Plinio Corrêa de Oliveira
Diário da Noite, 6. Oktober 1934
Mit dem ehrenvollen Mandat des Volkes von São Paulo wurde ich zum Vertreter des katholischen Gedankenguts in der Verfassungs-gebenden Versammlung der Zweiten Republik ernannt. Sofort traten mir die beiden wichtigsten Aspekte meiner heiklen Aufgabe in den Sinn.
Als katholischer Abgeordneter war es einerseits meine
Pflicht, mich nach besten Kräften für die spirituellen Rechte des
brasilianischen Volkes einzusetzen. Vor mir lag eine Nation, die frühzeitig von
all den Keimen des Zerfalls geplagt wurde, die den alten europäischen Kontinent
erschütterten. Brasilien, ein gesunder Organismus, von der Vorsehung mit fast
unerschöpflicher Kraft ausgestattet, sah sich jedoch von einer Reihe
zusammenlaufender Krisen untergraben, die direkt oder indirekt durch die
gegenwärtige Weltkrise ausgelöst und durch die lokalen Gegebenheiten noch
verschärft wurden. Und ich spürte in mir die absolute Überzeugung der gesamten
katholischen Laien, dass Brasilien nur in einer Wiederbelebung seiner
religiösen Traditionen ein Heilmittel für seine zahlreichen Probleme finden
könne. Diese Wiederherstellung sollte jedoch keinesfalls eine einfache Rückkehr
in die Vergangenheit sein, sondern eine Neuausrichtung unseres öffentlichen und
privaten Lebens auf die ewigen spirituellen Werte und damit auf eine
immerwährende Gegenwart, die in den Traditionen unserer Geschichte aufleuchten.
Als Abgeordneter aus São Paulo sah ich mich andererseits
einer gewaltigen Aufgabe der Wiedergutmachung gegenüber, die es zu bewältigen
galt.
Nichts ist schwieriger und doch nichts notwendiger, als
die große bürgerliche Aufbruchstimmung vom 9. Juli und 3. Mai in ihrer vollen
Tragweite zu bewahren. Es galt, die verletzten Rechte eines Bundesstaates, der
innerhalb der brasilianischen Föderation eine unbestreitbar wichtige Stellung
einnimmt, in ihrer Gesamtheit zu verteidigen. Bei dieser kompromisslosen und
beharrlichen Verteidigung galt es jedoch, jegliches Übermaß zu vermeiden, das
die Bande der nationalen Einheit hätte schwächen können. Es galt, die Sache der
Gerechtigkeit, für die sich São Paulo so lange eingesetzt hat, Schritt für
Schritt und mit dem Eifer eines überfürsorglichen Sohnes zu verteidigen. Es war
unsere ernste Pflicht als Bürger São Paulos, zu verhindern, dass die Reaktion
auf unverzeihliche Missstände uns in andere, ebenso unentschuldbare Missstände
hineinzog, in denen das Gefühl der nationalen Einheit letztlich zerstört würde.
Beide Anliegen, für deren Verteidigung ich von 24.000
Wählern aus São Paulo ausgewählt wurde, ergänzen sich in vollkommener Harmonie;
hier gab und gibt es keinen Platz für Fraktionsinteressen oder partei-politische
Präferenzen.
Während der Verfassungsausarbeitung, wie auch heute, habe
ich stets darauf geachtet, die besondere Natur meiner Mission gewissenhaft zu
wahren und jede Haltung zu vermeiden, die auch nur die geringste Neigung zu
einer der in unserem Staat aktiven politischen Strömungen erkennen ließe.
Es wäre bedauerlich, wenn sich Katholiken der Teilnahme
an den großen politischen Bewegungen, die die Geschichte einer Nation prägen,
entzögen, denn eine solche Haltung käme einem Rückzug zugunsten anderer
ideologischer Strömungen gleich, die die Führung dieser Bewegungen an sich
reißen wollen.
Es liegt mir daher fern, praktizierende Katholiken zu
tadeln, die im Geiste des Glaubens, ja mit dem Segen unseres Bischofs, an
parteipolitischen Bewegungen teilnehmen.
Ich halte es jedoch für unbestreitbar, dass die
katholische Sache, die naturgemäß außerhalb und über politischen
Auseinandersetzungen steht, in den Parlamenten Verteidiger vermisst, die ihre
Rechte mit der Gelassenheit und Unparteilichkeit jener verteidigen können, die
sich freiwillig aus weltlichen Streitigkeiten heraushalten.
Nur wer die Komplexität des parlamentarischen Lebens
mitunter ignoriert, kann die oft unvorhergesehene Verflechtung und gegenseitige
Unterordnung von Themen übersehen, die an sich nichts miteinander zu tun haben.
So war beispielsweise in der Verfassungsgebenden Versammlung von 1934 die Frage
der Verkündung einer provisorischen Verfassung eng mit den Forderungen der
Katholiken verknüpft, sodass ein Problem eminent politischer und rein
spiritueller Natur durch eine unvorhergesehene Verkettung von Umständen
miteinander verwoben wurden.
In solchen Momenten findet die Stimme eines Mannes, so
unparteiisch und würdevoll sie auch sein mag, nicht die gleiche objektive und
autoritative Resonanz wie die eines Menschen, der den Leiden-schaften des
Kampfes fernbleibt. Und gerade dann wird der Bedarf an Verteidigern „außerhalb
und über den Parteien“ am deutlichsten spürbar.
Aus diesen Gründen habe ich die ehrenvollen Einladungen
dreier Wahlgruppen der Einheitsliste für ein vereintes São Paulo abgelehnt, die
mich auf ihre Liste der Abgeordneten für die Bundes- oder Landeskammer setzen
wollten.
Angesichts der Haltung des angesehenen Landesvorstands
der Katholischen Wahlliga – einer Haltung, die bereits feststand, als ich noch
das ehrenvolle Amt des Generalsekretärs dieser Organisation innehatte und der
ich daher uneingeschränkt zustimme – blieb mir nur ein Weg: dem edlen und
selbstlosen Beispiel von Dr. Vicente Melillo und einigen meiner geschätzten
Kollegen im Landesvorstand zu folgen, jede Parteikandidatur abzulehnen und mich
mit Ablauf meines Mandats am 3. Mai aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
Die Entscheidung einiger Freunde, meine Kandidatur für
die Verfassungsgebende Versammlung des Bundesstaates zu unterstützen, lenkte
mich jedoch von dem ruhigen Weg ab, den ich eigentlich einschlagen wollte, so
sehr ich mich auch darauf freute, meine Aufgaben als Professor an der
Universität von São Paulo wieder aufzunehmen. Es war die Stimme der
katholischen Jugend, die mich zu einem neuen Kampf aufrief, im Bewusstsein,
dass der Katholizismus seine ganz eigenen und unmissverständlichen
Verantwortlichkeiten gegenüber Brasilien trägt und dass diese
Verantwortlichkeiten besonders schwer auf den Schultern der katholischen Jugend
lasten. Sie wollten einen autorisierten Sprecher in der nächsten
Legislaturperiode, einen Sprecher, der mit der ganzen Ausdruckskraft, die ein
rein katholischer Vertreter besitzen kann, den neuen Geist, der in allen
kämpferischen Katholiken São Paulos schwingt, spürbar machen würde; einen
Geist, der zudem zu Unrecht als neu bezeichnet werden sollte, da er nichts
anderes ist als der ewige Geist der katholischen Wahrheit, der in den
leidenschaftlichen Herzen der jungen Menschen von Piratininga (AdÜ: São Paulo) neue
Wurzeln schlägt!
Ich gehorchte. Es gibt gewisse Ehren oder gewisse Kreuze,
die man nicht ablehnt. Und hier bin ich wieder im Feld, um in meiner
charakteristisch unpolitischen Haltung einen neuen Kreuzzug im Dienste „der
katholischen Sache, nur der katholischen Sache und der gesamten katholischen
Sache“ zu beginnen.
Nachdem ich meinen Rücktritt vom Amt des Generalsekretärs
des Landesvorstands der Katholischen Wahlliga beantragt und meinen Wahlkampf
strikt nach deren Vorgaben ausgerichtet habe, kandidiere ich – als
Privatperson, aber mit der tiefen Gewissheit, von einem über den Menschen
höheren Ideal angetrieben zu werden, das sie nicht aufhalten können – bei der
nächsten Wahl.
Um meine Kandidatur von parteipolitischen
Auseinandersetzungen zu trennen, hat die Kommission, die meine Kandidatur
unterstützt, beschlossen, in der ersten Runde Stimmzettel mit meinem Namen und
in der zweiten Runde die Stimmzettel mit den Kandidaten unserer wichtigsten
Parteien zu drucken. So wird die Bevorzugung meines Namens die Wähler nicht
daran hindern, ihre legitimen parteipolitischen Sympathien auszudrücken, und
mein Wahlkampf wird die Position der aktuellen politischen Kräfte in keiner
Weise verändern.
Nur noch ein Wort möchte ich sagen. Indem ich mich, um es
mit Tristão de Athaydes Worten zu sagen, als „vollkommen und ausschließlich
katholischer“ Kandidat präsentiere, stelle ich sicher, dass meine Position
nicht bedeutet, die legitimen weltlichen Interessen des Staates zu
vernachlässigen. Es ist ein Irrtum unseres materialistischen Zeitalters
anzunehmen, dass eine unüberwindliche Grenze spirituelle von weltlichen
Interessen trennt. Wenn es eine brasilianische Realität gibt, dann ist deren
eklatanteste Tatsache die katastrophale Konsequenz, die dieses Vorurteil unter
uns hervorgerufen hat. Eine kluge Verteidigung spiritueller Interessen
bereitet, lenkt und bedingt eine umsichtige Verwaltung weltlicher Interessen.
Erstere beherrschen letztere, wie der Geist die Materie beherrscht. Es ist
nicht nötig, das eine zu vergessen oder zu verachten, um das andere zu
verteidigen. Im Gegenteil, in diesem Sinne muss die katholische Ausrichtung
etabliert werden. Und wenn es einen Aspekt gibt, der in einer unpolitischen Kandidatur,
die von ausschließlich katholischen Kräften getragen wird, besondere Beachtung
verdient, dann ist es zweifellos die Antwort spiritueller Werte auf die
alleinige Berücksichtigung materieller Interessen.
Im Dienste der Kirche und, weil sie im Dienste der Kirche
steht, auch im Dienste des Vaterlandes, wird unsere Fahne gehisst.
Katholiken von São Paulo! Die Stunde ist gekommen. Entscheidet!
São Paulo, 6.
Oktober 1934
Plinio Corrêa de
Oliveira
Aus dem Portugiesischen eines Artikels „Católicos“ in „Diário
da Noite“ vom 6. Oktober 1934
Die deutsche Fassung dieses Artikels ist erstmals
erschienen in
www.p-c-o.blogspot.com
© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit
Quellenangabe dieses Blogs gestattet.
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