlichen Aspekt des Leidens unseres Herrn zu vergessen.
Doch die Jungfrau der Jungfrauen, die schmerzhafte Mutter, die an der Seite ihres Sohnes an seinem Leiden teilnahm, sie wusste um diese Tatsache. Ebenfalls wusste es der jungfräuliche Apostel, dem unter dem Kreuze Maria als Mutter gegeben wurde und der damit das größte Vermächtnis erhielt, dass jemals einem Menschen gegeben wurde. Denn es gibt gewisse Wahrheiten, die Gott den Reinen bereithält und den Unreinen verweigert.
O meine Mutter, in dem Augenblick, in dem sogar ein Schächer Verzeihung verdient hat, bitte Jesus, Er möge mir all meine Blindheit verzeihen, durch die ich die Verschwörung des Bösen um mich herum nicht zur Kenntnis nahm.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.



12. Station
Jesus stirbt am Kreuz

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

Nun kam schließlich der Gipfel aller Schmerzen. Ein so hoher Gipfel, dass er sich in den Wolken des Geheimnisvollen verhüllt.
Die physischen Leiden haben ihre Grenzen erreicht, die moralischen Leiden ihren Höhepunkt.
Doch eine weitere Qual sollte den Schmerz noch darüber hinaus führen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Auf eine gewisse geheimnisvolle Weise wurde selbst das fleischgewordene Wort von der Qual der Verlassenheit befallen, bei der die Seele keinen göttlichen Trost erfährt. Und so groß war diese Pein, dass Er, von dem die Evangelisten kein einziges Wort der Klage zu berichten wussten, diesen herzzerreißenden Ruf von sich gab: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Ja, warum? Warum, da Er doch die Unschuld selbst war?
Eine schreckliche Verlassenheit, gefolgt von dem Tod und einem Aufbäumen der ganzen Natur. Die Sonne verbarg sich. Der Himmel verlor seinen Glanz. Die Erde bebte. Der Vorhang des Tempels riss entzwei, eine Trostlosigkeit breitete sich im ganzen Universum aus.
Warum? Um den Menschen zu erlösen. Um die Sünde zu vernichten. Um die Pforten des Himmels zu öffnen.
Der Gipfel des Leidens war zugleich der Gipfel des Sieges. Der Tod war tot! Die gereinigte Erde war wie ein freigelegtes Land, auf dem die Kirche nun erbaut werden konnte.
Dies alles geschah, um zu erlösen. Um Menschen zu erlösen. Um diesen Menschen, der ich selbst bin, zu retten. Meine Erlösung kostete diesen hohen Preis. Ich werde kein Opfer mehr scheuen, um diese so kostbare Erlösung zu sichern.
Durch das Wasser und das Blut, die aus Deiner göttlichen Seite flossen, durch die Wunde in Deinem heiligsten Herzen, durch die Schmerzen Deiner Mutter, gib mir, o Jesus, die Kraft, mich von Personen und Dingen zu trennen, die mich von Dir entfernen können. Jede Freundschaft, jede Leidenschaft, jede Bestrebung, jeder Genuss, alles was mich von Dir trennte, soll heute sterben, ans Kreuz geschlagen werden.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

13. Station
Jesus wird vom Kreuze abgenommen und in den Schoß seiner heiligen Mutter gelegt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

DIE RUHE des Grabes erwartet Dich, o Herr. In den Schatten des Todes öffnest Du den Himmel den Gerechten, während auf Erden einige wenige Gläubige sich um Deine Mutter versammeln, um Dir die Ehrungen des Begräbnisses zu erweisen.
In der Stille dieser Stunde vernimmt man die ersten Strahlen einer aufgehenden Hoffnung. Diese ersten Ehrerbietungen, die Dir zuteil werden, sind der Anfang einer unendlichen Folge von Liebeszeichen der erlösten Menschheit, die sie Dir bis ans Ende der Zeiten darbringen wird.
Hier zeigt sich uns ein Bild der Schmerzen, der Trostlosigkeit, aber doch voller Frieden. Ein Bild, das etwas Siegreiches voraussagt, wenn man die Sorge und Liebe betrachtet, mit der Dein heiliger Leichnam behandelt wird.
Ja, diese frommen Seelen hatten Mitleid mit Dir, und doch ließ sie etwas den glorreichen Sieger in Dir vorausahnen.
Möge auch ich, o mein Herr, in der trostlosesten Lage, in der sich die Kirche auch befinden mag, ihr immer treu bleiben, sie auch in ihren traurigsten Stunden nicht verlassen, mit der unverwüstlichen Gewissheit, dass Deine heilige Braut einst siegen wird durch die Treue der Guten, da sie ja Deinen Schutz erfährt.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

14. Station
Jesus wird ins Grab gelegt

V. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich,
A. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.

EIN STEIN verschließt das Grab. Nun scheint alles zu Ende.
Aber nein. Es ist der Augenblick, in dem alles seinen Anfang nimmt. Die Apostel versammeln sich wieder. Die Hingabe und die Hoffnung flackern wieder auf. Das Osterfest naht.
Zugleich aber umkreist der Hass der Feinde das Grab, Maria und die Apostel. Aber sie fürchten sich nicht. Bald wird der Morgen der Auferstehung glänzen.
Möge auch ich, Herr, mich nicht fürchten. Mich nicht fürchten, wenn alles unwiderruflich verloren scheint. Mich nicht fürchten, wenn alle Mächte der Welt in den Händen Deiner Feinde zu liegen scheinen. Mich nicht fürchten, weil ich bei Maria bin, bei der sich immer und immer wieder die treuen Kinder Deiner Kirche für neue Siege versammeln werden.

Vater unser... Gegrüßet seist Du, Maria... Ehre sei dem Vater...
V. Erbarme Dich unser, o Herr
A. Erbarme Dich unser
V. Die Seelen der verstorbenen Christgläubigen mõgen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden.
R. Amen.

Schlussgebet

O mein Jesus, Mann der Schmerzen, in Deiner Seele und an Deinem Leib hast Du alles erlitten, was ein Mensch nur leiden kann.
Ich betrachte Deinen vom Kreuz herabgeholten Leichnam, Deine Menschheit, dem Aussehen nach vernichtet, und Dein unendlich kostbares Blut, das bis zum letzten Tropfen während Deines Leidensweges vergossen wurde.
Für alle Zeiten wirst Du nun in unseren Seelen der Inbegriff von Schmerz sein: Von Schmerz mit allem, was er an Würde, Stärke, Ernsthaftigkeit, Süßigkeit und Erhabenheit beinhaltet; Schmerz, der von der Ebene der philosophischen Betrachtung zum unendlich hohen Firmament des Glaubens erhoben wurde; Schmerz in seiner theologischen Bedeutung als notwendige Sühne und unerlässliches Mittel unserer Heiligung.
Durch die Verdienste Deines kostbarsten Blutes gib unserem Verstand die notwendige Klarheit, den Sinn des Schmerzes zu begreifen, und unserem Willen die Kraft ihn mit aller Aufrichtigkeit unserer Seele zu lieben.
Denn nur durch das Verständnis der großen Rolle des Schmerzes und des Geheimnisses des Kreuzes wird die Menschheit aus der furchtbaren Krise, in die sie gefallen ist, herauskommen und diejenigen von der ewigen Pein bewahren, die bis zuletzt Deine Einladung abgelehnt haben, mit Dir den Schmerzensweg zu gehen.
Heiligste Maria, Mutter der Schmerzen, erlange durch Deine Gebete, dass Gott auf Erden die Zahl derer vermehrt, die das Kreuz wahrhaftig lieben.
Dies ist die Gnade, um die wir in dieser Abenddämmerung unserer armen und so zerrütteten Zivilisation bitten. Amen.

Plinio Corrêa de Oliveira * 1908 - † 1995
Sein Leben
„Noch sehr jung betrachtete ich begeistert die Ruinen der Christenheit; ihnen schenkte ich mein Herz, kehrte meiner Zukunft den Rücken und gestaltete aus jener segensträchtigen Vergangenheit meinen Lebensweg.“