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Mittwoch, 19. April 2023

Wie ich meine Mentalität gebildet habe

von Plinio Corrêa de Oliveira

      Etliche Interviewer haben Prof. Plinio Corrêa de Oliveira immer wieder gefragt, wie er seine Geistesrichtung gebildet hat, also welche Bücher er gelesen oder welcher philosophischen Schule er gefolgt war. Seine Antwort ließ die Gesprächspartner erstaunt zurück: „Ich habe das Buch des Lebens gelesen“. Plinio Corrêa de Oliveira (1998–1995) hat keine Autobiographie geschrieben. Die grundlegenden Merkmale seines wunderbaren Lebens und seiner fruchtbaren Arbeit können jedoch durch die Tausenden von Vorträgen, Versammlungen, Treffen und Gesprächen skizziert werden, von denen wir die Abschriften haben. Einige dieser Texte wurden in einem Werk mit dem Titel „Minha Vida Pública“ (Mein öffentliches Leben) gesammelt, von dem wir einige Auszüge aus dem einleitenden Kapitel anbieten, das sich genau damit befasst, wie der bekannte katholische Denker seine Mentalität geformt hat.

Mit zwanzig Jahren voll ausgebildete ultramontane(*) Gesinnung

      Als ich 1928 in die Marianische Kongregation der Pfarrei Santa Cecilia (in der Stadt São Paulo) eintrat und damit anfing, Teil der katholischen Bewegung zu sein, kann ich sagen, dass ich bereits ein vollwertiger Ultramontaner war. Fast alle Ideen, die ich heute habe, hatte ich zumindest an der Wurzel schon. Im Alter von zwanzig Jahren hatte ich in der heutigen Welt bereits alles gesehen, gezählt, gemessen und gewogen. Seitdem gab es klärende Einsichten, angesichts der folgenden Ereignisse, aber nur Einsichten.

      Was waren meine Ideen?

      – Ich war überzeugt, dass sich nur ein radikaler Katholizismus lohnt, und dass ein Rosenwasser-Katholizismus nutzlos ist.

      – Ich war überzeugt, dass man nur katholisch ist, wenn man dem Papsttum absolut treu ist. Das ist die Substanz des Katholizismus.

      – Ich war überzeugt, dass die Kirche die Säule der Welt ist, sowohl der geistlichen und moralischen als auch der weltlichen Ordnung. Und dass daher nur aus der Kirche und ihrer Lehre, aus den Geboten und ihrem Lehramt eine wirksame Lösung für die Krisen in der Welt kommen konnte.

      – Ich war überzeugt, dass die aus dem Protestantismus hervorgegangene gesellschaftspolitische Organisation und ihre Fortsetzungen bis zum Kommunismus die Zerstörung der Zivilisation darstellten.

      – Ich war überzeugt, dass wir uns in einem sehr fortgeschrittenen Stadium dieses Zersetzungsphänomens befinden und dass eine große Krise ausbrechen würde, die das Ende der modernen Zivilisation bestimmen würde.

      – Vor allem war ich von der Wichtigkeit der Marienverehrung überzeugt, obwohl ich noch nicht die Abhandlung über die wahre Marienverehrung des hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort kannte, die mir die endgültige Bedeutung des Begriffs der Verehrung zur Muttergottes gab. Mir war jedoch sehr wohl bewusst, dass die Verehrung Mariens die herausragende Seite der katholischen Lehre in Fragen der Frömmigkeit und des geistlichen Lebens darstellte.

      – Endlich, — und das ist der charakteristischste Zug der Mentalität, die ich Gott sei Dank bereits erworben hatte —, hatte ich eine sehr klare Vorstellung von dem Unterschied zwischen Gut und Böse und von dem daraus resultierenden Kampf des Guten gegen das Böse in der Geschichte. Mein Wissen über die Aktionen der organisierten Kräfte des Bösen in diesem Kampf war noch unvollständig, ich hatte nur eine gewisse intuitive Vorstellung von ihrer Rolle in diesem Kampf.

      Wie entstanden diese Ideen in mir? Wie ist zu erklären, dass ein Brasilianer, der 1908 in São Paulo geboren wurde und in der brasilianischen Realität lebt, im Alter von zwanzig Jahren eine gegenrevolutionäre Mentalität hatte? Ich denke, die Erklärung, wie diese Ideen in meinem Kopf entstanden sind, könnte für Nicht-Brasilianer interessant sein, insbesondere für Europäer.

Meine Ideen entstanden nicht in Büchern, sondern aus der Beobachtung der Realität

      Diese Ideen sind in meinem Kopf entstanden, nicht wirklich durch das Lesen von Lehrbüchern, um sie dann auf die Tatsachen anzuwenden, sondern im Gegenteil: indem ich eine instinktive Haltung gegenüber den Tatsachen einnehme und später die darin enthaltene Lehre intuitiv erkenne.

     Mit anderen Worten, dieser Erkenntnisprozess vollzog sich nicht durch Schlussfolgerungen, sondern als Folge einer ersten Intuition, die bereits alles in sich trug, was sich später erklären würde. Es war also kein deduktiver Prozess, sondern ein intuitiver. Auf den ersten Blick habe ich alles gesehen, dann habe ich darüber nachgedacht und meine Schlüsse gezogen, wie ein Baum, der aus einem Samen wächst. Aber es war schon alles im ersten Blick enthalten.

      Das heißt natürlich nicht, dass ich Bücher verachte. Im Gegenteil. Ich halte es jedoch für einen groben Fehler, Kultur nur als Ergebnis der Menge gelesener Bücher zu betrachten. Lesen lohnt sich nicht so sehr bezüglich der Menge, sondern der Qualität der Bücher und vor allem von der Qualität des Lesers und der Art und Weise, wie er es tut. Ich behaupte, dass eine belesene, gut informierte Person möglicherweise weniger kultiviert ist als eine andere, die weniger Informationen, aber eine bessere Mentalität hat.

      Bildung vervollkommnet den Geist nur dann, wenn ihr eine tiefe Assimilierung folgt, die das Ergebnis sorgfältigen Nachdenkens ist. Diejenigen, die wenig gelesen, aber viel aufgenommen haben, sind kultivierter als diejenigen, die viel gelesen, aber wenig assimiliert haben. Aneignung geschieht durch Reflexion. Der Kulturmensch muss mehr als nur ein Container von Fakten, Daten und Namen sein, er muss ein Denker sein. Und für den wahren Denker ist das Hauptbuch die Realität vor seinen Augen. Der am häufigsten konsultierte Autor muss er selbst sein. Bücher sind kostbare, aber zweitrangige Elemente.

      Eine bloße Reflexion reicht jedoch nicht aus. Der Mensch ist nicht reiner Geist. Für eine nicht nur konventionelle Affinität gibt es eine Verbindung zwischen den höheren Realitäten, die er mit seiner Intelligenz betrachtet, und den Farben, Tönen, Formen, Düften, die er durch die Sinne aufnimmt. Die kulturelle Anstrengung ist erst dann vollständig, wenn der Mensch sein ganzes Wesen und die Umgebung, in der er lebt, mit den Werten erfüllt, die seine Intelligenz berücksichtigt hat.

Mein angeborenes Temperament war ruhig und liebevoll

      Von Natur aus bin ich sehr anhänglich und neige sehr dazu, mich an Menschen zu binden. In meiner kindlichen Unschuld stellte ich mir vor, dass die ganze Welt gut sei. Mit der Zeit erkannte ich, dass es eine Illusion war.

      Dieser oben beschriebene intellektuelle Prozess kann jedoch mein Temperament nicht ignorieren. Bevor wir über meine Ideen sprechen, müssen wir über mein Temperament sprechen.

      Mein Temperament würde ich als von Natur aus sehr ruhig fast bis zur Trägheit beschreiben, sehr ausgeglichen fast bis zur Unfassbarkeit, aber gleichzeitig sehr starr in einem: Für Dinge, die mir gut tun, gebe ich mein Bestes.

      Seit meiner Kindheit habe ich ein sehr tröstendes Temperament. Ich hasste Streit und Konfrontationen. Ich war auch sehr logisch veranlagt. Die Logik hat mir sehr gut gefallen.

Feierliches, ruhiges, ausgeglichenes, harmonisches familiäres Umfeld; die Rolle der Mutter Lucilia

      Dieses Temperament, diese Geisteshaltung wurde durch das familiäre Umfeld, in dem ich erzogen wurde, sehr begünstigt.

      Als ich begann, mich meiner selbst bewusst zu werden, waren die ersten temperamentvollen und emotionalen Kontakte mit meiner Familie mütterlicherseits. Meine väterliche Familie stammte aus Pernambuco, und ich hatte fast keinen Kontakt zu ihnen. Ich wurde aus der Vereinigung zweier Familien geboren, die beide ein leidenschaftliches und ernsthaftes katholisches Erbe mit einem royalistischen Erbe verbanden. In dieser Umgebung formte ich meinen Geist.

      Meine Familie lebte zusammen mit der Familie eines Onkels in einem sehr großen Haus, das meiner Großmutter mütterlicherseits gehörte. Wir bewohnten unabhängige Wohnungen in einer riesigen Villa, die ständig von Verwandten frequentiert wurde.

      Der erste Teil meines Lebens war geprägt von Harmonie in allen Bereichen. Erstens finanzielle Harmonie. Wir waren nicht reich, aber wir hatten eine Form des Wohlbefindens, bei der es an nichts fehlte und die manchmal an Luxus grenzte. Es war alles sehr harmonisch, sehr logisch, sehr linear.

      Meine Familie neigte zum Formalismus. Wir hatten eine sehr gehobene und feierliche Intimität. Ich habe nie Streit oder Auseinandersetzungen zu Hause erlebt. Andererseits waren alle sehr glücklich, sicherlich nicht im Sinne von ständigem Lachen; das ist keine wahre Freude. Alles in meinem Haus vermittelte einen Ton von Ruhe, Ernsthaftigkeit, Gelassenheit und Wohlbefinden. Ich hatte den Eindruck, in einer Umgebung zu sein, die nur für mich gemacht war. Ich war wie eine Schildkröte in ihrem Panzer.

      Außerdem gab es in meiner Familie viele Möglichkeiten für soziale Beziehungen, die sehr zahlreich waren, ohne jedoch jemals mit jemandem intim zu werden. Häusliche Beziehungen waren anders als öffentliche.

      Meine Großmutter Donna Gabriela war eine Grande Dame vergangener Zeiten, unter allen Profilen. Sie war mit Prinzessin Isabella befreundet, sie schrieben sich regelmäßig. Meine Mutter, Donna Lucilia Ribeiro dos Santos Corrêa de Oliveira, hatte sehr französische Manieren, sie hatte eine brasilianische Zärtlichkeit, die ins Französische übersetzt wurde. Ihre Sensibilität war sehr zärtlich, sehr höflich, sehr edel, sogar in der engsten Intimität. Ich fühlte mich eingehüllt in diese Zuneigung, die der häuslichen Umgebung innewohnt. Die Erhebung ihrer Seele war der Schlüssel zu allem, was sie tat, sogar in der Intimität. Ich verehrte und liebte sie, so sehr ich konnte. Und es gab keinen Tag nach ihrem Tod, an dem ich mich nicht mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an sie erinnerte. An ihr verzauberte mich eine Mischung aus großzügiger, bis ins Unglaubliche getragener Sanftmut, gepaart mit einer unzerbrechlichen Entschlossenheit, wenn es um Prinzipien ging. Das Nebeneinander dieser beiden harmonischen Kontraste hat mich in höchstem Maße angezogen.

      All dies bildete zu Hause eine Art französische Welt, die sich mit dem portugiesischen Einfluss väterlicherseits, João Paulo Corrêa de Oliveira, vermischte. Er stammte aus dem Bundesstaat Pernambuco. Die Verbindungen zwischen Pernambuco und Portugal waren viel häufiger und intensiver als die mit São Paulo, das eher nach Paris blickte. Der Bezugspunkt meines Vaters war nicht Paris, sondern Lissabon.

Die ersten Vorstellungen von der Existenz des Bösen

      An einem bestimmten Punkt in dieser Geschichte taucht der Wolf auf.

      Ich hatte die ersten bösen Vorstellungen, als ich sah, wie einige meiner Cousins sich benahmen, wenn sie auf die Fazenda (Landhaus) gingen: Auf ihren Ausgängen beschmutzten sie sich mit Erde, sie liebten es, sich gegenseitig mit Steinen zu bewerfen und so weiter. Ich erinnere mich an mein Befremden. Einerseits war ich sehr verärgert über ihr Benehmen, in denen ich eine tiefe Unordnung sah. Ich hingegen wollte die Ordnung personifizieren, aber ich war schwach. Ich fühlte mich nicht so kräftig wie sie. Und das machte mich unsicher. In mir bildete sich eine anfängliche Idee, dass diese Benehmensweisen das Böse repräsentierten, im Gegensatz zu dem Guten, das ich liebte.

In der Schule der Schock mit der Umwelt und die Idee der Notwendigkeit zu kämpfen

      Angesichts der Wirkung des Bösen war es mein ursprüngliches Ziel, herzliche Beziehungen zu allen aufrechtzuerhalten. Als ich jedoch 1919 in das Colégio São Luis musste ich mein Ziel neu formulieren. Sie können sich den Schock nicht vorstellen, den ich jeden Tag empfand, als ich in den Pausen auf den Schulhof hinunterging. Ich erkannte, dass die Aufregung, die Brutalität, die ausschweifenden und vulgären Wege, die absichtlich falsche Sprache vieler meiner Gefährten eins mit Unreinheit waren, etwas, das zutiefst mit moralischem Laster übereinstimmt. Bei manchen Jungen nahm ich nicht nur eine Neigung zu diesem oder jenem Laster wahr, sondern zum Ganzen. Als ich diese Mentalität untersuchte, fand ich an der Wurzel eine wahre Liebe zum Bösen.

      Ich dachte: Ich bin nicht mürrisch, ich bin sehr gelassen. Ich mag es, Dinge friedlich zu lösen. Aber ich sehe, dass, egal wie nett ich zu meinen Kollegen bin, wie warmherzig ich bin, ihre Ablehnung mir gegenüber nicht nachlässt. Andererseits. Für sie liege ich falsch, weil ich keusch bin, weil ich katholisch bin, weil ich Monarchist bin. Da ich nicht aufhören möchte, Katholik, keusch oder Monarchist zu sein, ist der Weg, der sich vor mir öffnet, der des Kampfes. Ich muss kämpfen lernen. Wenn Kampf die Bedingung für mein Überleben ist, dann werde ich mit dem Kampf leben. Also, mach weiter!

Aber wie soll ich kämpfen?

      Einige Prinzipien des Kampfes habe ich abgeleitet, aus der Beobachtung, wie die Jungens mit revolutionärem Geist jeden Versuch eines Mitschülers sich ein wenig keusch, ein wenig katholisch, ein wenig monarchistisch zu zeigen, erstickten. Wenn sich jemand auch nur im Geringsten in diesen Richtungen äußerte, entfesselte sich von allen ein Druck und eine Spöttelei gegen ihn. Also habe ich folgende Berechnung angestellt: Das richtige ist, nicht zu sagen, dass ich ein bisschen katholisch, ein bisschen keusch oder ein bisschen monarchistisch bin, denn da bricht die Welt über mich zusammen. Ich werde das Gegenteil tun. Ich werde selbstbewusst sagen, dass ich sehr katholisch, sehr keusch und sehr monarchistisch bin. Auf diese Weise gelangten wir — meine Kollegen und ich — zu einem Regime des bewaffneten Friedens, das unter den gegebenen Umständen das Beste war, was ich mir wünschen konnte. Sie griffen mich nicht an, mieden aber den Kontakt zu mir. Allmählich änderte ich die Lage in einem höflichen Frieden beiderseits, aber immer mit gespreizten Krallen.

     All dies formte in mir einen Geist des konterrevolutionären Kampfes. Er erkannte bald, dass auch Diplomatie Teil dieses Kampfes war. Ich habe zum Beispiel beobachtet, wie die revolutionärsten Schüler versuchten, sich mit Können und Stärke durchzusetzen, aber angesichts einer starken Reaktion waren sie gezwungen, sich zurückzuziehen und sich neu zu formieren. Also kam ich zu dem Schluss, dass ich diese Situation ändern könnte. Es war eine ruhige, kalte, distanzierte Betrachtung, die mit Klugheit, aber auch mit Entschlossenheit gemacht wurde.

     So konnte ich mit der Hilfe der Muttergottes ein großes Ganzes an Beobachtungen, Analysen und Folgerungen aufbauen — alles sehr logisch, sehr ehrlich und sehr seriös.

     So war ich bereit mein öffentliches Leben zu beginnen mit dem Eintritt in die Rechtswissenschaftliche Fakultät von São Paulo im Jahr 1926.

Anmerkung

* Ultramontan war die Bezeichnung, die man im 19. Jahrhundert den Verteidigern des päpstlichen Primates in Frankreich gab, und die sich aktiv gegen den liberalen Katholizismus einsetzten. Da Rom sich jenseits der Alpen befand, sagte man sie seien Ultra (jenseits) Montane (der Berge). Diese Bezeichnung wurde von anderen Sprachen übernommen, um antiliberale Katholiken zu bezeichnen.

 

Aus dem Italienischen mit Hilfe von Google-Übersetzer von "Come ho formato la mia mentalità“ in https://www.atfp.it/biblioteca/articoli-di-plinio-correa-de-oliveira/75-brani-scelti/2450-come-ho-formato-la-mia-mentalita-2

Vervollständigt anhand des Buches „Minha vida pública“ – „Mein öffentliches Leben“ — Einführung.

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Die deutsche Fassung von „Wie ich meine Mentalität bildete“ erschien erstmalig
in www.p-c-o.blogspot.com 

Dienstag, 25. Februar 2020

Plinio Corrêa de Oliveira: Mein öffentliches Leben -II



4. Zeremonielle, ruhige, ausgeglichene, harmonische Familienatmosphäre; Rolle von Dª Lucilia
(seine Mutter; Dª ist Abk. von Dona=Frau A.d.Üb.)

Mutter Lucília und Vater João Paulo
Dieses Temperament, dieser Charakter des Geistes wurde durch die Bedingungen meiner Erziehung sehr gut gefördert.
Als ich anfing, meinerselbst bewusst zu werden, bestanden meine ersten temperamentalen und emotionalen Kontakte, mit der Familie meiner Mutter. Die Familie meines Vaters stammte aus Pernambuco und ich kannte sie kaum.
Ich wurde aus der Verbindung zweier Familien geboren, die sowohl von meinem Vater als auch von meiner Mutter ein katholisches Erbe mitbrachten, das etwas eifriger und ernster als das gewöhnliche war, nebst einem monarchisch-liberalen Erbe - aber echt liberal! - ohne jegliche ultramontane (katholische) Note.*
* In diesen beiden Familien vereinigten sich zwei Aristokratien, die die Geschichte Brasiliens tief geprägt haben: die der „Zuckerrohrbarone“ des Bundesstaates Pernambuco, vertreten durch Dr. Plinios Vater, Rechtsanwalt João Paulo Corrêa de Oliveira, und die Aristokratie der „Kaffeebarone“ des Bundesstaates São Paulo, zu denen die Familie seiner Mutter gehörte, die traditionelle Dame in São Paulo, Lucília Ribeiro dos Santos.
Der Zweig Corrêa de Oliveira stammte von den ersten Kolonialherren Brasiliens ab, „den Wohlgeborenen, den Adligen ihrer Zeit“, wie es der bekannte Soziologe Fernando de Azevedo ausdrückte (vgl. „Obras Completas“, 2. Aufl., Band XI, Edições Melhoramentos, São Paulo, S. 107). Unter seinen angesehenen Mitgliedern zeichnete sich der Kaiserliche Rat João Alfredo Corrêa de Oliveira aus, Abgeordneter mehrerer Legislaturperioden während des Kaiserreichs, Minister und Staatsrat, lebenslanger Senator und schließlich Präsident des kaiserlichen Ministerrates, unter dessen Amtszeit das Goldene Gesetz von Prinzessin Isabel unterzeichnet wurde, zur Befreiung der Sklaven.
Der mütterliche Zweig Ribeiro dos Santos hingegen gehörte zur traditionellen Gruppe der „vierhundertjährigen Paulistas“, Gründer der Stadt São Paulo und Nachkommen der berühmten Bandeirantes, der unbezwingbaren Pioniere Brasiliens.
Unter den berühmten Vorfahren stach der Großvater von Dª Lucília, Gabriel José Rodrigues dos Santos, hervor, der im kaiserlichen Parlament als brillanter Redner und raffinierter Salonherr hervortrat. Seine Tochter, Dª Gabriela Ribeiro dos Santos, Mutter von Dª Lucília, gab mit ihrer starken Persönlichkeit und ihrem großartigen Stil dem Leben des Palastes von Dª Veridiana Prado, einer der einflussreichsten Damen der Gesellschaft von São Paulo, sowie des Palastes des Grafen Antônio Alvares Penteado Glanz, beide waren Mittelpunkt des sozialen und intellektuellen Lebens von São Paulo zu dieser Zeit.
Dª Gabriela wurde am 18. Dezember 1852 geboren und starb am 5. Januar 1934 im Alter von 81 Jahren. Sie war mit ihrem Cousin Dr. Antonio Ribeiro dos Santos verheiratet, einem der besten Anwälte ihrer Zeit.
Natürlich hatte diese illustre Abstammung einen erheblichen Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung und die Lebensweise des damals jungen Plinio.

In dieser Umgebung formte ich meinen Geist.
Ich lebte in einem sehr großen Haus meiner Großmutter Dª Gabriela Ribeiro dos Santos. Sie war Witwe und in diesem Haus lebten zwei Familien: meine Eltern mit zwei Kindern; und eine Tante von mir mit ihrem Mann und einer Tochter. Sie belegten eigene Wohnungen in diesem riesigen Herrenhaus.
Plinio und seine Schwester Rosé
Das Haus wurde von vielen Verwandten besucht. Und dieser erste Zeitabschnitt meines Lebens war in allen Bereichen von Harmonie geprägt.
Erstens Harmonie aus finanzieller Sicht. Sie waren keine sehr reichen Leute, weil sie es nie waren, jedoch reich. Es herrschte eine Form von Komfort, eine große Freigebigkeit, die fast an Verschwendung grenzte. Und eine Vornehmheit, die sich dem Luxus näherte.
Es war eigentlich kein Luxus noch eigentlich Verschwendung. Ohne das irrational Ausgaben gemacht wurden - alle Ausgaben waren sehr kalkuliert -, man gab aber aus, ohne zu merken, dass es Geld gab. Es gab keine finanziellen Probleme. Es war alles sehr harmonisch, sehr logisch, sehr gleichmäßig.
Außerdem tendierten alle Mitglieder der Familie meiner Mutter zum Formalismus. So dass Sie sehr höflich zueinander waren und eine zeremoniöse Intimität pflegten, die die Intimität angenehm machte. Ich habe in meiner Kindheit nie einen Streit zu Hause gesehen - aber absolut nie! - Niemals gab es Streit oder Diskussionen.
Andererseits waren alle sehr fröhlich. Nicht im Sinne, dass ständig gelacht wurde, was ja nicht die wahre Freude ist. Manchmal wurde gelacht, aber, besonders bei den Malzeiten, wurden ernste oder sogar traurige Angelegenheiten behandelt.
All dies vermittelte einen Ton von Ruhe, Ernsthaftigkeit, Gelassenheit und Wohlbefinden. Und ich hatte zuhause den Eindruck eines Menschen, der genau in der für ihn geschaffenen Umgebung ruht, oder, wenn man so will, wie eine Schildkröte in ihrem Panzer und in ihrem Teich.
Es ging auch in meiner Familie alles sehr leicht zu in sozialen Beziehungen, die sehr zahlreich waren, aber ohne das intime Leben von irgendjemandem zu berühren. Der häusliche Kreis unterschied sich stark vom öffentlichen Kreis.
*   *   *
Meine Großmutter (Bild links) war bis zum letzten Punkt eine „grande Dame“. Ihre Nachmittage könnten musikalisch vertont werden. Sie saß in einem Sessel, schaukelte und unterhielt sich mit jemandem. Es wurde Tee serviert, sie bediente sich... 40 Jahre lang lebte sie in dieser Art von Glasglocke. Sie war eine Freundin von Prinzessin Isabel und unterhielt rege Korrespondenz mit ihr.
Meine Mutter, Lucilia Ribeiro dos Santos Corrêa de Oliveira, hatte eine französische Art, gepaart mit brasilianischer Liebenswürdigkeit, mit französischer Note.
Ihre menschliche Zuneigung war sehr zart, sehr höflich, edel und Salonartig, selbst im intimsten Familienbeziehungen. Ich fühlte mich von dieser Zuneigung eingehüllt und fühlte die Natürlichkeit dieser Zuneigung gegenüber der von „Madame de Grand-Air“ * geschaffenen Ambiente.
* Figur (im Bild rechts) aus den Comics der Bécassine-Reihe, entworfen vom Comic-Zeichner Joseph Pinchon und veröffentlicht von der französischen Kinderzeitschrift La Semaine de Suzette. Diese Geschichten stellten einen echten Soziologieunterricht dar und zeigten die süße und harmonische Mischung der aristokratischen und populären Katholischen Umgebungen Frankreichs der Belle Époque (1871-1914).

Die Anwesenheit meiner Mutter vermittelte der Umgebung, in der sie sich bewegte, Adel. Sie war für mich, ich wiederhole, eine Live-Version von Madame von Grand Air. Aufgrund ihrer damenhaften und vornehmen Art nannte ich sie lange Zeit Marquesinha (kleine Marquise).
Ihre seelische Erhebung war der Schlüssel zu allem. Und diese Erhebung war eine unwägbare Aura, die sie umgab. In einer nicht erhobenen Seele wäre dies alles Banal. Ich verehrte und liebte sie bis an die äußerst möglichen Grenzen. Und nach ihrem Tod gab es keinen Tag, an dem ich mich nicht mit unbeschreiblicher Nostalgie an sie erinnerte.
Sie besaß eine Mischung aus unglaublich großzügiger Sanftmut und einer unzerbrechlichen Festigkeit, wenn es um Prinzipien ging. Das Nebeneinander dieser beiden harmonischen Kontraste hat mich in höchstem Maße angezogen.
All dies bildete zu Hause eine Art französische Welt, gemischt mit portugiesischem Einfluss von Seiten meines Vaters João Paulo Corrêa de Oliveira. Er hatte eine starke Stimme mit sehr angenehmem Ton. Wenn er lachte, erfüllte sein Lachen das Haus und er war ein sehr gesunder Mensch. Im Umgang mit meiner Mutter und meiner Großmutter war ich sehr respektvoll. Kurz gesagt, dies war das Umfeld, in dem ich mich gebildet habe.
*   *   *
An diesem Bild klammerte ich mich als Kleinkind instinktiv mit aller Kraft, weil es all meinen Qualitäten und all meinen Mängeln entsprach. Allen Eigenschaften: Mäßigkeit, Logik, Gleichgewicht usw. All meinen Fehlern, weil ich eine große Neigung zur Trägheit hatte.


Übersetzt aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google Übersetzer in „Minha vida pública – relatos autbiográficos de Plinio Corrêa de Oliveira“ („Mein öffentliches Leben - autobiographische Berichte von Plinio Corrêa de Oliveira“), Herausgeber Instituo Plinio Corrêa de Oliveira, São Paulo, Brasilien, 2015, Verlag Artpress. SS. 20 bis 23 Einleitung.
© Nachdruck der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Freitag, 10. Januar 2020

Plinio Corrêa de Oliveira: „Mein öffentliches Leben“ - I


Wie bildete ich meine Mentalität
A) Temperament und Gedankenbildung; die familiäre Umgebung
1.- Mit zwanzig Jahren war meine ultramontane Mentalität vollständig gebildet
Als ich der Marianischen Kongregation der Pfarrei Santa Cecília beitrat (1928) und begann, an der katholischen Bewegung teilzunehmen, kann ich sagen, dass ich bereits ein Ultramontane (*) war und fast mein ganzes Gedankengut, was ich heute habe (1954), hatte ich in radice schon damals. Was die damalige Welt betrifft, kann ich sagen, dass ich mit 20 Jahren schon alles gesehen, gezählt, gemessen und gewogen hatte. Seitdem gab es eine Fülle von Verdeutlichungen bezüglich der aufeinander folgenden Fakten der Weltgeschichte, doch nichts mehr als Verdeutlichungen.
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(*) Ultramontan war die Bezeichnung, die im 19. Jahrhundert der Strömung französischer Katholiken gegeben wurde, die das Päpstliche Primat verteidigten und militant gegen den liberalen Katholizismus vorgingen. Da Rom jenseits der Alpen lag, hieß es damals, es handele sich um Ultra-Montane (jenseits der Berge). Der Begriff wurde später auf andere Nationen ausgedehnt, immer um antiliberale Katholiken zu bezeichnen.
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Welche waren diese meine Gedanken?
Ich war ein überzeugter Anhänger einer radikalen Katholizität und der Überzeugung, dass ein Halbkatholizismus absolut nichts bringen würde.
Ich war auch überzeugt, dass man nur katholisch ist, wenn man dem Papsttum absolut treu ist, und dass in dieser absoluten Treue zum Papsttum die Substanz des Katholizismus liegt.
Auch war ich tief davon überzeugt, dass die Kirche die eigentliche Säule der Welt, der weltlichen Ordnung, der bürgerlichen Ordnung und der moralischen Ordnung ist. Und dass deshalb nur aus der Kirche und aus der Doktrin der Kirche, ihren Geboten und ihren Lehren eine wirksame Lösung der Krise der Welt hervorgehen kann.
Ich war auch davon überzeugt, dass die gesamte politisch-soziale Organisation, die sich aus dem Protestantismus und alles was sich in der Folge daraus ergab, bis hin zum Kommunismus, die Zerstörung der Zivilisation bedeutete.
Überzeugt auch, dass wir uns weit fortgeschritten in diesem Phänomen des Verfalls befanden, und dass eine große Krise ausbrechen würde, die das Ende der modernen Zivilisation bedeuten würde.
Vor allem war ich von der Wichtigkeit der Verehrung Unserer Lieben Frau überzeugt, obwohl ich die Abhandlung der wahren Andacht zur Heiligen Jungfrau vom hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort noch nicht kannte, die mir den endgültigen Ausdruck des Themas der Verehrung Unserer Lieben Frau gab. Aber ich verstand sehr gut, dass die Verehrung Unserer Lieben Frau die herausragende Seite der katholischen Lehre in Fragen der Frömmigkeit und meines geistlichen Lebens war.
Schließlich – und hier ist eigentlich das charakteristische Merkmal der Denkweise, die ich, Gott sei Dank, schon damals erworben hatte – hatte ich eine sehr lebendige Vorstellung vom Unterschied zwischen Gut und Böse, vom Kampf des Guten gegen das Böse in der Geschichte, obwohl ich den Einfluss des Satanismus in diesem Kampf zu dieser Zeit nur dürftig kannte. Ich hatte nur eine gewisse intuitive Vorstellung von der Rolle des Satanismus in diesem Kampf.
Wie sind diese Ideen in mir entstanden? Wie kann man erklären, dass ein Brasilianer, der 1908 in einer Stadt wie São Paulo geboren wurde und vollständig in der brasilianischen Umwelt lebte, sie bereits schon im Alter von 20 Jahren diese Mentalität erworben hatte?
Für einen Nicht-Brasilianer, insbesondere den Europäer, haben diese Fragen meiner Meinung nach eine interessante Seite, um ihnen zu helfen, die eigentümliche Art und Weise zu verstehen, wie die Ideen im Kopf eines Brasilianers entstehen.
Dies wird auch zum Verständnis beitragen, was man von einem Land wie Brasilien mit seinem Ultramontanen Potenzial erwarten kann.
2. Meine Ideen entstanden nicht aus Büchern, sondern aus der Beobachtung der Realität.
Alle diese Ideen bildeten sich in meinem Kopf, nicht eigentlich indem ich die Doktrin in einem Buch las und auf die Tatsachen anwendete, sondern dass ich eher aus einer instinktiven Haltung gegenüber den Tatsachen und sozusagen die in den Tatsachen enthaltene Lehre erriet.
Daher stammte dieses Wissen nicht aus Ableitungen, Folgerungen, sondern aus einer ersten Intuition, die bereits alles enthielt, was ich später erläutern würde.
Es war also kein deduktiver Prozess, sondern ein intuitiver Prozess, bei dem man auf den ersten Blick alles sieht und das dann wie ein Baum aus dem Samen heraus aufwuchs. Aber auf den ersten Blick war schon alles enthalten. So funktioniert ein brasilianischer Kopf.
Das bedeutete für mich natürlich keine Verachtung für das Buch. Aber ich hielt es für einen bloßen Fehler, Kultur als bloßes Ergebnis der Anzahl der gelesenen Bücher zu betrachten. Das Lesen ist nützlich weniger dank der Quantität als der Qualität der gelesenen Bücher, insbesondere auf die Qualität des Lesers und die Art und Weise, wie man liest.
Ich bin der Meinung, dass eine sehr gut belesene, gut gebildete Person, die über viele Fakten oder Vorstellungen von wissenschaftlichem, historischem oder künstlerischem Interesse informiert ist, weitaus weniger gebildet sein kann als eine Person, dessen Informationsvermögen geringer ist.
Der Unterricht stärkt den Geist nur dann in ausreichendem Maße, wenn ihm eine tiefgreifende Assimilation folgt, die sich aus sorgfältigem Nachdenken (Reflexion) ergibt. Deshalb sind diejenigen, die wenig lesen, aber viel assimilieren, gebildeter als diejenigen, die viel gelesen aber wenig assimiliert haben.
Reflexion (Nachdenken, Betrachten) ist das erste Mittel dieser positiven Handlung. Der Kulturmensch soll mehr als eine lebendige Ansammlung von Fakten und Daten, Namen und Texten sein. Er muss ein Denker sein. Und für den Denker ist das Hauptbuch die Realität, die er vor Augen hat, der am häufigsten konsultierte Autor ist er selbst, und die anderen Autoren und Bücher sind wertvolle, aber ausgesprochen untergeordnete Elemente.
Doch bloßes Nachdenken reicht nicht aus. Der Mensch ist kein reiner Geist. Die kulturelle Anstrengung ist nur dann vollständig, wenn der Mensch sein ganzes Wesen mit den Werten tränkt, die seine Intelligenz erwogen hat.
3. Mein angeborenes Temperament, ruhig und liebevoll
Aus natürlicher Veranlagung bin ich von Geburt an sehr liebevoll, sehr geneigt, Menschen zu mögen. In meiner kindischen Einfalt meinte ich, dass alle Menschen sehr gut sind. Mir wurde schnell klar, dass dies eine Täuschung war.
Mein ursprüngliches Ziel war es, ein herzliches Leben mit anderen zu führen. Zu Hause, mit meinen Cousins, mit meinen Verwandten, habe ich mich bestens verstanden.
Ich habe nicht die Absicht, hier mein Geständnis abzulegen, geschweige denn in Eigenlob verfallen. Aber vielleicht doch eine Indiskretion machen. Nach allem, was hier gesagt wurde, sollte der Hintergrund der Erzählung mit der Beschreibung meines Temperaments beginnen. Wohlgemerkt: ich spreche zunächst nicht von Ideen, sondern von Temperament, was bereits ein sehr brasilianisches Merkmal ist.
Mein Temperament würde ich von Haus aus als sehr ruhig einstufen, fast träge; sehr ausgeglichen, ausgeglichen bis zum Unglaublichen und Unfassbaren; aber zugleich sehr hart in einer Sache: auf alles, was mir passt, lege ich mein ganzes Gewicht.
Auf der anderen Seite ist es ein Temperament, das sehr zur Trägheit neigt, zu einer Abscheu von Kampf, Zank und ähnliches. Aber auch ein Temperament, das für einen in Erbsünde empfangenen Menschen und mit allen damit verbundenen Vorbehalten, grundsätzlich gemäßigt war.
Schließlich hatte ich von klein an, eine sehr logische Denkweise, ich mochte sehr die Logik.
wird fortgesetzt

Übersetzt aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google Übersetzer in „Minha vida pública – relatos autbiográficos de Plinio Corrêa de Oliveira“ („Mein öffentliches Leben - autobiographische Berichte von Plinio Corrêa de Oliveira“), Herausgeber Instituo Plinio Corrêa de Oliveira, São Paulo, Brasilien, 2015, Verlag Artpress.

© Nachdruck der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe gestattet.


Mittwoch, 20. April 2016

Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts - Jugendzeit


Ein militantes Verständnis des geistigen Lebens

   
Plinio am Tag seiner
Ersten hl. Kommunion
Im Februar des Jahres 1919 kam Plinio Corrêa de Oliveira im Alter von zehn Jahren auf das Gymnasium des von den Jesuitenpatres geleiteten St. Ludwigs–Kollegium, das traditionsgemäß von den Kindern der führenden Oberschicht São Paulos besucht wurde.(97) Wie es sein soll, fand die mütterliche Erziehung in der Schule ihre natürliche Fortsetzung und Weiterentwicklung. In den Unterweisungen der Jesuiten fand Plinio die Liebe zu dem methodischen Leben wieder, das ihm bereits seine Gouvernante Mathilde Heldmann (98) beigebracht hatte, und vor allem jenes militante Verständnis des geistigen Lebens, das seine Seele zutiefst anstrebte. (99)
Frl. Mathilde Heldmann
    In der Schule kam es dann zum ersten Zusammenstoß mit der äußeren Welt. Hier erwartete den jungen Plinio sein erstes Schlachtfeld, denn hier stieß er auf die „zwei Städte“ Augustins, vermengt wie Weizen und Unkraut, wie Getreidekorn und Stroh, von denen im Evangelium (100) die Rede ist. Und er verstand, daß das Leben des Menschen auf Erden ein harter Kampf ist, in dem nur der den Kranz empfängt, „der nach Vorschrift gekämpft hat“ (101). „Vita militia est“. (102) Das Neue Testament, vor allem aber die paulinischen Briefe bestehen immer wieder darauf, das das geistliche Leben des Christen ein Kampf ist. „Der Christ ist zum Kämpfen geboren“, behauptet Leo XIII. (103) „Das Wesen und die Grundlage allen christlichen Lebens besteht darin, nicht die verdorbenen Sitten der Welt zu unterstützen, sondern sie zu bekämpfen und ihnen mit Ausdauer zu widerstehen“. (104)
    Vom hl. Ignatius lernte Plinio, daß „die Seele eines jeden Menschen ein Schlachtfeld ist, auf dem Gut und Böse gegeneinander kämpfen“ (105). Als Folge der Erbsünde besitzen wir alle unordentliche Neigungen, die uns zum Sündigen einladen; der Teufel sucht, diese zu fördern, während die himmlische Gnade uns hilft, sie zu besiegen und sie in Gelegenheit der Heiligung zu verwandeln. „Zwischen den Kräften, die ihn zum Guten oder zum Bösen führen, steht als Zünglein an der Waage die menschliche Willensfreiheit“ (106). Plinio gehörte sicherlich zu den Paulistaner Jungens seiner Generation, die P. Burnichon 1910 bei einem Besuch des St. Ludwig-Gymnasiums als „ernst, umsichtig, bedächtig“ beschrieb. „Ihr Gesichtsausdruck erhellt sich selten, das Lächeln scheint ihnen wenig vertraut zu sein; andererseits hat man mir versichert, daß sie fünf Stunden lang an der gleichen Stelle stillzustehen vermögen, um gelehrten Reden zu lauschen, was ihnen hin und wieder tatsächlich widerfährt. Unzweifelhaft beschert das Klima dieser Rasse eine frühzeitige Reife, die sicher ihre Vor- und Nachteile hat, daneben aber auch ein habituelles Phlegma, das keineswegs lebendige Eindrücke und heftige Gemütsausbrüche ausschließt.“ (107)
   
Plinio (Kreis) und Schulkameraden
Im St. Ludwig-Gymnasium lernte der junge Plinio den radikalen Gegensatz zwischen der Welt der Familie und der der Kollegen mit ihren ersten Anzeichen von Bosheit und Unsittlichkeit kennen. Wie es unter Schülern oft zu geschehen pflegt, waren es die boshaftesten Jungen, die sich gegen die anderen durchsetzten: Die Reinheit wurde verspottet und verachtet, Schamlosigkeit und Vulgarität wurden als Zeichen von Männlichkeit und Erfolg hingestellt. Mit allen seinen Kräften lehnte er sich gegen diese Situation auf. Ihm war durchaus klar, daß es sich hier nicht um einen Einzelfall handelte, sondern daß dies die Folgen einer Mentalität waren, die der seiner Familie entgegengesetzt sein mussten. Wenn er diese Sinnesart übernähme, würde er mit seiner Reinheit auch all die Ideale verlieren, die in seinem Herzen aufblühten. Ihm wurde klar, daß die Religion die Grundlage aller Dinge war, die er liebte, und so entschied er sich für einen Kampf ohne Unterlass für jene Weltanschauung, die ihm anerzogen worden war. Auf diese Weise gelangte er zu einer Überzeugung, die im Laufe der Jahre immer rationalere Grundlagen finden sollte:
    „Es war ein konterrevolutionäres Verständnis der Religion als einer verfolgten Macht, die uns die ewigen Wahrheiten lehrt, unsere Seele rettet, in den Himmel führt und unserem Leben einen Stil aufdrückt, der als einziger das Leben lebenswert macht. Daher kam mir der Gedanke, daß ich, zum Mann geworden, den Kampf gegen eine Lebensordnung aufnehmen müsste, die ich für revolutionär und böse ansah, um an ihrer Stelle eine Ordnung zu errichten, wie sie der katholischen Lebensordnung entsprach.“ (108)
    Im Alter von 17 Jahren schloss Plinio 1925 seinen Gymnasialkurs ab. Später würde er in den Ängsten und der inneren Vereinsamung jener Jahre einen Ausdruck der schweren Krise sehen, die einen der wichtigsten Aspekte der Geschichte der Menschheit im 19. Jahrhundert und einen der Gründe ihrer tiefen Zerrissenheit ausmachen.
    „Die Einstellung des 19. Jahrhunderts gegenüber der Religion und der Moral war eine zutiefst widersprüchliche. (...) Religion und Moral wurden nicht als etwas für alle Menschen Notwendiges und Verpflichtendes angesehen. Im Gegenteil, für jedes Geschlecht, jedes Alter, jeden gesellschaftlichen Stand gab es eine religiöse Lage und ein sittliches Verhalten, die dem, was das 19. Jahrhundert für das andere Geschlecht, für ein anderes Alter und andere Gesellschaftsschichten vorschrieb, entgegengesetzt waren. Das 19. Jahrhundert bewunderte den „Köhlerglauben“ in seiner Einfachheit und Reinheit, machte aber gleichzeitig den Glauben eines Wissenschaftlers als unbewusstes Vorurteil lächerlich. Kinder durften glauben. Bei Jugendlichen und Erwachsenen war der Glaube jedoch verpönt. Höchstens wurde er noch dem Alter zugestanden. Von der Frau verlangte man Reinheit. Vom Mann aber forderte man geradezu die Unreinheit. Der Arbeiter hatte Disziplin zu halten. Den Denker aber feierte man ob seines revolutionären Geistes.“ (109)
    Bei der Gelegenheit dieser Rede hat sich Plinio den Mitschülern seiner Generation zuwenden und sie mit begeisternden Worten zu Kampf und Heroismus aufgerufen:
    „Wir verstehen das Leben nicht als Fest, sondern als Kampf. Unser Ziel ist das eines Helden und nicht eines Sybariten. Über diese Wahrheit, die ich euch heute wiederhole, haben wir tausendmal nachgedacht (...). Stellt Christus in die Mitte eures Lebens. Lasst alle eure Ideale in ihm zusammentreffen. Angesichts des großen Kampfes, der die nobelste Berufung eurer Generation darstellt, wiederholte der hl. Martin von Tours den berühmten Satz: Domine, non recuso laborem.“ (110)
   
Plinio (M) auf der Fakultät
Der Tradition seiner Familie folgend, immatrikulierte sich Plinio Corrêa de Oliveira 1926 an der Rechtsfakultät der Universität São Paulo. Der junge Mann, der sich gern der Betrachtung hingab und viel las, begann nun neben dem Jurastudium auch die philosophische, die moralische und geistige Kultur zu pflegen. Zu den Werken, die er in diesen Jahren las und die seine Bildung zutiefst beeinflussen sollten, gehörten die „Abhandlung über das Naturrecht“ des Jesuitenpaters Luigi Taparelli d’Azeglio (111) sowie „Die Seele eines jeden Apostolats“ von dem Trappisten-Abt Jean Baptiste Chautard (112). Dieses Werk, dem seine besondere Vorliebe galt, bildete ein wertvolles Gegengift gegen die „Häresie der Aktion“ (113), die zu einem Kennzeichen der damaligen Zeit zu werden begann. Ihr setzt Abt Chautard das innere Leben entgegen, das er als „den Zustand einer Seele“ definiert, „die reagiert, um die natürlichen Neigungen zu beherrschen, und sich die Gewohnheit anzueignen sucht, alles nach den Anweisungen des Evangeliums und dem Beispiel Christi zu beurteilen und sich nach diesen zu richten.“ (114)
    Plinio Corrêa de Oliveira hat diese geistige Haltung seit dem Jugendalter zutiefst geliebt und gelebt. Obwohl er sich seit seiner frühesten Jugend der Aktion und dem öffentlichen Apostolat widmete, vergaß er doch nie, mit Hilfe eifriger und ständiger Übung der geistigen Fähigkeiten, sein inneres Leben zu entwickeln.
    Das von Pius X. aufgezeigte Ideal der Restauration der katholischen Zivilisation schien angesichts des verworrenen Panoramas der zwanziger Jahre, die die Entstehung und Verbreitung des Kommunismus und des Faschismus und die Durchsetzung eines der traditionellen Lebensweise radikal entgegengesetzten amerikanischen way of life erlebten, noch in weiter Ferne zu liegen. Im Herzen des jungen brasilianischen Studenten bildete sich jedoch im Laufe dieser Jahre das Bewusstsein einer Berufung heraus. (115) Diese war auf geheimnisvolle, vorsehungshafte Weise mit der unerfüllten Aufgabe des großen Papstes verbunden, der seit seiner ersten Enzyklika, E supremi Apostolatus vom 4. Oktober 1903, die Devise „Instaurare omnia in Christo“ (Eph 1,10) als Programm seines Pontifikats und Ziel für das beginnende 20. Jahrhundert gewählt hatte.
    Alles wiederherstellen in Christus meint „nicht nur das, was eigentlich zur göttlichen Sendung der Kirche gehört, nämlich die Seelen zu Gott zu führen, sondern auch das, was (...) auf natürliche Weise von dieser göttlichen Sendung abzuleiten ist: die christliche Zivilisation mit jedem einzelnen und allen sie bildenden Elementen“. (116)
    Plinio Corrêa de Oliveira würde eines Tages seine eigene Berufung mit folgenden Worten beschreiben:
    „Als ich noch sehr jung war, betrachtete ich hingerissen die Ruinen der Christenheit. An sie hängte ich mein Herz. Dem Künftigen kehrte ich den Rücken zu und machte aus jener segensreichen Vergangenheit meine Zukunft ...“. (117)

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Fussnoten

(97) Das Gymnasium St. Ludwig war 1867 in Itú gegründet worden und zog später in das imposante Gebäude Nr. 2324 an der Avenida Paulista in São Paulo um. Der Rektor der Schule war zu dieser Zeit P. João Baptista du Dréneuf (1872-1948) (vgl. A. GREVE SJ, Fundação do Colégio São Luiz. Seu Centenário, 1867-1967, in A.S.I.A. Nr. 26 (1967), S. 41-59). Zu den Lehrern des jungen Plinio zählte P. Castro e Costa, der ihm dann auch im Kampf um die Katholische Aktion zur Seite stehen sollte, und den er in den fünfziger Jahren in Rom wiedersehen würde (vgl. J. CLÁ DIAS, Dona Lucília, a. a. O. Bd. I, S. 203).
(98) Mathilde Heldmann stammte aus Regensburg und hatte bereits das Amt einer Gouvernante in mehreren aristokratischen Häusern Europas ausgeübt. „Eine der größten Wohltaten, die wir unserer Mutter verdanken, bestand darin, daß sie das ,Fräulein‘ eingestellt hat“, konnte man öfters aus dem Munde Plinio Corrêa de Oliveiras vernehmen (J. CLÁ DIAS, Dona Lucília, Bd. I, S. 203).
(99) Zum „militanten“ Verständnis der christlichen Spiritualität vgl. Pierre BOURGUIGNON, Francis WENNER, Combat spirituel, in DSp. Bd. II,1 (1937), Sp. 1135-1142; Umile BONZI DA GENOVA, Combattimento spirituale, in DSp. Bd. X (1980), Sp. 1210-1233.
(100) Mt 13, 24-27.
(101) 2 Tim 2,5.
(102) Ijob 7,1.
(103) Leo XIII. in der Enzyklika Sapientiae Christianae vom 10. Januar 1890, in La pace interna delle nazioni, Bd. III (1959), S. 192.
(104) Leo XIII. in der Enzyklika Exeunte iam anno vom 25. Dezember 1888, in Le fonti della vita spirituale, Bd. II, S. 345, 358 (S.337-359).
(105) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Lutar varonilmente e lutar até o fim, in Catolicismo Nr. 67 (Juli 1956), S. 2.
(106) Ibid.
(107) Joseph BURNICHON, Le Brésil d’aujourd’hui, Perrin, Paris 1910, S. 242.
(108) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Memórias. Unveröffentlicht.
(109) Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Discurso no encerramento do ano de 1936 no Colégio Arquidiocesano de São Paulo, in Echos Nr. 29 (1937), S. 88-92.
(110) Ibid.
(111) Über den Jesuiten Luigi TAPARELLI D’AZEGLIO (1793-1862), Verfasser des berühmten theoretischen Traktats über das Naturrecht, wieder aufgelegt in 2 Bänden bei La Civiltà Cattolica, Rom 1949 (1940-1943), in dem die Beziehungen von Recht, Moral und Politik im Lichte der katholischen Lehre scharfsinnig analysiert werden, s. Robert JACQUIN, Taparelli, Lethielleux, Paris 1943, und die Stimme von Pietro PIRRI S.J. in EC, Bd. XI (1953), Sp. 1741-1745.
(112) Abt Jean-Baptiste CHAUTARD, L’âme de tout apostolat, Office Français du Livre, Paris 1947. „Beim Lesen der wunderbaren Seiten dieses Buches, dessen Inbrunst streckenweise an die ‚Nachfolge Christi‘ erinnert, nimmt man ohne weiteres die Schätze der Empfindsamkeit wahr, die seine große Seele hütete“ (Plinio CORRÊA DE OLIVEIRA, Almas delicadas sem fraqueza e fortes sem brutalidade, in Catolicismo Nr. 52 (April 1955). Der Abt Jean Baptiste Chautard ist am 12. März 1858 in Briançon geboren. Er trat in den Zisterzienser-Orden der strengen Observanz ein, wurde 1897 zum Abt des Trappistenklosters Chambaraud (Grenoble) gewählt und 1899 zum Abt von Sept-Fons (Moulins). Während seiner langen Regierungszeit musste er sich mit weltlichen Problemen auseinandersetzen, die seinen Orden betrafen, den es gegen die antireligiöse Politik seiner Zeit zu verteidigen galt. Als vollkommenes Beispiel der in Die Seele eines jeden Apostolats beschriebenen Verbindung von kontemplativem und aktivem Leben verstand er es, sich mit seiner Persönlichkeit gegen den Minister Clémenceau durchzusetzen und ihn dazu zu bringen, seine Haltung gegen die kontemplativen Orden zu mäßigen. Er starb am 29. September 1935 in Sept-Fons.
(113) Die „Häresie der Aktion“, verstanden als eine aktivistische, naturalistische Weltsicht, die die entscheidende Rolle der Gnade im menschlichen Leben verkennt, war ein Kennzeichen des „katholischen Amerikanismus“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts; sie wurde von Leo XIII. in dem apostolischen Schreiben Testem Benevolentiae vom 22. Januar 1899 (in Acta Leonis XIII., Bd. XI, Rom 1900, S. 5-20) verurteilt. Vgl. Emanuele CHIETTINI, Americanismo, in EC, Bd. I (1950), Sp. 1054-1056); G. PIERREFEU, Americanisme, in DSp, Bd. I (1937), Sp. 475-488); H. DELASSUS, L’américanisme et la conjuration anti-chrétienne, Desclée de Brouwer, Lille 1899; Thomas McAVOY, The Americanist Hersey in Roman Catholicism 1895-1900, University of Notre Dame Press, Notre Dame (Ind.) 1963; Robert CROSS, The emergence of Liberal Catholicism in America, Harvard University Press, Harvard 1967; Ornella CONFESSORE, L’americanismo cattolico in Italia, Studium, Rom 1984.
(114) J.-B. CHAUTARD, L’âme de tout apostolat, S. 14.
(115) „Illos quos Deus eligit, ita praeparat et disponit ut id ad quod eliguntur, inveniantur ideonei“ (Hl. THOMAS VON AQUIN, Summa Theologica, III, 27, 4c). Die Berufung ist die besondere Weise, nach der Gott will, daß sich seine Erwählten entwickeln. Als Erwählte werden sie ausgesucht und dementsprechend vorbereitet und gerüstet, um für das Ziel, das Gott ihnen seit aller Ewigkeit bestimmt hat, geeignet zu sein.
(116) Hl. PIUS X., Enzyklika Il fermo proposito vom 11. Juni 1905, in Bd. IV, Il laicato (1958), S. 216.
(117) Diese Worte Plinio Corrêa de Oliveiras sind in seiner Handschrift als Epigraph in dem Buch Ein halbes Jahrhundert antikommunistischen Heldenkampfes zu finden.


Roberto de Mattei: „Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts: Plinio Corrêa de Oliveira. TFP-Büro Deutschland, Frankfurt, 2004, Kapitel I, Abschnitt 9, SS 47-52.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Biographie

Mathias von Gersdorff

Begegnung mit Plinio Corrêa de Oliveira - Katholischer Streiter in stürmischer Zeit

Patrimonium-Verlag, Aachen 2015
Hardcover, 154 Seiten
ISBN 9783864170331, Preis: 14,80 EUR

Der deutsch-jüdische Schriftsteller Kurt Tucholsky prägte seinerzeit den wegweisenden Ausspruch: „Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“.
Zu diesen tapferen und im guten Sinne streitbaren Persönlichkeiten mit Rückgrat und Ausdauer zählt besonders ein Gelehrter und Politiker, der sich von früher Jugend bis ins hohe Alter unbeirrbar für Christus und seine Kirche eingesetzt und dabei keine notwendige Auseinandersetzung mit den Feinden des Höchsten - besonders den Nationalsozialisten und den Kommunisten gescheut hat: Plinio Corrêa de Oliveira aus Brasilien, geboren am 13.12.1908 in der Hauptstadt São Paulo; verstorben mit 87 Jahren am 3. Oktober 1995, dem Tag der Deutschen Einheit.

Mathias von Gersdorff bezeichnet seine Biographie über diesen unermüdlichen Laienapostel recht bescheiden als „skizzenhafte Beschreibung“, weil er sich in seinem 154 Seiten umfassenden Buch auf das Wesentliche konzentriert und eine „Einführung“ in Leben und Wirken dieses katholischen Schriftstellers vorlegt, die sich flüssig liest und zugleich sehr faktenorientiert ist. Der italienische Historiker und Publizist Prof. Roberto de Mattei würdigt Plinio Corrêa de Oliveira im Vorwort dieser Biographie zu Recht als „tiefgründigen Denker“ und „Mann der Tat“, wobei der aus einem aristokratischen Elternhaus stammende Katholik zugleich die „Umgangsformen eines Kavaliers der alten Schule“ besaß. Diese „Ausnahmepersönlichkeit“, schreibt R. de Mattei weiter, stellte sich in „selbstloser Hingabe in den Dienst der katholischen Kirche“. Sein leidenschaftlicher Einsatz galt der Glaubensverbreitung sowie einer umfassenden Verteidigung der christlichen Kultur und Zivilisation. Der Laienmissionar wusste, dass die Kirche sich nicht auf die „Sakristei“ beschränken darf, dass Gottes Gebote und die Botschaft Christi auch im öffentlichen Leben, in Staat und Gesellschaft wirksam werden müssen.
Dabei war ihm klar, dass äußerer Aktivismus allein letztlich im Sande verläuft, dass der Einsatz für Gott und Kirche getragen sein muss von der Glaubwürdigkeit eines christlichen Lebenswandels, von eifrigen Bemühen um die Nachfolge Christi kurz: von der „Ausübung der Tugend“. Richtschnur sind dabei die Gebote des Ewigen und das natürliche Sittengesetz bzw. das Naturrecht. In diesem Sinne äußerte sich Prof. Corrêa de Oliveira folgendermaßen:
„In dem Maße, in dem der Mensch im Gnadenleben fortschreitet, schafft er auch durch die Ausübung der Tugend eine Kultur, eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, in völliger Übereinstimmung mit den grundlegenden, unvergänglichen Prinzipien des Naturrechts und des göttlichen Gesetzes. Wir bezeichnen diese als christliche Zivilisation.“
Der Biograph Mathias von Gersdorff kannte Plinio C. de Oliveira jahrelang persönlich - und er hat ihn vor allem von 1990 bis 1995 häufig getroffen und viel mit ihm gesprochen. Seine persönliche Wertschätzung für den ebenso kämpferischen wie menschenfreundlichen Professor fließt in das Buch ein, ohne dass es freilich allzu subjektiv gefärbt wäre. Dem Autor gelingt es vorzüglich, bei aller Sympathie vor allem durch eine sachorientierte Darstellung und ruhige, gelassene Sprache zu beeindrucken.
M. von Gersdorff ist im christlichen Spektrum vor allem bekannt durch seine medienethischen Veröffentlichungen und seine Publikationen für Ehe und Familie sowie seine kritische Analyse der „sexuellen Revolution“ der 68er, wobei sein Schwerpunkt auf der Bekämpfung der Frühsexualisierung von Kindern liegt. In diesem Sinne leitet er in Frankfurt die Aktion „Kinder in Gefahr“ der DVCK (Deutschen Vereinigung für eine christliche Kultur e.V.). Diese wiederum ist verbunden mit der „Gesellschaft zum Schutz von Familie, Tradition und Privateigentum“, die Prof. Corrêa de Oliveira 1960 in Brasilien gründete, wobei im Laufe der Zeit Tochtergesellschaften in vielen Ländern der Welt entstanden sind.

Widerstand gegen jeden Totalitarismus

Das wichtigste Buch des katholischen Gelehrten trägt den Titel „Revolution und Gegenrevolution“. Unter „Gegenrevolution“ ist der friedliche, aber entschiedene Einsatz katholischer Christen gegen die Feinde der Kirche zu verstehen, vor allem gegen den gottlosen Totalitarismus, wie er sich politisch vor allem im Nationalsozialismus und im Kommunismus zeigte. Für jeden rechts staatlich denkenden Menschen sollte der „antitotalitäre Konsens“ selbstverständlich sein, doch viele Zeitgenossen erliegen der Faszination politischer Ideologien. Dabei steht auch die „68er Ideologie“ unter neomarxistischem Einfluss, ebenso jener Linkskatholizismus, wie er sich in Brasilien und allgemein in Lateinamerika unter dem Dach einer „Theologie der Befreiung“ (fehl)entwickelte.

Auf geschickte Weise beginnt der Autor seine „biographische Skizze“ nicht in üblicher Manier mit Kindheit und Jugend des Porträtierten, sondern mit einem politisch entscheidenden Höhepunkt im Leben und Wirken von Prof. Corrêa de Oliveira:
Unter dem Titel „São Paulo im Juni 1990“ berichtet er von dessen Unterschriftenaktion für die Unabhängigkeit Litauens, die weltweit über 5 Millionen Unterzeichner erhielt, was internationale Beachtung fand und zu einem Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ führte. Das katholisch geprägte Litauen wurde 1940 von Sowjetrussland erobert. 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht das Land, 1944 wurde es von Stalin zurückerobert. Dem roten Schrecken folgte der braune und dann wieder der rote Terror. Im März 1990 - die innerdeutsche Mauer war bereits seit fünf Monate gefallen - versuchte Litauen, sich von der sowjetischen Herrschaft zu befreien.
Doch der noch kommunistische Staatspräsident Gorbatschow, der viel von Demokratie und Freiheit, „Glasnost“ und „Perestroika“ sprach, bevorzugte in diesem Falle die geballte Macht der Panzer. Als er den Unabhängigkeitsdrang der Litauer im Januar 1991 mit Gewalt beendete (was zu 14 Toten und tausenden Verletzten führte), empörte sich die Weltöffentlichkeit, so dass Gorbatschow die Panzer zurückrief. Danach kam es auch zu Unabhängigkeitserklärungen der anderen baltischen Länder (Lettland, Estland), was zum weiteren Zerfall des Vielvölker-Imperiums Sowjetunion führte und· damit das Ende - genauer: die Implosion - des Ostblock-Kommunismus einläutete.
Die Aufsehen erregende Solidaritäts-Aktion des brasilianischen Publizisten de Oliveira zugunsten der Freiheit Litauens war nur deshalb möglich, weil er in den Jahrzehnten zuvor bereits eine wirksame katholische Laienbewegung aufbaute und über vielfältige internationale Kontakte verfügte. Auch dieser Erfolg war ihm nicht in den Schoß gefallen, sondern die Frucht großer Beharrlichkeit und „Frustrationstoleranz“. Dabei war ihm zeitlebens die religiöse und charakterliche Prägung wichtig, die er von seiner Mutter Lucilia Ribeiro dos Santos erhielt.
Sowohl sie wie ihr Mann stammten aus einer alten aristokratischen Familie, die monarchistisch gesinnt war und die im Kaiserreich (das schon 20 Jahre vor der Geburt Plinios gestürzt wurde) führende Stellungen einnahm. Sein Großonkel war Präsident des Ministerrats und bereitete 1888 während der Regentschaft der Prinzessin Isabella das Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei vor.

Deutscher Einfluss und „französische Erziehung“

Plinios Vater João Paulo Corrêa de Oliveira lebte zwar sittsam, war aber religiös eher gleichgültig, doch ließ er seiner Frau volle Freiheit in der Erziehung der bei den Kinder Plinio und Rosenda. Deren tiefe Frömmigkeit war durchaus nicht selbstverständlich für die brasilianische Oberschicht, die stark vom atheistischen französischen Positivismus und einem materialistischen Fortschrittsdenken geprägt war. Ein Teil der Verwandtschaft hing antikatholischen Ideen an; einige waren sogar, wie der Biograph berichtet, „Mitglied einer Freimaurerloge, um ihre Karrierechancen aufzubessern“ (S. 20). Dabei beschränkt sich dieser kritische Befund nicht auf den weiteren Familienkreis. Mathias von Gersdorff schreibt weiter, diese nicht-katholische, liberale Gruppe sei „innerhalb der Aristokratie zahlenmäßig die stärkere und außerdem wesentlichen besser organisiert“ gewesen.
Fräulein Mathilde Heldmann
Seine klar katholische Ausrichtung und Charakterstärke hatte Plinio Corrêa de Oliveira aber nicht allein seiner Mutter zu verdanken, sondern auch der „deutschen Erziehung“ der Gouvernannte Mathilde Heldmann aus Regensburg. Dank ihr lernte der Knabe nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die Überwindung jener Trägheit, „die vielen Brasilianern eigen ist“ (S. 20).
Die Mutter wünschte, dass der Junge und seine Schwester erst mit deutschem Einfluss aufwachsen und dann eine „Erziehung im französischen Stil“ erhalten sollten, was dazu rührte, dass Plinio in einer elitäre Jesuitenschule kam, in der jedoch „alles andere als eine katholische Gesinnung herrschte“ (S. 21). Offenbar waren die Geistlichen nicht in der Lage, die Sprösslinge, welche vielfach aus der positivistisch geprägten Oberschicht stammten, sittlich ausreichend zu disziplinieren und religiös zu formen. Für Plinio war es aber ein Trost, dass es im Jesuitenkolleg wenigstens eine Kapelle mit dem allerheiligsten Altarsakrament gab, wo er sich Kraft für den aufreibenden Alltag unter so vielen Andersdenkenden holen konnte. Diese „innere Abhärtung“ prägte ihn in seinem späteren aktiven Wirken als katholischer Organisator, Politiker, Journalist und Buchautor.
Wie der Verfasser ausführt, fand der atheistische Positivismus besonders in Frankreich starke Verbreitung. Da Brasilien unter französischem Einfluss stand, war vor allem die Elite des Landes dafür empfänglich, auch „aufgrund der starken Präsenz der Freimaurerei“ (S. 24). Matthias von Gersdorff schreibt weiter:
„Das positivistische Motto ,Ordem e Progresso‘ (Ordnung und Fortschritt) wurde sogar in die Flagge Brasiliens eingefügt. Der Positivismus gewann insbesondere in den führenden gesellschaftlichen Schichten an Einfluss und konnte so große ideologische, politische und wirtschaftliche Macht entfalten. Dies führte zu einem großen gesellschaftlichen und politischen Widerspruch: Das fast ausschließlich katholische Land wurde von einer atheistischen Oberschicht regiert.“
Dies galt ähnlich auch unter späteren politischen Verhältnissen, etwa in linkssozialistischen Republiken. Eine unhaltbar Situation, die von katholischer Seite nicht gleichgültig hingenommen werden durfte. Gottlob gab es klarsichtige und couragierte Streiter für die katholischen Anliegen und Ideale: „Gegen diesen Zustand begann sich um 1916 eine Reaktion zu bilden, die schließlich in einem von Plinio Corrêa de Oliveira angeführten politischen und gegenrevolutionären Katholizismus Form annehmen würde“ (S. 24).
Von dem jahrzehntelangen, unermüdlichen Einsatz diese kämpferisch aktiven Gelehrten für eine christliche Kultur und Zivilisation, von seinem unbeugsamen Eintreten für die katholische Glaubens- und Sittenlehre gegen alle Widerstände (auch aus innerkirchlichen Kreisen), seiner Ablehnung linkssozialistischer Ideologien und Experimente einschließlich einer marxistisch beeinflussten „Theologie der Befreiung“ berichtet diese fundierte Biographie, die zugleich viele lehrreiche Informationen über die neuere Geschichte Brasiliens (besonders im 19. und 20. Jahrhundert) enthält, aber auch aufschlussreiche Kenntnisse über die Situation der katholischen Kirche in diesem bevölkerungsreichen Land vermittelt.
Prof. Corrêa de Oliveira war zweifellos ein „Mann der Tat“, auch als Politiker, Gründer kirchentreuer Organisationen und Präsident der „Katholischen Aktion“; er war aber auch ein Mensch des Gebets, ein tiefgläubiger Katholik mit einer starken eucharistischen Frömmigkeit und innigen Verehrung der Gottesmutter, die nicht zuletzt von der „Marianischen Kongregation“ geprägt war. Kardinal Walter Brandmüller schreibt daher zu Recht in einem Brief an den Biographen: „Ihre Schrift macht auch dem Leser zugänglich, mit welcher Gesinnung Corrêa de Oliveira ans Werk ging: Treu dem katholischen Lehramt uni stets im Vertrauen in die Vorsehung Gottes und in die immerwährende Hilfe der Jungfrau Maria.“ - Kardinal Raymond L. Burke äußert sich in einem Glückwunschschreiben an Mathias von Gersdorff ähnlich positiv über diesen „großen brasilianischen katholischen Laien“, weil dieser „ein Vorbild für uns in diesen schwierigen Zeiten im Leben der Kirche“ sei.
Professor Plinio Corrêa de Oliveira sowie sein klarsichtiges Denken und konsequentes Handeln sollten nicht in Vergessenheit geraten. Dieser „Kreuzritter des 20. Jahrhunderts“ bewährte sich als hervorragender Laienapostel und als Diener des Ewigen.

Felizitas Küble
Schlesienstr. 32, 48167 Münster
felizitas. kueble@web.de

 in „Theologisches“ Nov./Dez. 2015 S. 580-584
Die Fotos wurden an dieser Stelle hinzugefügt

Dienstag, 23. Dezember 2014

Begegnung mit Plinio Correa de Oliveira

Begegnung mit Plinio Corrêa de Oliveira

Katholischer Streiter in stürmischer Zeit
  
Plinio Corrêa de Oliveira (1908–1995) war kein Kleriker. Trotzdem gehörte der Journalist und Schriftsteller zu denen, die sich mit Wort und Tat in den Dienst der katholischen Kirche stellten. Wie kein anderer war er als Mann der Tat, als Leiter, Gründer und Inspirator diverser Organisationen im Sinne der Kirche tätig. Sein Leben und Wirken verkörpern ein herausragendes Beispiel für gelebtes Christentum und lassen erkennen, wie ein Mensch in allen möglichen Situationen und Widrigkeiten des Lebens die Belange der katholischen Kirche vertreten kann.

»Ein so reiches und intensives Leben in einer kurzen Biographie zusammenzufassen, ist keine leichte Aufgabe, die aber Mathias von Gersdorff, ein mutiger katholischer Schriftsteller, den ich seit langem kenne und schätze, mit Bravour gelöst hat. Überdies ist der persönliche Blickwinkel, unter dem von Gersdorff schreibt, besonders reich: Dank seiner zahlreichen privaten Begegnungen mit Plinio Corrêa de Oliveira […] gelingt es ihm, ein sehr lebhaftes Bild dieses großen Mannes zu zeichnen, der eine breite Bildung und die Umgangsformen eines Kavaliers der alten Schule […] mit einem tiefen inneren Leben verband.«
Roberto de Mattei


Mathias von Gersdorff wurde 1964 in Santiago de Chile geboren. Er ist seit 1990 in der Lebensrechtsbewegung aktiv und leitet seit 1993 die Aktion »Kinder in Gefahr« der DVCK e.V. Seine Kolumnen erscheinen regelmäßig in u.a. der »Jungen Freiheit«, der »Freien Welt« und im »Christlichen Forum«. 

Buchinformationen:
Titel: Begegnung mit Plinio Corrêa de Oliveira.
         Katholischer Streiter in stürmischer Zeit
Autor: Mathias von Gersdorff
ISBN : 978-3-86417-033-1
Einband: Hardcover
Seiten: 154
Format: 13 cm x 21 cm
Preis: 14,80 € [D], 15,30 € [A], 21,90 CHF
Patrimonium-Verlag


Bestellungen: Fax: 0241 - 87 55 77 oder