Ich fühle mich in der jetzigen Atmosphäre nach dem
Konklave deutlich wohler als in der nach der Wahl von Johannes Paul I.
Bei allem Respekt vor den Verstorbenen – insbesondere,
wenn es sich um Geistliche von so hohem Rang wie Johannes Paul I. handelte –
muss ich sagen, dass mich die allgemeine Euphorie, die von seinem Lächeln
ausging, etwas beunruhigt hat. Denn es war ein so überwältigendes Lächeln, dass
es die Erinnerung an die uns allgegenwärtigen Probleme aus dem öffentlichen
Bewusstsein verdrängte. Dies hatte zweifellos den Vorteil, erschöpfte Seelen zu
beruhigen und übermäßig angespannte zu entspannen. Andererseits konnte es aber
auch eine allgemeine Gleichgültigkeit hervorrufen. Nun, Gleichgültigkeit
beseitigt keine Probleme, noch löst sie diese. Oftmals verschärft sie sie sogar
auf tragische Weise. Denn es ist das große Wiegenlied der Wächter …
Nun bewirkt die Wahl eines Bischofs jenseits des Eisernen
Vorhangs, wie Johannes Paul II., zum Papst einen diametral entgegengesetzten
Effekt. Er rückt das tragischste aller gegenwärtigen Probleme in den
Mittelpunkt, um das die anderen unaufhörlich ihr infernalisches Schauspiel
aufführen.
Das Problem liegt auf der Hand: Soll die Welt Ja oder
Nein zum Kommunismus sagen?
Aus diesem Grund herrscht gegenwärtig eine Atmosphäre der
Erwartung, ganz anders als in den kurzen, flüchtigen Tagen, als Albino Luciani
die Kirche leitete.
Der Kontrast zwischen der von Johannes Paul II.
propagierten „Entproblemisierung“ und der Flut von Problemen, die sein
Nachfolger auslöste, wirft sogar eine Frage auf, die ich hier nur beiläufig
erwähne. Psychologen, Seelsorger, Propagandaexperten und hochrangige Politiker
erkennen heute die Bedeutung, mitunter sogar die entscheidende, des jeweiligen
Umfelds an. Es ist kaum zu glauben, dass das Konklave die positive Ausstrahlung
des fröhlichen Patriarchen von Venedig ignorierte. Und die gegensätzlichen
Eigenschaften des besorgten und vorsichtigen Politikers, die im Angesicht des
Krakauer Erzbischofs zutage treten. Man könnte sagen, ersterer schien wie
geschaffen, die Erinnerung der Öffentlichkeit an die Probleme zu dämpfen, die
letztere wie geschaffen scheint, sie wieder aufzuwühlen. Es ist kaum zu
glauben, dass eine Versammlung von der Größe eines Konklaves diesen Kontrast
unterschätzt hat. Hat sie ihre Politik abrupt geändert, indem sie eine zweite
Wahl traf, die sich so stark von der ersten unterschied? Und warum?
Wichtige Fragen stellen sich nie allein. Diese wirft eine
weitere auf. Wenn schon ein polnischer Kardinal gewählt werden sollte, warum
fiel die Wahl auf den am wenigsten bekannten, der der westlichen Öffentlichkeit
nahezu unbekannt war? Warum wurde Kardinal Wyszynski, der „Cunctator“, den ich
in meinem Artikel vom 24. August erwähnte, nicht berücksichtigt? Wird Johannes
Paul II. ebenfalls ein „Cunctator“ sein? Oder wird er ein Mann sein, der zu
unerwarteten und energischen Entscheidungen neigt?
Ich sehe um mich herum große Uneinigkeit darüber, ob
Johannes Paul II. den Westen dem Osten näherbringen oder den Osten bekämpfen
wird, um den Westen zu verteidigen. Alles in allem sind Prognosen wenig
interessant. Denn die Ereignisse überschlagen sich heute so schnell, dass es
wichtiger ist, sie zu analysieren als sie vorherzusagen.
Mir scheint, dass gerade hinsichtlich der Kriterien für
die Analyse der möglichen Haltung Johannes Pauls II. gegenüber der
kommunistischen Welt eine erhebliche Verwirrung in der Öffentlichkeit herrscht.
Unzählige Menschen wissen nur unvollkommen, was Kommunismus ist. Und auch
unvollkommen, was Katholizismus ist. Wie lässt sich also richtig beurteilen, ob
es logisch ist, dass ein Papst anti- oder prokommunistisch eingestellt ist?
In diesem Zusammenhang wollen wir die traditionelle Lehre
der Päpste skizzieren:
a) Der Kommunismus ist ein philosophisches System, das
eine Vorstellung vom Universum und vom Menschen beinhaltet. Und folglich auch
von den Beziehungen zwischen Individuen und Gesellschaften: vom Modell der
Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft.
b) Die katholische Lehre, die auf der Offenbarung
basiert, vermittelt ihrerseits ein umfassendes Weltbild, ein Verständnis der
Beziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft sowie der Frage, wie Politik,
Soziologie und Wirtschaft dem göttlichen Gesetz unterworfen sein sollten.
c) Systeme – nennen wir sie so – dieser Tragweite
harmonieren entweder auf ihrem höchsten doktrinären Höhepunkt oder sind
unvereinbar. Dies liegt in der inneren Logik des einen und des anderen Systems.
d) Angesichts des Widerspruchs zwischen den
atheistischen, materialistischen und evolutionistischen Prinzipien, die den
tiefsten Abgrund des Kommunismus bilden, und dem Glauben an den einen Gott, den
reinen Geist, vollkommen, allmächtig und ewig, und an Jesus Christus, den
Gottmenschen, in dem der höchste Punkt der katholischen Religion liegt, besteht
eine völlige Unvereinbarkeit beider Lehren.
e) Daraus folgt, dass die einzige
kohärente Gegenüberstellung der Anhänger der einen Lehre mit denen der anderen
der Konflikt ist.
f) All dies ist logisch denkenden
Menschen klar. Doch für unzählige Menschen, die sich in Widersprüchen
wohlfühlen und denen nichts so unangenehm ist wie Logik, insbesondere in ihrer
reinsten Form, bleibt es weitgehend unverständlich.
g) Ein Katholik oder Kommunist,
selbst wenn er in rein dogmatischen Fragen logisch argumentiert, kann in der
Beurteilung von Fakten mehr oder weniger unlogisch und nachgiebig sein. – Wie
wird Johannes Paul II. in seiner Politik aus dieser Perspektive agieren? Das
ist die entscheidende Frage.
h) Das Problem ist vielschichtig.
Umso mehr, als selbst dort, wo Logik zu Konflikten führt, diese unzähligen
Formen annehmen können. Konflikt bedeutet nicht nur, frontal und mit Gewalt
anzugreifen. Angreifen bedeutet auch, den Gegner zu überraschen, ihn zu
desorientieren, zu verwirren und ihn so zu schwächen usw. All das wissen die
Kommunisten genau. Und gemäß ihrer Maxime, dass im Klassenkampf der Zweck die
Mittel heiligt, praktizieren sie dies auch ständig.
Natürlich wissen Katholiken, dass
der Zweck nicht die Mittel heiligt. Doch auch der Einsatz rechtmäßiger Mittel
erfordert einiges an Geschick. Unser Herr riet seinen Jüngern, die Unschuld der
Taube mit der List der Schlange zu verbinden (Mt 10,16).
i) Im Kampf um die öffentliche
Meinung zwischen logischen Minderheiten bildet die entgegenkommende Mehrheit
meist ein Niemandsland. Die Minderheit, die die Mehrheit für sich gewinnen
kann, wird siegen.
j) Der internationale Kommunismus
ist dieser Gewinnung der Mehrheit zutiefst verpflichtet. Durch das Wirken der
von ihm zu Mentoren der berühmten „Hilfslinien“ ernannten „Doktoren der
Unlogik“ versucht er, jene im Niemandsland mit einem Ausweg zu verführen: a)
Katholiken lehnen zwar den kommunistischen Atheismus und Materialismus ab,
akzeptieren aber dessen politische und sozioökonomische Prinzipien; b) im
Gegenzug für diese Akzeptanz gewähren die Kommunisten der Kirche
Religionsfreiheit, sofern diese das kommunistische sozioökonomische Regime
nicht angreift. Kurz gesagt: Innerhalb der Kirche würde der sozioökonomische
Kommunismus toleriert und ungehindert wirken. Und innerhalb der
Zivilgesellschaft würde die Religion toleriert und ungehindert wirken, allerdings
ihrer sozioökonomischen Implikationen beraubt. Folglich würde der Staat die
Kirche nicht bekämpfen. Und die Kirche würde ihren Gläubigen empfehlen, mit dem
kollektivistischen Staat zusammenzuarbeiten.
i) Und damit kommen wir zum heiklen
Punkt. Die Päpste bis einschließlich Johannes XXIII. lehrten und handelten so,
dass allen Katholiken klar war, dass ein solcher Ausweg unmöglich war, da er
fundamental im Widerspruch zur Lehre und zum Auftrag der Kirche stand. Es ist
bekannt, dass diese Überzeugung während der Pontifikate von Johannes XXIII. und
Paul VI. bei vielen Katholiken verblasste. Und dass nicht wenige sogar
ungestraft die Versöhnung zwischen katholischer Religion und Kommunismus
befürworteten.
Welche Rolle wird Johannes Paul II.
in dieser Angelegenheit spielen? Welchen Einfluss wird er auf die öffentliche
Meinung haben?
Wir werden darauf täglich Antworten
erhalten. Ob er sich klar oder uneindeutig äußert. Denn selbst Uneindeutigkeit
angesichts des Unannehmbaren kann eine Form der Akzeptanz sein.
Lasst uns beten, dass sein Handeln
den Verstand mit Klarheit, die Herzen mit Stärke und die heilige Kirche Gottes
mit Herrlichkeit erfülle.
Die deutsche Fassung dieses Artikels ist erstmals
erschienen in
www.p-c-o.blogspot.com
© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit
Quellenangabe dieses Blogs gestattet.
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