Freitag, 23. März 2018

Mein Volk, was habe ich dir getan?

Mein Volk, was habe ich dir getan?

Plínio Corrêa de Oliveira


 Deine Feinde haben sich gegen Dich verschwört, Herr. Ohne viel Mühe haben sie den Pöbel gegen Dich aufgehetzt und dieser ist nun in Hass gegen Dich entbrannt. Hass umgibt Dich von allen Seiten, schließt Dich ein wie eine dichte Wolke, wirft sich Dir entgegen wie ein dunkler, kalter Sturm. Grundloser, rasender, unerbittlicher Hass. Er lässt sich nicht damit stillen, dass Du gedemütigt, mit Schmach bedeckt und mit Bitternis erfüllt wirst. Deine Feinde hassen dich dermaßen, dass sie Dich schon nicht mehr unter den Lebenden ertragen – sie wollen Deinen Tod. Sie wollen, dass Du für immer verschwindest, dass die Sprache Deiner Beispiele und die Weisheit Deiner Lehren verstummt. Sie wollen Dich tot, vernichtet, zerstört sehen. Nur so können sie den Wirbelsturm des Hasses besänftigen, der sich in ihren Herzen erhebt.
Jahrhunderte vor Deiner Geburt hat der Prophet Micha diesen Hass schon vorausgesehen, den das Licht der Wahrheit, die Du verkündigen würdest, und der göttliche Glanz der Tugenden, die dich schmücken würden, dereinst wecken sollten: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit dich beleidigt?“ (Buch Micha 6,3) Und die heilige Liturgie bringt Deine Gefühle zum Ausdruck, wenn sie den Ungläubigen von damals wie von heute zuruft: „Was hätte ich denn noch für dich tun sollen, was ich nicht getan habe? Wie einen auserwählten, kostbaren Weinberg habe ich dich gepflanzt, doch du hast dich für mich in Bitternis verwandelt; Essig hast du mir in meinem Durst zu trinken gegeben, und mit einer Lanze hast du das Herz deines Erlösers durchbohrt.“ (Improperien)
*   *   *
So groß war der Hass, der sich gegen Dich erhob, dass selbst die Autorität Roms, die damals über die ganze Welt das Urteil sprach, feige Schwäche zeigte, zurückwich und sich dem Hass jener beugte, die Dich grundlos töten wollten. Der römische Stolz, siegreich an Rhein, Donau, Nil und Mittelmeer, ertrank in der Wasserschüssel des Pilatus.
„Christianus alter Christus“, der Christ ist ein anderer Christus. Wenn wir wirklich Christen, das heißt, echte Katholiken sind, sind wir ein anderer Christus. Und es wird nicht zu vermeiden sein, dass der Wirbelsturm des Hasses, der sich gegen Dich erhoben hat, auch uns grimmig ins Gesicht bläst.
Und er tut es tatsächlich, Herr. Erbarme dich unser, mein Gott, und gib dem armen Schuljungen Kraft, der den Hass seiner Kameraden zu ertragen hat, weil er sich zu Deinem Namen bekennt und sich weigert, die Unschuld seiner Lippen mit unreinen Worten  zu entweihen. Ja, der Hass. Vielleicht nicht der Hass in Gestalt einer abstoßenden, wilden Schmähung, sondern in der schrecklichen Gestalt des Spottes, der Absonderung und der Verachtung. Gib dem Gymnasiasten Kraft, mein Gott, der zögernd mitten im Unterricht in Gegenwart eines gottlosen Lehrers und einer spottenden Klasse zu Deinem Namen steht. Gib dem Mädchen Kraft, mein Gott, das sich zu Dir bekennt, indem es sich weigert, sich in den von der Mode vorgeschriebenen Kleidern zu zeigen, weil diese Kleidung wegen ihrer Extravaganz oder Unsittlichkeit nicht zu einer echten Katholikin passt. Gib dem Intellektuellen Kraft, mein Gott, der zusehen muss, wie sich ihm die Türen des Ruhmes und der Ehren verschließen, weil er Deine Lehre verkündet und sich zu Deinem Namen bekennt. Gib dem Apostel Kraft, mein Gott, der sich den grausamen Angriffen der Gegner Deiner Kirche und der tausendmal peinlicheren Feindseligkeit vieler Kinder des Lichtes ausgesetzt sieht, nur weil er nicht mit den Verwässerungen, Verstümmelungen und Einseitig­keiten einverstanden ist, mit denen die „Klugen“ die Nachsicht der Welt für „ihr Apostolat“ nutzen.
Oh mein Gott, wie weise sind Deine Feinde! Sie fühlen, dass in der Sprache dieser „Klugen“ zwischen den Zeilen zu lesen ist, dass Du weder das Böse noch den Irrtum noch die Finsternis hasst. Und darum klatschen sie den Weisen und Klugen dieser Welt Beifall. So wie sie Dir in Jerusalem Beifall gezollt hätten, statt Dich zu töten, wenn Du vor dem Hohen Rat eben diese Sprache gebraucht hättest.
Herr, gib uns Kraft. Wir wollen nicht paktieren, nicht zurückweichen, nicht nachgeben, nicht verwässern, nicht zulassen, dass auf unseren Lippen die göttliche Makellosigkeit Deiner Lehre verblasst. Und selbst wenn eine Sintflut der Unbeliebtheit über uns hereinbrechen sollte, soll unser Gebet doch immer das der Heiligen Schrift sein: „Wahrlich, lieber auf der Schwelle liegen am Hause meines Gottes als in den Zelten des Frevels wohnen.“ (Ps 84,11b)
Jesus nimmt  das Kreuz  
aus der Hand der Henker entgegen
Doch das erfordert Geduld von uns, Herr. Eine Geduld, die mit verschränkten Armen und resigniertem Herzen die Fluten der Unbeliebtheit über den eigenen Kopf hereinbrechen lässt. Geduld ist die Tugend, die uns für ein höheres Gut Leiden ertragen lässt. Geduld ist also die Fähigkeit, für das Gute zu leiden. So braucht der Kranke Geduld, der unter der drückenden Last eines unheilbaren Leidens resigniert den Schmerz annimmt, den es ihm auferlegt. Geduld braucht auch derjenige, der sich um den fremden Schmerz kümmert, um zu trösten, wie Du, Herr, jene getröstet hast, die Dich aufgesucht haben. Geduld braucht derjenige, der sich dem Apostolat mit unbesiegbarer Liebe zuwendet und liebevoll die Seelen zu Dir zieht, die auf den Pfaden der Ketzerei oder im Schlamm der Begierde straucheln. Geduld braucht auch der Kreuzritter, der das Kreuz entgegennimmt und in den Kampf gegen die Feinde der Kirche zieht. Es tut weh, im Streit die Initiative zu ergreifen, Kampfgeist und Tatkraft in sich zu wecken und wach zu halten, die Gleichgültigkeit, die Mittelmäßigkeit, die Trägheit zu besiegen. Sich als würdiger Jünger des Löwen von Juda auf den unverschämten Gottlosen zu werfen, der die Herde unseres Herrn Jesus Christus bedroht. Erhabene Geduld derer, die kämpfen, streiten, die Initiative ergreifen, eintreten, sprechen, verkünden, raten, ermahnen und allein allen Hochmut, allen Dünkel, alle Anmaßung des frechen Lasters, des eleganten Makels, des sympathischen, beliebten Irrtums herausfordern!
Du Herr, bist ein Beispiel der Geduld gewesen. Deine Geduld bestand aber nicht darin, erdrückt unter dem Kreuz zu sterben, das man Dir auflud. Eine fromme Offenbarung erzählt, dass Du es liebevoll geküsst hast, als Du es aus den Händen der Henker entgegennahmst und dann hast Du es auf die Schultern geladen und hast es mit unbesiegbarer Kraft bis auf die Golgotha-Höhe hinaufgetragen.
Gib uns, Herr, diese Fähigkeit zu leiden. Viel zu leiden! Alles zu leiden! Heldenhaft zu leiden! Den Schmerz nicht nur zu ertragen, sondern ihm entgegenzugehen, ihn zu suchen und bis zu dem Tag zu tragen, an dem wir die Krone des ewigen Sieges erhalten.

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Es ist leicht, vom Leiden zu sprechen - schwer ist es zu leiden. Du, Herr, hast es bewiesen. Wie anders ist doch dein göttliches Heldentum, Herr, im Vergleich mit dem albernen, künstlichen Heldentum so vieler Soldaten der Finsternis. Du hast im Angesicht des Todes nicht gelächelt. Du, Herr, hast nicht zu denen gehört, die da lehren, dass man lächelnd durchs Leben gehen soll. Als Deine Stunde kam, hast Du gezittert, warst Du verwirrt, hast Du in Erwartung des Leidens Blut geschwitzt. Und in dieser Flut von leider nur zu gerechtfertigten Befürchtungen liegt die Bekräftigung Deines Heldentums. Du hast die ununterdrückbarsten Schreie, die schlimmste Bedrängnis, die schrecklichste Panik überwunden. Alles in Dir beugte sich vor Deinem menschlichen und göttlichen Willen. Über allem aber schwebte Deine unerschütterliche Entschlossenheit, das zu tun, wozu der Vater Dich gesandt hatte. Und als Du mit Deinem Kreuz den bitteren Weg gingst, versagten Dir wieder die natürlichen Kräfte. Du bist hingefallen, weil Du keine Kraft mehr hattest. Ja, Du bist hingefallen, aber erst als Du einfach nicht mehr weiterkonntest. Du bist gefallen, aber nicht zurückgewichen. Du bist gefallen, hast aber nicht das Kreuz liegen lassen. Du hast es auf den Schultern behalten, als sichtbaren, fühlbaren Ausdruck Deines Vorsatzes, es bis Golgotha hinaufzutragen.
Schenke uns Deine Gnade, mein Gott, damit wir im Kampf gegen die Sünde und gegen die Ungläubigen, wenn es denn sein muss, unter dem Kreuz zusammenbrechen, ohne aber je dem Weg der Pflicht und der Kampfstätte des Apostolats den Rücken zu kehren. Ohne Deine Gnade, Herr, vermögen wir nichts, überhaupt nichts. Wenn wir aber Deiner Gnade entsprechen, vermögen wir alles. Herr, wir wollen Deiner Gnade entsprechen.
Das Kreuz tragen heißt: sehr, sehr oft zu entsagen. Vor allem natürlich dem Unerlaubten, dem Sündhaften. Doch oft heißt es auch, dem zu entsagen, was an sich zwar erlaubt oder gar bewundernswert ist, infolge gewisser Umstände jedoch schlecht oder weniger vollkommen ist.
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Auf Deinem Leidensweg, Herr, hast Du uns ein schreckliches und zugleich leuchtendes, wunderbares Beispiel des Verzichts auf das Erlaubte gegeben. Gibt es etwas Zulässigeres, Herr, als die Zärtlichkeit, als die Hingabe Deiner heiligsten Mutter? Alles, was wir von Ihr wissen, ist, dass wir, auch wenn wir noch so viel von Ihr wissen, nie alles von Ihr wissen können. So unermesslich ist der Ozean der Vollkommenheit und der Gnaden, den Sie enthält. Deine Mutter will Dich trösten. Sie will von Dir getröstet werden. Sieh doch! Nichts ist statthafter, als dass Du anhältst auf Deinem Kreuzweg, um Trost zu suchen, um Ihr Trost zu spenden.
Doch dann kommt der Augenblick der Trennung nach diesem eiligen Zwiegespräch. Welch ein Schmerz! Ihr müsst Euch voneinander trennen. Keiner von beiden zögert. Das Opfer geht seinen Lauf. Und Deine heilige Mutter bleibt am Wege zurück. Am besten sagt man gar nicht wie, Sie sieht Dich weitergehen, blutend, unsicheren Schritts, wankend, das letzte, größte Opfer vor Augen. Du tust Ihr leid. Maria folgt Dir mit den Augen, sieht Dich allein in den Händen von Henkern und Feinden. Wer wird Dich trösten? Was für ein unwiderstehlicher, hinreißender, ungeheurer Wille, Deinen Fußstapfen zu folgen, Dir zärtliche Worte zuzuflüstern, wie nur Sie es kann. Deinen göttlichen Körper zu stützen, sich zwischen Dich und Deine Henker zu stellen, und am Boden kniend wie jemand, der um ein unschätzbares Almosen bittet, einige der Schläge, die Dich treffen, auf sich selbst herabzuflehen, in der Hoffnung, dass sie Dich dafür weniger verletzen und Dein unschuldiges Fleisch weniger misshandeln! O Mutterherz, was musstest Du in diesem Moment erleiden!
Priestermütter, Missionarsmütter, Mütter von Ordensleuten, wenn ihr die Schwere der grausamen Trennung spürt, denkt an die Gottesmutter, die Ihren göttlichen Sohn allein auf dem Weg weiterziehen ließ, den ihm der Wille Gottes vorgezeichnet hatte. Und bittet Sie, dass Sie euch in eurem glücklichen Schmerz tröste.
Es gibt aber noch andere tausendfach unglückliche, verlassene Mütter. Mütter gottloser, Mütter ausschweifender, Mütter sündiger Menschen: auch ihr bleibt oft verlassen auf dem Schmerzensweg zurück, während eure Kinder ins Verderben eilen. Bittet die Gottesmutter, dass Sie euch tröste, dass Sie euch Mut und Ausdauer gebe, und dass Sie einen Teil der Schmerzen, die Sie auf diesem Weg erlitten hat, dafür darbringen möge, dass eure Kinder eines Tages zu euch zurückkehren können. Denkt an Maria und verzweifelt nicht! Für eure irregeleiteten Kinder wird die Gottesmutter die Stella Maris sein, der Meeresstern, der sie früher oder später in den Hafen leiten wird.

 (Aus “O Legionário” vom April 1943)

Donnerstag, 22. März 2018

Wie konnte die Welt Denjenigen hassen, der stets Gutes tat?


Plinio Corrêa de Oliveira



Die Abbildung auf dieser Seite zeigt ein Gemälde von Meister Pflock (16. Jahrhundert), das sich im Museum von Gent befindet: "Die Dornenkrönung Christi". Rings um den göttlichen Erlöser, der gefesselt und zum Hohn mit einem lächerlichen Purpurmantel gekleidet ist, sind fünf Gestalten gruppiert. Im Vordergrund streckt ihm ein Mann einen Stock als Zepter entgegen. Gleichzeitig nimmt er in gespieltem Gruß die Mütze ab und streckt seine Zunge heraus. Neben ihm verzieht ein anderer höhnisch den Mund. Die übrigen Personen im Hintergrund sind damit beschäftigt, auf dem anbetungswürdigen Haupt des Erlösers eine Art riesigen Hut aus Dornen zur Krone zusammenzusetzen. In der Mitte der Sohn Gottes, der körperlichen Schmerz, noch mehr jedoch große seelische Pein ausstrahlt, die die physischen Qualen übersteigt und das göttliche Opfer ganz erfasst. Man kann sagen, dass Unser Herr unter der Gehässigkeit dieser elenden Henker furchtbar leidet und dass dieser Hass nichts anderes ist als ein kleiner Teil eines riesigen Ozeans aus Hass, der sich weit erstreckt bis an den Rand des Horizonts. Und es ist dieser Ozean der Bosheit, der den Blick Jesu in schmerzhafter Meditation dahinschweifen lässt.
Das Bild beleuchtet einen äußerst wichtigen Aspekt der Leidensgeschichte Jesu: den Kontrast zwischen der unendlichen Heiligkeit und der unsagbaren Liebe des Erlösers auf der einen Seite und der unergründlichen Niedrigkeit und dem unerbittlichen Hass derer, die ihn folterten und töteten, auf der anderen Seite. Hierin zeigt sich der unüberbrückbare Gegensatz zwischen dem Licht - "erat lux vera" (Joh 1, 9) - und der Finsternis, zwischen Wahrheit und Irrtum, Ordnung und Unordnung, dem Guten und dem Bösen.
"Popule meus, quid feci tibi? Aut in quo contristavi te?" - "Mein Volk, was habe ich dir getan, womit dich beleidigt?" Diese Worte des Propheten Micha (6,3), welche die Karfreitagsliturgie unseren Herrn sagen lässt, bilden den Kernpunkt des Themas, das wir soeben angesprochen haben.
Dass ein Mensch denjenigen hasst, der ihm Böses getan hat, ist tadelnswert, jedoch nicht unbegreiflich. Wie aber kann ein Mensch jemanden hassen, der gut ist, der ihm Gutes tut? Dieses Problem ist so alt wie die Menschheit. Warum hasste Kain Abel? Warum verfolgten die Juden die Propheten und töteten sie oft sogar? Warum verfolgten die Römer die Christen? Und in der jüngeren Zeit: Warum vergossen die Protestanten so viel Märtyrerblut, genauso wie die Französische Revolution oder die bolschewistische Revolution in Russland? Wie ist in unseren Tagen der Hass der Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg, bei den Verfolgungen in Mexiko, Ungarn und Jugoslawien zu erklären?
Wir wissen wohl, dass solche Fragen so formuliert, vielen etwas zu einfach erscheinen mögen. Der Hass der Feinde der Kirche war nicht immer grundlos. Bisweilen fehlte es auch von Seiten der Katholiken nicht an Provokationen und Exzessen, die Reaktionen hervorriefen. Andererseits gab es in einigen Fällen auch Missverständnisse, die zu Gewalttaten führten. Es gab Märtyrer, nicht weil die Kirche gebührend bekannt und trotzdem als solche verhasst war, sondern genau deshalb, weil sie unbekannt war oder entstellt wurde, wie es nicht hätte sein dürfen.
Wir bestreiten nichts von all dem. Jedoch den Hass der Finsternis gegen das Licht und des Bösen gegen das Gute auf diese Ursachen zu reduzieren, würde das Problem ungewöhnlich vereinfachen. Und all dies ist es, was in der Passion Christi ganz deutlich wird. 
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Stellen wir zuerst fest: die Katholiken können Fehler haben, unser Herr aber hatte keinen Fehler. Weder was die Tiefgründigkeit und die Form seiner Predigt anbelangt, noch was das Taktgefühl und das Geschick, mit denen Er lehrte, noch was den erbaulichen Charakter seiner Gleichnisse, den apologetischen Wert seiner Wunder und seine äußerste Heiligkeit und Faszinationskraft betrifft, kann es Zweifel geben. Für keinerlei berechtigten Einwand und keinerlei begründete Klage hat Er einen Vorwand geliefert. Im Gegenteil, er gab den Menschen lediglich Anlass, ihn anzubeten und ihm zu folgen.
Dennoch wurde auch Er gehasst, mehr sogar als seine Nachfolger über die Jahrhunderte hinweg. Wie ist das zu erklären? Der Grund dafür ist, dass in den Kindern der Finsternis ein Hass steckt, der sich vor allem gegen die Wahrheit und das Gute richtet. Es nützt also nichts, zu versuchen, alles als ein einfaches Zusammenspiel von Missverständnissen abzutun. Missverständnisse gab es. Sie sind jedoch nicht die Lösung des Problems. 
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Es mag manch einer sagen, dass dieser Hass ziemlich einfach zu erklären ist: das Gesetz Gottes ist streng. Wer nicht die mit der Beachtung der Gesetze Gottes verbundenen Opfer auf sich nehmen will, gehorcht nicht und ist schnell geneigt, dagegen zu revoltieren. Diese Revolte wiederum erzeugt den Hass, vor allem den Hass gegen die Wahrheit und das Gute. Damit ist alles erklärt.
Wir bestreiten nicht, dass in den meisten Fällen hier die Wurzel des Hasses gegen Gott liegt. Doch um das Problem richtig zu verstehen, sollte man nichts überstürzen. Jede Sünde ist eine Beleidigung Gottes. Es gibt allerdings Sünder, die sich eine gewisse Traurigkeit über das Böse, das sie tun, und eine gewisse Bewunderung für das Gute, das sie nicht tun, bewahren. Aus diesem Grund beklagen sie das Leben, das sie führen, raten anderen, nicht ihrem Beispiel zu folgen und begegnen mit Ehrfurcht denen, die gut handeln. Wegen dieser demütigen Haltung schenkt ihnen Unser Herr oft große Gnaden und sie kehren wieder auf den Weg des Heils zurück.
Wenn es in Israel nur Sünder dieser Art gegeben hätte, dann glaube ich, dass Jesus nicht verfolgt und noch viel weniger gekreuzigt worden wäre. Wenn Kain zu diesen gehört hätte, hätte er Abel nicht getötet. Wenn alle Sünder im Laufe der Geschichte wie diese gewesen wären, dann hätten sich niemals die schrecklichen Verfolgungen ereignet, von denen wir oben erwähnt haben.
Wie sind sie also die Sünder, die man als hartnäckige Verfolger der Kirche kennt? Hier liegt das Problem. 
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Der traurige und beschämte Sünder, den wir beschrieben haben, darf streng genommen nicht gottlos genannt werden. Er wird erst dann in die Gottlosigkeit abgleiten, wenn ihn die Sünde so abstumpft, dass er die Traurigkeit, die er wegen der Sünde empfinden sollte, und die Bewunderung für diejenigen, die die Tugend praktizieren, verliert. Es wird dann daraus sozusagen eine Gottlosigkeit ersten Grades entstehen, die mit der Gleichgültigkeit gegenüber der Religion und der Moral einhergeht. Für den Gottlosen dieser Art ist nur sein persönliches Interesse von Bedeutung. Ganz gleich, ob er sich im Leben für ein gutes oder für ein schlechtes Umfeld entscheidet, ihm ist jedes Mittel recht, sofern er Geld verdient und Karriere macht oder sich amüsiert.
Diese Art von Gottlosigkeit ist selbstverständlich in hohem Maße tadelnswert. Ihrer haben sich all diejenigen schuldig gemacht, die in Jerusalem den Leidensweg Jesu nur aus Neugier verfolgten. Ebenso diejenigen, die durch die Geschichte hindurch bis heute sich im Recht glauben, den Kampf zwischen den Kindern des Lichtes und der Kindern der Finsternis beobachten zu dürfen, ohne Partei zu ergreifen - als eine egoistische "dritte Kraft".
Aber, um es noch einmal zu sagen, solche Leute hätten von sich aus nicht den Gottesmord verübt. 
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Es gibt jedoch Seelen, die weiter gehen. Angetrieben von der Sinnlichkeit, vom Hochmut, oder von irgendeiner anderen Untugend, treiben sie die Bosheit so weit und identifizieren sich dermaßen mit der Sünde, dass sie sich schließlich nur dort wohlfühlen, wo sie sich an ihren schlechten Gewohnheiten ergötzen können und weder Tadel noch die geringste Abweichung von ihren Gewohnheiten zu ertragen haben. Daher kommt ihr Hass gegen die Guten und das Gute, gegen die Kämpfer für die Wahrheit und gegen die Wahrheit selbst, ein Hass, der ihnen eine Art negatives Ideal gibt. Voltaire hat dies sehr gut mit seiner Devise "écraser l'infâme" ("infâme" steht für das fleischgewordene Wort, den Sohn Gottes) zum Ausdruck gebracht. Daraus den Herzenswunsch aller Augenblicke eines ganzen Lebens das Ideal zu machen, das ist der Inbegriff der Gottlosigkeit.
Menschen dieser Art bringen alle für die Planung, Anstiftung und Umsetzung der Verfolgung erforderlichen Voraussetzungen mit. Wenn es in Israel solche Menschen nicht gegeben hätte, wäre Jesus nicht gekreuzigt worden.
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Gott verweigert keinem seine Gnade. Auch Gottlose dieser Art können sich bekehren und das mit ganzem Herzen. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass sie, solange sie es nicht tun, bereits auf Erden das entscheidende Merkmal der zur Hölle Verdammten besitzen.
Tatsächlich denkt man normalerweise, dass die Verdammten, wenn sie könnten, alle zum Himmel flüchten würden. Aber dem ist nicht so. Sie haben so einen Hass gegen Gott in sich, dass sie, auch wenn sie sich vom ewigen Feuer befreien könnten, in dem sie gefangen sind, dies nicht tun würden, wenn sie dafür Gott Liebe und Gehorsam entgegenbringen müssten. So groß ist die Kraft dieses Hasses. Und in diesem Licht wird das verständlich, was wir als Gottlosigkeit zweiten Grades bezeichnen würden.
Diese konzentrierte Gottlosigkeit war die bewegende Kraft der Auflehnung gegen den Messias. Sie war es, die Gottlose zum Kampf gegen die Kirche, gegen die guten Katholiken über Jahrhunderte hinweg antrieb. 
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Kinder der Finsternis, das sind die Gottlosen. Der Fürst der Finsternis, das ist der Satan.
Welche Beziehung besteht zwischen den einen und dem anderen? Judas war ein Kind der Finsternis. Das Evangelium sagt uns, dass der Teufel in ihn fuhr (s. Luk 22, 3). Wir wissen durch den Glauben, dass böse Geister "durch die Welt ziehen, um Seelen zu verderben". Wenn es dem Teufel gelingt, in einer Seele sein Werk zu vollbringen, versetzt er sie in diesen Zustand der Gottlosigkeit. Und eine solche Seele ist wiederum ein offenes Feld für die Versuchungen des Teufels. Es ist demnach offensichtlich, dass solche Menschen die besten Gehilfen der Hölle sind im Kampf gegen die Kirche. 
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Herr, in dieser Stunde des Erbarmens, in der wir Deines erlösenden Blutes gedenken, das aus allen Wunden Deines hochheiligen Körpers floss, bitten wir Dich durch die unendlichen Verdienste Deines hochkostbaren Blutes und durch die Tränen Deiner und unserer Mutter, uns weit, sehr weit von jeder Gottlosigkeit fernzuhalten: "Lass nicht zu, dass wir uns von Dir entfernen", von ganzem Herzen flehen wir Dich an.

Wo auch immer gottlose Menschen Kinder des Lichtes verfolgen, und dies vor allem in den Ländern, wo die Kirche verfolgt wird, sei Du die Kraft dieser Verfolgten. Nicht nur, damit sie nicht schwach werden, sondern auch, damit sie sich erheben, sich zusammenschließen und Deinen Gegner zermalmen. Durch das Unbefleckte Herz Mariens bitten wir Dich darum.

Und Dich Herr, der Du in der letzten Stunde einem Verbrecher das Paradies versprachst, flehen wir durch die Verdienste Deines Leidens gemeinsam mit Maria an: lass Deine Barmherzigkeit bis hinab in die verborgenen Höhlen der Gottlosigkeit dringen, um so selbst Deine schlimmsten Gegner auf den Weg der Tugend zu führen.
Setze Deine Barmherzigkeit auch dazu ein Herr, diejenigen zu verwirren, zu erniedrigen und in tiefste Machtlosigkeit zu stoßen, die sich dem stärksten Aufruf Deiner Liebe verweigern und weiterhin an der Zerstörung der christlichen Zivilisation und sogar - als ob dies möglich wäre - an der Zerstörung deiner mystischen Braut, der Heiligen Kirche, arbeiten.

(Aus "Catolicismo", Nr. 112 vom April 1960)

Dienstag, 20. März 2018

Schmerz und Freude verflechten sich ständig im Leben der Mutter Gottes




Plinio Corrêa de Oliveira


Über die Schmerzen Mariens kann man grundsätzlich folgendes sagen: Es täuschen sich diejenigen, die meinen, sie hätte in ihrem Leben nur ein einziges großes Schmerzerlebnis gehabt und zwar während des Leidens und Sterbens ihres göttlichen Sohnes. Dies war in der Tat nicht ihre einzige schmerzliche Erfahrung, wenn es auch mit dem größten Schmerz verbunden war, den je ein Mensch auf der Welt empfunden hat, mit Ausnahme natürlich des unermesslichen Schmerzes Unseres Herrn Jesus Christus in seiner heiligen Menschheit. Dies war ein so gewaltiger Schmerz, der alle Schmerzen des Universums wiederholte und alles, was die Menschen gelitten haben seit dem Fall Adams und noch leiden werden bis zum letzten Moment, in dem es Menschen auf Erden geben wird.


Unser Herr Jesus Christus wurde vom Propheten Jesaja „vir dolorum“ (Schmerzensmann) genannt (Jes 53, 3). Die Passion war nicht ein isolierter Fall in seinem Leben, sondern der Gipfel einer Folge von großen Schmerzen, die begonnen haben im ersten Augenblick seiner Existenz und reichten bis zum Moment, in dem er unter einer Flut von Schmerzen das furchtbare „Consumatum est“ (es ist vollbracht) ausrief.


Maria, ist der Spiegel der Weisheit und der Gerechtigkeit. Sie widerspiegelt daher alles was ihrem Sohn Jesus Christus betrifft. So kann man behaupten, dass sie die „Mulier dolorum“, die Frau der Schmerzen war. Ihr ganzes Leben war durchströmt von Schmerzen. Es waren jedoch Schmerzen, die im Verhältnis standen zu der übergroßen Kraft, die sie aus der Gnade erhielt.

Weil von der göttlichen Vorsehung auferlegt, waren auch die stechendsten Schmerzen nicht solche, die alles durcheinander wirbeln, alles auf den Prüfstand stellen und die Seele verwüsten. Es waren sehr wohl übergroße Schmerzen, aber architektonische, weise und mit einer wunderbaren Selenruhe angenommen. Im äußersten Gram, bewahrte sie den Frieden. So kann man auch von der Muttergottes sagen, dass sie inmitten äußerster Bitterkeit in ihrer Seele den Frieden bewahrte.


In diesem Meer der Schmerzen war alles ausgeglichen, überdacht, mit unvergleichlicher Liebe getragen, ohne Emotionen, doch aber mit fast unendlichen Gefühlen. Ohne Panik doch mit viel Angstgefühl, viel Qual. Und in entsprechenden Augenblicken mit einem Schmerz, der alles zu zerreißen schien.


Maria war eine große Dulderin während ihres ganzen Lebens. Sie hatte aber auch Freuden im Laufe ihres Lebens. Alle Freuden der Welt – seit der Mensch im Paradies erschaffen wurde bis zum letzten Augenblick, in dem es Menschen auf Erden geben wird, alle zusammengezählt, sind nicht zu vergleichen mit den großen Freuden der heiligen Jungfrau. Schmerz und Freude waren ständig ineinander verflochten. Sie ertrug stets das Joch der größten Schmerzen, war aber zugleich getröstet von wunderbarsten Freuden.



Welche waren die Schmerzen der Muttergottes?


Genau genommen, fing sie an zu leiden bevor sie wusste, dass sie die Mutter Gottes sein würde. Da sie ohne Erbsünde empfangen wurde, hatte sie eine tiefe Kenntnis von allem was in der Welt geschah. Sie hatte einen dermaßen großen Eifer für den Ruhm und die Ehre Gottes, dass sie Tausend Leben hingeben würde, um nur eine Todsünde zu verhindern. Es schmerzte sie jedoch, zu sehen, wie die ganze Menschheit träge in der Sünde verharrte. Mehr noch, sie wusste um die Sünden, die zum Anlass der Ankunft des Messias und die nachdem bis zum Ende der Welt begangen würden. Wir können uns garnicht vorstellen, welche Qual diese Sünden ihr bereiteten. Der hl. Ignatius von Loyola pflegte zu sagen, wenn er sein ganzes Leben leiden müsste, um zu verhindern, dass eine einzige Todsünde auf der Welt begangen würde, sähe er diese Leiden für gut angebracht, dermaßen ist eine Todsünde ein unergründliches Übel.


Wenn aber dieser Heilige so dachte, was muss Unsere Liebe Frau empfunden haben, neben der, der größte Heilige weniger als ein Tropfen Wasser im Vergleich zu allen Meeren ist? Die Heiligkeit Mariens kann mit garnichts verglichen werden. Das Unverhältnis zwischen die Heiligkeit Mariens und der Heiligkeit aller Engel und Heiligen gemeinsam ist für uns unvorstellbar. Was waren dann diese Leiden für sie?


Dann erhielt sie die erhabene Botschaft, sie würde die Mutter des menschgewordenen Wortes sein. Wir können uns die Freude vorstellen, mit der sie den fleischgewordenen Gott anbetete, im ersten Augenblick, in dem sie ihn durch den Heiligen Geist empfing. Doch ebenso können wir uns den Schmerz vorstellen, als sie an die unbeschreiblichen Leiden dachte, die ihr göttlicher Sohn  durchstehen würde.


Von seiner Kindheit an bis zu seinem Tod am Kreuze.


Maria erfährt die Schmerzen der Kindheit Jesu, dann den Schmerz der Trennung, als er sein öffentliches Leben beginnt. Später kommen dann die von Ihm gewirkten Wunder, seine Erfolge – es ist eine Zeit der Freude. Doch schon bald macht sich die Undankbarkeit der Menschen bemerkbar. Die dunklen Wolken der Ungerechtigkeiten ziehen auf und führen ihn zur Kreuzigung. Maria leidet unter all dem. Zum Beispiel, als sie sah, wie er Opfer der allgegenwärtigen Undankbarkeit wurde.


Während des Leidensweges sah sie alles was ihr Sohne gelitten hat, und litt mit ihm jeden Schritt dieses Weges. Wenn es Heilige gab, die in Ohnmacht fielen, als sie erfahren durften, was Unser Herr während der Passion gelitten hat, wie können wir einschätzen, was für Unsere Liebe Frau die kleinste Episode der Passion bedeutete?


Als sie dann ihren Sohn hoch am Kreuze sah, erreichen die Schmerzen das Unsagbare. Sie schwankt zwischen zwei Alternativen: einerseits wünscht sie seinen Tod herbei, um dem Leiden eine Ende zu bereiten. Andererseits, dass sein Leben sich verlängere, weil jede Mutter will, dass das Leben ihres Kindes sich verlängere. Doch hier kommt ihr auch der Gedanke, dass er so mehr leiden würde und es der Erlösung der armen Sünder zugute komme. Sie schließt sich der Passion ihres Sohnes an, an die Verlängerung seines Leidens und bestärkt den Vorsatz, der Aufopferung ihres Sohnes zuzustimmen.


Sie nimmt das Kreuzesopfer an für die Erlösung der Seelen.


So dringend wünschte sich die Allerseligste Jungfrau die Erlösung unserer Seelen, dass sie dem all dem Leiden zustimmte, das ihr Sohn für die Seele eines jeden von uns ertrug. Sie liebt jede einzelne Seele dermaßen, dass, wenn es auch nur eine einzige Seele gäbe, die durch diesen Leidensweg gerettet werden müsste, sie dem schmerzhaften Leidensweg ihres Sohnes noch einmal zustimmen würde, um diese Seele zu retten.

Stellen wir uns vor, Maria sähe alle Folter und Qual, die ihr Sohn auf sich nehmen muss. Zum Beispiel die Dornenkrönung. Sie sieht, wie die Dornen in den Kopf eindringen und nervliche Verletzungen verursachen, die seinen ganzen heiligen Körper erzittern lassen; wie ein Dorn sein Auge verletzt; am Kreuz, die vom Rumpf ausgerenkten Arme; der fürchterliche Durst; das Blut das aus den Wunden am ganzen Körper sickerte; das hohe Fieber; der wegen der Schmerzen sich windende Körper.

Sie wusste, dass dies alles geschehen würde, sie ermaß alles und dennoch, sie nahm alles an. Sie wollte, dass es so sei. Sie war wie ein Opfernder, wie ein Priester, der das göttliche Opfer auf dem Kalvarienberg darbrachte. Sie wollte, dass alles so sei, wie es war, denn, wenn das der Preis ist, eine Seele zu retten, so wollte sie, dass ihr Sohn alles litt was er zu leiden hatte.



Hier sehen wir die Größe Unserer Lieben Frau. Nicht nur in der Unermesslichkeit der Schmerzen, die sie auf sich nahm, sondern, dass sie gewünscht hat das zu leiden, was sie gelitten hat. Sie wollte, dass ihr Sohn dieses furchtbare und wunderbare Opfer bringe aus liebe zu einem jeden von uns. Weil Gott seinen eingeborenen Sohn aus liebe zu und opfern wollte.


Habe ich eine Vorstellung meiner Undankbarkeit?

Die Karwoche nähert sich. Es ist angebracht darüber nachzudenken. Es möge sich ein jeder allein vor einem Kruzifix hinknien, oder vor einer Statue der schmerzhaften Mutter, und die ganze Welt vergessen und in der Gegenwart Gottes sich diese Frage stellen: Bin ich mir bewusst, was meine Erlösung gekostet hat? Habe ich eine Vorstellung, was die Gnaden, die ich bekommen habe, gekostet haben? Kann ich mir vorstellen, dass Jesus am Kreuz namentlich an alle Menschen gedacht hat, seit dem Anfang der Welt bis zu ihrem Ende? Dass ich also in seinem göttlichen Geist gegenwärtig war, mit Barmherzigkeits-, Güte- und Heilsgedanken?



Er sah meine Seele, er sah meine Person. Er liebte mein von ihm geschaffenes Sein und opferte sich aus Liebe zu mir auf, weil er mein Heil wollte. Kann ich mir vorstellen, dass meine Erlösung all das gekostet hat? Weiß ich wie und warum ich dieser Zuwendung nicht entsprochen habe? Weiß ich um mein Undankbarkeit? Wieviel Sünden habe ich begangen, oft durch Unvorsichtigkeit, weil ich einfach die Gelegenheit nicht meiden wollte, weil ich nicht einen kleinen Akt der Abtötung bringen wollte! Als ich sündigte, nahm ich das Blut Christi und warf es in die Gosse. Blut, das für mich vergossen wurde und trotzdem begab ich mich in die Lage verdammt zu erden. Doch Gott duldete mich noch in diesem Leben, ertrug mich noch und wartete auf mich mit neuen noch größeren Gnaden, als die ich erhalten hatte.

Und wieder einmal befinde ich mich in der Karwoche: eine neue Gelegenheit Gnaden zu bekommen. Die Seite des Herrn ist offen, aus ihr strömt mir Barmherzigkeit entgegen und ruft mich zur Reue, zur Buße, zur wunderbaren Versöhnung mit ihm. Es strömen Güte und Liebherzigkeit, wie ich es mir nie habe vorstellen können. Meine erste Sorge in der Karwoche soll sein, an meine Seele zu denken. Jedoch ohne Furcht, ohne Panik, denn Gott ist der Vater der Barmherzigkeit und Maria ist Mutter und Kanal aller Barmherzigkeiten. Ernsthaft darüber nachdenken, gründlich darüber nachdenken. Ich stelle mich vor dem Blut Christi, dass da fließt und bewerte, was aus diesem Blut gemacht habe.



„Quae utilitas in sanguine meo?“


 Jesus stellte diese Frage und die war einer seines größten Schmerzes: „Quae utilitas in sanguine meo?“ Letztendlich, was nützt mein vergossenes Blut? Er dachte an so viele Seelen, die sein Blut mit Füssen treten würden. Aus Leichtsinnigkeit, Stumpfsinnigkeit, wegen einer Kleinigkeit, einer Bagatelle. Wegen das Lachen einer Magd, wie im Falle des hl. Petrus. Für 30 Silberlinge, wie Judas. Aus Trägheit, weil sie schlafen wollten, wie die anderen Apostel. Aus Angst, Opportunismus, Sinnlichkeit, wegen wie viel Dinge würden die Seelen ihn ablehnen! Unser Herr hatte unsere Zeit im Auge, die Muttergottes auch. Er sah alle Verrate unserer Zeit, alle Verlassenheit, alles Leid, welches priesterliche Seelen ihm zufügten. Wenn die Sünden irgendeines Menschen den Herren soviel haben Leiden lassen, wie viel mehr litt er um die Sünden der Mitglieder der heiligen Kirche?


In seinen Psalmen erhebt der Prophet David diese Klage gegen einen, der ihn beleidigt hat: „Denn würde mein Feind mich schmähen, ich könnte es ertragen, und würde mein Gegner sich gegen mich erheben, ich könnte mich bergen vor ihm. Du aber, mein Gefährte, mein Vertrauter und Bekannter, die wir zusammen süße Gemeinschaft erlebten, zum Gotteshause wallten im Festgedränge!“ (Ps 55, 13-15)


Alles, was in unserer Zeit geschieht, hat Jesus damals schon gesehen. Doch Er sah es auch mit Liebe. Als Frucht dieses unendlich kostbaren Blutes würde eine besondere Gnade keimen für einige, die genauso schlecht sind wie andere, – und des öfteren gar noch schlechter –, die aber durch diese besondere Gnade berufen wurden, treu zu sein in der Stunde der Untreue, damit sie unter dem Kreuz stehen, wie der hl. Johannes, auf der Seite der Rechtgläubigkeit, der wahren Lehre, in der Stunde, in der alle sie verlassen. Es sind die, die das Martyrium der Kirche verstehen. Die die Tragödie der von Modernismus und Progressismus in ihrem Innern zersetzten Kirche sehen und wie sie ihren schlimmsten Feinden ausgeliefert ist. Diese von Gott auserwählten wurden berufen für ihre Kirche – den Leib Christi – zu kämpfen, Ihren Schmerz zu verstehen, darüber zu meditieren und diesen Schmerz zu teilen und zu leben, damit sie auch „Menschen der Schmerzen“ werden.

Der Schmerz der Heiligen, Kirche in unseren Tagen, muss ein Schmerz sein, mit dem wir am Morgen aufwachen und am Abend einschlafen. Ein Schmerz, der uns auch im tiefsten Schlaf nicht verlässt.

Die Heilige, Römische, Katholische und Apostolische Kirche, von Jesus Christus gegründet, vom Himmel herniedergestiegen aus dem Himmel von Gott her, wie eine vollendete Stadt (vgl. Offb 21,2)… Was haben sie aus ihr gemacht?!...

Nun gut! Dieser Schmerz ist dermaßen groß, dass er mich hindert weiterzusprechen. Bitte wir der Gottesmuter, sie möge uns diesen Schmerz bis ins tiefste unserer Herzen spüren lassen.


(„Santo do Dia“ vom 17.3.1967)

Samstag, 17. März 2018

Die Schmerzensreiche Gottesmutter

Die Schmerzensreiche Gottesmutter 
und die Schmerzen der Kirche heute

Zum Thema Schmerzen Mariens gäbe es viele Kommentare, denn der Schmerz ist ja eines der Höhepunkte im Leben Mariens. Man könnte sagen, so wie die Passion Unseres Herrn in der Erfüllung Seines Erlösungswerkes der Höhepunkt Seines Lebens darstellte, so war auch für Maria, in Ihrer Eigenschaft als Miterlöserin, das Mit-Leiden mit Jesus während der Passion der Höhepunkt Ihres Lebens. In diesem Zusammenhang werden wir einiges über die Schmerzen der Heiligen Katholischen Kirche betrachten.
Alles, was wir von und über Jesus und Maria sagen, können wir auch von der Kirche sagen. Wir können also behaupten, dass Jesus in Seiner Passion für alle Schicksalsschläge, die die Heilige Kirche im Laufe der Jahrhunderte trafen, gelitten hat. Er sah die gegenwärtige Krise der Kirche, Er kannte den erbärmlichen Zustand der Kirche heute; und dieser Zustand entriss Ihm viel stöhnen, verursachten  viele Schmerzen, und Er sah die relative Vergeblichkeit Seines vergossenen Blutes. Viele Menschen würden nämlich die Erlösung, die Er ihnen bringen wollte,  verschmähen. Eine große Zahl Menschen würde sich in die Hölle stürzen; eine große Zahl Menschen würde, in unserer Zeit, eines der kostbarsten Früchte Seines Erlöserleidens und -sterbens vernichten wollen: Die Heilige Katholische Kirche. Und sie würden sie auf die schlimmste Weise vernichten wollen: Von Innen her.
Das heißt, Hände von Freunden, Hände von Kindern, Hände von Priestern nehmen es auf sich, das zu tun, was der schlimmsten Ruchlosigkeit im Laufe von Jahrhunderten nicht gelungen ist. Diesen Schmerz der Kirche sah Jesus von der Höhe des Kreuzes. Dieser Schmerz entriss Ihm viel Stöhnen und Ächzen. Maria nahm von all dem auch Kenntnis, Sie sah auch alles, und Ihr Zustand wird sehr deutlich dargestellt in den sieben Schwertern, die Ihre Seele durchdringen. Die Gottesmutter litt um diesen Zustand.
Warum litten beide, Jesus und Maria, im Hinblick auf die Kirche? Sie litten, weil das Meisterwerk Gottes in der Ordnung der Gnade, nicht die Einsetzung der Eucharistie oder die Einsetzung dieses oder jenes Sakraments war, sondern die Gründung der Katholischen Kirche, denn sie ist der Schrein, in dem all diese Juwelen enthalten sind. Auch die Unfehlbarkeit der Kirche ist eines dieser Juwelen in diesem Schrein, der die Katholische Kirche ist.
Unter diesen Umständen bedeutet die Absicht, die Katholische Kirche zu zerstören, das feindseligste, abscheulichste und höchst teuflischste Unternehmen gegen das Werk der Erlösung. Und das schlimmste ist, zu merken, dass der Ruchlosigkeit bewusst wurde, dass dieses Werk der Zerstörung nur durch geweihte Hände durchgeführt werden kann. Es sind die Machenschaften einer Verschwörung geweihter Hände, um dieses Werk zu vollbringen. Davon zeugt die Unterwanderung der Seminare, die Unterwanderung der höchsten Grade der Hierarchie. Diese Verschwörung wurde übrigens von einem heiligen Papst enthüllt, – der hl. Papst Pius X., der annehmbar nicht eines natürlichen Todes gestorben ist –, doch die Verschwörung ging und geht weiter und kommt wie eine steigende Flut bis zum heutigen Stand der Dinge.
Es ist die Wiederholung des Gottesmordes. Man will im Rahmen des Möglichen Gott nochmals töten, indem man den Mystischen Leib Christi zerstören will, und das, wie der hl. Pis X. in seine Enzyklika „Pascendi Dominici gregis“ schreibt, mittels einer internen Verschwörung, bei der geweihte Hände mit am Werk sind. Teuflischer könnte dieses Vorhaben nicht sein. Nach der Erlösung hätte man nichts Teuflischeres in Gang bringen können als das, und dieser Versuch könnte eigentlich nicht weiter gehen, als zu dem Punkt, zu dem er heute gekommen ist.
Wir können also sagen, dass, nach dem Tod Unseres Herrn Jesus Christus und nach dem Sieg, den der Teufel – unter gewissen Aspekten – mit dem Tod Christi errungen hat, wir den größten Sieg Satans seither miterleben. Ein Triumph, der schon eine Vorhersage und Vorschau seines Triumphes vor dem Ende der Zeiten ist.
So wie die Muttergottes wegen all dem gelitten hat, müssen auch wir mit Ihr leiden. Am Gedenktag Ihrer Schmerzen, den die Kirche in der Nähe der Passionstage gelegt hat, um uns auf das Leiden und Sterben Unseres Herrn vorzubereiten, sollten wir die Muttergottes um folgendes bitten: Wir alle sind ständig in Gefahr uns ausschließlich um die Sorgen und Kleinigkeiten unseres täglichen Lebens zu kümmern, wenn diese auch der Aufrechterhaltung unserer kleinen Werke im Apostolat gewidmet sind. Jeder baut sich damit sein kleines persönliches Leben auf: Man organisiert den Tagesablauf, dieser ist immer gut ausgefüllt, alles dreht sich um die eigenen Interessen. Doch es fehlt der Blick auf den Hintergrund und wir verlieren die Sicht dessen, was wichtiger ist.
Das Wichtigste für mein Leben als Katholik ist nicht, was ich heute oder morgen tun werde, sondern im Geiste die Passion, die die Heilige Katholische Kirche leidet, begleiten. Das Wichtigste ist, den ganzen Tag zu bluten mit dem Gedanken an die undenkbare und unheimliche Gewalt, die der Kirche angetan wird. Den ganzen Tag muss der Hintergrund unserer Tätigkeiten sein: Tun, beten, leiden für die Kirche, mit ihr leiden. Alles, was ich mache und tue, Kleines wie Großes, sollen letztendlich meiner Mutter, der Kirche helfen und trösten in ihrem Schmerz.
Deshalb soll an diesem Gedenktag Ihrer Schmerzen, die Muttergottes uns diese Bitte nahelegen, die Sie über Jahrhunderte und in allen Ländern zu den an Ihr vorübergehenden spricht: „O Ihr alle, die Ihr des Weges zieht, haltet und seht, ob ein Schmerz sei ähnlich meinem Schmerz!“ Und verstehen, das nicht die Gottesmutter so zu uns spricht, sondern die Katholische Kirche. Es gibt in der heutigen Welt nichts, was so verachtet, so verraten, so verfolgt, von so viel Hass getroffen wird, wie die Katholische Kirche. Es ist die Kirche, die uns heute zuruft: „O Ihr alle, die Ihr des Weges zieht, haltet und seht, ob ein Schmerz sei ähnlich meinem Schmerz!“
Wahrlich gibt es heutzutage keinen größeren Schmerz, als den der Heiligen Kirche. Selbst die Marter der Zeit des Protestantismus, in den Tagen der Französischen Revolution, zur Zeit des Falls von Byzanz, der Völkerwanderung, der Christenverfolgung im römischen Reich oder was auch immer, haben keinen Vergleichswert mit dem Schmerz, den die Kirche heute leidet.
Zur Vorbereitung auf das Gedenken an die Schmerzen Mariens und auf das Leiden Christi, denken wir intensiv an die Kirche und verinnerlichen wir, wie in der Kirche sich die Passion Jesu Christi wiederholt. Wie machen wir das? Halten wir inne. Stellen wir diese ständige, verzehrende Geschäftigkeit mit uns selbst ein, „halten und sehen, ob ein Schmerz sei ähnlich“ dem Schmerz der Katholischen Kirche. Bitten wir die Muttergottes, Ihr Schwert des Schmerzens möge unsere Herzen durchdringen. 
Die Schmerzensschwerter der Gottesmutter müssen unsere Seele durchdringen, damit wir mit der Kirche in diesen schrecklichen Tagen leiden können.
Also dann, „haltet und seht, haltet und betrachtet, erwägt und prüfet, ob es einen Schmerz gibt gleich meinem Schmerz“, ist die Einladung dieses Fests der Schmerzen Mariens und dieser wirklich kreuzigende Karwoche, die uns bevorsteht.

Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, den er am 7. April 1965 hielt. Er wurde frei übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne seine Überarbeitung.


Donnerstag, 15. Februar 2018

Stalins 60. Geburtstag

Plinio Corrêa de Oliveira

„Osservatore Romano“ analisiert die Expansiosntechnik des bolchevistischen Diktators

O Legionário, vom 3. März 1940, Nr. 390, 1. Seite

Die Demonstrationen in Russland und anderen Ländern, zur Feier von Stalins 60. Geburtstag (am 21.12.1939) gab dem „Osservatore Romano“ (OR) Anlass, die Technik des bolschewistischen Diktators wiederholt zu analysieren, um sich wiederum gegen seine Ansprüche in Europa zu empören.
Nachdem das Blatt an die politische Karriere Stalins erinnerte, indem es sein moralisches Porträt kommentierte – unter Hervorhebung seiner Grausamkeit, seinem Zynismus und seiner Skrupellosigkeit -, erörtert die Zeitung das Programm der russischen Expansionspolitik.
Es schreibt wörtlich:
„Es wäre falsch zu glauben, dass in der gegenwärtigen Kampagne gegen Finnland, die UdSSR die gleichen nationalistischen Gefühle hegt, die dem früheren Expansionismus der Zaren zu Grunde lagen. In den Händen Stalins ist die russische Armee nichts anderes als eine Armee im Dienst des bolschewistischen Expansionismus. Sie ist nichts anderes als der erste Kern der „revolutionären internationalen Armee“, von der Worochilow auf dem letzten Kongress der Kommunistischen Partei gesprochen hat.“
OR zitiert weiter das Telegramm, dass Hitler dem Diktator zu seinem 60. Geburtstag sandte mit den Wünschen des persönlichen Glücks und Wohlergehens des russischen Volkes.
Das Glück Stalins bedeute das totale Elend eines ganzen Volkes bedeutet, das jetzt schon seiner Freiheit und aller geistigen und zeitlichen Güter beraubt ist!

Erbärmliches und furchtbares Glück dieses Mannes, dass das Unglück für ganz Europa bedeutet!

Freitag, 2. Februar 2018

Luther dachte, er sei göttlich!


Ich verstehe nicht, wie Männer der heutigen Kirche, einschließlich der gebildetsten, gelehrtesten oder berühmtesten, die Gestalt des Häresiarchs Luther, mythologisieren, um eine ökumenische Annäherung direkt mit dem Protestantismus und indirekt mit allen Religionen, philosophischen Schulen u.a.m., zu fördern. Erkennen sie nicht die Gefahr, die uns alle am Ende dieses Weges erwartet, nämlich die weltweite Bildung eines unheimlichen Supermarktes von Religionen, Philosophien und Systemen aller Schattierungen, in dem Wahrheit und Irrtum fraktioniert, vermischt dargestellt, und in ein Wirrwarr versetzt werden? Abwesend von der Welt wäre nur, — wenn es so weit kommen könnte — die totale Wahrheit; das heißt, der lupenreine und makellose römisch-katholische apostolische Glaube.
Über Luther — dem gewissermaßen der Ausgangspunkt für dieses Streben nach dem totalen Wirrwarr zusteht— veröffentliche ich heute ein par weitere Themen, die den Geruch seiner aufrührerischen Figur in diesem Supermarkt oder vielmehr in diesem Leichenschauhaus der Religionen, Philosophien und des menschlichen Denken verbreiten.
Wie im vorigen Artikel versprochen, entnehme ich sie aus dem großartigen Werk von Pater Leonel Franca SJ, „Die Kirche, die Reformation und die Zivilisation“ (Editora Civilização Brasileira, Rio de Janeiro, 3. Aufl., 1934, 558 S.).
„Nach der Verkündigung unserer Lehre gaben die Menschen sich dem Raub, der Lüge, der Täuschung, der Schande, der Trunkenheit und allerlei Laster hin. Wir haben einen Dämon (das Papsttum) vertrieben und es kamen sieben Schlimmere.“
Ein absolut charakteristisches Element der Lehre Luthers ist die von der Rechtfertigung unabhängig der Werke. In einfachen Worten, dass die überschwänglichen Verdienste unseres Herrn Jesus Christus allein der Menschheit die ewige Errettung versichern. Demnach kann man auf dieser Erde ein Leben der Sünde führen, ohne Gewissensbisse, noch Furcht vor der Gerechtigkeit Gottes.
Die Stimme des Gewissens war für ihn nicht die der Gnade, sondern die des Teufels!
1. Deshalb schrieb er einem Freund, dass der vom Teufel belästigte Mensch von Zeit zu Zeit „mehr trinken, spielen, sich amüsieren und sogar einige Sünden aus Hass und Absicht gegen den Teufel begehen sollte, damit wir ihm nicht die Möglichkeit geben unser Gewissen mit Kleinigkeiten zu stören (...) Der ganze Dekalog muss sich in unseren Augen und in unserer Seele auslöschen, die wir vom Teufel dermaßen verfolgt und belästigt werden.“ (M. Luther, „Briefe, Sendschreiben und Bedenken“, Ed. De Wette, Berlin, 1825-1828; Franca, S. 199-200).
2. In diesem Sinne schrieb er auch: „Gott zwingt dich nur zu glauben und zu bekennen. In allen anderen Dingen lässt er dich frei und Herr darüber, zu tun, was du willst, ohne jegliche Gefahr für das Gewissen; eher ist es wahr, dass er sich an sich gar nicht drum kümmert, selbst wenn du deine Frau verlassen würdest, vor deinem Meister fliehen würdest und keiner Bindung treu seiest. Und was geht es Ihn an (Gott), wenn Du solche Dinge tust oder nicht tust?“ („Werke“, Weimar, 12. Aufl., S. 131ff.; Franca S. 446).
3. Vielleicht noch nachdrücklicher ist diese Anstiftung zur Sünde in einem Brief an Melanchthon vom 1. August 1521: „Sei ein Sünder und sündige kräftig (esto peccator et pecca fortiter), aber glaube mit noch größerer Festigkeit und freue dich in Christus, dem Überwinder der Sünde, des Todes und der Welt. Während des gegenwärtigen Lebens müssen wir sündigen. Es genügt, dass wir durch die Gnade Gottes das Lamm kennen, das die Sünden der Welt wegnimmt. Von ihm werden wir nicht durch die Sünde getrennt werden, auch wenn wir täglich Tausend Morde und Tausend Ehebrüche begehen.“ („Briefe, Sendschreiben und Bedenken”, 2. S.37; Franca S. 439)

„Luther im Wormser Reichstag“
Anton von Werner, (1843-1915), entstanden 1877
4. So zerzaust ist diese Lehre, dass Luther selbst nur schwer an sie glauben konnte: „Es gibt keine Religion auf der ganzen Erde, die diese Rechtfertigungslehre lehrt; ich selber wenn ich sie dennoch öffentlich lehre, habe ich privat große Schwierigkeit an sie zu glauben.“ (Werke, Weimar, 25, S. 330; Franca, S. 158)
5. Aber die verheerende Wirkung dieser zugestandenen unaufrichtige Predigt Luthers, erkannte er selbst: „Das Evangelium findet heute Anhänger, die überzeugt sind, dass es nichts weiter sei als eine Lehre, die dazu dient, den Bauch zu füllen und allen Launen freien Lauf zu lassen.“ (Werke, 25, Weimar, 33, S.2; Franca, S. 440)
Über seine evangelischen Gefolgsmännern sagte Luther, „sie sind sieben Mal schlechter als zuvor. Nach der Verkündigung unserer Lehre gaben die Menschen sich dem Raub, der Lüge, der Täuschung, der Schande, der Trunkenheit und allerlei Laster hin. Wir haben einen Dämon (das Papsttum) vertrieben und es kamen sieben Schlimmere.“ (Werke, Weimar, 28, S. 763; Franca S. 441)
„Nachdem wir verstanden haben, dass die guten Werke für die Rechtfertigung nicht notwendig sind, sind wir in der Praxis des Guten viel zurückhaltender und kälter geworden (...). Und wenn man heute zum alten Zustand der Dinge zurückkehren könnte, wenn die Lehre der Notwendigkeit der guten Werke zum Heilig werden wiederbelebt würde, eine andere wäre unsere Bereitwilligkeit und Bereitschaft, Gutes zu tun“. (Werke, Weimar, 27, S. 443; Franca, S. 441)
6. All diese Geistesverwirrungen erklären, dass Luther zur Raserei des satanischen Stolzes kam und von sich selbst sagte: „Scheint euch dieser Luther nicht ein extravaganter Mensch zu sein? Was mich betrifft, denke ich, dass er Gott ist. Wie sonst hätten seine Schriften und sein Name die Macht, Bettler zu Königen zu machen, Esel zu Ärzten, Fälscher zu Heiligen, Schlamm zu Perlen!“ (Werke, Ed. Wittenberg, 1551, 4, S. 378; Franca S. 190)
7. Zu anderen Zeiten war Luthers Selbstverständnis viel objektiver: „Ich bin ein Mann, der in der Gesellschaft exponiert und involviert ist, im Lotterleben, in fleischlichen Bewegungen, in Vernachlässigung und in anderen Krankheiten, zu denen sich die meiner eigenen Aufgaben hinzufügen“ („Briefe, Sendschreiben und Bedenken“, 1., S.232; Franca, S. 198). Nachdem Luther 1521 in Worms exkommuniziert wurde, ergab er sich dem Müßiggang und der Trägheit. Am 13. Juli schrieb er an einen anderen protestantischen Führer, Melanchthon: „Ich finde mich hier, töricht und verhärtet, im Müßiggang versunken, oh Schmerz!, ich bete wenig und höre auf, für die Kirche Gottes zu jammern, weil ich in meinem widerspenstigen Fleisch brenne unter großen Flammen. Kurz gesagt, ich, der ich den Eifer des Geistes haben muss, habe den Eifer des Fleisches, der Lüsternheit, der Faulheit, des Müßiggangs und der Schläfrigkeit.“ (Briefe, Sendscheiben und Bedenken, 2., p. 22; Franca, S. 198).
In einer Predigt von 1532: „Was mich angeht, so gestehe ich — und viele andere könnten zweifellos ein gleiches Bekenntnis ablegen - dass ich schlampig in der Disziplin wie im Eifer bin, bin jetzt viel nachlässiger als unter dem Papsttum; niemand hat jetzt für das Evangelium den Eifer, den man früher gesehen hatte.“ (Sämtliche Werke, 17. S.353; Franca, S. 441)


Was für Gemeinsamkeiten können wir zwischen dieser Moral und der der Heiligen Römisch-Katholischen Apostolischen Kirche finden?

“Folha de S. Paulo”, 10.1.1984

Luther: Nein und nein!


1974 hatte ich die Ehre, der erste Unterzeichner eines Manifests zu sein, das in den wichtigsten Tageszeitungen Brasiliens veröffentlicht und in fast allen Ländern, in denen die damals elf TFPs existierten, ebenfalls abgedruckt wurde. Es trug dir Überschrift: „Die Entspannungspolitik des Vatikans mit den kommunistischen Regierungen — Für die TFP: Sich zurückhalten? Oder widerstehen?“ (s. „Folha de S. Paulo“, 4.4.1974).

Darin erklärten die TFP-Vereine ihre respektvolle Meinungsverschiedenheit zur Paul’s VI. geführten „Ostpolitik“ und gaben ausführlich ihre Gründe an. Alles war — nebenbei gesagt — so übereinstimmend mit dem Lehramt der Kirche dargelegt, dass von niemandem Einwände erhoben wurden.

Um gleichzeitig ihre ganze Verehrung zum Papsttum und die Entschiedenheit, mit der sie ihren Widerstand zur „Ostpolitik“ des Vatikans in einem Satz zusammenzufassend zu unterstreichen, erklärten die TFPs dem Papst: „Unsere Seele gehört Euch, unser Leben gehört Euch. Befehlt uns was Ihr wollt. Befehlt uns nur nicht, dass wir vor dem roten Wolf, der da angreift, die Arme verschränken. Dem widersetzt sich unser Gewissen.“

Ich erinnerte mich mit besonderer Traurigkeit an diesen Satz, als ich den Brief von Johannes Paul II. an Kardinal Willebrands (s. L'Osservatore Romano, 6-11-83) zum fünfhundertsten Geburtstag Martin Luthers las, den er am 31. Oktober geschrieben hatte, am Jahrestag des ersten Aktes der Rebellion des Heresiarchen in der Kirche des Schlosses zu Wittenberg. Der Brief ist so voller Güte und Milde durchtränkt, daß ich mich fragte, ob der Hohe Unterzeichner die schrecklichen Lästerungen vergessen hatte, die der abtrünnige Mönch gegen Gott, Jesus Christus, den Sohn Gottes, das Allerheiligste Sakrament, die Jungfrau Maria und das Papsttum selbst gerichtet hatte.
Luther verbrennt die päpstliche Bulle
auf einem Platz in Wittenberg im Jahr 1520
Karl Aspelin (1857-1922)

Sicher ist, dass er sie nicht ignorieren konnte, denn sie sind für jeden gebildeten Katholiken in Büchern von gutem Karat erreichbar, die heute noch nicht schwer zu bekommen sind.

Ich denke an zwei von ihnen. Eines, national, ist „Die Kirche, die Reformation und die Zivilisation“, des großen Jesuiten P. Leonel Franca. Über das Buch und den Autor lässt sich durch offizielles Schweigen der Staub der Zeit nieder.

Das andere Buch stammt von einem der bekanntesten französischen Historiker dieses Jahrhunderts, Franz Funck-Brentano, Mitglied des Institut de France, und außerdem ein unverdächtiger Protestant.

Lassen Sie uns zunächst Texte aus dessen Werk „Luther“ (Grasset, Paris, 1934, 7. Aufl., 352 S.) zitieren. Und gehen wir sofort zu dieser namenlosen Gotteslästerung: „Christus“, sagt Luther, „hat zum ersten Mal Ehebruch mit der Frau am Brunnens begangen, von der Johannes spricht. Murmelte man nicht über ihn: „Was hat er mit ihr gemacht?“ Dann mit Magdalena, dann mit der Ehebrecherin, die er so leichtfertig freisprach. So mußte der fromme Christus vor seinem Tod auch huren.“ („Tischgespräche“, Nr. 1472, Weimarer Ausgabe, 2, 107).

Nachdem man so etwas gelesen hat, überrascht es einen nicht, dass Luther meint — wie Funck-Brentano darauf hinweist — dass „Gott sicher groß und mächtig, gut und barmherzig ist (...) aber er ist sehr dumm — „Deus est stultissimus“ („Tischgespräche“, Nr. 963, Weimarer Ausgabe 1, 487). „Er ist ein Tyrann. Moses musste nach seinem Willen handeln, als sein Statthalter, als ein Henker, den niemand übertraf, nicht einmal gleichkam wie er die arme Welt erschreckte, terrorisierte und durchs Martyrium führte“ (ebd. S. 230).

Dies steht in strikter Übereinstimmung mit dieser anderen Gotteslästerung, die Gott verantwortlich macht für den Verrat des Judas und für das Aufbegehren Adams: „Luther“, kommentiert Funck-Brentano, „geht so weit, zu behaupten, dass Judas mit dem Verrat Christi nach einer herrischen Entscheidung des Allmächtigen handelte. Sein Wille (des Judas) wurde von Gott gesteuert: Gott bewegte ihn in seiner Allmacht. Adam selbst war im irdischen Paradies gezwungen, so zu handeln, wie er handelte. Er wurde von Gott in solch einer Situation gestellt, dass es unmöglich für ihn war, nicht zu fallen“ (ebd., S. 246).

Ganz im Zusammenhang mit dieser abscheulichen Folge von Lästerungen nannte ein Pamphlet von Luther mit dem Titel „Gegen das vom Teufel gegründete römische Pontifikat“ vom März 1545 den Papst, nicht wie gewohnt „Heiligster (Vater)“, sondern „höllischster“, und fügte hinzu, dass das Papsttum sich immer Blutrünstig gezeigt habe (vgl. ebd. SS. 337-338).

Kein Wunder, dass Luther von solchen Gedanken getrieben an Melanchthon über die blutigen Verfolgungen Heinrichs VIII. gegen die Katholiken Englands geschrieben hat: „Es ist legitim, in Zorn zu geraten, wenn man weiß, was für Verräter, Diebe und Mörder die Päpste, ihre Kardinäle und ihre Gesandten sind. Wenn es doch Gott gefallen würde, dass mehrere Könige von England sich bemühen würden, sie auszurotten“ (ebd., S. 254).

Deshalb rief er auch aus: „Genug der Worte: (jetzt) das Eisen! das Feuer!“ Und er fügte hinzu: „Wir bestrafen Diebe mit dem Schwert, warum sollten wir den Papst, die Kardinäle und die ganze Bande des römischen Sodom nicht ergreifen und unsere Hände in ihrem Blut waschen?“ (ebd. S. 104).

Dieser Hass begleitete Luther bis ans Ende seines Lebens. Funck-Brentano schreibt: „Seine letzte öffentliche Predigt in Wittenberg war am 17. Januar 1546; es war der letzte Schrei eines Fluches gegen den Papst, das hl Messopfer, die Verehrung der Jungfrau“ (ebd., S. 340).

Kein Wunder, dass große Verfolger der Kirche sein Andenken gefeiert haben. So „ließ Hitler den 31. Oktober 1517 zum Nationalfeiertag  in Deutschland erklären, den Tag, an dem der rebellische Augustinerpater an den Türen der Wittenberger Schlosskirche die berühmten 95 Thesen gegen die Vorherrschaft des Papstes und der päpstlichen Lehren anbrachte“ (ebd. S. 272).

Und trotz des ganzen offiziellen Atheismus des kommunistischen Regimes übernahm Dr. Erich Honnecker, Vorsitzender des Staatsrats und des Verteidigungsrates, der erste Mann der Deutschen Demokratischen Republik, die Führung des Komitees, das mitten im roten Deutschland, in jenem Jahr Luthers großspurige Feiern organisiert (siehe „Deutsche Kommentare“, Osnabrück, Westdeutschland, April 1983).

Daß der abtrünnige Mönch solche Gefühle in einem Nazi-Führer erregt hat, wie jüngst im kommunistischen Führer, ist nichts weiter als natürlich.

Doch nichts ist beunruhigender und sogar schwindelerregender als das jüngste Gedenken an den fünfhundertsten Geburtstag Luthers in einem verwahrlosten protestantischen Tempel in Rom am 11. dieses Monats.
An diesem festlichen Akt der Liebe und Bewunderung in Gedenken an den Heresiarchen nahm der Prälat teil, den dass das Konklave 1978 zum Papst gewählt hatte. Ihm stünde folglich die Aufgabe zu, die heiligen Namen Gottes und Jesu Christi, die Heilige Messe, die Heilige Eucharistie und das Papsttum gegen Häresiarchen und Ketzer zu verteidigen!

„Schwindelerregend, schrecklich“, stöhnte mein katholisches Herz zu diesem Ereignis. Welches jedoch im Glauben und in der Verehrung des Papsttums verdoppelt zunahm.

Im nächsten Artikel bleibt mir übrig „Die Kirche, die Reformation und die Zivilisation“ des großen P. Leonel Franca SJ vorzustellen.


„Folha de São Paulo“ vom 27.12.1983