Dienstag, 9. Juli 2024

PASSIO CHRISTI, CONFORTA ME!

 


O „Legionário“, 22. Oktober 1944

„Alle oben genannten Elemente (des Klerus und der Katholischen Aktion - K.A.) für die soziale und vielfältige Arbeit der christlichen Nächstenliebe zu gewinnen, um in allen physischen oder moralischen Bedürfnissen unseren Nachbarn zu helfen, ohne Unterschied von Hautfarbe, Rasse, Nationalität oder Klasse“. Dies ist einer der wichtigsten Punkte des Aktionsplanes des neuen Erzbischofs von São Paulo.

„Hilfe bei körperlichen oder geistigen Bedürfnissen“: Dies ist das Konzept der Werke der Barmherzigkeit, die unser Herr der Welt gelehrt hat und die die Heilige Kirche im Laufe der Jahrhunderte ununterbrochen ausgeführt hat. Der gesamte Geist der Kirche besteht aus fruchtbaren Gegensätzen, die sich in göttlicher Harmonie auflösen. Im Mittelalter reiste ein muslimischer Potentat durch Europa und wurde von feudalen Kriegern, Verteidigern des Glaubens, gefangen genommen. Eines Tages fanden sie ihn sehr nachdenklich, und denjenigen, die ihn fragten, warum, antwortete er: „Ich kann nicht verstehen, wie diese demütigen Männer so erhabene Denkmäler bauen.“ Demütige Seelen, Erbauer göttlich erhabener Werke, die durch das kostbare Blut unseres Herrn Jesus Christus erlösten Seelen werden in dieser Bemerkung aufrichtig beschrieben. Scheinbar besteht zwischen Demut und Selbstbewusstsein ein Widerspruch. Die heidnische Welt verstand diesen Widerspruch nicht, und einer der Vorwürfe, die die Römer gegen die Märtyrer erhoben, war genau, dass ihre Religion die Niedrigkeit verherrlichte. Sie wussten nicht, was für ein bewundernswertes Saatfeld stolzer Seelen diese dunklen und geheimnisvollen Katakomben waren, wo Patrizier und Sklaven, große und kleine, sich um die Altäre versammelten und von Jesus Christus das Geheimnis der Demut und des Stolzes lernten, wovon er uns in seinem irdischen Leben so schöne Beispiele gab. „Christianus alter Christus“, die Demut des Christen oder der Stolz des Christen ist nichts anderes als ein Spiegelbild des Selbstbewusstseins und der Demut unseres Herrn Jesus Christus.

Ein weiterer Kontrast, den die Welt nicht versteht, der jedoch ebenso harmonisch und fruchtbar ist wie der des Stolzes und der Demut des wahren Christen, ist der der Sanftmut und der Kampfbereitschaft. Wenn der Araber, von dem wir sprechen, das Leben der Heiligen beobachten würde, würde er sicherlich auf dieses Geheimnis stoßen und über sie sagen: „Ich kann nicht verstehen, wie solche friedvollen Seelen so kriegerisch sein können, wie solche kriegerischen Seelen so friedlich sein können.“ ES kommt davon, weil im Katholizismus alles Liebe ist, und selbst wenn jemand aus Notwendigkeit und in Nachahmung Unseres Herrn die Peitsche schwingt, die die Fehler des Jahrhunderts bestraft, tut er es aus Liebe. Er tut es aus Liebe und tut es mit Liebe. Christliche Kampfbereitschaft bedeutet ausschließlich Selbstverteidigung. Es gibt keine andere Möglichkeit, legitim zu sein. Es ist immer die Liebe zu etwas, was beleidigt wurde, die den Christen zum Kampf bewegt. Jeder Kampf ist umso heftiger, je größer die Liebe ist, mit der er geführt wird. Und gerade aus diesem Grund gibt es beim Katholiken keine größere Kampfeslust als die, mit der er für die Verteidigung der Kirche kämpft, die beleidigt, geleugnet und mit Füßen getreten wurde. Warum kämpft er? Um die Rechte der Seelen zu verteidigen, die man der Kirche entreißen will. Um die Pforten, die es den Auserwählten Gottes ermöglichen müssen, sich seiner Kirche zu nähern, freien und ungehinderten Zugang zu sichern. Um die Unverschämtheit der Gottlosigkeit zu erschlagen und die Heilige Mutter Kirche zu verherrlichen. Für diese Dinge muss sich der Katholik schlagen. Und wenn alle friedlichen Mittel nach und nach geduldig, unwiederbringlich erschöpft sind, erhebt sich der Katholik mit dem Mut eines neuen Makkabäers, voller Eifer für die Braut Christi, dann kann er mit Fug und Recht sagen, dass es bei all seiner Kampfeslust nur eines gibt: Liebe.

Lassen wir dieses Bild hinter uns und schauen wir statt auf die christliche Krieger auf die Schwester der Nächstenliebe, die sich sanft dem Bett nähert, in dem ein ekelhafter Patient leidet. Er ist ihr unbekannt, in ihm sieht sie dennoch ein Mitglied des mystischen Leibes Christi, der Heiligen Katholischen Kirche. Und aus diesem Grund nähert sie sich ihm voller übernatürlicher Zärtlichkeit, löst die Tücher, die die Abscheulichkeit seiner Wunden verbergen, und empfängt in ihrem Gesicht, stärker als je zuvor, den schrecklichen Geruch verwesenden Fleisches. Im Gesicht der Schwester der Nächstenliebe ist die Gleichgültigkeit vollkommen. Sie betrachtet die Wunden wie Perlen, atmet den Geruch der Fäulnis ein, als wäre es Parfüm. Gott weiß, welche schrecklichen Abscheulichkeiten sie in sich zerschlägt und was für einen hartnäckigen, gewalttätigen, gigantischen Kampf sie entwickeln muss, um den Opferplatz, den Unser Herr Jesus Christus ihr wünscht, nicht aufzugeben! Wie viel Liebe werden diejenigen sagen, die nur auf die Ruhe ihres Gesichtsausdrucks und ihrer Gesten blicken.

Wie viel Kampfbereitschaft, werden diejenigen sagen, die am eindringlichsten sind, und die Aufruhr des inneren Kampfes enthüllen, angesichts dessen die Religion nicht nachgibt! So viel Liebe in dieser Kampfbereitschaft! Wie viel Kampfbereitschaft steckt in dieser Liebe!

Kampfbereitschaft und Liebe, wenn die heutige Welt verstehen könnte, wie diese Tugenden harmonieren, wie man sogar das lieben muss, was man bekämpft ... und mit beiden Händen sogar das bekämpfen muss, was man manchmal mehr als aus gerechtem Grund zärtlich liebt, wie wäre das Antlitz der Erde anders!

* * *

Es sind die heiligen Kämpfe der christlichen Nächstenliebe, die inneren Kämpfe, die die Ströme der Liebe in uns steigen lassen, äußere Kämpfe, Siege, die um so freudiger je friedlicher sie sind, weil Christus der König des Friedens ist, aber auf jeden Fall Siege, die ihren Glanz nicht verlieren mit der Energie und nicht verblassen, wenn der offene Kampf der einzige Weg war, sie zu erreichen – es ist zu diesen heiligen Kämpfen der christlichen Nächstenliebe zu denen unser Erzbischof uns aufruft.

Dom Carlos Carmelo de Vasconcelos Mota blickt aus der Ferne auf seine geistliche Herde und hat Worte der Zärtlichkeit und des Mitgefühls, die ein Echo des göttlichen Ausrufs sind: „misereor super turbam“ – diese „Mich erbarmt des Volkes“. Und wie hat er recht! Pius XII. sagt in der Ansprache, die wir kürzlich veröffentlicht haben, wir müsse ein Heldentum ähnlich der Märtyrer an den Tag legen, um die Religion heute in Treue und Sorgfalt zu praktizieren. So sind die großen modernen Städte wahre Orte des Kampfes und der Qual für die „christi fideles“ (Christgläubigen) unserer Tage. Im Luxus aristokratischer Salons, im Komfort bürgerlicher Ambiente, in der Ruhe der kleinbürgerlichen Klassen, in der Einfachheit der Arbeiterklasse, in der rohen Not der armen Klassen – in all dem verbergen sich heute schreckliche Versuchungen, die zu obsiegen schwer, ja sehr schwer ist, es kostet geistliches Leiden, das das Blut der Seele ist. Man muss diesen leidenden Seelen zu Hilfe eilen, fliegen, damit sie unserem Herrn treu bleiben oder Ihm näher zu kommen. Jede Verzögerung in dieser Aufgabe ist eine Niederlage, und jede Vernachlässigung ist ein Verbrechen. Aus diesem Grund ruft Dom Carlos Carmelo de Vasconcelos Mota zu einem wahren Kreuzzug für die Erlösung so vieler leidender Seelen unserer Tage auf.

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Aber das reicht nicht aus. Es reicht nicht aus, die Seelen dazu zu bringen, das harte und sanfte Joch der christlichen Moral zu akzeptieren. Es ist auch notwendig, diejenigen zu trösten, die unter körperlichem Elend aller Art leiden. Warum müssen wir uns an das schmerzhafte Bild erinnern, das wir immer vor Augen haben: die vollen Krankenhäuser, die Patienten aus Platzmangel abweisen, die Kranken, die aus Mangel an Geld für den Kauf sehr teurer Medikamente dahinsiechen, die gesunden Menschen, die langsam im Krankheitszustand versenken wegen notwendiger übermäßiger Arbeit zum Unterhalt der Familie, oder wegen Mangel an Nahrungsmittel? Warum mit Schrecken an die unzähligen Menschen denken, die ohne Glauben oder spirituellen Horizont ein Leben voller Verzweiflung und Auflehnung im Schatten ihrer Häuser oder erdrückt zwischen den Wänden von Krankenhäusern führen? Das alles bricht einem so sehr das Herz, und das ist noch nicht alles. Es gibt das Problem der Kindheit, der unschuldigen Kindheit, der viel versprechenden Kindheit, der Kindheit, die das schädliche Umfeld der Großstädte schon so früh elend und sündig macht. Wie unser neuer Erzbischof betont, wurde in dieser Hinsicht bei uns bereits viel getan. Die Stadt der Minderjährigen der Liga der Katholischen Frauen ist einfach ein Wunder. Aber .... wie viel gibt es noch zu tun! Und wenn uns alle leid tun, welch besonderen Platz nimmt in unseren Herzen die Kindheit ein, die Jesus Christus so sehr liebte!

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Es braucht viel Nächstenliebe. Aber die Worte unseres Erzbischofs sind ganz klar: Was wir brauchen, ist christliche Nächstenliebe und nicht irgendeine Philanthropie.

Warum? Ganz einfach, weil es ohne die Kirche Jesu Christi keine wahre Nächstenliebe gibt. Wir leugnen nicht, dass es in unserer gegenwärtigen Zivilisation Seelen gibt, die außerhalb der Kirche leben und Gutes für den Nächsten tun. Sie besaßen Glauben, und dieser Glaube, den sie verloren hatten, hinterließ in ihnen einen vagen Duft, wie der, der in der Vase zurückbleibt, aus der wir die Rosen genommen haben. Dies sind die Worte des großen Pius X. Aber tatsächlich ist die Nächstenliebe entweder christlich oder sie existiert nicht, und das Christentum ist entweder katholisch oder eine Fälschung.

Und was ist im Katholizismus der größte Schwerpunkt der Nächstenliebe? Die Betrachtung der Passion unseres Herrn Jesus Christus. Es liegt in der detaillierten Betrachtung dessen, was der „Mann der Schmerzen“ erlitten hat, es ist in der liebevollen und ständigen Erinnerung an denjenigen, in dem „vom Scheitel bis zur Sohle kein einziger heiler Fleck war“, dies Tag und die Nacht vor Augen haben, der unter der gewalttätigen Hand seiner Peiniger so entstellt wurde, dass er „ein Wurm und kein Mensch, der Schmach der Menschen und der Spott des Volkes war“. Unser Herz weitet sich, um Mitleid mit unseren Nächsten zu empfinden. In jedem Leiden ein Leiden Christi selbst sehen, in jeder Wunde eine Wunde Christi, der jedes Leiden heilt, jede Wunde heilt, als würden wir unsere liebende Seele über so viel Schmerz beugen, als würden wir mit unseren eigenen Fingern auf die Wunde Christi den tröstende Balsam auftragen, auf diese Weise werden wir  wirklich die Tugend der Nächstenliebe erhalten. Die Geschichte erzählt uns, dass es vor Christus keine Krankenhäuser oder Wohltätigkeitseinrichtungen gab. Es war eine Katholikin, Fabíola, die das erste Krankenhaus gründete. Wie viele gemeinnützige Werke wurden seitdem gegründet! Woraus sind sie geboren? Aus den heiligsten Wunden unseres Herrn Jesus Christus, der ans Kreuz genagelt wurde. Aus der Passion Christi entstand der Trost für so viele leidende Geschöpfe.

* * *

 Aber das ist nicht alles. Der beste Balsam gegen menschlichen Schmerz ist keine Medizin, sondern Mitgefühl. Mitgefühl, „Mitleid“, bedeutet Leiden im Verbund mit anderen, nur weil andere leiden. Es ist die Widerspiegelung des Leidens anderer Menschen in unserer eigenen Seele. Wie kann die Blume des Mitgefühls aus dem menschlichen Herzen sprießen, das so kalt, so hart, so selbstsüchtig ist? Indem wir über die Passion Christi meditieren. Seelen, die von dieser Meditation durchdrungen sind, wissen wirklich, wie man mit anderen mitfühlt. Nur sie haben genug Zärtlichkeit in ihren Gesten, genug Aufrichtigkeit in ihrer Stimme, genug Diskretion in ihrem Verhalten, um die beispiellose Medizin des Mitgefühls in die leidenden Seelen anderer einzuflößen.

Wenn aus der Passion Christi Barmherzigkeit entspringt, Werke der Barmherzigkeit entspringen, Trost entspringt, welches passendere Stoßgebet gibt es dann für alle, die bereit sind, auf die große Mobilisierung der christlichen Barmherzigkeit zu reagieren, die Dom Carlos Carmelo de Vasconcelos Mota fördern wird, wenn nicht das: „passio Christi, conforta me?“ (Leiden Christi stärke mich).

 

 

Aus dem Portugiesischen „PASSIO CHRISTI, CONFORTA ME!“ in „O Legionário“, vom 22. Oktober 1944

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Diese deutsche Fassung erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com

Sonntag, 7. Juli 2024

Glaube, Einheit und Disziplin

 Legionário Nr. 800, 12.07.1947

Für unsere Leser, die sich an das lebhafte Interesse und die tiefe Besorgnis erinnern, mit denen wir die Entwicklung der liturgischen Frage in der katholischen Welt verfolgt haben, ist die Ergriffenheit, bestehend aus Verehrung und Jubel, mit der wir das entscheidende Urteil begrüßten, das der Papst über den Liturgizismus ausgesprochen hat in der Fortsetzung der Lehren der Enzyklika Mistici Corporis Christi.

Glücklicherweise sind diese Gefühle nicht nur unsere, sondern die aller wahren Gläubigen, die sich erfreuen in der Lektüre die Enzyklika Mediator Dei und feststellen, dass der spirituelle Wert der Praktiken und Frömmigkeitshandlungen, denen sie in einer jahrhundertealten Tradition anhingen, niemals in Frage gestellt wurden, heute in neuem Glanz erstrahlt: die Meditation, die Gewissenserforschung, die Anbetung des Allerheiligsten Sakraments, die Novenen zur Heiligen Jungfrau und zum Heiligen Herzen Jesu, die nie zu viel gelobten Exerzitien nach dem Heiligen Ignatius von Loyola schweben über jeder Kritik oder Anfechtung, da sie vom Stellvertreter Christi als Frömmigkeitspraktiken hervorgehoben wurden, die immer aktuell, immer fruchtbar und zutiefst im Einklang mit der orthodoxen Lehre stehen, an der sich die gläubigen Menschen mit religiöser Hartnäckigkeit anhängen müssen.

Wie wir in diesem Blatt unzählige Male geschrieben haben, bestand einer der gravierendsten Nachteile des Liturgizismus, der in mehreren Ländern auftauchte, darin, dass er durch seine Exzesse eine von der Vorsehung bestimmte liturgische Wiederbelebung gefährdete, die in Frankreich aus dem apostolischen Herzen von Dom Guéranger hervorging, unterstützt und angeregt wurde von der mutigen Strömung der „Ultramontanen“, an deren Spitze Louis Veuillot stand, die von allen Menschen mit wahrhaft katholischem Sinn begehrt und bejubelt wurde.

Tatsächlich fanden bestimmte schüchterne und rückschrittliche Geister, die jeder Veränderung, auch wenn sie zum Guten war, abgeneigt waren, in den Auswüchsen des Liturgizismus einen Vorwand, um jede gesunde Bemühung zugunsten einer liturgischen Wiederbelebung in Frage zu stellen. Wie kann man einen solchen Exzess legitimieren, der aus dem Wunsch entsteht, andere zurückzuhalten? Wie kann man sich keine gesunde liturgische Bewegung wünschen, die darauf abzielt, die Liebe der Gläubigen zur Heiligen Liturgie neu zu entfachen? Kein Geist, der darauf bedacht ist, die Linie des heiligen Gleichgewichts aufrechtzuerhalten, könnte dies begrüßen. Wie wir 1943 schrieben, gerät die Herabwürdigung der Liturgie, die die Stimme der betenden Kirche ist, „bestenfalls unter den Verdacht der Häresie“. Und wir fügten hinzu, dass es absurd ist, zu verstehen, dass „die Bemühungen um ein tieferes Verständnis der Liturgie und ihrer genauen Verortung im geistlichen Leben der Gläubigen Unannehmlichkeiten mit sich bringen können“. Daher sei es notwendig, „sich von jeglicher Zensur verdienstvoller Bemühungen fernzuhalten, die mit der lobenswerten Absicht unternommen werden, die Frömmigkeit rund um die Heilige Liturgie zu steigern“, und zu vermeiden, dass vernünftige Liturgie mit dem Fehler verwechselt wird, den der ausgezeichneten Theologe, Pater J. M. Penido, in seinem Buch über die Enzyklika Mistici Corporis Christi Liturgizismus nennt. Diese Verwirrung wäre eine Gefahr.

Angesichts dieser Gefahr befreite Pius XII. die Liturgie von den Hindernissen, in die die Kühnheit des Liturgizismus sie verwickelt hatte. Papst Pius XII. tröstet die Schüchternheit, vielleicht auch die Vorsicht vieler, die in eine solchen Durcheinander, aus erklärbaren Gründen nicht die Spreu vom Weizen unterscheiden konnten und er erklärt allen was Irrtum und was Wahrheit ist und rettet, leitet und führt er selbst die Wiedergeburt eines wahrhaftigen katholischen liturgischen Geistes. Tatsächlich lässt sich bereits erkennen, dass das große Werk der Enzyklika Mediator Dei darin besteht, den wahren Geist der Liturgie von den falschen Lehren zu unterscheiden, in denen mit der List der sibyllinischen Sprache das schädliche Gift moderner theologisch-philosophischer Strömungen steckt, unter die Gläubigen eingeschleust.

Die Veröffentlichung der Enzyklika Mediator Dei ist daher für uns alle ein Grund zu heiliger und mitreißender Freude.

Wir sollten jedoch in der Mediator Dei nicht nur ein Lehrdokument sehen. Sie gibt uns auch ein großartiges und edles Beispiel der Nächstenliebe. In dieser Enzyklika herrscht eine Ausgewogenheit, die wir alle zur Kenntnis nehmen sollten. Es ist ein Gleichgewicht in der Art des Wohlwollens.

Die erste Pflicht der Nächstenliebe besteht darin, der Wahrheit zu dienen. Deshalb verkündet Pius XII. die wahre Lehre, weist auf Irrtümer hin, widerlegt und verwirrt sie. Dies ist eindeutig das ultimative Ziel dieses wichtigen und umfangreichen Dokuments. Darin liegt ein unschätzbarer Akt der Nächstenliebe. Nächstenliebe gegenüber denen, die in der Wahrheit sind und sich durch das Wort des Papstes bestätigt, vielleicht sogar vor unfairen Angriffen geschützt fühlen. Barmherzigkeit gegenüber denen, die im Irrtum sind, denn denen, die im Irrtum sind, kann kein größerer Nutzen zuteil werden, als sie aus dem Irrtum zu befreien, in dem sie begraben liegen. Nachdem Pius XII. so die Wahrheit definiert hat, um die sich alle vereinen müssen, betont er die Verpflichtung zur Liebe, die allen Kindern der Wahrheit obliegt.

Die bewundernswerte Lektion der Nächstenliebe, die uns zeigt, dass wir vor allem die Kirche und ihre Lehre lieben müssen, und dann die Menschen, die durch das Blut Christi erlöst worden sind, solange dies der Wahrheit und dem Glauben nicht schadet.

* * *

Die Polemik hat etwas mit einer Chirurgie gemeinsam: sie ist niemals etwas Gutes, sondern bestenfalls ein notwendiges Übel. Aus diesem Grund sollte sie nur geschehen, wenn es unabdingbar ist, und die Liebe zu einer Polemik an sich aus dem bloßen Vergnügen, darüber zu diskutieren, ist ebenso irrational und lieblos wie die Liebe zu einer Operation an sich, nur um das Vergnügen zu haben, einen Körper zu schneiden und zu zerlegen.

Wir freuen uns daher über eines der wertvollsten Ergebnisse, die von dieser Enzyklika erwartet werden können. Wenn sie von allen im Geiste aufrichtiger und absoluter Unterwerfung angenommen wird, wird es jeden Geist offensichtlicher oder latenter Zwietracht auf der ganzen Welt wie durch ein Zauber verschwinden lassen. Es bleibt allen wahren Katholiken überlassen, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken und bereit zu sein, mit mehr Enthusiasmus als je zuvor, vereint und in kindlichem Gehorsam gegenüber ihren Bischöfen und dem Papst, für die Errichtung des Reiches Christi und Mariens zu arbeiten: ut adveniat regnum Christi, adveniat regnum Mariae.

 

 

Aus dem Portugiesischen „Glaube, Einheit und Disziplin“ Legionário vom 7. Dezember 1947

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Glaube, Einheit und Disziplin erschien erstmals in deutscher Sprache in  www.p-c-o.blogspot.com

 

Freitag, 5. Juli 2024

Kinder der Finsternis und Kinder des Lichts

Legionário Nr. 793, vom 19. Oktober 1947

Vor wenigen Wochen haben die Mohammedaner in Indien mit der offiziellen Anerkennung des Staates Pakistan einen unbestreitbaren Triumph errungen. Die islamischen Gemeinden dieser Region, die unter englischer Regie gelebt hatten und durch das unangenehme Zusammenleben mit den Brahmanen jederzeit in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren, sahen sich endlich unabhängig von jenen und von diesen getrennt. Im Konzert der Nationen erschien eine neue mohammedanische politische Einheit, die ein verjüngtes, mächtiges, reiches Volk repräsentierte und sich in einer geographischen und politischen Lage von unbestreitbarer Bedeutung befand.

Während sich diese Tatsache im fernen Osten Asiens abspielt, mobilisiert sich die gesamte muslimische Welt an den Ufern des Mittelmeeres für ein neues Unternehmen, für das alle Anhänger des Propheten vom Ganges bis Marokko schwärmen. Es ist der „Heilige Krieg“ — ja, ein echter Heiliger Krieg — um den Besitz der Heiligen Stätten.

Wir haben uns schon einmal mit dem Problem des Heiligen Landes beschäftigt. Wir werden heute darauf zurückkommen, denn obwohl der Westen und besonders die katholische Welt zu schlafen scheint, gibt es zwei Gründe religiöser Art, die beide transzendental sind und die uns zwingen, diese Frage nicht aus den Augen zu verlieren. In erster Linie dürfen wir nicht vergessen, dass das Heilige Land, in dem sich die ganze Heilige Geschichte abgespielt hat, in dem vor allem unser Herr Jesus Christus geboren wurde, gelebt, gelehrt, gelitten hat und gestorben ist, für uns nach der Eucharistie und dem Römischen Stuhl das Heiligste auf der Welt ist. So sehr ist dies wahr, dass unsere Ältesten die extremsten und kühnsten Anstrengungen unternommen haben, damit das Heilige Land nicht in der Macht der Ungläubigen verbliebe. Wir sind aus dem Blut der Kreuzfahrer, und wir dürfen nicht vergessen, dass das Ideal der Befreiung des Heiligen Grabes mehrere Generationen von christlichen Märtyrern bewegte und zu Opfern von Blut und Leben geführt hat. Zweitens, was den Besitz des Heiligen Landes betrifft, offenbaren die Mohammedaner eine Solidarität, eine Energie und einen Stolz, die deutlich zeigen, dass alles auf die Bildung eines gewaltigen afrikanisch-asiatischen mohammedanischen Superstaates zusteuert. In dem Moment, in dem die UdSSR mit ihren Satelliten- oder Sklavenstaaten den Westen bedroht, kann das Auftauchen eines weiteren Feindes nur für kurzsichtige und immediatistische Politiker gleichgültig sein. Bei alledem interessiert und beunruhigt uns die islamische Frage, die, wenn auch noch nicht ganz eine Frage von heute, so doch schon unbestreitbar eine ernste Frage von morgen ist. Lassen Sie uns also sehen, wie es sich entwickelt.

Wir werden dies jedoch nicht tun, ohne vorher zu sagen, dass wir im Kampf zwischen Juden und Mohammedanern absolut keine Präferenzen oder Sympathien haben. Wir sind die Art von Katholiken, die sich hartnäckig weigern, zwischen Beelzebub und Satan zu wählen; und die, vor diese Alternative gestellt, nur eine Antwort zu geben haben: Lang lebe Christus der König!

*    *    *

Das Heilige Land ist Heiliges Land für die Heilige Katholische Kirche und für alle Sekten und „Kirchen“ in Europa, Westasien und Nordafrika, aus vielen verschiedenen Gründen. Dort fanden die relevanten Ereignisse des Alten Testaments statt, daher das Interesse der Juden. Auch die Ereignisse des Neuen Testaments fanden dort statt: ein zusätzlicher Grund für das Interesse von Katholiken, Protestanten und Schismatikern. Dort spielten sich auch viele der Fakten der Religionsgeschichte der Mohammedaner ab: daher das Interesse der Anhänger des „Propheten“. Diese religiösen Motive, die dem Heiligen Land so viel Bedeutung verleihen, sind bekannt, uralt und grundlegend. Es interessiert die Christen, Juden und Muslime der ganzen Welt, d.h. den größten Teil der Bewohner des Erdballs. Daneben gibt es noch ein viel kleineres, aber irritierendes ethnisches und politisches Problem. Juden glauben, dass sie das Recht haben, nach Palästina zurückzukehren. Besonders jetzt, wegen der Möglichkeit eines neuen Weltkonflikts, eilen sie dorthin, ein wenig aus allen Punkten des Universums. Nun wird die jüdische Überbevölkerung Palästinas die Muslime, religiöse und rassische Feinde der Juden, in einen zahlenmäßigen und politischen Nachteil versetzen (ganz zu schweigen von einem wirtschaftlichen, natürlich). Daraus resultiert eine arabische Reaktion gegen diese Tatsache. Mittendrin, behandelt wie Trester, sind die Christen in Palästina und Syrien. Die Katholiken der übrigen Welt interessieren sich wenig für sie. Sie selbst scheinen eine sehr verwirrte Sicht auf die Risiken zu haben, die sie eingehen, sei es mit der Vorherrschaft der Araber oder der der Juden. Sie sind quantité negligeáble in diesem verwirrten und ängstlichen Spiel.

Um dieses Bild zu vervollständigen, sollte gesagt werden, dass die jüdische Einwanderung nach Palästina das Problem aktueller gemacht hat, aber dass es bereits ein altes Problem ist. Seit langem strömen die Juden ins Heilige Land, wo sie bereits eine monumentale und moderne Stadt, Tel-Aviv, gebaut haben. Der arabische Protest gegen diese Tatsache ist ebenfalls alt. Was an dem Problem nicht alt ist, ist die Tatsache, dass bis vor einiger Zeit die Araber Afrikas oder sogar Südasiens völlig uninteressiert an dem Problem waren. Sie lebten unter der Wirkung einer weltlichen Erstarrung und kümmerten sich nicht um den religiösen Aspekt der Angelegenheit. Politisch gesehen, waren ihre Probleme völlig unabhängig von denen Palästinas. So standen sie der Entfaltung der Tatsachen gleichgültig gegenüber und beschränkten sich bestenfalls auf eine rein platonische Haltung der Solidarität mit den Arabern in Palästina. Politisch bleibt das palästinensische Problem für die mohammedanischen Mächte ebenso uninteressant. Aber sie alle erleben eine wirklich erstaunliche nationalistische und religiöse Renaissance. Der Wind dieser Renaissance zieht sich durch den gesamten riesigen Landstrich von der Atlantikküste Marokkos bis nach Pakistan. Und durch die religiöse Renaissance dessen, was wir „Islamismus“ nennen könnten, ist das palästinensische Problem für die gesamte mohammedanische Welt interessant geworden. Aus diesem Grund wurde der jüdisch-arabische „Fall“ des Heiligen Landes zum Gefrierpunkt der nordafrikanischen und asiatischen Politik. Wir hatten eine Probe davon in der Gewalt der antibrasilianischen Demonstrationen in Ägypten aus dem einfachen Grund, dass unser Vertreter in der UNO gegen die arabischen Elemente in Palästina gestimmt hat. Der Kampf ist seinerseits dabei, die panarabische und panmuslimische Renaissance noch mehr anzuheizen. Und so geben die Ereignisse den Muslimen der ganzen Welt ein immer klareres und stärkeres Bewusstsein ihrer Einheit, ihrer Macht, ihrer gemeinsamen religiösen und politischen Interessen.

Seit langem bewegt sich alles in diese Richtung. Einige Fakten in den politischen Nachrichten dieser Woche, die Anlass für diesen Artikel waren, zeigen, dass sich die Bewegung zur Bildung einer panislamischen Welt immer mehr beschleunigt.

In der Tat haben die arabischen Staaten längst eine Liga gebildet, die eine kleine mohammedanische UNO ist. Oder vielmehr — so sehr es uns schmerzt, es zu sagen — ein Heiliges Reich, nicht römisch-deutsch, sondern antichristlich-mohammedanisch. Von Christentum kann man in unseren Tagen nicht mehr sprechen, und da steht er vor uns, mächtig und aggressiv, der Islam. Zu diesem Ergebnis sind wir gekommen. Wir weinen zu den Füßen des fast zerstörten Christentums, wie die Juden an der Klagemauer?

Dieser Islam, der so funktioniert wie einst das Christentum, traf sich in Beirut zu einer Vollversammlung der Arabischen Liga und beschloss eine Art Kreuzzug: Einstimmig wurde beschlossen, dass alle mohammedanischen Staaten ihre militärischen Ressourcen zur Verteidigung der Araber im Heiligen Land mobilisieren sollen. Die Truppen von Ägypten und Syrien sind schon bereit, jeden Moment zu marschieren.

Das Echo dieser allgemeinen Mobilisierung hat bereits bis nach Tanger, am anderen Ende Afrikas, gereicht. Der Delegierte der Nationalistischen Reformistischen Partei in der spanischen Zone Marokkos hat bereits erklärt, dass alle muslimischen Parteien Nordafrikas den Mobilisierungsbefehl der Arabischen Liga befolgen werden, und zwar durch ein oder mehrere Expeditionskorps, die an allen Operationen der „Befreiung“ teilnehmen werden.

Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass religiöse Motive bei all dem zweitrangig sind. In einem Telegramm aus Damaskus wurde bereits mitgeteilt, dass in dieser Stadt „angekündigt wird, dass der Heilige Krieg zwischen dem 24. und 28. dieses Monats, während der arabischen Gedenkfeiern zum Opferfest im Irak, ausgerufen werden wird. Dieser Beschluss wird vielleicht während des Treffens der arabischen Chefs in Syrien gefasst werden“. Das Telegramm fügt hinzu, dass „die Hauptstädte der arabischen Staaten in ständiger Kommunikation stehen, um die neuesten Maßnahmen zu besprechen und die Tagesordnung für das nächste Treffen der Chefs festzulegen. Es wird auch verkündet, dass die arabischen Führer die Frage des Kommandos der arabischen Armee diskutieren, das möglicherweise dem pensionierten irakischen General Tahan Hachimi anvertraut wird, der eine Vertrauensperson dieser Chefs ist.“ Es ist möglich, dass sich diese Gerüchte nicht vollständig bewahrheiten werden. Auf jeden Fall, die bloße Tatsache, dass sie ein solches Gewicht angenommen haben, dass telegrafische Agenturen sie in der ganzen Welt verbreitet haben, beweist in welche Richtung die Köpfe orientiert sind, und welches ihnen die tiefe Natur des Problems zu sein scheint, und der Kurs, den es normalerweise nehmen sollte.

In seiner Rede in Algier letzte Woche spielte General de Gaulle in gewisser Weise auf all diese Tatsachen an, als er aufzeigte, dass das französische Nordafrika in Chaos, Unruhe und Anarchie versinkt, und dafür die offensichtliche Schwäche des gegenwärtigen Kabinetts rügte. Das Problem ist damit voll in die Sphäre der großen Politik eingetreten.

Aber die Katholiken schlafen noch. Im Ölgarten haben sie auch geschlafen...

 

Aus dem Portugiesischen übersetzt mit Hilfe von DeepL.com in Legionário Nr. 793, vom 19. Oktober 1947

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

„Kinder der Finsternis und Kinder des Lichts“ erschien erstmals in deutscher Sprache in  www.p-c-o.blogspot.com

 

Die weltliche Macht der Päpste

 

Für bestimmte moderne Autoren wäre der zutiefst christliche Staat ein Staat, in dem durch eine Differenzierung der eigentlichen Gewalten das Regime der völligen Trennung von Kirche und Staat vorherrscht. Eine „Politik des Klerikalismus“ würde der Welt nicht mehr passen, das heißt, die Staaten hätten nicht mehr die Pflicht, katholisch zu sein, und die Kirche müsste, um sich an die neuen Zeiten anzupassen, mit den „Errungenschaften“ der Französischen Revolution Schritt halten. Dass solche Autoren diese falsche Meinung vertreten, weil sie „nie wussten, wie man Geschichte liest“, sehen wir aus den folgenden Zeilen aus dem Meisterwerk „Du Pape“ des ultramontanen Joseph De Maistre:

–oOo–

„Nachdem das Barbarentum und die endlosen Kriege alle Prinzipien zerstörten, die Souveränität Europas auf einen gewissen, noch nie dagewesenen Schwankungszustand reduzierten und überall Wüsten schufen, war es von Vorteil dass eine überlegene Macht, einen gewissen Einfluss auf diese Souveränität hätte. Da die Päpste an Wissenschaft und Klugheit überlegen waren und außerdem über alle gebildeten Menschen herrschten, die es zu dieser Zeit gab (jeder weiß, dass sich die Wissenschaften damals im Klerus konzentrierten), wählte die Macht der Dinge ihn von selbst und ohne Widerspruch zu jener Überlegenheit, auf die Europa damals nicht verzichten konnte. Der sehr wahre Grundsatz, dass die Souveränität von Gott kommt, gab auch diesen alten Vorstellungen neue Kraft, und schließlich bildete sich eine fast universelle Meinung, die den Päpsten eine gewisse Kompetenz in Fragen der Souveränität zusprach. Diese Idee war sehr weise und mehr wert als all unsere Spitzfindigkeiten. Die Päpste mischten nicht in der Ausübung der Aufgaben umsichtiger Fürsten ein, und noch weniger versuchten sie, die Reihenfolge der Herrschernachfolge zu stören, so lange alles nach gewöhnlichen und bekannten Regeln lief; nur wenn es einen großen Missbrauch, ein großes Verbrechen oder einen großen Zweifel gab, griff der Papst mit seiner Autorität ein. Wir, die wir jetzt mit einem gewissen Mitgefühl auf unsere Vorfahren blicken, wie kommen wir in ähnlichen Fällen aus Schwierigkeiten heraus? Durch Aufstand, durch Bürgerkriege und durch all die Übel, die daraus resultieren. Tatsächlich gibt es nichts, worauf wir hier stolz sein können. Hätte der Papst den Prozess zwischen Heinrich IV. und denen der Liga entschieden, hätte er diesem Fürsten das Königreich Frankreich zugesprochen, mit der Verpflichtung, zur Messe zu gehen; er hätte geurteilt, wie die Vorsehung geurteilt hat; allerdings wären die Vorbedingungen etwas anders ausgefallen.

Der gesunde Menschenverstand der Jahrhunderte, die wir barbarisch nennen, wusste das mehr, als unser Stolz gemeinhin glaubt: Es ist nicht verwunderlich, dass neue Völker, die sozusagen nur ihrem Instinkt gehorchen, solch einfache und plausible Ideen übernommen haben; es ist jedoch sehr wichtig zu beobachten, wie diese Ideen, die zu anderen Zeiten die barbarischen Völkern hinter sich gezogen haben, in den letzten Jahrhunderten die Zustimmung von Männern wie Bellarmin und Leibnitz finden konnten.

„Und es ist hier nicht wichtig, ob der Papst diesen Vorrang des göttlichen Rechts oder des menschlichen Rechts hatte, solange feststeht, dass er viele Jahrhunderte lang im Westen mit allgemeiner Zustimmung und Beifall eine Macht ausübte, die sicherlich sehr weitreichend war. Noch unter den Protestanten gibt es viele berühmte Männer, die dachten, dass dieses Recht dem Papst überlassen werden könnte und dass es für die Kirche nützlich wäre, wenn einige Missbräuche vermieden würden“ (Leibnitz' Gedanken, Band II, Seite 401).

Die Theorie allein wäre daher unerschütterlich, aber was kann man auf die Tatsachen antworten, die alles sind in Sachen Politik und Regierung?

Niemand zweifelt, nicht einmal die Herrscher, an dieser Macht der Päpste; und Leibnitz bemerkt sehr zu Recht und mit der für ihn charakteristischen Zartheit, dass Kaiser Friedrich, als er zu Papst Alexander II. sagte: „Nicht zu dir, sondern zu Petrus“, die Macht der Päpste über die Könige bekannte und nur die Missbräuche missbilligte.

Diese Beobachtung lässt sich verallgemeinern. Die von den Päpsten anathematisierten Fürsten stellten nur die Gerechtigkeit der Anathemas in Frage, so dass sie ständig bereit waren, sie gegen ihre Feinde einzusetzen, was sie nicht tun konnten, ohne die Legitimität der Macht offenkundig zu bekennen.

Nachdem Voltaire auf seine Weise die Exkommunikation Roberts von Frankreich dargestellt hatte, bemerkt er, dass Kaiser Otto III. persönlich an dem Konzil teilnahm, auf dem die Exkommunikation ausgesprochen wurde. Also bekannte sich der Kaiser zur Autorität des Papstes; und es ist eine sehr seltsame Sache, dass moderne Kritiker nicht wissen wollen, in welchen offensichtlichen Widerspruch sie geraten, wenn sie einhellig feststellen, dass das Beklagenswerteste an diesen großen Prüfungen die Blindheit der Fürsten war, dessen Legitimität nicht bestritten wurde, und sie selbst sich oft darauf berufen haben.

Doch wenn die Fürsten sich darin einig waren, dann waren es auch alle anderen, und es solle nur um die Missbräuche gehen, die es überall gebe.

Philipp August, dem der Papst gerade das Königreich England als ewiges Erbe übertragen hatte, veröffentlichte damals nicht, „dass es nicht Sache des Papstes war, die Kronen zu vergeben … Er selbst war einige Jahre zuvor exkommuniziert worden ... weil er die Frau wechseln wollte. Damals hatte er erklärt, dass Roms Tadel unverschämt und beleidigend gewesen sei ... Er dachte ganz anders, als er sich als Vollstrecker einer Bulle wiederfand, die ihm England gegeben hatte.“ (Voltaire, Essay über den Zoll, II, Kap. I).

Das bedeutet, dass die Autorität der Päpste über die Könige nur durch denjenigen in Frage gestellt wurde, die er bestrafte. Es gab nie eine legitimere Autorität, noch jemals eine weniger bestrittene.

Nachdem der Reichstag von Forchheim 1077 Kaiser Heinrich IV. abgesetzt und an seiner Stelle Rudolph zum Herzog von Schwaben ernannt hatte, berief der Papst einen Rat in Rom ein, um über die Ansprüche der beiden Rivalen zu entscheiden, die bei ihren Botschaften schworen, dass sie die Entscheidung der Legaten unterstützen würden, und Rudolphs Wahl wurde bestätigt. Dann erschien dieser berühmte Vers auf Rudolphs Diadem:

Petra dedit Petro, Petrus diadema Rodolpho.

Heinrich V. schloss nach seiner Krönung zum König von Italien im Jahr 1110 einen Vertrag mit dem Papst, in dem der Kaiser auf seine Ansprüche auf Investituren verzichtete, mit der Bedingung, dass der Papst seinerseits ihm die Herzogtümer, Grafschaften, Marquisaten, Ländereien und die Rechte der Gerechtigkeit, der Währung und andere, die die Bischöfe Deutschlands besaßen.

Im Jahr 1209, da Otto von Sachsen die Ländereien des Heiligen Stuhls überfiel, entgegen alle heiligsten Gesetze der Gerechtigkeit und selbst gegen die feierlichsten Versprechen, exkommuniziert, nachdem er sich gegen alle auf die Ländereien des Heiligen Stuhls gestürzt hatte, wurde er exkommuniziert.

Der König von Frankreich und ganz Deutschland erklärte sich gegen ihn und er wurde 1211 von den Kurfürsten abgesetzt, die an seiner Stelle Friedrich II. ernannten.

Dieser Friedrich II. selbst, der 1228 abgesetzt worden war, ließ der Heiligen Ludwig dem Papst erklären, dass „der Kaiser, wenn er die Absetzung verdient hätte, nur auf einem Allgemeines Konzil hätte abgesetzt werden dürfen“, d. h. mit anderen Worten: durch den besser informierten Papst.

Im Jahr 1245 wurde Friedrich II. auf dem Konzil von Lyon exkommuniziert und abgesetzt.

Im Jahr 1335 schickte Kaiser Ludwig von Bayern, der vom Papst exkommuniziert worden war, Gesandte nach Rom, um seine Absolution zu erbitten, und sie kehrten 1338 zu demselben Zweck dorthin zurück, begleitet von denen des Königs von Frankreich.

1346 exkommunizierte der Papst Ludwig von Bayern erneut und ließ im Einvernehmen mit dem König von Frankreich Karl von Mähren ernennen usw.

Voltaire schrieb ein langes Kapitel, in dem er darlegte, dass die Päpste alle Königreiche Europas mit Zustimmung der Könige und des Volkes verliehen hätten; und zitiert einen König von Dänemark, der 1329 dem Papst sagte: „Heiliger Vater, das Königreich Dänemark hängt, wie Sie wissen, nur von der römischen Kirche ab, der es Tribut zollt, und nicht vom Reich.“

Voltaire führt diese Details im nächsten Kapitel fort und schreibt dann am Rand mit erstaunlicher Gelehrsamkeit: – Ein großartiger Beweis dafür, dass die Päpste Königreiche verliehen.

Er selbst erwähnt an anderer Stelle auch, dass der mächtige Karl V. den Papst um eine Ausnahmegenehmigung gebeten habe, damit er den Titel eines Königs von Neapel mit dem des Kaisers verbinden könne.

Der göttliche Ursprung der Souveränität und die vom Stellvertreter Christi verliehene und erklärte individuelle Legitimität waren Ideen, die so tief in allen Köpfen verankert waren, dass Livon, König von Kleinarmenien, 1242 eine Hommage an den Kaiser und den Papst sandte und in Mainz vom Erzbischof dieser Stadt gekrönt wurde.

Zu Beginn desselben Jahrhunderts unterwarf sich Joanice, König der Bulgaren, der römischen Kirche und sandte Gesandte zu Innozenz III., um ihm kindlichen Gehorsam zu erweisen und ihn um die Königskrone zu bitten, wie einst seine Vorgänger sie vom Heiligen Stuhl erhalten hatten.

Im Jahr 1275 appellierte Demetrius, der vom Thron Russlands vertrieben wurde, an den Papst als Richter aller Christen.

Und um mit etwas vielleicht noch Bemerkenswertem abzuschließen, erinnern wir daran, dass noch im 16. Jahrhundert Heinrich VII., König von England, ein in seinen Rechten wohlunterrichteter Prinz war, dennoch Papst Innozenz VII. um Bestätigung seines Titels bat, den er durch eine Bulle verliehen hatte, von Bacon zitiert.

Es gibt nichts Lustigeres, als zu sehen, wie Päpste von ihren eigenen Anklägern gerechtfertigt werden, ohne es zu vermuten. Hören wir noch einmal Voltaire: „Jeder Fürst, der eine Herrschaft an sich reißen oder zurückerobern wollte, wendete sich an den Papst als seinen Herrn... Kein neuer Fürst wagte es, sich Herrscher zu nennen, noch konnte er von anderen anerkannt werden ohne Erlaubnis des Papstes; und die Grundlage der gesamten Geschichte des Mittelalters ist immer, dass die Päpste sich ausnahmslos als Lehnsherren aller Staaten betrachteten.“ (Voltaire, „Essay über die Bräuche“, Ton. III, Kap, LXIV),

–oOo–

Mehr brauchen wir nicht: – Die Legitimität der Macht ist bewiesen. Der Verfasser von „Lettres sur l'histoire“, der vielleicht noch leidenschaftlicher für die Päpste war als Voltaire selbst, dessen Hass sozusagen nur oberflächlich war, sah sich zum gleichen Ergebnis geführt, nämlich zur völligen Rechtfertigung der Päpste, im Glauben, das er sie anklagte.

„Leider, sagt er, haben fast alle Herrscher durch unvorstellbare Blindheit selbst daran geglaubt, dass die öffentliche Meinung eine Waffe sei, die nur durch diese Meinung Kraft haben könne. Wenn sie einen ihrer Rivalen oder Feinde angriff, stimmten diese nicht nur zu, sondern provozierten manchmal auch die Exkommunikation; sie übernahmen die Vollstreckung des Urteils, das einen Souverän seiner Staaten beraubte, und unterwarfen ihr eigenes Land dieser usurpierten Gerichtsbarkeit.“

An anderer Stelle führt er ein großartiges Beispiel für dieses öffentliche Recht an, und indem er es angreift, hat er es gerade gerechtfertigt. „Es schien diesem katastrophalen Vertrag (die Cambray-Liga) reserviert zu sein, sagt er, allen Lastern ein Ende zu setzen. Das Recht zur Exkommunikation in weltlichen Angelegenheiten wurde dort von zwei Landesfürsten anerkannt; und es wurde festgelegt, dass Julius ein Interdikt gegen Venedig erlassen würde, wenn er seine Usurpationen nicht innerhalb von vierzig Tagen zurückgeben würde.“ (Lettres sur·l'hist. Band III, Seite 233).

„Hier ist, wie Montesquieu sagen würde, der Schwamm, der verwendet werden muss, um alle Einwände gegen die alten Exkommunikationen zu verwischen.“ Wie erblindet doch die Sorge der scharfsinnigsten Männer! Vielleicht ist es das erste Mal, dass mit der Universalität eines Brauchs gegen ihre Legitimität argumentiert wird. Und welche Sicherheit gibt es für die Menschen, wenn der Brauch, insbesondere der nicht widersprochene Brauch, nicht die Quelle der Legitimität ist? Der größte aller Sophismen besteht darin, ein modernes System in vergangene Zeiten zu versetzen und anhand dieser Regel die Dinge und Menschen dieser mehr oder weniger fernen Epochen zu beurteilen. Mit diesem Prinzip könnte das Universum zerstört werden; – weil es keine etablierte Institution gibt, die nicht mit denselben Mitteln zerstört werden kann, wenn man es einer abstrakten Theorie nach beurteilt. Wenn die Völker und Könige über die Autorität der Päpste einig waren, sollten alle modernen Überlegungen keine Kraft haben, insbesondere da die sicherste Theorie auf der Unterstützung antiker Gebräuche beruht.

Betrachtet man als Philosoph die Macht, die die Päpste zu anderen Zeiten ausübten, könnte man sich fragen, warum sie sich erst so spät in der Welt entwickelte. Diese Frage kann auf zwei Arten beantwortet werden.

Erstens war die päpstliche Macht aufgrund ihres Charakters und ihrer Bedeutung mehr als jede andere dem universellen Gesetz der Entwicklung unterworfen; und wenn wir bedenken, dass sie genauso lange bestehen sollte wie dieselbe Religion, werden wir nicht feststellen, dass ihre Reife verzögert wurde. Die Pflanze ist ein natürliches Abbild legitimer Kräfte. Betrachten Sie einen Baum; die Dauer seines Wachstums ist immer proportional zu seiner Gesamtstärke und -dauer. Anzunehmen, das jede Macht sofort in der Fülle ihrer Kräfte und Eigenschaften dasteht, ist daher falsch, vergänglich und lächerlich. Das käme der Vorstellung eines Mannes gleich, der als Erwachsener geboren würde.

Zweitens müsste sozusagen die Explosion der päpstlichen Macht mit der Jugend der europäischen Souveränitäten zusammenfallen, die sie christianisieren sollte.

Lassen Sie uns rekapitulieren. Keine Souveränität ist in der ganzen Kraft des Wortes unbegrenzt und kann es auch nicht sein. Immer und überall war sie irgendwie begrenzt. Die natürlichste und am wenigsten gefährliche, insbesondere unter den neuen und wilden Nationen, war zweifellos jegliches Eingreifen der spirituellen Macht. Die Hypothese, das alle christlichen Souveränitäten, durch religiöse Brüderlichkeit in einer Art Weltrepublik vereint seien, unter der gemäßigten Vorherrschaft der höchsten geistlichen Macht; diese Hypothese, sage ich, hatte nichts Abstoßendes an sich und konnte der Vernunft sogar der Institution der Amphiktyonen* als überlegen präsentiert werden. Ich glaube nicht, dass in der heutigen Zeit etwas Besseres oder auch nur so Gutes erfunden wurde. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Theokratie, Politik und Wissenschaft es geschafft hätten, sich ruhig ins Gleichgewicht zu bringen, wie es immer geschieht, wenn man die Elemente sich selbst überlässt und der Zeit erlaubt, zu wirken? Die schrecklichsten Katastrophen, die Religionskriege, die Französische Revolution usw. wären in dieser Reihenfolge nicht möglich gewesen; die päpstliche Macht hat trotz ihrer Entwicklung und trotz der schrecklichen Mischung aus Fehlern, Lastern und Leidenschaften, die die Menschheit in beklagenswerten Zeiten plagten, nicht versäumt, der Menschheit die bemerkenswertesten Dienste zu leisten.

Die unzähligen Schriftsteller, die diese Wahrheiten in der Geschichte nicht gefunden haben, konnten zweifellos schreiben, was sie im Übermaß bewiesen, aber es ist ebenso sicher, dass sie nie lesen konnten.“

*) Amphiktyonen: Loser Städteverband im antiken Griechenland auf religiös-kultureller Basis (wikipedia)

 

 

Aus dem Portugiesischen „O poder temporal dos Papas“ in „O Legionário“, vom 26. März 1944

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Mittwoch, 3. Juli 2024

NE PERMITTAS ME SEPARARI A TE

 

Der letzte Punkt des Programms von Erzbischof Dom Carlos Carmelo de Vasconcelos Mota, der uns noch zu kommentieren blieb, ist: „die Organisation der Katholischen Aktion (K.A.) immer weiter auszubauen, im Einklang mit dem Geist des Heiligen Vaters Pius’ XI., ihrem glorreichen Gründer.“

Die Entwicklung der K.A. war einer der sehnlichsten Wünsche Pius’ XI. und wurde zu einem der Merkmale seines unvergesslichen Pontifikats. Die Massen entfernten sich zunehmend von der Kirche, getrieben von Vorurteilen, deren erste Folge darin bestand, sie vom Handeln der Priester abzuschotten. Im intellektuellen Bereich galt der Priester als verschlossener, abergläubischer Geist, der nicht in der Lage war, die Entwicklung der Wissenschaft zu verfolgen. Im sozialen Bereich, als ein neuer Savonarola, Feind von Komfort, Luxus und den Freuden des Lebens. Im Arbeiterbereich als Diener der Bourgeoisie, als natürlicher Gegner von allem, was das geistige und materielle Wohl der Arbeiter betrifft. Und als solcher war der Priester von vornherein verpönt, er fand alle Türen vor ihm verschlossen, seine Vorurteile waren so gesträubt, dass seine Handlungen in vielen Fällen auf wahre Ohnmacht reduziert waren.

Wie kann man die Belagerung durchbrechen? In dem man in jedem Bereich Menschen hervorbrächte, die in der Lage sind, darin zu handeln. Also Geistesapostel für Intellektuelle, Bürger für Bürger, Arbeiter für Arbeiter. Es oblag diesen Aposteln, dem Priester voranzugehen, so wie Johannes der Täufer dem Herrn vorausgegangen war. Die Wege zu ebnen, die Täler der Unwissenheit zu füllen und die Berge der Vorurteile abzutragen, um die Verbreitung des Priesterapostolats in der heutigen Welt zu erleichtern.

Im Wesentlichen ist dies das Ziel der Katholischen Aktion: eine allgemeine Mobilisierung aller Laien in Basis- oder Hilfsorganisationen, damit jeder, sei es in seinem jeweiligen Verein oder in seinem Familien- oder Arbeitsumfeld, ein offenes, ungehindertes, fleißiges Apostolat unternehme, für die Einführung der Herrschaft unseres Herrn Jesus Christus.

* * *

Wie man sieht, ist K.A. ein von der Vorsehung gegebenes Mittel, um Bereiche, der Kirche heranzuführen, die sich völlig von ihr entfernt haben. Dieses „völlig“ in unserem Land verdient eine Erklärung. Die Zahl der Taufen ist hier sehr hoch. Die überwiegende Mehrheit der Brasilianer gehört Gott sei Dank der katholischen Kirche an. Aufgrund eines traurigen Widerspruchs lässt sich das, was über die einzelnen Brasilianer gesagt werden kann, nicht über die jeweiligen Lebensbereiche sagen, in der wir Brasilianer leben. In der Physik würde man nicht akzeptieren, dass ein mit Tropfen einer Flüssigkeit mit bestimmten Eigenschaften gefülltes Glas eine Flüssigkeitsmasse mit Tropfen anderer Eigenschaften, aus denen es besteht, enthalten würde. Aber in der Soziologie wird dies angenommen. Die Umwelt ist möglicherweise weniger gut als die Menschen, aus denen sie besteht. Diese Tatsache ist durchaus üblich. Und bei uns sehr häufig. Die Menschenfurcht, das Bemühen, so genannte „moderne“ Gewohnheiten sklavisch zuzugeben, tragen letztlich dazu bei, dass sich Menschen in ihrem jeweiligen Umfeld sich daran gewöhnen, im Widerspruch zu ihren tiefsten eigenen Überzeugungen zu handeln. Allerdings hält diese Haltung nicht lange an. Pascal hat sehr treffend gesagt, dass der Mensch, wenn er seine Handlungen nicht mit seinen Vorstellungen in Einklang bringt, am Ende seine Vorstellungen mit seinen Handlungen in Einklang bringt. In Umgebungen, in denen das Verhalten und die Worte jedes Einzelnen einen entschlossenen Marsch zur völligen Ablehnung der Normen des Evangeliums darstellen, folgen die Herzen aus der Ferne oder aus der Nähe dem beschleunigten Marsch der Äußerlichkeiten. Und wie Glut, die erlischt und sich langsam in Asche verwandelt, kühlen diese Umgebungen, so katholisch sie auch waren, langsam ab und verwandeln sich in heidnische. Langsam oder schnell, es hängt alles von den Umständen ab.

* * *

Das wirkliche Bild, das wir vor Augen haben, erklärt zwei Erscheinungen, die nicht einseitig betrachtet werden sollten. Einerseits hören wir bis zum Überdruss wiederholen, dass Brasilien ein großes katholisches Land ist, eine der größten katholischen Mächte unserer Zeit usw. usw. Andererseits hören wir, dass das Land immer heidnischer wird. Wenn wir uns bestimmte religiöse Manifestationen ansehen, bei denen sich unzählige Menschenmengen versammeln, werden wir feststellen, dass die Optimisten Recht haben. Wenn wir die heidnischen Bräuche bedenken, die auf Partys, an Badestränden usw. weit verbreitet sind, werden wir den Neinsagern Recht geben. Aber die ganze Wahrheit liegt weder bei dem einen noch bei dem anderen. Beide haben einen Anteil an der Wahrheit. Brasilien ist bereits sehr heidnisch... es tut weh, das zu sagen. Aber Brasilien hat immer noch viel Katholizismus... wie gut ist es, ihn verkünden zu können!

In jeder dieser Umgebungen, die auf dem Abstieg zum Heidentum rutschen, haben die Elemente der K.A. die Aufgabe, Schilde, eine schützende Mauer und ein Element der spirituellen Wiederherstellung zu sein. Es sind die Hände mit denen die Kirche versucht, die Schafe, die dazu neigen, in die Irre zu gehen, in der Herde Jesu Christi festzuhalten. Damit Brasilien sich nicht von der Kirche entfernt, damit Brasilien immer mehr unserem Herrn Jesus Christus angehört, damit das Königreich Unserer Lieben Frau von Aparecida immer authentischer wird, muss die Katholische Aktion ihre Zweige und ihre Wurzeln im gesamten Staatsgebiet ausdehnen, gemäß den Wünschen Pius’ XI., unter der weisen Leitung von Pius XII. und unserem gesamten Episkopat. Und aus diesem Grund wünscht sich Dom Carlos Carmelo de Vasconcelos Mota das Aufblühen von K.A. in der Erzdiözese, die er leiten wird.

* * *

Im Geiste und im Gebet mit unserem neuen Hirten vereint, was steht uns zu, unserem Herrn zu sagen, als dass diese frommen Wünsche erhört werden? Und welche bessere Formel, um diese Wünsche im Namen ganz Brasiliens zum Ausdruck zu bringen, als die andächtigsten Worte des Gebets „Anima Christi“?

Ja, Herr, „von Dir lass nimmer scheiden uns“. Wenn wir diese Gnade haben, werden wir alle Gnaden haben.

 

 

Aus dem Portugiesischen „NE PERMITTAS ME SEPARARI A TE“ in „O Legionário“, vom 29. Oktober 1944

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Diese deutsche Fassung erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com

Ein unverzichtbares Buch

Im sehr erbaulichen Leben des Heiligen Alphons Maria von Liguori, dem Gründer der lobenswerte Kongregation der Redemptoristen, wird berichtet, weil er bereits in fortgeschrittenem Alter nicht mehr in der Lage war, alle Lektüren persönlich durchzuführen, von einem Laienbruder die vorgelesene Seite eines Frömmigkeitswerkes über die Andacht zur Unserer Lieben Frau zuhörte. Der Heilige fragte seinen Bruder, welches Buch das sei, und der Vorleser teilte ihm mit, dass es die „Herrlichkeit Mariens“ sei. Er rief jubelnd aus: „Wie bin ich glücklich, dieses Buch geschrieben zu haben“ und zeigte weiterhin, wie glücklich diejenigen sind, die das Glück hatten auf irgendeiner Art zur größeren Ehre der heiligsten Maria mitgearbeitet zu haben.

Es ist dasselbe Gefühl, das jeden beleben muss, der die glückliche Idee hatte, das schöne Buch mit dem Titel „Ma Mère“ (Meine Mutter) zu übersetzen, das von einem anderen berühmten Redemptoristen, Pater Schryvers, einem polnischen Theologen mit weltweitem Ruf, geschrieben wurde.

     Die mit Liebe und Sorgfalt angefertigte Übersetzung, tadellos gedruckt unter der Schirmherrschaft des Verlags, der rechtzeitig in der Diözese Taubaté gegründet wurde, das auf Portugiesisch den Titel des Originals – „Minha Mãe“ – beibehielt, ist berufen viel Gutes in unserer Mitte zu bewirken. Tatsächlich behandelt er auf bewundernswerte fromme und gebildete Weise ein Thema von höchster Relevanz, dem die Umstände des gegenwärtigen Augenblicks, wenn möglich, eine wirklich brennende Aktualität verleihen.

(antiquarisch noch erhältlich)
     Mit seinem Werk wollte Schryvers vor allem das Wirken der Vorsehung Mariens im geistlichen und weltlichen Leben eines jeden von uns hervorheben. Die Frömmigkeit der wahren Kinder der Kirche begnügt sich nicht damit, zu wissen, dass Unsere Liebe Frau aufgrund der solidesten und unbestreitbarsten theologischen Argumente unsere Mutter ist. Unsere Frömmigkeit bewundert in der konkreten Ordnung der Tatsachen die grenzenlose Macht und die unermessliche Liebe, mit der diese Mutter das Leben eines jeden von uns lenkt, beim Thron Gottes um die besten Gnaden für ihre Kinder bittet, ihre Schritte in den manchmal kritischen Augenblicken des geistlichen Lebens leitet und von ihrem irdischen Weg, alle Leiden abwendet, die für die Heiligung nicht unabdingbar sind.

Daher erblühen rund um Unsere Liebe Frau endlose bewegende Tatsachen, die in Frömmigkeitsbüchern oder in Traditionen überliefert werden und die jeweils auf noch bewegendere Weise die Macht und Nachsicht der himmlischen Fürsprecherin der Sünder bezeugen. Um die Freigebigkeit der Belohnungen zu zeigen, mit der Sie sich für jede Gunst Ihrer Anhänger bedankt, hat Grignion von Montfort einen Ausdruck verwendet, der, wenn ich mich nicht irre, der populären französischen Sprache ihrer Zeit entnommen ist. Dieser Ausdruck sagt alles: „pour un oeuf Elle donne un boeuf“. Tatsächlich ist es derselbe Grignion, der zu Recht behauptet, dass die Liebe Unserer Lieben Frau für jedes ihrer Kinder, selbst für den sündigsten oder von den Menschen am meisten verachteten, die Summe der Liebe übersteigt, die alle Mütter auf der Welt für ihr einziges Kind haben.

Das große Verdienst von Schryvers‘ Buch besteht darin, dass es das von Grignion de Montfort sozusagen vervollständigt. Letzteres ist eine leidenschaftliche und höchst wissenschaftlich fundierte These, in der alle Vorzüge der Heiligsten Jungfrau unwiderlegbar nachgewiesen werden. Das Buch von Schryvers ist ein praktisches Handbuch, um Schritt für Schritt den Weg zu verfolgen, den Grignion mit seiner Lehre beleuchtet. Er nimmt uns an die Hand und führt uns behutsam auf dem Weg der marianischen Spiritualität. Keine Blume bleibt am Rande des Weges zurück, ohne dass er sie pflückt; kein Entzücken geht verloren, ohne dass er es bemerkt, und vor den Kreuzen selbst, die Maria nicht aus dem Weg ihrer Anhänger entfernt, verweilt er liebevoll, kindlich, ruhig, nicht wie ein verurteilter, der vor dem Galgen ihn vor Entsetzen zittern lässt, sondern wie der unerschrockene Krieger auf dem Schlachtfeld, oder besser noch wie unser Herr Jesus Christus, der mit Tränen der Liebe und mit brennenden Küssen der Zuneigung das Allerheiligste Kreuz empfing, durch das er endlich die Menschheit erlösen würde.

Wenn das Buch von Grignion de Montfort unseren Weg bewundernswert beleuchtet, lehrt uns das Buch von Schryvers, wie wir ihm mit unseren eigenen Schritten folgen können.

* * *

Kein Katholik kann leugnen, dass Unsere Liebe Frau die Mittlerin aller Gnaden ist und deshalb ohne die Unterstützung ihrer Gebete niemand gerettet werden kann.

Daher hat jedes glaubenstreue, gelehrte und fromme Buch über die Muttergottes immer die höchste Relevanz für alle Dinge, die grundlegend unsere ewige Erlösung betreffen.

Ungeachtet dessen wage ich zu behaupten, dass das Buch von Pater Schryvers derzeit eine besondere Gelegenheit genießt.

Die Gärung eines Geistes, der sich zu sehr auf weltliche Dinge konzentriert, führt nicht selten dazu, dass einige Katholiken meinen, sie müssten in ihrem Apostolat die zweifellos strengen Anforderungen der katholischen Moral verbergen, die von Neulingen selbst nicht selten die Sicht auf bestimmte Lebensumstände, absolut heroische Opfer verlangt. Solche Geister sagen, dass die Erklärung von Pflichten bedeutet, Seelen zu verscheuchen. Es wäre besser, mit ihnen über Rechte als über Pflichten, über Erlaubnisse als über Pflichten, über Toleranzen als über Kämpfe zu reden. Auf diese Weise würden sie die katholische Lehre leichter akzeptieren.

Ohne zu analysieren, was an einer solchen Sichtweise alles falsch ist, möchte ich nur betonen, dass, anstatt den Katholizismus zu deformieren und die Strenge seiner göttlichen Moral aus den Augen aller zu entfernen, müsste er vollständig verkündet werden, so wie er ist, indem mit der Strenge der Pflicht, die sanften und tröstenden Wahrheiten gepredigt werden, die den Weg, den wir gehen müssen, nicht nur erträglich, sondern auch spannend machen.

Anstelle ständiger Rückzüge, absichtlicher Unbestimmtheit und Kompromisse, die definitiv an den verwerflichsten Laxismus (Lauheit, alles laufen lassen) grenzen, wäre es viel besser, Seelen mit der Verkündigung der Liebe Gottes zu den Menschen anzuziehen, die sich vor allem in den unbeschreiblich tröstenden Geheimnissen von Leben, Leiden und Tod Unseres Herrn Jesus Christus manifestieren, in der Definition der Liebe des Herzens Jesu und der unendlichen Gnaden, die Er uns schenkt, und in der Verehrung Unserer Lieben Frau.

Diese Wahrheiten sind es, die den strengen Weg mit Licht füllen, die uns nicht vom Weg des Guten abweichen lassen, sondern uns die Kraft geben, sie entschlossen zu beschreiten, und die uns gleichermaßen vom lutherischen Laxismus und vom ketzerischen Jansenismus fernhalten.

* * *

Das Apostolat der Eroberung kann nicht ein Prozess des systematischen Rückzugs vom Geist der Welt sein, die Unterlassung unserer Pflichten, nicht einfach als List bezeichnet werden kann, und die „Tarnung“ des Katholizismus zum Ziel haben. Lasst uns mit heiligem Stolz die Kreuze, die Dornen und die Kämpfe zeigen, die sich auf dem Weg des wahren Katholiken befinden. Eine solche Haltung wird Neulinge nicht abschrecken, wenn wir ihnen diesen Weg zu zeigen wissen, der in Herrlichkeit erstrahlt durch den Glanz der Sonne der Seelen, die das Herz Jesu ist, der bei jedem Schritt durch das mütterliche Lächeln Mariens gemildert wird.

* * *

 

 

Aus dem Portugiesischen „Um livro indispensavel“ in „O Legionário“, vom 18. Februar 1940

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SANGUIS CHRISTI, INEBRIA NOS

 

Wir haben in unserem letzten Artikel die enge Verbindung der ersten beiden vom neuen Erzbischof von São Paulo geäußerten Wünsche, der katechetischen Unterweisung und des eucharistischen Lebens des Volkes, mit den ersten beiden Bitten des „Anima Christi“ behandelt.

Ein weiterer Wunsch, den Dom Carlos Carmelo de Vasconcelos Mota sehr deutlich zum Ausdruck brachte, ist, dass São Paulo viele Priester haben soll. Nichts Gerechteres. Der Priester ist notwendig, um die Sakramente zu verwalten, die Gläubigen zu unterrichten und den Bischof bei der Leitung der Kirche zu unterstützen. Ohne die Sakramente, die Lehre und die Regierung der Kirche wird das gesamte System der Erlösung der Seelen gestürzt. Daher ist der Priester unverzichtbar für das „unum necessarium“, das die Erlangung ewiger Glückseligkeit und die Verwirklichung der Herrlichkeit Gottes in seinen Geschöpfen darstellt. Darüber hinaus gibt es ohne den Priester keine wahre Zivilisation. Der große Papst Pius X. schrieb, dass die einzige Zivilisation, die diesen Namen wirklich verdient, ist die katholische. Die anderen Zivilisationen, die griechische, die römische, die hinduistische, sind Skizzen, großartige Skizzen, wenn wir so wollen, aber letztendlich nur Skizzen, bloße Skizzen einer Zivilisation. Tatsächlich entsteht jede Zivilisation aus der Exzellenz menschlicher Qualitäten. Nun erreicht der Mensch die auf dieser Erde mögliche Fülle moralischer Vollkommenheit nur mit Hilfe der Sakramente, des Lehramtes und der Leitung der Kirche. Daher gibt es ohne den Priester keine vollständige, wahre Zivilisation.

Deshalb erfordern alle heiligsten Interessen der Kirche und des Vaterlandes eine reiche Blüte von Priestern in unserem Land.

* * *

Aber das Priesterleben besteht, obwohl es voller übernatürlicher Tröstungen ist, ausschließlich aus Kreuzen. In einigen Priesterhäusern habe ich ein Bild gesehen, die einen jungen Priester darstellt, der während der Messe die heilige Hostie darbringt. Der Erlöser, dessen Figur ungenau erscheint, umschließt gleichzeitig die Stirn des jungen Leviten mit einer Dornenkrone. Der Reim lautet: „Priester und Opfer“. Ich kenne kein besseres Symbol als das, was das Priesterleben im Wesentlichen ausmacht.

Wie können wir in den jungen Generationen unserer Zeit, die von allen Seiten von den Verführungen der heidnischen Welt angezogen werden, die Liebe zum Opferleben entfachen, das dem Priester eigen ist? Wie können wir sie unempfindlich gegenüber den Rufen der menschlichen Klugheit machen, die ihnen rät, wie vor einem Gespenst aus diesem Leben der Abtötung fliehen und mit aller Begeisterung die Freuden des weltlichen Lebens genießen?

Weltliche Geister lehnen junge Leute, die im Seminar eintreten, als verrückt ab. Und es braucht wirklich den heiligen Wahnsinn des Kreuzes, die männliche und übernatürliche Liebe zum Leiden, damit ein junger Mann der Welt entsagt und in den Priesterstand eintritt. Diesen heiligen Wahnsinn erwerben Christen erst im eucharistischen Leben. Es ist der göttliche Rausch des Blutes Christi, des Weins, der Jungfrauen und Priester hervorbringt. Es ist dieser Rausch, den wir zu wecken versuchen, damit die Berufungen in unserem Land zahlreich, lebendig und fruchtbar seien. Wenn wir lesen, was sich Dom Carlos Carmelo de Vasconcelos Mota in Bezug auf Berufungen wünscht, und im Einklang mit seinem Herzen vibrieren, kann der Ausruf, der aus unserer Brust aufsteigt, nicht umhin: „Blut Christi, tränke die neuen Generationen von São Paulo.“

* * *

Das Volk versteht bis zu einem gewissen Grad die Notwendigkeit eines zahlreichen Klerus. Es ist nicht so üblich, jemanden zu finden, der die Notwendigkeit eines heiligen Klerus versteht.

Es gibt jedoch die gesamte Lehre der Kirche, die gesamte christliche Hagiographie, die zeigt, dass die Wirksamkeit des priesterlichen Handelns viel mehr von der Qualität als von der Quantität der Priester abhängt.

Aus diesem Grund spricht Dom Carlos Carmelo de Vasconcelos Mota akribisch über die Priesterausbildung. Man hat den Eindruck, dass ihm alles, was mit Seminaren zu tun hat, leidenschaftlich am Herzen liegt und dass er keine Ressourcen oder Opfer erübrigen kann, um künftigen Leviten die Ausbildung zu ermöglichen, die sie haben sollten.

Worin besteht diese Schulung? Die breite Öffentlichkeit ignoriert es. Im langweiligen und bescheidenen Leben des Seminaristen sieht sie nur zwei Aspekte: die Entführung der Welt und die Spezialisierung auf religiöse Angelegenheiten. So wichtig diese Aspekte auch sind, sie erschöpfen bei weitem nicht die gesamte Realität. Ein berühmter französischer Priester wurde einmal gefragt, was er während seiner Zeit am Priesterseminar getan habe. Es ist ganz einfach, antwortete er, wir waren zu zweit, ich habe einen aus dem Fenster geworfen und der andere blieb. Wer wird diese Sprache heute verstehen können? Wir alle werden als Folge der Erbsünde mit tiefgreifenden moralischen Mängeln geboren. Es gab einen Schriftsteller, der sagte, dass jede neue Generation eine Invasion von Barbaren in die Welt sei. Diese Mängel sind so tief in unserer Persönlichkeit verankert, dass es die schmerzhafteste aller Mühen ist, sie zu beseitigen. Unser Herr verwendet einen äußerst energischen Ausdruck, um unsere Anhaftung an Fehler zu kennzeichnen: Er vergleicht sie mit Organen unseres eigenen Körpers und sagt aus diesem Grund, dass wir das Auge ausreißen und den Fuß abhauen müssen, die uns zur Sünde geführt haben. Mit anderen Worten: Einen Fehler zu tilgen ist so schwer, wie einen Fuß abzuhauen oder ein Auge auszustechen! Das ganze geistliche Leben geschieht durch die energische Beseitigung unserer Mängel und die Entwicklung unserer guten Eigenschaften nach dem göttlichen Vorbild unseres Herrn Jesus Christus. Das Leben im Seminar ist gerade dazu bestimmt, die entscheidenden und unheilbaren Messerstöße in die Fehler, mit denen wir geboren sind, zum Ausdruck zu bringen. Es ist ein energischer Kampf gegen alles, was Unvollkommenheit bedeuten könnte. Es gelte, „diese schlechten Tendenzen aus dem Fenster zu werfen“. Und diejenigen, die Erfahrung mit dieser Aufgabe haben, wissen, dass es (in der Folge) nichts auf der Welt gibt, das so herrlich, noch so hart, noch so göttlich ist.

Ich verspüre Begeisterung, eine Glut glühender Bewunderung für die jungen Menschen, die ich durch die Stadt gehen sehe, gekleidet in schwarze Priestergewänder, die einen deutlichen Kontrast zu der Jugendlichkeit ihrer Gesichtszüge bilden, junge Menschen, die mit eiligem Schritt und der Aktentasche in der Hand, nach ein paar Monaten Urlaub, zum Seminarkurs zurückkehren. Die Welt versteht die Schönheit Ihres Lebens nicht. Aber wer aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist, mit seinen eigenen Fehlern zu kämpfen, kann nicht umhin, von der Selbstlosigkeit dieser jungen Männer begeistert zu sein, die ins Priesterseminar gehen, um sich unter den Einfluss des Heiligen Geistes zu stellen, um mit Hilfe der Gnade ihre durch die Erbsünde deformierte Persönlichkeit mutig dem Vorbild des Priesters anzupassen, der Christus, unser Herr, ist.

Und wie wichtig ist es für die Kirche, für das Christentum, dass sie diese Aufgabe gut erfüllen. Ach, wenn diejenigen, die das Leben der Völker kennen, die Geheimnisse der Gnade richtig zu schätzen wüssten, würden sie verstehen, dass sich die Schicksale von Nationen oft in Seminaren abspielen, und dass es vor allem ein heiliger Klerus ist, ein Klerus, der von allen Makeln befreit, mit denen der Mensch geboren wurde, der die spirituelle Größe der Menschen entstehen lässt.

Der Heilige Vater Pius XI. richtete eine großartige Ansprache an die Fastenprediger Roms, die LEGIONÁRIO kürzlich veröffentlicht hat. In dieser Ansprache zeigt der Stellvertreter Christi die Tiefen des moralischen Verfalls, in den die heutige Welt geraten ist. Wenn wir diese arme Menschheit betrachten, die so von der Sünde befleckt ist, was sollten wir anders anflehen als: „aqua lateris Christi, lava nos“? Wenn das Wasser von der Seite Christi uns nicht wäscht, was wird uns dann waschen? Und welche anderen Hände würden die heutige Welt mit Wasser von der Seite Christi waschen, wenn nicht vor allem die Hände des Priesters, die sich in den strengen und glücklichen Zeiten des Priesterseminars eifrig und ausgiebig in dieser einzigartigen Quelle waschen ließen, aus der alle Reinheit entspringt?

 

 

Aus dem Portugiesischen „SANGUIS CHRISTI, INEBRIA ME“ in „O Legionário“, vom 15. Oktober 1944

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