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Freitag, 12. August 2022

Entdeckung und Kolonisierung Amerikas:

...ruchloses Unterfangen oder großartige Zusammenarbeit für den Fortschritt der Zivilisation?


Plinio Corrêa de Oliveira

    Zur Überraschung vieler ist der 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas kein unumstrittener Grund zum Feiern. In bestimmten Publikationen der katholischen Linken werden die Konquistadoren von Helden zu Schurken gemacht. Sie heben ihre Grausamkeiten hervor, nicht aber ihren Mut und ihre zivilisatorische Arbeit. Und die selbstlosen und verdienstvollen Missionare, die die Indianer zum katholischen Glauben bekehrten, werden von den Anhängern der Befreiungstheologie als Urheber eines schädlichen Unternehmens hingestellt.

      Der argentinische Journalist Horácio Black interviewte zu diesem Thema, das in katholischen Kreisen heftig umstritten ist, für die Radiosender der spanisch-amerikanischen Länder den bedeutenden katholischen Denker Prof. Plinio Corrêa de Oliveira, Präsident des Nationalrates der TFP und emeritierter Professor für moderne und zeitgenössische Geschichte an der Päpstlichen Katholischen Universität von São Paulo. Aus diesem erhellenden Interview heben wir die Fragen und Antworten hervor, die für die Leser aus der portugiesisch-brasilianischen Welt von größtem Interesse sind.

* * *

Kolumbus entdeckt Amerika

      Horácio Black: Was ist Ihre Meinung, Herr Professor, über das Vorgehen der Konquistadoren in Amerika?

      Prof. Plinio Corrêa de Oliveira: Über das Handeln der Entdecker und Eroberer Amerikas gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, und man kann schon sehen, dass der Ausgangspunkt dieser Divergenz im Moment der Unterschied zwischen den Konzepten der Befreiungstheologie und den traditionellen Betrachtungsweisen dieser Realität ist.

      Aber auch unter Geschichtskritikern, die die Dinge aus einem anderen Blickwinkel als dem der Befreiungstheologie analysieren, gibt es Meinungsverschiedenheiten über die Art und Weise der Würdigung der Eroberer Amerikas.

      Um diesen Unterschied zu verstehen, muss man die Epoche berücksichtigen, in der die Giganten der Seefahrt und der Eroberungen in die Geschichte eingegangen sind.

      Dies geschah Ende des 15. und im 16. Jahrhundert. Genau eine Zeit, in der andere historische Bewegungen von großer Bedeutung stattfanden. Die Schiffseefahrten und Entdeckungen können nicht aus diesem Bild herausgenommen werden, als ob sie nichts mit den anderen Phänomenen zu tun hätten, denn sie bilden alle ein Ganzes.

      In dieser Zeit gab es in der Tat große religiöse Bewegungen. Das Mittelalter war noch in greifbarer Nähe, und folglich hatten religiöse Belange im menschlichen Geist die Bedeutung, die sie hätten haben sollen und die sie in späteren Jahrhunderten leider verloren haben.

      So waren das fünfzehnte und vor allem das sechzehnte Jahrhundert von religiösen Unruhen geprägt, die in der protestantischen Reformation mit all ihren Irrtümern, Abweichungen und Grausamkeiten mündeten.

      Aber auf der anderen Seite fanden solche Irrtümer als Reaktion die katholische Gegenreformation, bei der die Spanier eine glänzende Rolle spielten. Die Namen des heiligen Ignatius von Loyola, der heiligen Teresa von Jesus und des heiligen Petrus von Alcântara reichen aus, um eine Vorstellung von der Bedeutung der Spanier in der Gegenreformation zu vermitteln, neben denen unsere portugiesischen Vorfahren eine wichtige Rolle spielten.

      Wie der Name schon sagt, war die Gegenreformation eine religiöse Bewegung der Abwehr der Reformation, der Verteidigung, der Erhebung und in gewissem Sinne auch der Wiederherstellung der Werte und der ewigen Prinzipien der katholischen Kirche. Dies geschah nicht ohne Erschütterungen. Diese Auseinandersetzungen haben ihrerseits zu Grausamkeiten geführt, sowohl auf Seiten der einen als auch auf Seiten der anderen. Aber man wird deshalb nicht sagen, dass die großen Gestalten der Gegenreformation, wie die großen Agitatoren der Reformation, nichts als Verbrecher waren. Dies wäre eine Gesamtbetrachtung, die eine vernünftige Geschichtsschreibung rundweg ablehnen würde.

      Konkret gab es bei der Navigation, den Entdeckungen und der Kolonisierung großartige Aktionen, aber auch sehr verwerfliche Aspekte. Es gab große Grausamkeiten, aber auch außergewöhnliche Akte der Barmherzigkeit und Großzügigkeit. Man muss bedenken, dass beide Aspekte von Menschen praktiziert wurden, die diesen Widerspruch oft in sich selbst trugen.

Pater José de Anchieta in Brasilien
      Horácio Black: Herr Professor, der 12. Oktober wird in den drei Amerikas seit jeher als der Tag gefeiert, an dem der amerikanische Kontinent in die große Familie der Nationen, die die zivilisierte Welt bildeten, aufgenommen wurde. Es gibt jedoch eine Strömung, die von der so genannten Befreiungstheologie unterstützt wird, die den 12. Oktober 1492 als das Datum betrachtet, an dem die Unterdrückung der indigenen Völker Amerikas begann. Was ist Ihre Meinung dazu?

      Prof. Plinio Corrêa de Oliveira: Ich bin der Meinung, dass die von der Befreiungstheologie inspirierte Strömung sich in der historischen Bewertung irrt, und zwar aufgrund der Fehler, die sie in der theologischen Bewertung begeht. Das heißt, dass sie aufgrund ihrer theologischen Fehler in historische Fehler verfällt.

      Die Befreiungstheologie hat in Bezug auf die menschliche Natur und die Richtung, die die Geschichte nehmen muss, eine ganz andere Sichtweise als die eines wahren Katholiken. Für letztere muss der Mensch ständig fortschreiten, aber dieser Fortschritt besteht darin, die Erde in den Dienst des Menschen zu stellen. Und der Mensch muss sich seinerseits in den Dienst Gottes stellen, damit Gott die ganze Schöpfung regiert.

      Die katholische Lehre betrachtet den Menschen als König der Natur, die im Dienste des Menschen steht. Wenn der Mensch sich in die richtige Position zur Natur bringt, ist er verpflichtet, sie nach den Bedürfnissen und Vorteilen seiner eigenen Entwicklung zu nutzen: seiner intellektuellen Fähigkeiten, seines Willens und seiner Sensibilität. Auf diese Weise erreicht er die moralische Vollkommenheit, die Heiligkeit, ebenso wie er die Vollkommenheit aller anderen Aspekte der menschlichen Natur erreicht.

      Wenn der Mensch tugendhaft handelt, tut er dies mit dem richtigen Gleichgewicht, um die Zerstörung der Natur zu verhindern. Außerdem wird er sie zu seinem eigenen Vorteil perfektionieren. So geschieht es zum Beispiel in der Botanik, wenn mit bekannten technischen Mitteln Pflanzensorten erzeugt werden, die es nur gibt, weil der Mensch die Natur bearbeitet hat, und die durch das spontane Spiel der Natur niemals entstehen würden.


Zum Anlass des fünften Jahrhunderts der Entdeckung Amerikas 1992 
veröffentlichten die spanischen und portugiesischen amerikanischen 
TFPs eine Studie, in der sie auf die Wohltaten der katholischen Kolonisierung 
Amerikas hinweisen. Das Buch trägt de Titel: „Die fünfte Jahrhundertfeier 
angesichts des 21. Jahrhunderts.  – Authentische Christenheit oder 
kommunistisch-tribale Revolution. Die große Alternative unserer Zeit.“

      Unter diesem Gesichtspunkt ist es verständlich, dass das Werk der Entdecker und Kolonisatoren Amerikas von den Anhängern der katholischen Lehre und von der großen Mehrheit der Historiker als ein sehr gutes Werk angesehen wird.

      Warum ist das so? Weil der Europäer hierher kam und seine Macht über die Natur ausübte, indem er die gesamte Menschheit durch die Früchte Amerikas voranbrachte. Auf diese Weise hat er einen großen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit und damit zum Aufwärtsmarsch der Geschichte hin zu den Zielen, die Gott dem Menschen gesetzt hat, geleistet.

      Für die Anhänger der Befreiungstheologie oder der Ökologie hingegen war das Werk der Entdecker und Kolonisatoren fatal.

      Nach der Lehre der Befreiungstheologie, die der der Ökologie sehr nahe steht, ist der Mensch derjenige, der der Natur zu Diensten sein muss; es ist die Natur in ihren niederen Tier-, Pflanzen- und Mineralreichen, die vom Menschen gepflegt und in Ordnung gehalten werden muss. Und zwar so, dass die Natur nicht mehr vom und für den Menschen verbogen und gezähmt wird, sondern dass der Mensch leben muss, um die Natur intakt zu erhalten.

      Die Natur soll sich - immer im Sinne dieser theologischen Strömung - in ihrer Spontaneität entwickeln. Denn dies wäre eine richtige Spontaneität, man könnte fast sagen eine paradiesische Spontaneität, von der aus alles in der natürlichen Ordnung gut gehen sollte. Die einzige Verantwortung des Menschen bestünde darin, eine gewisse Wachsamkeit walten zu lassen, um zu verhindern, dass an bestimmten Punkten ein Ungleichgewicht, eine Störung entsteht. Er würde der Hüter der Natur sein, sie so wenig wie möglich berühren und so bescheiden wie möglich von dem leben, was die Natur ihm bietet. Und das in einem wirklich primitiven, wilden Zustand.

      Das ist aber völlig falsch!

      Nach dieser öko-theologischen Konzeption kommt man zu dem Schluss, dass der wilde Zustand der ideale Zustand für den Menschen ist. Nach der katholischen Lehre hingegen besteht der perfekte Zustand für ihn darin, zivilisiert zu sein.

      Es ist unbestreitbar, dass es in unserer heutigen Zivilisation zahlreiche Mängel gibt, die behoben werden müssen. Als Zivilisation muss sie jedoch in vielen ihrer Grundzüge und auch in einigen ihrer Details bewahrt werden.

      Für die Befreiungstheologie geht es jedoch darum, sich auf den Zustand der Wildheit hin zu bewegen. Bei einer solchen Auffassung ist es klar, dass die Indianer, weil sie zivilisiert wurden, geschädigt wurden.

      Daraus schließen die Öko-Theologen, dass Amerika nicht hätte entdeckt werden dürfen, dass es durch die Entdeckung durch die Europäer nichts gewonnen hat und dass es falsch war, die Wunder der Neuen Welt dieser Zivilisation anpassen zu wollen. Was eine Aberration ist.

 

 

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) von „Descobrimento e colonização da América“ in Catolicismo, Nr. 503, November 1992, Jahrgang 42, S. 11f.

Diese deutsche Fassung „Entdeckung und Kolonisierung Amerikas…“ erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

  

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Der revolutionäre Charakter der CEBs



https://www.paroquiaclaret.com.br/comunidades-eclesiais-de-base-cebs/
  
[Anfang der 1980er Jahre] fand die Befreiungstheologie, auch nach der Verurteilung durch Johannes Paul II. in Puebla, in den kirchlichen Basisgemeinden (CEBs) ihre mächtigste Ausdrucksform. In der Presse wurden sie als die große, aufstrebende Kraft in Brasilien hingestellt. Im Namen des Evangeliums setzten sie sich für den Klassenkampf und marxistisch geprägte soziale Veränderungen in Brasilien ein.
Die wirkungsvollste Denunzierung der revolutionären Aktion der kirchlichen Basisgemeinden ging von dem Buch „Die CEBs, von denen viel gesprochen wird, aber wenig bekannt ist – Die TFP beschreibt sie, wie sie sind“ aus, das im August 1982 erschien und sofort im ganzen Land verbreitet wurde. Der Studie der Brüder Gustavo und Luis Sérgio Solimeo ging ein von Plinio Corrêa de Oliveira verfasster erster Teil voraus, in dem der Vorsitzende der TFP die Ziele der CEBs im brasilianischen Kontext vorstellte und auf die Funktion einer „fünften Gewalt“ hinwies, die der Bischofskonferenz als Werkzeug der CEBs in Brasilien zukam.[1] Danach untersucht das Werk, gestützt aus umfangreicher Dokumentation, die Entstehung, die Organisation, die Lehre und die Aktion der Basisgemeinden. Daraus geht deutlich der subversive Charakter der kirchlichen Basisgemeinden hervor, die die Besetzung von Grund und Boden in Stadt und Land, Aufstände in Fabriken sowie Einschüchterungen und Agitation aller Art mit dem Ziel betrieben, das in Brasilien herrschende politisch-soziale Regime zu stürzen. Plinio Corrêa de Oliveira beschrieb das Vorgehen der CEBs als einen „Kreuzzug ohne Kreuz“.
http://comunidade-cebs.blogspot.com/p/blog-page.html
„Im Wesentlichen geht es den CEBs um einen politischen Kreuzzug (...), der keineswegs den Übergang vom legalen bürgerlichen Kampf zur Anwendung von Gewalt ausschließt, wenn es denn keine anderen Mittel mehr gibt, die angestrebten Reformen durchzusetzen.“
Der spanische Historiker Ricardo de la Cierva beschreibt in seinem Buch „Jesuiten, Kirche und Marxismus“ folgendermaßen die wichtigsten Aspekte der TFP-Studie: „Der ideologische Schlüssel der Basisgemeinden ist fast immer in der Befreiungstheologie zu suchen. (...) Wenngleich sie von ihren Förderern als eine Reihe loser Punkte hingestellt werden, weisen die Gelehrten der TFP nach, dass es sich in Wirklichkeit um ein wohl geordnetes Netz handelt, das seine Anregungen vom linken Flügel der Bischofskonferenz erhält. (...) Einer der Schlüssel der Basisgemeinden besteht in der schismatischen Tendenz, eine neue Kirche zu bilden, die im Gegensatz zur traditionellen Kirche steht.“[2]
Der spanische Historiker zeigt sich auch von der Unterstützung überrascht, die die institutionelle Kirche diesen aufsässigen Basisgemeinden angedeihen ließ: „Die brasilianische Bischofskonferenz ist die mitgliederstärkste auf der Welt. (...) Sie wird von einer ,schweigenden Mehrheit‘ gebildet, die meistens von einer linken, liberationistischen Minderheit beherrscht wird, zu der höchstens 60 Bischöfe gehören, die aber bei den Entscheidungen oft die ‚Mitte‘ auf ihre Seite zu ziehen versteht. (...) Das ist derselbe linke Flügel des brasilianischen Episkopats, der die Bewegung der Basisgemeinden kontrolliert, die in der brasilianischen Gesellschaft eine völlig neue Form politischen Wirkens eingeführt haben, die die Basisgemeinden als Ganzes zu einer ,aufstrebenden Kraft bei den Wahlen‘ macht.“
Am 6. August 1984 hat die Glaubenskongregation die Instruktion Libertatis Nuntio veröffentlicht, in der die „Befreiungstheologie“ endgültig verurteilt wird. Darauf folgte am 22. März 1986 eine zweite Instruktion, Libertatis Conscientia, über die christliche Freiheit und Befreiung; sie sollte als eine „positive“ Stellungnahme zu dem angesprochenen Thema verstanden werden. Die beiden von Johannes Paul II. genehmigten Schriften bilden eine einzige Botschaft, die einen Schlussstrich unter die Ansprüche der neuen theologischen Strömung und der von dieser inspirierten Bewegung der kirchlichen Basisgemeinden setzt.
Der doktrinäre und praktische Beitrag der TFP zum Kampf gegen die Befreiungstheologie in Lateinamerika ist nicht zu leugnen. Zehn Jahre nach dieser Denunzierungskampagne hat P. Joseph Comblin, einer der Vorläufer der Befreiungstheologie, der von der TFP mehrmals denunziert worden war, in einem Interview zugegeben, dass die CEBs 1993 endlich „im abseits stehen und überall gegeißelt und niedergeschmettert werden. Heute bilden sie lediglich Minderheiten ohne Einfluss in der Gesamtheit der örtlichen Kirchen“.

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1 Plinio Corrêa de Oliveira besteht auf der Tatsache, dass der moderne Staat vor allem in Brasilien neben den drei herkömmlichen Gewalten (Exekutive, Legislative und Judikative) von zwei weiteren, zwar „informellen” aber nichtsdestoweniger einflussreichen Gewalten beherrscht wird: von den Kommunikationsmitteln und dem Episkopat. „In einem kürzlich erschienen Buch habe ich behauptet, dass es in Brasilien nicht nur die drei Gewalten Exekutive, Legislative und Judikative gibt, sondern noch zwei weitere, die heute einen weitaus größeren Einfluss auf die Öffentlichkeit ausüben. Die vierte Gewalt ist die Publizistik, deren Prestige sich vor allem auf die Gutgläubigkeit der Einfältigen als auf die Zustimmung der wirklich Gebildeten stützt. Die fünfte Gewalt ist die CNBB, die von wenigen, ehrenvollen Ausnahmen abgesehen, mehr ihren Einfluss mehr auf die Leichtgläubigen als auf die wirklichen Männer des Glaubens ausübt.“ (Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, „Prevenindo para tonificar“, in Folha de S. Paulo, 5. Juli 1983) Vgl. auch ders. „Ditatorialismo publicitário centrista“, in Folha de S. Paulo, 10. August 1983.

2 Ricardo DE LA CIERVA, Jesuítas, Iglesia y Marxismo, 1965-1985. La Teología de la liberación desenmascarada, Plaza & Janés Editores, Madrid 1986, S. 116-118.



Quelle: Roberto de Mattei: „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts: Plinio Corrêa de Oliveira. TFP-Büro Deutschland und DVCK e.V., Frankfurt, 2004, Kapitel V, Abschnitt 7, SS 200-202.