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Donnerstag, 27. August 2026

Der hl. Johannes Bosco und der Ursprung der Revolution

 Plinio Corrêa de Oliveira

Extra – 15. April 1966

 

Die Zeitschrift „Cruzado Español“ ehrt mich mit der Veröffentlichung eines guten Teils meiner Studie „Revolution und Gegenrevolution“. Diese Veröffentlichung hat mir gezeigt, dass das Thema für die Leser der oben genannten Zeitschrift von Interesse ist. Deshalb schlage ich vor, mich in dieser Zusammenarbeit – wenn auch nur geringfügig – mit einem Thema zu befassen, das eng mit dem Thema meiner Studie zusammenhängt, dass ich aber der Kürze halber nicht so ausführlich behandelt habe, wie ich es mir gewünscht hätte.

Ich werde die Angelegenheit auf vielleicht etwas unerwartete Weise eingehen.

Beim Durchblättern der Schriften des Heiligen Johannes Bosco (Biographie S.D.B.- B.A.C. – Madrid, 1955) stieß ich (Seiten 457/58) auf folgende merkwürdige Beobachtung:

„Was den Schlechten (Menschen) angeht, möchte ich zunächst nur eines sagen, dass vielleicht nicht plausibel erscheint, aber doch so wahr ist, wie ich es beschreibe: Nehmen wir an, unter 500 Schülern einer Schule gibt es einen mit einem verdorbenen Leben. Es kommt dann ein neuer Schüler, der auch verdorben ist. Beide sind aus sehr unterschiedlichen Regionen und Ortschaften, sind sogar unterschiedlicher Nationalitäten, besuchen unterschiedliche Kurse, haben sich nie gesehen und kennen sich gar nicht. Trotz aller Verschiedenheit, am zweiten Schultag oder vielleicht schon nach ein paar Stunden, die sie im Kolleg sind, werdet ihr sie in der Pause schon beieinander sehen.

„Es scheint, dass ein böser Geist sie erraten lässt, wer mit derselben Schwärze befleckt ist, oder es ist so, als ob ein dämonischer Magnet sie anzieht, um eine innige Freundschaft zu schließen. Das „Sag mir, mit wem du rumhängst, und ich sage dir, wer du bist“ ist eine sehr einfache Möglichkeit, mit den räudigen Schafen umzugehen, bevor sie sich in gefräßige Wölfe verwandeln. Das ist nicht so in den gängigen Schulen.“

Das Zeugnis eines so echten Beobachters in pädagogischen Themen, kann nicht in Zweifel gezogen werden.

Doch dieses Zeugnis führt uns zu einer Tatsache, die man selbst unter Erwachsenen beobachten kann, sowohl in routinemäßigen Episoden des täglichen Lebens als auch in großen historischen Ereignissen. Wenn das Böse eine gewisse Tiefe in den Seelen erreicht, werden sie mit einer scharfen Sicht ausgestattet, die es ihnen ermöglicht, anhand von Hinweisen, die für andere unbedeutend erscheinen könnten, ihr Gegenüber aus der Ferne zu erkennen. Diese Schärfe des Blicks geht mit einer weiteren Besonderheit einher: einer gegenseitigen Anziehung, die sie schnell zu einem innigen Zusammenleben vereint, trotz der vielen Umstände, die sie trennen können: Unterschied in der Herkunft, im Alter usw. Es ist leicht zu erkennen, wie die Verbindung von Elementen dieser Art auf natürliche Weise eine Gruppe oder sogar eine Kette entstehen lässt, die wie ein Tumor wirkt, der Gift destilliert.

* Die Vereinigung betont die Merkmale

In der Intimität der Gruppe entsteht durch gegenseitige Nachahmung eine Umgebung, die der allgemeinen Umgebung, in der sie sich befinden, diametral entgegengesetzt ist.

* Die Hervorhebung von Eigenschaften erzeugt Hass

Eine solche Verschiedenartigkeit erzeugt zwangsläufig Antipathien, Reibungen und Hass gegen die Mehrheit. Dieser Hass mag aus Gründen des Zusammenlebens verborgen bleiben, aber in manchen Fällen (nicht immer) wird die bloße Notwendigkeit, zu schweigen, seine Virulenz verstärken.

* Hass regt zum Kampf an

Es ist eine erzwungene Konsequenz. Wer sich in einem Umfeld nicht wohl fühlt, kämpft um dieses zu ändern. Und wenn er auf Hindernisse stößt, kämpft er um diese zu beseitigen. Wenn diese Hindernisse nicht passiv beseitigt werden können, kommt es zum Kampf.

* Der Kampf führt zum Proselytismus und der Anordnung von Anstrengungen

Es ist natürlich, dass ein Kern böser Menschen seine Artgenossen nicht nur durch die magnetisierende Kraft anzieht, die der heilige Johannes Bosco so treffend beschrieben hat, sondern auch aufgrund der Tendenz zur Ausbreitung, die allem Lebendigen innewohnt, sowie der Notwendigkeit, Soldaten für den Kampf zu rekrutieren, versucht er, die Zahl seiner Anhänger zu erhöhen.

Die Zusammenführung der Anstrengungen ergibt sich aus einem natürlichen Imperativ, der keiner Erklärung bedarf.

* Dadurch entsteht eine Organisation

Auch das ist offensichtlich. Elemente, die dauerhaft durch tiefe Verwandtschaft der Mentalitäten, identische Ziele und enge Verbindung der Bemühungen miteinander verbunden sind, werden nicht lange brauchen, um ein ideologisches System, ein gemeinsames Programm und eine gemeinsame Aktionstechnik zu entwickeln und ein Leitungsorgan zu bilden. An dieser Stelle wird der Weg nachgezeichnet, der von der einfachen Tatsache der Existenz einiger „böser Jungs“, die sich gegenseitig erkennen und miteinander in Kontakt treten, bis zur Gründung einer Vereinigung reicht. Versteckt wie gewisse Vereinigungen, halb verborgen wie der Jansenismus oder die Moderne, offen wie das Luthertum oder der Kommunismus, möchte diese Vereinigung auf allen ideologischen, künstlerischen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen u.ä. Wegen kämpfen, um ihre Ziele zu erreichen. Mit einem Wort: sie machen Revolution.

* Die Wurzel all dieser Folge von Phänomenen ist der Hass auf das Gute.

Die Wurzel all dieser Phänomene ist der Hass auf das Gute, der durch Perversion entsteht, sobald diese ein gewisses Maß an Tiefe erreicht hat.

Ich bestehe auf dieser Behauptung. Und ich weiß, dass Perversion, wenn sie ein solches Maß an Tiefe erreicht, jene geheimnisvolle Fähigkeit zur gegenseitigen Wahrnehmung und Anziehung erweckt, die der heilige Johannes Bosco beschreibt und die den Ausgangspunkt jeder organisierten Revolution bildet. Viele Menschen sympathisieren mit dem Guten, und wenn sie sündigen, tun sie dies mit Scham und Trauer.

Von solchen Menschen braucht man, solange sie moralisch nicht zu tief sinken, keine Verschwörung zu fürchten. Bei anderen geht die Perversion so weit, die Demut zutiefst anzugreifen, bis hin zu einer zynischen Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde und sogar einer Rebellion gegen das Gute. Und man sage nicht, dass das vernunftbegabte Wesen unfähig sei, das Gute zu hassen. Es ist angebracht, hier die „Unterscheidungen“ zu erwähnen, die dieses Thema mit sich bringt. Erinnern wir uns nebenbei daran, dass die bösen Engel Gott, nicht gehasst hätten, denn Er ist ja das höchste Gut.

Darüber hinaus kann eine solche Abneigung lediglich Antipathie sein. Dies kann daher zu Missverständnissen, Reibereien und Zwischenfällen führen, ohne dass daraus eine Verschwörung oder ein Kampf entsteht. Es gibt jedoch Fälle, die eine weitaus aggressivere Gesinnung offenbaren.

In diesem Sinne erscheint mir Kains Hass gegen Abel bezeichnend zu sein. Noch mehr gilt dies für den Hass des Sanhedrins gegen unseren Herrn. Wenn ich von dieser erhabenen Tatsache zu einem aktuellen Ereignis übergehe, erinnere ich mich an eine Nachricht, die ich kürzlich gelesen habe. In den Vereinigten Staaten griff eine Gruppe „play-girls“ eine Kollegin an und verletzte sie schwer. Bei der Vernehmung durch die Polizei gaben die Täterinnen an, keine persönlichen Beschwerden gegen das Opfer zu haben. Der einzige Grund für ihre aggressive Haltung war, dass ihre Kollegin in ihren Studien, ihrem Verhalten und ihrer Kleidung so vorbildlich war, dass allein ihre Existenz den Angreifern unerträglich wurde.

Wenn wir uns einen solchen Geisteszustand nicht bei unüberlegten und gefühllosen Wutanfällen, sondern bei ausgeglichenen, nachdenklichen und beharrlichen Menschen vorstellen, gelangen wir zur Entdeckung dessen, was eine mächtige und gefährliche Verbindung auslöst, die das Ende einer historischen Ära herbeiführen könnte.

* Die Beobachtung dieser Tatsachen offenbart etwas Neues: Das subtilste Übel wird vom intensivsten Übel „hypnotisiert“, das heißt, die Gemäßigten werden von den Radikalen angezogen.

Fast all diese Überlegungen sind recht bekannt, zumindest einzeln betrachtet. Doch im Allgemeinen erscheinen sie dem Verstand verworren und isoliert. Offenbart und in einem Korpus von Lehren und Beobachtungen zusammengefasst, in Form fließender und vereinter Merkmale, erahnt man etwas Neues.

Ich werde in wenigen Worten darlegen, woraus dieses „Etwas“ besteht.

Aus dem bisher Gesehenen lassen sich zwei Aspekte des Bösen herausarbeiten. Der eine entfacht die Revolution. Der andere: Welche Haltung ruft dieses Phänomen hervor?

Nach dem gleichen Prinzip der Anziehungskraft des Bösen durch das Böse – „ähnlich Gleiches zieht Gleiches an“ –, dass die tiefgründige Erklärung für das von Johannes Bosco so scharfsinnig beobachtete Phänomen liefert, folgt, dass das subtilere Böse vom intensiveren angezogen, „hypnotisiert“ und beherrscht wird. Dies erklärt, warum die von der Revolution gemilderten Strömungen den extremen Strömungen nie ernsthaft und dauerhaft entgegentreten.

Die Girondisten im 18. Jahrhundert, die Anhänger der englischen parlamentarischen Monarchie im 19. Jahrhundert, die Anhänger Kerenskis im 20. Jahrhundert – alle der Revolution gegenüberstehend – wichen ihr letztlich aus, selbst wenn sie mit Waffengewalt gegen sie kämpften und sie vorübergehend besiegten. So besiegte die französische Bourgeoisie die Pariser Kommune und errichtete scheinbar ein Bollwerk gegen die Revolution. Doch nach der Machtergreifung befürwortete ebendiese Bourgeoisie die Entwicklung des revolutionären Prozesses.

Außerdem: Gemäßigte Revolutionäre, die zwischen Revolution und Gegenrevolution gefangen sind, schwanken zumeist und versuchen, absurde Kompromisse zu erzielen. Letztendlich bevorzugen sie jedoch systematisch die Revolution gegenüber der Gegenrevolution.

* Die Siege der Bösen waren in den meisten Fällen der Feigheit, Blindheit, Schwäche und Resignation der „Gemäßigten“ geschuldet, die in der Regel reich, einflussreich und zahlreich waren.

Wie lässt sich dies jedoch erklären, wenn doch so oft die höchsten und offensichtlichsten wirtschaftlichen Interessen, die ehrenvollsten Auszeichnungen und die unmittelbarsten und empfänglichsten Traditionen die „Gemäßigten“ dazu bewegen, sich mit der Gegenrevolution zu verbünden? Wie viele talentierte Männer in den Reihen der „Gemäßigten“ besaßen alle intellektuellen Ressourcen, um zu erkennen, dass ihre ständigen Kapitulationen sie und ihre Nachkommen in den Abgrund zogen, und doch gaben sie systematisch nach, als ob eben dieser Abgrund sie fatal faszinierte?

Die Beantwortung dieser Frage gibt uns die Erklärung der wesentlichsten Ursache für die systematischen Siege von Extremisten in revolutionären Prozessen, da diese Extremisten stets oder fast immer zahlenmäßig unterlegen, wenig intelligent oder finanziell schwach aufgestellt waren. Ihre Siege waren zumeist der Ängstlichkeit, Blindheit, Schwäche und Resignation der „Gemäßigten“ geschuldet, die in der Regel reich, einflussreich und zahlreich waren und deren Gesinnung stets alles andere der ernsthaften Unterstützung der Gegenrevolutionäre vorzog, die ebenfalls meist zahlenmäßig unterlegen und arm waren. Zweifellos sind Trägheit und Furcht Merkmale der wohlhabenden Klassen und erklären dieses Phänomen zum Teil. Für uns erklären sie jedoch nicht alles. Denn einerseits sind nicht alle wohlhabenden Klassen zögerlich und ängstlich. Beispielsweise litt der europäische Adel zur Zeit der Kreuzzüge und der Reconquista nicht unter diesem Mangel. Es sind daher die dekadenten Eliten, die unter diesem Übel leiden.

Doch die Angst der dekadenten Eliten erklärt nicht alles. Es ist bekannt, dass sie einerseits Furcht vor revolutionärem Extremismus zeigen, andererseits aber auch offenkundig flüchtige und unwillkürliche Sympathien für ebendiesen Extremismus äußern.

Gegenüber gegenrevolutionärem Radikalismus hingegen zeigen sie keine Furcht, sondern eine systematische und kaum verhüllte Antipathie.

Diese Sympathie und Antipathie, so beständig und impulsiv zugleich, spielen zwangsläufig eine Rolle, die man angesichts der Haltung „gemäßigter“ Revolutionäre nicht unterschätzen sollte.

Wie lässt sich diese Sympathie also erklären? Wem ist sie gehorsam? Die „Gemäßigten“, die so sehr an Geld, Gesundheit und den Vergnügungen des revolutionären Geistes hängen, fürchten nur wenige Ansteckungen. Sind sie in diesem Fall selbstlose Idealisten (natürlich im negativen Sinne)? Der Schein spricht dagegen. Doch die Fakten zeigen bei genauer Betrachtung, dass sie es in gewisser Weise sind und dass dieser „Idealismus“ eine tiefgreifende Rolle in ihrer Psychologie und ihren Einstellungen spielt. Wie?

* Der gemäßigte Revolutionär, wenn er nicht die Fähigkeit zum gegenseitigen Verständnis und zur dynamischen Artikulation der Radikalen fördert, erzeugt ein analoges, aber schwächeres Phänomen: eine tiefe, wenn auch diskrete und subtile Antipathie gegen alles, was sich der Revolution entgegenstellt.

Der revolutionäre Geist stellt eine schwerwiegende doktrinäre und moralische Verfälschung dar. Und dies trotz der Koexistenz in vielen Fällen mit unbefleckten Sitten und unbestreitbarer Redlichkeit im Geschäftsleben. Der heilige Pius X. wies in der Enzyklika „Pascendi“ in Bezug auf die Modernisten auf diesen Punkt hin.

Wer diesen Geist in sich trägt, selbst wenn er nur durch Beteiligung daran beteiligt ist, nimmt die geheimnisvolle Dynamik des Bösen in sich auf, die der heilige Johannes Bosco beschrieb. Der revolutionäre Geist in seiner gemäßigten Form, wenn er nicht die Fähigkeit zum gegenseitigen Verständnis und zur dynamischen Artikulation fördert, erzeugt ein analoges, aber schwächeres Phänomen. Dieses Phänomen ist eine tiefe, wenn auch diskrete und subtile Antipathie gegen alles, was sich der Revolution entgegenstellt.

Diese Antipathie ist besonders bemerkenswert, weil sie fast nie irrt, und jede noch so subtile und verschleierte Manifestation gegenrevolutionären Geistes wird erkannt, zurückgewiesen und sogar feindselig bekämpft. Deshalb nimmt sie, ohne selbst die Initiative zu ergreifen, ihre Interessen der Revolution zu opfern, dieses Opfer protestlos hin und tröstet sich vielleicht damit, einfach weil ihre tiefe Antipathie gegen die Gegenrevolution durch den Fortschritt der Revolution befriedigt wird.

Diese Tatsache ist erstaunlich. Und es wäre unglaublich, wenn sie nicht weltweit offenkundig wäre. Wie viele aristokratische oder bürgerliche Familien gibt es, die von der Revolution vernichtet und vertrieben wurden und jeden Kampf aufgeben und resigniert, fast glücklich, in einer unauffälligen und beinahe proletarischen Lage leben, perfekt integriert in die revolutionäre Welt, deren Opfer sie sind!

Während ich dies schreibe, denke ich an die zahlreichen russischen Exilanten und insbesondere an die vielen abtrünnigen Geistlichen, denen nichts anderes am Herzen liegt als ein Abkommen mit dem Kommunismus. Enttäuschung? Zum Teil ja. Aber eine Missbilligung ohne Groll, fast eine freudige, in der man deutlich das Lächeln einer verborgenen, vielleicht sogar unbewussten Sympathie erkennen kann. Daraus wird deutlich, dass nicht Eigeninteressen die Geschichte lenken und dass es sich nicht primär um einen Konflikt der Interessen, sondern um einen Kampf der Prinzipien handelt, einen Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis.

Welche Rolle spielt der Teufel in diesem Kampf? Oder zumindest, wie wirkt er in dem von Johannes Bosco beschriebenen Phänomen?

Im zitierten Text hält der Heilige ein praeternatürliches Wirken ausdrücklich für möglich.

Wir sind unsererseits überzeugt, dass dieses ein immenses Ausmaß hat. Dieser Aspekt des Problems ist jedoch nicht Gegenstand dieses Artikels, in dem wir die psychologischen Konturen einer natürlichen Ordnung skizzieren wollten, die von selbst wirkt, auf die aber der Teufel Einfluss nehmen und häufig und mit schrecklicher Wirksamkeit einwirken kann, um die Menschen zu Werkzeugen und Opfern der Revolution zu machen, deren erster Anstifter und weiterhin der Hauptfaktor ist.

 

 

Aus dem portugiesischen von „ São João Bosco e a causa da Revolução “.

Die deutsche Fassung dieses Artikels „Der hl. Johannes Bosco und der Ursprung der Revolution“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Freitag, 22. Februar 2019

Die Kathedra Petri




Kathedra des heiligen Petrus: ein Fest, an dem der Papst als Lehrer gefeiert wird; an dem das Papsttum gefeiert wird, im Besitz eines unfehlbaren Stuhls, mit dem es die Welt anspricht und wahrhaftig unfehlbar ist. Es ist also die Feier der Unfehlbarkeit des Papstes, durch die das Papsttum (in Glaubens- und Sittenfragen) niemals irrt.
Sie wissen, dass Papst Pius IX., der ein großer Papst war,— von dem wir eine indirekte Reliquie haben, die ein Teilchen seines Sarges ist, und dessen Heiligsprechungsprozess eingeführt wurde —, Papst Pius IX. war in der ersten Zeit seines Pontifikats eher sehr liberal. Nicht, dass er in seinen Dokumenten einen doktrinären Fehler des Liberalismus begangen hätte, aber er nahm eine Reihe von meist extrem liberalen Maßnahmen.
So wollten, im geteilten, pittoresken, vorteilhaften und effizienten Italien jener Zeit der kleinen Königreiche, Fürstentümer und freier Städte, diejenigen, die nach einer Vereinigung Italiens strebten, einen revolutionären Schlachtruf für die Straßen haben, um die Anarchisten und die Anhänger der Sekte des Mazzini zum gemeinsamen Kampf anzulocken. Zum Anlass der Wahl Pius IX. verbreiteten sie überall den Ruf, „Viva Pio IX“ (Es lebe Pius IX.). Mit diesem Ruf rekrutierten sie auf den Straßen die Lazzaroni, die Schamlosen, die Revolutionäre, Mitglieder der Mafia, der Camorra und alles andere aus dem Untergrund der Gesellschaft, für den Kampf gegen jene kleinen Throne, deren Verschwinden wir heute noch bedauern.
In dieser schwierigen Situation, in der ein Papst schließlich ein Symbol der Revolution war, lebte ein großer Heiliger, Don Bosco. Der Ruf, „Viva Pio IX“, der Revolutionäre drang auch in die Schulen des hl. Don Bosco ein. So erschall dieser Ruf der Revolte hier und da mitten im Schulhof.
Dagegen fiel Don Bosco eine Lösung ein: Er Verbot den Schülern, „Viva Pio IX“ zu rufen. Er — ein Heiliger ... — befahl ihnen, sie sollten „Viva il Papa“ (Es lebe der Papst) rufen. Es war ein souverän intelligenter Ausweg. Weil „es lebe der Papst“, sollten wir immer rufen. Nur den Umständen entsprechend sollte der Name des Papstes genannt werden. Diese Begebenheit ist im Heiligsprechungsprozess des Don Bosco registriert, und hinderte nicht ihn im Verzeichnis der Heiligen aufzunehmen, und dass seine Arbeit von der Vorsehung in jeder Hinsicht gesegnet wurde.
Der Grund dieser Haltung ist eine sehr wichtige Unterscheidung: die Unterscheidung zwischen Papst und Papsttum; zwischen der Person des Papstes, die der menschlichen Barmherzigkeit unterworfen ist, aber auch Fehlern in allen Maßen unterliegt, die nicht durch die Unfehlbarkeit garantiert sind, und andererseits der Institution, die sich von der Person völlig unterscheidet. Und wenn es stimmt, dass man ab und zu ruft: Es lebe dieser oder jener, und man manchmal still bleibt, manchmal weint, aber immer betet, gibt es einen Ruf, den wir immer laut rufen sollten, und der ist: „Es lebe der Papst!“, „es lebe das Papsttum!“
Aus diesem Grund ist das Fest, das wir heute feiern, das Fest des Stuhls des hl. Petrus, der Kathedra Petri, ein äußerst zeitgemäßes Fest, denn es feiert den Papst als Lehrer, es feiert das Papsttum als Inhaber eines unfehlbaren Lehrstuhls, der sich an die Welt wendet und tatsächlich unfehlbar ist. Und deshalb ist die Unfehlbarkeit des Papstes, die Orthodoxie, sozusagen das, wodurch das Papsttum nie Irren kann. Und das ist der Gegenstand der heutigen Zeremonie.

Wir wissen, dass von dem Peterstuhl fast alles erhalten geblieben ist, und dieser Stuhl wird in der Peterskirche in Rom aufbewahrt. In der Apsis, wo die Gloria Berninis ist, befindet sich ein Bronzestuhl. Dieser Stuhl ist hohl und von Zeit zu Zeit wird er geöffnet, und ein kleiner Holzschemel gezeigt, von dem ich das Foto gesehen habe, und der als der Thron des hl. Petrus angesehen wird.
Das Fest der Kathedra Petri bezieht sich auf diesen „Thron“, es hat aber viel mehr im Sinn als diesen Thron angesichts der Tatsache, dass Rom der Sitz des hl. Petrus ist, und der Tatsache, dass unser Herr Jesus Christus dem Petrus einst den Charakter der Unfehlbarkeit zugeteilt hat, und der Tatsache, dass dieser unfehlbare Lehrstuhl die Heilige Apostolische und Römisch-Katholische Kirche regiert. Dies ist, was heute gefeiert wird.
Im Petersdoms gibt es im Mittelschiff eine Monument aus dunklem Material (Bronze), das den hl. Petrus als Papst darstellt mit den Schlüsseln in der Hand, auf einem Thron sitzend. Seine Füße sind genau in der Höhe des Mundes des Betrachters, so dass sie leicht mit einem Kuss verehrt werden können. Und alle Pilger, die nach Rom kommen, gehen hier vorbei und küssen den Fuß des hl. Petrus. Das Ergebnis ist, dass mit dem tausend und tausend Mal wiederholten Kuss sogar der Fuß des heiligen Petrus abgenutzt ist. Ich denke, es ist das einzige Beispiel in der Geschichte, in dem Küsse Bronze abnutzen.
Der etwas vorgerückte Fuß, der geküsst wird, ist abgenutzt und geglättet. Und was noch schöner ist, ist, dass am Fest des hl. Petrus diese Figur mit den päpstlichen Ornamenten bekleidet wird. Sie hat also eine Tiara, sie ist gekleidet, als wäre sie ein lebender Papst, um auf die großartige und offensichtliche Solidarität und Kontinuität hinzuweisen, die vom hl. Petrus bis zum Papst unserer Tage geht.
Was sollen wir heute machen? Im Geiste den Fuß dieses Bildes küssen. Das heißt, im Geiste das Papsttum, im Geiste dieses Prinzip der Weisheit oder der Unfehlbarkeit der Autorität küssen, das die katholische Kirche regiert. Und durch die Muttergottes, Unserem Herrn Jesus Christus für die Einsetzung dieser Unfehlbarkeit dieses Stuhls zu danken, der in der Tat die (tragende) Säule der Welt ist. Denn wenn es keine Unfehlbarkeit gäbe, wäre die Welt völlig verloren, die Kirche wäre zerbrochen und mit ihr wäre die Welt verloren, wie auch der Weg zum Himmel. Denn die Menschen würden den Weg in den Himmel nicht finden, wenn es keine unfehlbar regierende Autorität gäbe.
Doch eine Sache, an die wir uns erinnern müssen, ist folgende: Die Treue zum Stuhl ist unter allen Umständen nicht zu verwechseln mit der bedingungslosen Akzeptanz dessen, was die Person tut. Unser Herr Jesus Christus unterscheidet zwischen dem Stuhl und der Person. Obwohl der Papst der Meister selbst ist und die Macht des Stuhls in ihm wohnt, ist nicht alles in ihm Stuhl, und wir können uns die Kirche nicht vorstellen, wie sie von unserem Herrn Jesus Christus nicht gemacht wurde. Die Kirche wurde von unserem Herrn Jesus Christus auf diese Weise geschaffen.
Deshalb muss unsere höchste Treue zur Kathedra Petri wie folgt sein: Wenn ein Lehrmeister wie Pius IX. etwas tut, was die Kathedra nicht gelehrt hat, mit wem sollen wir bleiben? Mit dem Stuhl oder mit dem Lehrmeister? Mit dem Stuhl, bis zum Tod, mit der Gewissheit, dass der Stuhl nie den Meister verlässt; der Meister aber kann manchmal den Stuhl verlassen. Und deshalb kann man keine abstrakte Treue zum Papsttum haben, die keine konkrete Treue zum gegenwärtigen Papst ist, in jedem Maß, in dem er unfehlbar ist und die Macht hat, die katholische Kirche zu leiten und zu regieren.

Plinio Correa de Oliveira, Vortrag „Heiliger des Tages“ am 22. Februar 1964.

Freie Übersetzung aus dem Portugiesischen. Der Originaltext ist die Abschrift einer Aufzeichnung, wurde vom Urheber nicht revidiert.

Bild: https://www.flickr.com/photos/paullew/5467740334/

Freitag, 2. März 2012

Eine Beobachtung des hl. Johannes Bosco erklärt
den Ursprung der Revolution

    Die Zeitschrift „Cruzado Español“ ehrte mich mit der Veröffentlichung eines großen Teils meiner Studie „Revolution und Gegenrevolution“. Dies zeigt mir, dass die Leser dieser Zeitschrift an diesem Thema interessiert sind. So möchte im folgenden Beitrag eine Frage behandeln – wenn auch etwas oberflächlich –,  die mit dem Thema meiner Studie in enger Beziehung steht. Leider kann ich sie hier nicht so ausführlich behandeln, wie ich es wünschte.

*    *     *

    Ich fange auf eine vielleicht unerwarteten Weise an.
    Als ich die Schriften des hl. Don Bosco durchblätterte, fand ich folgende merkwürdige Beobachtung: „Zunächst, was die Bösen betrifft, werde ich nur eines sagen, was vielleicht unglaubwürdig erscheint, aber doch reine Wahrheit ist, so wie ich sie beschreibe. Nehmen wir an, dass unter 500 Schülern einer Schule es einen gibt, der ein schlechtes Leben führt. Es kommt ein neuer hinzu, der ebenfalls verdorben ist. Beide kommen aus ganz verschiedenen Regionen, entfernte Ortschaften, sind sogar verschiedener Nationalitäten, haben unterschiedliche Kurse gemacht, haben sich nie gesehen und kennen sich gar nicht. Trotz all dieser Unterschiede könnt ihr sie am nächsten Tag oder sogar nach einigen Stunden in der Pause zusammen sehen; sie haben Freundschaft geschlossen. Es scheint als würde ein böser Geist ihnen verraten, wer mit der gleichen eigenen Schwärze befleckt ist, oder, es ist wie ein teuflischer Magnet, der sie zu eine engen Freundschaft zusammenführt. Das ,sage mir mit wem du gehst, und ich sage dir wer du bist‘ ist ein sehr leichtes Mittel die befleckten Schafe herauszufinden, bevor sie sich in reißende Wölfe verwandeln.“

    Das gilt vielleicht nicht für normale Schulen, doch dieses Zeugnis versetzt uns in die Gegenwart einer Tatsache, die nicht schwer zu beobachten ist, selbst unter Erwachsenen, in den Routineepisoden des Alltags oder sogar in großen historischen Ereignissen. Wenn das Böse eine gewisse Tiefe der Seele erreicht, bekommt diese einen Scharfblick, der es ihr erlaubt über gewissen Anzeichen, die anderen bedeutungslos erscheinen, schon von Weitem seinesgleichen zu erkennen. Der genannte Scharfblick verbindet sich mit einer anderen Eigenschaft: eine gegenseitige Anziehung, die sie schnell zu einem engen Miteinander vereint, trotz aller Unterschiede, die sie trennen könnten, wie Wohnort, Nationalität, Alter usw. Es ist leicht festzustellen, wie aus der Verbindung solcher Elemente, auf natürliche Weise eine Gruppe, sogar eine Strömung entsteht, die wie ein Tumor sein Gift verbreitet.

1. Das Miteinander hebt die Eigenschaften hervor – In der innigen Freundschaft der Gruppe bildet sich durch den gegenseitigen Wetteifer eine gänzlich entgegengesetztes Ambiente zur Umwelt in der sie sich befinden.

2. Die Hervorhebung der Eigenschaften erzeugt den Hass – Dieser Unterschied mit der Umwelt erzeugt notwendigerweise Antipathien, Reibungen, Hass gegen die Mehrheit. Dieser Hass kann sich aus Gründen der Zweckmäßigkeit verdeckt halten. Doch in manchen Fällen (nicht immer) erhöht die Notwendigkeit des Schweigens die vergiftende Wirkung.
3. Der Hass wiegelt zum Kampf auf – Dies ist eine zwingende Konsequenz. Wer sich nicht wohl fühlt in einer Umgebung, bemüht sich, sie zu verändern. Und wenn er Hindernisse vorfindet, bemüht er sich, sie zu beseitigen. Wenn sie sie nicht friedlich beseitigen lassen, kommt es zum Kampf.

4. Der Kampf führt zum Proselytismus und zur Vereinigung der Kräfte – Es ist natürlich, dass eine Gruppe schlechter Menschen die Gleichgesinnten anzieht wie ein Magnet, wie es der hl. Don Bosco beschrieben hat. Es ist aber auch ganz natürlich, dass durch die Tendenz alles lebendigen sich zu entfalten, sie auf der Suche nach neuen Soldaten für den Kampf ist, und die Zahl der Anhänger zu vergrößern versucht. Die Vereinigung der Kräfte kommt von einem natürlichen Gesetz, so dass es hierfür keiner Erklärung bedarf.

5. Aus der Dauerhaftigkeit dieser Bemühungen entsteht eine Organisation – Auch das ist einleuchtend. Elemente, die dauerhaft unter sich verbunden sind durch eine tiefe Affinität der Gedanken, Einheitlichkeit der Ziele und einen engen Zusammenschluss der Bemühungen, werden bald ein ideologisches System hervorbringen, ein gemeinsames Aktionsprogramm und -techniken aufstellen und ein leitendes Organ bilden. In diesem Moment ist der Weg vorgezeichnet, der von der einfachen Tatsache, dass einige "Böse" existieren, die ihre Existenz untereinander ahnen und sich zusammentun, bis hin zur Bildung eines Vereins, einer Organisation. Geheim wie die Freimaurer, Halbgeheim wie der Jansenismus oder der Modernismus es waren, offen wie der Protestantismus oder der Kommunismus, nimmt sich dieser Verein vor, auf allen Gebieten – auf ideologischem, der Kunst, sozialem, wirtschaftlichem usw. – seine Ziele zu erreichen. Mit einem Wort, unternimmt Revolution.

Der Hass gegen das Gute

    Der Motor all dieser Folgen von Phänomenen ist der Hass gegen das Gute. Dieser Hass wird geboren aus der Perversion, wenn diese einen bestimmten Tiefengrad erreicht hat.
    Ich bestehe auf diese Behauptung. Und ich weiß, wenn die Perversion eine gewisse Tiefe erreicht hat, erweckt sie diese mysteriöse Fähigkeit zum gegenseitigen Finden und Organisieren, die der hl. Don Bosco beschreibt und die der Ausgangspunkt jeder organisierten Revolution ist. Eine große Zahl Menschen sympathisiert mit den Guten; wenn sie eine Sünde begehen, fühlen sie Scham und Traurigkeit. Von diesen, solange sie nicht moralisch tiefer fallen, ist keine Verschwörung zu befürchten. In anderen Verletzt die Perversion schwer die Demut, bis hin zur zynischen Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde, und sogar eine Rebellion gegen die Guten und das Gute.
    Man sage nicht, dass es einem rationellen Wesen nicht möglich ist, das Gute zu hassen. Es ist angebracht hier die „Unterscheidungen“ zu nennen, die das Thema beinhaltet. Erinnern wir nebenbei daran, dass, wenn es so wäre, hätten die bösen Engel, Gott, das höchste Gut, nicht gehasst. Außerdem kann diese Aversion, einer einfachen Antipathie entsprechen. Diese kann Missverständnisse, Reibungen, Zwischenfälle hervorrufen, ohne deshalb schon eine Verschwörung oder einen Kampf herbeizuführen. Es gibt aber auch Fälle, in denen eine sehr aggressive Haltung vorkommen kann. Hier scheint der Hass Kains gegen seinen Bruder Abel charakteristisch zu sein. Mehr noch der Hass des Sanhedrin gegenüber Unseren Herrn.
    Um von dieser erhabenen Tatsache zu einer gegenwärtigen zu kommen, erinnere ich mich einer Meldung, die ich kürzlich gelesen habe. In den USA überfiel eine Gruppe Play-girls eine junge Kollegin und versetzten sie in einem erbärmlichen Zustand. Von der Polizei befragt, erklärten die Missetäterinnen, eigentlich nichts gegen das Opfer zu haben. Der einzige Grund ihres gewalttätigen Verhaltens war, das ihre Kollegin dermaßen korrekt und beispielhaft in ihren Schulverpflichtungen, in ihrem Benehmen, in ihrer Kleidung war, dass die einfache Tatsache ihrer Gegenwart unausstehlich für sie war. Wenn wir uns diese temperamentale Haltung, nicht bei Furien ohne Vernunft und Gelassenheit vorstellen, sondern bei ausgeglichenen, klugen und eisernen Persönlichkeiten, werden wir das entdeckt haben, was eine mächtige und gefährliche Organisation hervorbringt, die das Ende einer historischen Epoche verursachen kann.
    All diese Erwägungen sind allgemein bekannt, vor allem wenn individuell analysiert. Doch präsentieren sie sich gewöhnlich vereinzelt und verwirrt. Werden sie aufgedeckt und in einem Block von Lehren und Beobachtungen zusammengeführt, vernehmen wir etwas neues. In wenigen Worten möchte ich aufzeigen, in was dieses etwas besteht.

Sympathie und Mitschuld der Gemäßigten

    Nachdem, was wir bis jetzt gesehen haben, wurden zwei Aspekte hervorgehoben: Einer bringt die Revolution hervor; der andere, angesichts der Revolution, zu welcher Handlung verleitet er?
    Anhand des Prinzips der Anziehungskraft des Bösen durch das Böse (simile simili gaudet), das eigentlich die Grunderklärung des vom hl. Don Bosco beobachteten Phänomens ist, kann man folgern, dass das subtile Böse vom mächtigeren angezogen, hypnotisiert und beherrscht wird. So erklärt sich, dass die gemäßigten Strömungen der Revolution niemals ernsthaft und durchhaltend gegen die extremen Strömungen kämpfen. Die Girondisten des 18. Jahrhunderts, die Anhänger der parlamentarischen Monarchie in England im 19., die Anhänger des Kerensky im 20. Jahrhundert, wenn sie vor die Revolution gestellt werden, gaben sie immer nach, selbst wenn sie mit Waffen gegen sie gekämpft hatten und sie für einige Zeit besiegt hatten. So besiegte die französische Bourgeoisie die Pariser Kommune und schien der Revolution einen Damm entgegenzusetzen. Doch sobald sie an die Macht kam, favorisierte diese gleiche Bourgeoisie den Vormarsch des revolutionären Prozesses. Mehr noch. Angesichts der Revolution und der Gegenrevolution, schweben die moderaten Revolutionäre ohne sich zu entscheiden und versuchen absurde Versöhnungen vorzuschlagen. Am Ende begünstigen sie systematisch die erste gegen die zweite.
    Wie erklärt sich das, wenn doch so oft die höchsten und offenkundigsten wirtschaftlichen Interessen, die ehrenhaftesten Auszeichnungen, die tiefe traditionelle Bildung, nahe und zärtliche verwandschaftliche und freundschaftliche Gründe die Moderaten dazu bringen sollten, sich der Gegenrevolution anzuschließen? Wie viele talentierte Menschen gab es in den Reihen der Mäßigen, die jede Intellektuelle Möglichkeiten hatten, einzusehen, dass ihr ewiges Nachgeben sie in den Abgrund führte, und mit ihnen ihre ganze Nachkommenschaft. Und doch gaben sie systematisch nach, als ob dieser Abgrund sie faszinierte. Warum?
    Die Antwort auf diese Frage würde den wesentlichen Grund der systematischen Siege der Extremisten im revolutionären Prozess erklären, denn diese waren immer oder fast immer eine Minderheit, mit wenig Glanz oder spärlichen finanziellen Mitteln ausgestattet. Ihre Siege waren in der Mehrheit der Fälle das Ergebnis der Schüchternheit, der Blindheit und der Resignierung der Mäßigen, die in der Regel reich, einflussreich,  zahlreich waren, aber stets zur Hilfe der Extremisten bereit. Sie bevorzugten eher alles, als die Reihen der GR ernsthaft zu unterstützen, die in der Regel ebenso nicht zahlreich waren und auch nur über karge Mittel verfügten.
    Sicher sind Untätigkeit und Angst die Eigenschaften der reichen Klassen und erklären in etwa dieses Phänomen. Für uns aber erklärt das nicht alles. Denn, auf der einen Seite sind nicht alle reichen Klassen schwankend und ängstlich. Zum Beispiel, war der europäische Adel in der Zeit der Kreuzzüge und der Reconquista von dieser Krankheit nicht befallen. Es sind also die dekadenten Eliten, die an diesem Übel erkranken.

Antipathie gegenüber der Gegenrevolution

    Doch auch die Angst der dekadenten Eliten erklärt nicht alles. Es ist offenbar, wenn sie auf der einen Seite Angst vor dem revolutionären Extremismus haben, so äußern sie beiläufig und unbeabsichtigt Sympathiegedanken für diesen Extremismus. Auf der anderen Seite zeigen sie gegenüber dem gegenrevolutionären Radikalismus keine Angst, aber systematische und nicht verheimlichte Antipathie. Diese so beständige und impulsive Sympathie und Antipathie spielen unweigerlich eine Rolle, die man nicht unterschätzen darf, wenn man die Haltung der revolutionären Gemäßigten in Betracht zieht.
    Wie erklärt sich diese Sympathie? Nach was richtet sie sich? Die Gemäßigten, die anscheinend dem Geld, der Gesundheit und den revolutionären Belustigungen sehr anhängen, befürchten nur wenige Ansteckungspunkte. Sind sie in diesem Fall uneigennützige Idealisten (im schlechten Sinn des Wortes)? Dem Anschein nach, nicht. Doch die Tatsachen, genau beobachtet, zeigen, dass sie in gewisser Weise es sind, und das dieser "Idealismus" eine tiefgründige Rolle in ihre Psychologie und in ihren Handlungen spielt. Auf welche Weise?
    Der revolutionäre Geist besteht aus einer schweren doktrinären und moralischen Missbildung. Trotz der Koexistenz in vielen Fällen mit unversehrten Bräuchen und eindeutiger Ehrlichkeit im Handeln. Der hl. Pius X. in seiner Enzyklika "Pascendi" richtet seine Aufmerksamkeit auf diesen Punkt, was die Modernisten betrifft. Wer diese Geisteshaltung besitzt, wenn auch nur durch Anteilnahme, fügt sich in die mysteriöse Dynamik des Bösen ein, die vom hl. Don Bosco beschrieben wird. Die revolutionäre Geistes-haltung, bringt selbst in gemäßigter Form diese Fähigkeit der Erkenntnis und der dynamischen Artikulierung hervor. Dieses Phänomen ist eine tiefe Antipathie, wenn auch diskret und fast unbemerkt, gegen alles was sich der Revolution entgegensetzt.
    Diese Antipathie hat die Eigenschaft, dass sie sich nie irrt: jede auch noch so subtile und verschleierte gegenrevolutionäre Äußerung wird von ihr ausgesondert, verworfen und angefeindet. Und deshalb, ohne dass dieses Opfer die Initiative ergreift ihre eigenen Interessen der Revolution zu opfern, akzeptiert sie sie jedoch ohne zu protestieren und tröstet sich vielleicht sogar dadurch, das ihre tiefe Antipathie zur Gegenrevolution durch die Fortschritte der Revolution Genugtuung erfährt.
    Diese Tatsache ist erstaunlich. Sie wäre nicht glaubhaft, wenn sie in der Welt nicht offensichtlich wäre. Wie viele aristokratische oder bürgerliche Sippen gibt es, die von der Revolution zerstört und vertrieben wurden, und auf jeglichen Kampf verzichten, aber resigniert, schier froh, dahinleben, in einer verborgenen und fast proletarischen Existenz, perfekt integriert in der modernen revolutionären Welt, dessen Opfer sie selbst sind. Ich denke hier an die unzähligen Russen im Exil und besonders an so viele Priester der schismatischen orthodoxen Kirche, die sich um nichts anderes kümmern, als um zu einer Einigung mit dem Kommunismus zu kommen. Mutlosigkeit? Zum Teil schon. Aber ohne Zorn, fast mit Freude, in der man klar das Lächeln einer geheimen, vielleicht unterbewussten Sympathie durchschaut. Man sieht hier klar, dass die Weltgeschichte nicht von Interessen regiert wird, und dass sie nicht hauptsächlich aus Interessenkonflikte besteht, sondern aus Prinzipien, einem Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum, Gut und Böse zwischen Licht und Finsternis.

Die Rolle des Teufels

    Welche Rolle spielt der Teufel in diesem Kampf? Oder, wenigstens, wie wirkt er in dem vom hl. Don Bosco beschriebenen Phänomen?
    Im zitierten Text nimmt der Heilige die Mitwirkung des Teufels als plausibel an. Unserer Meinung nach sind wir überzeugt, dass sie immens ist. Doch dieser Aspekt des Themas ist nicht Teil dieses Artikels, in dem wir kurz die psychologischen Umrisse aus Sicht der natürlichen Ordnung skizzieren wollten, die autonom aktiv sind, auf die aber der Teufel seinen Einfluss ausüben kann und es sehr oft tut mit äußerster Wirksamkeit, um aus den Menschen gefügige Instrumente und Opfer der Revolution zu machen, deren Urheber er war und der wichtigste Faktor ihres Fortschreitens ist.

Originaltitel: „Una observación de San Juan Bosco esclarece la causa de la Revolución“ in „Cruzado Español“, Madrid, Nr. 55-56 vom 1. und 15. Juli 1960, S. 1.