Dienstag, 21. Juli 2020

Christliche Bildung und christliche Kultur


von Plinio Correa de Oliveira
Dieser Zustand der menschlichen Gesellschaft, der, erwachsen aus Ordnung und Vollkommenheit, eher als ein übernatürlicher und himmlischer denn als eine irdische Erscheinung anzusehen ist, war dennoch einst lichtvolle Wirklichkeit, in die Geschichte eingegangen unter der Bezeichnung «christliche Kultur» (oder christlich-abendländische Kultur), Produkt einer jahrhundertelangen christlichen Erziehungsarbeit, welche im wesentlichen von der katholischen Kirche geleistet worden ist. Ihr Ziel war die christliche Bildung und Gesittung des Menschen, dessen Seele nicht dem ungeordneten, spontanen Spiel ihrer Einzelkräfte — Verstand, Wille, Gefühl — überlassen ist, sondern der im Gegenteil durch redliches Bemühen auf geordnetem Fundament eine Bereicherung und Stärkung dieser Kräfte erfährt. Die Seele eines solchen Menschen ist einem kultivierten Stück Land vergleichbar, das nicht alle Samen gedeihen lässt, welche der Wind chaotisch darin niederlegte, sondern das durch die sachkundige Arbeit der Menschen gute und nützliche Früchte hervorbringt.
In diesem Sinne ist katholische Bildung die Pflege und der Einsatz aller Kräfte des Verstandes, des Willens und des Gefühls in Übereinstimmung mit den Regeln der katholischen Moral. Wie wir oben gesehen haben, befindet sich eine nach diesen Grundsätzen geformte Seele im Zustand der Vollkommenheit. Wenn die sittliche Bildung in der Allgemeinheit einer Gesellschaft zum Tragen kommt, (obwohl nach Grad und Art bei den einzelnen Mitgliedern verschieden, entsprechend der sozialen Stellung und dem Alter eines jeden), wird sie zu einem sozialen Faktor und damit zum wichtigsten Element der sozialen Vollkommenheit.
Kultur ist der Zustand einer menschlichen Gesellschaft, die eine sittliche Bildung besitzt und sich nach deren grundlegenden Normen eine Gesamtheit von Gebräuchen, Gesetzen, Institutionen, von literarischen und künstlerischen Stilmustern geschaffen hat.
Eine Kultur ist katholisch, wenn sie aus einer katholischen Gesittung und Bildung ihrer Teilhaber erwächst und wenn der Geist der Kirche als die eigentliche Richtschnur, die lebensnotwendige Norm für die Gebräuche, Gesetze, Institutionen und Stilanschauungen dieser Gesellschaft wirkt.
Da Jesus Christus das wahre Ideal und der Inbegriff der Vollkommenheit ist, muss eine Gesellschaft, die seine Gesetze anwendet, eine vollkommene Gesellschaft sein. Deshalb auch muss die Gesittung beziehungsweise die Kultur, welche aus der Kirche Christi geboren wurde, mit Notwendigkeit nicht nur die beste, sondern die einzig wahre Lebens - beziehungsweise Gesellschaftsform sein. Der Heilige Vater Papst Pius X. sagt es uns: «Es gibt keine wahre Kultur ohne moralische Bildung und es gibt keine wahre moralische Bildung außer durch die wahre Religion» (Brief an das französische Episkopat vom 28. August 1910 über «Le Sillon»). Daraus ersehen wir, kristallklar, daß es keine wahre Kultur gibt, wenn sie nicht aus der wahren Religion erwachsen ist.

Übersetzt ins Deutsche aus dem Portugiesischen "A Cruzada do século XX" („Der Kreuzzug des 20. Jahrhunderts“) in Catolicismo, Januar 1951

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