Mittwoch, 17. Mai 2017

Maria ist die Hoffnung der Schuldigen

Maria ist die Hoffnung der Schuldigen


Sie erhört uns, nicht weil wir gut sind, 
sondern weil SIE gut ist

Diese Anrufung der Muttergottes als die Hoffnung der Schuldigen, scheint mir analog zu sein zu der Anrufung aus der Muttergotteslitanei „Zuflucht der Sünder“ und für uns eine besondere Bedeutung zu haben.
Denn in der Tat, um der Muttergottes zu vertrauen, ist es nicht notwendig, dass man etwas Gutes getan hat. Es ist falsch folgendermaßen zu denken: ich habe etwas verschuldet, doch hatte ich auch gutes in mir, deshalb wird die Muttergottes schon Mitleid haben und mich von meiner Schuld befreien. So ist das nicht.
Maria ist die Zuflucht und die Hoffnung der Schuldbeladenen, aller Schuldigen, sei die Schuld auch noch so schlimm und elendig. Wenn es in mir auch nichts Taugliches gibt, sie ist immer meine Hoffnung.
Der wichtigste Grund warum Maria uns zur Hilfe kommt, ist nicht weil es in uns etwas Gutes gibt, sondern wegen des Guten was in ihr ist. Deshalb hat sie Mitleid mit uns, weil sie gütig ist und nicht weil sie in uns etwas Gutes gefunden hat. Ihrer Güte wegen entschließt sie sich, uns beizustehen und zu helfen.
Wenn wir also beim Beten uns daran erinnern würden, würden wir auch mehr Mut zum Beten finden. Es ist genau das, was vielen Menschen das Beten verleidet: der Gedanke, dass unsere Gebet nichts wert sind. Die Person denkt: letztendlich, wenn ich ein Blick in mein Inneres werfe, sehe ich was ich bin und werde total entmutigt; es lohnt nicht, dass ich bete.
Das ist nicht wahr. Wenn ich schuldig bin, dann ist Maria für mich der richtige Platz. Sie ist die Hoffnung der Schuldigen.
Das ist in Kürze die Betrachtung für den heutigen Tag.


(Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, gehalten am 11. September 1969. Er wurde frei übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne eine Überarbeitung des Autors.)

Samstag, 13. Mai 2017

Vorbereitung für eine große Mission



Am Fest der Muttergottes von Fatima könnten wir folgendes betrachten: Die Erscheinungen der Muttergottes wurden eingeleitet von einigen Engelerscheinungen und vor diesen wiederum gab es einige Lichterscheinungen, die keinem himmlischen Wesen richtig zugeordnet werden konnten. Die zwei Mädchen, Lucia und Jacinta, sahen am Himmel eine Lichtgestalt, die sie nicht deutlich beschreiben konnten. Später nahm das Licht die Gestalt eines Engels an, der ihnen dann sagte, er sei der Engel von Portugal. Durch mehrere Erscheinungen und Gespräche bereitete der Engel so, die Kinder auf die späteren Erscheinungen der Muttergottes vor.
Wie wir sehen, werden die Vorbereitungen für eine große Mission in Etappen durchgeführt. Es waren verschiedene Etappen, in denen die Vorsehung wollte, dass die Gnade auf die Kinder auf pädagogische Weise einwirkte und so ihre Seelen auf den Moment vorbereitete, in dem die Muttergottes zu ihnen sprechen würde. 
Bei dieser Vorbereitung können wir eine Lehre feststellen, die wir beachten sollten. Es handelt sich bei uns keinesfalls um Visionen, Erscheinungen oder Offenbarungen, doch wir, wie jeder Christ, haben eine Mission und diese Mission wird auch für uns allmählich deutlicher, in der Weise wie es in Fatima für die Kinder geschah.
Es kann vorkommen, dass jemand meint seine Berufung gefunden zu haben und in dieser etwas Großes vermutet. Doch er sieht sie zunächst mal nur wie ein leuchtender Fleck am Himmel, der aber im Laufe der Zeit immer deutlichere Konturen annimmt. Irgendwann definiert sich in seinem Geist die deutliche Sicht seiner Mission, seiner Berufung. Es gibt also eine Art Vorbereitung, bei der die Person ein offenes Herz haben muss, in den verschiedenen Etappen der Vorbereitung treu sein muss, damit, wenn der Moment kommt, da die Vorsehung an die Tür klopft und ihr eröffnen will, wie ihre Berufung sein wird und welche Bedeutung sie hat, die Person sie richtig erkennt und versteht.

Es ist ein Prozess der Reife, in dem einem immer wieder das Gleiche oder vielleicht etwas mehr gesagt wird, in dem man in treuer Erwartung Hinweise aufnimmt. Irgendwann kommt dann sie Stunde der Gnade und man sieht und versteht alles besser und deutlicher als vorher. Es ist die Vorgehensweise des Heiligen Geistes in den Seelen: Er bereitet sie Stück für Stück vor, um eine Lehre nach und nach aufzunehmen und ihr endlich zuzustimmen. Das ist echte katholische Bildung.
Es ist die Umwandlung dessen, was man hört in gut verstandenen und geliebten Prinzipien, so dass sie sich in die Seele verankern und das geistliche Leben nähren. Es ist eine etappenweise Bildung: Die Gnade zeigt uns zuerst etwas verschwommenes, dann zeigt sie uns einen Engel und am Ende spricht zu uns die Muttergottes.
So meine ich empfehlen zu können, der Muttergottes an diesem Tag um die Gnade zu bitten, sie möge vor unseren Augen erglänzen lassen alles, was wir schon hätten verstehen und wissen müssen, aber wegen unserer Untreue nicht erfasst haben. Sie möge uns allen diese Gnade schenken und die Ankunft des Tages beschleunigen, an dem sie uns das vollständige Verständnis unserer Berufung offenbaren wird, in Vorbereitung auf die Zeiten, die sie in Fatima vorausgesagt hat.
Vieles muss in unseren Seelen noch geschehen, deshalb bitten wir die Muttergottes, sie möge, nicht durch Visionen oder Offenbarungen, sondern durch die Gnade zu uns deutlich sprechen, wie sie in der Mulde von Iria zu den Hirtenkindern gesprochen hat, damit wir unsere Aufgabe erfüllen, wie die Seherkinder ihre Aufgabe erfüllt haben.
Der kleine Francisco sah die Muttergottes bei den Erscheinungen, hörte aber nicht, was sie sagte. Es scheint, dass die Muttergottes mit ihm, obwohl er ein reiner und rechter Junge war, nicht ganz zufrieden war. Sie ließ ihm sagen, er müsse noch einige Rosenkränze mehr beten. Er fügte sich und unternahm alles, um sich zu bessern, sodass er am Ende ein bewundernswertes Kind wurde und in heldenhafter Gesinnung starb.

Bitten wir Francisco, dass er unser Fürsprecher sei, da wir in uns ähnliches haben wie er es hatte, er möge für uns von der Muttergottes erreichen, was sie für ihn getan hat. Sie sagte ihm, sie werde ihn auch in den Himmel nehmen, er müsse aber noch einige Rosenkränze beten. Bitten wir sie um die Gnade „einige Rosenkränze mehr zu beten“, das heißt, etwas mehr tun, als was wir sollen, damit wir gut vorbereitet sind, wenn uns die großen Prüfungen, die großen Kämpfe und auch der große Ruhm im Himmel bevorstehen.
     

(Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, gehalten am 13. Mai 1964. Er wurde frei übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne eine Überarbeitung des Autors.)

Freitag, 12. Mai 2017

Das Verhalten der Menschen zur Fatimabotschaft

Die verschuldete Lauheit mit der die Menschheit die Botschaft von Fatima aufgenommen hat

Heute, der 13. Oktober, ist der Tag der sechsten Erscheinung der Muttergottes in Fatima. Manche Themen sind uns so familiär und liegen uns so nah am Herzen und schon so oft haben wir darüber gesprochen, dass wir über sie eigentlich nicht mehr viel zu sagen haben. Trotzdem wäre es absurd, wenn der 13. Oktober vorüber gehen würde, ohne dass wir unsere Aufmerksamkeit einen Augenblick dem Thema Fatima widmen.
Deshalb werde ich diesmal nicht die Botschaft der Muttergottes kommentieren, sondern eher die Haltung und Einstellung der Welt zu dieser Botschaft.

* Die Muttergottes dokumentiert ihre Botschaft auf zwei Arten:

1. Sie beauftragt total unfähige Hirtenkinder, ihre Botschaft zu verbreiten.
Analysieren wir den konkreten Fall: Die Muttergottes erscheint in Fatima und übermittelt diesen drei Kindern eine Botschaft. Sie dokumentiert deren Echtheit in doppelter Weise.
Zunächst vertraut sie diese Botschaft Hirtenkindern an, die ganz unfähig sind, von sich selbst zu verstehen, was sie ihnen sagt und Dinge wiederholen, die durchaus Sinn machen. Es ist ja leicht zu verstehen, wie Kinder, die in einem entlegensten Bergwinkel Portugals oder in irgendeinen ähnlichen Ort auf der Welt leben, ungebildet sein können.


Es waren dermaßen ungebildete Kinder, die noch nicht einmal wussten, was ein Papst ist. Als sie immer wiederholten, man solle dem Papst dies oder jenes übermitteln, fragte eines von ihnen: „Aber, was ist denn der Papst?“ Sie wussten es nicht, wiederholten aber immer genau und richtig das Wort Papst.
Dann berichteten sie auch wiederholt Sachen im richtigen Zusammenhang — lange und komplexe Botschaften — und widersprachen sich nicht, selbst wenn sie unter Druck gesetzt wurden oder sich den brutalen Fragen in Polizeigewahrsam Rede und Antwort stehen mussten. Sie beharrten immer auf dieselben Antworten und Behauptungen.

2. Sie bewirkte das Sonnenwunder vor der versammelten Menschenmenge.
Auf der anderen Seite wirkte die Muttergottes ein Wunder, dass den dort versammelten Menschen und selbst Menschen, die sich weit entfernt vom Erscheinungsort befanden, zeigte, dass etwas übernatürliches geschehen war. Das war der bekannte Tanz der Sonne, die farbige Lichtstrahlen verbreitete. Dies alles wurde von Menschen bestätigt, die weit von Fatima wohnten und gar nicht wussten, dass dies ein Zusammenhang mit einer Muttergotteserscheinung hatte.

Es gab also Wunder, die die Erscheinung dokumentierten. Doch was mich sehr aufmerksam machte über die Art, wie die Welt diese Ereignisse zur Kenntnis nahm, ist nicht nur ihre Ungläubigkeit gegenüber diesen Geschehnissen, sondern etwas anderes: In den vielen guten Büchern, über Fatima kann ich mich nicht erinnern, folgenden Kommentar gelesen zu haben: Dass die Botschaft an sich, unabhängig von allen außergewöhnlichen und wunderartigen Begleiterscheinungen, nur durch ihren reinen Inhalt alle Gründe besaß, um anzunehmen, sie sei wahrhaftig und echt.
Denn theologisch gesehen, musste ja ungefähr so etwas geschehen. Das heißt, die damalige Welt war mit Gewissheit schon in eine Situation der schweren Sünde verfallen.
Wer nur ein wenig den Katechismus kennt, ein wenig über Sitten Bescheid weiß, der konnte nicht daran zweifeln, dass sich die Welt in einem Zustand der schweren Sünden befand und dass dieser Prozess der Sünde eine so große Dynamik entwickelte, dass man ahnen konnte, wohin er führen würde.
Es war sicher, dass die Sünde sich zu einem Höhepunkt hin bewegte und, die Strafe ebenso einen Höhenpunkt erreichen würde. Es ist also theologisch gesehen, selbst nach elementaren theologischen Überlegungen, schon eindeutig, dass man die Gewissheit bekam: Wenn die Menschheit sich nicht bekehrt, müsse eine Strafe auf sie herabkommen.
Es wäre auch natürlich, dass der Kommunismus diese Strafe sein würde, denn da er ist der letzte Auswuchs der Sünde und die Sünde ruft die Strafe des Sünders hervor. Es wäre ja folgerichtig, dass der Kommunismus die Geißel der Welt sein würde.
Mit ein wenig Geschichtstheologie also, hätte man diese wunderbare Folgerung  sehen können, dass die Botschaft, die diese Kinder wiedergaben, ganz dem entsprach, was ein echter Glaubensmensch, ein Analytiker, mit einigen Grundkenntnissen der Geschehnisse der damaligen Zeit, hätte folgern müssen.
Ich erinnere mich nicht, dieses Argument in irgendeinem Buch gelesen zu haben, obwohl es doch sehr klar und deutlich ist.
Zum besseren Verständnis werde ich mich einer technischen Sprache bedienen: für die Botschaft von Fatima gibt es innerliche und äußerliche Beweise, die ihre Wahrhaftigkeit bescheinigen.

* Die Verbundenheit der innerlichen und äußerlichen Beweise der Botschaft bescheinigen ihre Wahrhaftigkeit

Die äußerlichen Beweise der Botschaft sind Dinge, die nicht direkt die Botschaft betreffen. Zum Beispiel: 1. Obwohl die drei Hirtenkinder ungebildet waren, gab es bei ihren vielen Aussagen keine Widersprüche. 2. Alle drei hielten immer und zu jeder Zeit die Echtheit der Botschaft mit Überzeugung aufrecht; selbst wenn sie mit dem Tod bedroht wurden, um die erhaltene Botschaft zu widerrufen, blieben sie standhaft; 3. Jacinta sagte ihren eigenen Tod voraus, wie er dann auch wirklich eintrat. Das sind alles äußerliche Merkmale der Botschaft, die in ihrem Wortlaut nicht vorkommen, beweisen aber deren Echtheit.
Andere äußerliche Ereignisse bestätigen ebenfalls die Echtheit der Botschaft, wie zum Beispiel das Sonnenwunder und andere Begleitmerkmale.
Das sind die äußerlichen Beweise. Wenn wir nun den Inhalt der Botschaft, ihren Sinn und ihre Bedeutung analysieren, dann haben wir die innerlichen Beweise, das heißt, die Botschaft an sich und nicht all ihre Begleitmerkmale.
Analysieren wir also den Inhalt der Botschaft, müssen wir folgendes in Betracht ziehen: Die Kinder gaben etwas weiter, was sie von der Muttergottes gehört hatten, doch etwas, was ein gläubiger Mensch, mit einer tieferen Sicht der Weltereignisse, ebenfalls denken müsste.
Wer die damalige Lage der Welt kannte und sie mit den Vorgaben des Glaubens analysieren würde, der käme zu der Schlussfolgerung, dass die Ereignisse sich so entwickeln würden, wie sie in der Botschaft beschrieben sind,  wozu aber die Kinder überhaupt nicht fähig waren, sie zu erfinden.
Hier ist also der Punkt: die Kinder gaben eine in sich weise und wahrhaftige Mitteilung weiter, von einer Weisheit und einem Inhaltsreichtum, die bei weitem ihre Fähigkeit übertraf, ihre eigene Umgebung theologisch-kritisch zu betrachten. Das heißt, die Botschaft war in sich, in ihrem Wesen echt und wahrhaftig.
Wer also in der damaligen Zeit die Welt im Lichte meines Buches Revolution und Gegenrevolution betrachtete, würde sehen, dass der Abfall der Menschen zu diesem exakten Punkt hinführen würde, zumindest was den schmerzlichsten Teil der Botschaft betrifft, der Ankündigung der Strafen.
Die Botschaft beinhaltet Strafandrohungen und weist dann auf eine Lösung hin.
Ich sagte also, dass ich mich nicht erinnern kann, dass jemand dieses Argument der innerlichen Wahrhaftigkeit der Botschaft angeführt hätte. Ich möchte gleich noch auf folgende Frage eine Antwort geben: „Was bedeutet das Schweigen der Kommentatoren unter diesem Aspekt?“

* Die Mittel, auf die die Muttergottes hinweist, um den in der Botschaft vorhergesagten Strafen zu entgehen: Buße und Weihe an sie

Bevor ich über die Kommentatoren spreche, möchte ich einen anderen Aspekt der Botschaft beleuchten. Wenn wir die Botschaft auf das Gerüst reduzieren, auf das sie sich aufbaut, besteht sie in: 1. einer theologischen Beschreibung mit den Augen des Glaubens der Sünden der damaligen Zeit; 2. einer Ankündigung einer Strafe; 3. einem Hinweis auf die Mittel, um der Strafe zu entgehen. Dies sind die drei Elemente der Botschaft.
Was die Mittel zur Vermeidung der Strafe betrifft, ist die Botschaft sehr deutlich, und vernünftig für jeden, der Glauben hat, denn das erste, um was die Botschaft bittet, ist Gebet, Opfer und Buße. Das zweite ist die Weihe an die Muttergottes.
Analysieren wir zunächst im Lichte des Glaubens die Mittel, um die Strafe zu verhindern. Wenn jemand seiner Sünden wegen bestraft werden soll, besteht die Abwendung der Strafe zu allererst in der Vermeidung der Sünde. Das ist klar und bedarf keiner weiteren Erklärung.
Wenn also die Welt bestraft werden und noch größere Strafen erleiden soll wegen der in der Fatimabotschaft beschriebenen Sünden, besteht die Abwendung der Strafe in der Aufgabe der Sünden und in der Umkehr. Das ist ebenfalls klar.
Nun die zweite Bedingung: die Weihe der Welt an Maria.
Es ist einleuchtend, dass es für denjenigen, der gesündigt hat und eine Strafe verdient, nicht ausreicht, sich zu ändern, denn er kann die Strafe trotzdem noch bekommen. Es ist etwa so wie ein Schüler, der seinen Lehrer beleidigt hat, der Lehrer aber nicht sofort zur Strafe greift, sondern erst zwei Tage später. Der Schüler kann nicht sagen, dass er sich doch in den letzten Tagen gut betragen hat. Denn der Lehrer wird ihm sagen: „Ich hatte meine Gründe, dich an jenem Tag nicht zu bestrafen, jetzt aber bekommst du die verdiente Strafe nachgezahlt, denn du hast gesündigt.“
Das heißt, eine Änderung kann erreichen, dass die Strafe nicht härter wird. Sie kann auch, durch die Barmherzigkeit Gottes, Gott dazu verleiten, nicht zu bestrafen. Von sich aus bewirkt aber eine Besserung nicht die Aufhebung der Strafe. Dazu ist ein Akt der Barmherzigkeit nötig.
Wer kann aber Barmherzigkeit erfahren, wenn er nicht die Mutter der Barmherzigkeit anfleht, die ausgesprochene Pforte der Barmherzigkeit? Maria ist die eigentliche Pforte der Barmherzigkeit, die Pforte des Himmels. Es ist also höchst theologisch, dass Gott der Welt gesagt hat: hört auf zu sündigen und sucht Zuflucht bei meiner Mutter, dass die Muttergottes der Welt gesagt hat: hört auf zu sündigen und kommt zu mir, ich werde euch die Aufhebung der Strafe erreichen.
Auf welche Weise Zuflucht suchen? „Indem ihr euch mir weiht. Vereint euch mit mir, gebt euch ganz mir und ich werde die Strafe aussetzen.“  Es gibt nichts Vernünftigeres als dies. Die Botschaft hat also alle Voraussetzungen eines großen Katechismus oder selbst eines Traktates der Theologie, dermaßen entspricht sie der Vernunft.
Wir können uns nicht vorstellen, dass sehr ungebildete Kinder mit ihren Fantasien so vernünftige Gedankengänge von sich geben könnten. Das beweist also auch, dass die Botschaft von ihrem Wesen her echt ist.
Was aber meine Aufmerksamkeit anregt, ist vor allem der Teil der Botschaft, der sich auf die Strafe bezieht. So viel ich mich erinnere, hüllen sich die Kommentatoren darüber im Schweigen. Warum? Weil die Menschheit sich schwer tat mit dem Teil der Botschaft über Schuld und Strafe. Die Menschheit empfing die Botschaft von Fatima mit Hochmut. Die Botschaft verlangte jedoch ein Akt der Demut, verlangte von den Menschen damals und heute, dass sie bekennen: „Wir haben gesündigt, wir sind schlecht gewandelt.“
Da also die Botschaft von den Menschen eine Umkehr verlangte und die Herz- und Sittenlosigkeit, in die sie verfallen waren, zu verlassen forderte,  konnte sich die Menschheit mit dieser Botschaft nicht anfreunden. So gab es weltweit eine globale Ablehnung der Fatimabotschaft.

* Die Hierarchie verschloss die Ohren für die Prophezeiungen von Fatima

Diese Ablehnung stellen wir zuallererst in der Kirchenhierarchie fest. Sie hätte diese Botschaft weit und breit predigen sollen.
Wie wirkt sich hier die Strafe aus? Indem wir sehen, wie sich unzählbare Mitglieder der katholischen Hierarchie vor dem Kommunismus passiv verhalten haben; wie eine weitere beträchtliche Anzahl von Geistlichen gar den Vormarsch des Kommunismus begünstigt; und wie sich  ein kleiner aber beachtlicher Teil der Hierarchie aktiv dafür einsetzt, um den Kommunismus hier und da einzuführen. Und das ist schrecklich: Die Hierarchie verschloss die Ohren für die Voraussagen oder die Prophezeiungen von Fatima und das Ergebnis ist, dass sie so tief gefallen ist und selbst Teil der Strafe ist. Die Hierarchie, die zum Heil der Menschen da ist, wird zur Strafe der Völker. Die Sünde der Gleichgültigkeit wird den Menschen zum Verhängnis. Es ist erschütternd!

* Die weltlichen Klassen

Die weltlichen Klassen, die die Menschen besonders zur Sünde führten, waren zwei:
Erstens die Intelligenzija und zweitens das reiche Bürgertum, die Bourgeoisie, durch ihr schlechtes Beispiel im Lebenswandel und im Gebrauch des Geldes, das sie zur Verbreitung der Werke der schlechten Intellektuellen zur Verfügung stellte.
Es war die Verbundenheit dieser zwei Stände: Revolution in den Tendenzen, das reiche Bürgertum; Revolution in den Ideen, die Intelligenzija. Diese beiden Strömungen führten die Welt in die Sünde.
Was geschieht? Das Bürgertum und die Intellektuellen ergeben sich mehr und mehr dem Kommunismus. In großer Zahl verwandelten sie sich selbst in die bevorstehende Strafe, die sie nicht haben sehen wollen.
Das Gedankengut fast aller Intellektuellen, wenn sie nicht Kommunisten sind, favorisiert doch in einer oder anderer Weise den Kommunismus und führt hin zum Kommunismus. Und da haben wir die Klasse der Intellektuellen als die Vollführer der Strafe, die sie selbst nicht haben sehen wollen.
Über das Bürgertum brauche ich gar nicht zu sprechen. Es leidet an der Strafe, indem es selbst das Bein des Stuhles durchsägt, auf dem es sitzt, und Reste des Sessels gegen die schleudert, die es eigentlich retten wollen.
Es ist ein wahrer Greuel. Es sind solche furchtbare Greuel, die schlimmer sind als blind, taub, stumm, behindert oder alles andere zu werden, weil es eine Blindheit, eine Taubheit, eine Behinderung des Geistes ist.
Da haben wir nun diese fürchterliche Situation: Diejenigen, die zum Führen und zum Retten eingesetzt worden sind, führen und retten nicht mehr, sondern führen in die Irre und vernichten ihre eigenen Interessen.

* Der Geist der Botschaft von Fatima wurde mit Lauheit empfangen

Betrachten wir nun die Masse der Menschheit: es ist auch wahr, dass die Masse der Menschen, selbst unter den Gläubigen, die Botschaft von Fatima mit Lauheit empfangen hat. Den Beweis dafür sehen wir an den wenigen Fatima geweihten Kirchen, an den Fatimastatuen und an den Fatimagebetbüchern. Wir stellen eine Ablehnung fest. Warum diese Ablehnung? Hochmut!
Die Menschen wollten nicht einsehen, dass sie gesündigt hatten. Sie klopften nicht an die Brust und wollten nicht einsehen, dass sie gestraft werden konnten. Als die Strafe kam, erkannten sie nicht, dass es eine Strafe war und straften letztlich sich selbst. Sie wurden zu Vollstreckern der eigenen Strafe, ihre eigenen Henker.
Nebenbei möchte ich auch das ganze Kapitel um das dritte Geheimnis, das die Muttergottes den Hirtenkindern geoffenbart hat und 1962 preisgegeben werden sollte. Man sagt es sei verschwunden, so dass ein Papst, selbst wenn er es wollte, könnte er es gar nicht veröffentlichen. Und dabei bleibt es. (Anm. des Übersetzers: das war der Stand der Dinge im Jahr 1970)
Das ist mein Kommentar wie die Welt die Fatimabotschaft empfangen hat.
Jemand könnte einwenden: „Aber die Botschaft von Fatima ist ja nicht nur dies, sondern sie spricht ja auch über die Bekehrung Russlands und auf der anderen Seite, dass Russland seine Irrtümer über die Welt verbreiten wird.“
Das ist einer der schönsten Aspekte der Botschaft: als die Kinder sie weitergaben, war das Zarentum noch nicht gestürzt, das heißt, es handelte sich wirklich um eine Prophezeiung; sie prophezeiten, dass Russland einem Irrtum verfallen und diesen über die ganze Welt verbreiten würde.
Es ist eindeutig, dass es sich nicht um den griechisch-schismatischen Irrtum handelte, einen toten und fossilen Irrtum. Welcher Irrtum könnte es nur sein? Der Irrtum des Kommunismus.

Aus einem Vortrag am 13. Oktober 1970.

Mittwoch, 26. April 2017

Muttergottes vom Guten Rat


 Plinio Corrêa de Oliveira

     
Heute feiern wir ein wunderschönes Fest, das Fest der Mutter Gottes vom Guten Rat. Es ist eine sehr schöne Anrufung. Das Fest wurde zu Ehren der Erscheinung des bekannten Bildes der Muttergottes mit dem Namen vom Guten Rat in der Kirche der Eremiten des hl. Augustinus in Genazzano, Italien, im 15. Jahrhundert eingeführt. 


Muttergottes vom Guten Rat in der Kapelle des St. Aloysius Kollegs in São Paulo - BR

Es gibt hier in São Paulo, in der Kapelle des Kollegiums Sankt Aloysius, der Jesuiten, eine schöne, ehrwürdige Kopie dieses Bildes. Die Patres erzählten eine schöne Geschichte, wie das Bild nach São Paulo gekommen ist. Jesuiten, die zur Mission nach Brasilien geschickt wurden, brachten dieses Bild mit sich, erlitten Schiffsbruch vor der Küste von São Paulo, konnten aber sich und das Bild auf wundersamer Weise retten. In meiner Schulzeit an diesem Kolleg förderten die Jesuiten die Andacht zur Mutter Gottes vom Guten Rat sehr. In der Tat, es ist eine sehr schöne Anrufung Mariens, weil sie auf eine sehr mütterliche Aufgabe hinweist, eine der sehr eigentlichen Aufgaben der Königin des Universums, die der Erteilung des guten Rates.

     Als Königin des Weltalls regiert Maria über alles. Und die eigentliche Aufgabe eines Herrschers ist nicht nur Befehle zu erteilen, sondern auch Ratschläge zu geben, beraten zu müssen. Es kann aber auch durchaus sein, dass gewisse Ratschläge der Muttergottes, Befehle sein können. Für diejenigen, die Maria wirklich lieben, gelten alle Ihre Ratschläge als Befehle.

     Das Reich und die Herrschaft Mariens ist eine Regierung der Liebe, eine Herrschaft in der jeder Ratschluss für den echt frommen Gläubigen, dem echten Diener seiner Königin, im Sinne des hl. Ludwig von Montfort, den Wert eines Befehls hat.

     Diese Anrufung der Mutter Gottes vom Guten Rat, sollten wir in allen schwierigen Momenten anwenden. Vor allem meine Lieben der jüngeren Generation, die so sehr immer wieder eines guten Rates bedarf. Bei den vielen Problemen, die im Leben auftauchen, sollte sie von dieser Anrufung reichlich Gebrauch machen.

     Was bedeutet eigentlich Mutter vom Guten Rat? Es ist Maria in der Eigenschaft einer Mutter, die ihrem Kind einen guten Rat gibt. Durch die Gnade erreicht Ihr Rat das Innere unserer Seele. Sie erreicht für uns Gnaden, die in der Tiefe unserer Seele wie gute Ratschläge wirken.

     In jeglicher Situation, in der wir uns befinden, ob in Zweifelslagen, Bestürzungen oder Ratlosigkeit, in einer Situation, in der ein Rat auch nicht so vonnöten erscheint und doch unsere Augen für etwas öffnet, was wir sehen müssten, bei jeder Gelegenheit ist die Anrufung der Muttergottes vom Guten Rat sehr wichtig, denn Sie ist die Geberin guter Ratschläge.

     Wie kommt der gute Rat in unsere Seele?

     Er kommt je nach dem Stand der Person vor allem durch die Stimme der Berufung, der wir gefolgt sind. Immer wenn wir etwas in unserem Inneren oder von außen hören, was auf die Richtung unserer Berufung hinweist, sollen wir dies als einen guten Rat aufnehmen. Immer wenn wir das Verlangen nach etwas Gutem verspüren, sollen wir es als einen guten Rat annehmen. Immer wenn die Stimme der Gnade in uns etwas schlimmes vorahnen lässt, sollen wir es als einen guten Rat annehmen. Immer wenn wir uns beeinflussen lassen und wir merken, dass es für das Heil unserer Seele beiträgt, sollen wir darin die Stimme eines guten Rates vernehmen.

     In einer Religionsgemeinschaft erhalten wir ständig guten Rat, wenn wir uns seelisch vereinen mit denen, die die Rolle des Planeten haben, um die wir wie Satelliten Kreisen. Ein Satellit verlässt nie seine Bahn, weil er in dieser, durch die Anziehungskraft, ständig um seinen Planeten kreist. So werden auch wir nicht aus der Bahn geraten, wenn wir innerlich mit denen vereint sind, die die Aufgabe haben uns zu beraten.

     Es geht nicht nur darum, einen Rat zu erbitten, sondern eine so tiefe und innige Seeleneinigkeit mit dem Vorgesetzten zu haben, dass wir eins sind mit ihm, den gleichen Geist, die gleiche Mentalität, den gleichen Willen haben, und in allem so vorgehen wie er es wünscht, bevor wir überhaupt gefragt haben, welche seine Wünsche uns gegenüber sind.

Die kleine Therese (rechts) und ihre Schwester Céline

     In dieser Hinsicht gibt es ein schönes Beispiel im Leben der hl. Theresia vom Kinde Jesu bezüglich ihrer Beziehungen mit ihrer ältren Schwester, Céline.

     Theresia war schon in den Karmel eingetreten und Céline betreute noch ihren schwerkranken alten Vater zu Hause. Beide, die sich von Kindheit an immer gut verstanden, begannen einen regen Briefwechsel. In diesem Briefwechsel vernimmt man eine innige Seeleneinigkeit, in der Céline die ehrenvolle Rolle der geistlichen Beraterin Theresias zukam. Man meint eine Art Verschmelzung zweier Seelen wahrzunehmen, in der beide sich von der gleichen Gnade ernährten. Es gibt Passagen in den Briefen Theresias, die von ungeahnter Schönheit in dieser Hinsicht sind.

     Das sind die Weisen durch die wir die guten Räte erhalten, die Maria uns gibt. Doch die kostbarsten, fruchtbarsten und gesündesten, unwägbaren Ratschläge, die in unsere Seele eindringen, sind gewisse gute Ratschläge, die wir in gewissen Stunden, durch gewisse Gedanken, Regungen, Vorschläge in unsere Seele vernehmen und merken, dass sie uns zur Heiligkeit anregen, die uns in unsere Berufung fester einbinden. Es sind Stimmen der Gnade, die uns zum Guten und zur Heiligkeit führen.

     Wir sollten jeden Tag, jede Stunde die Muttergottes um gute Ratschläge bitten. Sie möge mit ihren mütterlichen Räten unsere Herzen ständig auffüllen, so wären wir nicht nur in der größten Einigkeit mit Gott, sondern vor allem in der größten Einigkeit mit Ihr. Da Sie ja die Mittlerin aller Gnaden ist, wären wir somit auf dem sichersten Weg unsere Berufung und unsere Heiligung nach Gottes Plan zu verwirklichen.



     „Mutter Gottes vom Guten Rat“, eine ergreifende Anrufung, die meines Erachtens immer vorhanden sein sollte, wenn Ratlosigkeit in den schwierigen Tagen des heutigen Lebens uns befällt.




(Aus einem Vortrag - Santo do Dia - gehalten am 26. April 1966)

Freitag, 17. März 2017

Die höchste soziale Funktion des Adels:


Die Wahrung, die Verteidigung und die Verbreitung der christlichen Lehre,
die in den edlen Traditionen enthalten ist, die den Adel auszeichnen



1958 weist Papst Pius XII. in seiner Ansprache auf die Pflicht hin, gegen den modernen Sittenverfall moralischen Widerstand zu leisten; er sieht darin eine generelle Aufgabe der „hochgestellten Klassen, darunter Eure“ und meint damit das Patriziat und den Adel von Rom: „Schließlich wünschen wir, daß Euer Einfluß in der Gesellschaft Euch vor einer Gefahr beschützt, die kennzeichnend für die moderne Zeit ist. Es ist bekannt, daß die Gesellschaft Fortschritte macht, wenn die Tugenden einer ihrer Klassen sich unter den anderen Klassen verbreitet. Ebenso ist es bekannt, daß das Niveau der Gesellschaft absinkt, wenn sich Laster und Unsitten eines Teiles der Gemeinschaft auf die anderen Teile ausdehnen. Der Schwäche der menschlichen Natur wegen, kann man feststellen, daß sich besonders die Übel heute von Volk zu Volk und über die Kontinente ausbreiten, je einfacher Kommunikation, Information und persönliche Kontakte geworden sind.
       Auf dem Gebiet der Moral kann das gleich beobachtet werden wie im Gesundheitswesen: Weder Entfernungen noch Grenzen können jemals einen Epidemieerreger davon abhalten, in kurzer Zeit selbst ferne Regionen zu befallen. Deshalb ist es möglich, daß die hochgestellten Klassen, darunter Eure, aufgrund vielfältiger Beziehungen und häufiger Aufenthalte in Ländern verschiedener, möglicherweise schlechterer Moral leicht zu Überträgern von Sittenverwirrungen werden können.“ (1)
      Im Hinblick auf den Adel definiert der Heilige Vater die Merkmale dieser Verpflichtung genauer: Es handelt sich um eine Pflicht zum Widerstand, der es vor allem auf dem Gebiet der Lehre nachzukommen gilt, die sich aber auch auf das Gebiet der Sitten erstreckt.
      „Was Euch betrifft, sorgt dafür und seid wachsam, damit schädliche Theorien und perverse Beispiele niemals mit eurer Zustimmung oder Eurer Sympathie rechnen können und vor allem in Euch keine willigen Träger finden oder die Gelegenheit, Infektionsherde zu bilden.“
      Diese Pflicht ist Bestandteil des „großen Respekts, vor den Traditionen, die Ihr besitzt und durch die Ihr Eich in der Gesellschaft auszeichnet“. Diese Traditionen bilden „einen kostbaren Schatz“, die der Adel „mitten unter dem Volk“ zu wahren hat.
      „Möglicherweise ist das heutzutage die wichtigste soziale Funktion des Adels; sicherlich ist es der größte Dienst, den ihr der Kirche und dem Vaterland erweisen könnt“, behauptet der Papst.(2)
      Der Adel kann den Glanz vergangener Jahrhunderte, der noch heute von ihm ausgeht und ihn hervorhebt, kaum besser verwenden als die christliche Lehre, die in den Traditionen enthalten ist, die den Adel auszeichnen, zu wahren, zu verteidigen und zu verbreiten.(3)

1 Ansprachen an das Patriziat und den Adel von Rom, 1958, S. 710.
2 Ansprachen an das Patriziat und den Adel von Rom, 1958, S. 710.
3 Zum Adel als einem Faktor, der den Menschen für die Ausübung der christlichen Tugenden empfänglich macht und sie fördert, sei vor allem die Lektüre der bewundernswerten Predigt des heiligen Karl Borromäus empfohlen, die in Dokumente IV, 8 abgedruckt ist.


Quelle: PLINIO CORREA DE OLIVEIRA: „Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen von Papst Pius XII. an das Patriziat und den Adel von Rom“, TFP-Deutschland e.V., Frankfurt. Kap. IV, 9. S. 67 f.

Donnerstag, 16. März 2017

Legitimität der Ungleichheiten

Legitimität und sogar Notwendigkeit gerechter und angemessener Ungleichheiten unter den Gesellschaftsschichten

Die marxistische Doktrin vom Klassenkampf behauptet, daß alle Ungleichheit ungerecht und schädlich sei und daß es daher der unteren Klasse erlaubt sei, sich weltweit für die Abschaffung der oberen Schichten einzusetzen: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Mit diesem allseits bekannten Aufruf schlossen Marx und Engels 1848 ihr Kommunistisches Manifest.(1)
Demgegenüber behauptet die traditionelle katholische Lehre, daß gerechte und angemessene Ungleichheiten unter den Menschen nicht nur legitim, sondern sogar notwendig seien.(2) Deshalb verurteilt sie auch den Klassenkampf.
Diese Verurteilung erstreckt sich selbstverständlich nicht auf die Bemühungen oder unter Umständen sogar auf den Kampf einer Klasse um Anerkennung des ihr zustehenden Platzes im gesellschaftlichen beziehungsweise im politischen Ganzen. Sie spricht sich jedoch dagegen aus, daß die an sich legitime Notwehr einer angegriffenen Klasse in einen Ausrottungskrieg gegen andere Klassen ausartet oder auch nur zur Ablehnung der Rollen führt, die einer jeden Klasse im Gesellschaftskörper zukommen.
Ein Katholik muß sich für Eintracht und Frieden zwischen den Klassen einsetzen, nicht aber für den chronischen Kampf zwischen ihnen, vor allem wenn es bei diesem Kampf um die Errichtung eines Regimes völliger, radikaler Gleichheit geht.
Dies alles würde besser verstanden, wenn die bewundernswerten Lehren Pius´ XII. über Volk und Masse überall im Westen die ihnen gebührende Verbreitung gefunden hätten.
„Freiheit, wie viele Verbrechen werden in deinem Namen begangen!“(3) – soll die berühmte französische Revolutionärin Madame Roland ausgerufen haben, bevor sie auf eine Entscheidung des Terrorregimes hin enthauptet wurde.
Ähnlich könnte man auch angesichts der Geschichte unseres verworrenen 20. Jahrhunderts ausrufen: „Volk, o Volk, wie viele Torheiten, wie viel Unrecht, wie viele Verbrechen werden in deinem Namen von den revolutionären Demagogen unserer Zeit begangen.“
Gewiss liebt die Kirche das Volk und ist stolz darauf, es seit ihrer Gründung durch ihren göttlichen Meister ganz besonders geliebt zu haben.
Was aber ist das Volk? Sicher ist es etwas ganz anderes als die Masse, die wie ein aufgepeitschtes Meer gar leicht zur Beute revolutionärer Demagogie wird.
Als Mutter versagt die Kirche auch den Massen nicht ihre Liebe. Aber gerade weil sie sie liebt, wünscht sie ihnen als kostbares Gut den Übergang vom Zustand der Masse in den des Volkes.
Geht es in dieser Behauptung aber nicht um ein bloßes Wortspiel? Was bedeutet denn Masse? Was heißt denn „das Volk“?

 Fussnoten
1 Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, London 1848, S. 30.
2 Vgl. Dokumente V. „Die kirchliche Lehre über die sozialen Unterschiede“ in „Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen von Papst Pius XII. an das Patriziat und den Adel von Rom“, TFP-Deutschland e.V., Frankfurt.
3 Vgl. J. TULARD, J.F. FAYARD und A. FIERRO, História da Revolução Francesa, Edição Livros do Brasil, Lisboa. 1989, Bd. II, S. 341

Quelle: PLINIO CORREA DE OLIVEIRA. „Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen von Papst Pius XII. an das Patriziat und den Adel von Rom“, TFP-Deutschland e.V., Frankfurt. Kap. III, 1. S. 49 ff.

Sonntag, 5. März 2017

Betrachtung zum Palsonntag


Ein Fehler, der sehr oft die Wirksamkeit der Betrachtungen, die wir uns vornehmen zu machen, mindert, besteht darin, Ereignisse aus dem Leben Jesu zu betrachten, ohne jegliche Anwendung und Beziehung zu dem, was in uns oder um uns geschieht. So verwundern wir uns über den Wankelmut und die Undankbarkeit des jüdischen Volkes, als sie kurz nach dem feierlichen Empfang, den sie Jesum bereiteten und als den Erlöser preisten, ihn mit einem für viele nicht erklärbarem Hass gekreuzigt haben.
Doch diese Undankbarkeit und diesen Wankelmut gab es nicht nur zur Zeit Jesu. Heute noch muss Unser Herr diesen Wechsel zwischen Anbetung und Schmach häufig ertragen. Und nicht nur im nicht einsehbaren Inneren des Gewissens der Menschen. In wie vielen Ländern wird Unser Herr ununterbrochen in kurzen Zeitabschnitten verherrlicht und beleidigt?
Verschwenden wir nicht unsere Zeit, um ums nur über die Falschheit derjenigen zu empören, die den Gottmenschen getötet haben. Für unser eigenes Heil wäre es sehr nützlich, wenn wir über unsere eigene Falschheit nachdenken würden. Mit dem Blick auf die Güte Gottes können wir so eine Besserung unseres Lebens erreichen.

Jedermann weiß, dass die Sünde eine Beleidigung Gottes ist. Wer eine Todsünde begeht, vertreibt Gott aus seinem Herzen, bricht mit ihm, als sein Geschöpf, das ihm geschuldete kindliche Verhältnis und verstößt die Gnade.
So gibt es eine deutliche Analogie zwischen dem Verhalten des jüdischen Volkes und unserem Zustand, wenn wir in eine Todsünde fallen: Wir kreuzigen Jesus.
Wie oft, nachdem wir Unserem Herrn brennende Erweise der Anbetung und Verherrlichung durch Taten oder wenigstens durch Lippenbekenntnisse einen Schein der Verehrung von uns geben, fallen wir in Sünden und Ihn somit in unserem Herzen ans Kreuz schlagen.
Das gleiche geschieht in vielen Nationen der Gegenwart. Es werden imposante katholische Veranstaltungen organisiert, in denen Unserem Herr öffentlich gehuldigt wird. Zugleich betreiben die an der Macht sich befindenden Staatsmänner mal stillschweigend, mal verdeckt oder sogar offen das auslöschen christlicher Institutionen und den Zerfall der gegenwärtigen Zivilisation in dem, was diese noch an christlichen Zügen vorweist. Während also diese Katholiken ihre Liebe zur Kirche Christi bekennen, lassen sie zu, dass durch ihre Lauheit, Gleichgültigkeit und Trägheit dieselbe Kirche allmählich gefesselt, dass ihr Einfluss klüglich ausgehöhlt wird, das ihre Tätigkeiten hinterhältig verhindert werden, sodass, wenn die Stunde des gewalttätigen Angriffs geschlagen hat, jegliche Reaktion unmöglich gemacht wurde. Völker wie diese, nachdem sie Unseren Herrn als König huldigten, oder während sie es taten, bereiteten schon die Verfolgungen und Traurigkeiten vor, die sich sehr wenig von der großen und göttlichen Tragödie der Karwoche unterscheiden.

Doch, Gott sei Dank, ist es nicht nur die Falschheit und der Wankelmut von einst die in unseren Tagen noch überleben. Man findet auch rührende Handlungen, die unmittelbar an die so zärtliche Frömmigkeit gegenüber Unseren Herrn und der so überlegenen Haltung vor den Peinigern der Veronika erinnern.
Wenn es stimmt, dass unsere Epoche sich auszeichnet durch große und unerwartete Austritte aus der katholischen Kirche, so stimmt es genauso, dass ein künftiger Historiker in ihr eine Epoche großer Heiliger ausmachen wird, die sich ausgezeichnet haben durch die Tugenden der Tapferkeit, der Klugheit und der Gerechtigkeit, die in der heutigen Welt fast ganz in Vergessenheit geraten sind.
Unser Herr wird zweifelsfrei in der Gegenwart aufs Höchste beleidigt (siehe die Welle der Blasphemie die die ganze Welt umspült).
Seien wir doch einige der Seelen, die, wenn auch nicht durch den Glanz unserer Tugenden, doch wenigstens durch die Aufrichtigkeit unserer Demut — eine bewusste, vernünftige, feste Demut und nicht nur von einer Demut mit klangvollem Wortgeschwafel und schief hängendem Haupt — in diesen heiligen Tagen Sühne leisten am Throne Gottes, ob der Menge der Beleidigungen, denen Unser Herr ausgesetzt ist.

(Freie Übersetzung aus „O Legionário“, Nr. 447, vom 6.4.1941)