Der Papst, so der hl. Bernhard, ist „das Vorbild der Frömmigkeit, der Vorkämpfer der Wahrheit, der Verteidiger des Glaubens, der Lehrer der Völker, das Oberhaupt der Christen, die Autorität des Klerus, der Hirte der Völker, der Rächer der Verbrechen, der Schrecken der Bösen, der Ruhm der Guten, der Hammer, der die Tyrannen schlägt, der Vater der Könige, der Hüter der Gesetze, der Kanoniker, das Salz der Erde, das Licht der Welt, der Priester des Allerhöchsten, der Stellvertreter Christi, der Christ des Herrn“ (De Consideratione).
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Die
Menschheit feiert bald den ersten Jahrestag der Thronbesteigung des Heiligen
Vaters Johannes XXIII. auf den Stuhl Petri: Am 27. Oktober 1958 gewählt, wurde
er am 4. November gekrönt. Damit endet ein erstes Jahr, das so reich an
Aspekten und neuen Ereignissen war, dass es den Eindruck erweckt,
außerordentlich lang gewesen zu sein: Man hat das Gefühl, dass der ehemalige
Patriarch von Venedig seit einigen Jahren an der Spitze der Weltkirche steht.
Die
Christenheit trauerte noch immer um den Tod von Pius XII. – einem der
beliebtesten Päpste, dessen Tod am meisten betrauert wurde –, als Kardinal
Nicola Canali von der historischen Loggia des Petersdoms aus verkündete: „urbi
et orbi“, dass Monsignore Angelo Roncalli, Kardinalpatriarch von Venedig,
zum Stuhl Petri gewählt worden war.
Die
Bewunderung und Zuneigung, die Pius XII. hinterließ, war so groß, dass in
vielen Herzen, in ehrfürchtigem und fragendem Schweigen, die fast
unausweichliche Frage aufkam: Kann uns jemand über einen so immensen Verlust
hinwegtrösten?
Und die
Blicke richteten sich voller Sorge auf Papst Johannes XXIII.
Nach und
nach, diskret, sanft, tiefgründig, formte sich in allen Herzen die bejahende
Antwort. Und am Ende des ersten Pontifikatjahres baut sich bereits eine große
Beliebtheit um den neuen Papst auf, oder besser gesagt, sie hat sich bereits
entwickelt.
„Beliebtheit“
ist vielleicht ein zu allgemeiner Ausdruck, denn wir leben im Zeitalter
falscher Beliebtheiten. Hier verwenden wir das Wort in seinem höchsten Sinne,
im Sinne der wahren Liebe der Kinder zu ihrem geistlichen Vater, etwas
Übernatürliches, Tiefgründiges und Lebendiges, das in keiner Weise mit dem
verwechselt werden darf, was so oft im politischen Bereich mit demselben Wort
bezeichnet wird.
Und
tatsächlich scheint Johannes XXIII. eine besondere Gabe zu besitzen, die jene,
die sich ihm nähern, den sanften Einfluss dieser erhabenen und umfassenden
Vaterschaft spüren lässt. Solide, unbestrittene und unanfechtbare Autorität,
wirksame und starke Autorität, zugleich aber ein überaus gütiger Geist, ein
unaufhörliches Verlangen, zuzuhören, nachzugeben, zu trösten und zu beschützen:
Dies sind die Faktoren, die die wohltuende Atmosphäre prägen, die der neue
Papst um sich herum verbreitet.
Vergleiche
zwischen den Eigenschaften verschiedener Päpste nehmen leicht den unangenehmen
Charakter von Diskussionen über die Tugenden verschiedener Heiliger an,
geführt, um herauszufinden, wer vor Gott der Größte ist. Dies ist daher nicht
unser Anliegen. Es genügt festzuhalten, dass es legitim ist, dass sich die
Heiligen in der Art ihrer Heiligkeit unterscheiden, so wie es ebenso legitim
ist, dass sich ein Papst von seinem Vorgänger unterscheidet. Im konkreten Fall
von Johannes XXIII. erscheint es uns nicht angebracht, ihn mit diesem oder
jenen Päpsten zu vergleichen, die ihm auf dem Stuhl Petri vorausgingen. Alles,
was wir soeben über ihn gesagt haben, ließe sich in größerem oder geringerem
Maße auch auf alle vorherigen Päpste und insbesondere auf den unsterblichen
Pius XII. übertragen. Doch Johannes XXIII. besitzt etwas ganz Persönliches und
schwer Definierbares, das all diesen Eigenschaften eine unverwechselbare, nur
seine eigene Note verleiht und sozusagen den Zauber und Charme seiner
Ausstrahlung ausmacht. Woraus besteht dieses Etwas?
Der neue
Pontifex strahlt eine besondere Gelassenheit aus, die in seiner Physiognomie,
seinem Auftreten, dem Stil seiner Reden, der Art seiner Gesten und Initiativen
zum Ausdruck kommt. Es ist eine tiefe Gelassenheit, die ihn ganz und gar zu
erfüllen scheint und aus der eine stets unerschütterliche, anziehende
Freundlichkeit entspringt. Sein klarer und feinfühliger Blick, seine geistige
und körperliche Stärke zeugen zugleich von einem starken und wachsamen Hirten.
Aus der Kombination dieser Eigenschaften erwächst ein Handeln, das sanft, gütig
und anziehend, zugleich aber kultiviert, effizient und männlich ist. Hinzu
kommt die Vorliebe Seiner Heiligkeit für die Stille. Johannes XXIII. scheint
eine besondere Gabe zu besitzen, große Probleme unaufgeregt zu lösen und
Leistungen von überragender Bedeutung mit der Selbstverständlichkeit eines
Menschen zu vollbringen, der mitten im Alltag lebt.
Manche
Beispiele sind in diesem Sinne besonders eindrücklich. Bekanntlich wurde die
Frage der Abschaffung der Soutane erörtert. Eine kurze, sanfte und
bedeutungsvolle Formulierung (1), die er in eine seiner Reden einfügte, löste
das Problem, indem er die Soutane beibehielt. Der Fall der Arbeiterpriester
bewegte die ganze Welt. Der Heilige Vater hat ihn nun mit einer Formel
abgeschlossen, die, obwohl zutiefst väterlich und sanftmütig, dennoch eine
unbestreitbar endgültige Kraft besitzt. Die Einberufung des Konzils war ein Akt
von beispielloser Bedeutung für das Leben der gesamten Kirche. Geplagt von den
immensen und ständigen Aufgaben des Pontifikats, trägt Seine Heiligkeit noch
immer alle Mühen, Sorgen, ja, man könnte sagen, alle Ängste, die mit einem so gewaltigen
Unterfangen einhergehen. Doch er tut all dies so gelassen, so ruhig, so
selbstverständlich und unbekümmert, dass man meinen könnte, das Problem
überfordere ihn nicht. Bezüglich des Konzils ist in diesem Sinne noch eine
weitere Bemerkung angebracht. Sobald die Nachricht von der bevorstehenden
Einberufung veröffentlicht wurde, kursierten Gerüchte, die das große Treffen
als Zusammenschluss aller Glaubensrichtungen darstellte. Das Konzil würde somit
zu einem riesigen Religionsmarkt, aus dessen Verschmelzung die spirituelle
Einheit der Welt hervorgehen sollte. Johannes XXIII. zeigte sich unbeeindruckt.
Ruhig und selbstverständlich, wie man es von solchen Gerüchten nicht einmal
wüsste, stellte er klar, dass die Einheit der Welt auf religiöser Ebene nicht durch
eine Verschmelzung, sondern nur durch die Bekehrung der Ungläubigen zur einen,
wahren, Kirche unseres Herrn Jesus Christus erreicht werden könne. Es ist
offensichtlich, dass der Stellvertreter Christi mit Eifer die abtrünnigen
Brüder und Schwestern zur einen Herde des einen Hirten zurückführen will. Doch
dieser Eifer führe keinesfalls zu einer Gleichsetzung von Wahrheit und Irrtum,
Gut und Böse oder zu einer absurden Vermischung von zutiefst unvereinbaren
Lehren. Dieses Eingreifen des Papstes erwies sich als wirksam. Die Gerüchte
verstummten, und wie durch Zauberhand kehrte eine Atmosphäre des Realismus und
der Ausgewogenheit hinsichtlich der Perspektiven des bevorstehenden Konzils
zurück. So könnten sich unzählige Beispiele finden. Gewiss zählt das von der
Vorsehung inspirierte Rundschreiben der Heiligen Kongregation für die
Priesterseminare zu den bemerkenswertesten Maßnahmen des neuen Pontifikats.
Einige der wichtigsten Punkte daraus veröffentlicht diese Zeitung an anderer
Stelle in dieser Ausgabe. Darin wird einmal mehr deutlich die Mischung aus
väterlicher Güte und heiliger Festigkeit sichtbar, die in der unveränderlichen
Tradition des Heiligen Stuhls liegt und jene Sanftmut und Stärke annimmt, die
so typisch für das Umfeld Johannes XXIII. ist.
All diese
Eigenschaften erklären das eigentümliche psychologische Phänomen, das sich im
Hinblick auf den neuen Papst abzeichnet. Nach nur zwölf Monaten im Amt hat
jeder das Gefühl, ihn schon seit vielen, vielen Jahren zu kennen, ihn bereits
zu verehren und ihm bereits seine ganze Zuneigung entgegenzubringen.
Während wir
der Vorsehung für all das Gute danken, das sie der Christenheit in diesen 365
Tagen durch den neuen Nachfolger Petri gewirkt hat, ist es angebracht, nicht
nur persönliche Erwägungen zu betrachten. So sehr wir den Papst auch für all
seine Qualitäten als frommer, besonnener und tatkräftiger Mann lieben und
verehren, so ist es doch wichtig zu betonen, dass der wahre Katholik seine
Verehrung und kindliche Liebe auf viel tiefere Gründe gründet. Vor allem liebt
man den Papst, weil er der Papst ist, das heißt, wie die hl. Katharina von
Siena sagte, der süße Christus auf Erden, der erhabene Nachfolger des hl.
Petrus, von der Vorsehung eingesetzt, um die ganze Kirche zu lehren, zu leiten
und zu heiligen und die ganze Welt zu ihr zu führen. Man liebt den Papst, weil
er Petrus ist und weil der göttliche Erlöser zu Petrus sagte: „…auf diesen
Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht
überwältigen“ (2). Wir lieben diesen Papst, wie wir Pius XII. und vor ihm
den heiligen Pius X., den heiligen Gregor VII. und den heiligen Linus geliebt
haben, denn er ist Christi Stellvertreter auf Erden.
Lieben
bedeutet beten, opfern und handeln. Wir teilen die Sorgen, die Nöte und die
Prüfungen derer, die wir lieben. Und ohne dies gibt es keine Liebe, die diesen
Namen verdient. Wenn wir dem Papst eng verbunden sein wollen, müssen wir daher
für ihn beten, Opfer gemäß seinen Absichten darbringen und so handeln, dass
seine Pläne zum Wohl der Kirche verwirklicht werden.
Die
Jahrestage der Wahl und Krönung des Papstes sollten daher von jedem Leser von „Catolicismo“
mit einem besonderen Vorsatz in dieser Hinsicht begangen werden. Dieser Vorsatz
sollte nicht vage, unbestimmt oder platonisch sein. Im Gegenteil, er muss klar
definiert und konkret sein.
Als Anregung
geben wir hier einige Punkte zum Nachdenken an.
Wenn wir
wollen, dass unsere Gebete für das Oberhaupt der Kirche erhört werden, lasst
uns daran denken, ihnen einen zutiefst mütterlichen Charakter zu verleihen. Die
Gottesmutter ist die Mittlerin aller Gnaden. Unsere Bitten müssen durch sie
hindurchgehen, um Gott, unseren Herrn, wahrhaftig zu erreichen. Und da die
Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu nach der Lehre der Päpste besonders geeignet
ist, Gnaden von oben auf uns herabzurufen, lasst uns dieses Göttliche Herz
inständig für Papst Johannes XXIII. bitten.
Worum sollen
wir bitten? Das größte Gut, das man sich für einen Menschen wünschen kann, ist,
dass er ganz mit dem Herrn vereint und ein fügsames Werkzeug zur Erfüllung
seines Willens sei. Dies sollten wir für alle Menschen erbitten, ja sogar für
Ihn, der größer ist als alle anderen.
Doch es gibt
einige Anliegen des Heiligen Vaters, die ihm besonders am Herzen liegen. Unter
ihnen scheint keines von größerer Bedeutung zu sein als das bevorstehende Welt-Konzil.
Lasst uns also inständig für das Konzil beten, dass die Vorsehung den Weg für
seine Verwirklichung reichlich bereite, seine Sitzungen in jeder Hinsicht
beschütze und alle Früchte seiner Beschlüsse gewährleiste.
Doch wir sind
gewiss, dass Johannes XXIII. von jedem von uns noch mehr verlangt. Er bittet um
etwas, das wir ihm ganz allein geben können: unsere Seele. Möge die
Muttergottes uns die Gnade vollkommener Hingabe zum Stellvertreter Jesu Christi
schenken: Dies ist der Akt innerer Großmut, die Hingabe der Seele, die ihn
zweifellos am meisten berühren wird.
Wenn sich
alle Katholiken dieser Haltung hingeben, sind wir ganz sicher, dass Seine
Heiligkeit keine größere Freude und keinen größeren Trost finden könnte.
Daraus
erwächst die tiefe Verbundenheit unseres Geistes mit der päpstlichen Lehre, die
brennende Begeisterung für das Apostolat in dem Bereich, zu dem uns unser Eifer
ruft, und folglich jener übernatürliche Erfolg, den die Vorsehung denen niemals
verwehrt – auch wenn wir ihn mit unseren menschlichen Augen manchmal nicht
erkennen –, die sich aus wahrer und reiner Gottesliebe dem Handeln widmen.
1) 1) „Es ziemt sich, die Soutane, edel und
vornehm, überall mit großer Würde zu tragen: ein Bild des Gewandes Christi – Christus
sacerdotum tunica – ein strahlendes Zeichen des inneren Gewandes der
Gnade“, – in: Ermahnung an die Geistlichen der drei Venedige, 21. April 1959
(A. A. S., Bd. 51, Nr. 6–7, S. 380).
2) 2) Mt 16,18.
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