Ein Moment von transzendenter Bedeutung in der Geschichte der Menschheit
Plinio Corrêa de Oliveira
Catolicismo
Nr. 181-182,
Januar-Februar 1966
Auf der Sedia Gestatoria überquert Papst Paul VI den Petersplatz
zum Abschluss des II. Vatikanischen Konzils
Der wahre Katholik weiß, dass die Geschichte der Kirche das
Zentrum der Menschheitsgeschichte ist. Wir bestehen auf den Ausdruck „der
Menschheit“ im wahrsten Sinne des Wortes, und nicht nur der katholischen
Völker.
Tatsächlich lässt sich die Geschichte der Menschheit aus
zwei verschiedenen Perspektiven betrachten: Erstens als Geschichte des
Seelenheils und zweitens als Geschichte des Aufbaus einer wahren Zivilisation.
Was das Seelenheil aller Menschen zu allen Zeiten und an
allen Orten betrifft, so steht außer Frage, dass die Geschichte der Entwicklung
der Kirche – sowohl ihres inneren Wachstums in der Heiligkeit als auch ihrer
Ausbreitung auf der Erde – im Mittelpunkt der Geschichte steht, da die Kirche
das vom göttlichen Erlöser zu diesem Zweck eingesetzte sichtbare Werkzeug ist.
Aus der Perspektive des Aufbaus einer wahren Zivilisation
ist die Bedeutung der Kirche von höchster Wichtigkeit. Sie ist Hüterin und
Auslegerin der Zehn Gebote, des Gesetzes Gottes, die die Grundlage aller Moral
bilden. Die Erkenntnis wahrer und vollkommener Moral wiederum ist die Grundlage
einer vollkommenen Zivilisation, der christlichen Zivilisation. Darüber hinaus
ist die Kirche eine überaus großzügige und überreiche Spenderin der Gnade. Ohne
diese ist es dem Menschen nicht möglich, christliche Moral vollständig und
dauerhaft zu leben. Mit anderen Worten: Obwohl allen Menschen Gnade zuteilwird,
geht die christliche Zivilisation von der Kirche aus, denn sie kann nur dort
bestehen, wo die Kirche besteht. So ist die Kirche aus dem einen oder anderen
Blickwinkel (und diese Blickwinkel durchdringen sich in der Tat, da die
christliche Zivilisation die Bedingungen des irdischen Lebens schafft, die dem
Seelenheil vollkommen förderlich sind) wahrlich das Zentrum der
Menschheitsgeschichte.
Diese Wahrheiten kamen mir im Zusammenhang mit dem Abschluss
des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Sinn.
Während die Geschichte langsam in Vergessenheit gerät und
der Lärm der Nachrichten und Kontroversen abebbt, nimmt das Bild, mit dem die
große Versammlung in der Geschichte erscheinen wird, allmählich in den Augen
der heutigen Menschen Gestalt an. Und so erkennen wir mit noch größerer
Deutlichkeit eine der Charakteristika des Konzils: das ungeheure Interesse, das
es in allen Teilen der Welt und in allen Teilen der öffentlichen Meinung
hervorrief.
Dieses Interesse beweist deutlich, dass selbst jene
außerhalb der Kirche spürten, dass die Konzilsbeschlüsse – ob gewollt oder
ungewollt – bis in ihre tiefsten Kreise nachhallten. „Eine überraschende
Offenbarung der übernatürlichen Universalität der Heiligen Kirche, deren Wirken
selbst die radikalsten Abtrünnigen nicht entkommen können“, spotten die
erbittertsten Gegner. Das Gebrüll mancher kommunistischer Kreise bewies gerade
durch die Verdopplung des Hasses, dass angesichts des Konzils niemand gleichgültig
bleiben konnte.
*
Eine weitere Offenbarung der Universalität der Kirche bot
die heilige Synode vor den Augen einer begeisterten Menschheit. Man kann sagen,
dass in der Person ihrer Bischöfe alle Völker der Erde vertreten waren. Die
Kirche bezeugte so, dass sie inmitten unzähliger Schwierigkeiten den göttlichen
Auftrag, allen Völkern das Evangelium zu verkünden, auf glorreiche Weise
erfüllte (vgl. Mt 28,19). Zu Füßen des Stuhls Petri, um den Heiligen Vater Paul
VI., versammelten sich alle Völker zu einer gewaltigen Offenbarung. Aus diesem
Grund war die heilige Versammlung, die von Johannes XXIII. in einer
unsterblichen Geste einberufen und von Paul VI. mit so beständiger Fürsorge
geleitet wurde, für die Kirche eine Offenbarung von Prestige, die bis zum Ende
der Welt in den Annalen der Menschheit verzeichnet sein wird.
Es ist offenkundig, dass all dieses Prestige auf die
erhabene Person des Stellvertreters Christi, Papst Paul VI., zurückgeht, der
mit außergewöhnlichen Mitteln in die nachkonziliare Phase eintritt, um die
göttliche Mission, die ihm unser Herr Jesus Christus anvertraut hat, in ihrer
ganzen Breite und Tiefe zu erfüllen.
Die Arbeit des Konzils ist viel zu umfangreich und
vielschichtig, als dass sie in einem Zeitungsartikel umfassend dargestellt
werden könnte. Ob ein ganzes
Buch dafür ausreichen würde, ist fraglich.
Unbestreitbar markiert der Abschluss des Zweiten
Vatikanischen Konzils jedoch einen der feierlichsten Momente der Geschichte.
Betrachtet man die Arbeit des Konzils aus der Perspektive der
Menschheitsgeschichte, so lässt sich sagen, dass die erhabene Versammlung
angesichts der Krise, der Verwirrung und der Erschöpfung der heutigen Welt
sowie der Gefahr einer atomaren Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes zu einem
beispiellosen Schritt entschlossen hat.
Tatsächlich lässt sich in allen Beratungen des Konzils das
Bestreben erkennen, die größten Zugeständnisse und Opfer zu bringen, um das
Wohlwollen derer zu gewinnen, die der Kirche fernstehen. Und in der Wärme
dieses Wohlwollens hofft die heilige Synode, die härtesten Herzen zu berühren,
die hartnäckigsten Vorurteile aufzulösen und den erbittertsten Hass zu
entwaffnen. Damit wollten die Konzilsväter den Weg für die Wahrheit ebnen,
damit sie endlich in die ideologischen Bereiche vordringen kann, in denen der Irrtum
herrscht. Und damit eine versöhnte Menschheit die Segnungen des Friedens
genießen kann.
Zweifellos ging das Konzil nicht davon aus, dass dieses Werk
all seine Wirkung von einem Moment auf den anderen entfalten würde. Es tat
nichts anderes, als die Wege des Zugangs zu öffnen – in einer Geste von einer
Tragweite, die aus einer gewissen Perspektive unvorstellbar erscheinen mag. Und
es richtete eine dringende Einladung an alle, die sich weit von der Kirche
entfernt haben, einzutreten und Schritt für Schritt auf diesen Wegen
voranzuschreiten.
Man kann sagen, dass die Einladung zum Hochzeitsmahl des
Königssohnes (vgl. Mt 22,1 ff.) nie so umfassend, so unermesslich weitreichend
war.
Was werden die Gäste tun? Sie sind dazu aufgerufen.
Dieser Dialog, in dem das Konzil das erste Wort sprach, wird
die gesamte Geschichte der Zeit zusammenfassen. Wenn die Gäste den Ruf annehmen
und die große Rückkehr zum katholischen Glauben antreten, der in seiner ganzen
Fülle und Authentizität erkannt und in der Fülle des übernatürlichen Lebens
sowie in der sanften und erhabenen Strenge der Gebote Gottes gelebt wird, ist
alles Gute vorhersehbar.
Wenn dies jedoch – „quod Deus avertat“ – nicht
geschieht, dann wird es nicht möglich sein, die Menschheit daran zu hindern,
immer weiter von Irrtum zu Irrtum zu gleiten, in einen Abgrund, dessen dunkle
Tiefen dem menschlichen Auge unergründlich sind.
Damit wird die historische, überragende Bedeutung des
Zweiten Vatikanischen Konzils deutlich hervorgehoben. Angesichts der
majestätischen Bedeutung dieses historischen Augenblicks, in tiefer religiöser
Besinnung, ehrfurchtgebietender Kontemplation und vertrauensvollem Gebet,
erfüllt uns eine Gewissheit: Wie auch immer die Ereignisse ihren Lauf nehmen
mögen, die Verheißung von Fatima wird sich erfüllen – eine Verheißung, die in
uns wie ein himmlisches Lied widerhallt:
„Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.“
Katholiken aus Rom und aus aller Welt kamen zum Petersplatz am 8. Dezember 1965
Aus dem Portugiesischen eines Artikels in „Catolicismo“
vom Januar 1966
Die deutsche Fassung dieses Artikels ist erstmals
erschienen in
www.p-c-o.blogspot.com
© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit
Quellenangabe dieses Blogs gestattet.
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