Dr. Plinios erste Rede, gehalten an der
Akademie für Literatur der Marianischen Kongregation der Pfarre Sankt Cäcilia
in São Paulo, Ende 1928
Hochwürdigster Monsignore, Direktor der
Akademie,
Meine Herren Akademiker!
Die einfache Aufzählung der Titel, mit denen Marie Antoinette von Habsburg, später Marie Antoinette von Bourbon, in ihrem kurzen Leben bekannt war, erinnert an die Reihe außergewöhnlicher und unvorhergesehener Ereignisse, die das Gefüge der interessantesten weiblichen Existenz des 18. Jahrhunderts bildeten.
Aus der Königin wurde eine
Märtyrerin, aus der Puppe eine Heldin
Die erste Phase des Lebens dieser
Prinzessin war glücklich und strahlend, wie ein goldener Traum, in dem der
ganze Glanz der Macht, der ganze Glanz des Glücks und der ganze Charme einer
strahlenden Jugend in einer einzigen Person vereint waren. Plötzlich wurde
diese lange Kette des Schicksals jedoch durch einen schrecklichen Taifun
unterbrochen, der den Untergang der Monarchie, die Schändung der Altäre und den
Untergang eines Adels zur Folge hatte, der im Laufe von Jahrhunderten mit dem
eigenen Schwert die brillantesten Seiten der Geschichte Frankreichs geschrieben
hatte.
Und mitten im Zusammenbruch des
politischen und sozialen Gebäudes der Monarchie der Bourbonen, als die ganze
Welt spürte, wie der Boden unter ihren Füßen bröckelte, trank die fröhliche
Erzherzogin von Österreich, die fröhliche Königin von Frankreich, deren
elegante Haltung einer Porzelanfigur von Sèvres ähnelte und dessen Lächeln den
Zauber wolkenlosen Glücks hatte, mit bewundernswerter Würde, Überlegenheit und
christlicher Resignation die bitteren Schlücke aus dem riesigen Kelch von
Galle, mit dem die göttliche Vorsehung beschlossen hatte, sie zu verherrlichen.
Es gibt bestimmte Seelen, die nur dann
groß sind, wenn Unglücksböen über sie hinwegfegen. Marie Antoinette, die belanglos
als Prinzessin war und unverzeihlich frivol in ihrem Leben als Königin,
veränderte sich angesichts der Welle von Blut und Elend, die Frankreich
überschwemmte, auf überraschende Weise; und der Historiker stellt voller
Respekt fest, dass aus der Königin eine Märtyrerin und aus der Puppe eine
Heldin hervorgegangen sei.
Tochter der ungestümen Maria
Theresia und des kleinmütigen Franz I.
Im Jahr 1755 wurde Erzherzogin Marie
Antoinette, Tochter der ungestümen Maria Theresia, Königin von Ungarn und
Böhmen, und Franz I., Herrscher des Heiligen Römischen Reiches, im prächtigen
Schloss Schönbrunn in Wien geboren. Der Unterschied zwischen den Charakteren
ihrer Eltern erklärt vielleicht die beunruhigenden Widersprüche, die sich in
allen Handlungen von Marie Antoinette und in ihrem gesamten Leben finden. Maria
Theresia war so männlich und energisch, dass sie dem großen Friedrich von
Preußen glorreich die Stirn bot, und mit solcher Stärke ließ sie die königliche
Autorität auf ihren Untertanen lasten, dass diese sie selbst in den wichtigsten
offiziellen Dokumenten als König und nicht als Königin bezeichneten. Franz I.
hingegen war schwach, schüchtern und wenig intelligent. Es heißt, als Voltaires
ungerechtfertigte Einwände gegen die monarchische Form in seiner Gegenwart
wiederholt wurden, beschränkte sich der arme Herrscher, der nicht über genügend
Kultur und Energie verfügte, um die Prinzipien, deren Hüter er war, zu
verteidigen, beschränkte er sich seinen Höflingen zu sagen: Was wollen Sie? Mein
Amt erfordert, dass ich Monarchist sei!
Marie Antoinettes Kindheit spielte sich am
pompösen Wiener Hof ab. Die junge Erzherzogin zeigte, dass sie von Natur aus
freundlich war, was mit einer ausgeprägten Neigung zum Lernen einherging. Noch
heute ist bekannt, dass sie mit Mozart, dem großen Pianisten, verlobt war, der
als damaliges erst fünfjähriges Kind naiv glaubte, er sei mit der schönen
Tochter der Herrscher des Heiligen Reiches verlobt.
Vom pompösen Wiener Hof zum feinvornehmen
französischen Hof
Die Diplomatie von Choiseul, dem
einflussreichen Minister des französischen Königs Ludwig XV., setzte dieser
wolkenlosen Kindheit jedoch ein Ende, als er die Heirat Ludwigs XVI., damals
noch Kronprinz, mit Marie Antoinette förderte. Offensichtlich hatte die Liebe
die Herzen der jungen Prinzen nicht gebunden. Es handelte sich lediglich um
eine diplomatische Vereinbarung, in der Österreich, getreu seiner
Heiratspolitik und ausschließlich auf eigene Vorteile bedacht, eine seiner
Erzherzoginnen abtrat, vorbehaltlich gewisser Entschädigungen seitens
Frankreichs.
Nachdem die letzten diplomatischen
Verhandlungen abgeschlossen und die notwendigen Abschiede erfolgt waren, machte
sich die junge Marie Antoinette auf den Weg in das Land, dessen mächtige
Königin sie in Zukunft werden sollte. Sie wurde von einem brillanten Gefolge
begleitet, das sich aus allen hochrangigen Vertretern des Adels des Heiligen Reiches
zusammensetzte. An der französischen Grenze fand die kuriose Zeremonie der
„Übergabe der Erzherzogin“ statt. Es handelte sich um ein Gebäude, das aus zwei
völlig identischen Teilen bestand, von denen einer auf französischem und der
andere auf deutschem Territorium stand. Das Gefolge der Erzherzogin trat durch
die deutsche Tür ein und führte Marie Antoinette in die Räume, wo sie endgültig
ihre Kleidung als Prinzessin des Heiligen Reiches zurückließ und sie gegen die
einer französischen Dame eintauschte. So gekleidet betrat Marie Antoinette, nur
in Begleitung des österreichischen Botschafters, den französischen Teil des
Gebäudes. Dort erwartete sie der gesamte französische Adel und offenbarte die
unvergleichliche Eleganz, den immensen Reichtum und den raffinierten
künstlerischen Geschmack, die den französischen Hof zu dieser Zeit charakterisierte.
Ludwig XVI., damals ein einfacher
Kronprinz, war für sein strenges Verhalten und die Frömmigkeit, Freundlichkeit
und Ehrlichkeit bekannt, die seinen Charakter auszeichneten. Seine schärfsten
Gegner konnten ihm nur drei Vorwürfe machen: er sei apathisch, gefräßig und ein
hochqualifizierter Schlosser. In der neuen fürstlichen Heimat, die ohne die
Bande tiefer Zuneigung entstand, glich der christliche Geist, von dem die Frischvermählten
durchdrungen waren, den Mangel an Liebe mit Vorteil aus. Marie Antoinette und
Ludwig XVI. waren schon immer vorbildliche Ehepartner, die das unbestreitbare
Glück ihres Familienlebens auf der soliden Grundlage gegenseitigen Respekts und
absoluter Moral aufbauten.
Glückliche Jahre
Die Jahre zwischen der Hochzeit und der
Krönung waren vielleicht die glücklichsten im gesamten kurzen Leben Marie
Antoinettes.
Die junge Prinzessin war schön, mächtig,
reich, gut verheiratet und vom Volk mit liebevoller Hingabe verehrt. Ihre
einzige Beschäftigung bestand darin, durch die prächtigen Paläste der Krone
Frankreichs spazieren zu gehen und dabei ihren extravaganten Hofstaat und all
den schillernden Luxus mitzuführen, mit dem sie ständig umgeben war . Zu ihren
Verdrießlichkeiten in dieser Zeit der Schicksale gehörten ihre häufigen und
interessanten Auseinandersetzungen mit der Comtesse de Noailles, ihrer strengen
Etikette-Lehrerin, die die junge Prinzessin unhöflich Madame Étiquette nannte.
Es heißt, dass Marie Antoinette einmal, als sie im Beisein des gesamten
Hofstaates von einem Esel fiel, auf dem sie ritt, lachend ausrief, immer noch
auf dem Boden liegend: Rufen Sie Madame Étiquette, damit sie mir erklären kann,
wie die Erbin des Thrones Frankreichs aufstehen soll, wenn sie von einem Esel gefallen
ist.
Die Prinzessin von Lamballe,
ihre Vertraute zu jedem Augenblick
Eines der merkwürdigen Züge des Charakters
der jungen Frau Ludwigs XVI. war ihr sehnlicher Wunsch, jederzeit und in allen
Situationen eine innige Freundin, eine Vertraute zu haben. Sogleich sie die
Schwelle der Tür überschritt, die die Vergangenheit der Erzherzogin von der
Zukunft der Prinzessin von Frankreich trennte, fiel ihr Blick auf eine Dame von
idealer Schönheit, die Prinzessin von Lamballe, die mit der königlichen Familie
verwandt und unglückliche Witwe eines der leichtsinnigsten Edelmänner
Frankreichs war. Die Prinzessin von Lamballe war jung, schön und im
Wesentlichen aristokratisch in der Anmut ihres Auftretens und von beispielloser
Eleganz. Ihre tiefblauen Augen spiegelten die ganze Aufrichtigkeit ihrer reinen
Seele und die immense Traurigkeit ihrer freudenlosen Jugend wider. Ihre
Zartheit war so groß, dass sie einmal vor Schreck in Ohnmacht fiel beim Anblick
eines Gemäldes, das eine Krabbe darstellte.
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Abführung der Prinzessin von Lambale zur Guillotine |
Dies war die erste und aufrichtigste der Freundinnen
von Marie Antoinette. Kurz darauf wurde sie jedoch durch die frivole Gräfin
Polignac ersetzt. Die Prinzessin von Lamballe ertrug ihre Trennung mit der
Würde einer großen Seele: Sie beklagte sich nicht und erniedrigte sich nicht.
Die Prinzessin von Lamballe taucht erst wieder auf, geköpft und verstümmelt in
den Straßen von Paris, als sie aus England auf der Suche nach der unglücklichen
Märtyrerin kam, der die Prinzessin in der Bitterkeit ihres Leidens die Untreue in
glücklicheren Zeiten vergab. Sie, die vor einer gemalten Krabbe in Ohnmacht
fiel, hatte genug Mut, sich dem revolutionären Taifun zu stellen und für die
Sache ihrer Freundin zu sterben, die ihr in der Zeit des Glanzes untreu gewesen
war.
Die Gräfin von Polignac übte jedoch keinen
heilsamen Einfluss auf Marie Antoinette aus, sondern verwickelte sie in ein
zügelloses Glücksspiel. Damals war das extrem teure Glücksspiel namens Pharao
in Mode. Die Spiele des Pharaos begannen abends in der Wohnung der Polignac und
endeten in der ersten Morgendämmerung unter den Augen der Bevölkerung, die über
die eifrige Mitbeteiligung der Thronfolgerin an diesen Spielen empört war.
Dies war eine Quelle der verdienten Tadel
an Marie Antoinette. Kurz darauf wurde auf einem beliebten Volksball zu Karneval
in der Oper diejenige entdeckt, die die Königin von Frankreich sein würde, die
sich arglos amüsierte, ohne sich der Würde ihrer Position zu erinnern. Nach und
nach verschärften sich die Gerüchte, und als der alte Ludwig XV. starb, bestieg
Marie Antoinette bereits unter zahlreichen Äußerungen der Antipathie den Thron.
Königin von Frankreich
Dennoch war die Begeisterung des Volkes
groß, als der Applaus Marie Antoinette spät in der Nacht verkündete, dass mit
dem Tod Ludwigs XV. der Moment gekommen sei, dass der schwache und gute Ludwig
XVI. zum König von Frankreich und Navarra gekrönt werde.
Die Krönungsfeierlichkeiten waren ein
seltsamer Kontrast aus Elend und Prunk. Ludwig XVI., nachdem er in der alten
und prächtigen Kathedrale von Reims in Anwesenheit des gesamten Adels und des
gesamten Klerus Frankreichs zum König von Frankreich geweiht und gekrönt wurde,
nachdem er vom Vertreter des Heiligen Vaters mit dem Öl gesalbt worden war, das
der Überlieferung nach am Tag der Bekehrung Chlodwigs vom Himmel herabgestiegen
war, nachdem er die Ehrungen von den repräsentativsten und edelsten Persönlichkeiten
der Nation erhalten hatte, verließ er in Begleitung des Bischofs von Autun die
Kathedrale und berührte mit seinen Händen die Wunden von mehr als Zweitausend
Kranken aller Art, die in einer Reihe an der Tür der Kirche auf den Ausgang des
Königs warteten, der der Überlieferung nach durch die einfache Berührung seiner
souveränen Hände bestimmte Krankheiten heilen sollte. Als Vorbote trauriger
Ereignisse soll die Krone, als sie dem König aufgesetzt wurde, aus den Händen
des Apostolischen Nuntius gefallen sein und Ludwig XVI. an der Stirn getroffen
und ihn so verletzt haben, dass Blut floss.
Die französische
Gesellschaft wurde durch den Geist von Voltaire und Rousseau verdorben
Mit der Krönung beginnt das lange Leiden
der Königin. Das Volk litt unter Hunger und wollte nicht begreifen, dass die Kosten
der Hofhaltung zu einem großen Teil für die Würde der Monarchie notwendig waren.
Das Volk, das schon immer Opfer schamloser Ausbeuter war, verstand nicht, dass
der Adel große Privilegien genoss, aber dafür die Armee und die Marine auf
eigene Kosten unterhielt und andererseits die Kosten eines großen Teils der
Verwaltung trug. Das Volk verstand schließlich nicht, dass der Klerus, diese
mutige Klasse, die immer für das Gute, gegen alles Böse, für die Schwachen,
gegen alle Mächtigen und für Gott gegen seine Feinde gekämpft hatte, allein für
die Kosten aufkam der derzeitigen französischen Ministerien für öffentlichen
Unterricht und Gottesdienst.
Nein, die Sophismen eines zerstörerischen
Geistes wie Voltaire, die tränenreiche und pervers hohle Beredsamkeit von
Rousseau hatten die gesamte französische Gesellschaft verdorben. Dieser leichtfertige
Adel, der vorgab seinen Gott vergessen zu haben, würde bald zeigen, dass er
auch seinen König, seine Vergangenheit und die enorme Bedeutung des Ruhms
vergessen würde, die die edlen Traditionen repräsentierten, deren Verwahrer er
war. Diese Adligen, deren Vorfahren Löwen gewesen waren, hatte das
ausschweifende und unreligiöse Leben des Hofes in Balletttänzer verwandelt. Und
das Volk, das mehr von Neid als von Hunger getrieben wird und im Vergessen,
dass das Vertreten einer bescheidenen Rolle in der Gesellschaft auch eine
Erfüllung eines göttlichen Auftrags bedeutet, stürzt sich wütend gegen die
politische Organisation Frankreichs.
Größer im Leid als im Ruhm
Am 14. Juli kam es zur Überfall auf
Versailles durch eine Schar von Straßenweibern, die die Massen der Pariser
Bevölkerung hinter sich herzog, dem schwachen König die phrygische Mütze
aufzwang und eine Monarchie beleidigte, die sich nicht verteidigen konnte; das
Massaker an unschuldigen Priestern, die mit ihrem Leben für das enorme
Verbrechen bezahlten, sich mit Leib und Seele dem Dienst Gottes gewidmet zu
haben und seinen heiligen Namen und sein Gesetz des Friedens und der Liebe zu
predigen; die Ermordung mehrerer Adliger, die in Zeiten der Gefahr, nicht von
dem Thron desertieren wollten, um den sie ihr Leben lang getanzt hatten; hat
diese schreckliche Kette von Verbrechen, die die Seiten der
Menschheitsgeschichte beschmutzte, die Königin von Frankreich, die Tochter der
hochmütigen Habsburger, vielleicht niedergeschlagen?
Niemals! Nie hat diese Porzellanpuppe der
Bälle im Trianon den Kopf vor der Schmach ihrer Feinde gesenkt. Niemals, nicht
für einen einzigen Moment, hörte die entthronte Souveränin auf, Königin zu
sein, da sie, mehr im Leiden als im Ruhm zeigte, als sie unbewaffnet und mit
ihrem Sohn auf dem Arm jenen wütenden Betrunkenen entgegentrat, die in die
königlichen Paläste eindrangen, dass sie einem Stamm angehörte, der keine
Gefahren fürchtete, besonders wenn er eine gerechte Sache verkörperte.
Als das Königtum durch den Schlamm von
Paris geschleift wurde und die schwache Persönlichkeit Ludwigs XVI. unter der
Last des Unglücks gebrochen war, war Marie Antoinette das einzige Bollwerk des
Widerstands, die ihr Unglück zu einem leuchtenden Thron ihrer Persönlichkeit
machte, erträgt sie unerschrocken, gewaltig im Angesicht des Leidens, nur mit
der erhabenen Rüstung des Glaubens bewaffnet und der christlichen Resignation,
die Welle, die Frankreich überschwemmen würde.
Bis zum letzten Moment wollte diese
Herrscherin ihren Thron retten, nicht aus persönlichem Interesse, sondern aus
Liebe zum monarchischen Prinzip. Und sie tat dies ohne zu zögern, ermutigte
alle und verzweifelte nie, selbst als die Bevölkerung sie aus den Tuillerien,
wo sie gefangen gehalten wurde, entführte und sie unter dem Lärm des Geschreis
und des Spottes des einfachen Volkes in den tödlichen Schatten des düsteren
Gefängnis des Tempels führte, auch als sie gezwungen wurde, voller Abscheu und Gewissenbisse
den Kopf der kühnen Prinzessin von Lamballe zu sehen, mit leeren Augenhöhlen,
gepudertem mit Blut bespritztem Haar, und blassen Lippen, am Ende einer Spitzstange,
zwischen den Gitterstäben des Fensters ihres Kerkers, als Zeugnis des grausamen
und unverdienten Todes ihrer besten Freundin. Hier, meine Herren, ist ihre
Folter als Königin. Sie war vollständig, es fehlte nichts, und sie ertrug alles
mit Ruhe und Resignation, wobei von Zeit zu Zeit Bewunderungsrufe aus den
Reihen ihrer eigenen Gegner zu hören waren.
Als Ehefrau erlitt Marie Antoinette das
größte Martyrium. Ihr Mann, dem sie alle Gefühle einer vorbildlichen
katholischen Ehefrau widmete, wurde nachdem er Zielscheibe der grausamsten
Beleidigungen wurde, schließlich in einen für die Zukunft glorreichen Tod
gezerrt, der dann aber absolut deprimierend wirkte. Von ihrem Gefängnis im
Tempel aus hörte Marie Antoinette sicherlich den Trommelschlag, der verkündete,
dass der Nationalkonvent im Namen der Gleichheit den unschuldigen Vertreter des
Königshauses vernichtete; im Namen der Freiheit hinderte man das Volk, das er
sehr geliebt hatte, daran, sich am Grab von ihm zu verabschieden; und im Namen
der Brüderlichkeit würde man ihm das Leben auf die Guillotine nehmen.
Aber, meine Herren, es war die Mutter, die
in Marie Antoinette die schrecklichsten Folterungen erlitt. Als der Konvent beschlossen
hatte, Marie Antoinette von ihrem Sohn zu trennen, kämpfte sie zwei Stunden
lang, indem sie den Körper des unschuldigen kleinen Prinzen mit ihrem Körper
bedeckte, gegen den brutalen Schuster Simon und seine finstere Bande und ließ
ihren Sohn erst los, als ihr völlig die Kraft zum Widerstand verließ. Lang
waren die Monate der Trennung. Allein, furchtbar allein, gefangen in einem
schrecklichen Raum im Tempelgefängnis, war für die unglückliche Frau ihr Gebet
ihr einziger und tatsächlich mächtiger Trost. Bis heute bewahrt Frankreich ihr
Messbuch, auf dem zweifellos die bitteren Tränen dieser Mutter niederflossen,
die auf dem Höhepunkt des Unglücks und der Verlassenheit immer Gott für die
Hilflosigkeit danken konnte, in der sie sich befand.
Schließlich wurde sie vom Comité de Salut
Public angeklagt, weil sie ihr Land verraten hatte, weil sie eine neue
Katharina von Medici sei, weil sie eine schlechte Ehefrau und Mutter war und
vor allem aus dem weniger nachvollziehbaren Grund, sich den ketzerischen Ansprüchen
eines bestimmten geheimen Gemeinnützigen Vereins zu widersetzen, der keineswegs
unbekannt ist.
Der herrliche Schrei des
Herzens einer Mutter löst ein Delirium der Begeisterung aus
Im Prozess erreichte ihr Leiden den
Höhepunkt. Ihr vom Alkohol misshandelter Sohn wurde zu einem echten kleinen
Tier, dessen einziges und beständiges Gefühl Angst war. Man stelle sich die
Szene vor: Auf einem Podium sitzen die Henker, die im Prozess sich selbst
Richter nennen. Auf einer Reihe von Bänken spielten ein halbes Dutzend ekelhafte,
nach Alkohol riechender Personen die Rolle der Geschworenen. Die Königin, abgemagert,
in einem langen schwarzen Kleid, mit völlig weißen Haaren, alt in ihrem niedergeschlagenen
und traurigen noch jungem Alter, betritt mit der ganzen Majestät ihrer
Dekadenz, immer noch selbstbewusst, immer noch schön und immer würdevoll und
unbesiegbar, diesen Käfig, in dem ihr Ruf und ihr Mutterherz von den
seelenlosesten Bestien der französischen Geschichte zerrissen wird.
Das Verhör beginnt brutal, hinterhältig,
pervers. Die Königin antwortet entweder würdevoll oder sie schweigt und weist
mit ihrem Schweigen die Schande bestimmter Anschuldigungen zurück. Dann wird der
Kronprinz der Throne von Frankreich und Navarra in den Raum eingeführt. In
groben Holzschuhen, mit einer phrygischen Mütze auf dem Kopf, mit dem brutalen
und traurigen Aussehen von jemandem, der schon lange alle Schrecken der
Barbarei eines Henkers wie Simon ertragen musste, und mit dem idiotischen
Gesichtsausdruck eingefleischter Alkoholiker, mit einer weinerlichen Stimme,
wirft er der Mutter die größten Beleidigungen entgegen.
Dies, meine Herren, ist der Höhepunkt des
Leidens. Die Szene ist an sich schon schrecklich und bedarf keines Kommentars.
Ich sage Ihnen nur, dass die Königin mit einem großartigen Ausruf aus dem
Herzen einer Mutter, die von den schrecklichsten Schmerzen geplagt ist, in der
Beredsamkeit ihrer Halluzination, im Schrecken ihres dantesken Leidens, einen
Appell an alle anwesenden Mütter richtet, indem sie fragt, ob sie den
Beleidigungen des Jungen glauben. Und als ob die menschliche Natur tief in den
Herzen dieser Megären, die lange Zeit unterdrückt war, schließlich explodierte,
und es gab einen Schauer von Applaus und ein Delirium der Begeisterung im Raum.
Die Leute, die zum Gericht gekommen waren, um den Verlauf des Verfahrens mit
Spannung zu verfolgen, waren plötzlich unglaublich begeistert von ihrem Opfer,
und Marie Antoinette erhielt auf der Anklagebank, auf dem Höhepunkt ihrer
Schande, gewaltige und aufrichtige Ovationen von ihren Peinigern. Was kann ich,
meine Herren, zu diesem historischen Schritt sagen?
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Hinrichtung von Marie Antoinette in Paris auf dem Platz der Revolution heute genannt Place de la Concorde |
Sie liebte Gott mehr im
Leiden als in der Fülle der Freuden
Schließlich kam der Tod. Gott hatte in
seiner unermesslichen Güte im Himmel einen würdigen Ort für sie bereitet, die
so viel gelitten hatte, und Ihn mehr liebte, als Er ihr Kummer schickte, als in
der Fülle ihrer Freuden. Am 16. Oktober 1793 endete ihr langes Martyrium unter
der Guillotine, deren Klinge, kriminell und barmherzig zugleich, den Faden ihrer
außergewöhnlichen Existenz durchschnitt.
So endete die königliche Märtyrerin,
dessen Geschichte einem zarten und palastartigen Menuett ähnelt, dessen
harmonische Töne abrupt vom schrecklichen Brüllen einer schrecklichen
revolutionären Farandola übertönt wurden.
Plinio Corrêa de Oliveira
Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google
Übersetzer von „Maria Antonieta, Arquiduqueza d’Áustria, Rainha de França e
Viuva Capeto“ in https://www.pliniocorreadeoliveira.info/DIS_290821_maria_antonieta_1o_discurso.htm
Die deutsche Übersetzung „Marie Antoinette,
Erzherzogin von Österreich, Königin von Frankreich und Witwe Capet“ erschien
erstmals in www.p-c-o.blogspot.com
Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe
dieses Blogs gestattet.
* * *
Zur Ehrung dieser Ehrwürdigen Königin gebe ich in der Folge ihren Abschiedsbrief an Mme. Elisabeth (Schwester des Königs Ludwig XVI.) wieder.
Abschiedsbrief von Marie Antoinette de Bourbon vom
16.10.1793.
Folgendes ist der Inhalt dieses bewundernswerten
Testaments, welches in jeder Beziehung dem Ludwigs XVI. würdig zur Seite steht:
„An Dich, meine Schwester, schreibe ich
zum letzten Male. Ich bin verurteilt worden, nicht, eines schmachvollen Todes
zu sterben - denn der gebührt nur den Verbrechern - sondern Deinen Bruder wiederzusehen.
Ich hoffe, dieselbe Festigkeit wie er zu
zeigen.
Es tut mir schmerzlich leid, meine armen
Kinder verlassen zu müssen; Du weißt, dass ich nur für sie und für Dich lebte.
Du hast in Deiner Freundschaft alles
geopfert, um bei uns zu leben; in welcher Lage lasse ich Dich! Aus der
Verteidigungsrede beim Prozess habe ich erst erfahren, dass meine Tochter von
Dir getrennt ist.
Ach, das arme Kind! Ich wage nicht, ihm zu
schreiben, denn es würde meinen Brief nicht erhalten; ich weiß nicht einmal, ob
derselbe Dir zugehen wird.
Nimm meinen Segen für sie!
Ich hoffe, dass sie sich eines Tages, wenn
sie erwachsen sein werden, wieder mit Dir vereinigen und Deine zärtliche
Sorgfalt in Frieden genießen können; mögen sie stets der Lehre gedenken, die
ich ihnen immer einzuflößen suchte, dass ihre Freundschaft und ihr
gegenseitiges Vertrauen ihr einziges Glück ausmachen; möge meine Tochter
eingedenk sein, dass sie, durch ihr reiferes Alter befähigt, ihren Bruder mit
allen Ratschlägen beistehen soll, welche ihre Erfahrung und ihre Freundschaft
ihr einflössen; mögen beide bedenken, in welche Lage sie auch kommen, dass sie
nur durch Eintracht wahrhaft glücklich sein können. Möchten sie sich doch an
uns ein Beispiel nehmen!
Wie viel Trost hat uns wahre Freundschaft
im Unglück gewährt; und des Glücks genießt man doppelt, wenn man es mit einem
Freund teilen kann; wo kann man zärtlichere und treuere Freunde finden als im
Schoß der eigenen Familie? Mein Sohn soll niemals die letzten Worte seines
unglücklichen Vaters, die ich ihm ausdrücklich wiederhole, vergessen: Er
trachte niemals danach, unseren Tod zu rächen.
Ich habe nun noch von einer Sache zu
sprechen, die meinem Herzen peinlich ist; ich weiß wie viel Mühe Dir dieses
Kind machen muss! Verzeihe ihm teure Schwester, bedenke sein zartes Alter. Wie
leicht ist es einem Kind einzureden, was man will und was es selber nicht
versteht! Hoffentlich wird dereinst ein Tag kommen, wo er Deine Güte und
Zärtlichkeit für ihn und seine Schwester besser zu würdigen wissen wird.
Es bleibt mir noch übrig, Dir meine
letzten Gedanken anzuvertrauen.
Ich wollte Dir beim Beginn des Prozesses
schreiben; aber abgesehen davon, dass man mich nicht schreiben ließ, war der
Verlauf so schnell, dass ich auch keine Zeit dazu gehabt haben würde.
Ich sterbe in der römisch-katholischen
apostolischen Religion, in welcher ich mit meinen Brüdern erzogen wurde und zu
welcher ich mich stets bekannte; ich habe keinen anderen geistlichen Trost zu
erwarten, denn ich weiß nicht, ob überhaupt noch Priester dieser Religion vorhanden
sind und ob sie sich nicht großem Gefahren aussetzen würden, wenn sie den Ort,
wo ich mich befinde, zu betreten wagten; ich bitte aufrichtig Gott um
Verzeihung für alle Fehler, die ich bei meinen Lebzeiten begangen habe.
Ich hoffe, dass er in seiner Güte meine
Seele in seinen barmherzigen Schutz aufnehmen werde; ich verzeihe allen meinen
Feinden das Übel, das sie mir zugefügt haben. Ich bitte alle diejenigen, die
ich kenne, und Dich, meine Schwester, im besonderen um Verzeihung für alle
Mühe, die ich Euch ohne meinen Willen verursacht habe. Ich sage meinen Tanten
und allen meinen Geschwistern Lebewohl.
Ich hatte Freunde, und der Gedanke, von
ihnen und ihrer Liebe für immer getrennt zu werden, verursacht mir großes Leid
in meinem Tode; mögen sie hierdurch wenigstens erfahren, dass ich bis zu meinem
letzten Augenblick an sie dachte!
Lebe wohl, meine gute und zärtliche
Schwester; o möchte dieser Brief zu Dir gelangen! Denke immer an mich! Ich
umarme Dich von ganzen Herzen ebenso wie jene armen, geliebten Kinder.
Mein Gott, wie herzzerreißend ist es, sie
auf immer verlassen zu müssen! Lebe wohl! Lebe wohl!
Ich darf mich jetzt nur mit meinen
geistlichen Pflichten beschäftigen; da ich nicht über meine Handlungen frei
verfügen kann, so wird man mir vielleicht einen Priester zuführen; aber ich
erkläre hiermit, dass ich demselben nicht ein Wort sagen und ihn wie ein
durchaus fremdes Wesen behandeln werde.“
Als dieser Brief beendigt war, küsste die Königin alle Seiten desselben, faltete ihn zusammen und gab ihn an Bault, mit der Bitte, ihn Madame Elisabeth zuzustellen.
Quelle:
Henry Sanson, Tagebücher der Henker von Paris
1685-1847, Verlag Gustav Kiepenheuer, Potsdam, 1924, S. 414-417
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