Der hl. Johannes verwendet einen Satz, den ich in letzter Zeit oft zitiert habe, weil ich ihn schön finde. Er sagte: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“? (1.Joh 4,20) Dieser Aussage liegt der Grundsatz zugrunde, dass die Menschen uns als Maßstab für unsere Gottesliebe dienen. Und da der Mensch nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen wurde, können wir über die Menschen nachdenken, und diese Betrachtungen tragen dazu bei, uns zur Liebe Gottes zu erheben.
Meine
Vorgehensweise besteht also darin, die Menschen zu analysieren und daraus eine
allgemeine Linie, einige Prinzipien abzuleiten, die etwas von der liebenswerten
Persönlichkeit unseres Herrn Jesus Christus vermitteln. Anschließend werde ich
die Evangelien prüfen, um sicherzustellen, dass sie tatsächlich eine Grundlage
für das bieten, worüber wir sprechen.
Dies
ist also eine Meditation philosophischer Art, die jedoch auf dem historischen
Beweis der Evangelien basiert. Mit anderen Worten, Sie sehen, dass es sich um
eine Denkweise handelt, die dem Thema vollkommen angemessen, völlig
unbedenklich und völlig vernünftig ist.
Um
die moralische Physiognomie eines Menschen, seine Psychologie – ich meine nicht
nur die moralische Physiognomie, sondern die Psychologie des Menschen – zu
erfassen, können wir unter anderem folgendes Kriterium anwenden: Wir betrachten
den Menschen in seinen intellektuellen Fähigkeiten, dann in seinen moralischen
Werten und schließlich in seinen Handlungen. Aus diesen Blickwinkeln
betrachtet, haben wir genügend Material, um uns ein Bild von einem Menschen zu
machen.
Nun,
unser Herr Jesus Christus war natürlich nicht bloß ein Mensch und daher nicht
in erster Linie ein Mensch. Er ist Gottmensch und daher in erster Linie Gott.
Aber er ist wahrhaftig Mensch. Und deshalb ist es vollkommen legitim und
vernünftig, diese Begriffe auf ihn als Menschen anzuwenden.
Wenn
wir diese auf den Menschen anwenden und seine Physiognomie sowie seine
Fähigkeiten berücksichtigen, können wir Folgendes sagen: Wir können die
intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen in all ihren Nuancen, ihrer Tiefe,
ihrem Wert und ihren persönlichen Eigenschaften nicht erfassen, wenn wir nicht
nur seine Person, sondern auch seinen Beruf betrachten. Denn im Allgemeinen
wählen Menschen ihren Beruf entsprechend ihrer geistigen Veranlagung. Und bei
der Ausübung ihres Berufs bringen sie einerseits ihre gesamte geistige
Veranlagung zum Ausdruck.
Andererseits
prägt der Beruf ihre geistige Veranlagung. Daher entsteht zwischen ihnen und
dem Beruf eine Art Verbindung, eine Art Verknüpfung, wodurch ein Mann von hohem
Ansehen in seinem Beruf zu einem charakteristischen Typus in seinem Beruf wird.
Beispielsweise
wird ein bedeutender Diplomat zu einem charakteristischen Diplomaten, das
heißt, er besitzt alles, was einen Diplomaten von allen anderen unterscheidet.
Ein bedeutender Krieger wird zu einem charakteristischen Krieger, das heißt, er
besitzt in seiner Persönlichkeit alles, was ihn von allen anderen
unterscheidet. Ein großer Priester, ein großer Bischof, ein großer Papst wird
letztlich zu einem charakteristischen Priester, Bischof, Papst, in dem er sich
von allen anderen unterscheidet, die diesen Beruf nicht ausüben. Und in seinem
Beruf ist er typischerweise eher Priester, Bischof, Krieger oder Diplomat als
jeder andere Mensch.
Und
so können wir durch den Beruf mehr oder weniger die geistige Veranlagung eines
Menschen erfassen und erklären.
*
König, Priester, Pontifex, Opfer und Krieger: Wir finden all diese Prädikate in
unserem Herrn
Wenn
wir das Leben unseres Jesu analysieren, stellen wir fest, dass die Umstände
seines Lebens es ihm ermöglichten, alle rechtmäßigen Berufe, die ein Mensch
ausüben kann, in überragender Weise auszuüben. Es gibt keine rechtmäßige
Tätigkeit eines Menschen, die unser Herr nicht in irgendeiner Weise – und wenn
man diese Tätigkeit an ihrem Kern betrachtet – ausgeübt hat.
Nehmen
wir also unseren Herrn Jesus Christus zum Beispiel als König. Es ist die
höchste Tätigkeit in der weltlichen Ordnung. Unser Jesus Christus war Fürst aus
dem Hause Davids und besaß daher allen Adel, alle Erhabenheit und alle Größe
des Fürstentums. Bei seinem Einzug in Jerusalem wurde er wahrlich als König von
Jerusalem gefeiert. Das Volk rief: „Hosanna – das heißt: Es lebe Jesus, Sohn
Davids!“ Er war also ein Nachkomme unserer alten Könige.
Und
obwohl er auf einem Esel in Jerusalem einzog, was ein Zeichen seiner Sanftmut
war, schmälerte dies seine Majestät in keiner Weise. Im Gegenteil, wie man im
Evangelium sieht, feierte ihn das Volk mit Begeisterung und wahrer Hingabe. Das
heißt, das Volk spürte seine königliche Größe.
Jesus
Christus war der Priester schlechthin. Das gesamte Priestertum des Alten Bundes
war ein Vorbild seines Priestertums. Alles nachfolgende Priestertum ist eine
Teilhabe an seinem Priestertum. Doch der Pontifex schlechthin, der zugleich
Pontifex und Opfer war – denn er war Opfer, aber er opferte sich selbst als
Opfer und war zugleich Pontifex, der Stifter der Heiligen Messe und somit
Zelebrant der Heiligen Messe und zugleich Opfer in der Heiligen Messe und
später am Kreuzaltar –, das war unser Herr Jesus Christus.
Wenn
wir uns also einen König vorstellen, mit allen archetypischen Eigenschaften
eines Königs, den majestätischsten und edelsten aller Könige, dann hätten wir
nur eine vage Vorstellung von der Majestät unseres Herrn Jesus Christus.
Wir
müssen uns einen Priester, einen Pontifex, einen Papst vorstellen, so
vollkommen päpstlich, wie wir es uns vorstellen können. Dann hätten wir nur
eine vage Vorstellung davon, was unser Herr Jesus Christus war. Jesus Christus
war wahrlich ein Kämpfer und Krieger. Sein Leben war ein Kampf, und während
seines Lebens kämpfte er nicht nur gegen Dämonen und trieb sie unaufhörlich
aus, sondern er kämpfte auch gegen die Macht der Finsternis auf Erden und
stellte sich der geheimen Verschwörung finsterer Mächte entgegen – und zwar mit
Bravour. Selbst als sie ihn verhafteten und fragten: „Bist du Jesus von
Nazareth?“, antwortete er: „Ich bin es.“ Und alle fielen zu Boden.
Das
heißt, es ist die großartige Aussage eines Kriegers, der allein durch das
Aussprechen seines Namens alle Gegner zu Boden wirft. Und der sich dann ergab
und erklärte, er habe sich freiwillig ergeben. Denn wenn er es gewollt hätte,
wären ihm unzählige Legionen des himmlischen Vaters zur Verfügung gestanden,
die sofort herabgestiegen wären und seine Widersacher vernichtet hätten.
Um
den Charakter unseres Herrn zu verstehen, muss man sich den vollkommensten
Krieger aller Zeiten vorstellen, und man bekommt eine Vorstellung davon, wie
unser Herr Jesus Christus gewesen sein muss.
Diplomat:
Sehen Sie unseren Herrn Jesus Christus während seines irdischen Lebens als
einen vollkommenen Diplomaten. Wie er die Verschwörung des Sanhedrins mit
enormer Klugheit bewältigte, mal vorsichtig, indem er sich anschlich, Worte
wählte, die Konflikte vermieden, mal mit Argumenten von vollendeter
diplomatischer Präzision konfrontierte. Als man ihn beispielsweise in Verwirrung
bringen wollte und nach dem Geld fragte, ob es rechtmäßig sei, Steuern an Rom
zu zahlen oder nicht, antwortete er:
–
„Wessen Münze ist das?“
–
„Die des Kaisers.“
–
„Dann gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“
Und
alle gingen weg. Das heißt, er vermied es, über das Thema zu sprechen, über das
er nicht sprechen wollte. Aber er machte denjenigen, die ihn durcheinanderbringen
wollten, Mundtot.
Nun
sehen Sie Jesus als Arzt. Wer war je ein Arzt wie Er? Sehen Sie Jesus Christus
als Rechstanwalt. Die Güte und Barmherzigkeit, mit der er sich im Evangelium
für die Sünder einsetzte, sein Wissen um die mildernden Umstände und seine
Fähigkeit, die Argumente für ihre Verteidigung zu finden. Er wusste, wie man
vergibt und Nachsicht übt. Niemand setzte sich so für die Angeklagten, die
Sünder, die Armen und alle Bedürftigen ein wie Jesus Christus.
Doch
auf der anderen Seite Jesus der Handwerker. Stellen Sie sich ihn in der
Werkstatt von Nazareth vor, als den wahren Zimmermann und Handwerker. Stellen
Sie sich den wahren Handwerker vor, realisiert in Jesus Christus.
Untersuchen
Sie also Punkt für Punkt alle menschlichen Tätigkeiten, und Sie werden
feststellen, dass sie sich in gewisser Weise in Jesus Christus widerspiegelten.
Und dass sein Intellekt und sein Geist so beschaffen waren, dass er in seiner
menschlichen Natur gleichzeitig – und in einer Weise, die niemand je auch nur
annähernd erreicht hat – alle Formen und Grade ehrlicher Berufe in sich
vereinte. Und dass er all dies mit einer Vollkommenheit vollbrachte, von der
wir keine Ahnung haben können, denn im gewöhnlichen Menschen gibt es eine
Begrenzung, wodurch sich Vollkommenheiten gegenseitig ausschließen. Doch in
Jesus Christus war keine Vollkommenheit ausgeschlossen.
Das
heißt, man kann alle Völker der Erde betrachten. Man kann die Franzosen mit
ihrer Präzision, Klarheit und ihrem Scharfsinn betrachten; die Deutschen mit
ihrer Kraft, Tiefe und ihrem Sinn für das Erhabene; die Italiener mit ihrer
theologischen Begabung, ihrer Subtilität und ihrem diplomatischen
Urteilsvermögen; die Spanier mit der Vielfalt ihrer Gaben in Kunst, Literatur,
Philosophie, Theologie und ihrem Kampfgeist; unsere lieben Portugiesen mit all
den Talenten, die sie geerbt haben. Man kann die Völker einzeln betrachten, die
Araber, die Japaner, die Chinesen. Man wird zu folgendem Schluss kommen: Jedes
dieser Völker hat bestimmte Gaben, und weil sie diese Gaben haben, können sie
keine anderen haben. Es ist beispielsweise nicht möglich, den feinen und
leichten Scharfsinn der Franzosen und den kraftvollen und kämpferischen Geist der
Deutschen zu besitzen. Diese Eigenschaften schließen sich gegenseitig aus.
Aber
nicht in Jesus Christus. Als Haupt der Menschheit vereinte er alle Gaben aller
Völker der Erde in sich und versöhnte sie. So besaß er höchste geistige Größe,
aber auch unvorstellbaren französischen Charme, unvorstellbare deutsche Stärke
usw. Er erreichte sogar die Feinfühligkeit und die Intuition des Brasilianers,
ebenfalls in unvorstellbarem Maße.
Das
heißt, jeder, der mit unserem Herrn Jesus Christus sprach, hatte aus rein
menschlicher Sicht allen Grund, angesichts seiner Überlegenheit völlig
geblendet und sprachlos zu sein. Wir können sie, wenn wir im Evangelium lesen,
besser verstehen.
Wenn
wir darüber nachdenken und das Evangelium lesen, können wir das Staunen der
Menschen besser begreifen, als unser Herr durch sie hindurchging. Die Furche,
die er hinterließ, und beispielsweise die Haltung der Menge, als er in die
Wüste ging und alle vergaßen, Proviant mitzunehmen, und ihm folgten. Bis zu
einem gewissen Punkt erinnerten sich alle plötzlich daran, dass sie essen
mussten.
Das
heißt, so überwältigend war die Fülle der Gaben, mit denen Er diese unzähligen
Seelen in seinen Bann zog und sie so vollkommen an sich riss, dass die Menschen
sprachlos waren. Sie folgten Ihm fast atemlos, denn Er stillte alle Bedürfnisse
auf vollkommene Weise. Und Er stillte sie so vollkommen, dass Er alle
Erwartungen übertraf.
Man
sollte jedoch nicht meinen, dies geschehe nur auf irdischer Ebene. Denn da
Jesus Gottmensch war, bestand eine Verbindung zwischen menschlicher und
göttlicher Natur; denn in Jesus Christus gibt es nicht zwei Personen, sondern
nur eine. Und so floss zu dieser unvorstellbaren intellektuellen Vollkommenheit
noch die Verbindung, die hypostatische Union mit der zweiten Person der
Heiligen Dreifaltigkeit, hinzu. Und so strömten entsprechende übernatürliche
Gaben hervor, vollkommen blendend und völlig unergründlich.
Woher
also rührte die geheimnisvolle Empfindung des Menschen, etwas zu spüren, das
ihn völlig überstieg und von dem er nach und nach ahnte, dass es Göttlichkeit
war? Daher sehen wir, dass sich die Dinge im Leben unseres Herrn so weit
entwickelten, bis man erkannte, dass er der Sohn Gottes war. Und dann jener
historische Moment, als er fragte …
Man
sieht, dass unter denen, die mit ihm zu tun hatten, Zweifel an seiner Identität
bestanden, denn sie begriffen, dass er kein Mensch sein konnte. Allein durch
diese intellektuelle Überlegung verstehen wir dies bereits. Dann beginnt dieser
Zweifel, und er fragt: „Und ihr, was sagt ihr, wer der Menschensohn ist?“ Das
ist, als würde er ein Gerücht wieder aufgreifen, ein bewunderndes Summen von
Vermutungen, das niemand schlüssig erklären konnte.
Und
man sieht dann, dass Er, der die höchste Klarheit, die höchste Schönheit
verkörperte, für diese Menschen sogar die Anziehungskraft des höchsten
Geheimnisses besaß. Denn für den Menschen braucht es in diesem Leben, um
anziehend zu sein, auch ein Geheimnis. Und auch er besaß dieses Geheimnis, und
zwar in höchstem Maße. Denn sie schauten ihn an und sagten: „Aber wer ist er?
Was ist er? Das ist unmöglich! So kann kein Mensch sein, er sprengt alle
Vorstellungen!“ Bis zu dem Moment, als er sagte: „Und ihr, was sagt ihr über
den Menschensohn?“
Da
stand der hl. Petrus auf und sagte, er sei der Sohn des lebendigen Gottes. Und
dann sagte er: „Selig bist du, Simon Petrus, denn weder Fleisch noch Blut sagt
dir das, sondern mein Vater im Himmel.“ Dann: „Petrus, du bist der Fels, und
auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ usw.
Hier
sieht man, wie der Verdacht, ja, weit mehr als ein Verdacht, der Akt des
Glaubens vieler, der ein Anfang des Glaubens war, von anderen noch etwas
skeptisch beäugt, aber die Fülle des Glaubens im heiligen Petrus, aus seinen
Lippen hervorbricht: Er war der Sohn Gottes!
Nun
betrachten Sie die andere Seite unseres Herrn Jesus Christus, die moralische.
Jeder von uns trägt ein Urlicht in sich. Und dieses Urlicht prägt uns so, dass
sich diese in uns liegende moralische Eigenschaft offenbart, wenn wir uns
heiligen. Und sie offenbart sich, wenn einer von uns ganz der Gnade entspricht,
sodass in uns, armen Menschen, dennoch etwas Übernatürliches durchscheint. Dom
Chautard geht in „Die Seele allen Apostolats“ darauf ein, wenn er vom Pfarrer
von Ars, dem heiligen Johannes Vianney, spricht. Jemand fragte, wenn ich mich
nicht irre, einen Pariser Anwalt, der in Ars gewesen war: „Was haben Sie in Ars
gesehen?“ Und er antwortete: „Ich habe Gott in einem Menschen gesehen.“ Das
heißt, der Pfarrer von Ars war so heilig, es war klar, dass er nicht Gott war –
und keiner von uns kann Gott sein –, aber man spürte, dass Gott in ihm
gegenwärtig war, ähnlich wie die Hostie in einer Monstranz. Die Monstranz ist
nicht die Hostie, aber die Hostie kann in der Monstranz gesehen werden. Ebenso
wurde Gott im hl. Johannes Vianney gesehen.
Nun
können wir in der Offenbarung eines Urlichts Gott sehen. Jesus Christus war der
vollkommenste Ausdruck aller Urlichter, die es gab, gibt und bis zum Ende der
Welt sein werden. So ist jeder Heilige, jede gläubige Seele nichts anderes als
– und das ist eine unendliche Ehre! – ein kleiner Schimmer der Vollkommenheit
unseres Herrn Jesus Christus. Nichts anderes.
Wenn
wir also eine Seele sehen, die uns gefällt – ein Mitglied der Gruppe, das
Fortschritte macht, sich verbessert, was auch immer –, betrachten wir ihn und
meditieren darüber, indem wir denken: „Dies ist ein Spiegelbild unseres Herrn,
und ich freue mich sehr darüber. Wie staunend werde ich sein, dies in Jesus
Christus von Angesicht zu Angesicht im Himmel zu sehen! Wie erhebend und
vollkommen muss dies in Ihm sein, bis hin zur Sprachlosigkeit, denn er besaß
alle erdenklichen Formen der Tugend. Aber, ich wiederhole, es ist einem
Geschöpf nicht möglich, dies zu besitzen. Er besaß es, da er als Mensch ein
Geschöpf war, aber er war auch Gott, er hatte diese Verwandlung von
Menschlichkeit zu göttlicher Natur. Und daher auf eine Weise, die keine
Vorstellung vermitteln kann.
Um
Ihnen die völlige Unzulänglichkeit dieser Überlegungen, uns eine Vorstellung
davon zu geben, was die Person unseres Herrn Jesus Christus war, etwas zu
verdeutlichen, ziehe ich einen Vergleich heran.
Sie
wissen ja, dass es in England bis vor einiger Zeit – ich weiß nicht, wie es
heute ist – sehr tiefe Kohlebergwerke gab, die sich über viele Ebenen
erstreckten und in die Luft durch Rohre usw. eindrang. Und es gab Zugtiere –
damals, als ich das las, wurde noch mit Tieren gearbeitet –, die in den
Bergwerken eingesetzt wurden und sozusagen nie die Sonne sahen. Wenn diese
Tiere regelmäßig an die Oberfläche gebracht wurden, zeigten sie dort, zum
Beispiel die Pferde, ungeheure Freude: Sie sprangen, warfen sich auf den Boden,
wieherten – es war ein Genuss, im Sonnenlicht gebadet zu werden.
Stellen
Sie sich einen Mann vor, der in einem Bergwerk geboren wurde und nie die Sonne
gesehen hat. Aber er hat Fotos der Sonne gesehen und ihm wurde ein Ofen gezeigt
und gesagt: „Die Hitze der Sonne ist ähnlich wie die Hitze dieses Ofens, und
die Sonne hat diese Form usw. …“ Natürlich konnte er sich so eine vage
Vorstellung von der Sonne machen. Doch als der Mensch die Erdoberfläche
erreichte und die Sonne sah, würde er sagen: „Was ich gesehen habe, ist
trügerisch. Denn die Sonne ist so viel mehr als das … natürlich hatte ich eine
vage Vorstellung von der Sonne, aber sie übertrifft alles.“
Und
ein Mensch mit katholischer Seele hätte nichts anderes zu tun, als den
Sonnenuntergang kniend zu betrachten und Gott als den Schöpfer der Sonne
anzubeten. Denn dann würde er eine Fülle erfassen, die er zuvor nie besessen
hatte.
Diese
kleinen Eindrücke, die ich hier für euch zusammenfasse, damit ihr euch ein Bild
von unserem Herrn Jesus Christus machen könnt, sind wie Fotos der Sonne für
einen Bergmann. Denn wer ihn gesehen hat, wird eine ganz andere Vorstellung
haben, die diese hier bei Weitem übertrifft.
Ich
trage hier nur ein paar kümmerliche Bruchstücke zusammen, damit Sie, wie durch
einen Spiegel, eine vage, unvollständige und unvollkommene Vorstellung davon
bekommen, wer unser Herr Jesus Christus wirklich war. Denn das war er in
Wahrheit.
Stellen
Sie sich einen überaus keuschen Heiligen vor, der die Keuschheit selbst
verkörperte, und stellen Sie sich die Reinheit dieses Heiligen vor. Sie wäre
nichts im Vergleich zu der unseres Herrn Jesus Christus. Stellen Sie sich einen
überaus wahrhaftigen Heiligen vor, dessen Antlitz von außergewöhnlicher
Klarheit eine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit widerspiegelte, wie sie noch nie
zuvor gesehen wurde. Auch das wäre nichts angesichts des Antlitzes dessen, der
von sich selbst sagt: „Ich bin die Wahrheit, der Weg und das Leben.“ Das heißt,
er ist die Ehrlichkeit selbst, die Gerechtigkeit selbst, die Aufrichtigkeit
selbst.
Stellen
Sie sich einen Heiligen vor, der überaus energisch war. Nichts kann eine
Vorstellung davon vermitteln, wie die Energie unseres Herrn Jesus Christus war.
Doch gleichzeitig kann ein überaus sanftmütiger Heiliger – und ich werde gleich
von seiner Sanftmut sprechen – in keiner Weise eine Vorstellung davon
vermitteln, wie seine Sanftmut war. Das heißt, all dies sind unvollständige
Vorstellungen, all dies sind Skizzen, all dies sind Entwürfe dessen, was unser
Herr Jesus Christus wirklich war. Deshalb müssen wir mit Geduld über ihn
nachdenken. Denn wir müssen uns jedes dieser Dinge mit Geduld vor Augen führen
und darüber nachdenken. Durch die Idee eines vollkommen wahrheitsliebenden
Menschen, sich Ihn so vorstellen, eines vollkommen klugen Menschen, sich Ihn so
vorstellen, eines vollkommen gütigen Menschen, sich Ihn so vorstellen usw.
Indem wir uns beständig Sein Bild vor Augen führen, sind wir immer auf dem Weg
zu einer Idee, die wir nie ganz erreichen können, weil sie für uns Menschen
unerreichbar ist, die aber unsere Freude, unsere Verzückung (Begeisterung) und
der Pol ist, dem wir im Leben entgegenstreben.
*
Schmerz! In diesem Lebensumstand, in dem das Elend des Menschen am deutlichsten
zutage tritt, verströmt die Größe unseres Herrn ihren schönsten Duft
Wenn
es einen Charakterzug Jesu Christi gibt, in dem sich all seine Größe mehr oder
weniger wie in einer aufgebrochenen Frucht offenbart, die ihren besten Duft
verströmt, in der ihr bester Geschmack spürbar wird und die ihre beste
Schönheit zeigt, dann ist es Jesus Christus als Schmerzensmann, wenn er leidet.
Schmerz
ist der Lebensumstand, in dem das menschliche Elend am deutlichsten zum
Vorschein kommt. Vom Schmerz erdrückt, stöhnt der Mensch, er brüllt, er schreit,
er flieht, er weint, er protestiert, er vernichtet sich selbst, er rebelliert –
er tut alles. Der Schmerz ruft im Menschen naturgemäß ein wahres Grauen hervor.
Gut.
Aber auch: der Mensch, der dem Schmerz in seinen vielfältigen Formen entgegentritt,
erlangt eine Seelenschönheit, die ihresgleichen sucht. Wahre Seelenschönheit
findet sich nicht in der Seele eines Menschen, der nie gelitten hat. Nur der
Mensch, der gelitten hat, besitzt sie.
Manchmal
sehe ich gewisse Gesichter, die so blass von Leid sind, dass ich Mitleid
empfinde. Ich denke: „Armer Kerl, er denkt, er sei so viele Jahre alt, und hat keinen
einzigen Tag gelebt!“ Denn die Tage eines Menschen werden gezählt an den Tagen,
die er gelitten hat, und nicht an den Tagen, die er gelebt hat. Denn es lebt
nur vollständig, der Mensch, der heilig leidet, lebt die Fülle des Lebens. Es
gibt keinen anderen Weg, ein erfülltes Leben zu führen.
Die
Fülle des menschlichen Lebens liegt im Leiden. Doch es gibt verschiedene Arten
des Leidens. Und diese Arten von Leid wecken, berühren unterschiedliche Saiten
in der menschlichen Seele. Sie erwecken auch verschiedene Formen der Schönheit
in ihr. Das Leid des Kriegers ist beispielsweise nicht das Leid des
Krankenpflegers, nicht das Leid des Kranken selbst, es nicht das Leid des fleißigen
Diplomaten, der Schrecken erträgt, um eine Sache voranzubringen. Es ist
beispielsweise nicht das Leid des Vaters oder der Mutter, die ihren Sohn in den
Krieg ziehen sehen, nicht das Leid des Freundes, der von einem anderen
ungerechtfertigt verraten wurde. Es gibt so viele Formen des Leidens auf dieser
Erde! Jede dieser Formen des Leides prägt die menschliche Seele mit ihrer
eigenen Schönheit.
Unser
Herr Jesus Christus kannte nicht nur ein Leid, er war der Leidende, er war der
Mann der Schmerzen. Betrachtet man das Leben unseres Herrn, erkennt man, dass
er alle Arten von Schmerz erlitt, die ein Mensch erleiden kann. Und das muss
seiner Seele Anlass gegeben haben, Schönheiten zu offenbaren, die auch für uns
unergründlich sind, die himmlische Schönheit des Schmerzes. Das heißt, in Ihm
existierten unvereinbare Formen der Schönheit. Wie konnte Er der schönste Sieger
sein, den man sich vorstellen kann, und zugleich den himmlischsten Fall und die
erdrückendste Niederlage einstecken musste? Wie konnte Er der verherrlichteste
und zugleich der verachtetste sein? Wie konnte Er der meistgeliebte und
zugleich der meistbeneidete, oder der meistgehasste sein? All dies hilft uns,
Seine Seele zu verstehen. Er vereinte in sich unvorstellbare harmonische
Gegensätze, die in keinem Geschöpf vereint werden können. Und diese Gegensätze
vereinten sich in Ihm gerade aufgrund Seiner Fülle von Menschlichkeit, aufgrund
Seiner Heiligkeit als Mensch, vor allem aber aufgrund des unvorstellbaren,
unendlichen Stroms der Gnaden, der Ihm zuteilwurde, weil Er die zweite Person
der Heiligen Dreifaltigkeit war.
Mit
Geduld – denn ich mache eine Zusammenfassung einer Meditation – mit Geduld erfassen
wir die ganze Essenz dieses Bildes. Und so können wir uns nach und nach ein
Bild unseres Herrn formen.
Alles
Katholische, was wir im Leben sehen, jede Eigenschaft der katholischen Seele,
die wir im Leben der Heiligen erkennen, stellen wir uns innerlich vor: Wie wäre
das wohl bei unserem Herrn gewesen? Und dann schauen wir im Evangelium nach,
wie es tatsächlich war. Dann verstehen wir das Evangelium, die Evangeliums Erzählung wird uns von innen heraus erleuchtet. Und wir vermögen
diese Erzählung mit einer Liebe zu lesen, zu der wir vor dieser sorgfältigen
Betrachtung vielleicht nicht fähig gewesen wären.
Doch
was uns dabei am meisten berührt, weil es uns am meisten betrifft und woran die
Revolution besonders scheitert, wenn wir es bedenken, ist Folgendes:
Die
Revolution etablierte den verabscheuungswürdigen Grundsatz, dass jeder, der
nicht die Größe einer hochangesehenen, hochdekorierten, bedeutenden Person in
sich trägt, diese Größe fürchten soll. Denn sie verachten und missbilligen
diejenigen, die ihnen nicht ebenbürtig sind.
Es
ist unmöglich, dass beim Lesen dieser Zeilen über unseren Herrn Jesus Christus
nicht der eine oder andere von Ihnen gedacht hat: „Das ist gut, sehr schön.
Aber wie soll ich mich vor ihm verhalten? Denn wenn er so groß ist, würde ich
ihm nahekommen, er würde mich ansehen, und ich würde dahinschmelzen! Zunächst
einmal fehlt mir der Mut, ihm ein Thema vorzuschlagen, zum Beispiel mit ihm zu
sprechen. Wie soll ich mich unterhalten, wie soll ich vor ihm den Mund
aufmachen? Was soll ich sagen, was nicht völlig unanständig vor ihm wäre? Und
nicht nur ich, auch der hl. Thomas von Aquin dachte so: Wenn der hl. Thomas von
Aquin vor ihm philosophieren würde, was für ein armseliges Geschwätz! Wenn der
hl. Johannes Chrysostomus vor ihm predigen würde, was für ein trauriges
Gemurmel! Wäre es nicht besser, vor ihm zu schweigen? Wäre es nicht besser,
Abstand zu halten? Wäre es nicht besser, zu fliehen? Auch der hl. Petrus hatte
eine solche Erfahrung von ihm, denn er sagte zu ihm: „Geh weg von mir, Herr,
ich bin nur ein Sünder.“ Als wolle er sagen: „Es gibt keine Übereinstimmung
zwischen dir und mir, keine Kontinuität, keine Beziehung ist möglich. Du bist
mir so ungleich, dass meine Rolle vor dir darin besteht, zu verschwinden, ja,
nicht zu existieren.“
Und
genau das bedeutet zu verstehen, was unser Herr nicht ist. Denn er
besitzt in sich alle möglichen Grade und Formen von Tugenden, die außerhalb von
ihm existieren … Die Begründung ist so einfach, so selbstverständlich! Unser
Herr hasst die Sünde, aber alles, was nicht Sünde ist, sei es noch so klein, so
bescheiden, ist ein Schimmer von ihm, ein Ausdruck von ihm, steht in Einklang
mit ihm, harmoniert mit ihm und hat etwas, das ihn erfreut; das, indem man sich
in seine Gegenwart begibt, in ihm Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebkosung
hervorruft. Jemand wird sagen: Aber selbst, wenn man so klein ist? Die Antwort
lautet: Aus einer bestimmten Perspektive, gerade weil man klein ist. Und je
kleiner man ist, desto mehr Liebkosung ruft er hervor!
Das
heißt, es liegt in der menschlichen Natur, dass wir das Große lieben, weil es
groß ist, und das Kleine, weil es klein ist. Stellen Sie sich vor, wir sehen
einen Adler fliegen: Wir finden ihn wunderschön! Aber einen Kolibri: Wir
lächeln und sagen: „Was für ein Juwel, was für ein Wunder!“ Haben Sie sich
jemals vorgestellt, wie hässlich ein großer Kolibri ist? Nun, wenn Sie einen
kleinen Adler sähen, fänden Sie ihn nicht niedlich? Das heißt, wir sollten die
Perspektive nicht verlieren.
Dass
unser Herr die Sünde hasst, und zwar mit einer strengen, himmlischen und
absoluten Unnachgiebigkeit, das ist wahr. Wenn es nicht so wäre, wäre er
unserer Liebe nicht würdig. Wenn er die vollkommene Vollkommenheit ist, muss er
jede Form von Unvollkommenheit ausschließen. Aber er liebt das Gute, und er
liebt das Gute selbst im kleinsten Maße, auf die kleinste Weise, und er war der
Schöpfer von Seelen mit kleinen Eigenschaften, er war der Schöpfer der am
wenigsten intelligenten Menschen. Und er freut sich, dieses kleine Feuer der
Intelligenz zu betrachten, es anzusehen und zu sagen: „Wie schön ist doch diese
Intelligenz, so klein und doch hat sie Anteil an meiner ungeschaffenen Intelligenz!“
Das zu sehen, gefällt ihm.
Er
freut sich, den schwerstkranken Patienten mit dem letzten Lebensfaden zu sehen
und zu sagen: „Wie schön ist das Leben, selbst in einem so kranken Menschen!“
Und selbst vor dem Tod ist er von diesem Leiden bewegt. Und er rettet, heilt
und erweckt aus Liebe zu diesem Rest, der noch da ist.
*
Gott kann die Sünde nicht dulden, aber er liebt den Glauben des Sünders.
Und
nun komme ich zu meinem Punkt. Wenn er alle Grade und Formen von Intelligenz
und Tugend liebt, muss er auch die Reste lieben. Das heißt, das, was wie ein
Rest ist, befleckt, inmitten von Laster und Untreue mit Füßen getreten, das
liebt er. Denn selbst das ist mehr oder weniger wie eine Blume, die inmitten
von Unkraut gewachsen ist und selbst inmitten von Unkraut ihre Natur als Blume
nicht verliert.
Nehmen
wir zum Beispiel den Glauben. Bei einem Sünder im Zustand der Todsünde ist der
Glaube tot, das heißt, er bringt keine Werke hervor. Aber es ist wahrer Glaube,
und diesen Glauben hat der Mensch nur, weil Gott ihn ihm schenkt, denn sonst
würde er ihn verlieren. Ohne die ständige Hilfe Gottes kann niemand den Glauben
bewahren.
Liebt
Gott nicht diesen Glauben, der in der Seele des Sünders wohnt? Denn Er hat ihn
doch hineingelegt. Wenn er ihn mit dem mystischen Leib Christi verbindet, ist
er ein Glied – ein verwundetes, ein beflecktes Glied der Kirche, aber er ist
ein Glied der Kirche –, liebt Jesus Christus als Haupt der Kirche nicht seine
eigenen Glieder?
Es
gibt ein sehr schönes Wort aus dem Alten Testament – ich erinnere mich nicht
mehr genau, wo es steht –,
aber ich habe es gelesen und es hat mich tief beeindruckt: „Verachte nicht dein eigenes
Fleisch.“ Das heißt: Verachte nicht deinen
eigenen Leib und auch nicht die, die einen Leib haben wie du und die daher wie
du aus Fleisch sind; verachte sie nicht. Denn wer einen anderen Menschen
verachtet, verachtet sein eigenes Fleisch. Würde
unser Herr seine eigene Seele verachten, an der selbst der Sünder Anteil hat?
Und
dann verstehen wir, dass in der Gegenwart unseres Herrn selbst der Sünder,
nicht als Sünder betrachtet, sondern als ob noch ein Funken Tugend in ihm wäre,
seiner Liebe würdig ist.
Und
dann verstehen wir, warum so viele Sünder sich ihm vertrauensvoll näherten. Es
ist etwas, das wirklich auffällt: die unzähligen Sünder, die mit vollkommenem
Vertrauen zu ihm kamen. Maria Magdalena zum Beispiel; der gute Schächer am
Kreuz, sprach voller Vertrauen zu ihm. Worauf gründete sich dieses Vertrauen?
Die
Grundlage ist, dass, da Er die höchste Wahrheit und das höchste Gut war, jeder
Rest von Wahrheit oder Gutem in seiner Gegenwart sich ausdehnte und freute. Und
er fand Anziehungskraft zu ihm. Und anstatt von ihm erschrocken zu sein, im
Gegenteil, war er von ihm verzaubert und hingerissen. Dies ist etwas von
höchster Wichtigkeit für uns zu verstehen.
Man
könnte einwenden: „Aber, das stimmt nur teilweise, denn manchmal flößte er den
Menschen, mit denen er zu tun hatte, sogar Schrecken ein. Als er beispielsweise
vom Berg Tabor herabstieg, war er so hell erleuchtet, dass er Schrecken
verbreitete. Als er zu den Unglücklichen, die ihn gefangen hielten, ‚Ego sum‘
sagte, flößte er Schrecken ein. Er flößte Guten wie Bösen Schrecken ein. Wie
lässt sich dieser Schrecken erklären?“
Wir
erklären ihn mit Folgendem: Es begründet sich darin, dass Gott unergründlich
ist. Der Mensch kann das Ende Gottes nicht erreichen. Und gerade, weil der
Mensch so sehr auf Gott ausgerichtet ist, würde er, wenn er Gott ohne Gottes
Hilfe von Angesicht zu Angesicht sähe, zerfallen. Das heißt, der Mensch ist
gleichzeitig so sehr auf Gott ausgerichtet und braucht seine Hilfe, um ihn zu
ertragen. Es ist wie mit dem Sonnenlicht, für das der Mensch geschaffen wurde:
Unsere Augen sind für das Sonnenlicht geschaffen, aber wenn wir zu lange in die
Sonne starren, blendet es uns. Das Licht blendet unsere Augen, die zum Sehen des
Lichtes geschaffen sind.
Das
heißt, wenn wir Jesus Christus in seiner ganzen Fülle betrachten, wird
deutlich, dass uns etwas überwältigt und etwas uns völlig übersteigt. Das
bedeutet nicht, dass diese himmlische Übereinstimmung, diese himmlische
Harmonie mit ihm nicht existiert.
Und
dann verstehen wir auch, warum sich unser Herr den Menschen offenbarte; damit
dieses Geheimnis klar werde, er offenbarte sich ihnen auf eine bestimmte Weise.
Denn wir sehen, dass er während seines irdischen Lebens seine Eigenschaften
gewissermaßen verhüllte. Er ließ sie nicht vollständig sichtbar werden. Denn
wenn die Menschen sie vollständig gesehen hätten, wäre es unvorstellbar, was
geschehen wäre. Er verhüllte sich, am Anfang verhüllte er sich und dann, nach
und nach, offenbarte er sich, erklärte er sich bis zum Ende, als er für immer
alles zeigte, was die Menschen sehen sollten. Seine Mission war erfüllt und die
Sache wurde sichtbar. Das heißt, Er offenbarte sich vollständig.
Nun,
da dies gesagt ist, verstehen wir, mit welchem Vertrauen wir Ihn sehen müssen.
Es genügt, dass wir am Leben sind, dass wir nicht zur Hölle verdammt worden
sind, damit wir mit vollem Vertrauen zu Ihm gehen können, in der Gewissheit,
dass Er etwas in uns sieht und es liebt. Selbst wenn es nur dieses Minimale
ist, dass wir glauben, dass Er Gott ist und wissen, dass dieser Glaube in uns
lebt.
Wenn
Ihm der Glaube des heiligen Petrus so viel Freude bereitete, wird Er sich dann
nicht auch freuen, wenn ein Sünder kommt und sagt: „Du bist der Sohn des
lebendigen Gottes!“? Natürlich wird Er das. So versteht man gut all die Ruhe,
all die Stabilität, all die Normalität, die ein Mensch in der Gegenwart Unseres
Herrn Jesus Christus empfinden würde.
Nun,
erst nach dieser Betrachtung über Ihn wird die Betrachtung der Geheimnisse
möglich. Denn Er, als kleines Kind im reinsten Schoß Unserer Lieben Frau, nur
von Ihr erkennbar, dann bei der Geburt, müssen wir uns alle Aspekte des Freudenreichen,
dann der Schmerzhaften und der glorreichen Geheimnisse auf diese Weise betrachten
und sie werden uns offenbart. Nur so werden sie leuchten und nur so kann man
sie betrachten. Wenn wir uns nicht eingehend mit der Person auseinandergesetzt
haben, von der diese Geheimnisse gesprochen werden, bleibt alles beim Alten.
Sie
werden mir sagen: „Aber, Sie haben so viel von unserem Herrn Jesus Christus
gesprochen, wo ist die Gottesmutter in dieser Betrachtung?“ Über die
Gottesmutter – nur ein Wort –, es sagt alles aus, was die Gottesmutter ist und
alles, was sie nicht ist. Dieses Wort ist so alltäglich, so zugänglich, so
bekannt! Der heilige Bernhard sagte, die Beziehung zwischen der Gottesmutter
und unserem Herrn sei wie die des Mondes zur Sonne. Was ist der Mond? Für
unsere Augen ist er der Wiederschein des Sonnenlichts, nicht von der Sonne
selbst erzeugt, sondern als Abbild. Die Gottesmutter ist das vollkommenste
Abbild Jesu, das schönste Abbild Jesu.
Manch
ein dummer revolutionärer Geist mag einwenden: „Aber dann ist es doch etwas minderwertiges,
Mutttergottes zu sein.“ Ich sage: „Wenn der Mond minderwertig ist, dann ist er
es. Aber dann bist du ein dreimal minderwertiger und taugst für garnichts. Du
bist verloren, du bist der Gipfel der Minderwertigkeit oder der tiefste Abgrund
der Minderwertigkeit, wenn du denkst, der Mond sei minderwertig.“
Mit
anderen Worten: Da ist die Muttergottes, und das sagt alles. Denn es gibt
nichts mehr zu sagen. Wenn sie der vollkommene Spiegel Gottes ist, dann sagt
das alles. Was noch? Ein bloßer Spiegel, doch alles, was ein Spiegel ist, das ist
die Muttergottes. Wunderbar: die Muttergottes ließ selbst zu Lebzeiten nicht
ihre ganze Schönheit durchscheinen. Doch nach ihrem Tod begann sie
durchzuscheinen, um die Menschen in ihrer Abwensenheit zu trösten.
Und
ich glaube – und damit beende ich diese etwas zu lange dauernde Betrachtung –,
ich glaube – ich habe dies noch nie bei einem Theologen gesehen und unterwerfe
meine Worte selbstverständlich dem Urteil der Kirche –, dass unser Herr Jesus
Christus so überaus reich an Schönheit ist, dass seine Zeitgenossen ihn nicht
vollständig erfassen konnten. Und dass ein großer Teil dieser Schönheit später
durch die Gnade den Heiligen in den verschiedenen Epochen der Kirche
nacheinander offenbart wurde.
So
sah der Heilige zur Zeit der Märtyrer Schönheiten, die der Heilige zur Zeit der
Bekenner nicht sah. Und dann der Heilige zur Zeit der Kirchenlehrer, dann jene
des Mittelalters und so weiter, wobei jede Epoche dem Bild unseres Herrn etwas
hinzufügte. Und dass, wenn das Reich Mariens anbricht, das Bild unseres Herrn
in seiner ganzen Fülle erstrahlen wird.
Wenn
der letzte Heilige auf Erden das Letzte gesehen hat, was es an unserem Herrn zu
sehen gibt, und in seiner Seele alles wiedergefunden hat, was in der
menschlichen Natur liegt, wird die Geschichte der Welt zu Ende sein. Denn diese
langsame Wiederfindung, Offenbarung, Anbetung und Weitergabe der moralischen
Schönheit der Heiligkeit unseres Herrn ist die Geschichte der Menschheit
selbst!
Wenn
alles vollbracht ist, um einen schönen Ausdruck aus der Heiligen Schrift zu
verwenden, wird der Himmel wie ein Tuch zusammengerollt. Das Schauspiel ist zu
Ende, die Geschichte ist beendet. Die Offenbarung seiner Schönheit ist vorbei.
Die Menschen werden bereit sein für das Jüngste Gericht, seine Mission wird
vollständig abgeschlossen sein. Und die Geschichte der Menschheit wird abgeschlossen
sein.
Dies
wäre dann eine Vorbereitung für uns, indem wir unseren Herrn auf diese Weise
sehen, die Geheimnisse des Rosenkranzes zu betrachten. Ich glaube, dass die
Geheimnisse des Rosenkranzes ohne diese Meditation nicht ihr wahres Licht
annehmen. Die Todesangst im Garten Gethsemane: Wir werden Schritt für Schritt
betrachten, wie diese Todesangst gewesen sein muss, im Lichte des Gesagten.
Oder die Himmelfahrt, oder die Krönung Mariens: Wir werden das Schritt für
Schritt angehen. In diesem Licht werden wir die Schönheit unseres Herrn Jesus
Christus in den Geheimnissen des Rosenkranzes erkennen.
Ich
weiß nicht, ob jemand etwas fragen möchte.
Nein,
dann können wir beten.
Aus dem Portugiesischen eines Vortrags über
unseren Herrn Jesus Christus am 8. Oktober 1971
Die deutsche Fassung dieses Artikels ist
erstmals erschienen in
www.p-c-o.blogspot.com
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