von Andrea Tornielli
Bislang
hatte lediglich die „Schule von Bologna“ unter Giuseppe Alberigo und seinem
Nachfolger Alberto Melloni eine umfassende und gut belegte Geschichte des
Zweiten Vatikanischen Konzils vorgelegt. Dieses Werk gilt als unverzichtbare
Referenz, ist jedoch aus der Perspektive der Reformer verfasst und wird als
Paradebeispiel für jene „Hermeneutik des Bruchs“ angesehen, der zufolge das
Konzil einen unbestreitbaren Bruch mit der Vergangenheit markierte. Alberigos
Werk stieß auf Kritik und rief eine bedeutende Gegenposition hervor, die von
Erzbischof Agostino Marchetto formuliert wurde. Allerdings wurde ihr keine
andere Geschichtsdarstellung mit dem Anspruch auf Vollständigkeit
entgegengesetzt.
Laut
De Mattei beeinflussten die – in der Minderheit befindlichen – progressiven
Lobbys sowohl die Konklaven von Johannes XXIII. und Paul VI. als auch die
Arbeit des Konzils und setzten schließlich mit verschiedenen Kniffen ihre Linie
gegenüber der gesamten Versammlung durch. Gewiss ist es für den Leser
überraschend, Pius XII. als einen Papst dargestellt zu sehen, der progressiven
und „neomodernistischen“ Forderungen nachgab – schwach und sogar unfähig, ihnen
etwas entgegenzusetzen. Ebenso auffällig ist die Einordnung von Kardinal
Giuseppe Siri, dem maßgeblichen Vertreter des italienischen
Anti-Progressivismus, in die sogenannte „dritte Partei“: jene Gruppe, die den
Progressiven nicht entschieden genug entgegentrat und ihnen damit letztlich in
die Hände spielte.
De
Matteis Deutung des Konzils deckt sich schließlich mit jener von Alberigo und
distanziert sich somit – wenn auch respektvoll – von der „Hermeneutik der
Reform“, die Benedikt XVI. als Schlüssel zum Verständnis des Zweiten
Vatikanischen Konzils vorgeschlagen hatte. Für Papst Ratzinger liegt die
richtige Interpretation des Konzils darin, es im Kontext einer Tradition zu
sehen, die sich reformiert, um besser auf die Erfordernisse der Moderne
eingehen zu können – jedoch ohne Bruch mit der Vergangenheit. Diese
Interpretation unterscheidet zwischen den tatsächlich verkündeten Texten und
dem sogenannten „Geist des Konzils“; in dessen Namen wollte man jahrzehntelang
über den Wortlaut der Dokumente hinausgehen. Für die Bologneser Schule hingegen
liegt die bedeutendste Neuerung des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht in
dessen Formulierungen, sondern vielmehr „in der Tatsache an sich, dass es
einberufen und abgehalten wurde“. Auch für De Mattei lassen sich die Texte
nicht von dem „Ereignis“ trennen; folglich stelle das Zweite Vatikanum einen
Bruch mit der Tradition dar. Seine „ungeschriebene Geschichte“ des Konzils
vertritt die traditionalistische These, wonach es zwar zu Beginn der 1960er
Jahre notwendig gewesen sei, ein Konzil einzuberufen, jedoch zu dem Zweck, eine
aktualisierte Neuauflage des „Syllabus“ Pius’ IX. zu veröffentlichen und
die Irrtümer der Moderne zu verurteilen.
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