Dienstag, 14. April 2026

KATHOLIKEN !

Plinio Corrêa de Oliveira 
Diário da Noite, 6. Oktober 1934




        Mit dem ehrenvollen Mandat des Volkes von São Paulo wurde ich zum Vertreter des katholischen Gedankenguts in der Verfassungs-gebenden Versammlung der Zweiten Republik ernannt. Sofort traten mir die beiden wichtigsten Aspekte meiner heiklen Aufgabe in den Sinn.

    Als katholischer Abgeordneter war es einerseits meine Pflicht, mich nach besten Kräften für die spirituellen Rechte des brasilianischen Volkes einzusetzen. Vor mir lag eine Nation, die frühzeitig von all den Keimen des Zerfalls geplagt wurde, die den alten europäischen Kontinent erschütterten. Brasilien, ein gesunder Organismus, von der Vorsehung mit fast unerschöpflicher Kraft ausgestattet, sah sich jedoch von einer Reihe zusammenlaufender Krisen untergraben, die direkt oder indirekt durch die gegenwärtige Weltkrise ausgelöst und durch die lokalen Gegebenheiten noch verschärft wurden. Und ich spürte in mir die absolute Überzeugung der gesamten katholischen Laien, dass Brasilien nur in einer Wiederbelebung seiner religiösen Traditionen ein Heilmittel für seine zahlreichen Probleme finden könne. Diese Wiederherstellung sollte jedoch keinesfalls eine einfache Rückkehr in die Vergangenheit sein, sondern eine Neuausrichtung unseres öffentlichen und privaten Lebens auf die ewigen spirituellen Werte und damit auf eine immerwährende Gegenwart, die in den Traditionen unserer Geschichte aufleuchten.

     Als Abgeordneter aus São Paulo sah ich mich andererseits einer gewaltigen Aufgabe der Wiedergutmachung gegenüber, die es zu bewältigen galt.

     Nichts ist schwieriger und doch nichts notwendiger, als die große bürgerliche Aufbruchstimmung vom 9. Juli und 3. Mai in ihrer vollen Tragweite zu bewahren. Es galt, die verletzten Rechte eines Bundesstaates, der innerhalb der brasilianischen Föderation eine unbestreitbar wichtige Stellung einnimmt, in ihrer Gesamtheit zu verteidigen. Bei dieser kompromisslosen und beharrlichen Verteidigung galt es jedoch, jegliches Übermaß zu vermeiden, das die Bande der nationalen Einheit hätte schwächen können. Es galt, die Sache der Gerechtigkeit, für die sich São Paulo so lange eingesetzt hat, Schritt für Schritt und mit dem Eifer eines überfürsorglichen Sohnes zu verteidigen. Es war unsere ernste Pflicht als Bürger São Paulos, zu verhindern, dass die Reaktion auf unverzeihliche Missstände uns in andere, ebenso unentschuldbare Missstände hineinzog, in denen das Gefühl der nationalen Einheit letztlich zerstört würde.

      Beide Anliegen, für deren Verteidigung ich von 24.000 Wählern aus São Paulo ausgewählt wurde, ergänzen sich in vollkommener Harmonie; hier gab und gibt es keinen Platz für Fraktionsinteressen oder partei-politische Präferenzen.

     Während der Verfassungsausarbeitung, wie auch heute, habe ich stets darauf geachtet, die besondere Natur meiner Mission gewissenhaft zu wahren und jede Haltung zu vermeiden, die auch nur die geringste Neigung zu einer der in unserem Staat aktiven politischen Strömungen erkennen ließe.

     Es wäre bedauerlich, wenn sich Katholiken der Teilnahme an den großen politischen Bewegungen, die die Geschichte einer Nation prägen, entzögen, denn eine solche Haltung käme einem Rückzug zugunsten anderer ideologischer Strömungen gleich, die die Führung dieser Bewegungen an sich reißen wollen.

     Es liegt mir daher fern, praktizierende Katholiken zu tadeln, die im Geiste des Glaubens, ja mit dem Segen unseres Bischofs, an parteipolitischen Bewegungen teilnehmen.

     Ich halte es jedoch für unbestreitbar, dass die katholische Sache, die naturgemäß außerhalb und über politischen Auseinandersetzungen steht, in den Parlamenten Verteidiger vermisst, die ihre Rechte mit der Gelassenheit und Unparteilichkeit jener verteidigen können, die sich freiwillig aus weltlichen Streitigkeiten heraushalten.

    Nur wer die Komplexität des parlamentarischen Lebens mitunter ignoriert, kann die oft unvorhergesehene Verflechtung und gegenseitige Unterordnung von Themen übersehen, die an sich nichts miteinander zu tun haben. So war beispielsweise in der Verfassungsgebenden Versammlung von 1934 die Frage der Verkündung einer provisorischen Verfassung eng mit den Forderungen der Katholiken verknüpft, sodass ein Problem eminent politischer und rein spiritueller Natur durch eine unvorhergesehene Verkettung von Umständen miteinander verwoben wurden.

     In solchen Momenten findet die Stimme eines Mannes, so unparteiisch und würdevoll sie auch sein mag, nicht die gleiche objektive und autoritative Resonanz wie die eines Menschen, der den Leiden-schaften des Kampfes fernbleibt. Und gerade dann wird der Bedarf an Verteidigern „außerhalb und über den Parteien“ am deutlichsten spürbar.

     Aus diesen Gründen habe ich die ehrenvollen Einladungen dreier Wahlgruppen der Einheitsliste für ein vereintes São Paulo abgelehnt, die mich auf ihre Liste der Abgeordneten für die Bundes- oder Landeskammer setzen wollten.

     Angesichts der Haltung des angesehenen Landesvorstands der Katholischen Wahlliga – einer Haltung, die bereits feststand, als ich noch das ehrenvolle Amt des Generalsekretärs dieser Organisation innehatte und der ich daher uneingeschränkt zustimme – blieb mir nur ein Weg: dem edlen und selbstlosen Beispiel von Dr. Vicente Melillo und einigen meiner geschätzten Kollegen im Landesvorstand zu folgen, jede Parteikandidatur abzulehnen und mich mit Ablauf meines Mandats am 3. Mai aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.

     Die Entscheidung einiger Freunde, meine Kandidatur für die Verfassungsgebende Versammlung des Bundesstaates zu unterstützen, lenkte mich jedoch von dem ruhigen Weg ab, den ich eigentlich einschlagen wollte, so sehr ich mich auch darauf freute, meine Aufgaben als Professor an der Universität von São Paulo wieder aufzunehmen. Es war die Stimme der katholischen Jugend, die mich zu einem neuen Kampf aufrief, im Bewusstsein, dass der Katholizismus seine ganz eigenen und unmissverständlichen Verantwortlichkeiten gegenüber Brasilien trägt und dass diese Verantwortlichkeiten besonders schwer auf den Schultern der katholischen Jugend lasten. Sie wollten einen autorisierten Sprecher in der nächsten Legislaturperiode, einen Sprecher, der mit der ganzen Ausdruckskraft, die ein rein katholischer Vertreter besitzen kann, den neuen Geist, der in allen kämpferischen Katholiken São Paulos schwingt, spürbar machen würde; einen Geist, der zudem zu Unrecht als neu bezeichnet werden sollte, da er nichts anderes ist als der ewige Geist der katholischen Wahrheit, der in den leidenschaftlichen Herzen der jungen Menschen von Piratininga (AdÜ: São Paulo) neue Wurzeln schlägt!

     Ich gehorchte. Es gibt gewisse Ehren oder gewisse Kreuze, die man nicht ablehnt. Und hier bin ich wieder im Feld, um in meiner charakteristisch unpolitischen Haltung einen neuen Kreuzzug im Dienste „der katholischen Sache, nur der katholischen Sache und der gesamten katholischen Sache“ zu beginnen.

     Nachdem ich meinen Rücktritt vom Amt des Generalsekretärs des Landesvorstands der Katholischen Wahlliga beantragt und meinen Wahlkampf strikt nach deren Vorgaben ausgerichtet habe, kandidiere ich – als Privatperson, aber mit der tiefen Gewissheit, von einem über den Menschen höheren Ideal angetrieben zu werden, das sie nicht aufhalten können – bei der nächsten Wahl.

      Um meine Kandidatur von parteipolitischen Auseinandersetzungen zu trennen, hat die Kommission, die meine Kandidatur unterstützt, beschlossen, in der ersten Runde Stimmzettel mit meinem Namen und in der zweiten Runde die Stimmzettel mit den Kandidaten unserer wichtigsten Parteien zu drucken. So wird die Bevorzugung meines Namens die Wähler nicht daran hindern, ihre legitimen parteipolitischen Sympathien auszudrücken, und mein Wahlkampf wird die Position der aktuellen politischen Kräfte in keiner Weise verändern.

     Nur noch ein Wort möchte ich sagen. Indem ich mich, um es mit Tristão de Athaydes Worten zu sagen, als „vollkommen und ausschließlich katholischer“ Kandidat präsentiere, stelle ich sicher, dass meine Position nicht bedeutet, die legitimen weltlichen Interessen des Staates zu vernachlässigen. Es ist ein Irrtum unseres materialistischen Zeitalters anzunehmen, dass eine unüberwindliche Grenze spirituelle von weltlichen Interessen trennt. Wenn es eine brasilianische Realität gibt, dann ist deren eklatanteste Tatsache die katastrophale Konsequenz, die dieses Vorurteil unter uns hervorgerufen hat. Eine kluge Verteidigung spiritueller Interessen bereitet, lenkt und bedingt eine umsichtige Verwaltung weltlicher Interessen. Erstere beherrschen letztere, wie der Geist die Materie beherrscht. Es ist nicht nötig, das eine zu vergessen oder zu verachten, um das andere zu verteidigen. Im Gegenteil, in diesem Sinne muss die katholische Ausrichtung etabliert werden. Und wenn es einen Aspekt gibt, der in einer unpolitischen Kandidatur, die von ausschließlich katholischen Kräften getragen wird, besondere Beachtung verdient, dann ist es zweifellos die Antwort spiritueller Werte auf die alleinige Berücksichtigung materieller Interessen.

     Im Dienste der Kirche und, weil sie im Dienste der Kirche steht, auch im Dienste des Vaterlandes, wird unsere Fahne gehisst.

     Katholiken von São Paulo! Die Stunde ist gekommen. Entscheidet!

São Paulo, 6. Oktober 1934

Plinio Corrêa de Oliveira

 

 

Anm. d. Ü.: Durch fremde Einwirkung, erreichte der Kandidat nicht die notwendige Stimmenzahl... 




Aus dem Portugiesischen eines Artikels „Católicos“ in „Diário da Noite“ vom 6. Oktober 1934

Die deutsche Fassung dieses Artikels ist erstmals erschienen in
www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

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