Montag, 2. Februar 2026

„Irrtümer entlarven und widerlegen, die so oft unter dem Deckmantel der Wahrheit verbreitet werden“


Neben der Krippe befindet sich die Jungfrau der Jungfrauen, die auch als Mutter schlechthin bezeichnet werden könnte, da von ihr das fleischgewordene Wort und alle Glieder des mystischen Leibes Christi geboren wurden. Doch der höchsten Herrlichkeit dieser Mutterschaft stellte die allerseligste Maria die keusche Pracht der Jungfräulichkeit zuvor.
In der Abbildung: Weihnachten, von Gentile da Fabriano (1370–1450).

 

Athanasius Aubertin.

Angesichts der offenkundigen Amnesie eines großen Teils der heutigen Menschheit in Bezug auf die geoffenbarte Lehre, einer Amnesie, die selbst katholische Laien befällt, ist das Apostolat der „vergessenen Wahrheiten“, das vom „Catolicismo“ getragen wird, heilsam und zeitgemäß. In diesem Artikel möchten wir eine dieser Wahrheiten erörtern, die durch die Autorität des kürzlich verstorbenen Papstes Pius XII. in Erinnerung geblieben und gepriesen wurde. Hiermit möchten wir auch dem unsterblichen Nachfolger Petri unsere Ehre erweisen, der so oft Grundsätze verkündete und verteidigte, die für das Heil unserer armen Welt von höchster Bedeutung sind.

Unsere Zeit ist von Irrlehren und schlimmsten moralischen Verfehlungen durchdrungen. Angesichts des Ausbruchs eines regelrechten Neuheidentums in unseren Tagen ist es offensichtlich, dass die Begierde heute stärker ausgeprägt ist als in vorchristlichen Zivilisationen: „corruptio optimi pessima“ (Das Verderbnis des Besten wird zum Schlechtesten). Folglich ist es nicht verwunderlich, dass eheliche Treue und die Unauflöslichkeit der Ehe so stark angegriffen und missachtet werden und dass sich schlechte Sitten aller Art so weit verbreitet haben. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die geoffenbarte Lehre, dass Jungfräulichkeit, Ehelosigkeit und Witwenschaft, wenn sie aus übernatürlichen Gründen gewählt werden, vollkommenere Zustände als die Ehe darstellen, zu den scheinbar vergessenen Wahrheiten gehört. Das schwerwiegendste Problem ist, dass die Vergessenheit dieser Lehre der Kirche in dieser Hinsicht nicht unerkannt geblieben ist und sich auf mehr als einen engagierten Katholiken ausgewirkt hat.

Für diese ist das Argument, die Ehe sei dem Stand der Unverheirateten überlegen, sehr verbreitet, da erstere ein Sakrament sei, letztere jedoch nicht. Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass diese Argumentation unlogisch ist, da sie ein Sakrament (die Ehe) mit einem Lebensstand (dem Zölibat) vergleicht. Der Vergleich sollte jedoch nicht in diesem Sinne erfolgen, sondern vielmehr im Sinne des Ehestands und des Zölibats. Logisch betrachtet wäre ein Vergleich der Ehe mit dem Stand der Jungfräulichkeit oder dem Zölibat möglich, wenn das betreffende Sakrament irgendwie mit dem ehelichen Stand gleichgesetzt würde. Dies wäre der Fall, wenn die Ehe den Ehepartnern einen sakramentalen Charakter einprägen würde. Die Kirche lehrt jedoch, dass es drei Sakramente gibt, die einen Charakter prägen: Taufe, Firmung und Priesterweihe. Daraus folgt, dass das Sakrament der Ehe nicht mit einem Zustand gleichgesetzt wird und daher nicht mit Jungfräulichkeit und Zölibat, die Zustände darstellen, verglichen werden kann. Wir müssen die Jungfräulichkeit mit dem Ehestand vergleichen, und in diesem Vergleich zeigt die Kirche die Überlegenheit der ersteren gegenüber dem letzteren auf.

Bevor wir die Worte des Papstes zu diesem Thema hören, wollen wir sehen, was die Heilige Schrift dazu sagt.

Der Apostel Paulus äußert sich wie folgt zu Witwenschaft und Zölibat, in denen man aus Liebe zu Gott verharrt: „Ich sage den Unverheirateten und den Witwen: Es ist gut für sie, so zu bleiben, wie sie sind, wie auch ich.“ „Bist du an eine Frau gebunden? Suche nicht nach einer Trennung. Bist du frei von einer Frau? Suche keine Frau. Doch wenn du heiratest, sündigst du nicht. Und wenn eine Jungfrau heiratet, sündigt sie nicht.“ „Wer seine Tochter verheiratet, tut gut, und wer sie nicht verheiratet, tut besser.“ Bezüglich der Witwenschaft heißt es: „Sie (die Witwe) soll heiraten, wen sie will, solange es im Herrn geschieht. Doch sie wird glücklicher sein, wenn sie so bleibt, wie sie ist, nach meinem Rat; und ich bin überzeugt, dass auch ich den Geist Gottes habe.“ Der Apostel erklärt weiter: „Der Unverheiratete sorgt sich um die Dinge des Herrn, wie er Gott gefallen kann. Der Verheiratete aber sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er seiner Frau gefallen kann; so sind seine Interessen geteilt. Die unverheiratete Frau und die Jungfrau aber sorgen sich um die Dinge des Herrn, damit sie heilig seien an Leib und Seele. Die Verheiratete aber sorgt sich um die Dinge der Welt, wie sie ihrem Mann gefallen kann.“ (1)

Diese Lehre des heiligen Paulus findet sich nicht isoliert in der Heiligen Schrift, sondern auch im Wort unseres Herrn selbst, wenn er sagt, dass es Männer gibt, die „um des Himmelreichs willen“ (2) auf die Ehe verzichten. Die Kirche hat die Überlegenheit der Jungfräulichkeit und des Zölibats, die aus übernatürlichen Gründen gewählt werden, als Glaubensdogma definiert (3).

Es ist zu beachten, dass die katholische Lehre über den Stand des Zölibats sowohl für Kleriker als auch für Laien gilt. Ein Laie, der auf die Ehe verzichtet, um sich der Kirche besser widmen zu können, führt ein vollkommeneres Leben als Verheiratete, obwohl auch deren Leben heilig und Gott wohlgefällig ist.

Seine Heiligkeit Papst Pius XII., seligen Andenkens, hält an der von der Kirche definierten Lehre fest und beruft sich auf das Zeugnis vieler Päpste und Kirchenlehrer, äußert sich zu diesem Thema in klaren, präzisen und erhabenen Worten. Zum Beispiel heißt es über die Witwenschaft Folgendes: „Obwohl die Kirche zweite Ehen nicht verurteilt, betont sie doch ihre besondere Verbundenheit mit jenen Seelen, die ihrem Ehepartner und der vollkommenen Symbolik des Ehesakraments treu bleiben wollen. Sie freut sich, wenn die diesem Stand eigenen geistlichen Reichtümer gepflegt werden. An erster Stelle steht dabei die gelebte Überzeugung, dass der Tod die in der Ehe geknüpften Bande menschlicher und übernatürlicher Liebe nicht etwa zerstört, sondern sie im Gegenteil vollenden und stärken kann. Zweifellos existiert die Institution der Ehe auf rein juristischer und sinnlicher Ebene nicht mehr; doch das, was ihr Wesen ausmachte, was ihr Kraft und Schönheit verlieh – die eheliche Liebe in all ihrer Pracht und mit ihrer Sehnsucht nach Ewigkeit –, besteht fort, ebenso wie die geistlichen und freien Wesen, die sich einander geweiht haben. Wenn einer der Ehepartner, befreit von fleischlichen Bindungen, in die göttliche Gemeinschaft eintritt, befreit Gott ihn/sie.“ von aller Schwäche und allen Auswüchsen der Selbstsucht; sie lädt auch denjenigen, der auf Erden geblieben ist, dazu ein, sich in einer reineren und geistlicheren Seelenhaltung zu verankern. Da einer der Ehepartner sein Opfer vollbracht hat, sollte der andere nicht bereit sein, sich mehr von der Erde zu lösen und den intensiven, aber flüchtigen Freuden der sinnlichen und fleischlichen Zuneigung zu entsagen, die den Ehepartner an das Heim banden und sein Herz und seine Kräfte in Anspruch nahmen?“ (4) Pius XII. rechtfertigt die Veröffentlichung seiner Enzyklika über Jungfräulichkeit und Zölibat mit folgenden Erwägungen: „Diese Lehre von der Vortrefflichkeit der Jungfräulichkeit und des Zölibats und von deren Überlegenheit gegenüber der Ehe wurde, wie bereits erwähnt, vom göttlichen Erlöser und vom Apostel der Heiden verkündet; ebenso wurde sie auf dem Konzil von Trient feierlich als Glaubensdogma definiert und von den Heiligen Vätern und Kirchenlehrern stets einhellig kommentiert.“ Darüber hinaus haben unsere Vorgänger und wir selbst dies viele Male erklärt und nachdrücklich empfohlen. Angesichts der jüngsten Angriffe auf diese traditionelle Lehre der Kirche und der Gefahr, die von ihnen ausgeht, sowie des Schadens, den sie den Gläubigen zufügen, sehen wir uns jedoch aufgrund unserer Amtspflicht verpflichtet, diese Irrtümer, die so oft unter dem Deckmantel der Wahrheit präsentiert werden, in dieser Enzyklika aufzudecken und erneut zu rügen“ (5). Als Antwort auf den zu Beginn dieses Artikels dargelegten Irrtum findet sich in der vorliegenden Enzyklika folgender eindringlicher Punkt: „Wir haben kürzlich mit Bedauern die Ansicht zurückgewiesen, die die Ehe als einziges Mittel zur Gewährleistung der Entwicklung und natürlichen Vollkommenheit der menschlichen Persönlichkeit darstellt. Manche behaupten nämlich, die durch das Sakrament der Ehe ex opere operato vermittelte Gnade heilige den Gebrauch der Ehe so sehr, dass sie ein wirksameres Instrument als die Jungfräulichkeit zur Vereinigung der Seelen mit Gott sei, da die christliche Ehe ein Sakrament, die Jungfräulichkeit aber nicht. Wir erklären diese Lehre jedoch für falsch und schädlich.“ Zweifellos schenkt das Sakrament den Ehegatten die Gnade, ihre eheliche Pflicht in heiliger Weise zu erfüllen und die Bande gegenseitiger Liebe zu stärken, die sie verbinden. Es wurde jedoch nicht eingesetzt, um die Ehe an sich zum geeignetsten Mittel zu machen, die Seelen der Ehegatten durch die Bande der Liebe mit Gott selbst zu vereinen. Wenn der Apostel Paulus das Recht der Ehegatten anerkennt, zeitweise auf die Ehe zu verzichten, um sich dem Gebet zu widmen (1 Kor 7,5), geschieht dies nicht gerade deshalb, weil ein solcher Verzicht die Seele freier macht, sich den Dingen Gottes zu widmen? Die Menschen der heutigen Zeit sind weitgehend von einer kollektivistischen Denkweise durchdrungen, die leider auch bestimmte katholische Kreise nicht verschont hat und schädliche Folgen für das spirituelle Leben hat. Eine davon ist vielleicht genau diese Missachtung von Enthaltsamkeit und Jungfräulichkeit. In diesem Zusammenhang bemerkt Pius XII. in der Enzyklika „Sacra Virginitatis“ Folgendes: „Schließlich kann nicht, wie manche behaupten, die gegenseitige Hilfe, die Ehegatten in der christlichen Ehe suchen, sei eine vollkommenere Hilfe zur Erlangung der Heiligkeit als die verkündete Abgeschiedenheit der Herzen von Jungfrauen und Enthaltsamen. Denn trotz des Verzichts auf solche menschliche Liebe kann nicht gesagt werden, dass diejenigen, die den Zustand vollkommener Keuschheit annehmen, dadurch ihre menschliche Persönlichkeit verarmen. Im Gegenteil, sie empfangen von Gott selbst eine geistliche Hilfe, die der gegenseitigen Hilfe der Ehegatten weit überlegen ist. Indem sie sich ganz dem hingeben, der ihr Prinzip ist und ihnen Anteil an seinem göttlichen Leben schenkt, verringern sie sich keineswegs, sondern vergrößern sich im Gegenteil. Wer könnte mit mehr Wahrheit als Jungfrauen die bewundernswerten Worte des Apostels Paulus auf sich anwenden: ‚Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir‘ (Gal 2,20)?“

In bestimmten Kreisen der katholischen Bewegung gilt das Apostolat von Verheirateten als wirksamer als das von unverheirateten Laien oder gar Priestern. Es wird argumentiert, dass Verheiratete, da sie gleichberechtigt mit der Mehrheit seien, besser als andere, die „keine Machtpositionen innehaben“, in der Lage seien, „die Wünsche und Ängste des modernen Menschen zu verstehen“. Im Gegensatz zu dieser Sichtweise äußerte sich der verstorbene Papst wie folgt: „Es erscheint Uns auch angebracht, etwas zu jenen zu sagen, die junge Menschen von Priesterseminaren und Ordensinstituten fernhalten und den Eindruck erwecken wollen, die Kirche brauche heute mehr Hilfe und das Bekenntnis zum christlichen Leben von verheirateten Menschen, die wie alle anderen in der Welt leben, als von Priestern und Ordensleuten, die sich sozusagen durch das Keuschheitsgelübde von der Welt abgesondert haben. Eine solche Vorstellung, verehrte Brüder, ist völlig falsch und sehr verhängnisvoll. Es ist gewiss nicht Unsere Absicht, die Fruchtbarkeit des Zeugnisses zu leugnen, das katholische Ehepaare durch ihr Lebensbeispiel und die Wirksamkeit ihrer Tugend an allen Orten und unter allen Umständen geben können. Doch diesen Grund anzuführen, um zu raten, die Ehe der völligen Hingabe an Gott vorzuziehen, bedeutet, die rechte Ordnung der Dinge ins Gegenteil zu verkehren und zu verfälschen.“ (Zitierte Enzyklika)

Diese „vergessene Wahrheit“, die dem kürzlich zu Gott berufenen Papst sowohl in Erinnerung geblieben ist, bereitet denen, die sie im Leben befolgen, eine unvergleichliche Krone in der Ewigkeit. Hören wir den Apostel Johannes, der die Herrlichkeit derer beschreibt, die sich, wie der geliebte Jünger unseres Herrn, in vollkommener Keuschheit Gott geweiht haben. Der Seher von Patmos sagt: „Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier lebendigen Wesen und den Ältesten. Niemand konnte das Lied singen außer den 144.000, die von der Erde erlöst worden waren. Diese haben sich nicht mit Frauen befleckt, denn sie sind Jungfrauen geblieben. Sie folgen dem Lamm, wohin es auch geht. Diese wurden aus den Menschen als Erstlinge für Gott und das Lamm erlöst. Und in ihrem Mund wurde keine Lüge gefunden, denn sie sind untadelig vor dem Thron Gottes.“ (6) Es sei darauf hingewiesen, dass nicht einmal die Engel selbst, obwohl sie reine Geister sind, dieses Lied singen können, sondern nur diejenigen, die „als Erstlinge für Gott aus den Menschen erlöst wurden“.

 

(1) 1 Kor 7,8.27.38.39.32.

(2) Vgl. Mt 19,10–12.

(3) Konzil von Trient, Sitzung XIV, Can. 10.

(4) Ansprache vom 16. September 1957, Übersetzung aus der Revista Eclesiástica Brasileira, Bd. 18, 1958, S. 195.

(5) Enzyklika „Sacra Virginitatis“, Übersetzung aus Editora Vozes, 1954.

(6) Offb 14,3–5.

  

Aus dem Portugiesischen mithilfe von Google-Übersetzer.

Abschift bitte mit Quellenangabe dieses Blogs.

Donnerstag, 29. Januar 2026

GEHT UND BAUT EINE NEUE WELT –

MARIA IST DAS PERFEKTE BEISPIEL FÜR EIN LEBEN MITTEN IN DER WELT 

Eine der größten Verdienste der Gotik bestand im Bau von Kirchen, die wahre Meisterwerke der Ordnung waren: eine strahlende Ordnung des Glaubens, des gesunden Menschenverstands, der erhabenen Geisteshaltung und der bezaubernden Anmut. Doch diese Ordnung – von der das Kirchenschiff von Coutances im Klischee so vollkommen zeugt – der gotische Stil drückte sich nicht nur in sakralen, sondern auch in profanen Bauwerken aus und zeigte damit, dass es keine Trennung zwischen geistlichem und weltlichem Leben, zwischen Kirche und Welt gibt. Auch das weltliche Leben muss, selbst in seinen tiefsten Aspekten, von einem glühenden Glauben inspiriert, geordnet und geprägt sein.

Das Jahr 1958 ist vorbei. Und so wird die alte, fast schon abgenutzte Praxis des Zurückblickens wieder eingeführt, gefolgt von einem ängstlich hinterfragenden Blick auf das Jahr 1959. Es wäre sinnlos, sich dieser Praxis zu entziehen, so routiniert sie auch erscheinen mag. Sie entspringt dem tiefsten Inneren der natürlichen Ordnung der Dinge. Gott selbst schuf die Zeit und wollte, dass sie für die Menschheit in Jahre unterteilt ist. Diese jährliche Dauer, eine stets in sich geschlossene Einheit, steht in bewundernswertem Verhältnis zur Länge des menschlichen Lebens und zum Rhythmus der irdischen Ereignisse. Die Vorsehung wollte, dass der unerbittliche Lauf der Jahre den Menschen in den Tagen, die als Brücke zwischen dem alten und dem neuen Jahr dienen, die Gelegenheit bietet, alles, was sich in ihnen und um sie herum verändert hat, sorgfältig zu prüfen, diese Veränderungen gelassen und objektiv zu analysieren, alte Methoden und Wege zu kritisieren, neue Methoden und Wege zu etablieren und jene Methoden und Wege zu bekräftigen, die sich nicht ändern können und sollen.

In gewisser Weise gleicht jedes Jahresende einem Gericht, in dem alles gemessen, gezählt und abgewogen werden muss, um das Schlechte zu verwerfen, das Gute zu bestätigen und in eine neue Phase einzutreten.

Die Praxis der Rückblicke und Vermutungen zum Jahresende und -beginn ist daher unvermeidlich.

Indem wir uns dieser von der Vorsehung vorgegebenen Ordnung, die in der natürlichen Ordnung der Dinge selbst liegt, anpassen, wollen wir uns unter dem Blick Mariens erneut dieser Aufgabe des Messens, Abwägens und Voraussagens widmen. Voraussagen, ja. Denn obwohl Gott gewöhnlich niemandem die Zukunft offenbart und keinem Menschen die Gabe unfehlbarer Vorhersagen gegeben ist, wünschte er dennoch, dass der menschliche Verstand genügend Erkenntnis besäße, um plausible Vermutungen anzustellen, die als wertvolles Element zur Lenkung menschlichen Handelns dienen können.

Natürlich erkennt ein katholisches Herz im Jahr 1958 drei prägende Momente. Es war das Jahr von Lourdes, in dem Freuden, Kämpfe und selbst Enttäuschungen vom übernatürlichen, sanften Licht der heiligen Grotte erhellt wurden. In diesem sanften Licht erloschen die Tage Pius’ XII., im Trost seines Lichts weinten die Gläubigen um den Papst, der sie so sehr geliebt hat und den sie so sehr liebten, und in der Pracht dieses Lichts erstrahlte der Beginn des Pontifikats Johannes’ XXIII. und erfüllte sie mit Verheißungen und Segnungen: 1958 wird uns als das Jahr von Lourdes, das Jahr des Todes Pius’ XII. und des Amtsantritts Johannes’ XXIII. in Erinnerung bleiben.

Doch wenn wir von diesen Höhen unseren Blick auf die Ereignisse richten, die vor allem die weltliche Gesellschaft betreffen, was erlebten wir im Jahr 1958? War es ein gutes Jahr? Ein schlechtes Jahr?

Auf diese Frage lassen sich, je nach Standpunkt, so viele Antworten geben, manche von so hohem, manche von so niedrigem Wert, dass man in völliges Chaos gerät. Denn jedes Jahr bringt notwendigerweise gute und schlechte Veränderungen mit sich. Und das große Problem besteht darin, ein Kriterium zu finden, um Gut und Böse zu bestimmen und abzuwägen.

Für einen Katholiken steht die Festlegung dieses Kriteriums außer Frage. Christliche Zivilisation ist die Ordnung aller weltlichen Dinge gemäß der Lehre der Kirche. Anders gesagt: Sie ist die Ordnung aller Dinge gemäß ihrer jeweiligen Natur, im Einklang mit ihrem letzten Ziel, sodass das verhältnismäßige Zusammenwirken aller zur Verwirklichung des Plans der Vorsehung führt, der die Ehre Gottes in diesem Leben und im Jenseits, also in Zeit und Ewigkeit, ist.

In Bezug auf die weltliche Ordnung besteht das größte Problem also darin zu erkennen, inwieweit die Ereignisse von 1958 zur Förderung und Entwicklung der christlichen Zivilisation beigetragen oder sie im Gegenteil untergraben und zerstört haben.

Ohne die Legitimität anderer, aus anderen Blickwinkeln vorgebrachter Überlegungen zu leugnen, muss man anerkennen, dass diese angesichts der eben dargelegten Frage von untergeordneter Bedeutung sind. Letztlich gewinnen sie nur dann an Sinn, wenn sie im Lichte des oben beschriebenen großen Problems betrachtet werden. Die christliche Zivilisation lässt sich in der Tat mit der kostbaren Perle vergleichen, von der im Evangelium die Rede ist (Mt 13,46). Um sie zu erlangen, müssen wir alles verkaufen. Denn aller Reichtum nützt uns nichts, wenn wir nicht den unschätzbaren Wert der christlichen Zivilisation besitzen. Dies zeigt sich deutlich in unserem traurigen Atomzeitalter, in dem der Mensch über einen Überfluss an materiellen Ressourcen verfügt, die ihm jedoch geistig und materiell schaden, weil ihre Verwendung nicht den Prinzipien der Kirche entspricht.

Dieses Urteil aus dem Jahr 1958 kann nur angesichts der konkreten Situation gefällt werden, in der wir uns befinden. Die christliche Zivilisation existierte im Westen in großer Pracht und Fülle. Papst Leo XIII. sagte dazu:

„Es gab eine Zeit, da die Philosophie des Evangeliums die Staaten regierte. Damals durchdrang der Einfluss christlicher Weisheit und ihrer göttlichen Tugend die Gesetze, Institutionen und Gebräuche des Volkes, aller Stände und aller Beziehungen der bürgerlichen Gesellschaft. Damals blühte die von Jesus Christus eingesetzte Religion, fest etabliert in der ihr gebührenden Würde, überall dank der Gunst der Fürsten und des legitimen Schutzes der Obrigkeit. Damals waren Priestertum und Reich durch glückliche Eintracht und freundschaftliche Gegenseitigkeit guter Dienste miteinander verbunden. So organisiert, brachte die bürgerliche Gesellschaft Früchte hervor, die alle Erwartungen übertrafen. Die Erinnerung daran besteht fort und wird fortbestehen, da sie in unzähligen Dokumenten festgehalten ist, die keine List der Widersacher verfälschen oder verdunkeln kann.“ (Enzyklika „Immortale Dei“, 1. November 1885)

... Diese einst so großartige Zivilisation geriet durch einen langen und schmerzhaften historischen Prozess in eine Krise. Dessen Hauptphasen waren im ideologischen Bereich der Naturalismus, Skeptizismus und die Hyperkritik der Humanisten, die Negationen des Protestantismus, später die Aufklärung und der Deismus, die zum heutigen Atheismus und Pantheismus führten; im weltlichen Bereich die absolutistischen und kaiserlich-papistischen Vorstellungen der Legalisten, der Säkularismus und der politische und soziale Egalitarismus der Französischen Revolution sowie der Atheismus und der soziale und wirtschaftliche Egalitarismus des Kommunismus.

Was ist heute vom alten Gebäude der christlichen Zivilisation übriggeblieben? Sehr wenig. In einem Brief an Seine Eminenz Kardinal Carlos Carmelo de Vasconcellos Mota, Erzbischof von São Paulo, erklärte der Hochwürdigste Monsignore Angelo Dell’Aqua, Substitut des Staatssekretariats des Vatikans, in der ihm obliegenden Verantwortung, dass „infolge des religiösen Agnostizismus der Staaten“ das Empfinden für die Kirche „in der modernen Gesellschaft gedämpft oder beinahe verloren gegangen“ sei. Wenn die Wurzel gleichsam vollständig abgeschnitten ist, haben die Früchte und Blüten, die am Baum verbleiben, ein Dasein, das man eher als ein Nachleben bezeichnen könnte. Das Wenige, was von der christlichen Zivilisation in der nachchristlichen Zivilisation (nennen wir sie so) unserer Zeit noch übrig ist – einige Gewohnheiten, Bräuche und Traditionen, diese oder jene Denkweise, die eine oder andere gesetzliche Bestimmung –, weist zumeist einen mehr oder weniger anachronistischen Aspekt des Überlebens auf.

Wir leugnen natürlich nicht, dass viele Seelen – vielleicht sogar mehr als vor hundert Jahren – weiterhin in inniger Verbundenheit mit der Heiligen Kirche leben und eine heldenhafte Treue beweisen, die der der Märtyrer des Kolosseums in nichts nachsteht. Trotzdem ist es wahr, dass der Rückschritt in Bezug auf soziale Sitten, Kultur, politische Institutionen und Wirtschaftsleben immer größer wird.

„Maria ist das vollkommene Beispiel für ein Leben inmitten der Welt.“

Und so ist es für das Jahr 1958 entscheidend zu wissen, ob der Rückschritt fortfuhr: „ob der Siegeszug des Neuheidentums gestoppt wurde, ob die Rückeroberung der Welt für unseren Herrn Jesus Christus bereits begonnen hat …“

Im Kontext unserer Diskussion kann die Antwort nur eine lauten: Nein.

Zunächst wäre es leichtsinnig zu behaupten, der Kommunismus habe im Westen nennenswert an Prestige verloren. Dass beispielsweise in Italien und Frankreich die Wahlen der Kommunistischen Partei etwas geschadet haben, ist nicht bedeutsamer als die Truppenbewegungen in einer langen Schlacht. Im Gegenteil, in Brasilien beispielsweise nimmt der kommunistische Einfluss deutlich zu. Wir sprachen vom kommunistischen Einfluss, nicht vom Kommunismus selbst. Tatsächlich sehe ich keinerlei Anzeichen für eine größere Offenheit der Öffentlichkeit gegenüber der Marx’schen Lehre. Aber es gibt eine wachsende Tendenz einflussreicher Männer im Land, unsere Außenpolitik an die Moskauer anzugleichen. Es ist nicht schwer zu erkennen, welche Vorteile der sowjetische Fuchs daraus in einem bestimmten Moment ziehen konnte.

Was den Osten betrifft, hofften einige, dass eine Haltung wohlwollender Trägheit und mitunter sogar positiver Zusammenarbeit der Katholiken mit nationalistischen und emanzipatorischen Bewegungen günstigere Bedingungen für das Bestehen der Kirche schaffen oder zumindest die erträglichen Verhältnisse bewahren würde, in denen sie sich befand. Natürlich gab es auch Befürchtungen. Könnte beispielsweise der Druck und vor allem die Faszination Russlands für nativistische Bewegungen gefährliche Folgen haben? Man muss anerkennen, dass die Ereignisse von 1958 fast immer dazu beitrugen, Hoffnungen zu zerstören und Befürchtungen zu bestätigen. Viele der nativistischen Bewegungen wandten sich gegen die Kirche, die nun fast überall von einer ungerechten und engstirnigen Fremdenfeindlichkeit verfolgt wurde, die von Russland geschürt wurde, trotz der überschwänglichen Bekundungen des guten Willens, die Katholiken dem Antikolonialismus entgegenbrachten.

Doch das Schlimmste liegt nicht darin. Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich der kulturelle Verfall der westlichen Welt weiter verschärft. Die Unsittlichkeit hat stetig zugenommen. Die weltweite „Rock’n’Roll“-Epidemie ist ein Indiz dafür – ein Phänomen, das vielerorts sichtbar ist und unbestreitbar Bedeutung hat, wenn man es als akuten Ausdruck eines weitverbreiteten und allgemeinen Geisteszustands im Westen betrachtet: ein Neopaganismus, der seinen Höhepunkt erreicht und sich selbst übertrifft. Der Fortschritt eines impliziten Materialismus, der rein materielle Werte – oder zumindest Werte, die nur in ihrer materiellen Form betrachtet werden, wie Geld, Technologie, Zahlen, Masse, Sport, Gesundheit und Komfort – vergöttlicht, scheint seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Der Egalitarismus, der die Vorrangstellung von Quantität über Qualität, von Vulgärem über das im Wesentlichen Edle und Erhabene, von Materie über Geist bekräftigt, dringt immer tiefer ein und führt zu radikalster Verwirrung und Unordnung in den menschlichen Beziehungen. Die zunehmende Gleichstellung von Ehefrau und Ehemann, von Kindern und Eltern, von Schülern und Lehrern, von Jüngeren und Älteren, von Angestellten und Vorgesetzten, von Regierten und Regierenden – darauf zielt der immense Wandel der Sitten, den wir gerade erleben, unaufhaltsam ab.

Und so würde der nichtkommunistische Westen, selbst ohne Eisernen Vorhang und Bambusvorhang, hinter dem sich die ganze Welt verbirgt, durch seine eigene innere Dynamik zum Kommunismus gelangen.

Wie kann man sich gegen eine Gefahr verteidigen, die einen, fasziniert und träge, einfach auf sich zukommen lässt? Wie kann man Gottes Segen und Schutz vor einem furchterregenden Gegner erlangen, der seine eigenen Spielregeln befolgt? Wie kann man Gottes Schutz finden, wenn man Gott selbst beleidigt und Weihrauch auf den Altären des Antichristen des 20. Jahrhunderts verbrennt?

Das Jahr 1958 war schlimm…

…Und nichts deutet darauf hin, dass 1959 besser wird. Doch 1959 könnte besser werden, wenn sich die Katholiken ihrer Verantwortung bewusst werden. Weltweit zählen sie fast 500 Millionen. Dieses zahlenmäßige Argument hat Gewicht. Aber viel wichtiger ist, dass sie den mystischen Leib unseres Herrn Jesus Christus bilden, den auserwählten Teil der Menschheit, für den die Vorsehung Wunder wirken kann, wenn sie sich zur gnadenvollen Zusammenarbeit entschließt. Alles läuft schlecht. Doch nichts, absolut nichts ist verloren, wenn wir uns dennoch entscheiden, tapfer zu kämpfen und im Glauben die Hilfe des Herrn anzurufen.

Die Prognosen für 1959? Sie werden düster sein, wenn wir in Trägheit, Lauheit und Unkenntnis des Wertes des Gebets verharren. Sie können aber günstig ausfallen, wenn wir uns endlich entschließen, mit mehr Vertrauen zu beten, uns mit größerer Buße aufzuopfern und mit mehr Eifer, mehr Geschick und größerem Mut zu handeln.

Der erste Punkt eines jeden Programms in diesem Sinne ist die Inbrunst des inneren Lebens. Ohne die Vereinigung mit Gott wird nichts erreicht. Und die Vereinigung mit Gott setzt eine Vertiefung unserer Marienverehrung voraus. Denn nur wer mit Maria vereint ist, ist mit Gott vereint.

Was also ist nun konkret zu tun?

Anlässlich des II. Nationalkongresses des Dritten Ordens des Karmel in São Paulo wurde ein Dokument von höchster Bedeutung erörtert, nicht nur für Karmeliten, sondern für alle Katholiken. Es handelt sich um einen Brief, den Seine Väterlichkeit, Pater Kiliano Lynch, Generalprior des Karmeliterordens der Alten Observanz, zu diesem Anlass an die Brüder des Dritten Ordens in Brasilien verfasste. Es ist ein tiefgründiges und umfassendes Aktionsprogramm. Es spricht nicht explizit von Presse, bürgerschaftlichem Engagement, Bildungsfragen, Gewerkschaften, Sozialarbeit, Familienfragen oder der Kunst des 20. Jahrhunderts. Doch implizit umfasst es alles. Denn ohne auf konkrete Probleme einzugehen, positioniert sich dieses Programm an einem Punkt, an dem alle Fragen beleuchtet und gelöst werden. Aufgrund der glanzvollen Traditionen des ruhmreichen Ordens, dessen höchste hierarchische Figur er ist, aufgrund des außergewöhnlichen Wertes seiner persönlichen Qualitäten und aufgrund der Aktualität seiner Worte verdient der berühmte Karmelitergeneral, von allen Lesern von „Catolicismo“ gehört zu werden.

Zuallererst setzt ein Aktionsprogramm einen klaren Blick auf die Realität voraus. Keine Sofortmaßnahmen, keine Lösung der Schwierigkeiten des Apostolats allein anhand der kleinen Probleme, die in einer Sakristei oder einem Vereinshauptquartier entstehen und verstummen. Es bedarf eines umfassenden und ganzheitlichen Blicks auf unsere Zeit und ihre Tendenzen, auf das Wesen und das wahre Ausmaß der zu lösenden Probleme.

Doch dieser Blick auf unsere Zeit muss mutig sein. Wir dürfen uns nicht von einem feigen Optimismus blenden lassen, der zu einer Politik führt, die den Kopf in den Sand steckt. Die Probleme, vor denen wir stehen, sind tragisch schwerwiegend. Wir müssen sie mit offenen Augen betrachten. Und wir müssen sie klar benennen. Die unkluge Taktik, die Schwierigkeiten der Zeit aus Furcht, den Gegner zu verärgern, zu verschweigen, führt zu nichts. So beschreibt der General der Unbeschuhten Karmeliten die Situation der modernen Welt folgendermaßen:

„Da Sie außerhalb des Klosters leben, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, wie entchristlicht die Welt heute ist, wie heidnisch das Leben geworden ist, nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Familie und im Einzelnen. Der von der modernen Kultur hervorgebrachte Säkularismus hat das menschliche Leben in all seinen Aspekten von Gott entfremdet. Das Dasein hat heute den Sinn einer tiefen und innigen Beziehung zu Gott verloren und wird nur noch als Selbstzweck betrachtet. Die Folge ist, dass es seinen wahren Sinn verloren hat und ziellos umherirrt. Das Leben wird nicht mehr im Lichte von etwas Höherem betrachtet, und wahres Glück ist verschwunden. Nie zuvor in seiner langen Geschichte hat der Mensch auf dem Weg des materiellen Reichtums so große Fortschritte gemacht und auf dem Weg des Friedens und des Glücks so große Rückschritte gemacht.“

Moderne Soziologen berichten, dass der moderne Mensch zunehmend von Angst und Mutlosigkeit geplagt wird und nicht mehr in der Lage ist, ein Leben in Würde zu führen. Alles, was ihn umgab und ihm Kraft und Licht spendete, ist verschwunden, und er ist auf sich allein gestellt. Dieses Zeitalter, das so viel versprach, endet in bitterer Ernüchterung. Trotz der Errungenschaften der Wissenschaft lebt der Mensch in Dunkelheit, und der Schatten des Todes bedroht ihn.

Wie auch immer sich die Dunkelheit der Gegenwart darstellen mag, wir dürfen niemals vergessen, dass die Mächte der Finsternis ihre Stunde hatten, Christus sie aber besiegt hat. Unser Glaube, die beständige Feier der Auferstehung, ist noch immer unser Sieg.

Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, die Schwere der Lage würde uns in Untätigkeit versetzen. Im Gegenteil, die extreme Gefahr spornt den tapferen Kämpfer an. Der berühmte Pater Kilian Lynch schreibt:

„Diese Ära“, sagte Pius XI., „ist eine der schwierigsten, die die Geschichte erlebt hat, aber auch eine der schönsten; Denn dies ist eine Zeit, in der Mittelmäßigkeit niemandem gestatten wird, in der christliches Leben in all seiner Kraft erblüht und Erfolge für die Kirche errungen werden.“ Und wie passend ist da die Weihnachtsbotschaft seines erhabenen Nachfolgers Pius XII.: „Strebt also, liebe Kinder. Schließt die Reihen. Lasst euch nicht entmutigen und verschränkt nicht die Arme. Geht und baut eine neue Welt für Christus.“ (1944)

„Geht und baut eine neue Welt auf.“ Seht, liebe Mitglieder des Dritten Ordens, unsere Botschaft an euch. Geht und gebt dem Leben christliche Form und Struktur. Prägt es mit dem Siegel Christi und seiner Heiligen Mutter, indem ihr in jeder Hinsicht ein wahrhaft christliches Leben führt. Geht und werdet „eine brennende und leuchtende Lampe“ inmitten der Finsternis und seid wie Johannes der Täufer Wegbereiter einer besseren und heiligeren Zukunft.

Das spezifische und primäre Heilmittel besteht, wie bereits erwähnt, in der Inbrunst des geistlichen Lebens. Diese Inbrunst hat jedoch eine logische Konsequenz: die Annahme eines wahren Verständnisses des irdischen Lebens und der weltlichen Gesellschaft durch den Menschen. Alles ist für uns ein Mittel, zum Schöpfer zu gelangen. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass Gott die ursächliche Ursache aller Geschöpfe ist. Gott in allen Wesen zu sehen und zu lieben, sei es in ihrem natürlichen Zustand oder nach der richtigen Verwandlung durch den Menschen, ist das Wesen katholischer Kultur und ein unschätzbares und unverzichtbares Mittel der Heiligung.

„Der erste Schritt“, fährt der Brief fort, „den Sie unternehmen müssen, um dieses Ziel (dem Leben christliche Form und Struktur zu geben) zu erreichen, besteht darin, den inneren Sinn des Lebens wiederherzustellen und ein tief verwurzeltes Bewusstsein der christlichen Berufung zu entwickeln. Der grundlegende Irrtum der heutigen Zeit ist, dass der Mensch den Grund seiner Existenz in der Welt, den Grund seiner Erschaffung durch Gott, vergessen hat.“ Wir gehören Gott im absoluten Sinne des Wortes und sind in dieser Welt, um ihm zu dienen, selbst in den unbedeutendsten Geheimnissen des Alltags.

Der Grund für das viele Unglück liegt darin, dass der moderne Mensch gegen die ihm innewohnenden und kraftvollen Kräfte ankämpft, die ihn zu Gott drängen, während er versucht, Frieden zu finden und dabei den göttlichen Plan, der in seiner eigenen Natur liegt, verachtet. Doch wer kann gegen Gott bestehen?

Wir müssen das Leben wieder im Lichte seines letzten Sinns betrachten, um das Göttliche im Materiellen, das Ewige im Zeitlichen und die Heiligkeit in allem außer der Sünde zu erkennen. Die große Aufgabe unserer Zeit ist es, alle Lebensbereiche vom Licht und der Kraft unseres Glaubens durchdringen zu lassen. Der Abgrund, den unsere Zeit zwischen Glaube und Leben geschaffen hat, muss überbrückt werden, und die göttliche Gnade muss wie Sauerteig wirken, um unser Dasein auf eine höhere Ebene zu heben.

Es steht außer Frage, dass in diesem Sinne alle Geschöpfe dazu beitragen müssen, eine Atmosphäre des Denkens und einen Handlungsrahmen zu schaffen, die auf die Ehre Gottes ausgerichtet sind. Es geht darum, die Geschöpfe zu ordnen, nicht sie zu ignorieren oder zu verachten.

Was die Sünde betrifft, so muss man ihr gegenüber absolut unnachgiebig sein. Deshalb ist die Liebe zum Sünder eine dynamische Liebe, die ihn nicht so annimmt, wie er ist, sondern ihn durch den Kampf gegen die Sünde in ihm verwandeln will. Es ist die „erlösende Liebe“:

„Im Kampf gegen die üblen Folgen des Säkularismus dürfen wir nicht ins andere Extrem verfallen (wie so viele), indem wir dem Leben und den Dingen dieser Welt ihre natürliche Güte und Würde rauben. Wir dürfen nur eines hassen: die Sünde, denn die Sünde allein wurde nicht von Gott geschaffen und geheiligt.“

Kardinal Suhard drückt es so aus: „Der Christ war nicht berufen, die Welt zu zerstören oder zu verunglimpfen, sondern sie anzunehmen, sie zu heiligen, sie Gott zu weihen …“ „Die zeitliche Wirklichkeit“, schreibt Mouroux, „ist eine verwundete Wirklichkeit, die mit erlösender Liebe geliebt werden muss … Der Christ liebt die zeitliche Wirklichkeit, weil sie ihm hilft, sich Gott zuzuwenden.“ Wir erlösen die Dinge, insofern wir das Göttliche in ihnen erkennen, insofern wir sie im Einklang mit dem göttlichen Willen nutzen.“

Ein kranker Mensch mit Urteilsvermögen kann sich nicht mit sentimentalen Erinnerungen an seine gesunden Tage zufriedengeben. Wenn er die Gesundheit wirklich liebt, muss er sie wiederherstellen. Die Sehnsucht nach christlicher Zivilisation, die nicht den Wunsch weckt, die Gültigkeit ihrer Grundprinzipien wiederherzustellen, wäre vergeblich.

In der weltlichen Gesellschaft muss der Bruder des Dritten Ordens seine ihm von Gott gegebene Mission erfüllen: das Licht der unsterblichen Prinzipien der Kirche neu zu entfachen:

„Die Mitglieder des Dritten Ordens sind daher nicht berufen, der Welt zu entfliehen oder sie zu verachten, sondern sie mit der erlösenden Liebe Christi und seiner Mutter zu lieben. Wie bei uns hat alles sein Ende in Gott. Alles preist den Allerhöchsten: Wir müssen gleichsam Herz und Stimme der Dinge sein, in der großen Harmonie, die der moderne Mensch vergessen hat.“

Wie wunderbar wäre es, wenn die Mitglieder des Dritten Ordens diese positive, schöpferische, heiligmachende, auf Gott ausgerichtete Haltung in ihrem Leben tatsächlich umsetzten.

Die – sozusagen – Wiederentdeckung des heiligen Charakters jedes Lebensweges, ungeachtet seiner jeweiligen Umstände, trägt auch zur Heiligung der Mitglieder des Dritten Ordens bei. Nicht selten begegnen wir Menschen, die den Mangel an Zeit für spirituelle Dinge beklagen. Die einzige Zeit, die sie Frömmigkeitsübungen wie Gebeten, geistlichen Lesungen, Meditationen oder Kirchgängen widmen, betrachten sie als sinnvoll genutzt. Die Stunden der häuslichen Beschäftigung mit ihren vielfältigen und kleinen Aufgaben, die gesamte Zeit, die für Familie und Beruf aufgewendet wird, sehen sie als verloren an.

Diese Vorstellung ist jedoch falsch. Tatsächlich sind all diese Lebensbereiche von Gott gewollt und, wenn sie im Einklang mit der christlichen Berufung betrachtet und ihr geweiht werden, sind sie Quellen des Lobes Gottes und des Segens für uns.

In Unserer Lieben Frau, Mutter und Glanz des Karmel, finden wir ein vollkommenes Beispiel für ein erfülltes und ganzheitliches Leben inmitten der Welt. Das Bild, das die Evangelien von ihr zeichnen, ist das einer einfachen und demütigen Zimmermannsfrau, die Gottes Willen aufmerksam folgte, um ihn von ganzem Herzen zu erfüllen. Ihr Leben war ein Lobgesang auf den Herrn, und ihr Beispiel heiligte selbst die unbedeutendsten Dinge des Alltags. Sicherlich schrieb Benedikt XV. vor dem Hintergrund Marias, dass selbst heroische Heiligkeit „in der genauen und beständigen Erfüllung der Pflichten des eigenen Standes“ besteht. Und die heilige Teresa sagt: „Wir wissen, dass Marias wahres Leben, sowohl in Nazareth als auch in den folgenden Jahren, ein ganz gewöhnliches Leben war“, aber es war zugleich ein „Magnificat“ für den Herrn, das sich unserem Verständnis entzieht und der Menschheit reiche Gnaden und Segnungen einbrachte.

„Ihr, seine Auserwählten, müsst ihrem Beispiel folgen, den Willen und das Wirken Gottes in dem Leben erkennen, zu dem ihr berufen seid, und euer Leben zu einer Antwort auf diese Berufung machen. Du musst Gottes Willen auf dieser Erde tun, wie Maria es tat, und in jedem Augenblick danach streben, genau das zu sein, was Gott von dir will.“

Die tiefgründigen Worte von Pater Kilian Lynch, O. Carm., verdienen es, in diesem turbulenten Silvesterabend bedacht zu werden. Denn sie zeigen uns, wie die Welt aussehen wird, wenn wir in der irdischen Gesellschaft nicht mutig handeln. Und vor allem zeigen sie uns, zu welchen Höhen die Welt durch die erlösende, verwandelnde Liebe aller Katholiken zum Sünder und ihren unnachgiebigen Hass auf die Sünde emporgehoben werden kann.

 


ARMUT UND PRACHT: HARMONISCHE GEGENSÄTZE IM FIRMAMENT DER KIRCHE

 

UMFELD, BRÄUCHE, ZIVILISATIONEN

Plinio Corrêa de Oliveira

Ein Aspekt der Heiligen Kirche. In einer schwach beleuchteten Zelle, vor einem Kruzifix, das an den schmerzlichsten Tod aller Zeiten erinnert,

blättert ein Kartäusermönch in einem Andachtsbuch. In ein einfaches, ärmliches Habit gekleidet und mit langem Bart, scheint dieser Ordensmann die Verkörperung all jener Elemente zu sein, die seine Umgebung durchdringen: tiefe Ernsthaftigkeit, die feste Entschlossenheit, nur für das Tiefe, Wahre und Ewige zu leben, edle Einfachheit, ein Geist der Entsagung alles Irdischen, materielle Armut und schließlich die Erleuchtung durch die übernatürlichen Spiegelungen des höchsten spirituellen Reichtums.

* * *

Ein weiterer Aspekt der Heiligen Kirche.

Im gewaltigen Mittelschiff des Petersdoms zieht die päpstliche
Prozession majestätisch dahin. Das Foto zeigt nur einen Teil davon: einige Kardinäle und die kirchlichen und weltlichen Würdenträger, die der Sedia Gestatoria unmittelbar vorausgehen. An ihrer Spitze schreitet der Papst, flankiert von den berühmten Flabelli und gefolgt von der Edel Garde. Im Hintergrund erhebt sich der Altar der Confessio mit seinen eleganten Säulen und dem prächtigen Baldachin. Und noch weiter hinten Berninis berühmte „Gloria“. Die hohen, mit bewundernswertem Marmor verkleideten und mit Reliefs geschmückten Wände, die zugleich leichten und gewaltigen Bögen, die Lichter, die wie Sterne oder funkelnde Diamanten leuchten – kurzum, alles ist von einer Erhabenheit durchdrungen, einem Reichtum, der den Gipfel dessen darstellt, was die Erde in ihrer schönsten Form zu bieten hat. Es ist der größte Prunk, zu dem der Mensch fähig ist, verstärkt durch die Pracht der Kunst und die Herrlichkeit der natürlichen Ressourcen des Steins.

Was in dem einen Bild zurückhaltende Ernsthaftigkeit ist, ist in dem anderen strahlender Glanz. Was in dem einen Armut ist, ist in dem anderen Pracht. Was in dem einen Einfachheit ist, ist in dem anderen Raffinesse. Was in dem einen Verzicht auf das Leben ist, ist in dem anderen die Fülle des Erhabensten unter ihnen.

Widerspruch? Das würden viele sagen: Kann man denn zugleich Reichtum und Armut, Einfachheit und Prunk, Pracht und Besinnlichkeit lieben? Kann man zugleich die Abkehr von allem Irdischen preisen und deren Zusammenführung für die Gestaltung eines Gemäldes, in dem die höchsten irdischen Werte erstrahlen?

Das Problem ist hochaktuell, gerade jetzt, wo sich Papst Johannes XXIII. mit so erbaulichem Eifer für die glanzvollen Traditionen des Vatikans zeigt – sehr zum Erstaunen jener, die eine Mentalität wie Aneurim Bevan verkörpern (der Labour-Chef ist ein Verfechter des Kampfes gegen jeglichen Pomp und verfolgte einen Teil der Krönungszeremonie von Königin Elizabeth II. mit dem Rücken zu ihr).

Nein, es besteht kein Widerspruch zwischen den verschiedenen Wertesystemen, außer in den Köpfen der Egalitaristen, der Gleich macherei, der Diener der Revolution. Im Gegenteil, die Kirche erweist sich als heilig, gerade weil sie mit gleicher Vollkommenheit, mit demselben übernatürlichen Genie, die Ausübung jener Tugenden zu organisieren und zu fördern weiß, die im stillen Leben des Mönchs und jene, die im erhabenen Zeremoniell des Papsttums erstrahlen, zu fördern und zu organisieren vermag. Mehr noch: Das eine gleicht das andere aus. Man könnte fast sagen, dass das eine Extrem (im positiven Sinne des Wortes) das andere kompensiert und mit ihm versöhnt wird.

Die theologische Grundlage, auf der diese beiden gegensätzlichen Heiligen sich begegnen und harmonieren, ist klar. Gott, unser Herr, gab uns Geschöpfe, damit sie uns auf dem Weg zu ihm dienen. Daher ist es notwendig, dass Kultur und Kunst, vom Glauben inspiriert, die Schönheit der irrationalen Schöpfung und den Glanz der Talente und Tugenden der menschlichen Seele hervorheben. Dies ist christliche Kultur und Zivilisation. Dadurch werden die Menschen in Wahrheit und Schönheit, in der Liebe zum Erhabenen, zur Hierarchie und zur Ordnung geformt, die im Universum die Vollkommenheit dessen widerspiegeln, der es geschaffen hat. So dienen die Geschöpfe tatsächlich unserem Heil und der göttlichen Ehre. Andererseits sind sie aber vergänglich; nur Gott ist absolut und ewig. Dies gilt es zu bedenken. Deshalb ist es gut, sich von den Geschöpfen zu distanzieren, damit man in ihrer Verachtung allein an den Herrn denkt. Auf dem einen Weg, indem man alles betrachtet, was die Geschöpfe sind, erhebt man sich zu Gott; auf dem anderen Weg nähert man sich ihm, indem man bedenkt, was sie nicht sind. Die Kirche lädt ihre Kinder ein, beide Wege gleichzeitig zu beschreiten, durch das erhabene Schauspiel ihrer Pracht und durch die Betrachtung der bewundernswerten Entsagungen, zu denen nur sie inspirieren und die sie wirksam herbeiführen kann.

 

 

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer ins Deutsche.

Die deutsche Fassung dieses Artikels ist erstmals erschienen in
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Mittwoch, 21. Januar 2026

Meine Beziehung zum Papsttum

 


 von Plinio Corrêa de Oliveira

Wie hat unser Herr Jesus Christus das Papsttum eingesetzt? In den Evangelien steht geschrieben, dass unser Herr zu Petrus sagte: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“ Dieser Satz enthält die göttliche Verheißung, dass das Papsttum bis zum Ende der Zeiten nicht irren wird. Er enthält auch die Bestätigung der Unfehlbarkeit des Papstes als Oberhaupt der Kirche und der Unfehlbarkeit der Kirche in der Einheit mit dem Papst.

Meine Begeisterung für das Papsttum

Ich erinnere mich, dass ich als Jugendlicher, als mein Glaube von der mir bei der Taufe geschenkten, angeborenen Stufe zur bewussteren und rationaleren Stufe des Erwachsenenalters reifte, viel über diesen Punkt nachdachte, der in mir eine unglaubliche Begeisterung weckte: die Unfehlbarkeit der Kirche und insbesondere der Kirche in der Person des Papstes. Ich war etwa 14 Jahre alt und hatte bereits genug Lebenserfahrung, um die Torheiten zu erkennen, die die Welt bald heimsuchen würden.

Ich hatte eine vage, aber sehr reale Ahnung, wohin die Welt steuerte. Mir war vollkommen bewusst, dass wir auf den Abgrund zusteuerten. Ich wusste auch, dass inmitten des Verfalls der Welt die einzigen Worte der Ordnung – Frieden, Glaube, Weisheit, Moral, Anstand und Reinheit – aus einer einzigen Quelle kamen: dem Lehramt der Heiligen Katholischen Kirche.

Ich dachte: Wie schön, gut und heilig ist es doch, dass unser Herr Jesus Christus einen Mann an die Spitze der Hierarchie gesetzt hat, der mit Hilfe des Heiligen Geistes unfehlbar ist. So dass er, wenn er spricht und sich auf das Charisma der Unfehlbarkeit beruft, nicht irrt. Wir gelangen nicht zur Wahrheit, indem wir die Bischöfe der Welt versammeln, um alles zu diskutieren. Manchmal gelingt es, ausnahmsweise. Aber das letzte Wort hat immer der Papst. Er ist es, der das Schiff Petri lenkt.

Sie können sich meine Begeisterung angesichts dieser Aussicht nicht vorstellen! Ich bin von Natur aus enthusiastisch. Ich bewundere gern. Wenn ich etwas Bewundernswertes finde, sei es groß oder klein, fühle ich mich wohl. Bewunderung ist der Kern meiner Seele. Ich bin zum Bewundern geboren. Ich kann sagen, dass ich im Laufe meines langen Lebens vieles bewundert habe und es so sorgfältig ausgewählt habe, dass Enttäuschungen selten waren. Ich bewundere nicht alles. Ich bin sehr, sehr wählerisch.

Ich kann sagen, dass ich auf dieser Erde nichts so sehr bewundert habe wie die Unfehlbarkeit des Papsttums. Ich glaube, dass das Papsttum als Institution diese Bewunderung verdient. Und ich habe es mit jeder Faser meines Wesens bewundert.

Über das Papsttum hinaus bewundere ich die Muttergotttes. Wenn man von der Muttergottes spricht, versagt einem die Stimme, der Blick schweift gen Himmel. Aber es gibt etwas noch Bewundernswerteres. Die menschliche Sprache vermag nicht die Bewunderung auszudrücken, die ich für die Heilige Eucharistie empfinde, vor der ich mich ehrfürchtig verneige.

Deshalb fühlte sich meine jugendliche Seele verletzt, als mich ein Atheist wegen der angeblich unmoralischen Päpste der Renaissance tadelte. Oder als ich von unappetitlichen Episoden aus dem Leben mancher Päpste hörte. Obwohl ich die historischen Fakten nicht kannte, reagierte ich empört und stritt sie mit aller Kraft ab. Bis ich eines Tages dasselbe von einem Jesuitenpater hörte, einem sehr gebildeten und intelligenten Mann. Es war, als hätte mich jemand in die Seite gestochen. Ich dachte: Gibt die Kirche also solche Dinge über sich selbst zu? Ist sie dann keine makellose Dame? Keine Königin von großer Schönheit ohne Falten oder Makel? Ist die Kirche auch so ein schreckliches Ding? Ich war schockiert.

Nach reiflicher Überlegung entschied ich jedoch, dass dies mein Bild von der Kirche, der Quelle aller Schönheit, nicht trüben durfte. So begann ich, ihre Geschichte und ihr Lehramt sorgfältig zu studieren. Und wie es mir immer mit den Dingen der Heiligen Katholischen Kirche ergangen ist, geschah es auch diesmal. Wenn ich aus irgendeinem Grund etwas in ihrer Lehre fand, dass ich nicht verstand, verharrte ich in einer Haltung gelassener Hoffnung. Da die Kirche nicht irren kann und ich schon, dachte ich, dass das, was ich in diesem Moment nicht verstand, keineswegs ein Makel sein würde, sondern, sobald ich es verstand, ein Schatz an Weisheit sein würde, den es zu lieben gilt. So ging ich weiter, in der Gewissheit, dass die Kirche mich einmal mehr überraschen würde.

So verhielt es sich auch mit dem Papsttum.

Die Grenzen der Unfehlbarkeit

Beim Studium der Enzyklika Pastor Aeternus entdeckte ich, dass unser Herr das Charisma der Unfehlbarkeit begründet hat, wenn der Papst ex cathedra spricht, das heißt, wenn er als Nachfolger des heiligen Petrus ausdrücklich seine Absicht erklärt, eine Glaubenswahrheit zu definieren. Mit anderen Worten: Gemäß der katholischen Lehre selbst gibt es bestimmte Bedingungen für die Ausübung dieses Charismas. Wenn ein Papst diese Bedingungen erfüllt, ist er absolut unfehlbar. Der Heilige Geist bewahrt seinen Verstand vor jedem Irrtum.

Außerhalb dieser Bedingungen: Ist der Papst unfehlbar? Ist beispielsweise eine Enzyklika, in der der Papst dieses Charisma nicht erwähnt, unfehlbar? Wäre eine päpstliche Bulle oder eine Apostolische Konstitution unfehlbar? Kann der Papst sich in einem solchen Dokument irren? Wie lautet die Lehre der Kirche dazu?

Selbst in einem Dokument, das nicht unter die Unfehlbarkeitsgarantie fällt, hat der Papst in der Regel Recht. Nur aus sehr starken, stichhaltigen Gründen, die jemand, der sich eingehend mit dem Thema auseinandergesetzt hat, und mit tiefem katholischem Glauben vorbringen kann, lassen sich Zweifel an einem päpstlichen Dokument aufkommen. Normalerweise muss man davon ausgehen, dass man sich irrt und das Dokument korrekt ist.

Es gibt jedoch einen Umstand, unter dem sich ein Irrtum in einem päpstlichen Dokument leicht erkennen lässt: wenn es im Widerspruch zu den Lehren der Päpste der Vergangenheit steht – mit anderen Worten, wenn es der Tradition widerspricht. Wenn alle Päpste im Laufe der Jahrhunderte dieselbe Wahrheit gelehrt haben, kann ein Papst nicht das Gegenteil lehren. Eine lange Tradition päpstlicher Dokumente des ordentlichen Lehramtes kann keinen Irrtum lehren. Anders gesagt: Kontinuität in der Tradition begründet Unfehlbarkeit.

Man könnte einwenden: Wäre es nicht schöner gewesen, wenn unser Herr ein Papsttum eingesetzt hätte, das stets unfehlbar wäre, selbst in alltäglichen Kleinigkeiten? Es wäre viel sicherer.

Eine erste Antwort lautet: Gott hat das Papsttum nicht so geschaffen, und wir müssen lernen, die Schönheit seiner Schöpfung und ihrer Schöpfungsweise zu bewundern.

Aber es gibt noch eine andere Antwort. Der Papst ist ein Mensch. Er wurde in Erbsünde empfangen. Daher ist er, so weise er auch sein mag, dem Irrtum unterworfen. Der heilige Thomas von Aquin, der zwar nicht Papst, aber der einzige der Kirchenlehrer war und dessen Name in der Kirche unvergleichlich ist, bekräftigte, dass die Jungfrau Maria in Erbsünde empfangen wurde. Jahrhunderte später definierte die Kirche das Gegenteil. Ein Mann kann sich irren, auch wenn er ein großer Heiliger ist.

Ich glaube, es entspricht dem Plan der göttlichen Vorsehung, dass manche Päpste irren, insbesondere wenn sie nicht ex cathedra sprechen, um die Schwäche des Menschen aufzuzeigen. Nur Gott ist stark. Das Charisma der Unfehlbarkeit garantiert, dass, sobald die notwendigen Bedingungen erfüllt sind, unser Herr selbst durch seinen Stellvertreter spricht. Und Gott kann nicht irren. Außerhalb dieser Bedingungen kann aber der Mensch irren. Wenn ich das nicht verstehe, irre ich mich.

Deshalb kann ein Gläubiger, mit gebührendem Respekt, gebührender Ehrfurcht und gebührender Vorsicht, wenn er Grund zur Annahme hat, dass ein Dokument einen Fehler enthält, seine Zweifel äußern und um ein Gespräch mit der Autorität bitten. Das sollte niemanden überraschen.

Kann ein Papst in Irrlehre verfallen?

Es gibt Episoden in der Kirchengeschichte, die dies veranschaulichen. Die Apostelgeschichte berichtet beispielsweise, dass der heilige Petrus den sogenannten „Judaisten“ – also Juden, die zum katholischen Glauben konvertiert waren, aber ihre eigenen Riten und Gebräuche beibehielten – wohlgesinnt war. Der heilige Paulus vertrat die gegenteilige Meinung, da er dies als Gefahr für ihre christliche Glaubensbildung ansah. Er suchte daher das Gespräch mit dem heiligen Petrus und schrieb selbst: „Ich widerstehe ihm ins Gesicht.“ Schließlich akzeptierte der heilige Petrus seine Argumente und änderte seine Meinung. Der Heilige Geist sprach zuerst durch den heiligen Paulus und dann durch den heiligen Petrus. Durch den heiligen Paulus, als er den heiligen Petrus tadelte; durch den heiligen Petrus, als dieser seinen Irrtum eingestand.

Ein anderes Beispiel ist Papst Marcellinus im 4. Jahrhundert, der angesichts des Martyriums unter Diokletian lieber den heidnischen Göttern opferte und ihnen Weihrauch darbrachte. Ein wahrer Glaubensabfall! Wie lässt sich das erklären? Offenbar handelte es sich um eine persönliche Handlung, nicht um eine geistliche Deklaration. Bei dieser Gelegenheit verfiel er der Ketzerei und verließ den wahren Glauben. Als Papst lehrte er jedoch nicht, dass diese Götter wahr seien. Man muss sagen, dass er dies bitter bereute. Von Reue geplagt, weinte er über seine Sünde und bat die Kirche um Vergebung. Dann bekannte er öffentlich seinen Glauben und erlitt den Märtyrertod. Seine Sünde wurde im Blut abgewaschen, und die Kirche verehrt ihn heute als Heiligen. Heiliger Marcellinus, bitte für uns!

Einer der streitbarsten und feurigsten Heiligen war der heilige Hieronymus, Kirchenlehrer. Dennoch behauptet er in einem Dokument, dass der Papst seiner Zeit, Liberius, der Ketzerei verfallen sei. Wäre es Ketzerei zu sagen, dass ein Papst der Ketzerei verfallen könne, wäre er kein Kirchenlehrer.

Laut Augustinus verfiel Papst Zosimus der pelagianischen Häresie. Er verteidigte Pelagius sogar auf einer Synode. Angesichts neuer Dokumente änderte Zosimus seine Position und verurteilte die Häresie schließlich. Ähnlich verhält es sich mit Papst Vigilius, der im 6. Jahrhundert die monophysitische Häresie verteidigte. Historiker verweisen daher auf weitere Beispiele von Päpsten, die aus Schwäche oder Täuschung gelegentlich Häresien unterstützten. Keiner von ihnen gab jedoch eine Definition ex cathedra. Sie irrten als Einzelpersonen, sündigten als Einzelpersonen und wurden als Einzelpersonen vergeben. Ich hoffe, sie sind alle im Himmel, zusammen mit dem hl. Zosimus und dem hl. Marcellinus. So sehen wir, wie schön die Geschichte der Kirche in all ihrer Komplexität ist.

Es gibt ein Buch eines Bekannten von mir zum Thema des Novus Ordo Missae. Es ist ein sehr durchdachtes und gut recherchiertes Werk. Gestützt auf bedeutende Heilige, Theologen und Dokumente des Lehramtes analysiert das Buch die theologische Hypothese, dass ein Papst in Häresie verfallen kann, und untersucht deren Folgen. Es herrscht nahezu Einigkeit darüber, dass ein Papst in Häresie verfallen kann. So erklärt beispielsweise der hl. Robert Bellarmin, ein Vorkämpfer gegen den Protestantismus, eindeutig, dass ein Papst in Häresie verfallen kann. Auch andere bedeutende Theologen wie Torquemada, Cajetan, Báñez, Cano, Gratian und Suárez bestätigen dies. Nicht zu vergessen zeitgenössische Theologen wie Matteucci, Bouix, Billot, Salaverri und andere.

Andere Theologen vertreten die Ansicht, dass ein Papst zwar prinzipiell in Häresie verfallen kann, hoffen aber, dass die göttliche Barmherzigkeit dies verhindern wird. Mit anderen Worten: Sie akzeptieren die Möglichkeit theoretisch, hoffen aber, dass sie sich in der Praxis niemals verwirklichen wird.

Ohne die Debatte darüber zu führen, ob dieser oder jener Papst der Häresie verfallen sein mag, ist diese gesamte theoretische Lehre von großer Bedeutung für das Verständnis unserer Position zur Modernismuskrise.

Wie entstand die Modernismuskrise in der Kirche?

Die Modernismuskrise

Der hl. Pius X., Papst von 1903 bis 1914, veröffentlichte am 8. September 1907 die Enzyklika „Pascendi dominici gregis“. Darin prangerte er eine Strömung pantheistischer Häretiker an, die ihre Lehren heimlich innerhalb der Kirche verbreiten wollten. Diese Häretiker untergruben das katholische Dogma in seinen Grundfesten. Darüber hinaus bildeten sie eine Geheimgesellschaft, die vom Papst selbst verurteilt wurde. Es handelte sich um die Sekte der Modernisten.

Der hl. Pius X. erklärte, die Modernisten seien der schlimmste Feind, dem die Kirche je gegenübergestanden habe, da sie nicht von außen, sondern von innen angriffen, wie ein Gift, das im Blut der Kirche zirkuliere. Er reagierte äußerst entschieden und belegte viele Modernisten, darunter Priester und Bischöfe, mit sehr strengen Strafen. Einige, wie Pater Ernesto Buonaiuti, wurden „excommunicati vitandi“ genannt, was so viel bedeutet wie „zu meiden“. Diese Exkommunikation ist so schwerwiegend, dass selbst die physische Nähe des Häretikers vermieden werden musste.

Von Papst Pius X. verurteilt, tauchte die modernistische Sekte noch tiefer in den Untergrund ab und schmiedete während des Pontifikats von Benedikt XV. weiterhin im Verborgenen Pläne, um dann unter Papst Pius XI. wieder in Erscheinung zu treten und sich unter Pius XII. überall auszubreiten.

Mein erstes Buch, „Zur Verteidigung der katholischen Aktion“, dass ich 1943 verfasste, war eine Anklage gegen die modernistische Verschwörung. Die Ähnlichkeit der damaligen Irrtümer mit denen des Modernismus war so groß, dass ich das Apostolische Schreiben „Notre Charge Apostolique“ von Pius X. als Anhang veröffentlichte. Ich habe stets betont, dass der heutige Progressismus nichts anderes ist als ein wiederauflebender Modernismus, der die Kirche zu jenen Irrtümern hinreißen will, die sie damals dank der Wachsamkeit von Pius X. nicht durchsetzen konnte. Angesichts dieser Bedrohung ergriff Pius XI. einige Maßnahmen. Pius XII. führte dann drastischere Maßnahmen ein. Doch sie reichten nicht aus, um den Irrtum zu stoppen. Ist es respektlos gegenüber diesen Päpsten, zu sagen, dass die von ihnen ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichten, um den Irrtum aufzuhalten? Ganz und gar nicht. Das sind die Fakten. Daran besteht kein Zweifel. Auch sie handelten nicht unfehlbar. Tatsache ist, dass sie in der Verwaltung der Macht der Kirche – aus Gründen, für die sie bereits vor Gott Rechenschaft abgelegt haben – nicht die Entschlossenheit an den Tag legten, die die Umstände zu erfordern schienen.

Ich persönlich war der Überzeugung, dass diese Entschlossenheit notwendig gewesen wäre. Hatten sie einen triftigen Grund, es nicht zu nutzen? Vielleicht. Überlassen wir dieses Urteil Gott. Ich kann nur die Fakten darlegen. Sie zeigten eine gewisse Energie, die sich als unzureichend erwies. Und nun befinden wir uns in der schrecklichen Lage, in der wir uns heute befinden.

So durchdrang der Neomodernismus die theologischen Kreise der heutigen Welt derart, dass man die Situation der Kirche heute beobachten kann.

Dass sich die Kirche gegenwärtig in einer schweren Krise befindet, ist nicht nur mein Eindruck. Alle Päpste der Gegenwart haben davon gesprochen. Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, beschrieb in seinem berühmten Interview mit dem Schriftsteller Vittorio Messori die Situation der Kirche nach dem Konzil mit folgenden Worten:

„Es ist unbestreitbar, dass die letzten zwanzig Jahre für die katholische Kirche ausgesprochen ungünstig waren. Die Folgen des Konzils scheinen den Erwartungen aller, angefangen bei denen von Papst Johannes XXIII. und später Paul VI., grausam zu widersprechen. (...) Die Päpste und die Konzilsväter erwarteten eine neue katholische Einheit und stießen stattdessen auf einen Dissens, der – um es mit den Worten Pauls VI. zu sagen – von Selbstkritik zur Selbstzerstörung zu führen schien. Sie erwarteten neuen Enthusiasmus, doch stattdessen verfielen sie allzu oft in Langeweile und Mutlosigkeit. Sie erwarteten einen großen Fortschritt, sahen sich aber stattdessen einem fortschreitenden Niedergang gegenüber. (...) Die nachkonziliare Bilanz ist eindeutig negativ. Es muss klar gesagt werden, dass eine wirkliche Reform der Kirche eine unmissverständliche Abkehr von den Irrwegen voraussetzt, die zu unbestreitbar negativen Folgen geführt haben.“

Schauen wir uns also an, wie diese maßgebliche Stimme klar darlegt, dass die nachkonziliare Zeit für die Kirche negativ war und sie in eine tiefe Krise ohne absehbares Ende gestürzt ist.

Diese Diagnose ist so fundiert und durch Fakten belegt, dass ihr weder Respektlosigkeit gegenüber der Kirche noch gegenüber den Päpsten, die sie in den letzten Jahrzehnten geleitet haben, vorgeworfen werden kann. Ich stimme der Meinung Kardinal Ratzingers voll und ganz zu.

Ich bin auch der Ansicht, dass bestimmte Handlungen und Lehren der konziliaren und nachkonziliaren Päpste, die nicht unter das Privileg der Unfehlbarkeit fallen, den Lehren und Beispielen einer langen Reihe vorkonziliarer Päpste von Pius XII. bis zum heiligen Petrus widersprechen. Mit anderen Worten: Wir befinden uns in einer Situation, in der wir feststellen müssen, dass bestimmte neuere Dokumente, die nicht unter das Charisma der Unfehlbarkeit fallen, nicht mit der Tradition übereinstimmen. Dies geschieht aus Pflichtgefühl gegenüber dem Papsttum und der Treue zu ihm. Dem gegenwärtigen Papst, aber allen Päpsten durch die Jahrhunderte hindurch.

Wir sind stolz auf diese Treue, die uns durch die Gnade der allerseligsten Jungfrau Maria zuteilwurde. Wir lieben diese Treue mehr als das Licht unserer Augen, mehr als unser eigenes Leben. Im Namen dieser Treue können wir, in Bezug auf bestimmte gegenwärtige Lehren, ehrfürchtig die Füße dessen küssen, der sie verkündet hat, aus Liebe zum Papsttum, aus Liebe zu dieser langen Reihe römischer Päpste: Sie stimmen nicht mit dem Lehramt der Kirche überein! Dies ist unsere kindliche Überzeugung. Es ist Sache der Autoritäten zu entscheiden, ob wir im Unrecht sind oder nicht.

Dies ist meine Position, dies ist die Position der TFP. Eine loyale und ehrwürdige Position, die heute von vielen Theologen weltweit geteilt wird.

 

 

Aus dem Italienischen von „I miei rapporti col Papato“

Die deutsche Fassung dieses Artikels ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Auszüge aus einer Konferenz für Freunde und Unterstützer der brasilianischen TFP, São Paulo, Brasilien, 26. Januar 1985. Entnommen aus der Tonaufnahme, vom Autor nicht überarbeitet. Die Untertitel sind von der Redaktion.