Montag, 9. Februar 2026

Ein Regierungsjahr unter dem Zeichen der Sanftmut und der Stärke

 


Der Papst, so der hl. Bernhard, ist „das Vorbild der Frömmigkeit, der Vorkämpfer der Wahrheit, der Verteidiger des Glaubens, der Lehrer der Völker, das Oberhaupt der Christen, die Autorität des Klerus, der Hirte der Völker, der Rächer der Verbrechen, der Schrecken der Bösen, der Ruhm der Guten, der Hammer, der die Tyrannen schlägt, der Vater der Könige, der Hüter der Gesetze, der Kanoniker, das Salz der Erde, das Licht der Welt, der Priester des Allerhöchsten, der Stellvertreter Christi, der Christ des Herrn“ (De Consideratione).

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Die Menschheit feiert bald den ersten Jahrestag der Thronbesteigung des Heiligen Vaters Johannes XXIII. auf den Stuhl Petri: Am 27. Oktober 1958 gewählt, wurde er am 4. November gekrönt. Damit endet ein erstes Jahr, das so reich an Aspekten und neuen Ereignissen war, dass es den Eindruck erweckt, außerordentlich lang gewesen zu sein: Man hat das Gefühl, dass der ehemalige Patriarch von Venedig seit einigen Jahren an der Spitze der Weltkirche steht.

Die Christenheit trauerte noch immer um den Tod von Pius XII. – einem der beliebtesten Päpste, dessen Tod am meisten betrauert wurde –, als Kardinal Nicola Canali von der historischen Loggia des Petersdoms aus verkündete: „urbi et orbi“, dass Monsignore Angelo Roncalli, Kardinalpatriarch von Venedig, zum Stuhl Petri gewählt worden war.

Die Bewunderung und Zuneigung, die Pius XII. hinterließ, war so groß, dass in vielen Herzen, in ehrfürchtigem und fragendem Schweigen, die fast unausweichliche Frage aufkam: Kann uns jemand über einen so immensen Verlust hinwegtrösten?

Und die Blicke richteten sich voller Sorge auf Papst Johannes XXIII.

Nach und nach, diskret, sanft, tiefgründig, formte sich in allen Herzen die bejahende Antwort. Und am Ende des ersten Pontifikatjahres baut sich bereits eine große Beliebtheit um den neuen Papst auf, oder besser gesagt, sie hat sich bereits entwickelt.

„Beliebtheit“ ist vielleicht ein zu allgemeiner Ausdruck, denn wir leben im Zeitalter falscher Beliebtheiten. Hier verwenden wir das Wort in seinem höchsten Sinne, im Sinne der wahren Liebe der Kinder zu ihrem geistlichen Vater, etwas Übernatürliches, Tiefgründiges und Lebendiges, das in keiner Weise mit dem verwechselt werden darf, was so oft im politischen Bereich mit demselben Wort bezeichnet wird.

Und tatsächlich scheint Johannes XXIII. eine besondere Gabe zu besitzen, die jene, die sich ihm nähern, den sanften Einfluss dieser erhabenen und umfassenden Vaterschaft spüren lässt. Solide, unbestrittene und unanfechtbare Autorität, wirksame und starke Autorität, zugleich aber ein überaus gütiger Geist, ein unaufhörliches Verlangen, zuzuhören, nachzugeben, zu trösten und zu beschützen: Dies sind die Faktoren, die die wohltuende Atmosphäre prägen, die der neue Papst um sich herum verbreitet.

Vergleiche zwischen den Eigenschaften verschiedener Päpste nehmen leicht den unangenehmen Charakter von Diskussionen über die Tugenden verschiedener Heiliger an, geführt, um herauszufinden, wer vor Gott der Größte ist. Dies ist daher nicht unser Anliegen. Es genügt festzuhalten, dass es legitim ist, dass sich die Heiligen in der Art ihrer Heiligkeit unterscheiden, so wie es ebenso legitim ist, dass sich ein Papst von seinem Vorgänger unterscheidet. Im konkreten Fall von Johannes XXIII. erscheint es uns nicht angebracht, ihn mit diesem oder jenen Päpsten zu vergleichen, die ihm auf dem Stuhl Petri vorausgingen. Alles, was wir soeben über ihn gesagt haben, ließe sich in größerem oder geringerem Maße auch auf alle vorherigen Päpste und insbesondere auf den unsterblichen Pius XII. übertragen. Doch Johannes XXIII. besitzt etwas ganz Persönliches und schwer Definierbares, das all diesen Eigenschaften eine unverwechselbare, nur seine eigene Note verleiht und sozusagen den Zauber und Charme seiner Ausstrahlung ausmacht. Woraus besteht dieses Etwas?

Der neue Pontifex strahlt eine besondere Gelassenheit aus, die in seiner Physiognomie, seinem Auftreten, dem Stil seiner Reden, der Art seiner Gesten und Initiativen zum Ausdruck kommt. Es ist eine tiefe Gelassenheit, die ihn ganz und gar zu erfüllen scheint und aus der eine stets unerschütterliche, anziehende Freundlichkeit entspringt. Sein klarer und feinfühliger Blick, seine geistige und körperliche Stärke zeugen zugleich von einem starken und wachsamen Hirten. Aus der Kombination dieser Eigenschaften erwächst ein Handeln, das sanft, gütig und anziehend, zugleich aber kultiviert, effizient und männlich ist. Hinzu kommt die Vorliebe Seiner Heiligkeit für die Stille. Johannes XXIII. scheint eine besondere Gabe zu besitzen, große Probleme unaufgeregt zu lösen und Leistungen von überragender Bedeutung mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen zu vollbringen, der mitten im Alltag lebt.

Manche Beispiele sind in diesem Sinne besonders eindrücklich. Bekanntlich wurde die Frage der Abschaffung der Soutane erörtert. Eine kurze, sanfte und bedeutungsvolle Formulierung (1), die er in eine seiner Reden einfügte, löste das Problem, indem er die Soutane beibehielt. Der Fall der Arbeiterpriester bewegte die ganze Welt. Der Heilige Vater hat ihn nun mit einer Formel abgeschlossen, die, obwohl zutiefst väterlich und sanftmütig, dennoch eine unbestreitbar endgültige Kraft besitzt. Die Einberufung des Konzils war ein Akt von beispielloser Bedeutung für das Leben der gesamten Kirche. Geplagt von den immensen und ständigen Aufgaben des Pontifikats, trägt Seine Heiligkeit noch immer alle Mühen, Sorgen, ja, man könnte sagen, alle Ängste, die mit einem so gewaltigen Unterfangen einhergehen. Doch er tut all dies so gelassen, so ruhig, so selbstverständlich und unbekümmert, dass man meinen könnte, das Problem überfordere ihn nicht. Bezüglich des Konzils ist in diesem Sinne noch eine weitere Bemerkung angebracht. Sobald die Nachricht von der bevorstehenden Einberufung veröffentlicht wurde, kursierten Gerüchte, die das große Treffen als Zusammenschluss aller Glaubensrichtungen darstellte. Das Konzil würde somit zu einem riesigen Religionsmarkt, aus dessen Verschmelzung die spirituelle Einheit der Welt hervorgehen sollte. Johannes XXIII. zeigte sich unbeeindruckt. Ruhig und selbstverständlich, wie man es von solchen Gerüchten nicht einmal wüsste, stellte er klar, dass die Einheit der Welt auf religiöser Ebene nicht durch eine Verschmelzung, sondern nur durch die Bekehrung der Ungläubigen zur einen, wahren, Kirche unseres Herrn Jesus Christus erreicht werden könne. Es ist offensichtlich, dass der Stellvertreter Christi mit Eifer die abtrünnigen Brüder und Schwestern zur einen Herde des einen Hirten zurückführen will. Doch dieser Eifer führe keinesfalls zu einer Gleichsetzung von Wahrheit und Irrtum, Gut und Böse oder zu einer absurden Vermischung von zutiefst unvereinbaren Lehren. Dieses Eingreifen des Papstes erwies sich als wirksam. Die Gerüchte verstummten, und wie durch Zauberhand kehrte eine Atmosphäre des Realismus und der Ausgewogenheit hinsichtlich der Perspektiven des bevorstehenden Konzils zurück. So könnten sich unzählige Beispiele finden. Gewiss zählt das von der Vorsehung inspirierte Rundschreiben der Heiligen Kongregation für die Priesterseminare zu den bemerkenswertesten Maßnahmen des neuen Pontifikats. Einige der wichtigsten Punkte daraus veröffentlicht diese Zeitung an anderer Stelle in dieser Ausgabe. Darin wird einmal mehr deutlich die Mischung aus väterlicher Güte und heiliger Festigkeit sichtbar, die in der unveränderlichen Tradition des Heiligen Stuhls liegt und jene Sanftmut und Stärke annimmt, die so typisch für das Umfeld Johannes XXIII. ist.

All diese Eigenschaften erklären das eigentümliche psychologische Phänomen, das sich im Hinblick auf den neuen Papst abzeichnet. Nach nur zwölf Monaten im Amt hat jeder das Gefühl, ihn schon seit vielen, vielen Jahren zu kennen, ihn bereits zu verehren und ihm bereits seine ganze Zuneigung entgegenzubringen.

Während wir der Vorsehung für all das Gute danken, das sie der Christenheit in diesen 365 Tagen durch den neuen Nachfolger Petri gewirkt hat, ist es angebracht, nicht nur persönliche Erwägungen zu betrachten. So sehr wir den Papst auch für all seine Qualitäten als frommer, besonnener und tatkräftiger Mann lieben und verehren, so ist es doch wichtig zu betonen, dass der wahre Katholik seine Verehrung und kindliche Liebe auf viel tiefere Gründe gründet. Vor allem liebt man den Papst, weil er der Papst ist, das heißt, wie die hl. Katharina von Siena sagte, der süße Christus auf Erden, der erhabene Nachfolger des hl. Petrus, von der Vorsehung eingesetzt, um die ganze Kirche zu lehren, zu leiten und zu heiligen und die ganze Welt zu ihr zu führen. Man liebt den Papst, weil er Petrus ist und weil der göttliche Erlöser zu Petrus sagte: „…auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“ (2). Wir lieben diesen Papst, wie wir Pius XII. und vor ihm den heiligen Pius X., den heiligen Gregor VII. und den heiligen Linus geliebt haben, denn er ist Christi Stellvertreter auf Erden.

Lieben bedeutet beten, opfern und handeln. Wir teilen die Sorgen, die Nöte und die Prüfungen derer, die wir lieben. Und ohne dies gibt es keine Liebe, die diesen Namen verdient. Wenn wir dem Papst eng verbunden sein wollen, müssen wir daher für ihn beten, Opfer gemäß seinen Absichten darbringen und so handeln, dass seine Pläne zum Wohl der Kirche verwirklicht werden.

Die Jahrestage der Wahl und Krönung des Papstes sollten daher von jedem Leser von „Catolicismo“ mit einem besonderen Vorsatz in dieser Hinsicht begangen werden. Dieser Vorsatz sollte nicht vage, unbestimmt oder platonisch sein. Im Gegenteil, er muss klar definiert und konkret sein.

Als Anregung geben wir hier einige Punkte zum Nachdenken an.

Wenn wir wollen, dass unsere Gebete für das Oberhaupt der Kirche erhört werden, lasst uns daran denken, ihnen einen zutiefst mütterlichen Charakter zu verleihen. Die Gottesmutter ist die Mittlerin aller Gnaden. Unsere Bitten müssen durch sie hindurchgehen, um Gott, unseren Herrn, wahrhaftig zu erreichen. Und da die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu nach der Lehre der Päpste besonders geeignet ist, Gnaden von oben auf uns herabzurufen, lasst uns dieses Göttliche Herz inständig für Papst Johannes XXIII. bitten.

Worum sollen wir bitten? Das größte Gut, das man sich für einen Menschen wünschen kann, ist, dass er ganz mit dem Herrn vereint und ein fügsames Werkzeug zur Erfüllung seines Willens sei. Dies sollten wir für alle Menschen erbitten, ja sogar für Ihn, der größer ist als alle anderen.

Doch es gibt einige Anliegen des Heiligen Vaters, die ihm besonders am Herzen liegen. Unter ihnen scheint keines von größerer Bedeutung zu sein als das bevorstehende Welt-Konzil. Lasst uns also inständig für das Konzil beten, dass die Vorsehung den Weg für seine Verwirklichung reichlich bereite, seine Sitzungen in jeder Hinsicht beschütze und alle Früchte seiner Beschlüsse gewährleiste.

Doch wir sind gewiss, dass Johannes XXIII. von jedem von uns noch mehr verlangt. Er bittet um etwas, das wir ihm ganz allein geben können: unsere Seele. Möge die Muttergottes uns die Gnade vollkommener Hingabe zum Stellvertreter Jesu Christi schenken: Dies ist der Akt innerer Großmut, die Hingabe der Seele, die ihn zweifellos am meisten berühren wird.

Wenn sich alle Katholiken dieser Haltung hingeben, sind wir ganz sicher, dass Seine Heiligkeit keine größere Freude und keinen größeren Trost finden könnte.

Daraus erwächst die tiefe Verbundenheit unseres Geistes mit der päpstlichen Lehre, die brennende Begeisterung für das Apostolat in dem Bereich, zu dem uns unser Eifer ruft, und folglich jener übernatürliche Erfolg, den die Vorsehung denen niemals verwehrt – auch wenn wir ihn mit unseren menschlichen Augen manchmal nicht erkennen –, die sich aus wahrer und reiner Gottesliebe dem Handeln widmen.

 

1) 1)  „Es ziemt sich, die Soutane, edel und vornehm, überall mit großer Würde zu tragen: ein Bild des Gewandes Christi – Christus sacerdotum tunica – ein strahlendes Zeichen des inneren Gewandes der Gnade“, – in: Ermahnung an die Geistlichen der drei Venedige, 21. April 1959 (A. A. S., Bd. 51, Nr. 6–7, S. 380).

2)   2) Mt 16,18.


Original auf Portugiesisch in Catolicismo Nr. 106 - Oktober 1959

 


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