Mittwoch, 29. März 2023

Ehescheidung und Romantik

 Plinio Corrêa de Oliveira

Die Kampagne gegen die [Einführung der] Ehescheidung tobt im ganzen Land [Brasilien], Gott sei Dank, bis zu dem Zeitpunkt, an dem der akuteste Moment der Krise als beendet betrachtet werden kann. Wir müssen jedoch wachsam sein, denn während des gesamten Kampfes können wir immer noch bittere Überraschungen erleben. Und auch nach dem Ende des Kampfes kann jederzeit plötzlich wieder Gefahr auftauchen, indem Verteidiger der Ehescheidung mehr oder weniger unvorhersehbare, in unserer Zeit fruchtbare Umstände ausnutzen, um die Unauflöslichkeit des ehelichen Bundes abzuschaffen.

       Es ist daher angebracht, weiterhin Aufmerksamkeit zu erregen, Energien zu mobilisieren, alle Mittel der Überzeugung für die richtigen Ziele einzusetzen. Zu diesem letzten Punkt möchten wir einige Bemerkungen machen.

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       Wenn wir einen Großen Teil der Arbeiten analysieren, die in dieser Kampagne gegen die Ehescheidung geschrieben wurden, müssen wir feststellen, dass sie einerseits für ihre Ernsthaftigkeit, ihre Klarheit, für die Redlichkeit ihrer Argumentation Lob verdienen, dennoch zollen fast alle einem gewissen Akademismus Tribut. Die Argumente, die sie vorbringen, wären gut, um rechtschaffene Intellektuelle zu überzeugen. Aber sie sind in der Regel völlig unwirksam für einen riesigen Bereich der öffentlichen Meinung, deren Präferenzen zwischen Unauflöslichkeit und Scheidung schwanken, mit einer starken Neigung zu letzterem. Und deshalb, nachdem er die überzeugendsten Argumente gehört hat, die durch die Sprache der Zahlen (das beste Argument für oberflächliche Köpfe) die Schädlichkeit der Scheidung für die Familie und das Land demonstriert haben, und somit der Scheidungsbefürworter zu einem verlegenen und gelangweiltes Schweigen gebracht wurde, stammelt er einige argumentationsfetzen à la diable und nimmt schließlich die ganze Diskussion wieder am Ausgangspunkt auf: „der unglückliche Ehemann kann also sein leben nicht wieder aufbauen? Ist es fair, ihm das Recht zu nehmen, sein Glück wieder aufzubauen?“ Wir alle, die wir gegen die Scheidung gekämpft haben, wissen, wie häufig diese Einstellung vorkommt. Die klarsten, prägnantesten, durchbohrendsten Argumente gleiten über solche Mentalitäten hinweg, ohne sie zu erreichen. Wenn solche Befürworter der Scheidung einem Hagel der Logik ausgesetzt werden, schrecken sie zurück. Sobald er aufhört, erscheinen sie wieder, unversehrt. Eine wirksame Anti-Scheidungskampagne muss diese Tatsache sehr ernst nehmen. Wenn sie Boden erobern will, muss sie erkennen, dass die Zugangswege, die ihm ermöglichen, in Mentalitäten wie diese einzudringen, noch nicht richtig bekannt und erforscht sind. Es ist unbedingt erforderlich, dass wir unseren Blick auf die wahre Ursache dieses Geisteszustands richten, um angemessene Argumente zu finden, um ihn zu korrigieren.

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       Unter diesen Umständen möchte ich über Romantik sprechen. In Lehrbüchern heißt es, diese Schule sei bereits gestorben. Offensichtlich gilt dies, wenn es sich nun um Literatur oder Kunst handelt. Aber gilt das auch, wenn es ums Leben geht? Sind die Seins- und Gefühlsweisen, die die Romantik geschaffen hat, den mentalen und affektiven Gewohnheiten unserer Zeitgenossen in der Tat völlig fremd? Stimmt es, was die Ehe anbelangt, wirklich, dass die Einstellung des modernen Menschen nicht unter romantischen Einflüssen leidet? Und welche Beziehung besteht zwischen diesem Einfluss und dem Problem der Ehescheidung?

       Lassen Sie uns zunächst einige Arten von „Helden“ und „Heldinnen“ der Romantik erwähnen. Den „Held“ der „zarten“ Art könnte man sich als jungen Mann (nichts ist unromantischer als die 50er Jahre!) vorstellen, schlank, blass, mit regelmäßigen Gesichtszügen, großen melancholischen Augen, die sich vage am Horizont verlieren, mit einer poetisch zerzausten Frisur und Kleidung, eine sich hebende Brust, vor glühendem, undefiniertem, quälendem Streben nach vollkommenem gefühlsmäßigem Glück. Doch er ist ein missverstandener. In unerforschten Winkeln seiner Persönlichkeit gibt es erhabene Horizonte, es gibt unsagbare Sehnsüchte, die um das Verständnis einer „Schwesterseele“ bitten, suchen, flehen. Es muss in der weiten Welt ein Wesen geben, das dazu gemacht ist, ihn zu verstehen. Er sucht es, denn so wird er sein Glück finden ... und wandert traurig durchs Leben, bis er es findet.

       Der romantische Held der „schrecklichen“ Art, zeigt etwas anders im Äußeren, ist aber moralisch identisch mit dem gerade beschriebenen Vorbild: überschwänglich vor Männlichkeit, athletischer Körperbau, etwas düstere Schönheit, nach dem Stil irgendeiner Figur von Wagner, großes Vermögen, große gesellschaftliche Situation, immenser Einfluss, er hat alles, was das Leben bieten kann ... aber (und darin liegt die „Romantik“ des Bildes) hat eine Wunde im Herzen: eine brennende Zuneigung, eine enorme Enttäuschung, eine Überzeugungskraft so schwer und so kalt wie ein Grabstein, dass er niemals auf Erden die affektive Entsprechung finden wird, von der sein Herz träumt.

       Symmetrisch entstand die Figur der „Heldin“, von der es uns nicht schwer fallen wird, zwei charakteristische Vorbilder hervorzurufen. Eine ist vom Typ „Mignon“. Sie ist ein Liebesding von Zärtlichkeit für Leib und Seele. Der kleinste Schmerz bringt sie zum Weinen, jeder Seelenkratzer lässt sie leiden. Naiv wie ein Kind, trägt sie in ihrem Herzen den immensen Wunsch, sich hinzugeben und von jemandem geliebt zu werden. Sie braucht Schutz, denn sie ist total zerbrechlich und dies spiegelt sich in der Süße ihres Blickes wider, in den harmonischen Tonlagen ihrer Stimme, in der Feinheit ihrer Gesichtszüge, in der exquisiten Zartheit ihres gesamten Gemüts. Ein anderes Modell wäre die Heldin der „großen“ Art. Atemberaubende Schönheit, die Größe und Haltung einer Königin, das natürliche Zentrum aller Aufmerksamkeit, aller Huldigungen, aller Hingabe, eine dominierende und verhängnisvolle Präsenz. Im Herzen natürlich ein verborgenes Zucken, ein tiefer Nachgeschmack, ein großer verborgener Schmerz. Es ist die Bitterkeit einer vergangenen Enttäuschung, die ängstliche und hoffnungslose Suche nach jemandem, der sie wirklich versteht. Zu ihren Füßen stöhnen Dichter, Herzöge, Millionäre nutzlos. Ihr gleichgültiger, hochmütiger, tiefer und trauriger Blick sucht das ganzes Leben lang in der Ferne nach dem, war sie niemals finden wird: Es ist das Glück einer großen Zuneigung, nach den „höchsten“ und quälenden Bestrebungen, die ihre Seele in ein geheimes und unaufhörliches Blutvergießen bringen.

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       Die Leser werden vielleicht schmunzeln. Scheint es nicht ganz wahr zu sein, dass dies alles vorbei ist? Wer den jungen Mann – oder die junge Frau – aus dieser Zeit der Geschwindigkeit, des Sports und der Vitamine in seinem knallbunten Auto vorbeifahren sieht, denkt nicht, dass wir von Romantik noch weit entfernt sind? Der junge Mann ist robust, fröhlich, wirkt gut im Leben verankert, voller praktischem Sinn und Siegeswillen. Die junge Frau ist ungezwungen, unternehmungslustig, utilitaristisch, oft jähzornig. Auch sie ist fröhlich, fühlt sich wohl und will das Leben „genießen“. Was hat sie mit der weinerlichen Dame gemeinsam, die unsere Großeltern bewegt hat?

       Wir leugnen nicht, dass der moderne Utilitarismus ein Klima viel größerer Toleranz gegenüber Ehen geschaffen hat, die von zynischen finanziellen Motiven inspiriert sind. Wir leugnen nicht, dass Kalkulationen über Karriere, soziale Stellung heute viel häufiger als früher in Ehen einfließen. Doch wer von den zahlreichen konkreten Beispielen, die diesbezüglich präsentiert werden könnten, absolut verallgemeinern will, irrt. Bei allem Utilitarismus bleibt der Raum, der dem „Gefühl“ vorbehalten ist, sehr beträchtlich. Und wenn wir dieses „Gefühl“ analysieren, werden wir sehen, dass es nichts als eine sehr oberflächliche Anpassung der alten romantischen Themen ist.

       Unsere Ära der Demokratie lässt keine herausragenden und außergewöhnlichen Charaktere mehr zu. Der „Held“ ist heute ein „populärer Typ“ und das Mädchen ein „Glamour-Girl“. Ein „populärer Typ“ wie tausende natürlich und ein „Glamour-Girl“ ebenfalls wie tausende. Die mechanische Natur der heutigen Existenz zwingt sie dazu in Tagträumen und endlosen Ausschweifungen zu verbringen, und weniger fleißig zu sein als ihre Vorfahren. All dies umschreibt auf verschiedene Weise den Spielraum fantasievoller und sentimentaler Ergüsse. Aber trotz all dieser Vorbehalte, wenn es um Liebe geht, ist es dieselbe süße Sentimentalität, dieselben vagen Sehnsüchte, dieselben Missverständnisse, dieselben Affinitäten, dieselben Schocks, dieselben Krisen, dieselbe Sehnsucht nach affektivem Glück ohne Ende und die gleiche chronische Bedenklichkeit all dieser „Glücklichkeiten“. Wir wollen hier keine psychologische Studie über die mehr oder weniger zweitklassige literarische und künstlerische Produktion machen, die um die Welt wandert und die wirklich den Geist der Massen formt. Es genügt unserem Leser, ein wenig Sinn für die Realität zu haben, die ihn jederzeit umgibt, um zu erkennen, wie recht unsere Beobachtungen sind. Tatsächlich baut die überwiegende Mehrheit der Ehen, die aus Zuneigung geschlossen werden, heutzutage auf Gefühlen auf, die von romantischer Sentimentalität durchtränkt sind.

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       Und hier ist das Problem. Wenn manche Ehen aus Interesse geschlossen werden, andere aus Zuneigung, und wenn diejenigen, die aus Zuneigung geschlossen werden, im Allgemeinen unter dem Einfluss der Romantik geschlossen werden, hängt die Frage nach der Stabilität des ehelichen Zusammenlebens davon ab, inwieweit Interesse oder Romantik kann Ehepartner dazu bringen, sich gegenseitig zu ertragen.

       Reden wir nicht über das Interesse. Die Sache ist sehr klar. Reden wir über Romantik.

       Lassen Sie uns zunächst betonen, dass die Romantik ihrem Wesen nach frivol ist. Sie nimmt bereitwillig die größten Tugenden der „Heldin“ oder des „Helden“ an. Aber im Grunde wiegen diese Tugenden als Überlebensfaktor gegenseitiger Zuneigung sehr wenig in die Waagschale. In der Tat verzeiht Sentimentalität ohne große Schwierigkeiten echte moralische Mängel, Undankbarkeit, Ungerechtigkeit und sogar Verrat. Aber sie verzeiht keine Kleinigkeiten. Dass also – um auf das offene Fleisch der Realität zu kommen, ist nützlich ein Beispiel anzuführen – ein lächerliches Schlafschnarchen, Mundgeruch, kurz jedes andere kleine menschliche Elend, ein romantisches Gefühl unwiderruflich töten kann … was den schwerwiegendsten Reklamationsgründen widerstehen würde. Nun ist der Alltag ein Geflecht von Nebensächlichkeiten, und es gibt keinen Menschen, der sie im intimen Kontakt nicht mehr oder weniger schwer ertragen kann. Aus diesem Grund ist es üblich geworden, über die Enttäuschungen nach den Flitterwochen zu sprechen. „Nach dieser Zeit“, sagte mir einmal jemand, „hat mich meine Frau nicht enttäuscht, sondern mich mit Enttäuschungen erfüllt“. Und da die Romantik ihrem Wesen und ihrer Definition nach aus Illusionen besteht, aus unkontrollierten und hypothetischen Zuneigungen zu Menschen, die nur in der Welt der Chimären möglich wären, ist die Folge, dass in kurzer Zeit die Gefühle, die die einzige psychologische Grundlage für die Stabilität des Zusammenlebens waren, lösen sich auf.

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       Natürlich geht eine Person unter diesen Bedingungen den Dingen nicht auf den Grund, erkennt nicht, was an ihren Wünschen im Wesentlichen nicht realisierbar ist, und denkt einfach, dass sie einen Fehler gemacht hat. Sie versteht also, dass sie immer noch in anderen das Glück finden kann, das ihr die Ehe nicht gegeben hat. Gewöhnt, einzig und allein für das eigene Glück zu leben, gewöhnt, das Glück einzig und allein in der Befriedigung sentimentaler Tagträume verwirklicht zu sehen, wird ein solcher Mensch sein Leben hoffnungslos zerstört sehen, wenn er es nicht auf andere Weise befriedigt. Und er wird das Leben all der zahlreichen anderen Menschen, die demselben „Missverständnis“ verfallen sind, als ebenso zerstört beurteilen. Daher wird die Scheidung absolut so notwendig erscheinen wie Luft, Brot oder Wasser.

       Welchen Eindruck würde auf einen Menschen in dieser Verfassung ein ernsthaftes Argument gegen die Scheidung machen, verstärkt durch die kalte Sprache der Statistik? Sie ist es gewohnt, eher zu schwafeln als zu denken, und hasst alle Argumente, besonders wenn sie ernst sind. Die Sprache der Zahlen kommt einem in solchen Dingen lächerlich vor. Mit ihr über Soziologie in Bezug auf Ehe und Liebe zu sprechen, erscheint ihm ebenso schockierend wie mit einem Dichter, der sich darüber amüsiert, die Schönheit einer Blume zu bewundern, über die technischsten Themen der Botanik zu sprechen.

       Es versteht sich daher, dass die Anti-Scheidungs-Kampagne, die in all ihren Argumenten äußerst konsequent ist, das falsche Ziel trifft, indem sie versucht, mit Argumenten, die auf der Moral oder dem Wohl des Landes basieren, Menschen zu überzeugen, denen es einzig und allein darum geht, individuelles Glück in einer Welt der Träume und Schimären zu erreichen.

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       Und hier kommen wir zum Ende. Letztlich ist Romantik nur Egoismus. Der Romantiker sucht nur sein eigenes Glück und begreift Liebe nur in dem Maße, in dem der „Andere“ ein adäquates Instrument ist, um ihn glücklich zu machen. Er begehrt dieses affektive Glück so ausschließlich, dass er, wenn er seinem Gefühl freien Lauf lässt, alle moralischen Schranken überspringt, alle Annehmlichkeiten des Gemeinwohls aufgibt und seine Instinkte brutal befriedigt. Und auf Egoismus kann nichts aufgebaut werden ... die Familie noch weniger als alles andere.

       Es ist daher notwendig, eine gewaltige antiromantische Offensive zu starten, um den wesentlichen Unterschied aufzuzeigen, der von der christlichen Nächstenliebe ausgeht, die alle aus dem Übernatürlichen, dem gesunden Menschenverstand, dem Seelengleichgewicht, dem Triumph über die Unruhen der Vorstellungskraft und der die Sinne, ganz aus Frömmigkeit und Askese, schließlich bis hin zur sinnlichen, selbstsüchtigen Liebe, die aus ungezügelter, romantischer Sentimentalität besteht, und immer noch so in Mode ist. Es ist falsch, sich vorzustellen, dass echte christliche Ehegatten die Helden der Romantik sind, denen es durch einen glücklichen Zufall gelungen ist, eine authentische Ehe nach dem kanonischen Recht als Vorstufe zur Befriedigung ihrer Leidenschaften zu schließen, die aber denselben Zustand des Geistes, den gleichen Egoismus, die gleiche Verewigung jeder Abenteuerlust bis hin ins Brautbett tragen.

       Solange die sentimental-romantische Auffassung implizit oder explizit die Mentalität der Brautpaare beeinflusst, wird jede Ehe bedenklich sein, da sie auf dem im Wesentlichen klebrigen, schwankenden, vulkanischen Boden des menschlichen Egoismus errichtet wurde.

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       Es wird allgemein gesagt, dass die Familie das Fundament der Gesellschaft ist. Ehen, die aus selbstsüchtiger und romantischer Sentimentalität entstehen, sind das Fundament der Stadt des Teufels, in der die Selbstliebe des Menschen bis zur Gottvergessenheit getrieben wird. Ehen, die aus der Liebe Gottes und der übernatürlich heiligen Nächstenliebe bis hin zur Selbstvergessenheit entstehen, sind das einzigartige Fundament der Stadt Gottes.

 

 

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer aus Catolicismo Nr. 10 – Oktober 1951 – „Divórcio e romantismo“

Diese deutsche Fassung von „Ehescheidung und Romantik“ erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com

© Nachdruck der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.


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