1974 hatte ich die Ehre, der erste Unterzeichner
eines Manifests zu sein, das in den wichtigsten Tageszeitungen Brasiliens veröffentlicht
und in fast allen Ländern, in denen die damals elf TFPs existierten, ebenfalls
abgedruckt wurde. Es trug dir Überschrift: „Die Entspannungspolitik des
Vatikans mit den kommunistischen Regierungen — Für die TFP: Sich zurückhalten?
Oder widerstehen?“ (s. „Folha de S. Paulo“, 4.4.1974).
Darin erklärten die TFP-Vereine ihre respektvolle
Meinungsverschiedenheit zur Paul’s VI. geführten „Ostpolitik“ und gaben ausführlich
ihre Gründe an. Alles war — nebenbei gesagt — so übereinstimmend mit dem
Lehramt der Kirche dargelegt, dass von niemandem Einwände erhoben wurden.
Um gleichzeitig ihre ganze Verehrung zum Papsttum
und die Entschiedenheit, mit der sie ihren Widerstand zur „Ostpolitik“ des
Vatikans in einem Satz zusammenzufassend zu unterstreichen, erklärten die TFPs
dem Papst: „Unsere Seele gehört Euch, unser Leben gehört Euch. Befehlt uns was Ihr
wollt. Befehlt uns nur nicht, dass wir vor dem roten Wolf, der da angreift, die
Arme verschränken. Dem widersetzt sich unser Gewissen.“
Ich erinnerte mich mit besonderer Traurigkeit an
diesen Satz, als ich den Brief von Johannes Paul II. an Kardinal Willebrands (s.
L'Osservatore Romano, 6-11-83) zum fünfhundertsten Geburtstag Martin Luthers
las, den er am 31. Oktober geschrieben hatte, am Jahrestag des ersten Aktes der
Rebellion des Heresiarchen in der Kirche des Schlosses zu Wittenberg. Der Brief
ist so voller Güte und Milde durchtränkt, daß ich mich fragte, ob der Hohe Unterzeichner
die schrecklichen Lästerungen vergessen hatte, die der abtrünnige Mönch gegen
Gott, Jesus Christus, den Sohn Gottes, das Allerheiligste Sakrament, die Jungfrau
Maria und das Papsttum selbst gerichtet hatte.
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Luther verbrennt die päpstliche Bulle auf einem Platz in Wittenberg im Jahr 1520 Karl Aspelin (1857-1922) |
Sicher ist, dass er sie nicht ignorieren konnte,
denn sie sind für jeden gebildeten Katholiken in Büchern von gutem Karat
erreichbar, die heute noch nicht schwer zu bekommen sind.
Ich denke an zwei von ihnen. Eines, national, ist „Die
Kirche, die Reformation und die Zivilisation“, des großen Jesuiten P. Leonel
Franca. Über das Buch und den Autor lässt sich durch offizielles Schweigen der
Staub der Zeit nieder.
Das andere Buch stammt von einem der bekanntesten
französischen Historiker dieses Jahrhunderts, Franz Funck-Brentano, Mitglied
des Institut de France, und außerdem
ein unverdächtiger Protestant.
Lassen Sie uns zunächst Texte aus dessen Werk „Luther“
(Grasset, Paris, 1934, 7. Aufl., 352 S.) zitieren. Und gehen wir sofort zu
dieser namenlosen Gotteslästerung: „Christus“, sagt Luther, „hat zum ersten Mal
Ehebruch mit der Frau am Brunnens begangen, von der Johannes spricht. Murmelte man
nicht über ihn: „Was hat er mit ihr gemacht?“ Dann mit Magdalena, dann mit der Ehebrecherin,
die er so leichtfertig freisprach. So mußte der fromme Christus vor seinem Tod
auch huren.“ („Tischgespräche“, Nr. 1472, Weimarer Ausgabe, 2, 107).
Nachdem man so etwas gelesen hat, überrascht es
einen nicht, dass Luther meint — wie Funck-Brentano darauf hinweist — dass „Gott
sicher groß und mächtig, gut und barmherzig ist (...) aber er ist sehr dumm — „Deus
est stultissimus“ („Tischgespräche“, Nr. 963, Weimarer Ausgabe 1, 487). „Er ist
ein Tyrann. Moses musste nach seinem Willen handeln, als sein Statthalter, als
ein Henker, den niemand übertraf, nicht einmal gleichkam wie er die arme Welt erschreckte,
terrorisierte und durchs Martyrium führte“ (ebd. S. 230).
Dies steht in strikter Übereinstimmung mit dieser
anderen Gotteslästerung, die Gott verantwortlich macht für den Verrat des Judas
und für das Aufbegehren Adams: „Luther“, kommentiert Funck-Brentano, „geht so
weit, zu behaupten, dass Judas mit dem Verrat Christi nach einer herrischen
Entscheidung des Allmächtigen handelte. Sein Wille (des Judas) wurde von Gott
gesteuert: Gott bewegte ihn in seiner Allmacht. Adam selbst war im irdischen
Paradies gezwungen, so zu handeln, wie er handelte. Er wurde von Gott in solch
einer Situation gestellt, dass es unmöglich für ihn war, nicht zu fallen“ (ebd.,
S. 246).
Ganz im Zusammenhang mit dieser abscheulichen
Folge von Lästerungen nannte ein Pamphlet von Luther mit dem Titel „Gegen das
vom Teufel gegründete römische Pontifikat“ vom März 1545 den Papst, nicht wie
gewohnt „Heiligster (Vater)“, sondern „höllischster“, und fügte hinzu, dass das
Papsttum sich immer Blutrünstig gezeigt habe (vgl. ebd. SS. 337-338).
Kein Wunder, dass Luther von solchen Gedanken
getrieben an Melanchthon über die blutigen Verfolgungen Heinrichs VIII. gegen
die Katholiken Englands geschrieben hat: „Es ist legitim, in Zorn zu geraten,
wenn man weiß, was für Verräter, Diebe und Mörder die Päpste, ihre Kardinäle
und ihre Gesandten sind. Wenn es doch Gott gefallen würde, dass mehrere Könige
von England sich bemühen würden, sie auszurotten“ (ebd., S. 254).
Deshalb rief er auch aus: „Genug der Worte: (jetzt)
das Eisen! das Feuer!“ Und er fügte hinzu: „Wir bestrafen Diebe mit dem
Schwert, warum sollten wir den Papst, die Kardinäle und die ganze Bande des
römischen Sodom nicht ergreifen und unsere Hände in ihrem Blut waschen?“ (ebd.
S. 104).
Dieser Hass begleitete Luther bis ans Ende seines
Lebens. Funck-Brentano schreibt: „Seine letzte öffentliche Predigt in
Wittenberg war am 17. Januar 1546; es war der letzte Schrei eines Fluches gegen
den Papst, das hl Messopfer, die Verehrung der Jungfrau“ (ebd., S. 340).
Kein Wunder, dass große Verfolger der Kirche sein
Andenken gefeiert haben. So „ließ Hitler den 31. Oktober 1517 zum
Nationalfeiertag in Deutschland erklären,
den Tag, an dem der rebellische Augustinerpater an den Türen der Wittenberger
Schlosskirche die berühmten 95 Thesen gegen die Vorherrschaft des Papstes und
der päpstlichen Lehren anbrachte“ (ebd. S. 272).
Und trotz des ganzen offiziellen Atheismus des
kommunistischen Regimes übernahm Dr. Erich Honnecker, Vorsitzender des
Staatsrats und des Verteidigungsrates, der erste Mann der Deutschen
Demokratischen Republik, die Führung des Komitees, das mitten im roten
Deutschland, in jenem Jahr Luthers großspurige Feiern organisiert (siehe „Deutsche
Kommentare“, Osnabrück, Westdeutschland, April 1983).
Daß der abtrünnige Mönch solche Gefühle in einem
Nazi-Führer erregt hat, wie jüngst im kommunistischen Führer, ist nichts weiter
als natürlich.
Doch nichts ist beunruhigender und sogar schwindelerregender
als das jüngste Gedenken an den fünfhundertsten Geburtstag Luthers in einem
verwahrlosten protestantischen Tempel in Rom am 11. dieses Monats.
An diesem festlichen Akt der Liebe und Bewunderung
in Gedenken an den Heresiarchen nahm der Prälat teil, den dass das Konklave
1978 zum Papst gewählt hatte. Ihm stünde folglich die Aufgabe zu, die heiligen
Namen Gottes und Jesu Christi, die Heilige Messe, die Heilige Eucharistie und
das Papsttum gegen Häresiarchen und Ketzer zu verteidigen!
„Schwindelerregend, schrecklich“, stöhnte mein
katholisches Herz zu diesem Ereignis. Welches jedoch im Glauben und in der Verehrung
des Papsttums verdoppelt zunahm.
Im nächsten Artikel bleibt mir übrig „Die Kirche,
die Reformation und die Zivilisation“ des großen P. Leonel Franca SJ vorzustellen.
„Folha de São Paulo“ vom 27.12.1983
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