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Mittwoch, 18. Mai 2022

Der „überreiche Lohn“

 Plinio Corrêa de Oliveira

      Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich ihn kennenlernte, in der fernen Vergangenheit des Jahres 1935. Ich hatte gerade in der Pfarrkirche Sancta Cecilia an einer Veranstaltung meiner Marianischen Kongregation teilgenommen. Ich verließ die Kirche durch den hinteren Ausgang, und als ich den Innenhof direkt hinter der Hauptkapelle durchquerte, hielt mich jemand an, um mir einen Sodalen vorzustellen, der aus Rio de Janeiro gekommen war, um seinen Beruf als Ingenieur in São Paulo auszuüben. Er galt als intelligent, kultiviert und vorbildlich. Wir begrüßten uns gegenseitig. Er gab seinen Namen an: José de Azeredo Santos. Zwischen uns begann eine Zusammenarbeit, aus der bald eine Freundschaft wurde, die etwa vierzig Jahre dauerte. Das heißt, bis zu dem Moment, als Gott ihn zu sich rief, während ich, an seinem Schmerzensbett im Samariterhospital kniend, in seinem Namen die berühmte Weihe an die Muttergottes des heiligen Ludwig Grignion de Montfort rezitierte.

Die Mitglieder der Redaktion des „Legionário“
Vorne Mitte Erzbischof Duarte Leopoldo e Silva von São Paulo
Dritter von Recht: Plinio Corrêa de Oliveira
Zweiter von Rechts: der noch Junge José de Azeredo Santos

      Über diesen langjährigen Freund, der zu den Gründungsmitgliedern und Direktoren der TFP gehört, möchte ich den Leser heute unterhalten. Er hatte eine schöne und interessante Seele, die es verdient, weithin bekannt zu werden.

*   *   *

      Die einzelnen Elemente der Persönlichkeit meines verstorbenen Freundes waren recht unterschiedlich. Aber sie fügten sich so zusammen, dass sie eine harmonische Vielfalt bildeten, die eine angenehme Wirkung hatte.

      Vielleicht hat er seine offene und angenehme Art von seinem jahrelangen Aufenthalt in Rio. Azeredo mochte es, ernste Gespräche mit heiteren Sprüchen zu untermalen. Kultiviert, intelligent, lebendig in seinen Ausführungen, verschmähte er es nicht, manchmal auf die gewöhnlichsten Themen des gewöhnlichen Lebens einzugehen, deren Niveau er hervorzuheben verstand, indem er sie mit pittoresken Beobachtungen und harmlosem Sarkasmus bestreute. Kurzum, er war ein typischer Typus des hervorragenden causeur, wie er in jener Zeit in Mode war, als die Kunst der Unterhaltung noch nicht ausgestorben war.

      Dieses milde Äußere hinderte Azeredo nicht daran, im Herzen seiner Persönlichkeit einen tiefen, nachdenklichen Geist zu haben, den das Leben - vielleicht zur Verstärkung des Temperamentes eines „Mineiro“ (gebürtig aus dem Bundesstaat Minas Gerais), dieses Sohnes von Nova Lima - bis zu dem Punkt geschärft hatte, dass er etwas misstrauisch wurde.

      Dieses Misstrauen - das ich nie gegen uns, seine engen Freunde, gerichtet gesehen habe - war ein Schatz in Azeredos Seele und Leben.

      So hörte ich, dass seine technischen Arbeiten als Ingenieur von einer Fülle von Vorsichtsmaßnahmen geprägt waren, die ihnen eine besondere Solidität verliehen.

      Aus demselben Grund waren seine Beobachtungen über Menschen, Ideologien und Fakten von einer Schärfe des Blicks geprägt, die sie besonders interessant machte.

      Und seine Argumentation war nicht nur mit besonderer Solidität verknüpft, sondern auch mit ungewöhnlicher Fülle dokumentiert: eine Vorsichtsmaßnahme gegen jeden möglichen Gegner, der mit Sophismen kommen könnte...

      Der Misstrauische ist in der Regel sauer. Azeredo entkam der Regel. Ich habe bereits von der unveränderlichen Milde seines Umgangs gesprochen, die ein Spiegelbild seines persönlichen Temperaments ist. Um diese Freundlichkeit in all ihren Aspekten deutlich zu machen, sollte ich hinzufügen, dass Azeredo ein liebevoller Vater war, wie ich nur wenige andere gekannt habe. Seine junge und tugendhafte Frau hat er vor vielen Jahren verloren. Sie hinterließ drei Töchter, deren Ausbildung Azeredo mit mehr mütterlicher als väterlicher Zuneigung absolvierte. Als Witwer, der seine Gamahlin immer vermisst hat, hat er außerhalb des Friedhofs den Ort ausfindig gemacht, an dem seine Frau ihre letzte Ruhe verbrachte. Spät am Abend, nachdem er das Apostolat beendet hatte, dem er die letzten Stunden des Tages gewidmet hatte, machte Azeredo es sich zur Gewohnheit, manchmal zum Grab seiner Frau zu gehen, um einen Teil des Rosenkranzes zu vollenden, den er vor lauter Arbeit nicht mehr geschafft hatte. Ich denke, dieses rührende Detail, das er einige Zeit nach seiner Verwitwung in einem Gespräch verriet, sagt alles.

      Heute, während ich schreibe, schlafen seine sterblichen Überreste neben denen seiner liebevollen Frau die frühen Stunden des großen Schlafes, den die Auferstehung freudig unterbrechen wird.

*   *   *

      Dieser pluriforme Geist, der sich aus harmonischen Gegensätzen zusammensetzt, erklärt Azeredos Handeln in den Werken, die von der Vor-TFP und später von der TFP entwickelt wurden.

      Mit Ausnahme einer dreijährigen Periode, von 1948 bis 1950, haben wir immer die Leitung einer katholischen Kulturzeitung gehabt. Von 1933 bis 1947 den „Legionário“, eine katholische Wochenzeitung aus São Paulo. Von 1951 bis heute erscheint die kulturelle Monatszeitschrift „Catolicismo“ unter der Schirmherrschaft von Bischof Antônio de Castro Mayer, dem großen Bischof von Campos.

      Während all dieser Jahre kämpfte Azeredo in unseren Kolumnen als mutiger Kämpfer. Er war ein tiefgründiger, lebendiger und brillanter Journalist, ein Polemiker im besten Sinne des Wortes. Und als solcher ist sein Name in goldenen Lettern in unsere Annalen eingeschrieben.

      Aufgrund seines großen Scharfsinns richtete Azeredo seine Aufmerksamkeit mit besonderer Schärfe auf die mehr oder weniger untergründigen Bewegungen, die um 1940 begannen, die katholischen Kreise aufzuwühlen, und aus denen der Progressismus hervorging.

      Als gläubiger Mensch mit einer soliden, wenn auch nicht spezialisierten Kultur war er in der Lage, die Gefahr zu erkennen, die viele Fachleute nicht zu durchschauen vermochten. Und er betrat das Feld, um den guten Kampf zu kämpfen, genau zu dem Zeitpunkt, als der große Ansturm so vieler Spezialisten die heilige Mauer der Orthodoxie ungeschützt ließ.

      So veröffentlichte er umfangreiche Artikel über den Maritainismus, über die „Politik der ausgestreckten Hand“, über die moderne Kunst, über die Gnose, über die katholische Linke, auf die die andere Seite natürlich nie die Kühnheit hatte, offen zu antworten.

      Haben Sie, lieber Leser, jemals darüber nachgedacht, was diese vierzig Jahre eines Kampfes, der auf Kosten einer kurzen Ruhezeit aufrechterhalten wurde, und der unter den Schlägen des Unverständnisses und der Feindseligkeit gelebt wurde, bedeuten? Wenn man hinzufügt, dass diese Anstrengung weder mit der geringsten finanziellen Belohnung noch mit dem Lob der weltlichen Posaunen einherging, bekommt man eine Vorstellung vom Wert des Leistungsnachweises, den Azeredo auf diese Weise erbrachte.

*   *   *

 

Plinio Correa de Oliveira (Mitte)
und José de Azeredo Santos (2. von rechts)

    
Das Geheimnis seines Durchhaltevermögens in diesem langen Kampf lag in seinem Innenleben. Die ausgeprägte Verehrung der Gottesmutter, die tägliche Kommunion, die geistlichen Lesungen von höchster Qualität waren die wahren Quellen jenes apostolischen Eifers, von dem die Sache der christlichen Zivilisation bei uns so sehr profitiert hat.

      Wenn eines Tages die Geschichte des heutigen Brasiliens mit völliger Unparteilichkeit geschrieben wird, wird sein Name unter den verdienstvollsten erscheinen.

      Auf jeden Fall glauben wir alle aus seiner Familie und aus dem großen Kreis seiner Freunde von der TFP, dass er von der ewigen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit bereits einen Preis erhalten hat, der unvergleichlich wertvoller und dauerhafter ist als die flüchtigen Urteile der von Menschen geschriebenen Geschichte.

      „Ich selbst werde dein überreicher Lohn sein“, sagte der Herr zu Abraham (1. Mose 15,1).

 

 

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer in “Folha de S. Paulo” vom 17. Juli 1973: “O prêmio demasiadamente grande”.

© Nachdruck der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

„Der ,überreiche Lohn‘“ erschien erstmals in deutscher Sprache in www.p-c-o.blogspot.com

Freitag, 6. November 2020

Die Verehrung des Heiligsten Herzen Jesu: (I)

Ihr wahrer Sinn, Wichtigkeit und Aktualität

Plinio Corrêa de Oliveira

Apostolat ist nicht die Boshaftigkeit der Seelen zu vertuschen,

sondern sie in Gottes Barmherzigkeit reinzuwaschen.

Zur Einführung seines Kommentars über die am 15. Mai 1956 veröffentlichte Enzyklika „Haurietis aquas“ von Pius XII. beschreibt Plinio Corrêa de Oliveira wie die wahre Einstellung eines katholischen Redakteurs gegenüber dem Relativismus eines Nichtglaubenden sein sollte.


Zum Anlass des hundertsten Jahrestages der Einsetzung des liturgischen Festes des Heiligen Herzen Jesu veröffentlichte Papst Pius XII. die Enzyklika „Haurietis aquas“ (15. Mai 1956), über den wahren Sinn, Wichtigkeit und Aktualität dieser Andacht. Im Laufe seines Pontifikates veröffentlichte dieser Papst unzählige Dokumente, die große Aufmerksamkeit verdienen. Doch wir können sagen, dass ohne Zweifel diese Enzyklika in der Geschichte seines Pontifikates eines der leuchtendsten und wichtigsten Zeichen sein wird.

Wenn wir auch jedes päpstliche Lehrdokument mit Respekt und Freude aufnehmen, so bringen wir heute eine ausführliche Zusammenfassung dieses hervorragenden Dokumentes mit einem besonderen Gefühl des Wohlgefallens. Denn das Thema der Enzyklika befindet sich im Kern aller Probleme, die wir teils implizit, teils explizit oftmals behandelt haben.

Eine Beobachtung, die die Lektüre unserer Zeitung (Catolicismo) nahelegt, ist, dass sie äußerst bemüht ist in der genauen und vollständigen Beachtung aller Gebote des katholischen Lehramtes, sowie eine uneingeschränkte und gewissenhafte Zustimmung jedem Lehrakt der Heiligen Kirche entgegenbringt. Diese ständige Sorge um eine tiefbeständige Treue und Genauigkeit scheint vielen unklug oder gar unsympathisch. Sie meinen, dass die Pflicht zu Mitleid und Erbarmen, der Geist der Milde und der Gnade gegenüber den Ungläubigen, denen es so schwer fällt – gerade in unseren Tagen – den wahren Glauben anzunehmen, und gegenüber den Gläubigen, deren Beharrlichkeit immer größere Kämpfe erfordert, den katholischen Journalisten zu einer äußerst versöhnlichen Haltung verleiten sollte.

Statt den Irrtum und das Böse zu geißeln, sollte er eher über beide schweigen. Statt die Fahne der Vollkommenheit auszubreiten und die Leser auf die hohen, schwer zu erklimmenden aber betörenden Gipfeln der hohen Ideale hinzuweisen, sollten sie nur das notwendige zu ihrem Heil lehren. Dies würde sie zu Predigern einer minimalistischen Korrektheit machen, die nichts anderes ist als billige Mittelmäßigkeit. Wer sich die Aufgabe eines katholischen Redakteurs so vorstellt, wird unsere Haltung als kompromisslos, intolerant und unverständlich ansehen.

Wir sind die ersten, die es einsehen, dass diese Einwände, wenn sie nicht stimmen, sie jedoch viel Wahrheit enthalten. Auf den ersten Blick sticht hervor, dass die katholische Lehre sehr schwer zu praktizieren ist. Die Kirche hat wiederholt gelehrt, dass kein Gläubiger aus eigenen Kräften dauerhaft die Gesamtheit der Gebote befolgen kann. Daher scheint es vernünftig zu sein, jede Vollkommenheit in der Befolgung der Gebote als übertrieben anzusehen.

In Wahrheit findet sich die Lösung des Problems in einer anderen Gedankenordnung. Wenn es wahr ist, dass das Unvermögen der menschlichen Natur die Befolgung der Gebote dermaßen erschwert, dann müssen wir auch die unendliche Barmherzigkeit Gottes in Betracht ziehen. Nicht um damit zu folgern, dass Gott es mit der Sünde nicht so genau nimmt, Er, der die unendliche Vollkommenheit ist. Die Barmherzigkeit Gottes kann nicht darin bestehen, dass Er uns in unserem Verderben hilflos darben lässt, sondern darin uns daraus herauszuholen. Angesichts der Blinden, Aussätzigen, Lahmen, die Er auf seinen Wegen begegnete, beschränkte Er sich nicht auf ein Lächeln und weitergehen. Nein, Er heilte sie. Angesichts unserer Sünden will seine Barmherzigkeit uns von diesen liebevoll befreien und uns auf seine Schulter tragen. Was wir von der Barmherzigkeit Gottes erwarten, sind die notwendigen Hilfen, die uns befähigen, das Gesetz der Moral zu erfüllen. Dazu haben wir die Gnade, die uns durch die unendlichen Verdienste Jesu Christi erreicht wurde. Die Gnade befähigt unseren Verstand zum Glaubensakt. Sie verleiht unserem Willen eine solche Kraft, dass es ihm möglich wird, die Gebote zu befolgen. Die große Gabe Gottes für die Menschen – wir sagen es noch einmal – besteht nicht in der Gleichgültigkeit gegenüber unseren Fehlern, sie nicht zu tadeln und teilnahmslos uns in sie versinken zu lassen. Die große Gabe ist, uns die übernatürlichen Mittel zu geben, um die Sünde zu meiden und die Heiligkeit zu erlangen. Daher auch die große Verantwortung derer, die diese unschätzbare Gabe ablehnen.

Das ausdruckvollste Symbol dieser barmherzigen Liebe Gottes, der Menge seiner Vergebungen und der Beharrlichkeit mit der Er ständig die Menschen zur Reue auffordert, die notwendigen Gnaden zu erbitten, für die Übung der Tugenden, um durch das Gebet alle notwendigen Mittel zu erlangen zur Änderung seines Charakters, ist das Heiligste Herz Jesu. Im Heiligsten Herzen Jesu also erhält jede echte Kompromisslosigkeit gegenüber dem Bösen ihre Norm und Erklärung. Für einen katholischen Journalisten besteht die Güte nicht darin, den Sünder im Glauben zu belassen, dass sein Seelenzustand zufriedenstellend ist. Dem Sünder muss das ganze Grauen seiner Bosheit klargemacht werden, damit er sich von ihr lossagt. Er muss auf die Gipfel der Vollkommenheit hingewiesen werden, damit er sie zu erreichen wünscht. Denn alles ist ihm möglich, wenn er beharrlich um die Gnade Gottes bittet und mit dieser kooperiert. Auf diese tiefe und freudige Überzeugung, dass der Mensch mit der Gnade alles vermag, begründet sich die heilige Tugend der christlichen Kompromisslosigkeit. Jeder Akt der Barmherzigkeit ist eine große Gabe, beinhaltet aber auch eine große Verantwortung. Da der Mensch durch Gebet und durch die Treue zur Tugend die Gebote praktizieren kann und soll, gibt es offensichtlich für ihn keine Entschuldigung, wenn er in der Sünde verharrt. Pius XII. zeigt wie die Gnaden im Übermaß aus dem süßesten Herzen Jesu strömen. Gerade deshalb besteht die Formel für ein erfolgreiches Apostolat nicht im Verschweigen der im Menschen innewohnenden Bosheit, sondern in der Aufforderung sich an der göttlichen Quelle rein zu waschen, aus der die Ströme der Gnade entspringen. Dies ist die Aufgabe des katholischen Journalismus.

Nach der Veröffentlichung dieses monumentalen Dokumentes, das die Christenheit dem Heiligen Vater schuldig bleibt, fühlen sich unsere Herzen von dem aufmunternden Wunsch entbrannt, es möge mit der gleichen Tiefgründigkeit, mit der gleichen obersten Autorität, mit der ebenso tiefen Frömmigkeit dieser Enzyklika ein Dokument entstehen über den Kult zum Unbefleckten Herzen Mariens. Dies wäre eine harmonische und vollkommene Ergänzung des Briefes „Haurietis aquas“, für dessen Zusammenfassung hier auf die deutsche Fassung der Webseite des Vatikans zurückgegriffen wurde. (s. Link unten*). Untertitel sind von diesem Blog.

*    *    *

EINFÜHRUNG

In der Einführung stellt der Papst fest: »Unmöglich können die Gnadengaben aufgezählt werden, welche die dem heiligsten Herzen Jesu erwiesene Verehrung in die Seelen der Gläubigen ergießt, sie reinigend, mit himmlischem Trost erquickend und zu allen Tugenden anregend. Eingedenk daher des weisen Satzes des Apostels Jakobus: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, vom Vater der Lichtwelt“ [1], sehen Wir mit vollem Recht in dieser Andacht, die allenthalben auf Erden sich immer glutvoller durchsetzt, ein unschätzbares Geschenk, welches das menschgewordene Wort, unser göttlicher Heiland, der eine Mittler der Gnade und Wahrheit zwischen dem himmlischen Vater und dem Menschengeschlecht, der Kirche, seiner mystischen Braut, im Verlauf der letzten Jahrhunderte gewährt hat, in denen sie so viel Hartes zu bestehen und so viele Schwierigkeiten durchzukämpfen hatte.« Danach weist die Enzyklika auf Ausdrücke der Heiligen Schrift hin, die uns an die Gabe der Verehrung des Heiligen Herzens denken lassen: »Für die Zuhörer Jesu war es in der Tat nicht schwer, diese Worte, mit denen Er selbst eine aus seinem Schoße entspringende Quelle „lebendigen Wassers“ [2] versprach, auf die Aussprüche der das Messianische Reich vorausverkündenden heiligen Propheten Isaias, Ezechiel und Zacharias und ebenso auf jenen vorbildhaften Felsen zu beziehen, aus dem, von Moses angeschlagen, auf wunderbare Weise Wasser hervorquoll. [3]

Die göttliche Liebe hat ihren ersten Ursprung im Heiligen Geist, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist. Es besteht also eine sehr enge Verbindung zwischen der göttlichen Liebe, die treue Seelen entflammt, und dem Heiligen Geist. Daher die innige Natur des Kultes, den wir dem Heiligen Herzen Jesu schulden, einem bedeutenden Akt der Religion und der Entsprechung unserer Liebe mit der Liebe Gottes.

I – FUNDAMENTE UND VORBILDER DER VEREHRUNG DES HEILIGEN HERZEN JESU IM ALTEN TESTAMENT

* Unverständnis über die Natur der Verehrung
des Heiligsten Herzen Jesu unter gewissen Christen

Der Heilige Vater beginnt im ersten Teil der Enzyklika mit der Auflistung der Missverständnisse über die wahre Natur des Kultes des Heiligen Herzens Jesu, die unter gewissen Christen existieren. Er sagt darüber: » Wiewohl nun die Kirche die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu allzeit so sehr schätzte und schätzt, dass sie sich bemüht, sie überall zum Blühen zu bringen und auf jede Weise unter den christlichen Völkern zu verbreiten, und sie auch gegen die falschen Lehren des sogenannten Naturalismus und Sentimentalismus mit aller Kraft zu schützen sich angelegen sein lässt, so ist es doch sehr zu bedauern, dass in vergangenen Zeiten und auch heute diese höchst würdige Andacht nicht die gleiche Ehre und Wertschätzung findet bei manchen Christen und zuweilen auch bei solchen, die sich als eifrige, nach Heiligkeit strebende Katholiken bekennen.

„Wenn du die Gabe Gottes kenntest“.[4] Mit diesen Worten, Ehrwürdige Brüder, mahnen Wir, die Wir durch Gottes geheimen Ratschluss zum Hüter und Verwalter jenes heiligen Schatzes des Glaubens und der Frömmigkeit erwählt wurden, den der göttliche Erlöser seiner Kirche anvertraut hat, mahnen Wir im Bewusstsein Unserer Pflicht alle jene, die zwar Unsere Söhne, und obwohl die Verehrung des heiligsten, über die Irrungen und die Nachlässigkeit der Menschen gleichsam triumphierenden Herzens Jesu seinen mystischen Leib durchdrungen hat, dennoch weiterhin von vorgefassten Meinungen sich leiten lassen und zuweilen so weit gehen, dass sie diese Andacht für minder geeignet, um nicht zu sagen, für schädlich erachten, um den geistigen, in unserer Zeit vordringlicheren Nöten der Kirche und des Menschengeschlechtes zu begegnen. Es fehlt nicht an solchen, welche die ursprüngliche Natur dieser Andacht mit den Sonderandachten, den vielfältigen, von der Kirche gebilligten und geförderten, aber nicht befohlenen Frömmigkeitsformen vermengen und ihnen gleichstellen, und sie daher als etwas Zusätzliches betrachten, das die Einzelnen, ein jeder nach seinem Belieben, üben können; es gibt auch solche, die behaupten, diese Andacht sei etwas Lästiges und besonders für jene von keinem oder nur geringem Nutzen, die im Reiche Gottes kämpfen hauptsächlich in der Absicht, mit ihren Kräften, Mitteln und der Ausnutzung ihrer Zeit zur Verteidigung, Weitergabe und Verbreitung der katholischen Wahrheit, zur Geltendmachung der christlichen Soziallehre und zur Förderung jener Akte der Gottesverehrung und jener Werke beizutragen, die sie heute für viel notwendiger halten; endlich fehlt es nicht an solchen, die, weit entfernt davon, diese Andacht als eine mächtige Hilfe für die rechte Bildung und Erneuerung der christlichen Sitten im privaten Leben des Einzelnen wie im häuslichen Zusammenleben zu betrachten, sie vielmehr wie eine durch die Sinne, nicht durch den Geist und die Seele genährte Frömmigkeit ansehen, geradezu mehr den Frauen angepasst, da sie in ihr etwas finden, was gebildeten Menschen nicht genügend entspreche. «

„Jesus Christus, barmherziger höchster Pontifex und treu,
um die Sünden des Volkes zu sühnen“

» Außerdem gibt es solche, die in der Erwägung, dass die Herz-Jesu-Verehrung vor allem Buße, Sühne und die übrigen Tugenden verlangt, die sie „passive“ nennen, weil sie keine greifbare Frucht trügen, sie nicht für geeignet halten zur Neuanfachung des religiösen Lebens in unseren Tagen, eines religiösen Lebens, das mehr auf eine offene und gestraffte Tätigkeit hinzielen müsse, auf den Triumph des katholischen Glaubens und auf den tatkräftigen Schutz der christlichen Sitten. Denn diese werden heute, wie alle wissen, leicht von den trügerischen Aufstellungen derer beeinflusst, die zu jeder Form der Gottesverehrung die gleiche Haltung einnehmen, nachdem sie im Denken und Handeln den Unterschied zwischen wahr und falsch aufgehoben haben, und die sich auch leider von den Grundsätzen des gottlosen Materialismus und des sogenannten Laizismus anstecken lassen. «

* Wertschätzung der Päpste der Verehrung
des Heiligsten Herzen Jesu

Der Heilige Vater stellt anschließend diese Fehler bezüglich der Andacht zum Heilige Herz Jesu, die Zeugnisse hoher Wertschätzung, die die Päpste nicht aufgehört haben, dieser Andacht zu geben, gegenüber. Und um nur die jüngsten zu erwähnen, erinnert Seine Heiligkeit an seinen Vorgänger Leo XIII., der lehrte, dass der Kult des Heiligen Herzens Jesu als „sehr bewährte Form der Gottesverehrung“ bezeichnete.

Leo XIII. bezeichnete die Verehrung des Heiligsten Herzen Jesu »als „sehr bewährte Form der Gottesverehrung“ und die als kraftvolles Mittel zur Heilung der Übel zu betrachten sei, die auch heute, und sicher in weiterem und schärferem Maße, den Einzelmenschen und die gesamte Gesellschaft quälen und beunruhigen. „Diese Andacht, sagte er, die wir allen raten, wird allen von Nutzen sein“. Und er fügte folgende Mahnungen hinzu, die auch auf die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu Bezug haben: „Daher jene Gewalt der Übel, die seit langem im Geheimen wirken und die eindringlich fordern, dass man Hilfe bei einem suche, durch dessen Kraft sie vertrieben werden könnten. Wer könnte dies aber sein, wenn nicht Jesus Christus, der Eingeborene Gottes! „Denn kein anderer Name ist unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir das Heil erlangen sollten.“ [5] Zu ihm also muss man sich flüchten, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.« [6]

Der heilige Vater Pius XII. zitiert auch seinen unmittelbaren Vorgänger Pius XI.: »„Liegt nicht in dieser ... Andachtsform der Inbegriff der ganzen Religion und die Wegweisung zur Vollkommenheit? Denn leicht führt sie unseren Verstand zur tiefen Erkenntnis Christi, und nachdrücklich vermag sie die Herzen zu immer glühenderer Liebe und immer engerer Nachfolge des Heilands anzuspornen“.» [7]

Und Pius XII. fährt fort: »Diese Früchte wurden in den Jahren Unseres Pontifikats – der nicht allein der Sorgen und Nöten, sondern auch unsagbarer Tröstungen voll war – weder an Zahl noch an Kraft und Schönheit vermindert, sondern eher vermehrt; denn es sind glücklicherweise verschiedene Werke in Angriff genommen worden, die der Wiederbelebung dieser Andacht dienlich und für die Nöte unserer Tage äußerst geeignet sind: Wir meinen die Vereinigungen zur Förderung der seelischen Kultur, der Religion und der Mildtätigkeit; die Veröffentlichungen zur Erläuterung der einschlägigen Geschichte, Aszetik und Mystik; die frommen Sühnewerke; und namentlich jene Zeugnisse innigster Frömmigkeit, welche die „Vereinigung vom Gebetsapostolat“ herausgab; ihrer Anregung und Förderung ist es vor allem zu danken, daß häusliche Gemeinschaften, Kollegien, Unternehmungen, zuweilen auch Nationen dem heiligsten Herzen Jesu geweiht wurden; ihnen haben Wir nicht selten durch diesbezügliche Schreiben, durch Ansprachen oder auch durch Rundfunkbotschaften Unsere väterlichen Wünsche entboten.« [8]

Anschließend stellt der Heilige Vater das Schema seiner großartigen Darlegung vor: »In der Absicht also, den Seelen der Christgläubigen heilbringende Nahrung zu bieten, durch die genährt sie die wahre Natur dieser Verehrung leichter und tiefer ersehen und ihre reichen Früchte erfahren können, werden Wir jene Seiten des Alten und Neuen Testamentes darlegen, in denen die unendliche Liebe Gottes gegen das Menschengeschlecht, in die wir niemals genug schauend eindringen können, geoffenbart und vorgelegt wird. Hierauf werden Wir zweckentsprechend die Grundlinien der Ausführungen berühren, welche die Kirchenväter und Kirchenlehrer überliefert haben. Zuletzt werden Wir darauf bedacht sein, den engen Zusammenhang ins rechte Licht zu stellen, der zwischen der dem Herzen des göttlichen Erlösers gebührenden Andacht und der Verehrung besteht, die seiner Liebe wie der Liebe der Heiligsten Dreifaltigkeit gegen alle Menschen geschuldet wird. Wir meinen nämlich: Wenn einmal die Hauptelemente, auf denen diese höchst würdige Andacht ruht, aus dem Licht der Heiligen Schriften und der von den Vorfahren überlieferten Lehre erläutert werden, so können die Christen leichter „in Freuden Wasser aus den Quellen des Erlösers“ [9] schöpfen.«

Die Gottesliebe ist der Hauptzweck der Andacht zum Heiligsten Herzen Jesu – Seine Vorbilder im Alten Testament

In der Darlegung der tiefsten Aspekte der Lehrvoraussetzungen der Andacht zum Heiligen Herzen Jesu sagt wörtlich die Enzyklika: »Damit jedoch alle um so richtiger die Beweiskraft verstehen können, welche die vorzulegenden Stellen des Alten und Neuen Testamentes für diese Andacht haben, muss ihnen der Grund ganz klar sein, warum die Kirche dem Herzen des göttlichen Erlösers den Kult der Anbetung zollt. Nun wisst ihr sicher, Ehrwürdige Brüder, daß es ein zweifacher Grund ist. Der eine, der auch für die übrigen hochheiligen Glieder des Leibes Jesu Christi gilt, beruht auf dem Grundsatz, dass sein Herz, als ein vornehmster Teil seiner menschlichen Natur, hypostatisch mit der Person des göttlichen Wortes verbunden ist; und dass ihm deshalb der gleiche Kult der Anbetung zu erweisen ist, womit die Kirche die Person des menschgewordenen Sohnes Gottes ehrt. Es handelt sich dabei um eine mit katholischem Glauben festzuhaltende Wahrheit, da sie schon auf den Allgemeinen Kirchenversammlungen von Ephesus und der zweiten von Konstantinopel [10] feierlich festgelegt wurde. Der andere Grund, der sich in besonderer Weise auf das Herz des göttlichen Erlösers bezieht und ebenfalls unter einer besonderen Rücksicht den ihm zu erweisenden Kult der Anbetung fordert, liegt darin, dass sein Herz, mehr als alle übrigen Glieder seines Leibes, ein natürliches Zeichen oder Sinnbild seiner unermesslichen Liebe zum Menschengeschlecht ist. „Es liegt im heiligsten Herzen – wie Unser Vorgänger unvergesslichen Andenkens Leo XIII. bemerkte – ein Sinnbild, ja ein ausdrückliches Bild der unendlichen Liebe Jesu Christi, das durch sich selbst uns zur Gegenliebe bewegt“.« [11]

»Es ist zweifellos, dass die Heiligen Bücher nie eine sichere Erwähnung tun von einem besonderen, dem physischen Herzen des fleischgewordenen Wortes als dem Sinnbild seiner brennenden Liebe erwiesenen Kult der Verehrung und Liebe. Wenn dies offen zuzugeben ist, so braucht es uns doch nicht zu verwundern, noch irgendwie Zweifel in uns hervorzurufen, dass die göttliche Liebe zu uns, der Hauptgrund jenes Kultes, im Alten wie im Neuen Testamente in solchen Bildern, welche die Herzen stark bewegen, verkündet und nahegebracht wird. Da diese Bilder schon in den Heiligen Büchern vorgelegt wurden, welche die Ankunft des menschgewordenen Gottessohnes vorher verkündeten, können sie als Vorzeichen des Sinnbildes jener edelsten göttlichen Liebe und des Hinweises auf sie: die Liebe des heiligsten und anbetungswürdigen Herzens des göttlichen Erlösers betrachtet werden.«

Der Papst verweist weiter auf verschiedene Stellen im Alten Testament, in denen von Gottes Liebe zu den Menschen die Rede ist. Und nachdem er zeigt, dass neben dem Gesetz der Furcht das Gesetz der Liebe auch im Alten Bund weit verbreitet war, geht er weiter: »Wir wundern uns also nicht, wenn Moses und die Propheten, die der hl. Thomas mit Recht „die Größten“ [12] des Auserwählten Volkes nennt, aus der klaren Einsicht, dass die Grundlage des ganzen Gesetzes in dieses Gebot der Liebe gesetzt war, alle zwischen Gott und ihrem Volk bestehenden Beziehungen und Bindungen mehr mit Gleichnissen beschrieben, die aus der gegenseitigen Liebe von Vater und Sohn oder der Gatten geschöpft waren, als mit strengen, der Oberherrschaft Gottes oder der von uns allen geschuldeten und erzittern machenden Knechtschaft entnommenen Bildern. Um Beispiele anzuführen: Als Moses sein berühmtes Lied über die Befreiung des Volkes aus der Knechtschaft Ägyptens sang und aussprechen wollte, dass dies durch Gottes Kraft geschehen war, verwendet er folgende ergreifende Sätze und Gleichnisse: „Gleichwie der Adler seine Jungen zum Fluge lockt und über ihnen schwebt, so breitete er (Gott) seine Flügel aus, und nahm es (das Volk) und trug es auf seinen Schultern.“ [13] Doch bringt vielleicht keiner der heiligen Propheten mehr als Oseas offen und stark die Liebe zum Ausdruck, mit der Gott zu jeder Zeit sein Volk geleitet. In den Schriften dieses Propheten, der unter den übrigen kleinen Propheten durch die Großartigkeit gedrängter Rede hervorragt, bekennt Gott eine solche Liebe zum Auserwählten Volk, eine gerechte und heilig besorgte, wie es die Liebe eines erbarmenden und liebenden Vaters ist oder eines Bräutigams, dessen Ehre verletzt wird. Es handelt sich um eine Liebe, die so wenig infolge der Niedertracht von Verrätern und unmenschlicher Verbrechen gemindert wird oder erkaltet, daß sie vielmehr diese zwar nach Gebühr bestraft, aber nur aus dem einen Grunde, die entfremdete und treulose Braut und die undankbaren Söhne – geschweige denn sie zu verstoßen und zu entlassen – nein, zu entsühnen, zu läutern und durch erneute und verstärkte Bande der Liebe wieder mit sich zu verbinden: „Als Israel jung war, gewann ich es lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten ... Ich war wie ein Nährvater für Ephraim; ich trug sie auf meinen Armen, doch sie erkannten nicht, daß ich ihr Heiland war. Mit Banden der Güte zog ich sie, mit Fesseln der Liebe ... Von ihrem Abfall will ich sie heilen, herzlich sie lieben; denn mein Zorn ist von ihnen gewichen. Wie der Tau will ich sein, Israel soll gleich einer Lilie blühen und seine Wurzel schlagen wie des Libanon Zedern.« [14]

Nachdem er wunderbare Zitate aus Isaias und dem Hohenlied bringt, schließt Pius XII.: »Diese so zarte, nachsichtige und geduldige Liebe Gottes, die sich zwar über das Untat auf Untat häufende Volk Israel entrüstet, aber es dennoch niemals verstößt, scheint gewiß stark und erhaben, aber sie ist nur Ankündigung und Vorzeichen jener innigen Liebe, die der den Menschen verheißene Erlöser aus seinem liebenden Herzen über alle ergießen würde, und die das Vorbild für unsere Liebe und das Fundament des Neuen Bundes werden sollte. Fürwahr nur Er, der Einziggezeugte vom Vater und das fleischgewordene Wort „voller Gnade und Wahrheit“ [15], konnte, als er zu den von unzähligen Sünden und Armseligkeiten bedrückten Menschen gekommen war, aus seiner menschlichen, in Personeinheit mit der göttlichen Person verbundenen Natur heraus dem menschlichen Geschlechte eine „Quelle lebendigen Wassers“ eröffnen, welche die dürre Erde reichlich bewässern und sie zu einem blühenden und fruchtreichen Garten machen würde. Daß diese ganz wundersame Tatsache infolge der erbarmungsvollen und ewigen Liebe Gottes eintreten werde, scheint schon der Prophet Jeremias irgendwie mit folgenden Worten vorauszuverkünden: „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich in Erbarmung an mich herangezogen ... Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da schließe ich einen neuen Bund mit Israels Haus und Judas Haus ... Dies wird der Bund sein, den ich schließen werde nach jenen Tagen mit Israels Haus, spricht der Herr: Ich lege mein Gesetz in ihr Herz und schreibe es in ihre Seele. So werde ich ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein ... Denn ihre Schuld vergebe ich ihnen, und ihrer Sünden gedenke ich nicht mehr“[16]

II – BEGRÜNDUNGEN DER HERZ-JESU-ANDACHT IM NEUEN TESTAMENT UND IN DER ÜBERLIEFERUNG

Dreifache Liebe des Erlösers zu den Menschen:
göttliche, geistige, menschliche

Im zweiten Teil der Enzyklika, nachdem er die „Liebe Gottes im Mysterium der erlösende Menschwerdung nach dem Evangelium“, zeigt er, dass »man beachten muss, dass seine Liebe nicht nur eine geistige war, wie sie Gott zukommt, insofern „Gott Geist ist“« [17]. Die alttestamentlichen Ausdrücke, die sich auf die Liebe Gottes zum Menschen beziehen und sie mit menschlicher ehelicher oder väterlicher Liebe vergleichen, sind sehr bewegend und weisen auf eine tiefe Realität hin, haben aber einen metaphorischen Charakter. Im Gegenteil, in Bezug auf unseren Herrn Jesus Christus, den wahren Gott und den wahren Menschen, die Ausdrücke des Neuen Testaments „nicht eine nur göttliche Liebe, sondern auch menschliche Empfindungen der Liebe bezeichnen“. So können wir in der Liebe des Erlösers zu uns die göttliche und die menschliche unterscheiden, die geistliche menschliche und die gefühlte menschliche Liebe, „was für alle, die sich katholisch nennen, ganz ohne Zweifel ist. Das Wort Gottes hat nämlich nicht einen unwirklichen Scheinleib angenommen, wie schon im ersten christlichen Jahrhundert einige Irrlehrer behaupteten, die vom Apostel Johannes mit folgenden ernsten Worten getadelt wurden: „Es sind viele Verführer in der Welt aufgetreten, die sich nicht zu dem in Fleisch erschienenen Jesus Christus bekennen. Das ist der Verführer, der Antichrist“ [18]; es hat wirklich die menschliche, individuelle, vollständige und vollkommene Natur, die im reinsten Schoße der Jungfrau Maria aus der Kraft des Heiligen Geistes empfangen wurde [19], seiner göttlichen Person verbunden. Es fehlte ihm also nichts an der menschlichen Natur, die sich das Wort Gottes zu eigen gemacht hat; es hat sie in der Tat angenommen ohne Minderung und ohne Änderung in dem, was das Geistige und das Körperliche betrifft: also ausgestattet mit Verstand und Willen und mit den übrigen inneren und äußeren Erkenntnisfähigkeiten, ebenso wie mit dem Strebevermögen der Sinne und allen natürlichen Antrieben. Dies alles lehrt die katholische Kirche als etwas, das von den Römischen Päpsten und den Allgemeinen Kirchenversammlungen feierlich bestimmt und bekräftigt ist


Weiter sagt Seine Heiligkeit: »Daß das Wort Gottes eine wahre und vollkommene Menschennatur als eigen angenommen und sich ein Herz aus Fleisch gebildet und einverleibt hat, das nicht weniger als das unsrige leiden und durchbohrt werden konnte – diese Tatsache kann, so sagen Wir, wenn nicht im Lichte der hypostatischen und substanziellen Vereinigung, und ebenso im Licht der Erlösung der Menschheit wie aus deren Ergänzung gesehen, wahrhaftig für manche zu Ärgernis und Torheit werden, wie es der ans Kreuz geschlagene Christus tatsächlich für das Volk der Juden und Heiden war. [20] Die gültigen Dokumente des katholischen Glaubens, in vollem Einklang mit den Heiligen Schriften, versichern uns, dass der Eingeborene Sohn Gottes die leidensfähige und sterbliche Menschennatur hauptsächlich aus dem Grunde angenommen hat, weil er das blutige Opfer, am Kreuze hängend, darzubringen wünschte, um das Werk des Heiles der Menschheit zu vollenden. Dies lehrt übrigens der Völkerapostel mit folgenden Worten: „Der heiligt und die geheiligt werden, sind ja alle von einem Vater. Darum schämt er sich nicht, sie seine Brüder zu nennen, da er spricht: Ich will deinen Namen meinen Brüdern kundgeben ... Und wieder: Siehe, hier bin ich mit den Kindern, die Gott mir gegeben hat. Weil nun die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, so nahm er gleichfalls beides an ... Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, um als barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu walten und des Volkes Sünden zu sühnen. Denn da er selbst gelitten hat und versucht wurde, kann er auch denen helfen, die versucht werden“.« [21]

Um diese Behauptungen zu untermauern, zitiert der Papst die Zeugnisse der Heiligen Väter, „dass Jesus Christus deshalb eine vollkommene Menschennatur und unseren hinfälligen und gebrechlichen Leib angenommen hat, um für unser ewiges Heil Sorge zu tragen und uns seine unendliche Liebe, auch die fühlbare, überzeugend zu offenbaren und zu öffnen.“. Pius XII. erwähnt wunderbare Texte der hl. Justinus, Basilius, Johannes Chrisostomos, Ambrosius, Hieronimus, Augustinus und Johannes von Damaskus.

Die natürliche Symbolik des Herzens Jesu und sein verhüllter Ausdruck in der Heiligen Schrift und in den Kirchenvätern

»Doch wenn auch die Evangelisten und die übrigen heiligen Schriftsteller das Herz des Erlösers nicht ausdrücklich beschreiben: das lebendige und mit Empfindungsfähigkeit nicht weniger als das unsere begabte Herz, und das infolge der verschiedenen seelischen Bewegungen und Regungen und infolge der brennenden Liebe seines doppelten Willens schlagende und zitternde Herz – so heben sie dennoch dessen göttliche Liebe und die damit verbundene Ergriffenheit der Sinne häufig hervor: also Verlangen, Freude, Kummer, Furcht und Zorn, wie sie sich in seinem Antlitz, aus seinen Worten, aus seinem Benehmen offenbaren. Besonders das Antlitz unseres anbetungswürdigen Heilands war ein Gradmesser und sozusagen ein treuer Spiegel jener Regungen, die, während sie die Seele verschiedenartig bewegten, wie sich gegenseitig steigernde Wellen an sein heiligstes Herz gelangten und es schlagend erregten. Denn auch hier gilt, was der Engelgleiche Lehrer, durch allgemeine Erfahrung belehrt, über die menschliche Psychologie und deren Folgerungen bemerkt: „Die Verwirrung des Zornes geht durch bis zu den äußeren Organen; und am stärksten bis zu jenen, in denen die Spur des Herzens sich deutlicher abspiegelt, wie in den Augen, dem Angesicht und der Zunge“ [22]

»Daher wird mit vollem Recht das Herz des menschgewordenen Wortes hauptsächlich als Zeichen und Sinnbild jener dreifachen Liebe betrachtet, mit der der göttliche Erlöser den ewigen Vater und die Menschen alle immerfort liebt. Sinnbild ist es jener göttlichen Liebe, die er mit dem Vater und dem Heiligen Geist gemeinsam hat, die aber doch nur in ihm, als in dem fleischgewordenen Wort, uns durch einen hinfälligen und gebrechlichen Menschenleib geoffenbart wird, denn „in ihm wohnt alle Fülle der Gottheit in leiblicher Einwohnung.“ [23] Sinnbild ist es außerdem jener brennenden Liebe, die, in seine Seele eingegossen, den menschlichen Willen Christi bereichert, und deren Akte von einem doppelten ganz vollkommenen Wissen, dem der seligen Schau und dem eingegebenen oder eingegossenen, erleuchtet und geleitet werden. 24 Endlich – und zwar in mehr natürlicher und unmittelbarer Art – ist es auch Sinnbild der sinnenfälligen Regung, da der Leib Jesu Christi, im Schoße der Jungfrau Maria durch das Wirken des Heiligen Geistes gebildet, die vollkommenste Fähigkeit des Empfindens und Wahrnehmens besitzt, mehr sogar als jedes andere Menschenherz.« [25]

»Damit ist gegeben — fährt die Enzyklika fort —, dass wir mit vollem Recht das Herz des göttlichen Erlösers als bezeichnendes Bild seiner Liebe und als Zeugen unserer Erlösung betrachten und verehren können, wie auch als geheimnisvolle Himmelsleiter, auf der wir aufsteigen zur Umarmung „Gottes, unseres Erlösers“ [26]. Seine Worte und Handlungen, seine Weisungen und Wundertaten, und besonders jene seiner Werke, die eindringlicher seine Liebe zu uns bezeugen – wie die göttliche Einsetzung der Eucharistie, sein bitteres Leiden und Sterben, seine uns gütig geschenkte heiligste Mutter, die für uns gegründete Kirche und endlich der den Aposteln und uns gesandte Heilige Geist – alles dies, sagen Wir, sollen wir bewundern als Beweise seiner dreifachen Liebe. Ebenso sollen wir mit liebender Seele die Schläge seines heiligsten Herzens betrachten, mit denen er gleichsam die Zeit seiner irdischen Wanderschaft abzumessen schien, bis zu jenem letzten Augenblick, in dem er, wie die Evangelisten bezeugen, „mit lauter Stimme rief: Es ist vollbracht, sein Haupt neigte und den Geist aufgab.“ [27] Da stand der Schlag seines Herzens still; seine fühlbare Liebe wurde unterbrochen, bis er selbst im Triumph über den Tod aus dem Grabe erstand. Nachdem aber sein Leib, in den Zustand immerwährender Herrlichkeit eingetreten, wiederum mit der Seele des göttlichen Erlösers, des Siegers über den Tod, vereinigt war, hörte sein heiligstes Herz nie mehr auf, noch wird es jemals aufhören, sich in unerschütterlich friedlichem Schlag zu bewegen, und es wird gleichfalls nie ablassen, seine dreifache Liebe kundzugeben, durch die der Sohn Gottes verbunden ist mit seinem himmlischen Vater und mit der Gesamtheit der Menschen, deren mystisches Haupt er mit vollem Recht ist.«

In der nächsten Ausgabe werden wir die Zusammenfassung der drei letzten Teile dieser bewundernswerten Enzyklika geben: „Die aktive und tiefe Teilhabe der Heiligsten Herzen Jesu am Erlösungswerk des Heilandes“, „Das Aufkommen und progressive Entwicklung dr Verehrung zum Heiligsten Herzen Jesu“ und „Aufmunterung zu einer aufgeklärten Praxis und zur Verbreitung des Kultes zum Heiligsten Herzen Jesu“.

 

Anmerkungen:

*) http://www.vatican.va/content/pius-xii/de/encyclicals/documents/hf_p-xii_enc_15051956_haurietis-aquas.html

1) Jak 1, 17.

2) Joh 7, 39.

3) Vgl. Jes 12, 3; Ez 47, 1-12; Sach 13, 1; Ex 17, 1-7; Num 20, 7-13; 1 Kor. 10, 4; Offb 7, 17; 22, 1.

4) Joh 4, 10.

5) Apg 4, 12.

6) Enz. „Annum Sacrum“, 25 Maii 1899; Acta Leonis, vol. XIX, 1900; pp. 71, 77-78.

7) Enz. „Miserentissimus Redemptor“, 8 Maii 1928; A.A.S. XX, 1928, S. 167.

8) Vgl. A.A.S. XXXII, 1940, p. 276; XXXV, 1943, p. 170; XXXVII, 1945, pp. 263-264; XL, 1948, p. 501; XLI 1949, p. 331.

9) Is 12, 3.

10) Conc. Ephes. can. 8; Vgl. Mansi, „Sacrorum Conciliorum Ampliss“. Collectio, IV, 1083 C.; Conc. Const. II, can. 9, Vgl. ibid. IX, 382 E.

11) Vgl. Enz. „Annum sacrum“; Acta Leonis, vol. XIX, 1900, p. 76.

12) Thomas v. A. Sum. Theol. II-II, q. 2, a. 7; in ed. Leon., Bd. VIII, 1895, p. 34.

13) Dtn 32, 11.

14) Hos 11, 1, 3-4; 14, 5-6.

15) Joh 1, 14.

16) Jer 31, 3; 31, 33-34.

17) Joh 4, 24.

18) 2 Joh 7.

19) Vgl. Luc. 1, 35.

20) Vgl. 1 Cor. 1, 23.

21) Hebr 2, 11-14; 17-18.

22) Sum. Theol. I-II, q. 48, a. 4; ed. Leon. tom. VI, 1891, p. 306.

23) Kol 2, 9.

24) Vgl. Sum. Theol. III, q. 9, aa. 1-3; ed. Leon. tom. XI, 1903, p. 142.

25) Vgl. Ibid. III, q. 33 a. 2, ad 3m; q. 46, a. 6; ed. Leon. tom. XI, 1903, pp. 342, 433.

26) Tit 3, 4.

27) Mt 27, 50; Io. 19, 30.

  

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer in
„Catolicismo”, Nr. 68, August 1956, SS. 3f.

 

Dieser Beitrag erschien in deutscher Sprache zuerst im Blog „Plinio Corrêa de Oliveira zum  100. Geburtstag“.

© Nachdruck der deutschen Fassung ist nur mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Donnerstag, 26. März 2020

Christliche Abtötung, Lebensprinzip der Zivilisation



Zwei sehr unterschiedliche Nachrichten, deren Natur den Themen der Frömmigkeit sehr fremd ist, werden als Ausgangspunkt für unseren Artikel über die Karwoche dienen. Die erste betrifft „Rock and Roll“ in Schweden. Und die andere handelt von einem kollektiven Hirtenbrief des Schweizer Episkopats, der mit dem hohen Grad des Wohlstands zusammenhängt, den die Schweizer Republik erreicht hat.
*  *  *
Die französische Zeitschrift „La Vie Catholique Illustrée“ veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom vergangenen 20. Januar (1957), folgende Meldung unter dem Titel „Jugend in Lederblouson“: „Schweden - eine Oase des Wohlbefindens und der Behaglichkeit - ist beunruhigt. Die Jugend gibt ihm Anlass zur Sorge. Eine Jugend in Lederjacke, bis zu Delirium begeistert von „Rock and Roll“, ist bereit für billige Aufruhr, Zerstörung und Grausamkeit. Worüber beklagt sich diese Jugend? Was fehlt ihr? In materieller Hinsicht fehlt ihr nichts. Aber gerade aus diesem Grund hat sie keine Erwartungen, keine Hoffnungen, letztendlich nichts weiter, wofür sie kämpfen sollte.
Aber vor allem auf der geistigen Ebene besteht ein riesiges Vakuum: Es gibt keinen Glauben mehr, keine Hoffnung. Es betrifft vor allem die Seele der schwedischen Jugend.“
Diese Meldung macht uns nachdenklich. Viele Soziologen versuchen die religiöse und moralische Krise unserer Zeit durch Elend, Unsicherheit, tiefgreifende psychische Auswirkungen dieser chaotischen Situation, durch ein Übermaß an Arbeit, verarmte Persönlichkeiten und unterwühlt von Leiden aller Art zu erklären.
Jetzt kommt uns die bestürzende Nachricht, dass die moralische Krise der schwedischen Jugend - die sich in keiner Weise von der anderer Länder in unserer normierten, standardisierten, homogenisierten Welt unterscheidet - nicht auf Armut, sondern auf Überfluss zurückzuführen ist. Wo sind wir eigentlich?
*   *   *
In unserer letzten Ausgabe kommentierten wir einen Hirtenbrief des Schweizer Episkopats, anlässlich des Erntedankfests der am 16. September herauskam und in der renommierten französischen Zeitschrift „Marchons“ der priesterlichen Christ König Pfarrkooperatoren veröffentlicht wurde (Oktober 1956). Über dieses sehr wichtige Dokument möchten auch wir einige Kommentare abgeben.
Da das „Erntedankfest“ Gott unseren Dank für alle erhaltenen Wohltaten ausdrücken soll, ist es verständlich, dass es unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die günstigen Aspekte der Situation lenkt, in der wir uns befinden.
Das Schweizer Episkopat zeigte eine erbauliche Ernsthaftigkeit des Geistes und beschränkte sich nicht nur darauf der Vorsehung für die vielen Gefälligkeiten zu danken, mit denen Sie diese Nation beschenkt hatte, sondern ging auch mit seltenem Mut auf die Gefahren ein, die derselbe Wohlstand für ihre Gläubigen schon jetzt mit sich bringt und bringen wird.
Und nichts ist logischer. Der authentische Ausdruck unserer Anerkennung Gottes besteht genau darin, Seine Gaben richtig zu nutzen. Ihm für seine Wohltaten zu danken, ohne diese zu Seiner größeren Ehre zu gebrauchen, wäre typisches und ausgeprägtes Pharisäertum!
Die blühende Situation in der Schweiz wird von den Prälaten folgendermaßen beschrieben: „In unserem Land läuft alles gut zum Besten; der Wohlstand entwickelt sich dank der hohen Konjunktur, die, wie es scheint, sich dauerhaft unter uns niedergelassen hat; überall herrscht Ordnung, und wir sind nicht weit davon zu glauben, dass unser Staat einer der weisesten und am besten regierten der Welt ist. Die Feierlichkeiten und die Demonstrationen der Freude, die fast ununterbrochen stattfinden, spiegeln ein mehr oder weniger allgemeines Wohlergehen wider und sind ein zweifelloser Hinweis eines relativ hohen Lebensstandards.“ Das ist sicherlich ein Bild, das keiner von uns sich wagen würde zu sagen, dass es auch für die brasilianische Realität gilt!
Lassen wir aber Brasilien beiseite und behalten die Schweiz im Auge.
In demselben Hirtenbrief sagt das Ehrwürdige Helvetische Episkopat: „Es gibt einen Gedanken, der in den Reden und Schriften des Heiligen Vaters häufig vorkommt: die tragische Situation der modernen Welt! Erst kürzlich, Anfang Juli, als er zu 25.000 Pilgern im Petersdom sprach, bekräftigte er energisch: Wir haben die Welt wiederholt gewarnt, sich am Rande des Abgrunds aufzuhalten. Diese Gefahr muss besonders ernst sein, wenn sich der Heilige Vater so stark ausdrückt. Es ist uns nicht erlaubt in diesem Warnruf eine banale Figur der Rhetorik zu erkennen“.
Diese Worte des erhabenen Stellvertreters Christi mit der Lage in der Schweiz konfrontierend, fragen die Bischöfe: „Wäre der Heilige Vater mit seinen ernsten Mahnungen vielleicht nicht ein Spaßverderber in der Schweizer Gemeinschaft?“
Dies ist ein Problem, das hier mit Kraft und Mut direkt angesprochen werden soll...
*   *   *
Die vorgeschlagene Lösung ist ebenfalls deutlich und stark. Die Schweizer Bischöfe erkennen zunächst an, dass die Situation in ihrer Heimat außerordentlich gut ist, und sehen darin ein Geschenk Gottes, da materieller Wohlstand an sich und notwendigerweise keine Teufelsfalle ist. Sie erinnern jedoch daran, dass einige Vorbehalte zu machen wären, insbesondere im Hinblick auf die Konzentration des Reichtums. Dieses Thema, in das sich so viele vertiefen, verlieren und wahnsinnig werden, trübt jedoch nicht ihre Vision von „etwas viel Wichtigerem“. Und es ist dies: „Bringt uns der Wohlstand näher zu Gott?“
Von einem Thema zum anderen kommen wir also zum Mittelpunkt der Angelegenheit.
*   *   *
Wir können die Schweizer Hierarchie leider nicht in all der großartigen Entwicklung, die sie dem Thema gibt, begleiten. Legen  wir jedoch einige der Fakten und Prinzipien fest, die sie anführt:
1) – „Während ein gewisser Überfluss uns helfen sollte, tugendhaft zu leben, führt uns der Wohlstand, den wir genießen, in Wirklichkeit direkt zum Materialismus. Dies ist die Gefahr! Das nicht zu erkennen, würde für uns bedeuten in einer falschen Sicherheit einzuschlafen, und so in den Abgrund zu rennen.“
2) – „Unter uns würde niemand es wagen, Gott offen zu leugnen und die Existenz der Materie als die einzige Realität zu behaupten.“ Doch „ist der Glaube an einen vergütenden Gott, der Richter über die Lebenden und die Toten ist, die Grundlage unseres Lebens, die treibende Kraft unserer Tätigkeit?“ Inspiriert die Furcht Gottes „immer noch unser öffentliches und privates Leben?“ Das Episkopat bringt das mit offensichtlichem Bedauern in Zweifel.
3) – „Der höchste Gedanke des modernen Menschen besteht darin, sich so bequem wie möglich in seinem irdischen Zuhause niederzulassen; er würde wünschen, dass es nicht nur mit dem Notwendigen, sondern auch mit dem Überflüssigen versorgt wäre, von allem was den Charme und das Vergnügen des Lebens ausmacht.“
4) – „Diese moderne, eindeutig materialistische Tendenz, die den Menschen dazu bringt, irdische Güter unter Ausschluss ewiger Güter zu suchen, ist energisch zu verurteilen. Dieser Trend ist die Wurzel der tiefgreifenden Unordnung, unter der unsere orientierungslose und unglückliche Generation leidet.“
5) - Mit diesen Worten denkt das Episkopat „besonders an das dem Geld hinterher rennen, das für viele zum höchsten Ziel des Lebens geworden ist, dem Götzen, dem alles geopfert wird und der von sich aus, alles rechtfertigt.“
6) – Die Bischöfe beziehen sich auch auf „das hecheln nach Vergnügen und Freuden, das buchstäblich so viele Unglückliche blind macht“, „auf so viele Übertretungen der Gebote Gottes“, so zahlreich, „dass man manchmal versucht wäre, dass trotz des äußeren Glanzes, das christliche Leben in Bälde nur noch eine reine Fassade darstellt.“
Wir wiederholen, dass wir Leider nicht das gesamte großartige Dokument hier wiedergeben können und nicht einmal den großartigen Teil, in dem es die Geistlichen Übungen und andere Mittel vorschlägt, um das Problem zu lösen.
Gehen wir auf das Bild ein, das uns die Schweizer Bischöfe vorgestellt haben. Eine moralische Krise, die genau aus einem Wohlstand heraus entstand, den die Menschen missbrauchten, in dem sie den Blick auf die Erde richteten und folglich eine schreckliche Leere in der Seele verursachten. In Schweden ist das durchaus der Fall... und in Brasilien ist dies zunehmend der Fall.
Denn unser armes Land, voller Elend, Übel und Krisen, leidet geistig unter dem Übel des Wohlhabenden! Wir sind nicht reich, aber unsere moralische Gefahr ist genau die der Schweiz und Schwedens. Wir haben — es gibt seltene, ehrenwerte Ausnahmen — das Geld zu unsrem Gott gemacht. Wir kümmern uns nur um Vergnügungen und Freuden. Wir leben, als wäre die Erde unser einziges Zuhause. Und deshalb sind wir bereit für „Rock and Roll“ und all die psychischen oder moralischen Störungen, von dem er ein Symbol ist. Oder, andererseits ist „Rock and Roll“ für uns schon etwas zurückgebliebenes. Deshalb fand er in Brasilien nicht einmal die Explosion der Begeisterung von tausend perversen ausgebrochenen Instinkten, die in anderen Ländern ausgelöst wurde. Denn ihm sind hier der Frevo, der Candomblé, die Macumba vorausgegangen.
*   *   *
Was hat das mit der Karwoche zu tun? Alles! Gehen wir zur konkreten Tatsache. Der zeitgenössische Mensch sieht sich dem Bild einer materiellen Zivilisation gegenüber, die ihn betört. Die Wolkenkratzer, die großen asphaltierten Alleen, die funkelnden leuchtenden Werbeschilder, die Schaufenster, die großen Kinos, die Ballsäle, die Nachtclubs, die Autos, die Flugzeuge, alles fasziniert ihn, zieht ihn an und erfüllt vollständig seine Begierden.
Natürlich gibt es in all dieser Pracht unzählige Leiden, es kochen Verzweiflungen, es schäumen Aufstände. All dies bleibt jedoch im Bereich der sogenannten Marginalien. Es gibt zwar zahlreiche Ausnahmesituationen, die jedoch in keiner Weise die mentale Einstellung der Mehrheit widerspiegeln. Schlecht ernährt, schlecht geschlafen, schlecht gekleidet, unvollkommen medizinisch versorgt, bestehen die Bewohner großer Städte darauf, in ihnen zu verbleiben, um in der alltäglichen Pracht ihrer glänzenden Existenz zu leben. Der Beweis dafür ist der Unwille, ins Landesinnere zu ziehen, wo doch der Lebensrhythmus so viel friedlicher und gesünder ist. Auf der anderen Seite bedauern diejenigen vom Land meist ihre Situation und beneiden diejenigen der Großstadt. Und die Landbewohner ziehen in großen Mengen in die Städte.
Mit einem Wort, die materielle Pracht unserer Zivilisation weckt im modernen Menschen den Wunsch, das Leben zu genießen; jede Anstrengung, sich von dieser Haltung zu lösen, erscheint vergeblich.
Es geht aber genau darum: sich loszulösen. Und das nicht nur, weil diese Art von irdischem Glück für die große Mehrheit der Völker unerreichbar ist, sondern weil es, wenn sie erreicht wird, Barbaren hervorbringt. Schmerz ist im mentalen Panorama des Menschen notwendig, und dies unter allen Aspekten: Moralischer Schmerz, physischer Schmerz, Unsicherheit, Armut, Tod, alles, was den Menschen zum Stöhnen oder Weinen bringt. Es ist nicht so, dass wir denken, das Leben sei nur Schmerz. Aber ohne Schmerz ist das Leben kein Leben. Es ist Vulgarität, es ist Egoismus, es ist Niedrigkeit der Seele, es ist Schande.
Es liegt daher nicht in der Organisation einer Gesellschaft, ausschließlich gütige und erträgliche Existenzbedingungen zu schaffen. Es geht hauptsächlich darum, den Menschen erkennen zu lassen, dass der Schmerz trotz allem bestehen wird. Dass er eine zentrale Rolle in unserem Leben spielt. Und dass unser Leben nicht so viel wert ist, wegen das, was wir genossen haben, sondern wegen des vielen, das wir gelitten haben. Wegen des hohen moralischen Inhalts, der der Art und Weise innewohnt, wie wir gelitten haben.
*   *   *
Nach all dem gesagten, wenn wir einerseits der Überzeugung sind, Dinge von größter Bedeutung gesagt zu haben, können wir andererseits uns nicht dem Gefühl entziehen, dass alles hohle Worte sind, eine Ansammlung gemeinsamer Orte mehr als allgemein bekannt, die aber nicht mitreißen, nicht überzeugen, nutzlos sind.
Und so ist es ziemlich genau. Niemals wird die Menschheit von sich aus diese Wahrheiten annehmen. Und die Menschen unserer Zeit noch weniger als jeder anderen.
Da unsere Generation ohne diese Wahrheit verloren geht und sogar auf der zeitlichen Ebene verloren geht, sieht man für sie kein Heilmittel und keine Rettung. Der Eisenring ist geschlossen. Die Zivilisation erzeugt den Wunsch nach Genuss, ist er befriedigt, erzeugt er die Barbarei. Also, oder bleibt der Mensch in der Barbarei oder er verlässt sie. Wenn er sie verlässt, ist es, um sich zu zivilisieren. Und wenn er zivilisiert ist, kehrt er zur Barbarei zurück. Und was für eine Barbarei! Des „Rock and Roll“ und der Wasserstoffbombe!
Wie kann man dem entkommen?
*   *   *
Herr Jesus Christus, all diese Überlegungen führen mich zu den Füßen Deines Kreuzes. Mann der Schmerzen, in Deiner Seele und an Deinem Leib hast Du alles gelitten, was einem Menschen möglich ist, zu leiden.
Ich betrachte Deinen Leichnam, der vom Kreuz herabgenommen wurde, Deine Menschlichkeit wie vernichtet und Dein unendlich kostbares Blut, das während Deines Leidenswegs vergossen wurde.
Solange die Welt Welt ist, wirst Du den Schmerz am Horizont unserer Seelen darstellen. Schmerz, mit allem, was er an Adel, an Stärke, an Ernst, an Süße und an Erhabenes hat. Der Schmerz, erhoben aus dem einfachen Umfang philosophischer Überlegungen zum unendlichen Firmament des Glaubens. Der Schmerz, verstanden in seiner theologischen Bedeutung als notwendiges Sühneopfer und als unverzichtbares Mittel zur Heiligung.
Durch die unendlichen Verdienste Deines kostbaren Blutes gib unserem Geist die notwendige Klarheit, um die Rolle des Schmerzes zu verstehen, und unserem Willen die erforderliche Kraft, um ihn von ganzem Herzen zu lieben.
Nur durch das Verstehen der Rolle des Schmerzes und des Geheimnisses des Kreuzes, kann die Menschheit sich aus der enormen Krise retten, in der sie versinkt, und vor der ewigen Pein, die auf diejenigen wartet, die bis zum letzten Moment Deiner Einladung verschlossen blieben, mit Dir den Weg der Schmerzen zu gehen.
Heiligste Maria, Mutter der Schmerzen, vermehre auf Erden die Seelen, die das Kreuz lieben.
Dies ist die unbezahlbare Gnade, um die wir in der Abenddämmerung unserer Zivilisation in dieser Karwoche Dich bitten.


Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer in
„Catolicismo“, Nr. 76, April 1957
© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

„Christliche Abtötung...“ erschien erstmals in deutscher Sprache in www.p-c-o.blogspot.com


Freitag, 28. Februar 2020

Standardisierung und Nachahmung



Plinio Corrêa de Oliveira

Unsere Leser werden in den Klischees, die wir heute veröffentlichen, das typische Tracht einer bahianischen(*) Magd und die ebenfalls typische Kleidung eines eleganten Tavernenbesuchers erkennen: zwei beliebte Volkstrachten, die verglichen werden können.
*    *    *
In der Tracht der Bahianerin, die aus den Anforderungen des Alltags entstanden ist, spiegeln sich bewundernswert die Natur, die Gaben, der Charme einer Rasse sowie die Eigenschaften eines bestimmten Ortes und einer bestimmten Zeit wider.
In etlichen unserer Städte hat sich eine Art eleganter Besucher von Vororttavernen verbreitet, mit einem Outfit, das im Großen und Ganzen dem heutigen entspricht, jedoch bestimmte Besonderheiten aufweist: lange Hosen, die sich am Knöchel verengen; Hosenbund fast auf Herzhöhe; übermäßig lange Jacke, flacher Hut und breite Krempe. Ist der Elegante weiß, trägt er die berühmte „Entenschwanz“-Frisur. Ist er schwarz, glättet er die Haare mit einem „Styler“.
Die Magd ist, was sie ist: Sie fühlt sich zu Recht würdevoll und glücklich. Unser Eleganter, schwarz oder weiß, versucht, den Anschein von Geld und Situation zeigen zu wollen, die er nicht besitzt. Die Dienstmädchentracht ist der Rahmen einer Persönlichkeit. Das Kostüm des Eleganten ist der Rahmen einer Persönlichkeit, die er nicht hat.
Warum ist das so? Weil die Dienstmädchentracht in einer Zeit entstand, da die Mode nicht für alle standardisiert war und sich jeder so gut fühlte, in dem, was er war.
Und unser armer „Eleganter“, egal ob blond, dunkel oder schwarz, ist der Sohn einer Zeit, in der die Mode standardisiert wurde und Kleidung keine Beziehung mehr zur Person hat. Einer Zeit, in der niemand zufrieden lebt mit dem, was er ist, und deshalb lebt er in der Nachahmung. Warum wirkt unserer Eleganter so lächerlich? Letztendlich weil das lächerliche im akuten Zustand Bestandteil jeder Nachahmung ist.

(*) Einwohnerin des brasilianischen Bundesstaates Bahia

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer in
https://catolicismo.com.br/Acervo/Num/0015/P04-05.html#top
CATOLICISMO Nr. 15 – März 1952
© Nachdruck der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe gestattet.

Montag, 16. Dezember 2019

APPARUIT BENIGNITAS ET HUMANITAS SALVATORIS NOSTRI DEI



Erschienen ist die Güte und
die Menschlichkeit Gottes, unseres Erlösers

Plinio Corrêa de Oliveira
Wer kann sagen, wie viele Menschen an diesem Weihnachten 1955 vor einer Krippe knien werden? Wer kann Menschen aller Rassen in allen Breiten aufzählen, die sich der Wiege des Gotteskindes nähern, um ihn an jenem Tag, an dem sich die Tore der göttlichen Barmherzigkeit in ihrer ganzen Breite öffnen, um besonders reiche und in jeder Menge Gnaden zu bitten?
Auch wir, die Direktoren, Mitarbeiter und Leser dieser Zeitschrift Catolicismo, haben uns darauf vorbereitet, uns der heiligen Krippe zu nähern. Wir möchten über die daraus resultierenden Lehren meditieren, unseren Willen in den daraus resultierenden Gnaden stärken und unser Herz in der Freude ermutigen, dass Er eine unvergängliche Quelle ist.
Die Vorsehung wollte, dass das Jesuskind von drei Weisen - die nach einer ehrwürdigen Tradition auch Könige waren - und einigen Hirten besucht wurde. Genau die beiden Extreme der menschlichen Werteskala. Denn der König befindet sich zu Recht auf dem Höhepunkt von sozialem Prestige, politischer Autorität und wirtschaftlicher Macht. Der Weise ist der höchste Ausdruck intellektueller Fähigkeiten. Der Hirte befindet sich auf der Skala der Werte von Prestige-, Macht- und Wissenschaftsfragen auf dem untersten Grad, im Erdgeschoss. Nun aber, die göttliche Gnade, die die Weisen aus den Tiefen ihrer fernen Länder zur Krippe rief, rief auch die Hirten aus den Tiefen ihrer Unwissenheit. Die Gnade macht nichts falsch oder unvollständig. Wenn sie sie gerufen und ihnen gezeigt hat, wie sie dorthin kommen würden, wird sie ihnen auch eingegeben haben, wie man vor dem Sohn Gottes erscheinen soll. Und wie haben sie sich vorgestellt? Ganz charakteristisch wie sie waren. Die Hirten nahmen ihre Schafe mit, ohne vorher durch Bethlehem zu gehen, um sich aufzuputzen, die ihren bescheidenen Zustand verschleiern würde. Die Magier präsentierten sich mit ihren Schätzen, Gold, Weihrauch und Myrrhe und versuchten nicht, ihre Größe zu verbergen, um von der äußerst bescheidenen Umgebung des göttlichen Kindes bloß nicht abzuweichen. Die christliche Frömmigkeit, ausgedrückt in einer äußerst reichhaltigen Ikonographie, hat jahrhundertelang verstanden und versteht es immer noch, dass die Weisen mit all ihren Insignien und Geschmeide zur Krippe gingen. Dies bedeutet, dass am Fuß der Krippe jeder sich so präsentieren soll, wie er ist, ohne Verstellung oder Verminderung. Denn es gibt Raum für alle, große und kleine, starke und schwache, weise und unwissende: jeder soll nur sich selbst kennen um zu wissen, wo er sich bei Jesus hinstellen soll.
*   *   *
Was ist nun unsere Zeitschrift Catolicismo? Wo ist ihr Platz im Hause Gottes? Wenn wir diese Frage beantworten, werden wir unseren eigenen Platz bei Jesus gefunden haben.
Wir wissen, dass die Engel im Himmel in neun Chören aufgeteilt sind, und direkt das göttliche Wesen betrachten, in dessen unendlichem Reichtum jeder Engel bestimmte Vollkommenheiten deutlicher sieht als die anderen.
In der Kirche gibt es etwas Ähnliches. Ordensgemeinschaften und Kongregationen haben im Allgemeinen ihren eigenen Geist, ihre eigene Gestalt, ihre eigene Schule der Heiligung. Und daher betrachtet und imitiert jede von ihnen bestimmte Vollkommenheiten des göttlichen Erlösers.
Diese Tatsache wirkt sich auf das geistige Leben der Gläubigen aus. Durchzogen von den verschiedensten und fruchtbarsten Strömungen der Spiritualität aus den Orden oder von Heiligen der verschiedensten Ständen, teilen sich die Laien in große spirituelle Familien von genauerer oder geringerer Gestalt auf, deren Vitalität sich mit der eigenen religiösen Vitalität eines Volkes identifiziert. Marianische Sodalen, Marientöchter, Acisten (der Kath. Aktion), Dritte Karmeliter, Franziskaner, Dominikaner, Norbertiner, Serviten, Benediktiner, Salesianer und viele andere sind nur die sichtbarsten Kristallisationspunkte dieser verschiedenen Strömungen.
In der Tat weht der Geist des hl. Ignatius, wie der des hl. Dominikus, des hl. Benedikt, des hl. Franziskus, des hl. Johannes Bosco und der übrigen Heiligen, im ganzen Christentum noch weiter und verleiht ihm eine harmonisch wunderbare Vielfalt.
Spirituelle Tatsachen haben wiederum Konsequenzen auf dem Gebiet des Apostolats. Und so sehen wir in der streitenden Kirche eine bewundernswerte Vielfalt von apostolischen Werken, die alle mit ihren eigenen Mitteln handeln, zu den Menschen eine eigene Sprache sprechen und sich explizit oder stillschweigend für die Verwirklichung der Herrschaft Jesu Christi auf Erden artikulieren.
Es musste so sein. Denn Gott erschafft die Menschen sehr unterschiedlich, mit sehr persönlichen Bedürfnissen, Bestrebungen und Wegen. Die Wahrheiten, die einen am meisten berühren, sind nicht immer diejenigen, die andere am leichtesten bewegen oder erleuchten.
So eignet sich ein schönes Bild, das aus einer seiner brillanten Reden von Hochw. Herrn Diözesanbischof, D. Antonio de Castro Mayer stammt, wir könnten die Sammlung katholischer Werke eines Landes mit einem riesigen Glockenspiel vergleichen, in dem jede Glocke ihren eigenen Klang hat, sei er tief, feierlich, kraftvoll, kristallin, heiter, jugendlich. Da sie gemeinsam klingen, kommt es zu einem harmonischen Klang des Gesamten.
Welche Rolle spielt unsere Zeitschrift Catolicismo im riesigen Glockenspiel des Apostolats in Brasilien?
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Leider ist die Veröffentlichung unserer katholischen Jahrbücher etwas verspätet. Wir besitzen noch nicht das Jahr 1954. Es ist ein Vergnügen die letzten Ausgaben zu durchblättern, denn es setzt jeden in Erstaunen beim Überblick der gemeinsam angestellten Bemühungen zur Rettung der Seelen [...] zur Rekrutierung von Berufungen, bei der Ausbildung von Seminaristen und Novizen, in der katechetischen Lehrtätigkeit, in der Primär-, Sekundär-, Berufs-, Normal- und Oberstufe der Jugend, die im weltlichen Bereich ihre Ausbildung fortsetzen, in der Organisation von Verlagshäusern, in der Verbreitung katholischer Schriften aller Formen und Größen, von den großen Zeitschriften bis zu den bescheidensten Bulletins, und im Rundfunk-Apostolat in allen Wellenlängen, von den am kleinsten lokalen Sendern bis zu den stärksten. Darüber hinaus ist es für einen apostolischen Geist unmöglich, nicht vor Freude zu zittern, wenn man bedenkt, dass es in diesem immensen kollektiven Bestreben um die Rettung und Trost von Indianern, Kranken, Armen, Waisen und Inhaftierten geht. Lassen Sie uns abschließend, ohne in diese Aufzählung alle verschiedenen Formen des Apostolats aufnehmen zu wollen, die in unserem Land ausgeübt werden, an alles erinnern, was für die Bildung und Eroberung der Laien in den unzähligen Vereinigungen der Gläubigen und für die Lösung der sozialen Frage in all seinen Aspekten getan wurde. Insgesamt stehen wir vor einer großen Säarbeit, die ihre wohltuende Wirkung auf das gesamte Staatsgebiet ausdehnt.
Was ist unser Anteil an der Zusammenarbeit bei diesem gigantischen Bauaufwand? Kniend zu Füßen des Jesuskindes, werden ihm alle zu Weihnachten ihre Gaben anbieten: Erzieher, Missionare, Redner, Bauleiter werden positive Früchte haben, die ihm angeboten werden. Während so viele ihre Händen voller Gold und Weihrauch präsentieren werden, was werden wir ihm geben?
Eine Sammlung von Zeitschriften. Was enthält diese Sammlung? Wenn jedes Wort, das eine gute Lehre enthält, wie bescheiden es auch sein mag, in den Augen der göttlichen Barmherzigkeit den Wert von Gold hat und es als Weihrauch angenehm ist, dann gibt es auf unseren Seiten sicherlich viele Weihrauch- und Goldkörner. Es gibt aber auch viel Myrrhe. Wir sind in der Tat froh, denn das Evangelium sagt uns, dass die Weisen nicht nur Gold und Weihrauch zur Krippe gebracht haben, sondern auch Myrrhe.
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Es gibt Wahrheiten, die den Menschen wie Gold beeindrucken. Es gibt andere, die so mild und duftend sind wie Weihrauch.
Myrrhe ist bescheidener. Die etymologische Wurzel dieses Wortes bezieht sich auf das Wort „mur“, was auf Arabisch „bitter“ bedeutet. Experten beschreiben Myrrhe als ein tränenförmiges, gummiartiges Harz mit einem bitteren Geschmack, aromatisch, rot, halbtransparent, zerbrechlich und glänzend. Sein Geruch ist angenehm, aber etwas durchdringend. Wie sich herausstellt, hat sie die diskrete, strenge, starke Schönheit des Blutes. Und es riecht nach Disziplin und Nüchternheit.
Wir würden sagen, dass im ideologischen Bereich die große Wahrheit, die von der Myrrhe ausgeht, ist das Prinzip des Widerspruchs, wobei Ja ja ist und Nein nein ist. Und es ist diese Myrrhe, die Brasilien sehr, sehr, sehr nötig hat.
Verwechsele man nicht das Prinzip des Widerspruchs, das die Quintessenz von Logik, Kohärenz und Objektivität darstellt, mit dem Geist des Widerspruchs. Dieser ist eine Sucht, die sich aus dem rühmenden Vergnügen ergibt, dem Nächsten zu widersprechen: Sie ist flüchtig und macht aus dem Ja, Nein und aus dem Nein, Ja, wie es der momentan willkürlich eingenommenen Position entspricht.
Wir sind ein Volk, das den Fehler seiner Eigenschaften hat. Normalerweise anfällig für alles Gute, aber leider sind wir nicht gleichzeitig gegen alles was Böse ist. Im Allgemeinen, andere Völker, wenn sie eine Wahrheit lieben, hassen sie den Irrtum, der ihr zuwiderläuft. Und umgekehrt, wenn sie den Irrtum lieben, hassen sie die Wahrheit, die ihm entgegengesetzt ist. Letztendlich erklären sich durch das Spiel dieses Prinzips große Loyalitäten wie große Apostasien. In der brasilianischen Psychologie ist expliziter und erklärter Hass auf das Wahre und Gute selten. In diesem Sinne sind wir einer der besten Völker der Welt. Aber wenn es darum geht, aus der Liebe zur Wahrheit und zum Guten eine militante Haltung gegen den Irrtum und das Böse abzuleiten, ist der Fall anders. Das liegt im Wesentlichen daran, dass das Prinzip des Widerspruchs der brasilianischen Friedfertigkeit zuwiderläuft. Ein bekannter Ausdruck drückt in der Volkssprache das Prinzip des Widerspruchs aus: „Brot, Brot; Käse, Käse” (Wenn Brot, dann Brot; wenn Käse, dann Käse). Aber in vielen Fällen verwechseln wir Brot mit Käse.
Diese Tendenz des Geistes spiegelt sich in vielen Aspekten unserer Denkweise wider. Brasilien ist eine Republik. Aber nirgendwo haben der vom Thron gestürzte Monarch und die Monarchie mehr Sehnsucht hinterlassen als hier. Wir haben uns in einer stürmischen Atmosphäre von Portugal getrennt. Doch im Vertrag, in dem die einstige Metropole unsere Unabhängigkeit anerkannte, sicherten wir dem König Don João VI. jedoch bis zum Ende seiner Tage den Titel eines brasilianischen Kaisers zu. Das gängige Bild, sozusagen das offizielle Bild von Marschall Deodoro, dem Ausrufer der Republik, zeigt seine Brust mit unzähligen Orden und Abzeichen des Kaiserreichs geschmückt, das er gerade gestürzt hat. 1930 haben wir Präsident Washington Luiz verbannt. Als das konstitutionelle Regime wiederhergestellt war, kehrte er in einer Atmosphäre von solch allgemeinem Respekt und Mitgefühl nach Brasilien zurück, dass, außer D. Pedro II., keine öffentliche Persönlichkeit mehr Einstimmigkeit und Begeisterung um sich versammelte als er. Warum wurde er dann entfernt? Aus diesen pittoresken Widersprüchen könnte man eine lange Liste machen. Und das Thema von Getúlio Vargas — immer noch zu heiß, um in einem Artikel dieser Art angesprochen zu werden — würde in dieser Hinsicht eine Fülle von Dokumentationen liefern.
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Vielleicht würde in Anbetracht dieser Überlegungen ein Leser lächeln, als wäre er in der Gegenwart eines liebenswürdigen Vernichteten. Denn es gibt nichts einfühlsameres und beruhigendes als eine solche Anhäufung von Bonhomie.
Aber lassen Sie uns dieses Thema im Bereich der Moral anwenden. Es geht darum, diese psychologische Tendenz zu analysieren, um festzustellen, ob sie mit dem Gesetz Gottes in Einklang steht. Denn nicht nur mit einem Lächeln, sondern mit Ernsthaftigkeit werden moralische Probleme gelöst.
Derjenige, der auf die Welt gekommen ist, um die Seligpreisungen zu predigen, hat uns ein Gebot hinterlassen, nach dem wir dem Prinzip des Widerspruchs treu bleiben sollen: „Es sei euer Jawort ein Ja, euer Nein ein Nein“(Mt 5, 37). Und wenn so unsere Sprache sein muss, muss dies auch unser Denken sein. In moralischen Angelegenheiten, mehr als in jeder anderen, ist jedes Übermaß ein Übel, auch wenn es sich um sympathische Eigenschaften wie Gutmütigkeit und Sanftmut handelt. Ein Übel, das unter Umständen sehr ernst werden kann.
Zum Beispiel. Trifft es aus religiöser Sicht nicht zu, dass die Dämpfung des Widerspruchsprinzips häufig zu erbärmlichen Einstellungen führt? Wie viele Katholiken glauben an einem oder mehreren Punkten an ihr Recht, mit der Kirche nicht einverstanden zu sein? Damit sündigen sie gegen den Glauben, obwohl sie sich Katholiken nennen. Warum? Einfach, weil sie sich einen „tertium genus“ vorstellen, der zwischen Katholischsein und Nichtsein möglich ist. Gleiches gilt für die Natürlichkeit, mit der wir eine Kategorie von „nicht praktizierenden“ Katholiken unter uns aufnehmen! Natürlich gibt es sie auf der ganzen Welt. Uns scheint jedoch, dass sie in keinem Land ein so geringes Bewusstsein dafür haben, was ihre Situation als kakophonisch, entgegengesetzt, mit einem Wort, widersprüchlich darstellt. Zum Schluss noch ein Beispiel. Wie viele Familien haben wir, die vorbildlich gestaltet sind? Warum machen unmoralische Moden so große Fortschritte? Dies liegt daran, dass diese Familien, die die Tugend so sehr schätzen, manchmal zu wenig streng sind in der Bekämpfung der Sucht. Was fehlt uns in all diesen Fällen? Es fehlt uns die Lebhaftigkeit des Prinzips des Widerspruchs, das von Unserem Herrn klar definiert wurde, als Er die Unvereinbarkeit zwischen „Ja“ und „Nein“ zeigte.
Dieser Artikel dehnt sich schon zu weit aus. Doch ich kann dem Wunsch, ein anderes Beispiel anzuführen, nicht widerstehen. Alle beklagen sich über die Anämie unseres parteipolitischen Lebens, unsere Trägheit in Sachen politischer Ideologie und die Dominanz persönlicher Belange in unserem öffentlichen Leben. Eine der Ursachen für diese Tatsache liegt im Fehlen des Widerspruchsprinzips. Denn wenn wir angesichts einer Idee, die wir für richtig halten, nicht argumentieren, um sie entschlossen gegen die Gegner zu verteidigen, wie kann es dann Parteien mit wirklich ideologischem Inhalt geben?
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Die Dämpfung des Widerspruchsprinzips erzeugt den Geschmack, die Manie der Zwischenlösungen, ich würde fast sagen, die Knechtschaft zu Zwischenlösungen. Zwischen zwei vorgegebenen Pfaden immer den mittleren zu wählen, der weder Fleisch noch Fisch ist: bedeutet für viele Menschen der Kern der Weisheit. Wenn nun die Ablehnung von Zwischenlösungen aus Prinzip ein Fehler ist, ist es auch falsch, sie im Prinzip zu übernehmen. Denn es gibt Fälle, in denen die Weisheit sie förmlich verurteilt: „Wärest du doch kalt oder warm; so aber, weil du lau bist und weder warm noch kalt, bin ich daran, dich auszuspeien aus meinem Mund“ (Offb 3,15).
Die Person, die nach Zwischenlösungen süchtig ist, ist das ideale Opfer aller Schurken. Denn die Fähigkeit des Schurken besteht genau darin, den Naiven mit etwas Verkleidung akzeptieren zu lassen, was er, nackt und ohne Schminke, ablehnen würde. Die Ketzer sind Macher und Verbraucher solcher Schurkenstreiche. Sie lehnten den Pelagianismus ab und erlangten durch den Semipelagianismus die Anhängerschaft unzähliger Naiver. Sie verurteilten den Arianismus und brachten den Semiarianismus in Umlauf. Nach der Zerschlagung des Protestantismus erfanden sie den Bahianismus und den Jansenismus. Der verurteilte Kommunismus und der Sozialismus fabrizieren einen „gemilderten Sozialismus“, der letztendlich nichts anderes als ein verschleierter Kommunismus ist. Und so weiter.
Dass diese Taktik in unserer Zeit besonders ausgefeilt ist, macht sich nicht mehr bemerkbar. Wir sind im Jahrhundert der Fünften Kolonnen. Und einer der geschicktesten Wege, um katholische Mittel zu untergraben, ist dies, wie die höchsten kirchlichen Autoritäten unserer Zeit sagten. Seine Eminenz Kardinal Saliège, Erzbischof von Toulouse, sagte in einer weltberühmten Erklärung, dass alles geschieht, als gäbe es eine artikulierte Aktion, um „innerhalb des Katholizismus eine Bewegung zur Aufnahme des Kommunismus vorzubereiten“ (vgl. CATOLICISMO, Nr. 37, Januar 1954, Seite 8).
Und deshalb ist für Brasilien in dieser Zeit nichts gefährlicher als die Dämpfung des Widerspruchsprinzips. Und nichts anderes als daran zu arbeiten, dass dieses Prinzip in unserem Land mehr Kraft, mehr Farbe, mehr Effizienz in allen Bereichen des geistigen Lebens erfordert.
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Ich weiß nicht, ob ein nicht-brasilianischer Leser dieses ganze Problem gut verstehen wird. Ich bezweifle sehr. Für einen Brasilianer ist dies jedoch viel verständlicher. Und es ist vor allem für Dich verständlich, Herr Jesus, der Du in einer rustikalen Wiege ruhst, die Tiefen der Seelen und Herzen erforschst. Für dich, der du die ungeschaffene Weisheit bist und aus der geboren bist, die der Sitz der Weisheit ist, Du kennst die Eigenart eines jeden Volkes, Du liebst sie alle, und alle willst Du sie heiligen. Von Ewigkeit her, hast Du das brasilianische Volk so sehr geliebt und zu einer Größe vorbestimmt, die die Geschichte von morgen füllen wird.
Unsere Arbeit besteht hauptsächlich aus Myrrhe. Eine Zeitschrift für militante und praktizierende Katholiken, möchten wir, dass sie Dich ohne jede andere Liebe lieben. Lass sie nur einem Herrn dienen. Möge jeder in seinem Herzen eine Stadt ohne Teilung sein, gegen die der Feind nichts kann. Dass sie nicht zurückblicken, während sie den Pflug führen, und dass sie in ihrem Eifer, zu säen, nicht vergessen, das Unkraut auszureißen.
In gewisser Weise sind militante und praktizierende Katholiken selbst Salz der Erde und Licht der Welt. Teilweise hängt es von ihrer Zusammenarbeit ab, dass die Welt sich nicht korrumpiert oder in Finsternis verfällt. Wir wollen, dass sie ein sehr, sehr salziges Salz seien, ein Licht hoch auf dem Berg und sehr hellglänzend. In diesem Sinne, Herr, ist unsere Zusammenarbeit. Dies ist das Weihnachtsgeschenk, das wir das ganze Jahr über gesammelt haben, um es Dir darzubieten. Andere werden Dir den Weihrauch ihrer unzähligen Werke geben, die zu einem nicht zu unterschätzenden Guten fähig sind. Wir fügen uns ein in dieser großartigen Arbeit, in dem wir auf dem geliebten Boden Brasiliens die strenge, aber duftende Myrrhe des „Ja, ja; Nein, nein” in großen Mengen verbrennen.
Möge Maria, die Allerheiligste, diese Myrrhe in ihre unaussprechlich heiligen Hände nehmen und sie Dir anbieten. Sie wird dann für Dich den Charme des Goldes und des Weihrauchs haben, mit einem Zusatz: und dies wird aus dem Schweiß, dem Blut der Seele und den Tränen eines Apostolats kommen, das seine sehr bitteren Stunden hat ... Aber am Kreuz ist das Licht, und in dieser Bitterkeit das Beste aus der Freude und Schönheit unseres Apostolats.

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer in
Catolicismo Nr. 60 – Dezember 1955
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