Dienstag, 19. Mai 2026

WOHIN?

Plinio Corrêa de Oliveira
Folha de S. Paulo, 07.04.1974


Ich war etwa zehn Jahre alt, als ich das erste große Ereignis der Kleiderrevolution miterlebte, die nun ihren Höhepunkt erreicht. Um 1918, als Folge der entscheidenden Bedeutung der USA im letzten Drittel des Ersten Weltkriegs, strömte der amerikanische Einfluss intensiv nach Frankreich und von dort wiederum nach Brasilien. Die Damen schnitten sich die Haare kurz („à la garçonne“), die Röcke, die bis zu den Knöcheln reichten, stiegen plötzlich bis zu den Knien, und die Ärmel wurden bis zu den Schultern gekürzt.

Auf diesen ersten revolutionären Ansturm folgte allmählich eine Reaktion, die von Vernunft und Anstand getrieben wurde. Röcke und Ärmel wurden wieder länger. Die Damenmode erreichte in aufeinanderfolgenden Schwankungen Grenzen, die dem, - was man heute als die „Basisjahre“ 1916–1917 bezeichnen könnte -, sehr nahekamen. Die Kleiderrevolution gewann später durch neue kühne Schritte wieder den verlorenen Boden. Auf diese kühnen Schritte folgten meist Reaktionen. Und dann neue kühne Schritte. Und so war die Kühnheit stets größer als die Reaktion. So wurde im Laufe der Jahrzehnte, in einem Tempo von zwei oder drei Schritten vorwärts und einem zurück, das zweiteilige Kleid erreicht.

Im Bereich der Bademode verlief die Moderevolution weitaus unzeremonieller. Und in einem Tempo, das kaum und unbedeutendes Zögern kannte, erreichte die Mode den Bikini.

War der Bikini Inspiration und Vorläufer des zweiteiligen Kleides? Wie dem auch sei, wohin führt die Entwicklung vom Bikini und dem zweiteiligen Kleid?

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Diese Fragen werden sich alle Leser bereits gestellt haben. Sie werden jedoch jene unter ihnen missfallen, die eine Gruppe bilden, die sich selbst als „gemäßigt“ bezeichnet. Das sind diejenigen, die in dieser Angelegenheit nur auf heute blicken und sich weigern, an morgen zu denken. Bei jeder neuen Kühnheit schaudern sie ein wenig, passen sich schnell an und bilden sich die Überzeugung, dass die Mode nun zum Stillstand gekommen sei. Sobald sich die Anpassung gefestigt hat, kommt eine neue Kühnheit der Mode und eine neue Anpassung. Und sie sind sich wieder einmal sicher, dass die „Evolution“ der Mode zum Stillstand gekommen ist. So dreht sich alles weiter, von Anpassung zu Schrecken und von Schrecken zu Anpassung, bis heute.

Ich verstehe, dass diese „Gemäßigten“ über meinen Artikel empört sind. Sie werden lachen und es seltsam finden, dass ich mich mit einem so trivialen Thema befasse. Als ob Anstand – der in diesem Zusammenhang so sehr auf dem Spiel steht – eine Nebensächlichkeit wäre …

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Angesichts der Nachrichten, die ich in verschiedenen ausländischen Zeitungen lese, wird keiner diese Überlegungen für unangebracht halten.

Die „ABC“ aus Madrid berichtet am 13. März 1974, dass fünf Journalisten vor 800.000 Zuschauern einer Fernsehsendung in Schweden völlig nackt aufgetreten sind. Weiter heißt es, dass in Montevideo, im eleganten Viertel Carrasco, zwei junge Männer verhaftet wurden, weil sie nackt herumliefen.

An der University of South Carolina paradierten laut „ABC“ (9.3.1974) 510 Studenten nackt auf dem „Campus“. Um nicht nachzustehen, organisierte die University of North Carolina eine Parade mit 895 nackten Studenten. In Nocog Dochs, Texas, wurde eine ähnliche Parade durch rhythmische Tänze neoafrikanischer Folklore bereichert. Die University of Georgia ging noch weiter mit einer Parade von 1.500 nackten Studenten.

Laut der „Daily News“ (7. März 1974) hat der Nudismus die Politik erreicht. Eine Nudistendemonstration von Studenten der University of Pennsylvania war für den 1. April vor dem Weißen Haus geplant: Sie würde den „Blitzdemo des empeachment“.

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Diese neue und ungeheure Kühnheit fegt wie ein Taifun über die Welt und reißt die letzten Überreste der alten Traditionen mit sich. Die Frage ist nun: Bis wohin kommen wir?

Kein Wunder, dass diese Frage diejenigen ärgert, die so lange rücklings zum Abgrund gegangen sind.

– Der Abgrund? Ja, der Abgrund. Gemeint sind die tragischen Strafen, die die Muttergottes 1917 in Fatima für die moderne Welt voraussagte, sollte sie ihren unmoralischen Verfall nicht eindämmen. Ich zitiere nur zwei Worte der Jungfrau Maria an Lucia, Jacinta und Francisco: „Russland wird seine Irrtümer in der ganzen Welt verbreiten … Mehrere Nationen werden vernichtet werden.“

 

 

Aus dem Portugiesischen von “Para onde“ in Folha de São Paulo vom 7. April 1974

Die deutsche Fassung dieses Artikels ist erstmals erschienen in
www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

 


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