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Mittwoch, 8. Juli 2020

Die Kirche und die christliche Kultur


von Plinio Correa de Oliveira
Es wäre eine arge Täuschung zu meinen, die Erziehungsarbeit der Kirche sei nur individuell und auf die Heranbildung christlicher Persönlichkeiten gerichtet, nicht aber auf Völker, Zivilisationen und Kulturen.
In Wirklichkeit hat Gott den Menschen als soziales Wesen geschaffen und ihn dazu bestimmt, in Gemeinschaft mit anderen an der gegenseitigen Heiligung zu arbeiten. Deshalb machte er ihn auch beeinflussbar. Wir spüren alle durch den Geselligkeitstrieb in uns die Neigung, unsere Ideen in gewissem Masse anderen mitzuteilen und Anregungen von ihnen zu bekommen. Das gilt für die Beziehungen von Mensch wie für die vom einzelnen zur Gesellschaft. Die Umwelt, die Gesetze und Institutionen, in denen wir leben, üben ihren Einfluss auf uns aus, haben eine pädagogische Wirkung auf uns.
Diesem Milieu und seiner Denkweise, die den Manschen durchdringt wie durch Osmose und wie durch die Haut, sich notfalls völlig zu entziehen, ist das Werk einer hohen und schwierigen Tugend. Die ersten Christen sind so dadurch, daß sie ihre katholische Überzeugung trotz der heidnischen Umgebung, in der sie lebten, vollständig bewahrten, nicht weniger zu bewundern als in dem Moment, wo sie den wilden Tieren im Kolosseum gegenübertraten.
So bilden die Kultur und Zivilisation eines Volkes wichtige Mittel, um auf die innere Haltung der Menschen Einfluss zu nehmen. Sind die Lebens - und Gesellschaftsform heidnisch, so tragen sie bei zum Zusammenbruch der Seelen, sie dienen zu ihrer Rettung, wenn sie katholisch sind.
Die Kirche kann also nicht uninteressiert daran sein, eine christliche Kultur hervorzubringen und sich damit begnügen, nur individuell Seelen zu betreuen.
Dennoch ist auch dies sehr wichtig, denn jede Seele ist durch die Einwirkung der Kirche, der sie bereitwillig Folge leistet, ein Licht oder ein Samenkorn dieser Kultur, deren Verbreitung und Förderung sie aktiv und energisch dient. Die Tugend leuchtet nicht nur selbst, sondern entzündet ihr Licht auch in anderen Menschen. Sie wirkt ansteckend, breitet sich aus und tendiert zu ihrer eigenen Umwandlung von der vorbildlichen Haltung des einzelnen über die Gesittung der Gesellschaft zu einer von katholischem Geist getragenen Kultur und Zivilisation.
Wie wir sehen, ist es eine Eigenheit der Kirche, eine christliche Lebens- und Gesellschaftsform hervorzubringen. Sie will ihre Früchte in einer sozialen Atmosphäre austeilen, die ganz und gar katholisch ist. Der Katholik muss nach einer katholischen Kultur streben, wie ein Mensch, in verschlossenem Keller sich nach Luft und Sonne sehnt und der gefangene Vogel nach freier Bewegung im Himmelsraum verlangt.
Das ist unser Endziel, unser großes Ideal. Wir gehen einer katholischen Kultur entgegen, die aus dem Materialismus der heutigen Welt erstehen kann, wie aus der Übersättigung und Zerfall der römischen Welt die mittelalterliche Kultur hervorging. Wir schreiten der Eroberung dieses Ideals entgegen mit Mut und Ausdauer, entschlossen, allen Hindernissen entgegenzutreten, sie alle zu besiegen, so wie die Kreuzritter nach Jerusalem gezogen sind. Denn wenn unsere Vorfahren zu sterben wussten, um das Grab Christi zu erobern, wie wollen nicht wir, Kinder der Kirche wie sie, kämpfen und sterben, um das zu restaurieren, was unendlich mehr wert ist als das kostbare heilige Grab des Heilandes, nämlich seine Herrschaft über die Seelen und Gesellschaften, die er geschaffen und errettet hat, damit sie ihn ewig lieben?

Übersetzt ins Deutsche aus dem Portugiesischen "A Cruzada do século XX" („Der Kreuzzug des 20. Jahrhunderts“) in Catolicismo, Januar 1951
© Nachdruck der deutschen Fassung ist nur mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Samstag, 2. Mai 2020

Vom Schwert Karls des Großen zu Stalins Hammer und Sichel



Die seltsame Allianz zwischen der schismatischen Kirche und dem bolschewistischen Staat
Die höchste Funktion des Staates als repräsentatives Organ der Zivilgesellschaft in seiner Einheit besteht darin, Gott im Namen derselben Gesellschaft einen öffentlichen Kult zu leisten. Die Erfüllung von Privatpersonen ihrer religiösen Pflichten aufgrund der Tatsache, dass es sich nicht um einen Akt der Gesellschaft als solchen handelt, befreit den Staat nicht von dieser Funktion.
Der Staat wird keine Schwierigkeiten haben zu erkennen, dass er einen so edlen Auftrag hat, wenn er versteht, dass die Gesellschaft in ihren wichtigsten Existenzbedingungen von Gott abhängt. Daher die Absurdität des Laienstaates, insbesondere in katholischen Ländern.
Nicht jeder, der sagt: Herr! Herr!
Es reicht jedoch nicht aus, dass der Staat eine vage Göttliche Vorsehung anerkennt, wie es Hitler in fast allen seinen Reden sakrilegisch getan hat.
Wenn der Staat auch akzeptiert - und wie einfach das sein sollte, zumindest in katholischen Ländern! - dass Jesus Christus der menschgewordene wahre Gott ist, wird er keine Schwierigkeiten haben zu erkennen, dass es die von Ihm gegründete heilige katholische Kirche ist, der er diesen öffentlichen Kult durch seine offiziellen Körperschaften leisten muss.
Es ist auch die Aufgabe des Staates, die wahre Religion zu schützen und ihre guten Aktivitäten zu fördern, so dass sie völlig unabhängig bleibt.
In der Tat, sagte der Heilige Anselm von Canterbury, war der größte Schatz, den Unser Herr auf Erden hinterlassen hat, die Freiheit seiner Kirche.
Die Umkehrung der Leiter Jakobs
Auf diese Weise wäre der Staat eine Art Jacobsleiter, die den Aufstieg der Zivilgesellschaft erleichtern und dem Einzelnen helfen soll, das wahre Glück, die ewige Glückseligkeit, zu erlangen.
Es ist die Karikatur davon, was wir heute in Sowjetrussland sehen. Tatsächlich initiierte der Staat dort eine Politik zum Schutz der... schismatischen Kirche. Ein atheistischer und materialistischer Staat, der eine falsche Kirche schützt, könnte man als umgekehrte Jakobsleiter nennen, das heißt, die die Zivilgesellschaft zum Reich der Fürsten der Finsternis führt.
Anfang dieses Jahres haben wir gesehen, wie der Moskauer „Patriarch“, begleitet von „Archimandrit“ Ivan, seine Stimme bei der „Wahl“ in die Wahlurne abgegeben hat, was erneut die totalitäre Einstimmigkeit zeigte, die den Genossen Stalin an der Macht bestätigte. Der „Patriarch“ führte nicht nur den schismatischen Klerus bei dieser als Wahl bezeichneten Aufgabe an, sondern eine Reihe von Elementen desselben Klerus wurden in die beiden Kammern des Obersten Sowjets „gewählt“.
Religiöse Unterwürfigkeit der Heidenstaaten
In heidnischen Staaten ist Religion nicht der zivilen Macht verbunden, sondern sie identifiziert sich mit der zivilen Macht. Cäsar war nicht nur das Staatsoberhaupt, sondern weil er das Staatsoberhaupt war, vereinte er auch die Funktionen des Höchsten Priesters der heidnischen Religion. Religion war nur ein Instrument in den Händen des Staates.
Das sehen wir bei den letzten Wahlen im Sowjetstaat. Schismatische „Bischöfe“ werden zu offiziellen Zeremonien eingeladen und erhalten privilegierte Plätze. Der „Patriarch“ sitzt zwischen den Marschällen und den Kommissaren des Volkes (die nicht mehr als Kommissare des Volkes, sondern als Minister bezeichnet werden). Die kommunistische Zeitung „Isvestia“ veröffentlicht die Hirtenbriefe dieser schismatischen Hierarchie, die sich nicht gegen Sünde und moralische Übel, nicht gegen religiösen Irrtum und Gottlosigkeit, sondern gegen antikommunistische Propaganda richten und den Teufel und sein Gepränge nicht denunzieren, sondern die „Reaktionäre“, die die sozialistischen Prinzipien nicht akzeptieren. Diese pastoralen Dokumente sorgen sich eher um Stalins Reich als um das Himmelreich.
Die Schismatiker halten Schritt mit dem Bolschewismus
Der „Sobor“, der im vergangenen Jahr den neuen „Patriarchen“ wählte, schmiedete auch eine neue kirchliche Verfassung, die die russische schismatische Kirche dazu bringen sollte, mit den Forderungen des bolschewistischen Staates Schritt zu halten. Die „Bischöfe“ und „Priester“ werden von der Zivilmacht ernannt. Der „Patriarch“ erhält die „Empfehlung“ von einem der schismatischen Kirche zugestellten hochrangigen Staatsbeamten, eine Position, die derzeit von Genosse Karpov besetzt wird, wobei die anderen „Bischöfe“ ebenfalls einen offiziellen Staatsberater für ihre Diözesen haben. Die schismatische Kirche hängt sowohl finanziell als auch physisch vollständig vom Staat ab, und alle religiösen Zeremonien enden mit einem Gebet nach den Meinungen Stalins als „des von Gott für unsere christliche Gemeinschaft erwähltes Oberhaupt“.
Ein Teil des staatlichen Getriebes
Kurz gesagt, die russische schismatische Kirche ist ein wesentlicher Bestandteil des riesigen bolschewistischen Staates geworden. Und dieser religiösen Einrichtung, die einem heidnischen Staat versklavt ist, führt man an, dass sich angeblich etwa vier Millionen russische Katholiken angeschlossen haben, wenn tatsächlich die Sowjetregierung sich dieser selben Einrichtung benutzt, um die katholische Religion in den besetzten Regionen zu verfolgen.
Ein Beweis für den Widerstand der ruthenischen Katholiken und anderer Regionen Osteuropas findet sich in der hohen Zahl derer, die das Martyrium und die Schrecken der sowjetischen Konzentrationslager der Apostasie vorgezogen haben.
* * *
Aus diesem Grund haben die antichristlichen Kräfte den Laienstaat in katholischen Ländern eingeführt, aber befürworten und fördern die Vereinigung und sogar die
Verschmelzung von Kirche und Staat, wenn es um Abtrünnige und Schismatiker geht. Dieselben Kräfte wissen genau, dass eine solche Vereinigung nur dazu dient, die Fragmente des christlichen Geistes zu zerstören, die immer noch bestehen unter den unglücklichen Völkern, die Opfer religiöser Irrtümer sind, und die wahren Gläubigen zu kontaminieren, die zufällig in diesen Bereichen noch existieren.
Es ist das Bündnis von Cäsar und Synedrium.


Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer in
Legionário – 4. August 1946 Nr. 730 S. 1-2
© Nachdruck der deutschen Fassung ist nur mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Erster Meilenstein in Richtung eines gegenrevolutionären Aufbruchs

Am 11. Februar (1958) jährt sich zum hundertsten Mal die erste Erscheinung der Muttergottes in Lourdes. In der Einfachheit seiner Grundlinien kennt wohl jeder dieses Ereignis. 1854 hatte der große Papst Pius IX. in der Bulle „Ineffabilis“ das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet. Vom 11. Februar bis zum 16. Juli 1858 erschien die Gottesmutter in Lourdes achtzehn Mal einem Mädchen aus dem Volke, Bernardette Soubirous, und erklärte ihr, sie sei die Unbefleckte Empfängnis. Damit nahmen die Wunder ihren Anfang. Und das staunenswerte Ereignis von Lourdes begann vor den Augen der ganzen Welt zu strahlen, bis auf den heutigen Tag. Das Wunder als eine Bestätigung des Dogmas, das war in wenigen Worten der Zusammenhang zwischen dem Ereignis des Jahres 1854 und dem des Jahres 1858.

19. Jahrhundert: ähnliche Probleme wie in unseren Tagen

Was aber dem großen Publikum weniger bekannt ist, ist die Zusammenhang zwischen diesen beiden großen Ereignissen und den Problemen der Mitte des 19. Jahrhunderts, die bezüglich den Problemen unserer Zeit sehr verschieden und doch sehr, sehr ähnlich sind.
Mit der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis löste Papst Pius IX. auf der ganzen zivilisierten Welt ungleichen und tiefgehenden Widerhall aus.
Auf der einen Seite rief die Definition des Dogmas in einem großen Teil der Gläubigen eine außerordentliche Begeisterung hervor. Zu sehen, wie sich der Stellvertreter Christi in der Fülle und Majestät seiner Macht erhebt, um mitten im 19. Jahrhundert ein Dogma zu verkünden, bedeutete, mitzuerleben, wie eine wundervoll erhabene und kühne Herausforderung gegenüber dem triumphierenden Skeptizismus gesetzt wurde, der damals schon das Innerste der abendländischen Kultur zerfraß.

Der Liberalismus, die Plage des 19. Jahrhunderts

Darüber hinaus handelte es sich um ein Mariendogma. Nun tendiert aber gerade der Liberalismus, eine weitere Plage des 19. Jahrhunderts, naturgemäß zum Interkonfessionalismus, zur Beteuerung all dessen, was den verschiedenen Religionen gemeinsam ist (was im Grunde einem vagen Deismus gleichkommt), und zu einer Geringschätzung oder gar zu einer formellen Ablehnung all dessen, was sie trennt. So war also die Verkündigung des neuen marianischen Dogmas - wie es vor kurzem die Definition der Aufnahme Mariens in den Himmel für einige Kreise gewesen war - für die heimlichen oder erklärten Interkonfessionalisten von 1854 eine ernste, unerwartete Barriere für die Durchführung ihrer Absichten.

Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis war ein tiefer Schock für den egalitären Geist der Revolution



Mehr noch, das neue Dogma als solches bedeutete für den wesentlich egalitären Geist der Revolution, der seit 1789 auf despotische Weise das Abendland beherrschte, einen tiefen Schock. Mitanzusehen wie ein einfaches Geschöpf so hoch über alle anderen Kreaturen erhoben wird, Kraft eines unschätzbaren Privilegs, dass ihm im ersten Augenblick seines Daseins gewährt wurde, musste und muss den Kindern der Revolution, die die absolute Gleichheit unter den Menschen als Prinzip aller Ordnung, aller Gerechtigkeit und alles Guten verkündeten, weh tun. Den Nichtkatholiken und den von dem Geist der Revolution 1789 mehr oder weniger angesteckten Katholiken war es eine schmerzliche Erfahrung, hinnehmen zu müssen, dass Gott ein so deutliches Element der Ungleichheit an derart hervorgehobener Stelle in seine Schöpfung eingefügt hat.
Schließlich ist die Natur selbst dieses Privilegs den liberalen Geistern unsympathisch. Wenn jemand die Erbsünde mit all ihren Folgen seelischer Unordnung und Erbärmlichkeit des Leibes in Kauf nimmt, muss er auch zugeben, dass der Mensch eine Autorität über sich braucht, der er sich zu unterordnen hat. Nun bedeutete aber gerade die Definition der Unbefleckten Empfängnis diesbezüglich eine implizite Bestätigung der kirchlichen Lehre.

Die unbefleckte Jungfrau hat der Schlange den Kopf zertreten
  
Wenn dies auch schon viel bedeutet, so liegt jedoch nicht nur darin das, was wir das Salz des glorreichen Ereignisses der Dogmafestlegung zu nennen wagen. Es ist unmöglich uns der unbefleckten Jungfrau zu erinnern, ohne gleichzeitig an die Schlange zu denken, deren Kopf sie triumphierend und endgültig mit der Ferse zertreten hat. Der Geist der Revolution ist der Geist des Teufels selbst, und für einen gläubigen Menschen wäre es unmöglich, nicht wahrzunehmen, welch entscheidender Anteil dem Teufel in der Erscheinung und Ausbreitung der Irrtümer der Revolution von der religiösen Katastrophe des 16. Jahrhunderts bis zur politischen Katastrophe des 18. Jahrhunderts und allem, was ihr noch folgen sollte, zukommt. So ist der Triumph ihrer größten, unveränderlichen, unnachgiebigen Feindin bestätigt zu sehen, bedeutete für die Mächte der Finsternis die schrecklichste Demütigung. So erklärt sich das Konzert aus menschlichen Stimmen und satanischem Brüllen, das sich in der ganzen Welt wie ein ungeheures, stürmisches Gewitter erhob. Mitanzusehen, wie sich gegen diese Sturm unsagbarer Leidenschaften, drohenden Hasses, rasender Verzweiflung allein die furchtlose, majestätische Gestalt des Stellvertreters Christi, bar jeglicher irdischen Mittel, nur im Vertrauen auf die Hilfe des Himmels erhob, war für die wahren Katholiken eine Quelle des Jubels, der dem glich, den die Apostel verspürten, als sie im Sturm, der sich auf dem See Genesareth erhoben hatte, die göttlich mannhafte Gestalt des Heilands auftauchen sahen, wie er souverän den Winden und den Wassern Einhalt gebot: "Venti et mare oboediunt ei." (Mat. 8, 27).

Der Anfang vom Ende der Revolution

So wie sich alle Generäle und Gouverneure des Römischen Reiches von den Hunnen besiegen ließen oder die Flucht ergriffen, so waren auch die Unzähligen, die in der weltlichen Gesellschaft die Kirche und die christliche Zivilisation hätten verteidigen sollen, von der Revolution besiegt oder auf der Flucht vor ihr.
In dieser Lage war es Pius IX. voll edler, feierlicher Dramatik wie damals der hl. Leo der Große, der als einziger dem Feind entgegentrat und ihn zum Rückzug zwang.
Rückzug? Es scheint ein gewagter Ausdruck. Und doch ist er angebracht. Ab 1854 begann die Revolution ihre großen Niederlagen zu erleiden.
Es ist richtig, dass dem Anschein nach und auch in Wirklichkeit ihre Herrschaft sich über die Erde weiterentwickelte. Die Gleichmacherei, die Sinnlichkeit, der Skeptizismus errangen zusehends radikalere, weitergehende Siege. Es war jedoch etwas Neues aufgetaucht. Und dieses Neue beginnt nun trotz seines bescheidenen, unscheinbaren, unbedeutenden Aussehens, unaufhaltbar zu wachsen und wird schließlich die Revolution zerschlagen.

Die Kirche ist der Mittelpunkt der Geschichte

Um diesen grundlegenden Punkt zu begreifen, muss man die Rolle der Kirche in der Geschichte und die Rolle der Verehrung der heiligen Jungfrau Maria in der Kirche vor Augen haben.
Nach Gottes Plan ist die Kirche der Mittelpunkt der Geschichte. Sie ist die mystische Braut Christi, die er mit einziger, vollkommener Liebe liebt, und der er alle Geschöpfe unterordnen wollte. Selbstverständlich wird der Bräutigam seine Braut nie verlassen und stets eifrig um ihre Glorie bemüht sein.
Solange also das menschliche Element treu zu Christus hält, braucht die Kirche nichts zu fürchten. Selbst die größten Verfolgungen gereichen ihr zum Ruhm. Und selbst außerordentliche Ehren und Wohlstand werden im treuen Volke nicht das Pflichtbewusstsein und die Liebe zum Kreuz erlahmen lassen. Dies ist zur geistlichen Ebene zu sagen.
Wenn die Menschen auch auf der weltlichen Ebene ihre Seele dem Einfluss der Kirche öffnen, steht ihnen der Weg zu allem Wohlstand und aller Größe offen. Wenn sie sich aber ihrem Einfluss entziehen, begeben sie sich auf den Pfad aller Katastrophen und Greuel. Für ein Volk, das einmal zum Schoße der Kirche gehörte, gibt es nur eine normale Ordnung der Dinge: die christliche Zivilisation. Und das Lebensprinzip dieser über allen anderen stehende Zivilisation ist die katholische Religion.

Die Bedingungen für die Blüte der Kirche

Für die Kirche wiederum gibt es drei für ihre Blüte wesentliche Bedingungen, die alle anderen weit übertreffen. Ich habe schon oft von ihnen gesprochen, aber man kann nie genug auf ihnen bestehen.
Vor allen und über allen steht die eucharistische Frömmigkeit. Unser Herr, gegenwärtig im allerheiligsten Sakrament, ist die Sonne der Kirche. Von ihm kommen uns alle Gnaden zu. Doch diese Gnaden müssen durch Maria gehen. Denn sie ist die universale Mittlerin, über die wir zu Christus gelangen und Christus zu uns kommt. Die hingebungsvolle, aufgeklärte, kindliche Verehrung Marias ist also die zweite Voraussetzung für das Aufblühen der Tugend. Da Christus im Allerheiligsten Sakrament zugegen ist, aber nicht mit uns spricht, hören wir seine Stimme durch den Heiligen Vater. Daher ist der Fügsamkeit gegenüber dem Papst die rechte, logische Frucht der Verehrung der heiligen Eucharistie und der Gottesmutter.
Wenn also diese drei Andachten blühen, wird die Kirche über kurz oder lang triumphieren. Und, a contrario sensu, wenn sie abnehmen, wird über kurz oder lang auch die christliche Zivilisation zerfallen.

Die Unbefleckte Empfängnis

Seit längerem grassierte bereits in katholischen Kreisen in Europa und Amerika eine wahre Lepra, der Jansenismus. Dieser Häresie ging es gerade darum, die Kirche dadurch zu schwächen, dass sie die Andacht zum Allerheiligsten mit dem Anschein eines falschen Respekts untergrub. Sie verunsicherten die Menschen, die sich dem Tisch des Herrn nähern wollten, mit derart strengen Forderungen, dass leider eine sehr große Anzahl von Menschen, die sich durch sie beeinflussen ließen, praktisch nicht mehr die heilige Kommunion empfingen. Auf der andere~ Seite schürte der Jansenismus eine nachhaltige Kampagne gegen die Marienverehrung, da sie angeblich von Christus weg statt zu ihm führte. Schließlich kämpfte diese Häresie auch beständig gegen das Papsttum und besonders gegen die Unfehlbarkeit des Stellvertreters Christi.
Die Festschreibung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis war der erste große Rückschlag, den dieser innere Feind erfuhr. Denn mit dem Dogma bildete sich ein unermesslicher Strom marianischer Frömmigkeit, der immer weiter anwächst.
Um zu beweisen, dass uns alles durch Maria zukommt, war es der Wille der Göttlichen Vorsehung, dass der erste große Triumph ein marianischer sei.

Lourdes, die dröhnende Bestätigung des Dogmas

Um seine Mutter aber noch mehr zu glorifizieren, hat Unser Herr Jesus Christus noch mehr getan. In Lourdes hat er zur dröhnenden Bestätigung des Dogmas etwas bis dahin nie Gesehenes vollbracht. Er führte sozusagen das ständige, immerwährende Wunder in der Welt ein. Bisher hatte es sporadische Wunder in der Kirche gegeben. In Lourdes aber geschehen die wissenschaftlich beglaubigsten und belegtermaßen übernatürlichen Heilungen seit hundert Jahren in einem wahrhaft ununterbrochenen Strahl vor den Augen einer konfusen, verwirrten Welt.

Die Unfehlbarkeit des Papstes

Von dieser Glaubensglut, die sich an der Festlegung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis entzündet hatte, ging wie ein Feuer ein ungeheurer Drang aus, dem sich die besten, die gelehrtesten, die gebildetsten Söhne der Kirche anschlossen: der Wunsch nach Ausrufung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes. Mehr als alle strebte danach der große Pius IX. Die Definition dieses Dogmas rief auf der Welt eine neue Welle der Papstverehrung hervor, die für die Gottlosen eine weitere Niederlage bedeutete.

Die heilige Eucharistie

Mit dem Pontifikat des heiligen Pius X. kam dann die Einladung an die Gläubigen, häufig, ja sogar täglich die heilige Kommunion zu empfangen und auch die Kinder zur Kommunion zu führen. Damit begann in der ganzen Kirche das glänzende Zeitalter der großen eucharistischen Triumphe.
Für die jansenistische Irrlehre war damit in katholischen Kreisen kein Raum mehr. Das Aufkommen des Modernismus und später des Neomodernimus konnte die großen Siege der Kirche gegen ihre inneren Feinde nicht mehr rückgängig machen.

Der Feind, stärker als je zuvor

„Aber, so könnte man fragen, was hat sich daraus [aus dem Dogma der Unbefleckten Empfängnis, das durch die Erscheinung in Lourdes ratifiziert wurde] für den Kampf der Kirche gegen ihren äußeren Widersachern ergeben? Könnte man nicht sagen, dass der Feind stärker ist als je zuvor und dass wir uns jenem Zeitalter nähern, von dem die Aufklärung vor so vielen Jahrhunderten geträumt hat, dem rohen und integralen wissenschaftlichen Naturalismus, beherrscht von einer materialistischen Technik; der heftig egalitären Weltrepublik, von mehr oder weniger philanthropischer und humanitärer Inspiration, aus deren Umgebung alle Überreste einer übernatürlichen Religion weggefegt werden? Ist das nicht Kommunismus, ist das nicht das gefährliche Abgleiten der westlichen Gesellschaft selbst, die angeblich antikommunistisch ist, aber im Grunde auch auf die Verwirklichung dieses „Ideals“ zusteuert?


Die ganze Welt stöhnt in Dunkelheit und Schmerz

„Ja. Und die Nähe dieser Gefahr ist noch größer, als allgemein angenommen wird. Aber niemand beachtet eine Tatsache von primärer Bedeutung. Es ist, dass die Welt, während sie für die Verwirklichung dieses finsteren Plans modelliert wird, von einem tiefen, immensen, unbeschreiblichen Unbehagen ergriffen wird. Es ist ein Unbehagen, das oft unbewusst, vage und undefiniert ist, selbst wenn es bewusst ist, das aber niemand zu bestreiten wagen würde. Man würde sagen, dass die ganze Menschheit Gewalt erleidet, dass sie in eine Form gebracht wird, die ihrer Natur nicht entspricht, und dass sich alle ihre gesunden Fasern winden und wehren. Es gibt eine immense Sehnsucht nach etwas anderem, von dem wir noch nicht wissen, was es ist. Aber schließlich, eine Tatsache, die vielleicht neu ist, seit der Niedergang der christlichen Zivilisation im fünfzehnten Jahrhundert begann, stöhnt die ganze Welt in Finsternis und Schmerz, genau wie der verlorene Sohn, als er zum Letzten der Schande und des Elends kam, weit weg vom väterlichen Heim. In dem Moment, in dem die Ungerechtigkeit zu triumphieren scheint, gibt es etwas Frustrierendes in ihrem scheinbaren Sieg.

„Die Erfahrung zeigt uns, dass aus solchen Unzufriedenheiten die großen Überraschungen der Geschichte geboren werden. Wenn die Windungen zunehmen, verschärft sich das Unbehagen. Wer kann schon sagen, was für großartige Überraschungen daraus entstehen werden?

Am äußersten Ende der Sünde und des Schmerzes schlägt oft für den Sünder die Stunde der Barmherzigkeit ...

„Nun, dieses gesunde und vielversprechende Unbehagen ist meiner Ansicht nach eine Frucht der Auferstehung der katholischen Faser mit den großen Ereignissen, die ich oben aufgezählt habe, eine Auferstehung, die auf das, was vom Leben und der Vernunft in allen Bereichen der Kultur in der Welt übrig geblieben ist, positiv eingewirkt hat.

Die große Bekehrung

Es war sicher ein großer Augenblick im Leben des verlorenen Sohnes, als ein neuer Schimmer von Klarheit seinen vom Laster getrübten Geist erhellte, und sein Wille durch die Betrachtung des Elends, in das er gefallen war, und der Widerlichkeit all der Fehler, die ihn aus dem Vaterhause getrieben hatten, neue Kraft schöpfte. Von der Gnade berührt, stand er nun mit mehr Klarsicht als je zuvor vor der großen Entscheidung. Er konnte bereuen und zurückkehren, oder er konnte im Irrtum verharren und das tragischste Ende seiner Folgen auf sich nehmen. Alles, was ihm eine rechte Erziehung an Gutem eingepflanzt hatte, stand in diesem glücklichen Augenblick wieder wunderbar in ihm auf, während die Tyrannei der schlechten Gewohnheiten sich gleichzeitig vielleicht schrecklicher als je zuvor in ihm aufbäumte. In seinem Innern wurde eine Schlacht geschlagen. Er hat sich für das Gute entschieden. Das Ende der Geschichte kennen wir aus dem Evangelium.
Nähern wir uns nicht diesem Augenblick? Werden all die Gnaden, die dieser neue Aufschwung an Verehrung der Heiligen Eucharistie, der Jungfrau Maria und des Papstes für die Menschheit angehäuft hat, nicht ausgerechnet in den tragischen Momenten einer apokalyptischen Krise, die unabwendbar scheint, zur großen Bekehrung führen?

Die Lehre von Lourdes

Gott allein kennt die Zukunft. Aber uns Menschen ist es erlaubt nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit unsere Vermutungen über die Zukunft anzustellen.
Wir leben in einer Stunde schrecklicher Strafen. Aber diese Stunde kann auch zu einer wunderbaren Stunde der Barmherzigkeit werden. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir auf Maria, den Meeresstern, schauen, der uns inmitten der Stürme leitet.
Während Hundert Jahre hat uns die Gottesmutter aus Mitleid mit der sündigen Menschheit die erstaunlichsten Wunder erwirkt. Ist ihre Barmherzigkeit vielleicht erschöpft? Ist das Mitleid einer Mutter, der besten aller Mütter, am Ende? Wer würde es wagen, dies zu behaupten? Wenn jemand zweifeln sollte, würde ihm Lourdes als wunderbare Lektion des Vertrauens dienen. Die Gottesmutter wird uns zu Hilfe kommen.

Lourdes und Fatima

Sie wird uns zu Hilfe kommen. Dieser Behauptung ist teils richtig und teils falsch. Denn in Wirklichkeit hat sie bereits begonnen, uns zu Hilfe zu kommen. Auf die Definition der Dogmen von der Unbefleckten Empfängnis und der Unfehlbarkeit des Papstes sowie auf die Erneuerung der eucharistischen Frömmigkeit sind in den Pontifikaten, die auf Pius X. folgten, neue marianische Ereignisse gefolgt. Unter Benedikt XV. erschien Maria in Fatima. Genau an dem Tag, an dem Pius XII. zum Bischof geweiht wurde, am 13. Mai 1917, fand die erste Erscheinung statt. Unter Pius XI. verbreitete sich die Botschaft von Fatima sachte und sicher über die ganze Erde. Zum 75. Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes ließ der Papst ein ungewöhnlich festliches Jubiläum feiern, zu dem er den damaligen Kardinal Pacelli als seinen Vertreter bei den Feierlichkeiten entsandte. Das Pontifikat Pius XII. hat sich durch die Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Mariens in den Himmel und die Krönung der Gottesmutter zur Königin der Welt verewigt. Bei dieser Gelegenheit krönte Kardinal Masella im Namen des Papstes die Statue der allerseligsten Jungfrau in Fatima.
Viele weitere Lichter bilden ein glänzendes Band, das von der Grotte von Massabielle zur Iria-Mulde führt.

Die Herrschaft des unbefleckten Herzens Mariens



Der vorliegende Artikel macht in Fatima halt. In ihren Erscheinungen hat die Gottesmutter die Alternative vorgezeichnet. Entweder wir bekehren uns, oder es erwartet uns eine schreckliche Strafe. Am Ende aber wird die Herrschaft ihres Unbefleckten Herzens errichtet.
Mit anderen Worten, das Herz Mariens wird auf jeden Fall triumphieren, ob es nun die Menschen mehr oder weniger Schmerzen kosten mag.
Dies aber besagt schließlich, dass nach der Botschaft von Fatima die Tage der Herrschaft des Bösen gezählt sind. Die Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis war der Anfang einer Reihe von Ereignissen, die zum Reich Mariens führen werden.

Freie Übersetzung aus „Catolicismo“ Nr. 86, Februar 1958

Sonntag, 3. März 2019

Leiden Christi, Leiden der Kirche



„Rom“, so schrieb zu Anfang des Jahrhunderts einer der Anführer des Modernismus, „ist nicht an einem einzigen Tag zu zerstören, dennoch aber ist dafür Sorge zu tragen, dass es schrittweise und gefahrlos in Staub und Asche zerfällt; dann werden wir eine neue Religion und neue Gebotstafeln haben.“[1] Wie sollte man in all dem, was danach geschehen ist, nicht den Versuch sehen, diese finstere „Weissagung“ Wirklichkeit werden zu lassen?
Plinio Corrêa de Oliveira hat diesen Zerstörungsprozess in der Kirche wahrgenommen, hat schwer an ihm gelitten und all seine Kräfte darangesetzt, ihn zu bekämpfen, dabei war er jedoch immer fest davon überzeugt, dass es außerhalb der Einheit mit dem Papsttum keine Rettung geben kann. „Äußerste Empfindsamkeit, feinfühlige und lebendige Vibrierfähigkeit der Gläubigen für alles, was die Sicherheit, den Glanz und die Ruhe des römischen Papstes angeht, sind ein Zeichen von und eine Bedingung für geistige Kraft. Nach der Gottesliebe ist dies die höchste Liebe, die uns die Religion lehrt. (...) Ubi Petrus, ibi Ecclesia – wo der heilige Petrus ist, da ist die Kirche. So eng ist die katholische Kirche an den Stuhl Petri gebunden, dass es da, wo die Zustimmung des Papstes fehlt, keinen Katholizismus gibt. Der wahre Gläubige weiß, dass der Papst die ganze katholische Kirche in sich zusammenfasst und enthält, und zwar auf so reelle und unauflösliche Weise, dass selbst unter der absurden Annahme, alle Bischöfe der Erde, alle Priester und alle Gläubigen würden dem Papst den Rücken kehren, die wahren Katholiken sich doch um ihn scharen würden. Denn alles, was es in der Kirche an Heiligkeit, Autorität, übernatürlicher Tugend gibt, all dies, aber wirklich alles ohne Ausnahme oder Bedingung, ohne Einschränkung, ist dem Stuhl Petri untergeordnet, von ihm bedingt, abhängig von der Einheit mit ihm. Die heiligsten Traditionen, die vortrefflichsten Menschen, alles schließlich, was am echtesten und besten den Katholizismus ausdrücken und die Kirche schmücken kann, all das wird null und nichtig, verflucht, unfruchtbar, des ewigen Feuers und des Zornes Gottes würdig, wenn es sich vom Papst in Rom trennt.“[2]

Plinio Corrêa de Oliveira wird bis zum Ende stets diese Liebe zum Papsttum hoch halten:
„Heute stehe ich nicht mit der Begeisterung meiner Jugendzeit vor dem Heiligen Stuhl. Noch viel, viel größer ist heute meine Begeisterung. Denn in dem Maße, in dem ich lebe, denke, Erfahrung sammle, verstehe und liebe ich mehr den Papst und das Papsttum.“[3]
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist die fortschreitende Aufdeckung einer Tragödie. Im Mittelpunkt des Dramas befindet sich die heilige katholische Kirche, scheinbar überspült von den Wogen eines schrecklichen Sturmes, und dennoch wundersam erhalten durch das unfehlbare Versprechen ihres göttlichen Gründers. In dieser Tragödie sah Plinio Corrêa de Oliveira das Leiden der Kirche, einen Widerschein des Leidens unseres Herrn Jesus Christus in der Geschichte.
„Wie viele leben in der Einheit der Kirche diesen Moment, der so tragisch ist, wie das Leiden des Herrn tragisch war, diesen entscheidenden Moment de Geschichte, in dem die ganze Menschheit angehalten ist, sich für Christus oder gegen Christus zu entscheiden.“
Der Kirche hatte er sein Leben gewidmet[4] und ihr hat er sich mit dem Großmut einer Veronika zur Verfügung gestellt.

„Im Schweißtuch erscheint die Darstellung des göttlichen Antlitzes wie auf einem Bild. In der heiligen, katholischen, apostolischen, römischen Kirche erscheint es wie in einem Spiegel.
In ihren Einrichtungen, in ihrer Lehre, in ihren Gesetzen, in ihrer Einheit, in ihrer Universalität, in ihrer unübertrefflichen Katholizität ist die Kirche wahrhaft ein Spiegel, in dem sich unser göttlicher Heiland reflektiert. Mehr noch, sie ist der mystische Leib Christi selbst.
Und wir, wir alle, besitzen die Gnade, zur Kirche zu gehören, lebendige Steine der Kirche zu sein!
Wie dankbar müssen wir für diesen Gefallen sein! Vergessen wir aber nie, dass noblesse oblige. Zur Kirche zu gehören ist etwas sehr Hohes und Beschwerliches. Wir müssen denken, wie dir Kirche denkt, handeln, wie die Kirche will, dass  wir in allen Umständen unseres Lebens vorgehen. Das aber setzt einen wirklich katholischen Sinn voraus, eine authentische Reinheit der Sitten, eine tiefe und ehrliche Frömmigkeit. Es gibt Zeiten, in der es das Opfer einer ganzen Existenz verlangt.
Und welches ist der Preis? Christianus alter Christus. Ich will auf vortreffliche Weise eine Nachbildung von Christus selbst sein. Die Ähnlichkeit mit Christus wird sich meiner eigenen Seele lebendig und heilig einprägen.“[5]



[1] George TYRREL, Lettres à Henri Brémond, Aubier, Paris 1971, S. 287.
[2] Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, „A guerra e o Corpo Místico“, in O Legionário Nr. 610 (16. April 1944).
[3] Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, „A perfeita alegria“, in Folha de S. Paulo, 12. Juli 1970.
[4] In der Nacht des 1. Februar 1975 bot Plinio Corrêa de Oliveira bei einer Besprechung mit Mitgliedern der Vereinigung heldenmütig Unserer Lieben Frau das Opfer an, für die TFP im Dienste der Kirche zu leiden. Nur 36 Stunden später erlitt er einen schweren Verkehrsunfall auf der Straße nach Jundiaí. Die schwerwiegdenden Folgen dieses Unfalls haben ihn bis zu seinem Lebensende begleitet. Zwanzig Jahre lang hat er dieses Kreuz männlich und tapfer getragen.
[5] Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Via Sacra, II, a.a.O., IV. Station.




Quelle: Roberto de Mattei: „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts: Plinio Corrêa de Oliveira. TFP-Büro Deutschland und DVCK e.V., Frankfurt, 2004, Kapitel VI, Abschnitt 14, SS 272-274.

Mittwoch, 9. Januar 2019

Das Reich Christi



Die heilige Kirche wurde durch unseren Herrn Jesus Christus gegründet, im die Wohltaten der Erlösung für ewige Zeiten den Menschen zuzuwenden. Wie die Erlösung selbst findet die Kirche ihre letzte Bestimmung darin, die Sünden der Menschen zu sühnen durch die unendlich kostbaren Verdienste des Gott-Menschen, um so Gott die äußere Ehre zurückzugeben, die die Sünde ihm geraubt hatte, und den Menschen die Pforten des Himmels zu eröffnen. Dieser Endzweck liegt ganz auf übernatürlichem Gebiet; er bezieht sich letztlich auf das ewige Leben. Die Kirche ist daher absolut erhaben über alles, was nur natürlich, irdisch und vergänglich ist. Das hat unser Herr Jesus Christus ausdrücklich bestätigt, als er zu Pilatus sagte: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» (Joh. 18, 36).
Das irdische Leben unterscheidet sich deshalb in tiefgehender Weise vom ewigen Leben. Aber diese beiden Bereiche sind nicht vollständig voneinander getrennt. Nach dem Plan der göttlichen Vorsehung besteht eine innige Beziehung zwischen dem irdischen und dem ewigen Leben. Das Erdenleben ist der Weg, das ewige Leben das Ziel. Das Reich Christi ist nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt verläuft der Weg, der uns zu jenem Ziel führt. So wie die Militärschule der Weg ist zum Waffendienst oder das Noviziat den endgültigen Eintritt in einen religiösen Orden vorbereitet, ebenso ist die Erde für uns die Vorstufe zum Himmel.
Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes. Ausgestattet mit einer Reihe natürlicher Fähigkeiten zum Guten, bereichert durch die Taufe mit der Gabe des übernatürlichen Lebens der Gnade, liegt es ihm ob, diese Anlagen zum Guten in ihren vielfältigen Möglichkeiten zu entwickeln. Auf diese Weise wird die Gottähnlichkeit des Menschen, welche zunächst nur unvollständig und potentiell gegeben ist, vollendet und aktuell.
Die Ähnlichkeit ist die Quelle der Liebe. Je mehr wir Gott ähnlich werden, um so mehr sind wir imstande, ihn vollkommen zu lieben und die Fülle der Liebe auf uns herabzuziehen. So werden wir in zunehmendem Masse vorbereitet für die Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht in jenem ewigen Akt der Liebe, der die ewige Glückseligkeit ist, zu der wir berufen sind im Himmel.
Das irdische Leben ist demnach ein Noviziat, in dem wir unsere Seele bereiten für ihr wahrhaftes Ziel, das ist: Gott schauen von Angesicht zu Angesicht und ihn lieben in alle Ewigkeit.
Um dieselbe Wahrheit anders darzulegen, gehen wir davon aus, daß Gott unendlich rein, unendlich stark, unendlich gerecht, mit einem Wort: unendlich gut ist. Um ihn zu lieben, müssen wir die Reinheit, die Stärke, die Gerechtigkeit, alles in allem: das Gute lieben. Wenn wir die Tugend nicht lieben, wie können wir Gott lieben, der das «summum bonum», das höchste Gute ist? Andererseits, wenn Gott das höchste Gute ist, wie könnte er das Böse lieben? Wie könnte er, angesichts der Tatsache, daß die Ähnlichkeit die Quelle der Liebe ist, einen Menschen lieben, der ihm wesentlich unähnlich, nämlich bewusst und willentlich unrein, feige, ungerecht und böse ist?
Da Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet werden will (Joh. 4, 24), müssen wir aus innerstem Herzen heraus rein, stark, gerecht und gut sein. Ist aber unsere Seele gut, so sind es notwendiger weise auch unsere Werke; denn der gute Baum kann nur gute Früchte hervorbringen (Mt. 7, 17-18). Wollen wir demnach den Himmel erobern, so müssen wir nicht nur im Innern das Gute lieben und das Böse verabscheuen, sondern auch in unseren Werken das Gute tun und das Böse meiden.
Der oben gebrauchte Vergleich des irdischen Lebens mit einem Weg zur ewigen Seligkeit trifft die Wirklichkeit nicht ganz. Denn das Erdenleben ist mehr als nur Weg. Was werden wir im Himmel tun? Wir werden Gott schauen von Angesicht zu Angesicht, im Licht der Glorie, das ist in der Vollkommenheit der Gnade; und wir werden ihn ganz und ohne Ende lieben. Dieses übernatürliche Leben genießt der Christ aber schon hier auf Erden auf Grund der Taufe. Der Glaube ist bereits das Samenkorn der seligen Anschauung. Und die Liebe zu Gott, die der Christ verwirklicht durch Wachsen im Guten und Vermeiden des Bösen ist schon die eigentliche übernatürliche Liebe, mit der er Gott anbeten wird im Himmel.
Das Reich Gottes tritt erst in der andern Welt völlig in Erscheinung; aber keimhaft existiert es bereits in dieser Welt. Auch der Novize nimmt schon am religiösen Leben teil, wenn auch in vorbereitender Weise, und der Zögling einer Kadettenschule übt hier sein späteres militärisches Leben ein.
Ein Bild, ja noch mehr eine wahre Vorausnahme des Himmels schon in dieser Welt ist die heilige Kirche. So kann alles, was die heiligen Evangelien uns über das Himmelreich mitteilen, auch auf sie bezogen werden, auf den Glauben, den sie uns lehrt und auf jede Tugend, zu der sie uns anleitet.
Hier wird der Sinn des Christkönigsfestes deutlich. Jesus ist vor allem der König des Himmels. In bestimmter Weise übt er seine Herrschaft aber auch schon auf Erden aus. Denn König ist, wer in einer Monarchie die höchste und vollkommenste Autorität rechtmäßig besitzt. Er gibt Gesetze, leitet und richtet. Seine Königswürde kommt am wirksamsten zur Geltung, wenn die Untertanen die Königlichen Rechte anerkennen und seine Gesetze befolgen. Nach christlicher Auffassung stehen Jesus Christus alle Rechte über uns zu. Er hat seine Gesetze verkündet, leitet die Welt und wird die Menschen einst am Jüngsten Tage richten. An uns liegt es, sein Reich wirksam werden zu lassen, indem wir seine Gesetze erfüllen sowie seine Herrschaft und Gerichtsbarkeit über uns anerkennen.
Christi Herrschaft ist zunächst individueller Natur; denn sie verwirklicht sich, wo immer eine treue Seele unserem Herrn Jesus Christus Gehorsam leistet. Sie wird aber eine soziale Wirklichkeit sein, wenn alle Mitglieder der menschlichen Gesellschaft ihm diesen Gehorsam entgegenbringen und ihre Unterwerfung unter seine Gerichtsbarkeit gläubig anerkennen.
Infolgedessen kann das Reich Christi schon hier auf Erden erstehen im individuellen wie im sozialen Sinne. Voraussetzung dafür ist nur, daß die einzelnen Menschen aus dem Innersten ihrer Seele heraus wie auch in allen ihren Handlungen sich gleichförmig machen mit dem Gesetz Christi und daß die Gesellschaft mit ihren Institutionen, Gesetzen und Bräuchen wie auch in ihren kulturellen Veranstaltungen und Darbietungen sich nach dem Gesetz Christi richtet.
Wie konkret, glänzend und deutlich fassbar diese irdische Realität des Reiches Christi auch in Erscheinung treten kann, zum Beispiel im Frankreich König Ludwigs des Heiligen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, so darf man doch nicht vergessen, daß ein solches Reich immer nur Vorbereitung ist. In seiner ganzen Fülle wird das Reich Gottes sich erst im Himmel verwirklichen: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» (Joh. 18, 36).
(aus "Der Kreuzzug des 20. Jahrhunderts" Catolicismo, Januar 1951)

Mittwoch, 30. Mai 2018

Die homosexuelle Revolution


Bereits Mitte der 1980er Jahre nahm er Stellung zum Phänomen eines immer frecher auftretenden Homosexualismus und skizzierte darin mit erstaunlicher Klarsicht die weitere Entwicklung dieser „homosexuellen Revolution“ in und für die Katholische Kirche. Gehalten wurde der Vortrag vor Mitgliedern der amerikanischen TFP-Vereinigung.


von Plinio Corrêa de Oliveira
Wenn die revolutionäre Bewegung zugunsten der Homosexualität so weit kommt, eine ausreichende Zahl an Anhängern zu haben, um wirkliches Gewicht auf die öffentliche Meinung zu erlangen; wenn die Masse jener über ein bestimmtes Maß anwachsen wird, die sich zwar nicht an die Seite der Homosexuellen stellen, aber nicht über die Begünstigung der Homosexualität empören, und aufgrund von liberalen Vorurteilen nicht wollen, daß diese unterdrückt wird, könnten die Promotoren der homosexuellen Revolution versuchen, den Papst Schach Matt zu setzen, indem sie sagen:
„Der Block aus Homosexuellen und Toleranten hat inzwischen in den USA eine Stärke gewonnen: Hätten Sie, Heiliger Vater, den Mut, die Homosexualität zu verurteilen, wohl wissend, daß dieser Block Ihnen nicht folgen und sich daher von der Kirche lösen könnte? Wie viele würden in diesem Fall treu bleiben? Und zudem, Heiliger Vater, wissen Sie, daß es inzwischen organisierte homosexuelle Bewegungen auf der ganzen Welt gibt und daß die Zahl der Toleranten überall wächst. Was wären die Auswirkungen dieses Schismas auf die Katholiken in anderen Ländern?“
Kirche an Schweigen zum Thema Homosexualität gewöhnen
Es tritt noch eine andere Frage auf: Wie viele werden unter jenen, die gegen die Homosexualität und gegen die Toleranz sind, also jene, die in dieser Frage eine aufrechte Gesinnung haben, den Mut haben, sich dem organisierten Angriff gegen die Kirche entgegenzustellen? Werden sie standhalten? Oder werden sie „Klugheit“ und Schweigen empfehlen, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, um dann eine energischere Haltung einzunehmen?
Meines Erachtens werden jene, die den zweiten Weg wählen, faktisch die Homosexualität fördern, weil sie durch das Lähmen des Widerstandes auf unbestimmte Zeit die Türen der Kirche für eine sich immer weiter ausbreitende Mentalität öffnen, die nicht mehr gegen das widernatürliche Laster, sondern freizügig und tolerant ist. Wenn nicht eine doktrinelle Toleranz, so aber zumindest eine effektive Toleranz. Eines schönen Tages werden wir feststellen, daß die Homosexualität in der Heiligen Apostolischen Römisch-Katholischen Kirche Heimatrecht erworben hat.
Das ist die Strategie, die die homosexuelle Revolution zu verfolgen beabsichtigt.
Offensichtlich zielt das darauf ab, die Kirche daran zu gewöhnen, zu so zentralen Themen zu schweigen, daß man meinen könnte, es gebe sie gar nicht mehr. Die Kirche wird nicht verschwinden, dem steht die göttliche Verheißung entgegen, aber sie wird so sein, als wäre sie im modernen Panorama verdampft.
Dazu kommt noch ein anderer, schrecklicher Aspekt: Die Einführung des freien Gewissens als Letztinstanz in der Kirche. Damit wird deutlich, daß der Stellvertreter Christi, der Papst, einen gewissen Standpunkt hat, und eine nicht absehbare Zahl von Katholiken einen entgegengesetzten. Das heißt, die Autorität des Papstes leugnet.
Wie sind wir in diese Situation gelangt?
Das freie Gewissen als Letztinstanz ist in die Kirche eingedrungen
Es ist eine graduelle, intelligente Vorbereitung erfolgt, um eine wachsende Zahl von Katholiken daran zu gewöhnen, das Problem der Homosexualität als persönliche Meinung zu betrachten: „Der Papst denkt zwar so, sicher, aber dieser Erzbischof, jener Bischof oder diese Bischofskonferenz denkt anders“. Die Katholiken sehen, daß viele Prälaten, Priester und Theologen offen vom Heiligen Stuhl abweichen, aber nicht bestraft werden. Sie sehen, daß die Kirche nicht bestraft, wer sich gegen sie auflehnt. Im Gegenteil, sie erlaubt es, daß diese Personen, die sich durch ihr rebellisches Verhalten selbst aus der Kirche ausgeschlossen haben und sich daher im Zustand der Todsünde befinden, weiterhin die Heilige Messe zelebrieren, die Sakramente verwalten und ihr Lehramt ausüben.
Wenn diese Situation sich in diesem Sinn fortsetzt, werden wir eine zum Schweigen gebrachte Kirche haben. Ein Schweigen, das zum Teil der Weichheit, zum Teil der Panik geschuldet ist, einem starken und verschlagenen Feind entgegentreten zu müssen.
Mangel an heiliger Empörung gegen die Sünde
Vor allem aber wird es Schweigen aus Mangel an heiligem Eifer gegen die Sünde sein, jener heiligen Empörung, aus der heraus ein Papst allem und allen gegenübertritt mit der Feststellung: Das Lehramt der Kirche bleibt trotz allem aufrecht! Veritas Domini manet in aeternum! Die Welt mag sich drehen, wie sie will, doch der Fels Petri steht fest!
Leider müssen wir feststellen, daß in vielen katholischen Kreisen es zwar kein stillschweigendes doktrinelles Einverständnis mit der Homosexualität gibt, aber einen Mangel an Empörung gegen die Sünde. Ein Mangel, der das Ergebnis einer gewissen pazifistischen Sentimentalität ist, die sich vor der Gefahr, statt Heldenmut zu beweisen, sich von Weichheit, Nachgiebigkeit und der im übrigen völlig unbegründeten Hoffnung leiten läßt, das Böse werde sich schon von alleine bessern.
Garantierte Straflosigkeit fördert die Frechheit der Sünde
Auf diese Weise rückt die homosexuelle Offensive frech vor, weil sie weiß, daß ihr nichts geschehen wird. Die Promotoren dieser Revolution wissen, daß sie auf ein Klima der Straflosigkeit zählen können, die eine Tochter der Angst und der Nachgiebigkeit ist, die inzwischen zu viele katholische Kreise beherrscht. Ich sage nicht, daß diese katholischen Kreise direkt in die Förderung der Homosexualität verwickelt sind. Ich sage etwas anderes. Da sie diese sentimentale und nachgiebige Mentalität gut kennen, erarbeiten die Anführer der homosexuellen Verschwörung ihre Pläne, indem sie in Rechnung stellen, daß sie von dieser Seite nichts zu befürchten haben.
Wir haben so, auf der einen Seite, die sich ausbreitende Sünde wider die Natur. Und wir haben auf der anderen Seite die, meines Erachtens, noch schwerwiegendere Sünde unzähliger Katholiken, die den Heiligen Stuhl, entweder weil sie mit der Homosexualität gemeinsame Sache machen oder weil sie Angst davor haben, sich ihr entgegenzustellen, zwingen wollen, zu diesem Punkt zu schweigen, das heißt, vor der Sünde zurückzuweichen, indem sie ihren Auftrag aufgibt.
Nachgiebigkeit katholischer Kreise noch größere Sünde
Meines Erachtens entspricht diese zweite Sünde einem Sakrileg, da es ein stillschweigendes Einverständnis mit dem Wunsch ist, die Kirche zu zerstören. Und das ist weit schwerwiegender. Wenn diese Situation weiter andauert und, mehr noch, sich verschärft, sollte man sich fragen, ob wir nicht am Ende des revolutionären Prozesses angelangt sind. Es ist der Ausfluß einer Sünde, die seit 500 Jahren andauert. Es ist eine solche Anhäufung von Sünden, daß sie im Angesicht Gottes nach Rache schreit. Dann können wir keine Zweifel haben: Es ist die Stunde, in der die Vorsehung eingreift, die Stunde, in der die Gottesmutter eingreift!

Quelle: TFP-Italien
katholisches.info 4. Juni 2014
Einleitung/Übersetzung Giuseppe Nardi

Den Originaltext auf Italienisch können Sie hier lesen.

Dienstag, 20. März 2018

Schmerz und Freude verflechten sich ständig im Leben der Mutter Gottes




Plinio Corrêa de Oliveira


Über die Schmerzen Mariens kann man grundsätzlich folgendes sagen: Es täuschen sich diejenigen, die meinen, sie hätte in ihrem Leben nur ein einziges großes Schmerzerlebnis gehabt und zwar während des Leidens und Sterbens ihres göttlichen Sohnes. Dies war in der Tat nicht ihre einzige schmerzliche Erfahrung, wenn es auch mit dem größten Schmerz verbunden war, den je ein Mensch auf der Welt empfunden hat, mit Ausnahme natürlich des unermesslichen Schmerzes Unseres Herrn Jesus Christus in seiner heiligen Menschheit. Dies war ein so gewaltiger Schmerz, der alle Schmerzen des Universums wiederholte und alles, was die Menschen gelitten haben seit dem Fall Adams und noch leiden werden bis zum letzten Moment, in dem es Menschen auf Erden geben wird.


Unser Herr Jesus Christus wurde vom Propheten Jesaja „vir dolorum“ (Schmerzensmann) genannt (Jes 53, 3). Die Passion war nicht ein isolierter Fall in seinem Leben, sondern der Gipfel einer Folge von großen Schmerzen, die begonnen haben im ersten Augenblick seiner Existenz und reichten bis zum Moment, in dem er unter einer Flut von Schmerzen das furchtbare „Consumatum est“ (es ist vollbracht) ausrief.


Maria, ist der Spiegel der Weisheit und der Gerechtigkeit. Sie widerspiegelt daher alles was ihrem Sohn Jesus Christus betrifft. So kann man behaupten, dass sie die „Mulier dolorum“, die Frau der Schmerzen war. Ihr ganzes Leben war durchströmt von Schmerzen. Es waren jedoch Schmerzen, die im Verhältnis standen zu der übergroßen Kraft, die sie aus der Gnade erhielt.

Weil von der göttlichen Vorsehung auferlegt, waren auch die stechendsten Schmerzen nicht solche, die alles durcheinander wirbeln, alles auf den Prüfstand stellen und die Seele verwüsten. Es waren sehr wohl übergroße Schmerzen, aber architektonische, weise und mit einer wunderbaren Selenruhe angenommen. Im äußersten Gram, bewahrte sie den Frieden. So kann man auch von der Muttergottes sagen, dass sie inmitten äußerster Bitterkeit in ihrer Seele den Frieden bewahrte.


In diesem Meer der Schmerzen war alles ausgeglichen, überdacht, mit unvergleichlicher Liebe getragen, ohne Emotionen, doch aber mit fast unendlichen Gefühlen. Ohne Panik doch mit viel Angstgefühl, viel Qual. Und in entsprechenden Augenblicken mit einem Schmerz, der alles zu zerreißen schien.


Maria war eine große Dulderin während ihres ganzen Lebens. Sie hatte aber auch Freuden im Laufe ihres Lebens. Alle Freuden der Welt – seit der Mensch im Paradies erschaffen wurde bis zum letzten Augenblick, in dem es Menschen auf Erden geben wird, alle zusammengezählt, sind nicht zu vergleichen mit den großen Freuden der heiligen Jungfrau. Schmerz und Freude waren ständig ineinander verflochten. Sie ertrug stets das Joch der größten Schmerzen, war aber zugleich getröstet von wunderbarsten Freuden.



Welche waren die Schmerzen der Muttergottes?


Genau genommen, fing sie an zu leiden bevor sie wusste, dass sie die Mutter Gottes sein würde. Da sie ohne Erbsünde empfangen wurde, hatte sie eine tiefe Kenntnis von allem was in der Welt geschah. Sie hatte einen dermaßen großen Eifer für den Ruhm und die Ehre Gottes, dass sie Tausend Leben hingeben würde, um nur eine Todsünde zu verhindern. Es schmerzte sie jedoch, zu sehen, wie die ganze Menschheit träge in der Sünde verharrte. Mehr noch, sie wusste um die Sünden, die zum Anlass der Ankunft des Messias und die nachdem bis zum Ende der Welt begangen würden. Wir können uns garnicht vorstellen, welche Qual diese Sünden ihr bereiteten. Der hl. Ignatius von Loyola pflegte zu sagen, wenn er sein ganzes Leben leiden müsste, um zu verhindern, dass eine einzige Todsünde auf der Welt begangen würde, sähe er diese Leiden für gut angebracht, dermaßen ist eine Todsünde ein unergründliches Übel.


Wenn aber dieser Heilige so dachte, was muss Unsere Liebe Frau empfunden haben, neben der, der größte Heilige weniger als ein Tropfen Wasser im Vergleich zu allen Meeren ist? Die Heiligkeit Mariens kann mit garnichts verglichen werden. Das Unverhältnis zwischen die Heiligkeit Mariens und der Heiligkeit aller Engel und Heiligen gemeinsam ist für uns unvorstellbar. Was waren dann diese Leiden für sie?


Dann erhielt sie die erhabene Botschaft, sie würde die Mutter des menschgewordenen Wortes sein. Wir können uns die Freude vorstellen, mit der sie den fleischgewordenen Gott anbetete, im ersten Augenblick, in dem sie ihn durch den Heiligen Geist empfing. Doch ebenso können wir uns den Schmerz vorstellen, als sie an die unbeschreiblichen Leiden dachte, die ihr göttlicher Sohn  durchstehen würde.


Von seiner Kindheit an bis zu seinem Tod am Kreuze.


Maria erfährt die Schmerzen der Kindheit Jesu, dann den Schmerz der Trennung, als er sein öffentliches Leben beginnt. Später kommen dann die von Ihm gewirkten Wunder, seine Erfolge – es ist eine Zeit der Freude. Doch schon bald macht sich die Undankbarkeit der Menschen bemerkbar. Die dunklen Wolken der Ungerechtigkeiten ziehen auf und führen ihn zur Kreuzigung. Maria leidet unter all dem. Zum Beispiel, als sie sah, wie er Opfer der allgegenwärtigen Undankbarkeit wurde.


Während des Leidensweges sah sie alles was ihr Sohne gelitten hat, und litt mit ihm jeden Schritt dieses Weges. Wenn es Heilige gab, die in Ohnmacht fielen, als sie erfahren durften, was Unser Herr während der Passion gelitten hat, wie können wir einschätzen, was für Unsere Liebe Frau die kleinste Episode der Passion bedeutete?


Als sie dann ihren Sohn hoch am Kreuze sah, erreichen die Schmerzen das Unsagbare. Sie schwankt zwischen zwei Alternativen: einerseits wünscht sie seinen Tod herbei, um dem Leiden eine Ende zu bereiten. Andererseits, dass sein Leben sich verlängere, weil jede Mutter will, dass das Leben ihres Kindes sich verlängere. Doch hier kommt ihr auch der Gedanke, dass er so mehr leiden würde und es der Erlösung der armen Sünder zugute komme. Sie schließt sich der Passion ihres Sohnes an, an die Verlängerung seines Leidens und bestärkt den Vorsatz, der Aufopferung ihres Sohnes zuzustimmen.


Sie nimmt das Kreuzesopfer an für die Erlösung der Seelen.


So dringend wünschte sich die Allerseligste Jungfrau die Erlösung unserer Seelen, dass sie dem all dem Leiden zustimmte, das ihr Sohn für die Seele eines jeden von uns ertrug. Sie liebt jede einzelne Seele dermaßen, dass, wenn es auch nur eine einzige Seele gäbe, die durch diesen Leidensweg gerettet werden müsste, sie dem schmerzhaften Leidensweg ihres Sohnes noch einmal zustimmen würde, um diese Seele zu retten.

Stellen wir uns vor, Maria sähe alle Folter und Qual, die ihr Sohn auf sich nehmen muss. Zum Beispiel die Dornenkrönung. Sie sieht, wie die Dornen in den Kopf eindringen und nervliche Verletzungen verursachen, die seinen ganzen heiligen Körper erzittern lassen; wie ein Dorn sein Auge verletzt; am Kreuz, die vom Rumpf ausgerenkten Arme; der fürchterliche Durst; das Blut das aus den Wunden am ganzen Körper sickerte; das hohe Fieber; der wegen der Schmerzen sich windende Körper.

Sie wusste, dass dies alles geschehen würde, sie ermaß alles und dennoch, sie nahm alles an. Sie wollte, dass es so sei. Sie war wie ein Opfernder, wie ein Priester, der das göttliche Opfer auf dem Kalvarienberg darbrachte. Sie wollte, dass alles so sei, wie es war, denn, wenn das der Preis ist, eine Seele zu retten, so wollte sie, dass ihr Sohn alles litt was er zu leiden hatte.



Hier sehen wir die Größe Unserer Lieben Frau. Nicht nur in der Unermesslichkeit der Schmerzen, die sie auf sich nahm, sondern, dass sie gewünscht hat das zu leiden, was sie gelitten hat. Sie wollte, dass ihr Sohn dieses furchtbare und wunderbare Opfer bringe aus liebe zu einem jeden von uns. Weil Gott seinen eingeborenen Sohn aus liebe zu und opfern wollte.


Habe ich eine Vorstellung meiner Undankbarkeit?

Die Karwoche nähert sich. Es ist angebracht darüber nachzudenken. Es möge sich ein jeder allein vor einem Kruzifix hinknien, oder vor einer Statue der schmerzhaften Mutter, und die ganze Welt vergessen und in der Gegenwart Gottes sich diese Frage stellen: Bin ich mir bewusst, was meine Erlösung gekostet hat? Habe ich eine Vorstellung, was die Gnaden, die ich bekommen habe, gekostet haben? Kann ich mir vorstellen, dass Jesus am Kreuz namentlich an alle Menschen gedacht hat, seit dem Anfang der Welt bis zu ihrem Ende? Dass ich also in seinem göttlichen Geist gegenwärtig war, mit Barmherzigkeits-, Güte- und Heilsgedanken?



Er sah meine Seele, er sah meine Person. Er liebte mein von ihm geschaffenes Sein und opferte sich aus Liebe zu mir auf, weil er mein Heil wollte. Kann ich mir vorstellen, dass meine Erlösung all das gekostet hat? Weiß ich wie und warum ich dieser Zuwendung nicht entsprochen habe? Weiß ich um mein Undankbarkeit? Wieviel Sünden habe ich begangen, oft durch Unvorsichtigkeit, weil ich einfach die Gelegenheit nicht meiden wollte, weil ich nicht einen kleinen Akt der Abtötung bringen wollte! Als ich sündigte, nahm ich das Blut Christi und warf es in die Gosse. Blut, das für mich vergossen wurde und trotzdem begab ich mich in die Lage verdammt zu erden. Doch Gott duldete mich noch in diesem Leben, ertrug mich noch und wartete auf mich mit neuen noch größeren Gnaden, als die ich erhalten hatte.

Und wieder einmal befinde ich mich in der Karwoche: eine neue Gelegenheit Gnaden zu bekommen. Die Seite des Herrn ist offen, aus ihr strömt mir Barmherzigkeit entgegen und ruft mich zur Reue, zur Buße, zur wunderbaren Versöhnung mit ihm. Es strömen Güte und Liebherzigkeit, wie ich es mir nie habe vorstellen können. Meine erste Sorge in der Karwoche soll sein, an meine Seele zu denken. Jedoch ohne Furcht, ohne Panik, denn Gott ist der Vater der Barmherzigkeit und Maria ist Mutter und Kanal aller Barmherzigkeiten. Ernsthaft darüber nachdenken, gründlich darüber nachdenken. Ich stelle mich vor dem Blut Christi, dass da fließt und bewerte, was aus diesem Blut gemacht habe.



„Quae utilitas in sanguine meo?“


 Jesus stellte diese Frage und die war einer seines größten Schmerzes: „Quae utilitas in sanguine meo?“ Letztendlich, was nützt mein vergossenes Blut? Er dachte an so viele Seelen, die sein Blut mit Füssen treten würden. Aus Leichtsinnigkeit, Stumpfsinnigkeit, wegen einer Kleinigkeit, einer Bagatelle. Wegen das Lachen einer Magd, wie im Falle des hl. Petrus. Für 30 Silberlinge, wie Judas. Aus Trägheit, weil sie schlafen wollten, wie die anderen Apostel. Aus Angst, Opportunismus, Sinnlichkeit, wegen wie viel Dinge würden die Seelen ihn ablehnen! Unser Herr hatte unsere Zeit im Auge, die Muttergottes auch. Er sah alle Verrate unserer Zeit, alle Verlassenheit, alles Leid, welches priesterliche Seelen ihm zufügten. Wenn die Sünden irgendeines Menschen den Herren soviel haben Leiden lassen, wie viel mehr litt er um die Sünden der Mitglieder der heiligen Kirche?


In seinen Psalmen erhebt der Prophet David diese Klage gegen einen, der ihn beleidigt hat: „Denn würde mein Feind mich schmähen, ich könnte es ertragen, und würde mein Gegner sich gegen mich erheben, ich könnte mich bergen vor ihm. Du aber, mein Gefährte, mein Vertrauter und Bekannter, die wir zusammen süße Gemeinschaft erlebten, zum Gotteshause wallten im Festgedränge!“ (Ps 55, 13-15)


Alles, was in unserer Zeit geschieht, hat Jesus damals schon gesehen. Doch Er sah es auch mit Liebe. Als Frucht dieses unendlich kostbaren Blutes würde eine besondere Gnade keimen für einige, die genauso schlecht sind wie andere, – und des öfteren gar noch schlechter –, die aber durch diese besondere Gnade berufen wurden, treu zu sein in der Stunde der Untreue, damit sie unter dem Kreuz stehen, wie der hl. Johannes, auf der Seite der Rechtgläubigkeit, der wahren Lehre, in der Stunde, in der alle sie verlassen. Es sind die, die das Martyrium der Kirche verstehen. Die die Tragödie der von Modernismus und Progressismus in ihrem Innern zersetzten Kirche sehen und wie sie ihren schlimmsten Feinden ausgeliefert ist. Diese von Gott auserwählten wurden berufen für ihre Kirche – den Leib Christi – zu kämpfen, Ihren Schmerz zu verstehen, darüber zu meditieren und diesen Schmerz zu teilen und zu leben, damit sie auch „Menschen der Schmerzen“ werden.

Der Schmerz der Heiligen, Kirche in unseren Tagen, muss ein Schmerz sein, mit dem wir am Morgen aufwachen und am Abend einschlafen. Ein Schmerz, der uns auch im tiefsten Schlaf nicht verlässt.

Die Heilige, Römische, Katholische und Apostolische Kirche, von Jesus Christus gegründet, vom Himmel herniedergestiegen aus dem Himmel von Gott her, wie eine vollendete Stadt (vgl. Offb 21,2)… Was haben sie aus ihr gemacht?!...

Nun gut! Dieser Schmerz ist dermaßen groß, dass er mich hindert weiterzusprechen. Bitte wir der Gottesmuter, sie möge uns diesen Schmerz bis ins tiefste unserer Herzen spüren lassen.


(„Santo do Dia“ vom 17.3.1967)