Vortrag auf der III. Studienwoche der Gruppe des „Catolicismo“ 1955
von Plinio Correa de Oliveira
Die gesamte Welt leidet unter einer Krise, die im Grunde
religiöser und moralischer Natur ist. Alle Krisen, die aus dieser religiösen
und moralischen Krise hervorgehen, erstrecken sich auf den politischen,
sozialen und wirtschaftlichen Bereich und bilden jene große, allumfassende
Krise, die die Krise des 20. Jahrhunderts darstellt.
So sind letztlich bestimmte Probleme, die uns sehr
beschäftigen, darauf zurückzuführen – etwa die Krise des Staates: einerseits
die Schwäche des modernen Staates gegenüber Elementen der Unordnung, der
Anarchie und der Unruhe, die in Erscheinung getreten sind; andererseits die
Hypertrophie des Staates, der totalitär wird und in alle Lebensbereiche
übergreift.
Da ist die Krise der sozialen Frage: Reiche, die
übermäßig reich werden; Arme, die ins Elend stürzen; der Antagonismus zwischen
den sozialen Klassen. Hinzu kommt die Krise der Kultur sowie die Krise eines
besonderen Aspekts, den man als die Poesie und die Schönheit des Lebens
bezeichnen könnte.
Das moderne Leben hat keine Schönheit und keine Poesie;
es verliert zusehends seinen Zauber und seine Würde. In dieser Hinsicht
herrscht eine echte Krise. Menschen mit einem höheren geistigen Anspruch fühlen
sich in der modernen Welt erstickt. Es geht um die Frage, welchen Platz die
Schönheit im Leben einnimmt – ein Aspekt, der in der modernen Welt völlig
zerstört wurde.
Diese Krise – wie auch alle anderen Krisen – entspringt
einer Krise religiöser Natur. Genau diese religiöse Krise werde ich im
Folgenden näher erläutern.
Die These, die ich nun vertrete, stammt nicht von mir.
Sie wurde bereits von Papst Leo XIII. dargelegt – in einer Enzyklika, die zwar
kaum bekannt ist, aber von größtem Wert und höchster Bedeutung ist. Es handelt
sich um die Enzyklika mit dem Titel „Parvenu à la 25ème année“.
Wie Sie wissen, werden Enzykliken üblicherweise nach
ihren ersten lateinischen Worten benannt. Doch diese Enzyklika erschien nicht
in einer lateinischen Fassung. Es gab eine offizielle französische sowie eine
deutsche Ausgabe. Daher ist sie im romanischsprachigen Raum unter ihrem
französischen Namen bekannt.
Was ist die Bedeutung dieser Enzyklika?
Sie wissen, dass Leo XIII. die Kirche in einer Zeit
großer geistiger Verwirrung leitete. Die Früchte der Französischen Revolution
verbreiteten sich in der westlichen Welt; Probleme und neue Ideen
unterschiedlichster Art drangen in den Westen ein und erschütterten dessen
soziale Struktur.
Es ging um Liberalismus, Sozialismus und Kommunismus, um
die Frage nach der Gültigkeit der thomistischen Philosophie, um die
Arbeiterfrage, um Freiheit, den freien Willen, Determinismus und zahllose
weitere Themen.
Leo XIII. verfasste daraufhin eine Reihe von Enzykliken,
die ein geschlossenes System bilden, um diesen Irrtümern entgegenzutreten.
In ihrer Gesamtheit bilden die Enzykliken Leos XIII.
gleichsam eine große Mauer mit mehreren Türmen – einen Damm gegen das
Eindringen moderner Irrtümer.
Als Leo XIII. das 25. Jahr seines langen Pontifikats
erreichte – er regierte insgesamt 27 oder 28 Jahre – und sich seine Amtszeit
dem Ende zuneigte, verfasste er die Enzyklika „Parvenu à la 25ème année“,
die anlässlich seines Jubiläums erschien. Darin erklärte er, dass dieses
Schreiben den krönenden Abschluss all seiner Enzykliken bilde und sein
geistiges Testament für die moderne Welt darstelle.
Durch einen jener unerklärlichen Umstände – man könnte
fast vermuten, dass hier die Mächte der Finsternis ihre Hand im Spiel hatten –
ist diese Enzyklika, die von so großer Bedeutung ist (verfasst von einem Papst,
dessen Enzykliken ansonsten so wichtig, bekannt und studiert sind), völlig
in Vergessenheit geraten. Und genau deshalb ist diese Enzyklika
beispielsweise Geschichtslehrern nicht bekannt.
Ich werde die Thesen dieser Enzyklika darlegen, und Sie
werden sehen, welch erstaunliches Licht sie auf sämtliche Probleme der
Zeitgeschichte wirft.
Was ist die von Leo XIII. entwickelte Lehre? Was vertritt
die Enzyklika, was besagt sie?
Um zu erläutern, was die Enzyklika aussagt, gehen wir von
einem der beiden Grunddogmen der katholischen Soziallehre aus: dem Dogma
der Erbsünde und dem Dogma der Erlösung des Menschengeschlechts
durch Unseren Herrn Jesus Christus. Zunächst werden wir das Dogma der Erbsünde
betrachten.
* Aussagen der Kirche zum Dogma der Erbsünde. Der Kampf
der Vernunft gegen die Sinnlichkeit
Was lehrt uns die Kirche im Rahmen des Dogmas der
Erbsünde?

Das Paradies
Die Kirche besagt, dass der Mensch von Gott in einem
Zustand der Gerechtigkeit erschaffen wurde und dass er ein Geschöpf war, das
keinerlei Schwäche oder Gebrechlichkeit aufwies. Infolgedessen neigte der
menschliche Verstand nicht zum Irrtum, der menschliche Wille nicht zum Bösen,
und der Mensch besaß keine Begierden, die ihn zum Bösen hätten führen können.
Doch nach der Erbsünde – die Ihnen bekannt ist und bei
der es sich, wohlgemerkt, nicht um eine sexuelle Sünde handelte (unter
ernsthaften Theologen gibt es niemanden, der die Erbsünde als sexuelle Sünde
betrachten würde) –, nach der Erbsünde also wurde der Mensch zu einem zutiefst
kränklichen, zutiefst schwachen und kranken Wesen. Infolge der Erbsünde wurde
der menschliche Verstand anfällig für Irrtümer, der Wille wurde schwach, und –
was ich hier besonders hervorheben möchte – es entstand ein Bruch zwischen der
menschlichen Sinnlichkeit und der Vernunft.
Manchmal erkennt der menschliche Verstand eine Sache,
während die Sinnlichkeit nach etwas anderem verlangt; so entsteht in uns ein
regelrechter Konflikt.
Ich möchte ein Beispiel anführen, das ich gestern in
einem Gespräch mit Francisco Correia bereits erwähnte: Nehmen wir einen
Diabetiker. Dem Diabetiker untersagt der Arzt den Verzehr von Zucker. Durch
eine unglückliche Fügung weckt gerade die Diabetes das Verlangen nach Zucker. So
entsteht ein Konflikt im Inneren des menschlichen Wesens.
Das heißt: Der Verstand zeigt auf, dass man keinen Zucker
zu sich nehmen sollte, doch die Sinne verlangen mit großer Dringlichkeit
danach. Oder denken Sie an jemanden, der gerade eine schwere Operation hinter
sich hat: Aufgrund des hohen Blutverlusts verspürt er großen Durst, doch die
Ärzte ordnen an, dass er kein Wasser trinken darf. Hier entsteht ein Konflikt
zwischen dem Verstand – der dem Arzt glaubt und weiß, dass kein Wasser
getrunken werden darf – und dem Verlangen des Organismus, der inständig nach
Wasser ruft.
Diese Beispiele – des Diabetikers oder des frisch
Operierten – sind lediglich Illustrationen. Doch im Grunde sind wir alle, aus
einer bestimmten Perspektive betrachtet, wie ein Diabetiker oder ein frisch
Operierter. Denn infolge der Erbsünde tragen wir bestimmte temperamentbedingte
Impulse und sinnliche Begierden in uns, die uns dazu treiben, Dinge
leidenschaftlich zu begehren, die wir eigentlich nicht begehren sollten –
Dinge, von denen unsere Vernunft uns sagt, dass wir sie nicht wollen dürfen.
Und was hat uns der heilige Paulus diesbezüglich über die
beiden Gesetze gesagt: das Gesetz des Fleisches und das Gesetz des Geistes? Das
Gesetz des Geistes zeigt uns das eine, doch das Gesetz des Fleisches zieht uns
zu etwas anderem hin.
Deshalb sagte auch unser Herr: „Wachet und betet; denn
der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“
* Wahre Tapferkeit zeigt der Mensch, der die Regungen
seiner ungeordneten Natur spürt und darum kämpft, ihnen nicht nachzugeben.
So sehen wir oft einen Soldaten, der sein Vaterland
verteidigt; er steht auf seinem Posten an vorderster Front und weiß, dass er
als Held sterben soll. Doch plötzlich beginnt die feindliche Artillerie zu
donnern, und er verspürt etwas Entsetzliches in seinem Inneren. Ist er nicht
überaus tapfer, so ergreift er am Ende die Flucht.
Bekannt ist der Fall des französischen Königs Heinrich
IV., der zugleich ein sehr ängstlicher und ein sehr tapferer Mann war. Da er
einen ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb besaß, zog er zitternd vor Angst in
den Krieg. Doch weil er die Schlachten gewinnen wollte, kämpfte er – vor Angst zitternd
– an der Spitze seiner Soldaten. Um diesen zu zeigen, dass sein Verstand sich
nicht mit dieser Schwäche des Fleisches gemein machte, kämpfte er weiter,
während er zitterte, und rief seinem eigenen Körper zu: „Tremble, vieille
carcasse“ – „Zittre nur, altes Gerippe!“
Während das „Gerippe“ also zitterte, kämpfte der König
weiter, denn er wollte den Krieg gewinnen.
Das ist wahre Tapferkeit. Tapferkeit ist nicht die des
Toren oder des Hitzkopfs, der die drohende Gefahr gar nicht erkennt; wahre
Tapferkeit ist die des Menschen, der den Drang zur Angst verspürt, sich aber
zugleich beherrscht, den Kampf aufnimmt und sich nicht den Einflüsterungen der
Angst beugt.
* Zwei weitere Beispiele für Irrationalitäten, die aus
der Erbsünde hervorgehen: die Eitelkeit beim Mann und die Sinnlichkeit
Es gibt noch zwei weitere Beispiele, die weitaus
deutlicher sind als das eben genannte. Ich führe eines davon hier an, weil es
uns allen aus schmerzlicher eigener Erfahrung nur allzu gut bekannt ist: die
Eitelkeit.
Wir Männer behaupten oft, Frauen seien eitel. Die Armen!
Bei ihnen liegt die Eitelkeit gleichsam direkt unter der Hautoberfläche; schon
bei der kleinsten Gelegenheit tritt sie zutage. Wir lachen dann darüber und
sagen: „Sie sind eben eitel.“ Doch wenn wir der Sache einmal auf den Grund
gehen, stellen wir fest, dass wir Männer keineswegs weniger eitel sind als sie.
Unsere Eitelkeit ist lediglich „subkutan“ – wir verstehen es nur besser, sie zu
verbergen. Sie äußert sich zwar in anderen Bereichen, doch dass jeder Mann
eitel ist – daran besteht nicht der geringste Zweifel.
Das Merkwürdigste
dabei ist Folgendes: Besitzt ein Mann tatsächlich eine bestimmte Eigenschaft,
so ist er in Bezug auf diese meist gar nicht besonders eitel; seine Eitelkeit
richtet sich vielmehr auf Eigenschaften, die er gar nicht besitzt. Ist eine
Eigenschaft nur schwach ausgeprägt oder von geringer Bedeutung, dann ist er
gerade darauf besonders stolz – und freut sich, wenn er dafür ein Kompliment
erhält.
Verfügt er hingegen
über eine jener großen, soliden Qualitäten, die für jeden sichtbar sind und die
niemand in Abrede stellen kann, dann ist er nicht eitel; er tritt vielmehr
vergleichsweise bescheiden auf.
Ich kenne einen
Herrn, der sehr intelligent ist und auf einem bestimmten Fachgebiet als einer
der weltweit führenden Experten gilt – wobei es sich bei diesem Fachgebiet
nicht um Geografie handelt.
In diesen Dingen
zeichnet er sich durch eine bemerkenswerte Einfachheit und Naivität aus. Doch
er hat eine Schwäche: Er ist geradezu besessen davon, sich in der Geografie
Brasiliens auszukennen – einem Bereich, der weit unter seinem eigentlichen
fachlichen Niveau liegt.
Wenn man ihn also in
einer Runde fragt, wo die „Serra da Confusão“ liegt, und er antwortet: „In
Minas“, dann heucheln wir Überraschung: „Was, du kennst also wirklich alle
Orte?“
Damit ist der Abend
für ihn gerettet.
Würde man hingegen
sagen: „Ich bewundere Ihre Kompetenz; Sie sind doch der Autor jenes Buches und
wissen über dies und dass Bescheid“ –
Das lässt ihn völlig
kalt. Seine Schwäche ist ausgerechnet die Geografie – ein Gebiet, in dem er
sich nur oberflächlich auskennt.
Der Mann ist also
eitel – und zwar im höchsten Maße. Menschen haben ein Bedürfnis nach Lob, nach
Anerkennung, Respekt und einer herausgehobenen Stellung. Wie sehr liebt es der
Mensch doch, im Mittelpunkt zu stehen – ganz gleich, in welchem Zusammenhang!
Das nimmt manchmal
geradezu erstaunliche Züge an. Ein junger Mann vertraute mir einmal Folgendes
an: Er trug – wie so viele Menschen – eine Brille, die ihm ein Arzt
verschrieben hatte. Er war jedoch auf eine seltsame Weise stolz darauf zu
erzählen, der Arzt habe seine Sehkraft als sehr schlecht eingestuft und ihm
geraten, die Brille von morgens bis abends zu tragen.
Was daran eitel sein
soll, ist mir schleierhaft – doch er erzählte es mit einer gewissen Genugtuung.
Ich begriff
schließlich, was in seinem Inneren vorging: Der Arzt hatte ihm eine Anweisung
gegeben – er war also zumindest für den Arzt ein Gegenstand der Aufmerksamkeit.
Und das ist ja schon etwas: Man erregt Aufmerksamkeit – durch irgendetwas.
Sie sehen also: Die
menschliche Eitelkeit kann sich auf alles beziehen. Der Mensch kann sogar auf
die überraschendsten Dinge stolz sein.
Ich kenne noch einen
weiteren Fall, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, da er recht kurios ist.
Jemand verfasste
einmal ein Werk. Da er es nicht unter seinem eigenen Namen veröffentlichen
konnte, ließ er es unter dem Namen eines Freundes erscheinen. Nach einiger Zeit
veranlasste der Freund, dass das Werk in einen sehr schönen Einband gebunden,
mit seinem eigenen Namen versehen und in seine Bibliothek gestellt wurde. Er
weiß zwar, dass er das Buch nicht geschrieben hat – doch es ist so angenehm,
ein Buch zu verfassen und seinen eigenen Namen darauf zu setzen.
Es gibt etwas, das
noch weitaus trauriger ist als die Eitelkeit: die Sinnlichkeit.
Es gibt keinen Menschen,
der nicht den Stachel des Fleisches verspürt. Es gibt keinen Menschen, der sich
– wenn er sich selbst überlassen bleibt – nicht als polygam erweisen würde. Es
gibt keinen Mann, der sich selbst überlassen bleibt und nicht dazu neigt, den
Geschlechtsakt außerhalb der von der Vernunft vorgegebenen Regeln zu
vollziehen.
Da dieser Akt auf die
Fortpflanzung der Art abzielt, darf er ausschließlich in der Ehe vollzogen
werden. Außerhalb der Ehe – also im ledigen Zustand – ist er eine Todsünde; als
Ehemann außerhalb der ehelichen Bindung, stellt er eine noch schwerere Todsünde
dar: den Ehebruch.
Es gibt keinen Mann,
der nicht den Stachel des Fleisches spürt, welcher ihn dazu treibt, auf jede
erdenkliche Weise eine Todsünde zu begehen. Warum? Weil dies die durch die
Erbsünde verdorbene menschliche Natur ist.
* Infolge der
Erbsünde neigt der Mensch zum Bösen. Ohne die Gnade ist es unmöglich, alle
Gebote dauerhaft zu befolgen.
Bedenken Sie wohl:
Die katholische Lehre stellt die Frage folgendermaßen dar. Man hört bisweilen
sagen: „Im Grunde ist der Mensch gut. Er hat zwar Dummheiten begangen, er hat
sich vielleicht den Kopf eingerannt, aber im Grunde ist er ein guter Mensch.“
Dies widerspricht
ausdrücklich der katholischen Lehre, denn gerade im Grunde ist der Mensch nicht
gut. Gerade im Grunde neigt der Mensch aufgrund seiner Triebe zum Bösen. Es
bedarf einer mühsamen, beschwerlichen und schwierigen Anstrengung der
Selbstbeherrschung, damit der Mensch das Böse meidet und das Gute tut.
Das Gute zu tun ist
mühsam; das Böse zu tun ist hingegen meist verlockend und angenehm.
Der Mensch muss also
kämpfen – und zwar in einem energischen und mühsamen Kampf –, um auf dem Weg
des Guten zu bleiben und das Böse zu meiden. Dieser Kampf ist so energisch und
mühsam, dass die katholische Kirche eine Lehre vertritt – die manche Autoren als
Dogma, andere als allgemeine Auffassung aller Theologen und somit als
Glaubenswahrheit betrachten –, die da lautet: Es ist so schwierig, alle
Gebote zu befolgen, dass der Mensch ohne die Gnade Gottes nicht in der Lage
ist, die Gesamtheit der Gebote dauerhaft zu erfüllen.
Dass ein Mensch die
Zehn Gebote befolgt, übersteigt die menschliche Natur in einem Maße, als würde
plötzlich eine solche Tischglocke hier meinen Vortrag halten. Stellen Sie sich
das Erstaunen vor, wenn ich verstummen würde und diese Glocke einfach meinen
Vortrag fortsetzte!
Nun, für einen
Menschen ist es ebenso sehr jenseits seiner natürlichen Kräfte, alle Gebote
dauerhaft zu befolgen, wie es für diese Glocke unmöglich ist, einen Vortrag zu
halten.
* Für die
Beharrlichkeit sind drei Haupttugenden erforderlich: Demut, Keuschheit und
Starkmut.
Daraus können Sie
ersehen, wie mühsam es ist, die Gebote zu befolgen. Wir leiten daraus drei
Schlussfolgerungen ab, die ich besonders hervorheben möchte, da sie mir dazu
dienen, das hier vorliegende Schema zu entwickeln.
Die erste
Schwierigkeit, mit der der Mensch zu kämpfen hat, ist der Hochmut. Der
Mensch ist nicht gern jemandem unterworfen. Er ist gern überlegen; er gibt gern
Befehle.
Eine zweite
Schwierigkeit, die der Mensch hat, ist die Lüsternheit und
Konkupiszenz. Er möchte seinen Instinkten freien Lauf lassen. Er möchte leben
wie ein Tier auf der Weide, und deshalb empfindet er die Verpflichtung zur
Reinheit als Last.
Drittens: Da er gezwungen
ist, um diese beiden Tugenden zu kämpfen, erfordert dies eine Anstrengung – und
wir sind zu träge für eine solche Anstrengung. Wir wollen nicht die Mühe
aufbringen, die nötig ist, um keusch zu sein. Wir wollen nicht die Mühe
aufbringen, die nötig ist, um demütig zu bleiben. Dies erfordert eine sehr
große Anstrengung, und genau diese Anstrengung wollen wir nicht aufbringen.
Wir haben also – als
eine Art Dreifuß des gesamten geistlichen Lebens innerhalb der katholischen
Kirche – diese drei Haupttugenden: die Tugend der Demut, die Tugend der Keuschheit
und die Tugend der Tapferkeit (oder Standhaftigkeit). Durch letztere
bringt der Mensch die notwendigen Anstrengungen auf, um auf dem Weg der
Beharrlichkeit zu bleiben. Ich spreche hier nicht von den sittlichen
Tugenden im Allgemeinen, noch von den göttlichen Tugenden.
* Das Mittelalter:
eine Epoche, in der die Weisheit des Evangeliums tief in alle Menschen eindrang
Betrachten wir nun –
diese Einleitung war eine Art Zusammenfassung der Lehre Leos XIII., doch was
ich nun darlege, stammt direkt von Leo XIII. selbst – die Beschreibung der
mittelalterlichen Welt, einer Zeit, in der die katholische Lehre alle Geister
beherrschte.
In einem berühmten
Textabschnitt spricht Leo XIII. über das Mittelalter und würdigt es. Er
erklärt, dass das Mittelalter – das bisweilen selbst von Katholiken so stark
verunglimpft wird – eine Epoche war, in der die Weisheit des Evangeliums
tief in alle Menschen eindrang. Sämtliche Institutionen und Bräuche richteten
sich dabei nach der Lehre Unseres Herrn Jesus Christus aus.
Wie nun war die
Ordnung der katholischen Welt im Mittelalter beschaffen?
Ich muss diesen
Vortrag ein wenig ausführen, um eine Vorstellung von der europäischen Ordnung
im Mittelalter zu vermitteln.
* Die drei Stände im
Mittelalter. Die höchste Berufung, die ein Mensch auf Erden haben kann, ist es,
Diener der Heiligen Kirche zu sein.
Im Mittelalter gab es
drei gesellschaftliche Stände: den Klerus, den Adel und das Volk.
Der erste Stand war
der Klerus, der zweite der Adel und der dritte das Volk.
Diese Stände waren
von unterschiedlicher Bedeutung, was auf die verschiedenen Funktionen
zurückzuführen ist, die sie innerhalb der Gesellschaft ausübten.
Die Katholische
Kirche geht von der Auffassung aus, dass jedem rechtschaffenen Menschen, der
die Wirklichkeit wahrhaftig erkennen will, einsichtig wird, dass sie die wahre
Kirche ist. Dies gründet in der Verheißung der Engel von Bethlehem. Es wurde
nicht nur „Ehre sei Gott in der Höhe“ verkündet, sondern den Menschen guten
Willens auch der Friede auf Erden verheißen. Indem die Engel den Frieden
verhießen, verhießen sie zugleich den Glauben – denn der Glaube ist der
Ausgangspunkt und das Fundament des wahren Friedens.
Allen Menschen auf
Erden, die die Verkündigung der Kirche hören und guten Willens sind, wird durch
die Gnade die Möglichkeit gewährt, die Gewissheit zu erlangen, dass die Kirche
die wahre Kirche ist.
Von dieser Voraussetzung
ausgehend und da ganz Europa die frohe Botschaft des Evangeliums empfangen
hatte –ging man davon aus, dass die Katholische Kirche die wahre Kirche sei;
eine Wahrheit, die ebenso gewiss, offenkundig und evident ist, wie für uns die
Tatsache, dass die Erde rund ist.
Es ist eine Wahrheit,
die jedem zugänglich ist. Es ist eine unumstößliche, absolut sichere Wahrheit,
dass die Katholische Kirche die wahre Kirche ist.
Da die Katholische
Kirche die wahre Kirche ist, stellt der Dienst in ihr die höchste Berufung dar,
die ein Mensch auf Erden haben kann – ist man doch ein Repräsentant Gottes auf
Erden. Folglich musste der Klerus notwendigerweise den ersten
gesellschaftlichen Stand bilden. Ein Stand, der sich durch eine demokratische
Rekrutierung auszeichnete – dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Kirche hat
den Klerus niemals als ein Privileg einer Aristokratie verstanden.
In Ägypten
beispielsweise war der Klerus ein Privileg der Aristokratie; auch in
verschiedenen heidnischen Religionen war das Priestertum einer Aristokratie
vorbehalten. Doch für die Katholische Kirche war der Priesterstand niemals ein
Privileg einer Aristokratie.
Ein Mensch aus jedem
beliebigen sozialen Stand – sei er der Sohn eines noch so einfachen Mannes oder
gar ein Findelkind – kann, sofern er den göttlichen Ruf verspürt, in den
Priesterstand eintreten. Und von dort aus kann er weiter aufsteigen, bis hin
zum höchsten Amt, dem des Papstes.
So kam es, dass wir
im Mittelalter an der Spitze des Klerus – und, wie Sie sehen, zugleich an der
Spitze der gesamten sozialen Hierarchie – Männer fanden, die aus dem einfachen
Volk stammten.
* Die Aufgaben des
Klerus im Mittelalter
Dieser Stand hatte
drei Funktionen: Die erste Aufgabe des Klerus bestand darin, das Wort Gottes zu
lehren und die Sakramente zu spenden, die das Fundament des gesamten
übernatürlichen Lebens und somit die Grundlage jeglicher Heiligung bilden.
Neben dieser Aufgabe
nahm der Klerus noch zwei weitere wahr: Das gesamte Bildungswesen lag in seinen
Händen.
Zwar nicht
ausnahmslos, aber doch im Allgemeinen waren es die Geistlichen, die die
Universitäten unterhielten. Auch jene Schulformen, die im Mittelalter eine
Mischung aus Primar- und Sekundarbildung darstellten, lagen in der Hand des
Klerus. Die heilsame Kontrolle, die der Klerus über das Bildungswesen ausübte,
ging sogar so weit, dass beispielsweise in der Erzdiözese Paris niemand – auch
nicht im privaten Rahmen – unterrichten durfte, ohne eine Genehmigung des
Bischofs erhalten zu haben; diese bescheinigte, dass es sich um einen Mann von
rechtgläubiger Lehre und untadeligem Lebenswandel handelte.
Manchem mag diese
Regelung als allzu tyrannisch erscheinen. Doch in einem Punkt werden Sie mir
sicher zustimmen: Hätte sich die Welt auf diesem Kurs weiterentwickelt, sähe
das Antlitz der Erde heute völlig anders aus. Wer diese Maßnahmen aufhob, trägt
die Verantwortung für alles, was sich in der Folge ereignete. Man stelle sich
vor: Auf der einen Seite befinden sich Büffel, getrennt durch ein Gatter – wird
dieses Gatter geöffnet, so ist derjenige, der es öffnete, für alles
verantwortlich, was die Büffel nun anrichten. Ebenso trägt derjenige, der diese
Maßnahmen aufhob, die Verantwortung für die nachfolgenden Ereignisse. Der vom
Klerus erteilte Unterricht war in der Regel kostenlos; finanziert wurde er aus
dem beträchtlichen Vermögen der Geistlichkeit sowie aus dem Zehnten, der von
der Bevölkerung erhoben wurde.
Mit anderen Worten:
Sämtliche Aufgaben, die heute – unter enormen Kosten für den Staat – vom
Bildungsministerium wahrgenommen werden, lagen damals in der Verantwortung des
Klerus.
Neben den Ausgaben
für das Bildungswesen oblag dem Klerus zudem die Verantwortung für das
öffentliche Gesundheitswesen. Sämtliche karitativen Werke lagen in der
Verantwortung des Klerus.
In der Antike, vor
Jesus Christus, gab es keine karitativen Werke. Die ersten Krankenhäuser wurden
von Christen gegründet, und im Laufe des Mittelalters vermehrte der Klerus –
wobei ich unter dem Begriff „Klerus“ im weiteren Sinne auch die Frauenorden mit
einbeziehe, auch wenn diese streng genommen nicht zum Klerus gehören – die Zahl
der Krankenhäuser in ganz Europa. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte überzog
sich ein ganzer Kontinent mit Krankenhäusern, um sich der Hilfsbedürftigen, der
Armen, der Bettler und der Reisenden anzunehmen – Reisende, denen es damals
weder an Speisewagen, Flughäfen, Zügen noch Bussen mangelte, sondern die
stattdessen zahlreichen Gefahren ausgesetzt waren. All dies war das Werk des
Klerus.
Da dies zudem auf
Kosten des Klerus geschah, lässt sich sagen, dass die gesamte öffentliche
Gesundheitsfürsorge in der Verantwortung des Klerus lag.
* Der Priester ist
zugleich der Opfernde und das Opfer
Welche Vorstellung
haben wir also vom Klerus?
Er ist der erste
soziale Stand, denn er ist der Stand, der die höchste Sendung hat.
Genügt das?
Nein. Es gibt noch
einen weiteren Aspekt, der damit untrennbar verbunden ist: Es ist der Stand,
der von seinen Mitgliedern die schwersten Opfer verlangt. Der Klerus darf nicht
heiraten; er darf weder nach Reichtümern noch nach irdischem Prunk streben.
Aufgrund der Natur der Dinge ist der Klerus dazu berufen, ausschließlich für
das Opfer zu leben; der Priester ist – im wahrsten Sinne des Wortes – zugleich
der Opfernde und das Opfer.
Wenn ich vom Klerus
spreche, muss ich an ein sehr schönes Bild denken, das einen jungen Priester
bei der Feier der Heiligen Messe darstellt. Unser Herr erscheint ihm –
gleichsam als Vision –, während der Priester das Opfer darbringt, und legt ihm
zugleich eine Dornenkrone auf das Haupt. Die Inschrift darunter ist von
bewundernswerter Vieldeutigkeit: *pontifex et victima* (Hohepriester und
Opfer).
In der Heiligen Messe
ist Unser Herr Hohepriester und Opfer zugleich. Er ist das Opfer, doch Er ist
es auch, der das Opfer darbringt. Der Priester wiederum ist Hohepriester, weil
er Unseren Herrn repräsentiert, und er ist Opfer in dem Sinne, dass er sich
selbst hingeben, sich selbst opfern muss. Er ist der Mann des Kreuzes und des
Opfers.
Es gibt also zwei
Gründe, warum der Klerus der höchste soziale Stand ist: erstens, weil er die
größten und edelsten Aufgaben hat, und zweitens, weil er das schwerste Opfer
auf sich nimmt.
Unterhalb dieses
Standes steht der Adel.
* Die vornehmste
Aufgabe des Adels bestand darin, auf dem Schlachtfeld sein Blut zu vergießen
Was genau war nun der
Adel?
Die Adligen waren im
Allgemeinen Landwirte. Wenn wir vom Landwirt sprechen, so meinen wir im Kontext
des Mittelalters den Feudalherrn.
Um eine Vorstellung
davon zu bekommen, was ein Feudalherr ist, stellen Sie sich Folgendes vor:
Nehmen wir einen Großgrundbesitzer aus São Paulo – oder, falls Sie aus dem
Norden kommen, einen Plantagenbesitzer aus Pernambuco oder Bahia, einen Farmer
aus Minas Gerais oder einen Großgrundbesitzer aus der Pampa. Stellen Sie sich
einen solchen Mann vor, der auf seinem Land zugleich Eigentümer, Richter,
Polizeichef und Bürgermeister ist. Er übt dort sein Eigentumsrecht aus,
verwaltet das Gebiet aber wie ein Bürgermeister; er unterhält eine kleine
Truppe, um die öffentliche Ordnung zu wahren und das Lehen gegen Angreifer zu
verteidigen, und fungiert zudem als Richter, wenn ein Vorfall eintritt.
Er ist also der Staat
innerhalb seines eigenen Besitzes. Dafür erhielt er vom König nicht einen
Pfennig. Er trug sämtliche Verpflichtungen, ohne vom König irgendeine
Gegenleistung zu bekommen. Die Verwaltung finanzierte er durch Steuern, die er
von den Menschen erhob, die auf seinem Land lebten.
Wie wird ein solcher
Feudalherr oft dargestellt? Denken Sie etwa an die Figur des Feudalbarons: ein
dicker, wohlgenährter Mann, der so gesund und kräftig aussieht, als hätte er
gerade einen ganzen Ochsen verspeist; er lacht aus voller Kehle, trägt langes,
offenes Haar, eine kleine Krone, die scheinbar in der Luft über seinem Kopf
schwebt, und ein gewaltiges Schwert an der Seite. Er steht fest auf seinen
Beinen und blickt verächtlich auf den herannahenden Bauern herab – einen
mageren, ausgemergelten Kerl, der vom Feudalherrn regelrecht ausgesaugt wurde.
Dieser zittert vor Angst und bietet dem Herrn ein paar Früchte und Trauben an,
woraufhin der Herr nur denkt: „Ist das alles, was dieser Hungerleider
anzubieten hat, um meinen – ohnehin schon gestillten – Appetit zu stillen?“
Dies sind lächerliche Karikaturen, mit denen die Französische Revolution die
Welt überschwemmte und die bis heute kursieren.
Die historische
Wahrheit, die heute allgemein anerkannt ist, sieht jedoch ganz anders aus.
Die Feudalherren
waren in der Regel Männer – denn es gab Ausnahmen; solche finden sich sogar im
Klerus. Vor Kurzem wurde in São Paulo ein Priester beinahe von der Bevölkerung
gelyncht. Und auch wenn die Bevölkerung damit im Unrecht war – denn niemand darf
gelyncht werden, ein Priester schon gar nicht –, so lässt sich doch sagen, dass
der Vorwurf, den sie gegen den Priester erhob, der Wahrheit entsprach. Doch
ungeachtet solcher Ausnahmen bleibt die Tatsache bestehen, dass der Adel eine
Klasse war, die sich mit großer Aufopferung für ihre Ländereien und ihre
Untertanen einsetzte.
Im Kriegsfall war der
Adlige der Einzige, der zum Kampf verpflichtet war. Wurde das Lehen
angegriffen, so waren zwar alle Männer des Lehens verpflichtet, zu den Waffen
zu greifen – dies galt jedoch nur für einen Umkreis von ein oder zwei
Tagesmärschen um das Lehen. Außerhalb dieses Bereichs war der einfache Untertan
im Kriegsfall nicht zum Kampf verpflichtet; diese Pflicht oblag allein dem
Adligen.
Bei einer Invasion
des Vaterlandes rief der König alle Adligen zusammen, und diese waren
verpflichtet, in den Kampf zu ziehen. Dabei mussten sie nicht nur ihre eigene
Bewaffnung finanzieren, sondern auch die der Männer, die sie begleiteten, sowie
die Verpflegung der Pferde – alles auf eigene Kosten der Adligen.
Der König gab nichts
aus. Der Adlige war zum Kampf verpflichtet, während der Gemeine nur zur eigenen
Verteidigung kämpfte. Der Adlige hingegen kämpfte zur Verteidigung des gesamten
Reiches. Die Wehrpflicht galt praktisch nur für den Adel. Wenn Krieg herrschte,
aßen, tranken und schliefen die Gemeinen, während die Adligen in der Schlacht
standen.
Die vornehmste
Aufgabe des Adels bestand darin, auf dem Schlachtfeld sein Blut zu vergießen.
Stellen Sie sich das nun einmal bei einem heutigen Landwirt vor – oder bei
einem Plantagenbesitzer aus Pernambuco. Ich trete an ihn heran und sage:
„Mein lieber Colonel,
Sie sind kein Baron. Sie sind lediglich ein Colonel. Kein Baron, geschweige
denn ein Graf. Und von einem Herzog ganz zu schweigen. Stellen Sie sich nun
vor, ich könnte Ihnen den Titel eines Herzogs verleihen.“ „Wollen Sie?“
Zuerst wird er
verneinen – denn alle Männer seien ja gleich, er mache sich nichts aus solchem
Unsinn und so weiter. Wenn ich dann aber ein wenig in ihn dringe, sagt er:
„Nun gut, geben Sie
nur her. Mir ist es zwar egal, aber meiner Frau gefällt es“ – und schon nimmt
er den Titel eines Herzogs an.
Einige Zeit später
ist er dann tief gekränkt, wenn ihn jemand nicht mit „Herr Herzog“ anspricht,
und lässt sogleich die Peitsche schwingen. Nun frage ich Sie: Was wäre, wenn
ich zu diesem Mann ginge und zu ihm sagte:
„Mein lieber Oberst,
ich biete Ihnen den Titel eines Herzogs an. Sie erhalten das Recht auf eine
Krone, verziert mit Johannisbeerblättern und besetzt mit Perlen. Sie stehen im
Rang über allen anderen Männern in Brasilien, die nicht dem Kaiserhaus
angehören. Wenn Sie durch eine Tür schreiten, öffnen die Hellebardiere sie
weit, und beim Betreten des Saales rufen sie – während sie dreimal mit ihrer
Hellebarde auf den Boden stoßen – aus: ‚Seht, der Herr Herzog ist
eingetroffen!‘. Daraufhin erheben sich alle und verneigen sich ehrfürchtig vor
Ihnen. Doch daran ist eine Bedingung geknüpft. Ich verschaffe Ihnen auch Geld –
Sie werden also reich. Aber es gibt einige Auflagen:
Erstens: Sie dürfen
nicht in der Hauptstadt wohnen. Die Hauptstadt besuchen Sie nur gelegentlich,
Europa vielleicht einmal im Leben. Sie leben auf Ihren Anwesen, ganz wie ein
Feudalherr. Zudem müssen Sie persönlich und unentgeltlich die Ämter des Polizeichefs,
des Richters und des Bürgermeisters auf Ihrem eigenen Land ausüben.
Zweitens: Im Falle
eines Krieges gilt bei mir folgende Regelung: Ihre Untertanen ziehen in den
Kampf, während Sie selbst die Atombombe mit bloßen Händen abfangen – denn Sie
gehören ja zum Stand der Krieger. Und sonst kämpft niemand. Nur Sie, Ihre Söhne
sowie die Söhne der anderen Herzöge und Adligen.“
Glauben Sie, dass
sich unter diesen Bedingungen noch viele Großgrundbesitzer fänden, die Herzog
werden wollten? Ich habe den Eindruck, dass viele Adlige dankend ablehnen
würden und sie würden vor ihren Adelstiteln fliehen. – Titeln, die viele von
ihnen noch heute tragen. Ich habe den Eindruck, dass niemand unter solchen
Bedingungen Adelstitel annehmen würde.
Sie sehen also anhand
dieses psychologischen Tests, dass der Adel auch einen Zustand des Opfers
darstellte. Das Opfer, ohne Bezahlung zu regieren. Es ist natürlich sehr schön,
Herrscher über São Paulo zu sein, oder Gouverneur von Minas, Bahia oder Santa Catarina.
Aber stellen Sie sich vor: Man ist der kleine Bürgermeister eines unbedeutenden
Städtchens, ein einfacher Friedensrichter für einen einfachen Landbewohner, der
einem erzählt, sein Huhn sei davongelaufen und habe die Karotten des Nachbarn
gefressen – und der Richter muss in diesem Fall für Gerechtigkeit sorgen. Oder
nehmen wir die Kuh des Nachbarn, die so laut muht, dass die Frau nicht schlafen
kann. Was soll man da mit dieser Kuh und dieser Frau anfangen? Die eine muht zu
viel, die andere schläft zu viel.
Wie löst man einen
solchen Fall?
Nun, all das ist
weitaus prosaischer – und genau das war die Realität im Leben eines
Feudalherrn.
Und in den „Pausen“
gibt es Krieg. Man verabschiedet sich also von seiner weinenden Frau,
verabschiedet sich von den Bauern und einfachen Leuten, die zu Hause bleiben,
schwingt sich aufs Pferd und zieht los – begleitet von zwei oder drei Männern,
die man sich teuer erkauft hat, damit sie einen begleiten. Man zieht in den
Tod.
Ich glaube, es gibt
unterhaltsamere Arten, sein Leben zu verbringen. Ich bin mir sicher, dass
unsere heutigen „Asphalt-Großgrundbesitzer“ in São Paulo sich auf so etwas
nicht einlassen würden.
Sie sehen also: Es
war ein Stand, der weitaus größere Opfer brachte als die Großgrundbesitzer
unserer heutigen Zeit.
* Der einfachen
Bevölkerung (Plebs) fielen die Aufgaben zu, die mit Handel und Gewerbe
verbunden waren.
Die Plebs, das Volk,
ist der dritte der sozialen Stände.
Welche Funktion hat das
Volk? Es hat ebenfalls eine bestimmte Aufgabe. Die Erwirtschaftung von Geld ist
Sache des Volkes. Es ist der Wirtschafts- und Geldstand schlechthin. Es ist derjenige,
der das Gold beisteuert. Deshalb genießt das Volk einen Vorteil, ein
regelrechtes Privileg. Nur das Volk durfte Handel treiben; nur durfte ein
Gewerbe ausüben. Sollte ein Adliger einen dieser Berufe ergreifen, so sorgt der
Plebejer dafür, dass er angezeigt wird – mit dem Ziel, dass ihm entweder der
Adelstitel aberkannt wird oder er den Beruf aufgibt.
Geld zu
erwirtschaften, das ist ihre Sache.
Doch Sie verstehen
sicher: Wer diese Quelle besitzt, trinkt als Erster daraus; und wer das Geld
produziert, bereichert sich auch als Erster daran.
So kommt es, dass der
wohlhabende Stand schlechthin – besonders im 15. Jahrhundert – nicht der Adel
war, sondern das Bürgertum. Es war genau jener Teil des Volkes, der sich mit
Geschäften befasste und dabei zu Reichtum gelangte.
Wir unterscheiden
zwei Arten des Volkes: das, die körperliche Arbeit verrichtete, und den
bürgerlichen.
Wie war die
Lebenssituation des Volkes im Mittelalter?
Ich sage Ihnen dazu
nur eines: Karl Marx schreibt in seinem Kommunistischen Manifest: „Das
goldene Zeitalter der europäischen Arbeiterschaft war das Mittelalter.“
Das „eiserne
Zeitalter“ hingegen war für Karl Marx das 19. Jahrhundert.
Möchten Sie eine
Vorstellung davon bekommen, wie es einem aus dem Volk im Mittelalter erging?
Was genau ist ein
Plebejer des Mittelalters?
Bis heute finden sich
Überbleibsel davon. Denken Sie an den Portugiesen mit seiner langen Mütze – so
wie sie der Vater von Jacinta und Francisco trug, den Seherkindern von Fátima.
Kräftig, gesund, gut genährt, zufrieden. Oder denken Sie an den Tiroler; oder
an den Spanier aus dem spanischen Hinterland; Da ist der Niederländer, der
Bayer – mit ihren charakteristischen regionalen Trachten, ihren schönen Häusern
und ihrem angenehmen Ambiente. Das war der einfache Mann des Mittelalters. Noch
heute reisen Menschen aus der ganzen Welt an Orte, an denen sich Überreste
dieser Lebenswelt erhalten haben – einfach, weil sie es schön finden.
Wenn São Paulo eines
Tages eine uralte, verfallene Stadt sein wird – wie einst Ninive oder Babylon –
und vielleicht noch einige Nachfahren dort in den verbliebenen Bauten aus
Stahlbeton leben (denn ich glaube, dieser Beton wird bis ans Ende der Welt überdauern)
–, glauben Sie etwa, dass Touristen hierherkommen werden, um Menschen zu sehen,
die sich – so wie unsere heutigen Arbeiter – kleiden?
Arbeitsanzüge,
hässliche Häuser, alles ärmlich – das wird niemand sehen wollen. Man wird sich
eher die niederländischen Bauern ansehen, die in mittelalterlicher Tracht in
mittelalterlichen Häusern leben. Und genau das war das Mittelalter – aus
wirtschaftlicher und sozialer Sicht.
Betrachten wir nun
diese Skizze: Sie sehen, dass dieser Stand der „dritte“ war, weil er sich um
das kümmerte, was im Leben eigentlich am wenigsten wichtig ist: das Geld. Ich
würde nicht behaupten, dass dies ein „modernes“ Konzept ist – im Gegenteil, im
modernen Leben verhält es sich wohl ganz anders –, aber ich kann sagen, dass es
zutiefst katholisch ist.
Wie sieht also die
Wertehierarchie aus? An erster Stelle stehen Tugend und Wissen. Danach folgen
Mut und die Fähigkeit zur Führung, und erst dann kommt die Erwirtschaftung von
Geld. Wir haben drei soziale Stände mit jeweils unterschiedlichen Aufgaben. Größeren
Pflichten entsprachen größere Rechte – genau darin besteht die Gerechtigkeit.
Je höher die Stellung, desto schwerer die Last und desto größer die Ehre; denn
die Gerechtigkeit gebietet, dass für schwere Lasten und anspruchsvolle Aufgaben
auch [größere Ehren] gewährt werden.
Diese Stände, die
eine Hierarchie unter der Herrschaft des Königs – des höchsten aller Hierarchen
– bildeten, waren ihrerseits wiederum hierarchisch gegliedert. Hierzu zählen
der Weltklerus und der Ordensklerus.
* Die Kirche wurde
von Unserem Herrn in einer feudalen und hierarchischen Ordnung gegründet.
Der Weltklerus und
der Ordensklerus weisen eine Organisation auf, die bis heute besteht. Rein
hierarchisch betrachtet ist dies nicht ganz präzise, da die Hierarchie – im Sinne der Jurisdiktionsgewalt – aus dem Papst, den
Bischöfen und den Priestern
besteht. Doch die Rangordnung der Ehren umfasst den Papst, die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Priester.
Unter den Priestern gibt es wiederum Monsignore-Titelträger, Domherren und
einfache Priester. Bei den Monsignore-Titeln unterscheidet man zudem fünf Kategorien: von
den höchsten Rängen bis hinunter zum – um es so auszudrücken – einfachen
„Dorf-Monsignore“. Unter den Domherren gibt es beispielsweise Domkapitulare und
Ehrendomherren. Bei den Priestern finden sich Vikare, Dekane, Koadjutoren usw.
Das bedeutet: All
dies ist in hohem Maße hierarchisch. Die Kirche ist hierarchisch organisiert.
Und das besonders Bemerkenswerte ist, dass die Kirche nicht nur hierarchisch,
sondern nach dem feudalen Prinzip organisiert ist. Unser Herr Jesus Christus
hat die Kirche in feudaler Weise gestiftet. Das Verhältnis des Papstes zu den
Bischöfen entspricht genau dem Verhältnis des Königs zum Lehnsherrn.
Was ist ein Bischof?
Er ist der feudale
Fürst für geistliche Angelegenheiten. Er ist der Lehnsherr der Kirche. Die
Kirche wurde von unserem Herrn Jesus Christus im Rahmen einer feudalen Ordnung
gegründet.
Hier haben wir es mit
dem regulären Klerus zu tun. Der reguläre Klerus setzt sich zusammen aus: den
Generaloberen, den Provinzoberen und schließlich den einfachen Priestern. Das
Wichtige hierbei ist, dass die Kirche in zwei Stände unterteilt ist. Die Kirche
wurde von Jesus Christus – so sagt der heilige Pius X. – als eine Gesellschaft
von Ungleichen gegründet. Die Kirche ist keine Gesellschaft mit einer rein
monarchischen oder aristokratischen Organisation. Sie besteht aus zwei Ständen,
erklärt der heilige Pius X.: dem Stand des Klerus und dem Stand der Gläubigen.
Der Hierarchie – zu der der Klerus im Hinblick auf die Rangordnung gehört –
obliegt es, zu regieren, zu lehren und zu heiligen. Uns Laien hingegen kommt
die Aufgabe zu, regiert, belehrt und geheiligt zu werden.
Hier sind diese drei
jungen Männer. In einigen Jahren werden sie Priester sein. Ich bin 46 Jahre
alt, sie sind Anfang zwanzig. Wenn sie Priester sind, werden sie meine
Vorgesetzten sein; in religiösen Dingen obliegt es ihnen, mich zu belehren, zu
leiten und zu heiligen, während es an mir liegt, mich von ihnen belehren,
leiten und heiligen zu lassen. Dies ist die Ungleichheit, die Jesus Christus in
der Kirche eingesetzt hat.
Das ist eine harte
Sache, denn das bedeutet Folgendes: Ich studiere zwar, habe aber nicht das
Recht, im Namen der Kirche zu lehren. Sie haben weniger studiert als ich,
besitzen aber das Recht, im Namen der Kirche zu lehren. Weil sie Priester sind.
Nicht etwa, weil sie mehr wissen, sondern weil sie die Vollmacht dazu haben –
ich hingegen nicht.
Mehr noch: Sollten
sie Bischöfe oder gar Päpste werden, so genießen sie das Privileg der
Unfehlbarkeit. Wenn sie also etwas lehren, muss ich anerkennen, dass das, was
sie sagen, „weiß“ ist – selbst, wenn ich es als „schwarz“ wahrnehme. Denn das
Recht liegt bei ihnen, nicht bei mir. Und darüber wird nicht diskutiert; denn
andernfalls bin ich ein Ketzer und dem Verderben geweiht.
Sie sehen also, dass
diese Ordnung durch und durch hierarchisch ist.
* Die verschiedenen
Stufen der adligen Hierarchie
Auch der Adel ist
durch und durch hierarchisch. Die Adelsgrade sind: Baron, Graf, Markgraf,
Herzog, Fürst, König.
Was ist der König?
Er besitzt die Fülle
des Adels.
Was ist der Fürst?
Der Fürst hat Anteil
an der Macht des Königs. Er ist sozusagen die „Quadratwurzel“ des Königs.
Was ist der Herzog?
Er ist die
„Quadratwurzel“ des Fürsten. Und so gelangt man – von Quadratwurzel zu
Quadratwurzel – schließlich zu jener Miniatur eines Königs: dem Baron.
Ein sehr
charakteristisches Merkmal ist das Protokoll. Stellen wir uns den König in
einem Saal vor, in dem der gesamte Adel versammelt ist – das Protokoll
variierte zwar von Hof zu Hof stark, aber man kann es sich etwa so vorstellen:
Der König sitzt auf einem Thron, der auf einem mehrstufigen Podest steht; der
hat eine hohe Rückenlehne, Armlehnen und einen Baldachin darüber.
Auf den Stufen des
Throns sitzen die Fürsten – auf Stühlen mit Rücken- und Armlehnen, jedoch ohne
Baldachin. Weiter unten folgen Stühle mit niedriger Rückenlehne und Armlehnen,
dann Stühle mit Rückenlehne, aber ohne Armlehnen, und schließlich kleine Hocker
– ganz ohne Rücken- oder Armlehnen. Dies spiegelt die verschiedenen Abstufungen
des Adels wider, in ihren diversen Graden und zunehmenden Abstufungen der
„Verkleinerung“.
Man könnte also
sagen: Der Baron ist ein König in homöopathischer Dosis. Wenn wir die Dinge
präzise definieren wollen, so ist ein Adliger keineswegs ein Mensch, der
niemandem gehorcht oder über dem niemand steht. Über einem Adligen steht immer
jemand: ein Adliger von höherem Rang. Der Adlige befindet sich stets in einem
solchen Verhältnis von Respekt und Gehorsam.
Da haben wir das
Volk, unterteilt in jene zwei Kategorien, die wir auch heute noch kennen: das
Bürgertum – das die geistige Arbeit verrichtet, etwa in Form der geschäftlichen
Führung – und den Handarbeiter. Wieder einmal: Hierarchie.
Neben dieser
ausgesprochen hierarchischen Ordnung tritt noch etwas anderes hinzu: die
Institution der Ehe. Eine Ehe, die nach kirchlicher Bestimmung monogam und
unauflöslich sein muss – also die strengste Form, die es gibt, um der
Unreinheit entgegenzuwirken. Es gibt kein wirksameres Mittel gegen die
Unreinheit, als die monogame und unauflösliche Ehe einzuführen.
Wir haben es hier
also mit einer Haltung der christlichen Welt zu tun: einer christlichen Welt
mit ihrer gesamten Hierarchie und ihren Ungleichheiten, die die Tugend der
Demut fordert; mit ihrer ganzen Reinheit, die die Tugend der Keuschheit
verlangt; und mit jener Standhaftigkeit, die notwendig ist, um diese beiden
Tugenden zu bewahren.
* Der Protestantismus
war der große Aufstand gegen die kirchliche Autorität und gegen die Reinheit.
Vor der Religion sind alle gleich.
Was sagt uns Leo
XIII.?
Er erklärt, dass es
dem menschlichen Stolz zuwiderläuft, zu gehorchen; da in jedem von uns Menschen
zu jedem Zeitpunkt ein Revolutionär steckt, der aufbegehren will und den es zu
bändigen gilt, neigt der Mensch dazu, sich gegen Autoritäten aufzulehnen.
Es gab einen
Augenblick in der Geschichte der Christenheit, in dem dieser Aufstand auf
religiösem Gebiet ausbrach. Dieser Aufstand war der Protestantismus – das
Prinzip der freien Bibelauslegung.
Was ist diese freie
Auslegung? „Niemand hat das Recht, die Heilige Schrift für mich auszulegen. Ich
lege sie so aus, wie ich will und wie es mir beliebt. Priester, Bischöfe, Päpste,–
ihre Auslegungen zählen nicht. Ich bin niemandes Schüler. Was ich in der
Schrift lese, das verstehe ich. Alles andere ist hinfällig.“
Daraus folgt die
Aufhebung des kirchlichen Lehramts – die Aufhebung des Rechts der Kirche, zu
lehren.
Hinzu kommen Luther
und die Lehren, die die Existenz des Papstes verneinen. Es soll keine Päpste
geben. Da ihnen zudem die Keuschheit ein Dorn im Auge ist, schaffen sie den
kirchlichen Zölibat ab. Der Protestantismus ist ein großer Aufstand gegen die
Autorität und gegen die Reinheit.
Sie wissen, dass
Luther – ein abtrünniger Augustinermönch – eine abtrünnige Nonne, Katharina von
Bora, heiratete. Schlimmer geht es kaum. Luther schaffte den Zölibat ab und
löste die religiösen Orden auf, die ohne den Zölibat gar nicht denkbar sind.
Damit fällt eine
weitere Hierarchie. Er schaffte auch die Kardinäle ab, die untrennbar mit dem
Papsttum verbunden sind. Doch Bischöfe, Priester und Gläubige behielt Luther
bei.
Dann trat Calvin auf
den Plan und sagte Folgendes: Dieser Luther ist ein Schwächling, ein Narr, denn
er hatte nicht den Mut, die Dinge bis zu ihrer letzten Konsequenz zu führen.
Warum sollte es Päpste geben – die doch die Kirche gar nicht belehren dürfen –,
und warum sollte es Bischöfe geben? Es gibt keinen Grund für die Existenz von
Bischöfen. Schaffen wir die Bischöfe ab! Und die Bischöfe, die eine
Aristokratie innerhalb der Kirche darstellen, wurden von den Presbyterianern
tatsächlich beseitigt.
Später kamen dann die
Sekten der Leveller, der Quäker, der Baptisten usw. und sagten: „Warum
überhaupt Priester? Es belehrt doch niemand den anderen. Und wenn alle Menschen
in religiöser Hinsicht gleich sind, dann braucht es auch keine Priester.“
Eine vollständige
religiöse Einebnung – und damit einhergehend auch die Abschaffung der
Verpflichtung zur Keuschheit. Weiterhin: Luther führte die Scheidung ein. Er
schaffte die Monogamie ab. Denn die Scheidung ist im Grunde eine Polygamie auf
Raten. Man hat zwar nicht auf einen Schlag einen Harem, aber man besitzt ihn
sozusagen in Raten.
Wir haben es hier
also mit dem Ende der gesamten damaligen Ordnung zu tun.
Wenden wir uns nun
dem zweiten Teil des Schemas zu: dem Adel. Dann kam die Französische
Revolution.
* Die Französische
Revolution zielte darauf ab, den Adel im Namen der Gleichheit aller vor dem
Staat zu vernichten.
Was hat die Französische
Revolution getan?
Leo XIII. lehrt uns,
dass die Französische Revolution Punkt für Punkt eine Fortsetzung des
Protestantismus ist. Sie vollzog auf politischem Gebiet genau das, was der
Protestantismus auf religiösem Gebiet herbeigeführt hatte. Wer ist das
Oberhaupt im religiösen Bereich? Der Papst. Welchem Prinzip folgte die Französische Revolution?
Protestantische
Revolution: Alle sind gleich in der Religion.
Französische
Revolution: Alle sind gleich vor dem Gesetz.
Im Namen der religiösen
Gleichheit aller schaffte Luther das Papsttum ab. Im Namen der Gleichheit aller
vor dem Staat schaffte die Französische Revolution das Königtum ab.
Republik: „Alle sind
gleich. Wozu also diese ganze Geschichte mit einem König, der eine Krone auf
dem Kopf trägt und einen Mantel umhat? Warum – um Himmels willen – sollte ich,
Plinio Corrêa de Oliveira, mich vor diesem König verneigen? Ich kann zum Präsidenten
der Republik gewählt werden und genauso viel befehlen wie dieser König. Ich bin
ihm ebenbürtig, damit hat es sich. Wozu braucht man Adlige?“
Im Namen der Freiheit
zerstörte der Protestantismus das Episkopat und den Klerus. Im Namen der
Gleichheit zerstörte die Französische Revolution den Staat – so wie das
Episkopat und der Klerus die religiöse Ordnung ausmachen. Sie hat den Adel
vernichtet. Alle sind vor dem Gesetz gleich.
* Die kommunistische
Revolution strebt die Abschaffung der Ungleichheit in der sozialen Ordnung an.
Übrig bleibt also
eine dritte Kategorie: Es gibt nur noch reiche Bürgerliche und arme einfache
Leute. Das ist die heutige Gesellschaft. Und hier liegt der große Irrtum der
modernen Gesellschaft.
Vor dem Gesetz sind
wir alle gleich. Aber in welchem Sinne gleich?
Gleich in dem Sinne,
dass der eine einen Cadillac besitzt; er steigt ein, der Chauffeur nimmt beim
Einsteigen die Mütze ab, öffnet die Tür und fährt den Wagen. Alle schauen hin:
„Er hat einen
Cadillac – und zwar einen von der Sorte mit Heckflossen und zwei Rücklichtern!
Das muss ein bedeutender Mann sein.“ Alle verneigen sich. Auf der anderen Seite
steht jemand wie ich: Ich habe weder einen Cadillac noch irgendein anderes
Auto. Ich muss auf der Straße stehen bleiben und ein Taxi herbeirufen – was in
São Paulo kein ganz so leichtes Unterfangen ist. Ich setze mich hinein und
denke mir: „Mein Lieber, es stimmt ganz offensichtlich nicht, dass wir alle
gleich sind.“ Denn einen Cadillac zu besitzen ist etwas völlig anderes, als mit
dem Taxi zu fahren.
Doch an einer Straßenecke
steht ein Mann, der auf einen Bus wartet und sieht, wie ich ein Taxi
heranwinke. Er schaut mich an und sagt:
„Ja, mein Herr.
Dieser Bourgeois – was für ein herrliches Leben! Ihm gehören alle Autos auf der
Straße. Er setzt sich hinein und sagt: ‚Chauffeur, fahren Sie dorthin!‘ Er
öffnet das Fenster und versinkt in einer Traumwelt. Und ich? Ich stehe hier in
der Schlange, im Nieselregen, im Gedränge – während Herr Plinio Corrêa de
Oliveira in ein Taxi steigt und nach Hause fährt. Ganz klar: Wir sind eben
nicht alle gleich.“
Doch während dieser
Mann in seinen Bus steigt und sich solche Gedanken macht, geht ein anderer zu
Fuß vorbei.
„Was für ein
Vergnügen! Ich gehe zu Fuß nach Hause, während die anderen da in ihrer Schlange
stehen – und nichts passiert. Die Zeit verstreicht.“ Schließlich ist er an der
Reihe, setzt sich, und der Bus fährt los. Sie kommen vor mir an, bequemer als
ich – und bilden sich ein, sie hätten ein Opfer gebracht, weil sie den Weg, den
ich zu Fuß zurückgelegt habe, sitzend absolviert haben! Ach was! Die Menschen
sind eben nicht alle gleich.
Das ist nur
natürlich. Dann kommt der Wahltag. Wir sind alle gleich – ich und mein Diener.
Am Wahltag sage ich zu ihm: „Du, morgen gehe ich um diese und jene Uhrzeit
wählen. Bereite also um diese Zeit mein Bad vor und bring das Haus gründlich in
Ordnung – ich will, dass alles seine Ordnung hat. Danach gehe ich aus, empfange
die Kommunion, komme zurück, trinke meinen Kaffee, gehe wählen – und dann sage
ich dir, wann du am Nachmittag wählen gehen kannst.“
Er verbringt den
ganzen Wahltag zu Hause und wartet darauf, dass ich bestimme, wann er wählen
gehen darf. Dann sage ich: „Du kannst jetzt wählen gehen, aber sei in einer
Stunde wieder zurück. Du gehörst zum selben Wahlbezirk wie ich; dort ist sicher
gerade wenig los. Es wird also nicht lange dauern – komm gleich wieder her,
denn vielleicht habe ich noch eine Aufgabe für dich.“
Er kommt zurück – und
es ist nichts zu tun, weil ich ja schon weg bin.
Wird dieser Mann wohl
glauben, dass wir wirklich gleich sind? Er wird sagen: „Mensch, das ist eine
sehr sophistische Gleichheit.“
Und wenn dann jemand
an ihn herantritt und mit jener verführerischen Stimme des Teufels sagt:
„Gleichheit muss auch in Geldangelegenheiten herrschen, und das ist die einzig
wahre Gleichheit. Für dich wäre es besser, kein Wähler zu sein, dafür aber
genauso viel Geld zu haben wie der andere“ –
Ich kann nicht
verhindern, dass dieser Mensch dem zustimmt; denn, wenn alle gleich sind, dann
ist die Ungleichheit des Vermögens eine Ungerechtigkeit – so wie alle
Ungleichheiten.
Und so entsteht die
dritte Revolution: die kommunistische Revolution. Der Wirbel des egalitären
Denkens, der bereits alles im Bereich der Religion niedergerissen hat, macht
sich nun daran, alles im Bereich des Staates zu zerstören, und endet
schließlich damit, auch die gesamte soziale Ordnung zu zertrümmern.
* Das einzige Mittel,
um diesen revolutionären Taifun zu besiegen, besteht darin, die Wurzeln der
katholischen Kirche wieder einzupflanzen.
Der Weg von Luther
über Rousseau zu Marx vollzieht sich mit derselben Selbstverständlichkeit, mit
der man vom Großvater zum Sohn und weiter zum Enkel gelangt. Die kommunistische
Revolution ist die Tochter der Französischen Revolution und die Enkelin der protestantischen
Revolution. Genau deshalb verankert sie sich in einem bestimmten Bereich: auf
dem Gebiet der Sexualität. Wenn sie eine Revolution des Hochmuts sein will,
muss sie zwangsläufig auch eine Revolution der Unreinheit sein – denn Hochmut
und Unreinheit gehen stets Hand in Hand.
Wie aber etabliert
sie sich?
Auf folgende Weise:
So: Die französischen
Revolutionäre, die eine Scheidung zulassen: -- weil die Französische Revolution
die Scheidung in katholischen Ländern eingeführt hat -- „Oh, Idiot. Scheidung
ist nichts. Es ist notwendig, die Liebe frei zu machen. Jeder sollte der Besitzer
aller sein und jeder sollte haben können, wen er will.“
So gingen wir von der
monogamen und unauflöslichen Ehe über die Scheidung der Französischen
Revolution und des Protestantismus bis hin zur freien Liebe, die der
Kommunismus ist.
Die Revolution des
Stolzes und die Revolution der Sinnlichkeit brachten also den christlichen
Westen gegen die katholische Kirche auf und wir kommen zu folgendem Schluss:
Für den christlichen Westen gibt es keine Möglichkeit, diesen Taifun zu
überwinden und dieses Verbrechen zu beheben, außer indem er die Wurzeln
pflanzt, die wiederum die Wurzeln der katholischen Kirche sind. Denn wenn wir
in den tiefsten Abgrund fallen ...
* *
*