Mittwoch, 29. Oktober 2025

Anmerkungen und Kommentare zur Enzyklika „Mediator Dei“

 



„Legionário“ Nr. 803, 28. Dezember 1947

In der Fortsetzung unserer Bemühungen die Verbreitung der Enzyklika „Mediator Dei“ von Papst Pius XII., beginnen wir heute mit der Veröffentlichung von Kommentaren und Anmerkungen zum päpstlichen Text.

Neben dem Bestreben, die Gedanken des Papstes in erhabener theologischer Sprache den Lesern zugänglich zu machen, konzentrieren wir uns auf den Zusammenhang zwischen den Enzykliken „Mediator Dei“ und „Mystici Corporis Christi“, die ein einziges und wichtiges Lehrwerk bilden.

1. Text der Enzyklika:

Die Kirche führt also, getreu dem von ihrem Stifter erhaltenen Auftrag, das Priesteramt Jesu Christi vor allem durch die heilige Liturgie weiter.

Kommentar der Redaktion:

Das Priestertum Jesu Christi wird vor allem und also nicht nur durch die Heilige Liturgie fortgeführt.

2. Text der Enzyklika:

In erster Linie tut sie dies am Altare, wo das Kreuzesopfer ständig dargebracht und erneuert wird, wobei einzig die Art der Darbietung verschieden ist; dann durch die Sakramente, besondere Mittel, durch welche die Menschen des übernatürlichen Lebens teilhaftig werden; endlich durch den Lobpreis, der täglich dem allgütigen und allmächtigen Gott dargebracht wird.

Kommentar der Redaktion:

In der Liturgie setzt die Kirche das Priesteramt Jesu Christi nicht nur in der Messe fort, sondern auch in den Sakramenten und im Stundengebet.

3. Text der Enzyklika:

Es ist Euch, ehrwürdige Brüder, sicher bekannt, dass gegen Ende des letzten und zu Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts ein außerordentlicher Wetteifer auf dem Gebiet der liturgischen Studien entfaltet wurde, sowohl durch private Arbeit, wie besonders durch die weit ausholende und emsige Tätigkeit einiger Klöster des berühmten Benediktinerordens; so wuchs nicht nur in vielen europäischen Nationen, sondern auch in den überseeischen Ländern diesbezüglich ein lobenswertes und fruchtbringendes Bemühen. Die segensreichen Früchte dieses eifrigen Bemühens konnte man auf dem Gebiet der theologischen Wissenschaften wahrnehmen, wo die liturgischen Riten der abend- und morgenländischen Kirche erschöpfender und tiefer durchforscht und erfasst wurden, wie auch im geistlichen und privaten Leben vieler Christen.

Die hehren Zeremonien des heiligen Opfers wurden bessererkannt, erfasst und geschätzt, die Sakramente wurden allgemeiner und häufiger empfangen, die liturgischen Gebete inniger verkostet und die Verehrung der heiligen Eucharistie - was auch fortdauern soll - als Quelle und Mittelpunkt wahrer christlicher Frömmigkeit gewertet. Außerdem wurde die Tatsache in helleres Licht gerückt, daß alle Gläubigen einen einzigen, eng gefügten Leib bilden, dessen Haupt Christus ist, weshalb dem christlichen Volke die Pflicht obliege, in gebührender Weise an den liturgischen Handlungen teilzunehmen.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst zeigt, dass die Lehre vom Mystischen Leib, die in einem natürlichen Zusammenhang mit der Heiligen Liturgie steht, von derselben Bewegung untersucht wurde, die auch die Liturgische Bewegung förderte. Diese umfangreiche und reiche Sammlung von Lehren, die auf diese Weise hervorgehoben wurde, war zunächst heilsam, wurde aber später auf heterodoxer Art verarbeitet. Daher der Zusammenhang zwischen den Enzykliken „Mistici Corporis Christi“ und „Mediator Dei“. Erstere zielte darauf ab, Irrtümer über den Mystischen Leib, letztere Irrtümer in der Liturgie zu bekämpfen. Beide Irrtümer verschmelzen somit zu einer gemeinsamen Wurzel der Heterodoxie und bilden so ein homogenes heterodoxes System.

4. Text der Enzyklika:

Ihr wisst ohne Zweifel sehr wohl, dass der Apostolische Stuhl jederzeit eifrig bestrebt war, das ihm anvertraute Volk mit richtigem und lebendigem liturgischem Empfinden zu erfüllen; und wie er mit nicht geringerem Eifer darauf geachtet hat, dass die heiligen Handlungen auch nach außen durch angemessene Würde wirkten. Wir selbst haben, als Wir dem Brauch gemäß im Jahre 1943 zu den Fastenpredigern der Ewigen Stadt sprachen, sie mit Nachdruck ermahnt, ihre Zuhörer zu einer wachsenden Teilnahme am eucharistischen Opfer anzuspornen; und erst neulich haben Wir in der Absicht, das rechte Verständnis der liturgischen Gebete und die Erfassung ihres kostbaren Wahrheitsgehaltes zu fördern, das Buch der Psalmen, das in der katholischen Kirche einen großen Teil jener Gebete ausmacht, aus dem Urtext von neuem ins Lateinische übertragen lassen.

Kommentar der Redaktion:

Der Grund für die Übersetzung ist laut Papst, dass die Psalmen besser verstanden und begriffen werden können. Daraus folgt, dass der Hauptnutzen, den die Gläubigen aus dem Offizium ziehen, nicht in nebulösen transpsychologischen, sondern vielmehr in einem psychologischen Effekt besteht. Wahre liturgische Bildung liegt im Verstehen und Auskosten der Bedeutung der Psalmen.

5. Text der Enzyklika:

Während also diese Bestrebungen infolge ihrer heilsamen Wirkungen Uns nicht geringen Trost bereiten, fordert doch auch das Gewissen, daß Wir jene Erneuerungsbestrebungen im Auge behalten und sorgsam darauf achten, daß die Anregungen nicht ins Maßlose oder Fehlerhafte ausarten.

Kommentar der Redaktion

Dieser Abschnitt macht deutlich, dass die Irrtümer nicht von einer anderen liturgischen Bewegung ausgingen, sondern von denjenigen, die so glücklich in Europa unter der Schirmherrschaft des Ordens des Heiligen Benedikt begann, die Meere überquerte und sich in der gesamten westlichen Kirche ausbreitete. Es zeigt auch, dass der Papst es für notwendig hält, diese Bewegung überall zu überwachen, um die schwerwiegenden Irrtümer, die in ihr entstanden sind, zu verhindern oder zu vermeiden.

6. Text der Enzyklika:

Wenn Wir nämlich einerseits mit großem Bedauern feststellen, daß in verschiedenen Ländern der Sinn für die heilige Liturgie, ihre Kenntnis und ihr Studium gelegentlich ungenügend sind oder fast ganz fehlen, so müssen Wir anderseits mit Besorgnis, ja mit Furcht wahrnehmen, wie einige allzu neuerungssüchtige Leute vom Weg der gesunden Lehre und der Klugheit abweichen.

Kommentar der Redaktion:

Entgegen einem sich heimtückisch verbreitenden Gerücht tadelt der Papst nicht diejenigen, die vor der Enzyklika die Irrtümer der Liturgischen Bewegung angegriffen haben. Er tadelt lediglich die Vernachlässigung der Heiligen Liturgie durch einige Menschen („in bestimmten Regionen“). Der Papst weist auf die psychologischen Gründe für diese Irrtümer hin: die Gier nach Neuerungen und ihre beiden Folgen: Bruch mit der gesunden Lehre und Unklugheit im Verhalten.

7. Text der Enzyklika:

Der Grund dafür liegt darin, dass sie in der Absicht und dem Wunsch, die liturgische Erneuerung zu fördern, oft Prinzipien außer Kraft setzen, die diese ,0heiligste Sache theoretisch oder praktisch gefährden und sie oft auch mit Irrtümern über den katholischen Glauben und die asketische Lehre verunreinigen.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst prangert die Existenz eines Systems („Prinzipien“) an, mit dem die Irrtümer der liturgischen Bewegung verbunden sind. Es ist Aufgabe der Gelehrten, Mystici Corporis Christi und Mediator Dei sorgfältig zu analysieren, um diese Prinzipien anhand der darin enthaltenen Elemente zu definieren.

Der Papst betont die Schwere dieser Haltungen, die „oft den katholischen Glauben und die asketische Lehre beeinträchtigen“. – Die schlimmsten Feinde der liturgischen Bewegung sind diejenigen, die sie mit diesen Irrtümern gegen Glauben und Moral verunreinigen. Ihre besten Freunde hingegen sind diejenigen, die diese Irrtümer energisch bekämpfen, um eine gute liturgische Bewegung zu verbreiten.

8. Text der Enzyklika:

Reinheit des Glaubens und der Sitte muss aber die hauptsächlichste Richtlinie dieser heiligen Wissenschaft sein, die mit der weisen Lehre der Kirche in allem übereinstimmen soll. Es ist demnach Unsere Pflicht, was gut ist, zu loben und zu empfehlen, was aber vom rechten Weg abweicht, in Schranken zu halten oder zu verwerfen.

Kommentar der Redaktion:

Es gab unter uns einige, die glaubten, dass ein Angriff auf die Irrtümer der liturgischen Bewegung diese selbst in ihrer ganzen Integrität gefährden würde. Menschliche und fleischliche Klugheit ließ sie es vorziehen, dass sich die liturgische Bewegung durch Irrtümer verunreinigt ausbreitet, anstatt sie umsichtig zu unterbinden. Der Papst konnte nicht umhin zu erkennen, dass er mit der Veröffentlichung dieser Enzyklika die Existenz sehr schwerwiegender Irrtümer unter den Katholiken selbst öffentlich machen würde. Er urteilte, dass diese Gefahr geringer sei, als die liturgische Bewegung in ihren Irrtümern zu belassen. Unter uns gab es solche, die es als entweihend empfanden, die Irrtümer der Liturgie anzugreifen, die die Existenz einer Spaltung unter den Katholiken offenbarten. Eine verdächtige und seltsame Therapie, die darin bestand, dem Irrtum freien Lauf zu lassen, damit seine Existenz nicht wahrgenommen wurde. Nach Mediator Dei ist es nicht länger zulässig, diese Praxis zu befürworten.

9. Text der Enzyklika:

Es sollen jedoch die Säumigen und Lässigen nur nicht meinen, Wir wären mit ihnen zufrieden, weil Wir die Irrenden tadeln und die Allzukühnen zügeln; noch sollen die Unklugen es als Lob für sich deuten, wenn Wir die Nachlässigen und Zauderer zurechtweisen.

Kommentar der Redaktion:

Wie in Thema Nr. 6 spricht der Papst von zwei irrigen Positionen: der der Trägen und Lauen, die an der Sache desinteressiert sind, und der der Rücksichtslosen und Innovativen. Es gibt nicht den geringsten Hinweis auf diejenigen, die, obwohl sie an der Sache interessiert waren, die Irrtümer der Liturgie angriffen. Dies ist wichtig zu beachten, um heimtückische Gerüchte zu zerstören.

10. Text der Enzyklika:

Wenn Wir in Unserem Rundschreiben hauptsächlich von der lateinischen Liturgie sprechen, so geschieht das nicht, weil Wir die ehrwürdigen Liturgien der Ostkirche weniger schätzten; ihre Riten, durch alte und kostbare Urkunden überliefert, sind Uns ebenso teuer; das geschieht vielmehr wegen der besonderen Verhältnisse der abendländischen Kirche, die so geartet sind, daß sie das Eingreifen Unserer Autorität notwendig zu machen scheinen.

Kommentar der Redaktion:

Diese Worte des Papstes verdeutlichen die extreme Dringlichkeit der Situation, in der wir uns befinden: Die besonderen Bedingungen der westlichen Kirche ERFORDERN DAS EINGREIFEN UNSERER AUTORITÄT. Ein eindringlicher Aufruf an alle eifrigen Gläubigen, für eine gesunde liturgische Bewegung zu kämpfen, indem sie die Irrtümer, die sie plagen, radikal und unverzüglich beseitigen.

11. Text der Enzyklika:

Alle Christen sollen daher willig auf die Stimme ihres gemeinsamen Vaters hören, der sich sehnlichst wünscht, dass alle, die ihm innig verbunden sind, sich dem Altar Gottes nähern, denselben Glauben bekennen, dieselben Gesetze befolgen und mit einmütiger Absicht und einmütigem Willen am selben Opfer teilnehmen.

Kommentar der Redaktion:

Die obige Anmerkung wird bestätigt. Das Wort des Papstes zu hören, verpflichtet alle, auch die Laien, insbesondere im Jahrhundert der Katholischen Aktion, dazu, es zu verbreiten. Lasst uns energisch gegen das kämpfen, was der Papst verabscheut und verurteilt.

12. Text der Enzyklika:

Das verlangt schon die Ehre Gottes; das fordern auch die Bedürfnisse der Gegenwart. Nachdem ein langer und grauenvoller Krieg die Völker durch Feindschaft und blutigen Tod sich gegenseitig entfremdet hat, mühen sich jetzt Menschen guten Willens, alle nach besten Kräften zur Eintracht zurückzuführen.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst zeigt, wie dringend nötig die Einheit der Gläubigen ist. Dies ist jedoch nur durch die Einheit im Glauben möglich, wie der Papst sagt. Um diese Einheit zu erreichen, hat der Papst, anstatt zum liturgischen Problem zu schweigen, im Gegenteil den Finger auf die Wunde gelegt. Den Finger eines Vaters und Arztes, der weiß, dass Ausbrüche nicht dadurch bekämpft werden, dass man sie ignoriert, sondern indem man sie behandelt. Dies ist ein unschätzbarer Trost für diejenigen von uns, die den Liturgizismus immer bekämpft haben und die mit dieser Haltung keine Zwietracht gestiftet, sondern die Einheit gefördert haben.

13. Text der Enzyklika:

Kaum nämlich ist das Wort Fleisch geworden[13], als es auch schon mit dem Priesteramt bekleidet sich der Welt offenbart, indem es sich dem Ewigen Vater unterwirft und diese Unterwerfung sein ganzes Leben hindurch ununterbrochen fortsetzt  Beim Eintritt in die Welt spricht Christus: ... Siehe ich komme . . . Deinen Willen, O Gott, zu erfüllen . . .[14], und im blutigen Kreuzesopfer hat er dies wunderbar erfüllt : Kraft dieses Willens sind wir ein für allemal geheiligt durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi[15].

Kommentar der Redaktion:

Das priesterliche Amt Jesu Christi bestand nicht allein im Abendmahl und auf dem Kalvarienberg, sondern in der Unterwerfung, mit der er sich in jeder seiner Lebenshandlungen dem Vater gegenüber verhielt. Wie wir sehen werden, dient diese Beobachtung dem Papst als Grundlage, um die Art des von den Gläubigen dargebrachten Opfers, die Eigenschaften, die dieses Opfer haben muss, und damit die Art und Weise der Teilnahme der Gläubigen an der Heiligen Messe zu bestimmen. Man beachte die Beziehung zwischen den Opfern des christlichen Lebens und dem Opfer, einem Akt des öffentlichen Kultes.

14. Text der Enzyklika:

Sein tatenreiches Menschendasein strebt diesem einen Ziele zu. Als kleines Kind wird er im Tempel zu Jerusalem dem Herrn dargestellt; als Knabe begibt er sich wieder dorthin; später betritt er den Tempel immer und immer wieder, um das Volk zu lehren und dort zu beten. Bevor er seine öffentliche Tätigkeit beginnt, beobachtet er ein vierzigtägiges Fasten; durch seinen Rat und sein Beispiel mahnt er alle, ihre Bitten bei Tag und bei Nacht an Gott zu richten. Er, der Lehrer der Wahrheit, erleuchtet jeden Menschen[16]damit die Sterblichen den unsichtbaren Gott gebührend anerkennen und nicht Söhne feigen Versagens seien zu ihrem Verderben, sondern Kinder des Glaubens, durch den das Leben gewonnen wird[17]. Als Hirt leitet er seine Herde, führt sie auf die Weide des Lebens und erläßt sein Gesetz so, daß niemand von ihm und dem rechten Wege, den er weist, sich abbringen lasse, sondern alle unter dem Hauch seines Geistes und in seiner Kraft heilig leben. Beim letzten Abendmahle begeht er in feierlicher Form das neue Pascha, dessen Fortbestand er durch die Einsetzung der heiligen Eucharistie sichert;

Kommentar der Redaktion:

Der Papst unterscheidet in Jesus Christus zwischen individuellen und eigentlich priesterlichen Handlungen. Diese Unterscheidung bedeutet keine Trennung; im Gegenteil, es besteht eine enge Verbindung zwischen beiden. In der Frömmigkeit des Hohepriesters als Ganzes und auch in der Frömmigkeit der Kirche können wir zwei Elemente unterscheiden: Das eine besteht aus den eigentlich priesterlichen Handlungen, die das Handeln Christi als Meister, Hirte und Opferer fortsetzen; das andere besteht aus der Frömmigkeit des Einzelnen, einer Frömmigkeit, die streng privat und individuell ist. Der Papst wird dieses Konzept weiter ausführen, um zwischen dem eigentlich aktiven Priestertum der Hierarchie und dem analogen und passiven Priestertum der Laien zu unterscheiden, zwischen der eigentlich liturgischen Frömmigkeit der ersteren und der Frömmigkeit der Gläubigen, die auch bei der Ausübung liturgischer Handlungen privat ist.

15. Text der Enzyklika:

am folgenden Tag bringt er, zwischen Himmel und Erde schwebend, das heilbringende Opfer seines Lebens dar und läßt seiner durchbohrten Brust gleichsam die Sakramente entströmen, die den Menschen die Schätze der Erlösung zuführen sollen. Bei alledem schaut er einzig auf die Ehre seines himmlischen Vaters und darauf, die Menschen mit immer größerer Heiligkeit zu erfüllen.

Kommentar der Redaktion:

Die Heiligung der Menschheit wird durch die Vereinigung aller Kräfte ihrer Seele mit Gott erlangt. Es ist eine Vereinigung der Intelligenz, des Willens, der sich fest nach Gott sehnt, und der Sensibilität. Diese Vereinigung kann innerhalb der rein natürlichen Ordnung erreicht werden. So sind die Seelen derer, die sich in der Vorhölle (im Limbus) befinden, vollständig mit Gott vereint, obwohl sie kein übernatürliches Leben besitzen. Um diese moralische Vereinigung leichter und inniger zu fördern, schenkte unser Herr der Menschheit mit der Erlösung übernatürliches Leben. Doch, so der Papst, die Verleihung dieses herrlichen Geschenks ist kein Selbstzweck. Das letzte Ziel, zu dem die Verleihung des übernatürlichen Lebens ein Mittel ist, ist die moralische Vereinigung mit Gott: dass der Mensch Gott von ganzem Herzen und vor allem seine eigene Ehre lieben kann.

16. Text der Enzyklika:

Deshalb zielt die vom göttlichen Erlöser gestiftete Gesellschaft mit ihrer Lehre und Leitung, dem von ihm eingesetzten Opfer und den von ihm gestifteten Sakramenten, mit der von ihm überkommenen Verwaltung und dem von ihr verströmten Gebet und Blut nur auf das eine hin, daß sie täglich sich weite nach außen und innerlich zusammenwachse; das wird auch erreicht, wenn Christus in den Menschenseelen Leben gewinnt und sich entfaltet, und umgekehrt die Menschenseelen durch Christus gleichsam erbaut werden und wachsen;

Kommentar der Redaktion:

Der Papst bestätigt die obige These. Es ist so wahr, dass die Ehre Gottes und die moralische Vereinigung des Menschen mit Gott das Ziel aller Taten Jesu Christi und der Erlösung selbst sind, dass die Kirche, die Fortsetzung Christi, kein anderes Ziel hat als dieses. Man beachte, dass für den Papst die klassische Formel, Christus im Gläubigen oder den Gläubigen in Christus aufzubauen, im Wesentlichen die Idee zum Ausdruck bringt, die festeste und tiefste moralische Verbindung zwischen dem Gläubigen und Christus herzustellen. Hier liegt nichts Transpsychologisches vor, wie man in der verdächtigen oder fehlerhaften Terminologie gewisser moderner Philosophien sagen könnte.

17. Text der Enzyklika:

Deshalb ist in jeder liturgischen Handlung zugleich mit der Kirche ihr göttlicher Stifter zugegen. Zugegen ist Christus im hochheiligen Opfer des Altares, in der Person des seine Stelle vertretenden Priesters und vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Zugegen ist er in den Sakramenten durch die Kraft, die er ihnen zuströmen läßt als den Werkzeugen der Heiligung. Zugegen ist er endlich im Lob Gottes und im Bittgebet, gemäß dem Worte: Wo nämlich zwei oder drei in meinem Namen vereint sind, bin ich mitten unter ihnen[22].

Kommentar der Redaktion:

Man beachte, dass Christi Gegenwart in der liturgischen Handlung „gemeinsam“ mit der Kirche erfolgt. Dieser Ausdruck findet seinen Kommentar in Mystici Corporis Christi, wo der Heilige Vater die Unmöglichkeit betont, einer vermeintlich unsichtbaren Kirche Christi anzugehören, und bekräftigt, dass es unmöglich ist, mit Christus vereint zu sein, ohne mit der sichtbaren Kirche verbunden zu sein, deren oberstes Oberhaupt der Heilige Vater, der Papst, ist.

18. Text der Enzyklika:

Die heilige Liturgie bildet folglich den öffentlichen Kult, den unser Erlöser, das Haupt der Kirche, dem himmlischen Vater erweist und den die Gemeinschaft der Christgläubigen ihrem Gründer und durch ihn dem Ewigen Vater darbringt; um es zusammenfassend kurz auszudrücken: sie stellt den gesamten öffentlichen Gottesdienst des mystischen Leibes Jesu Christi dar, seines Hauptes nämlich und seiner Glieder.

Kommentar der Redaktion:

Hier finden wir eine offizielle Definition der Liturgie, die von nun an als Grundlage für alles zu diesem Thema dienen wird. Diese Definition bestätigt die traditionelle Lehre, dass nur Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die speziell zu diesem Zweck ernannt wurden, liturgische Funktionen ausüben dürfen. Die einfachen Gläubigen sind daher von allen offiziellen oder formal liturgischen Handlungen ausgeschlossen. Diese Lehre wird später noch eindringlich und entschieden bekräftigt.

19. Text der Enzyklika

Je nach den Umständen und den Bedürfnissen der Christen wird der Gottesdienst veranstaltet, ausgebaut und mit neuen Riten, Zeremonien und Gebetsformen bereichert, immer zu dem Zwecke, „daß wir durch jene Sinnbilder uns selbst anspornen und innewerden, wieviel Fortschritt wir gemacht haben, und zu dessen Förderung uns entschieden aneifern denn die Wirkung wird um so wertvoller sein, je stärker der Eifer ist, der ihr vorausgeht“[25]

Kommentar der Redaktion:

Der Papst zeigt einmal mehr, dass die moralische Vereinigung der Gläubigen (und nicht die transpsychologische oder ontologische, wie manche behaupten) mit Gott, zusammen mit der Verherrlichung Gottes selbst, der wesentliche Zweck der Liturgie ist.

Der Papst verurteilt umgehend den liturgischen Archaismus und erklärt, dass die neuen Riten kein Abschaum oder Unreinheiten einer dekadenten Kirche seien, sondern wahre Reichtümer, die das spirituelle Erbe der Kirche intensivieren.

20. Text der Enzyklika:

So erhebt sich das Gemüt beschwingter und leichter zu Gott, und das Priestertum Jesu Christi lebt und wirkt jederzeit durch alle Jahrhunderte hindurch, da die heilige Liturgie nichts anderes ist als die Ausübung dieses Priesteramtes.

Kommentar der Redaktion:

Dieses gesamte Thema zeigt, dass das von der Kirche ausgeübte Priestertum Jesu Christi ein hierarchisches Priestertum ist, das nur von geistlichen Amtsträgern und nicht von einfachen Gläubigen ausgeübt werden kann.

21. Text der Enzyklika:

Die zum irdischen Leben Gebotenen bereichert sie in einer Art von Wiedergeburt mit dem übernatürlichen Leben; für den Kampf gegen den unversöhnlichen Feind stärkt sie dieselben mit der Kraft des Heiligen Geistes; sie ruft die Christen zu den Altären, eifert sie durch wiederholte Einladung an zur andächtigen Feier des eucharistischen Opfers und nährt sie mit der Engelspeise, damit sie immer mehr erstarken; die durch die Sünde Verwundeten und Befleckten.

Kommentar der Redaktion:

Der Ausdruck „feiern“ ist von den Gläubigen im Sinne von Gedenken zu verstehen, denn der Papst …(Druckfehler im Original)… er verwendet den verwerflichen und oft verwendeten Ausdruck „konzelebrieren“ gerade deshalb, weil die Gläubigen vom wesentlichen Akt des Heiligen Messopfers, der Wandlung, ausgeschlossen sind.

22. Text der Enzyklika:

Jedoch ist das Hauptgewicht bei der Gottesverehrung auf das Innere zu verlegen. Wir müssen immer in Christus leben und uns ihm ganz hingeben, damit in ihm, mit ihm und durch ihn dem himmlischen Vater die gebührende Ehre erwiesen werde. Die heilige Liturgie verlangt aber, daß die beiden Elemente aufs engste miteinander verknüpft seien; sie selbst wird nicht müde, das immer und immer wieder zu empfehlen, sooft sie nämlich einen äußeren Akt religiösen Kultes vorschreibt. So mahnt sie uns z. B. beim Fasten, „unser sittliches Verhalten möge das, wovon es nach außen Zeugnis gibt, in unserem Innern verwirklichen“[28]. Sonst wird die Religion zweifelsohne zum leeren Ritus und reinen Formalismus. Wie euch, ehrwürdige Brüder, bekannt ist, hält der göttliche Meister jene des Gotteshauses für unwürdig und möchte sie aus ihm entfernt wissen, die vermeinen, sie könnten allein schon mit klangvollen schönen Stimmen nach Art der Schauspieler Gott verehren, und die sich einbilden, für ihr ewiges Heil ordentlich Sorge zu tragen, auch wenn sie ihre tief eingewurzelten Fehler nicht mit der Wurzel ausrotten[29].

Kommentar der Redaktion:

Wenn die heilige Liturgie und das christliche Leben im Allgemeinen, wie manche behaupten, eine transpsychologische und ontologische Vereinigung mit Gott bewirken würden, wären die inneren Gefühle der Seele, gerade weil sie im psychologischen Bereich stattfinden, mit Sicherheit zweitrangig. Durch die korrekte Durchführung des Ritus und damit das Erreichen seiner ontologischen oder transpsychologischen Wirkung wäre der Zweck der Liturgie erreicht, selbst wenn die moralische und psychologische Vereinigung nicht erreicht würde.

Der Papst geht vom entgegengesetzten Prinzip aus und misst daher nicht der Durchführung des Ritus, sondern der inneren Verfassung höchste Bedeutung bei. Der Papst ist zutiefst empört über den rein mechanischen Formalismus der Liturgie, über die Vorstellung, sie handle ausschließlich „ex opere operatur“ und nicht „ex opere operantis“. Die Enzyklika „Mediator Dei“ ist die Peitsche, die diese neue Form von Hausierern und Pharisäern aus der Kirche vertreiben soll.

23. Text der Enzyklika:

Die Kirche wünscht also, daß alle Christgläubigen sich zu den Füßen des Erlösers niederwerfen, um ihm ihre Verehrung und Liebe zu erzeigen; sie wünscht, daß die Scharen nach dem Beispiel der Jugend, die Christus bei seinem Einzug in Jerusalem mit Freudengesang entgegenzog, lobsingen und dem König der Könige, dem höchsten Geber aller Güter Jubellieder ertönen lassen und Danksagung darbringen; daß ihren Lippen Gebete entströmen, Bittgebete und froher Lobpreis, durch die sie wie die Apostel am See Genesareth seine barmherzige und allmächtige Hilfe anrufen; oder daß sie, wie Petrus auf dem Berge Tabor vom Lichtglanz und der Wonne seliger Beschauung hingerissen, sich und das Ihrige dem Ewigen Gott anheimstellen.

Kommentar der Redaktion:

Die innere Haltung der Gläubigen ist für ein gesundes und orthodoxes liturgisches Leben so grundlegend, dass der Papst in diesem Thema, in dem er eindeutig von liturgischer Frömmigkeit spricht, Worte und Begriffe verwendet, die durchaus für eine rein private Frömmigkeit geeignet sind.

24. Text der Enzyklika:

Daher haben jene vom wahren Begriff und Sinn der heiligen Liturgie entschieden eine falsche Vorstellung, die unter ihr nur den äußeren und sinnfälligen Teil des Gottesdienstes oder etwa eine würdige Aufmachung von Zeremonien verstehen. Und ebenso gehen jene fehl, die sie nur für eine Sammlung von Gesetzen und Vorschriften halten, wonach die kirchliche Hierarchie die heiligen Riten regelt.

Es muß allen eine Selbstverständlichkeit sein, daß Gott nicht würdig verehrt werden kann, wenn nicht Geist und Herz zur Vollkommenheit angeeifert werden, und daß der Kult, den die Kirche in Einheit mit ihrem göttlichen Haupt Gott darbringt, die höchste Wirkkraft zur Weckung wahrer Heiligkeit in sich birgt.

Kommentar der Redaktion:

Die Sprache des Papstes zeigt, dass diese Irrtümer nicht bloß hypothetisch und möglich sind, sondern dass sie konkret aus der ansonsten providentiellen liturgischen Bewegung entstanden sind.

In diesem Abschnitt formuliert der Papst den in den vorherigen Erwägungen widerlegten Irrtum und verurteilt ihn. Der Irrtum ist zweifacher Natur: 1) dass die Liturgie Gott allein deshalb würdig verherrlichen kann, weil ihr Ritus in hervorragender Weise vollzogen wird, obwohl keine Anstrengungen zur Heiligung der Amtsträger und der Gläubigen unternommen werden; 2) dass die Heiligung nicht eine höchste Wirkung der Liturgie ist.

25. Text der Enzyklika:

Diese Wirkkraft kommt, wo es sich um das eucharistische Opfer und die Sakramente handelt, vor allem und an erster Stelle ex opere operato (aus der heiligen Handlung selbst). Wenn wir hingegen die Funktionen der unversehrten Braut Jesu Christi ins Auge fassen, wodurch sie mit Gebeten und heiligen Zeremonien das eucharistische Opfer und die Sakramente umrankt, oder wenn die Rede ist von den Sakramentalien und den übrigen Riten, die von der kirchlichen Hierarchie angeordnet sind, so kommt die Wirkkraft vor allem ex opere operantis Ecclesiae (aus der Handlung als einer Handlung der Kirche), insofern sie heilig ist und in engster Verbindung mit ihrem Haupte wirkt.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst bestätigt hier die traditionelle Lehre der katholischen Theologie, wonach er bei jeder heiligenden Handlung mehrere Arten der Wirksamkeit unterscheidet. 1) die intrinsische Wirksamkeit (ex opere operato), d. h. die Wirksamkeit der Sakramente und des Messopfers, unabhängig von der Heiligkeit desjenigen, der sie spendet. 2) die Wirksamkeit, die außerhalb des Werkes selbst liegt, aber auch unabhängig von der Heiligkeit des Spenders ist. Dies ist das „opus operantis Ecclesiae“, dessen heiligende Wirksamkeit von der Heiligkeit der Kirche abhängt, in deren Namen der heilige Ritus von ihrem Spender vollzogen wird. 3) die Wirksamkeit, die sich aus dem Verdienst der Person ergibt, die die heiligende Handlung vollzieht, und von der Heiligkeit desjenigen abhängt, der die Handlung vollzieht.

Man sollte nicht meinen, dass die Wirksamkeit „ex opere operato“ in keiner Weise ein Element innerer Anbetung beinhaltet, d. h. die Gefühle der Seele, die sich Gott zuwendet, um ihn anzubeten. Es ist wahr, dass das Messopfer und die Sakramente auch dann gültig und wirksam sind, wenn sie von unwürdigen Personen gefeiert werden. Ihre Wirksamkeit leitet sich jedoch nicht aus ihrer liturgischen Handlung ab, als wäre diese eine magische Handlung; ihre Wirksamkeit leitet sich aus den Verdiensten Jesu Christi ab, in dessen Person sie ausgeübt werden, und die Verdienste Jesu Christi umfassen den gesamten unendlichen Wert ihrer inneren Anbetung.

Man sollte nicht meinen, die Kirche würde die Elemente der inneren Anbetung und die Heiligung selbst vom Spender, der die Sakramente spendet oder spendet, entbehrt. Es ist wahr, dass ihre liturgischen Handlungen in diesen Fällen gültig sind, auch wenn sie unwürdig sind. Aber die Kirche erklärt sie für unzulässig und macht sie schwer schuldig, wenn sie sich ihnen unwürdig, im Zustand der Todsünde oder ohne die für die heilige Handlung erforderlichen Voraussetzungen nähern. Gleiches gilt für die Sakramentalien, bei denen die Wirksamkeit nicht vom Spender, sondern von der Kirche abhängt.

Darüber hinaus wird bei der sakramentalen Handlung selbst das innere psychologische Element nicht völlig vernachlässigt. Mit anderen Worten: Eine mechanische, äußerlich vollzogene Handlung reicht nicht aus. Denn damit die Sakramente gültig sind, verlangt die Kirche die Absicht des Spenders, „das zu tun, was die Kirche tut“.

26. Text der Enzyklika:

In diesem Zusammenhang möchten Wir, ehrwürdige Brüder, eure Aufmerksamkeit auf jene neue Theorie der christlichen Frömmigkeit hinlenken, die man „objektive“ (sachliche) Frömmigkeit nennt; während diese Theorie das Geheimnis des Mystischen Leibes, die wahrhaft heiligende Wirkkraft der Gnade sowie die göttliche Wirkung der Sakramente und des eucharistischen Opfers klar herausstellt, scheint sie dahin zu zielen, die „subjektive“ oder „persönliche“ Andacht herabzumindern oder ganz zu übersehen.

Kommentar der Redaktion:

Bisher hat der Papst von zwei Elementen gesprochen, die die Frömmigkeit der Kirche, d. h. des mystischen Leibes, ausmachen – beides wesentliche Elemente:

a) die Taten Jesu Christi, des Hauptes der Kirche, die von den Liturgiedienern fortgeführt werden;

b) die Taten der Gläubigen und des Liturgiedieners selbst, nicht als Stellvertreter Jesu Christi, sondern als Privatperson.

Das erste Element könnte man als objektiv, das zweite als subjektiv bezeichnen. Der vom Papst verurteilte Irrtum besteht darin, das objektive Element zu übertreiben und das subjektive Element zu unterschätzen oder gar zu vernachlässigen.

Da das subjektive Element persönlich und das objektive daher kollektiv ist, besteht dieser Irrtum darin,

1) die Frömmigkeit überwiegend kollektiv oder liturgisch zu gestalten, zum Nachteil der privaten oder persönlichen Frömmigkeit;

2) innerhalb der kollektiven Frömmigkeit selbst das Element der persönlichen Frömmigkeit zu unterschätzen, das ihr innewohnt und von ihr untrennbar ist. Dies wäre also eine Entpersonalisierung und Sozialisierung der Frömmigkeit, die im spirituellen Bereich das bewirken würde, was der Kommunismus im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich bewirkt. Es wäre die Bolschewisierung der christlichen Frömmigkeit.

Wenn wir die letzten und extremsten logischen Konsequenzen dieser Irrtümer ziehen und Frömmigkeit als etwas völlig Unpersönliches begreifen, sind wir beim Panpsychismus und Pantheismus angelangt.

Daraus ergibt sich als Konsequenz, und zwar nur als Konsequenz, der Quietismus in der Frömmigkeit. Wenn der Einzelne nichts mit Frömmigkeit zu tun hat, besteht seine Rolle darin, ruhig und inaktiv zu bleiben, während sich die „ex opere operato“-Wirkungen der Liturgie in einem kollektiven und unpersönlichen Bereich entfalten.

Dieses Thema, eines der dichtesten, reichhaltigsten und tiefgründigsten dieser Enzyklika, prangert die Verwandtschaft zwischen den Irrtümern des Liturgizismus und den pantheistischen und sozialistischen Tendenzen der wichtigsten philosophischen Strömungen unserer Zeit an. Dieses Thema wird deutlicher, wenn man die Enzyklika „Mediator Dei“ in Verbindung mit der Enzyklika „Mystici Corporis Christi“ betrachtet. Letztere verurteilt diejenigen, die an einer leiblichen Verbindung zwischen den Gläubigen und Jesus Christus festhalten, und prangert damit die Existenz eines Neopantheismus mit christlichen Anklängen an, der sich aus der Untersuchung der paulinischen Allegorie des mystischen Leibes ergibt.

27. Text der Enzyklika:

In den liturgischen Feiern und besonders im hochheiligen Opfer des Altares wird das Werk unserer Erlösung weitergeführt und seine Frucht uns zugewendet. Christus wirkt in den Sakramenten und in seinem Opfer tagtäglich unser Heil; durch sie entsühnt er jederzeit die Menschheit und weiht sie Gott. Sie besitzen also eine „objektive“ (in ihnen selbst liegende) Kraft, die unseren Seelen das göttliche Leben Jesu Christi tatsächlich mitteilt. Also nicht aus unserer, sondern aus Gottes Kraft wohnt ihnen jene Wirksamkeit inne, welche die gläubige Gesinnung der Glieder mit jener des Hauptes verbindet und sie gewissermaßen zur Haltung der ganzen Gemeinschaft macht.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst zeigt in diesem Thema, worin wahre objektive Frömmigkeit besteht und dass sie, wie die subjektive Frömmigkeit, auch das Ziel hat, die Gläubigen zu heiligen. In dieser Erklärung der objektiven Frömmigkeit ist kein Platz für transpsychologische Überlegungen. Tatsächlich erfordert diese Frömmigkeit die Mitwirkung des menschlichen Willens, d. h. der subjektiven Frömmigkeit, wie der Papst später sagen wird.

28. Text der Enzyklika:

Aus diesen scharfsinnigen Gedankengängen schließen manche, die ganze christliche Frömmigkeit müsse im Geheimnis des Mystischen Leibes Christi ihren Bestand haben ohne „persönliche“ oder „subjektive“ Beziehung; und sie sind sogar der Meinung, die übrigen religiösen Übungen, die nicht eng mit der heiligen Liturgie verbunden sind und sich außerhalb des öffentlichen Kultes vollziehen, seien hintanzusetzen.

So richtig nun die oben dargelegten Grundsätze sind, die Schlussfolgerungen bezüglich der beiden Arten von Frömmigkeit erkennt jedermann als irreführend, verfänglich und sehr verderblich.

Kommentar der Redaktion:

In diesem Zusammenhang verurteilt der Papst die Behauptung, man dürfe sich nicht um die eigene Heiligung kümmern, auch nicht in der Liturgie. Er verurteilt auch die damit verbundene Vorstellung, dass private Frömmigkeitspraktiken, die ausschließlich der „persönlichen und subjektiven Sorge“ dienen, von den Gläubigen nicht übernommen werden sollten.

Dies zeigt die wahrhaft pestilenzialische doktrinäre Wurzel der bekannten Verachtung der Liturgen für private Frömmigkeit, ein Irrtum, der in einer Mitteilung der Kirchenkammer von Rio de Janeiro und auch in der Enzyklika „Mistici Corporis Christi“ angeprangert wurde. Diese Irrtümer werden vom Papst als „falsch, heimtückisch und äußerst schädlich“ eingestuft.

29. Text der Enzyklika:

Gewiss ist daran festzuhalten, dass die Sakramente und das Messopfer eine durchaus innere Kraft in sich bergen, weil sie eben Handlungen Christi sind, welche die Gnade des göttlichen Hauptes den Gliedern des Mystischen Leibes zuleiten und zuteilen; damit sie aber die entsprechende Wirksamkeit haben, muss notwendig von unserer Seite die richtige seelische Verfassung dazukommen. Deshalb mahnt der Apostel Paulus bezüglich der Eucharistie : So prüfe sich denn der Mensch, und dann esse er von dem Brot und trinke aus dem Kelch[30]. Deshalb nennt die Kirche alle Übungen, durch die besonders während der Fastenzeit unser Inneres geläutert wird, „Wachtpostendienst des christlichen Kampflebens“[31], sind sie doch tatkräftige Bemühungen der Glieder, die auf Anregung und mit Hilfe der Gnade ihrem göttlichen Haupt anhangen wollen, damit, wie Augustinus sagt, „uns in unserem Haupte die Quelle der Gnade selbst erscheine“[32].

Kommentar der Redaktion:

Dieses Thema verdeutlicht die enge und notwendige Verbindung zwischen objektiver und subjektiver Frömmigkeit in der liturgischen Frömmigkeit selbst. Tatsächlich gehören die Wirkhandlungen „ex opere operato“ Jesus Christus selbst und können daher nur von dem Priester vollzogen werden, der ihn vertritt. Die Teilnahme der Gläubigen erfolgt durch das Zusammenwirken ihres freien Willens mit der Gnade. Dies ist ein entscheidender Aspekt für das Verhalten der Gläubigen während der Liturgie. Es ist absolut nicht notwendig, dass sie dieselben Formeln wie der Zelebrant sprechen, aber es ist absolut notwendig, dass sie die Wirkhandlungen Christi annehmen, was sie durch die Übereinstimmung von freiem Willen und Gnade tun. Ein Gläubiger, der sich darauf beschränkte, dieselben Formeln wie der Priester zu sprechen, und nicht darauf achtete, seine Seele für den Gnadenfluss, der aus der heiligenden Handlung „ex opere operato“ hervorgeht, bereitwillig zu empfangen, würde die Kirche verlassen, wie der Pharisäer den Tempel verließ: ohne etwas von seinem Akt der Frömmigkeit gewonnen zu haben.

30. Text der Enzyklika:

Aber wohlgemerkt, diese Glieder leben und sind mit eigenem Verstand und freiem Willen begabt; deshalb müssen sie unbedingt selber die Lippen an die Quelle legen, die lebenspendende Nahrung aufnehmen und in sich umwandeln sowie alles ausstoßen, was der Wirksamkeit dieser Nahrung hinderlich sein könnte. Es gilt also: das Erlösungswerk, das in sich etwas von unserem Willen Unabhängiges ist, verlangt unser inneres Mittun, damit wir das ewige Heil erlangen können.

Kommentar der Redaktion:

Die obige These wird bestätigt. Interessant ist der Standpunkt, auf den der Papst sie stützt: Nur wenn die Kirche nicht aus lebendigen Gliedern bestünde, die über eigene Vernunft und eigenen Willen verfügen – das heißt, nur wenn Pantheismus und Panpsychismus wahr wären –, könnte auf die Mitwirkung dieser Glieder im Lebenssystem des Mystischen Leibes verzichtet werden.      

31. Text der Enzyklika:

Wenn die private und persönliche Frömmigkeit der einzelnen das heilige Messopfer und die Sakramente vernachlässigt und sich der heilbringenden Kraft entzieht, die vom Haupt in die Glieder strömt, so wird sie zweifelsohne eine verwerfliche und unfruchtbare Sache sein. Wenn aber alle mit der Liturgie nicht eng verbundenen Weisungen und Übungen der Frömmigkeit sich gerade deshalb mit den menschlichen Handlungen befassen, um sie auf den himmlischen Vater hinzurichten, die Menschen heilsam zur Buße und heiligen Gottesfurcht anzueifern, sie von den Verlockungen der Welt und Sünde hinweg und auf steilem Pfade glücklich zum Gipfel der Heiligkeit zu führen, so sind sie wahrlich nicht nur höchsten Lobes würdig, sondern einfachhin notwendig, weil sie nämlich die Gefahren des geistlichen Lebens aufdecken, uns zur Tugendhaftigkeit erziehen und jenes lebendige Streben in uns stärken, wodurch wir uns und all das Unsrige dem Dienste Jesu Christi weihen sollen.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst zeigt, dass individuelle, außerliturgische Frömmigkeit für das Heil absolut unverzichtbar ist. Sie stellt eine harmonische und wesentliche Ergänzung der liturgischen Frömmigkeit dar. Daraus folgt, dass eine Bewegung, die ausschließlich zur Vertiefung des Liturgiewissens gegründet wurde und dabei die individuelle Frömmigkeit innerhalb und außerhalb der Liturgie vernachlässigte, grundlegend falsch wäre. Die liturgische Bewegung, die der Papst entwickeln möchte, umfasst die Förderung der privaten Frömmigkeit.

32. Text der Enzyklika:

Die christliche Religion verlangt nämlich, richtig gepflegt, dass vor allem der Wille Gott geweiht werde und mit seiner Kraft auf die übrigen Seelenfähigkeiten einwirke.

Kommentar der Redaktion:

Beachten Sie dieses Prinzip, das die gesamte Enzyklika dominiert.

33. Text der Enzyklika:

Nun aber setzt jeder Willensakt Verstandestätigkeit voraus; und bevor das Verlangen und der Vorsatz zustande kommen, sich dem ewigen Gott durch das Opfer zu weihen, ist die Erkenntnis der Tatsachen und Wahrheiten, welche die Gottesverehrung zur Pflicht machen, unbedingt erfordert; dazu gehören z. B. das letzte Ziel des Menschen und die Erhabenheit der göttlichen Majestät, die Pflicht der Unterwerfung unter den Schöpfer, sodann die unergründlichen Schätze der Liebe, mit denen Gott uns zu bereichern wünscht, die Notwendigkeit des übernatürlichen Lebens zur Erreichung des uns gesteckten Zieles und jener besondere, von der göttlichen Vorsehung uns gewiesene Weg, insofern wir ja alle als Glieder des Leibes mit Christus dem Haupte verbunden sind.

Kommentar der Redaktion:

Dieser Abschnitt verdeutlicht die Bedeutung einer Religionsunterweisung mit apologetischem Charakter. Es verurteilt implizit eine gewisse antiapologetische Tendenz, die heute offensichtlich ist.

34. Text der Enzyklika:

Weil aber die Beweggründe der Liebe nicht immer über unseren bisweilen von verkehrten Regungen verwirrten Geist Gewalt haben, ist es sehr angebracht, daß die Betrachtung der göttlichen Gerechtigkeit uns in heilsamer Weise erschüttere und uns zu christlicher Demut, Buße und Besserung des Lebens führe.

Kommentar Herausgebers:

„Mystici Corporis Christi“ verurteilt diejenigen, die sich der Predigt über die ewige Strafe widersetzen. Pius XII. bekräftigt in dieser Enzyklika dieselbe Verurteilung.

35. Text der Enzyklika:

Daraus ergibt sich ein harmonisches Gleichgewicht der Glieder im Mystischen Leibe Jesu Christi. Indem die Kirche uns im katholischen Glauben unterrichtet und zum Gehorsam gegen die christlichen Gebote ermahnt, bereitet sie den Weg zu ihrer eigentlich priesterlichen, unsere Heiligung bewirkenden Aufgabe; ebenso leitet sie uns zu einer eingehenderen Betrachtung des Lebens unseres göttlichen Erlösers an und führt uns zu einer tieferen Erkenntnis der Glaubensgeheimnisse. So spendet sie uns überirdische Nahrung, damit wir durch sie gestärkt und mit der Hilfe Christi sicheren Fortschritt in der Vollkommenheit machen können. Nicht allein durch ihre Diener, sondern auch durch die einzelnen Gläubigen, die so den Geist Jesu Christi in sich aufgenommen haben, bemüht sich die Kirche, das private, eheliche, soziale, ja selbst das wirtschaftliche und politische Leben und Handeln der Menschen zu durchdringen, damit alle, die Kinder Gottes heißen, das ihnen gesteckte Ziel leichter erreichen können.

Kommentar:

Die unzerstörbare gegenseitige Abhängigkeit zwischen privater Frömmigkeit und der Heiligen Liturgie kann nicht deutlicher bekräftigt werden.

36. Text der Enzyklika:

Derlei private Übungen der Gläubigen und der religiöse Eifer, der sie zur inneren Läuterung treibt, wecken daher in ihnen gerade jene Kräfte, die es ihnen ermöglichen, besser am hochheiligen Opfer des Altares teilzunehmen, die Sakramente fruchtbringender zu empfangen und die gottesdienstlichen Handlungen so mitzufeiern, daß sie noch entschlossener und befähigter werden zum Gebet und zur christlichen Entsagung, zur bereitwilligen Aufnahme der Anregungen der göttlichen Gnade und zur täglich vollkommeneren Nachahmung des Tugendlebens unseres Erlösers; und das nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern ebenso zu dem der ganzen Kirche: denn alles Gute, das in ihr gewirkt wird, ist ein Kraftstrom, der ausgeht von ihrem Haupte und sich heilsfördernd auf alle Glieder auswirkt.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst beschreibt diese gegenseitige Abhängigkeit zwischen privater Frömmigkeit und der Heiligen Liturgie als ein heilsames Auf und Ab: Private Frömmigkeit ermöglicht eine wirksamere Teilnahme an liturgischen Handlungen, und diese tragen dank dieser Voraussetzungen reichere Früchte für die Erbauung der individuellen Frömmigkeit.

37. Text der Enzyklika:

Im geistlichen Leben kann es also keinen Widerstreit geben zwischen dem göttlichen Wirken, das zur ununterbrochenen Fortführung unserer Erlösung den Seelen die Gnade zuleitet, und dem willigen Mitwirken der Menschen, die Gottes Geschenk nicht vergeblich empfangen dürfen[36]; keinen Widerspruch zwischen der Wirksamkeit des äußeren Zeichens der Sakramente, die ex opere operato, d. h. aus dem Sakrament selber kommt, und dem verdienstlichen Werk derer, welche die Sakramente spenden oder empfangen, was wir opus operantis, d.h. das Werk des Handelnden nennen; keinen Widerspruch zwischen öffentlichem und privatem Gebet, zwischen Sittenlehre und Mystik, zwischen Aszese und liturgischer Frömmigkeit; keinen Widerspruch schließlich zwischen der Rechts- und Lehrgewalt der kirchlichen Hierarchie und ihrer priesterlichen Gewalt im eigentlichen Sinne, die sich im heiligen Amt betätigt.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst zählt die falschen und verabscheuungswürdigen Gegensätze auf, die durch die Liturgie geschaffen werden:

a) zwischen privater Frömmigkeit und Liturgie;

b) zwischen Gnade und freiem Willen;

c) zwischen Ritus und inneren Dispositionen;

d) zwischen Handeln „ex opere operato“ und Handeln „ex opere operantis“;

e) zwischen Moral und Kontemplation;

f) zwischen Askese und Liturgie;

g) zwischen Jurisdiktionsgewalt und Lehramt und der Weihegewalt.

38. Text der Enzyklika:

Aus schwerwiegenden Gründen besteht die Kirche darauf, daß die amtlichen Diener des Altares und die Ordensleute zur festgesetzten Zeit der Betrachtung, der eifrigen Gewissenserforschung und Gewissensreinigung, sowie den übrigen geistlichen Übungen obliegen[37], gerade weil sie in besonderer Weise zu den liturgischen Funktionen des heiligen Opfers und des Lobes Gottes bestimmt sind.

Kommentar der Redaktion:

Der Papst betont, dass die private Frömmigkeit des Zelebranten bei der Feier liturgischer Handlungen eine bedeutende Rolle spielt. Diese Lehre gilt auch für die Gläubigen.

39. Text der Enzyklika:

Zweifellos hat das liturgische Gebet als öffentliches Gebet der erhabenen Braut Jesu Christi eine höhere Würde als das private. Allein diese höhere Würde besagt keinen Gegensatz oder Widerspruch zwischen diesen beiden Gebetsarten. Da sie von ein- und demselben Geiste beseelt sind, fließen sie zu harmonischer Einheit zusammen nach dem Worte alles und in allem Christus[38]und streben demselben Ziele zu, bis Christus in uns Gestalt gewinnt[39].

Kommentar der Redaktion:

Die vielfach behauptete und wahrhaft herausragende Bedeutung der Liturgie rechtfertigt keine Verachtung der privaten Frömmigkeit.

 

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Dieser war der letzte Artikel von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira in der letzten Ausgabe des „Legionário“. An diesem Tag wurde er Fristlos all seiner publizistischen Tätigkeiten entlassen auf Grund seiner anti-progressiven Einstellungen. Selbst seine Anwaltskanzlei in der er einige Angelegenheiten der Kurie verwaltete, musste er schließen, da ihm alle Mandanten seinen Dienst kündigten. Es folgte eine Zeit der völligen Zurückgezogenheit bis 1951, als P. Antonio de Castro Meyer und P. Geraldo Sigaud SVD von Pius XII. zu Bischöfen ernannt wurden. Mit der Gründung der Monatszeitschrift „Catolicismo“ als offiziöses Blatt der Diözese Campos, zu der Bischof Antonio de Castro Meyer ernannt wurde. So fing Plinio Corrêa de Oliveira sein neues Apostolat in Kirche und Gesellschaft von Neuem an.

Dienstag, 28. Oktober 2025

Panoramablick auf die Weltgeschichte

Plinio Corrêa de Oliveira

 Einführung

Am 17. Januar 1967 hielt Prof. Plinio Corrêa de Oliveira einen wichtigen Vortrag, der eine Ära innerhalb der TFP prägte.

Mitglieder und Freiwillige der Organisation hatten in diesem Jahr die entsprechende Lizenz zum Religionsunterricht an mehreren Schulen in São Paulo erhalten. Sie baten den angesehenen katholischen Leiter und Denker um Rat in dieser Angelegenheit.

In seinem Vortrag hielt es der Gründer der TFP für wünschenswert, einen allgemeinen, wenn auch sehr prägnanten Überblick über die Geschichte vom Beginn der göttlichen Schöpfung an zu geben, damit zukünftige Lehrer daraus das für sie Geeignetste für die Entwicklung ihrer Lehrpläne entnehmen könnten.

Von dieser prägnanten Präsentation profitierten nicht nur die oben genannten Religionslehrer; denn 32 Jahre später sind wir alle uns der Konzepte bewusst geworden oder haben sie wieder in Erinnerung gerufen – eindringlich, klar und didaktisch zugleich –, die das umfassende und komplexe Thema des angesehenen Redners ausmachen.

Der folgende Text stammt von einer damals aufgenommenen Tonbandaufnahme. Deshalb haben wir uns auf geringfügige Anpassungen des Stils beschränkt und nur das weggelassen, was wir für den Leser als weniger interessant erachteten.

Seit dem Tod von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira im Oktober 1995 widmet Catolicismo die Titelgeschichte dieses Monats dem Leben und Werk des Mannes, der im Leben die volle Verwirklichung des Satzes war, der ihm als Grabinschrift dient: „Ein katholischer und apostolischer Mann, vollkommen Römisch.“

Wir hoffen, dass die Auswahl des Materials für diese Ausgabe unseren lieben Lesern ebenso spirituell und kulturell bereichern wird wie die Themen der Oktoberausgaben der vergangenen Jahre.

Die Herausgeber von Catolicismo

 


Gott hatte sich selbst als das ultimative Ziel der Schöpfung im Sinn. Bei seiner Schöpfung strebte er nach seiner eigenen Herrlichkeit. In Gott können wir innere von äußerer Herrlichkeit unterscheiden. Tatsächlich lassen sich diese beiden Arten von Herrlichkeit auch in der Menschheit unterscheiden. Was ist innere Herrlichkeit? Sie ist der Glanz, die äußere, innere Manifestation der herrlichen Eigenschaften eines Wesens.

Zum Beispiel besaß unser Herr Jesus Christus am Kreuz, der, wie die Schrift sagt, in einen Aussätzigen verwandelt wurde, innere Herrlichkeit, denn er besaß unendlich viele Verdienste, Tugenden und Fähigkeiten. Darüber hinaus sickerte etwas davon nach außen, trotz aller Missbildungen, die die Geißelung und das Leiden ihm zugefügt hatten.

Äußere Herrlichkeit wiederum ist die Herrlichkeit, die andere zusprechen, die andere anerkennen, die andere verleihen. So besaß beispielsweise unser Herr bei seinem Einzug in Jerusalem, der von den Juden gefeiert wurde, sowohl äußere als auch innere Herrlichkeit, während am Kreuz nur innere Herrlichkeit vorhanden war.

Die Juden jener Zeit gewährten ihm keine äußere Herrlichkeit. Er erlangte diese Herrlichkeit durch das Lob der Muttergottes. Und das Lob der Muttergottes ist unermesslich mehr wert als, im negativen Sinne, die Gotteslästerungen aller Menschen und Dämonen zusammen. Doch sagen wir, dass unser Herr in seiner Passion, mit Ausnahme der Muttergottes und der heiligen Frauen, keine äußere Herrlichkeit besaß.

So empfing er auf der Säule der Geißelung keine äußere Herrlichkeit. Niemand, der der Geißelung zusah, verherrlichte ihn. Das ist der Unterschied zwischen äußerer und innerer Herrlichkeit.

Zweck der Schöpfung: Gottes äußere Herrlichkeit, erwidert durch die Geschöpfe

Unser Herr Jesus Christus besitzt unendliche innere Herrlichkeit; Gott besitzt sie unendlich, ewig und absolut, und kein Geschöpf kann sie mehren. Er muss nichts erschaffen, um sie mehren zu können.

Die Geschöpfe können äußere Herrlichkeit verleihen, die Herrlichkeit, die ihm von außen zukommt, indem sie ihn preisen, seine Eigenschaften anerkennen, ihm huldigen, ihn lieben und ihm dienen. Aus diesem Grund schuf er sie im Hinblick auf seine äußere Herrlichkeit.

Woher kommt Gottes äußere Herrlichkeit? Sie entspringt der Vortrefflichkeit seiner Geschöpfe, das heißt der Ähnlichkeit der Geschöpfe mit ihm, denn alles Vortreffliche ist ihm ähnlich. Daher macht die Ähnlichkeit der Geschöpfe mit ihm seine äußere Herrlichkeit aus.

Der Mensch verleiht Gott nicht wie eine Puppe äußere Herrlichkeit. Als Lebewesen, ausgestattet mit Intelligenz, muss er danach streben, Gott ähnlich zu sein. Alles in ihm, was Gott ähnelt, muss er vervollkommnen. Alles, was ihn von Gott wegführen könnte, muss er ablehnen. Er muss Gott anbeten, preisen und ihm dienen.

Die Unmöglichkeit, dass ein einzelnes Geschöpf die gesamte äußere Herrlichkeit, die Gott gebührt, angemessen widerspiegelt.

Könnte Gott ein einzelnes Geschöpf erschaffen, um ihm Ehre zu erweisen? Oder müsste er bei seiner Schöpfung viele Geschöpfe erschaffen?

Absolut gesehen muss Gott kein Geschöpf erschaffen, da er die äußere Herrlichkeit, die wir ihm zusprechen, nicht braucht. Sie ist zwar angemessen, aber nicht notwendig. Absolut gesehen musste Gott also nichts erschaffen. Doch wenn er erschaffen würde, könnte er ein einziges Wesen erschaffen? Mit anderen Worten: Könnte es ein einziges Geschöpf geben, das Gott ausreichend äußere Herrlichkeit verleihen könnte?

Diese Frage wird unter Theologen heiß diskutiert. Wir neigen zu der Annahme, dass kein einzelnes Geschöpf, nicht einmal die Muttergottes in ihrer unbeschreiblichen Vollkommenheit, Gott ausreichend Ehre erweisen könnte; und dass Gott, wenn er erschaffen würde, viele Wesen erschaffen müsste, weil kein Geschöpf all seine Vollkommenheiten widerspiegeln kann.

Und um Gott ausreichend äußere Herrlichkeit zu verleihen, muss die Schöpfung all seine Vollkommenheiten widerspiegeln. Daher sind viele Geschöpfe notwendig. Die Schöpfung würde daher notwendigerweise viele Geschöpfe beinhalten. Die Prämisse hinter dieser Aussage lautet: Damit die Schöpfung Gott ausreichend Ehre erweisen kann, muss sie ein vollständiges Abbild von ihm sein. Nicht, dass es jede seiner Eigenschaften vollkommen genau widerspiegelt, aber es muss, innerhalb der Grenzen jedes Geschöpfes, seine Eigenschaften widerspiegeln.

Die Schöpfung: eine wunderbare Ansammlung von Wesen,
von denen jedes Gott unverkennbar widerspiegelt.

Seine Eigenschaften sind so beschaffen, dass kein Geschöpf sie alle in einer Form vereinen kann, die sie ausreichend widerspiegelt. Daher muss es viele Geschöpfe geben.

Daraus folgt, dass die gesamte Schöpfung eine Art Ansammlung ist und dass Gott die Wesen so geschaffen hat, dass jedes Wesen eine seiner Eigenschaften unverkennbar widerspiegelt. So kann eine göttliche Eigenschaft von 10 Millionen Wesen widergespiegelt werden, das spielt keine Rolle. Jedes Wesen spiegelt unverkennbar einen Aspekt dieser Eigenschaft wider.

Dies gilt insbesondere für die Engel. Die Engel wurden so beschaffen, dass sie in ihrer Gesamtheit, zusammen mit den unzähligen Myriaden von Engeln, ein vollständiges Bild Gottes widerspiegelt. Und sie ist eine spiegelgleiche Ansammlung, in der sich kein Engel mit dem anderen wiederholt, weil Gott nicht stottert.

Ein Mensch mit einer Sprachbehinderung kann etwas wiederholt sagen. Er spricht zwei Silben aus, von denen eine überflüssig ist. Doch Gott wird in den Spiegel seiner Herrlichkeit kein Wesen setzen, das stottert, das wiederholt, was ein anderer bereits gesagt hat, was ein anderer bereits ist.

So bilden alle Engel eine erstaunliche Ansammlung, eine sagenhafte Ansammlung, in der sich alle Eigenschaften Gottes gebührend widerspiegeln.

Throne, Herrschaften, Cherubim, Seraphim, Mächte, Tugenden, Erzengel, Engel – sie alle bilden in ihrer Gesamtheit ein Bild Gottes. Betrachtet man jedoch die verschiedenen Engelsordnungen im Inneren, so ist jede von ihnen eine Art Ansammlung innerhalb einer Ansammlung und die Darstellung einer Eigenschaft innerhalb einer Eigenschaft.

Der große Kampf im Himmel: Die Vertreibung der bösen Engel

Gott verlangte von den Engeln unmittelbar nach ihrer Erschaffung, ihm Ehre zu erweisen. Er schuf die Engel als freie Wesen, doch ein Teil der Engel verweigerte, von Luzifer angestiftet, Gott die gebührende Huldigung. Wir werden später sehen, worin diese Huldigung besteht.

Die Folge war ein Aufstand: Proelium magnum factum est in caelo. Im Himmel entbrannte eine große Schlacht. Der heilige Michael brachte die Dinge in Ordnung, indem er Satan und die anderen rebellischen Engel in die Hölle warf und sofort die Ordnung wiederherstellte.

Angesichts dessen wurden die Throne der rebellischen Engel im Himmel leer. Wie konnte diese Leere gefüllt werden?

Die unveränderlichen Pläne der Schöpfung

Die Schöpfung der Engel spiegelte Gott vollkommen wider. Daher wurde die Menschheit nicht geschaffen, um diese Leere zu füllen, denn es ist möglich, dass Gott die Menschheit unabhängig von der Erschaffung der Engel schuf. Denn es wäre wunderbar, wenn Gott ein Schema mit allen Möglichkeiten der Schöpfung nutzen und verwirklichen wollte, indem er reinen Geist, Tiere mit Geist, Tiere ohne Geist, Pflanzen und unbelebte Materie schuf, was ein Schema der Möglichkeiten der Schöpfung darstellt. Und es ist möglich, dass er dies auch getan hätte, wenn die Engel nicht gefallen wären. Doch als die Engel fielen, stellte sich das Problem: Wie konnte man dem abhelfen? Und die Lösung: die Erschaffung des Menschen.

Nehmen wir zum Beispiel die physische Natur, weil es einfacher ist. Gott, ein unendlicher Abgrund aller Vollkommenheiten, ist einerseits höchst majestätisch, andererseits aber auch höchst anmutig. Wir finden Tiere, die Gottes Majestät widerspiegeln. Zum Beispiel den Löwen. Es gibt Tiere, die etwas unaussprechlich Anmutiges widerspiegeln, das in Gott existiert. Zum Beispiel den Kolibri. Der Donner wiederum spiegelt Gott als strafend wider. Das Lamm spiegelt Gott als vergebend, sanftmütig und friedfertig wider. Mit anderen Worten: Gott hat eine unbeschreibliche Anzahl von Eigenschaften, d. h. Qualitäten. Jedes Geschöpf spiegelt eine Qualität wider. Die Summe dieser Eigenschaften spiegelt die Summe der göttlichen Eigenschaften wider.

Möglichkeit, die Liste der unendlichen Eigenschaften Gottes zu erstellen

Es ist möglich, eine Liste der göttlichen Eigenschaften zu erstellen, und der heilige Thomas von Aquin präsentiert sie. Sie können wie in einem Katalog, wie in einer Klassifizierung aufgezählt werden. Das spricht nicht gegen Gottes Unendlichkeit.

Was spräche gegen seine Unendlichkeit? Dass er diese Eigenschaften nur in begrenzter Form besitzt, nämlich ein wenig von jeder Eigenschaft oder Vollkommenheit.

Worin besteht also Gottes Unendlichkeit? Sie besteht darin, dass jede dieser Vollkommenheiten unendlich ist.

Engel und Menschen: Zwei große Orchester
die Ewig die göttliche Herrlichkeit musizieren

Gott wollte sozusagen zwei große, unterschiedliche Orchester erschaffen – die Engelwelt und die Menschheit –, die jeweils auf ihre eigene Weise seine Herrlichkeiten besingen. Dann die menschliche Schöpfung, die Gott ein weiteres vollständiges Spiegelbild von ihm bietet; dann die tierische, pflanzliche und mineralische Schöpfung, die alle vollständige Spiegelbilder des Schöpfers darstellen. Er hatte diesen Plan, doch mit dem Fall der Engel entsprach es seiner Weisheit, einen zweiten Plan zu ersinnen, durch den Menschen die Throne der rebellischen Engel einnehmen und die im Himmel fehlenden Harmonien vervollständigen sollten.

Stellen Sie sich jemanden vor, der nach dem Verlust einiger Musiker in einem Orchester ein anderes Orchester zusammenruft, um ein neues Ensemble zu bilden, weil das Ensemble besser ist als jeder einzelne Teil. Daher besteht für den Menschen die Berufung, die Plätze der Engel im Himmel einzunehmen und mit ihnen ein einziges Bild Gottes zu bilden, ein einziges Loblied auf Gott zu singen.

Stolz: Mögliche Ursache für den Aufstand der Engel

Warum fielen die Engel? Manche sagen, Gott habe diesen reinen Geistern die Möglichkeit geboten, in die übernatürliche Ordnung aufzusteigen; das heißt, sie würden über ihre Natur hinaus eine Gabe erhalten, durch die sie über ihre eigene Natur, das heißt in die Ordnung der Gnade, erhoben würden. Und neben der Erkenntnis Gottes durch das natürliche Wissen, das sie bereits besaßen, würden sie die Gabe erhalten, Gott in der seligen Schau von Angesicht zu Angesicht zu sehen, was eigentlich eine Wirkung der Gnade ist. Es ist ein bisschen so, als ob Gott den Menschen erschiene und sagte: „Wollt ihr Engel sein? Ich werde euch eine Gabe geben, die nicht eurer Natur entspricht und durch die ihr alles sehen werdet, was ein Engel sieht. Mit anderen Worten: Ihr werdet den Engeln ähnlich werden.“

Gott erschien den Engeln und sagte: „Ihr werdet durch Gnade am Leben der Heiligen Dreifaltigkeit teilhaben. Ihr werdet die Heilige Dreifaltigkeit von Angesicht zu Angesicht sehen können, durch eine freie Gabe, die eurer Natur überlegen ist. Nehmt ihr diese an?“

Die rebellischen Engel hätten dann wie folgt argumentiert: „Ich habe eine solche Größe in meinem Wesen, ich bin so erstaunlich, so großartig, dass es mich demütig macht, eine Gabe zu erhalten, die mich über meine eigene Natur erhebt. Ich möchte ich selbst sein. Warum diese Art von Schmuck, wenn er von außen kommt, in dem ich nicht mehr ich selbst bin? Das will ich nicht. Ich bevorzuge mich selbst allein, ohne übernatürliche Hilfe und ohne übernatürliche Reichtümer, denn alles andere würde bedeuten, die Vortrefflichkeit meiner Natur mit Füßen zu treten.“

Stolz kann zur Ablehnung übernatürlichen Lebens führen

Wenn man die Prüfung der Engel auf die menschliche Psychologie anwendet, kann der Mensch den göttlichen Vorschlag annehmen und sagen: „Ich will ihn!“; oder er kann verärgert reagieren und antworten: „Ich bleibe lieber ich selbst.“

Manche Mentalitäten tappen in diese Falle. So verhielt sich der Teufel gegenüber Gott. Er sagte zu Gott: „Ich will keine übernatürliche Ordnung.“ Er empfand Groll, schuldbewussten Groll, rebellierte und lehnte ab.

Das Wissen um die Menschwerdung des Wortes und die
Herrschaft Unserer Lieben Frau: eine weitere mögliche Ursache für die Revolte der Engel.

Andere Theologen glauben, dass die Prüfung der Engel in der Offenbarung des Mysteriums der Menschwerdung des Wortes bestand: Die zweite Person der Heiligen Dreifaltigkeit wäre hypostatisch vereint, nicht mit ihnen, sondern mit einem Menschen, und es gäbe keine hypostatische Vereinigung mit einem Engel, und sie müssten diesen Gottmenschen anbeten. Ein weiterer sehr demütigender Umstand für den Stolz der rebellischen Engel! Stellen wir uns zum Beispiel Luzifer vor – er scheint der großartigste aller Engel gewesen zu sein –, der hört:
„Gott wird eine hypostatische Union gründen.“
„Ich bin es doch, nicht wahr?“
„Nein!“
„Wie? Welchen Engel hat er erwählt?“
„Kein Engel. Es werden Menschen geschaffen, und die hypostatische Union wird mit einem Menschen geschlossen. Und diesen Menschen-Gott werdet ihr anbeten müssen.

Wir können uns die empörte, schmutzige, aber authentische Beklemmung vorstellen, die wie Satans Fehler erklärbar ist, angesichts der Tatsache: „Also, all meine Glanz, all mein Talent, all meine Weisheit, all mein Charme, all meine Überlegenheit über alle Engelgeister, ist das nichts? In der Stunde der größten Vorliebe, der größten Ehre, der erhabensten Bevorzugung fällt die Wahl auf einen Menschen!“

Und dann: Heilige Maria! Seine Mutter – nicht nur Er, der ja schließlich ein Gottmensch ist –, sondern Seine Mutter, die ein reines Geschöpf ist, erfährt eine solche Ehre, dass sie euer aller Königin sein wird. Und ein Zucken ihrer Augenbrauen, Wimpern wird euch alle bewegen. Und es ist nicht einmal ein Mann, es ist eine Frau. Satan muss gedacht haben: „Oh nein! Es so weit zu bringen…“

Erschaffung des Universums und Aufstellung eines Plans
für die Menschheit im irdischen Paradies

Dann kam die Erschaffung unseres Universums. Gott schuf zuerst das materielle Universum, wie es in der Genesis berichtet wird. Und in dieses Universum schuf er den Menschen. Es entstand ein Ganzes, und danach ruhte Gott der Genesis zufolge am siebten Tag und betrachtete sein Werk.

Diese Ruhe ist genau die Freude, das Werk zu betrachten, das ihm Ehre erweist, und zu sehen, dass alles gut und das Ganze großartig war. Das Universum als Ganzes war großartig. Dann schuf Gott die Menschen. Welche Rolle spielte die Menschen bei der Verwirklichung von Gottes Herrlichkeit?

Gott setzte die Menschen an den großartigsten Ort im gesamten Universum, in das irdische Paradies, das noch immer existiert, obwohl niemand weiß, wo es ist und niemand es betreten kann.

Seine Absicht war, dass die Menschen, die in diesem Paradies leben sollten, bereits das Leben der Gnade hatten; dass sie auf dieser Erde lebten, noch ohne die beseligende Schau, obwohl Gott oft zu ihnen sprach und sich ihnen oft offenbarte. Und wenn das Ende des menschlichen Lebens käme, würden sie nicht sterben, sondern lebend in den Himmel aufgenommen werden.

Im irdischen Paradies sollten die Menschen durch ihre Begabung Kultur, Zivilisation, künstlerische und literarische Stile usw. schaffen. Alles, was die Menschen hier verwirklichen, sollte sie auch dort durchführen. Aber sie würden es auf viel großartigere Weise erreichen als in der gegenwärtigen Situation.

Die menschliche Zivilisation im Paradies und die an Gott erwiesene Ehre

All dies wurde noch dadurch verstärkt, dass der Mensch durch die übernatürlichen Gaben, die er besaß, mit hohem Wissen ausgestattet war. Alle Tiere paradierten vor Adam, und er gab jedem von ihnen einen passenden Namen, entsprechend seiner Natur. Er war also ein großartiger Zoologe und ein außergewöhnlicher Sprachwissenschaftler. Schnell fand er das richtige Wort, um jedes Tier bei seinem Namen, seiner natürlichen Besonderheit zu nennen. Und Adam tat dies nicht nur in Bezug auf Tiere, sondern auf alle geschaffenen Wesen.

Stellen wir uns nun zwei, fünf, zehn Milliarden Menschen vor, die jahrhundertelang im Paradies lebten und all dies anhäuften. Wir können uns nicht vorstellen, wie die menschliche Zivilisation im Paradies ausgesehen haben könnte und welche Ehre sie Gott gegeben hätte.

Dieses Werk, Gott zu dienen und in der Tugend voranzuschreiten, sollten die Menschen gemeinsam vollbringen, indem sie sich gegenseitig beeinflussten und miteinander kooperierten.

Im Paradies würden alle guten Menschen besser werden, indem sie einander beobachteten. Und wenn sie die gesamte Menschheit sahen – die gut war, besser als jeder Einzelne – würden sie geheiligt werden. Und alle Kultur, jede Zivilisation im Paradies würde ein Instrument zur Heiligung der Menschheit sein.

Dieser Plan scheiterte wegen der Erbsünde.

Nach dem Sündenfall wurde der Mensch aus dem Paradies vertrieben und verlor seine übernatürlichen und preternatürlichen Gaben. Er wurde der Sünde und den ungezügelten Begierden unterworfen: seine Intelligenz wurde getrübt, sein Wille geschwächt und sein Körper wurde wie ein aussätziger Körper.

Höchste Barmherzigkeit: Nach der Sünde
Gottes Treue zu seinem Plan für die Menschheit

So begann das Leben auf dieser Erde des Exils, doch der Plan blieb derselbe. Außerhalb des Paradieses blieb der göttliche Plan derselbe, weil die menschliche Natur im Grunde dieselbe blieb. Dieser Plan besteht im Wesentlichen aus den drei bereits genannten Punkten:

1) Die Menschen müssen sich gemeinsam heiligen und eine Gesellschaft bilden;
2) Diese Gesellschaft muss als Mittel der Heiligung einen Staat, eine Kultur, eine Zivilisation aufbauen;
3) Die Menschen müssen Kunstwerke und Kultur aller Art hervorbringen, nicht nur zu ihrem eigenen Nutzen, sondern um die von Gott geschaffene Natur zu vervollkommnen.

Göttliche Pläne für die Menschheit – Die Theorie des „Rests“

Die Geschichte der Menschheit beginnt und lässt sich in ihren verschiedenen Wechselfällen wie folgt zusammenfassen: Gott veranlasst die Menschen immer wieder, eine bestimmte Ordnung wie diese zu errichten, und die Menschen fliehen immer wieder vor dem Aufbau dieser Ordnung. Gott geht dann von Plan A zu Plan B, zu Plan C, zu Plan D usw. über. Und jedes Mal, wenn er zu einem anderen Plan übergeht, vollbringt er ein größeres Wunder.

In der patriarchalischen Ära gewährt Gott den Menschen Gnaden. Die Nachkommen Adams kannten die wahre Religion, die natürliche Religion, mit etwas von der Offenbarung. Obwohl die Menschen all dies wussten und die Möglichkeit hatten, eine gute patriarchalische Ordnung zu schaffen, sündigten sie und schufen eine Art fehlerhafte Kultur und Zivilisation.

Diese Zivilisation zieht die göttliche Strafe nach sich, die sie durch die Sintflut zerstört. Dadurch wurden nicht nur die bösen Menschen beseitigt, sondern auch eine Ordnung der Dinge zerstört, sodass nichts davon übrig blieb. So gab es einen ersten Plan Gottes: die Errichtung einer Ordnung der Dinge; die Ablehnung der Menschen; die Zerstörung dieser Ordnung.

Doch Gott sondert den „Rest“ ab. Es ist das „residuum revertetur“ (der Rest wird zurückkehren). Es bleiben Noah und seine Familie übrig. Und um zugunsten Noahs den Plan weiter zu erfüllen, wirkt Gott Wunder. Dann kommen größere Wunder als die, die Er zerstört hat.

Wunder: Noahs Prophezeiung, der Bau der Arche, die Sintflut. Danach kamen die Taube, der Regenbogen und die Erde wird wieder bevölkert. Diese Episode verleiht der Menschheitsgeschichte eine größere Schönheit, als wenn diese Ereignisse nicht stattgefunden hätten.

Dann beginnt der Prozess von neuem. Die Menschen sündigen erneut. Sie bilden eine falsche Ordnung, deren schärfster Ausdruck der Turmbau zu Babel war. Sie sündigen innerlich und errichten eine sündige Ordnung. Diese sündige Ordnung führt sie zu weiteren Sünden. Mit dem Turmbau zu Babel folgt die göttliche Strafe: die Zerstreuung der Völker.

Turmbau zu Babel: fast wie eine zweite Erbsünde

Mit einer solchen Strafe wird etwas (in der Kategorie der Schöpfung) herabgestuft. Man könnte fast sagen, dass die Sünde des Turmbaus zu Babel eine zweite Erbsünde darstellte. Denn es gab einen Verfall der Menschheit, der durch die Sprachverwirrung bestraft wurde. Und diese Sprachverwirrung setzt eine geistige Erweichung voraus. Denn das Wort ist der normale und letzte Begriff des Denkens. Und wenn die Sprachordnung nachgelassen hat, dann liegt das daran, dass die Gedankenordnung geschwächt wurde.

Und dann – schlimmer noch – bildeten die verstreuten Völker das Heidentum. Anstatt sich zu korrigieren, führten diese Völker zu den heidnischen Nationen, die wir heute kennen.

Also ruft Gott ein Volk für sich hervor, um dadurch eine gerechte Ordnung aufzubauen. Er erweckt das hebräische Volk und vollbringt sogleich ein größeres Wunder als das vorherige: in dieses Volk wird der Messias hineingeboren.

Auch Unsere Liebe Frau wird in dieses Volk hineingeboren. Die Geschichte des Alten Testaments ist die eines Volkes auf Erden, welches zumindest das göttliche Gesetz kannte, den wahren Gott anbetete und eine wohlgefestigte Ordnung der Dinge anerkannte. Doch dieses Volk verletzt diese Ordnung immer wieder. Es rebelliert gegen Gott, was zu einem kontinuierlichen Niedergang des auserwählten Volkes bis zur Geburt des Messias führt.

Also wieder einmal ein Plan, der nicht aufgeht. Und Gott übt seine Gerechtigkeit aus. Er zerstreut das hebräische Volk, bestraft es, nutzt aber die treuen Überreste des hebräischen Volkes, um die wahre Kirche zu gründen. Und dann entsteht das Meisterwerk der Schöpfung – mit Ausnahme der menschlichen Natur unseres Herrn Jesus Christus und unserer Lieben Frau – die heilige katholische, apostolische, römische Kirche.

Ausbreitung der heiligen Kirche und Entstehung der christlichen Zivilisation
– Ausbruch der Sünde der Revolution*

Mehr noch, durch eine Art göttlicher Vergeltung erreicht die Kirche alle Völker mit ihrem wohltuenden Einfluss und behebt alle bis dahin bestehenden Übel.

Ein neuer göttlicher Sieg. Dies stellt eine großartige Schönheit dar. Die katholische Kirche wiederum blüht auf, breitet sich über die Erde aus, und die mittelalterliche christliche Zivilisation wird geboren. Der Aufbau der vollkommenen Ordnung beginnt. Doch mit dem Niedergang des Mittelalters entsteht die Revolution.

Als die Revolution ausbricht, vervollkommnet Gott die heilige Kirche durch die Gegenrevolution. Die Gegenreformation hatte die Gnade, schöner zu sein als die mittelalterliche christliche Zivilisation. Die Ultramontane Bewegung (**) des 19. Jahrhunderts war in mancher Hinsicht schöner als die Gegenreformation. Und die Gegenrevolution unserer Zeit ist großartiger als die Ultramontane Bewegung des letzten Jahrhunderts.

Das Reich Marien: Einsatz der maximalen göttlichen Kraft

Mit anderen Worten: Gott verfeinert sein Werk und das derer, die ihm treu bleiben. Und es ist notwendig, dass Gottes Plan mindestens einmal vollständig verwirklicht wird und nicht wie Rauch verpufft.

Wenn ich zum Beispiel ein Bild male, das nur drei Minuten dauert, ist es, als hätte ich nie ein Bild gemalt. Irgendwann muss etwas Bleibendes existieren. Und es existiert, weil Gottes maximale Kraft eingesetzt wird. Diese maximale Kraft ist Unsere Liebe Frau. Gerade die Herrlichkeit Unserer Lieben Frau wird darin bestehen, dem, was bisher nur aus Vorläufern bestand, Dauerhaftigkeit und Beständigkeit zu verleihen.

Dann wird das Reich Mariens erstehen, das Unsere Liebe Frau in Fatima vorausgesagt hat: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren!“

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(*) Laut dem meisterhaften Werk „Revolution und Gegenrevolution“ von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira ist „Revolution“ der jahrhundertealte Prozess, der die christliche Zivilisation seit dem Niedergang des Mittelalters, der Zeit, in der das katholische Gesellschaftsideal seiner Verwirklichung am nächsten kam, zerstört. „Gegenrevolution“ hingegen ist die organisierte Reaktion, die sich der Revolution widersetzt und die christliche Zivilisation wiederherstellen will.

 

(**) Die ultramontane Bewegung des 19. Jahrhunderts, auf die sich der Autor hier bezieht, verteidigte entschieden die Positionen des Papsttums gegen die liberale Bewegung, die nicht nur Neuerungen in Fragen der Religionsfreiheit anstrebte, sondern auch gegen die traditionellen Richtlinien der katholischen Kirche rebellierte. Der Begriff „Ultramontan“ hat eine noch umfassendere Bedeutung. Zur Erläuterung präsentieren wir im Folgenden die wichtigsten Auszüge aus dem Eintrag „Ultramontanismus“ aus der Enciclopedia Cattolica, Band XII, Spalte 1. 724, Vatikanstadt, 1954:

„Ein Wort mit allgemeiner und ungenauer Bedeutung, das jenseits der Alpen (Frankreich, Deutschland, England, Niederlande) geschaffen und verwendet wurde, um mehr als eine wahre Denkschule die Einhaltung der Richtlinien und der Position der römischen Kirche in ihren theologischen und juristischen Beziehungen oder sogar in ihren politischen Interessen zu bezeichnen.

„Daher wurden in den genannten Ländern die Schriftsteller, Politiker und katholischen Kirchenvertreter, die dieser Verhaltenslinie folgten, Ultramontane genannt, und natürlich alle Italiener, die den Lehren des Heiligen Stuhls treu waren.

„Der Begriff Ultramontaner wurde allmählich für die Laien oder Ordensleute verwendet, die in Deutschland während des Kampfes um die Investitur [11. Jahrhundert] die Partei von Papst Gregor VII. unterstützten. Im 18. Jahrhundert wurden sie in Frankreich von den Jansenisten und Regalisten sowie von den Juristen und Theologen, die sich ihren Lehren widersetzten, mit demselben Namen bezeichnet … Das Wort wurde im gesamten 19. Jahrhundert weiterhin von allen Liberalen und Nichtkatholiken verwendet, die neuen und fortschrittlichen Theorien im religiösen Bereich folgten. Sie pflegten in ihren Kontakten mit dem Katholizismus ein ärgerliches praktisches Verhältnis.“

 

 

 

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe des Google-Übersetzers.

Die deutsche Version erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com

Nachdruck ist unter der Erwähnung dieses Blogs gestattet

 


Montag, 20. Oktober 2025

Wohin wollen homosexuelle Aktivisten die Kirche führen?

October 6, 2025

Pro-homosexuelle Aktivisten in der katholischen Kirche forderten früher pastorale Offenheit, um Sympathie für ihre Sache zu gewinnen. Sie wussten, dass sie sich auf Rufe nach „Inklusion“ und „Willkommen“ beschränken mus-sten, solange die kirchliche Doktrin homosexuelle Handlungen als inhärent ungeordnet und schwere Sünde definierte.

Doch nun fordern Aktivisten offen einen Lehrwandel. Inklusion allein reicht nicht. Katholiken müssen homosexuelle Beziehungen als gut und normal akzeptieren und wertschätzen.

Angriff auf Papst Leo XIV.

Solche Forderungen tauchten auf, als Papst Leo XIV. kürzlich erklärte, ein Lehrwandel sei „höchst unwahrscheinlich, schon gar nicht in naher Zukunft“. Daraufhin zeigte der „queere Theologe“ Ish Ruiz mit seinem Artikel „‚Nicht in naher Zukunft‘ ist nicht gut genug für LGBTQ+-Katholiken“ das wahre Gesicht der Wut der Bewegung.

Der Artikel erschien im fälschlicherweise National Catholic Reporter benannten Medium, das regelmäßig unorthodoxe Kommentare führender Persönlichkeiten der katholischen Linken veröffentlicht. Der Artikel lässt keinen Zweifel daran, wohin die Bewegung will. Aktivisten fordern, dass die Kirche ihre unveränderliche Lehre ändert. Sie wollen, dass schwere Sünden nicht länger als solche betrachtet werden. Ruiz behauptet, sie sollten sich nicht mit weniger zufrieden geben. Die Zeitlinie des Evangeliums ist jetzt.

„Egal wie laut wir ‚Todos, Todos, Todos‘ (alle, alle, alle) verkünden, um LGBTQ+-Personen willkommen zu heißen, das Aufschieben einer Lehrreform verewigt unsere Ablehnung. Es suggeriert, dass LGBTQ+-Katholiken zwar gesehen, aber nicht vollständig angenommen, willkommen geheißen, aber nie gefeiert, einbezogen, aber immer nur unter Vorbehalt.“

Niemals mit Zugeständnissen zufrieden

Wie alle linken Bewegungen gibt sich auch die homosexuelle Bewegung nie mit Zugeständnissen zufrieden. Sie verlangt immer mehr. Ruiz will „das volle Brot der Kommunion“. Ruiz fordert, dass ihre Identitäten „als integraler Bestandteil der katholischen Geschichte geschätzt werden.“ Er behauptet weiter, dass der volle Geist der Synodalität den Anspruch auf vollständige Inklusion unterstütze. Alles andere sei eine Parodie auf das Wirken des „Geistes“.

Der Aktivist verleiht seinen Forderungen ein Gefühl der Dringlichkeit. Die Zeit des höflichen Zuhörens und der teilweisen Aufnahme muss vorbei sein. Diejenigen, die sich an diesen sündigen Aktivitäten beteiligen, dürfen nicht als Gäste, sondern als Familie betrachtet werden. Man muss ihnen als Menschen mit Weisheit vertrauen. „Unsere Liebe ist heilig, unser Leben trägt Früchte, und unsere Würde ist gottgegeben“, bekräftigt Ruiz.

Ein Appell an die Opferrolle

Er wiederholt die unbewiesene Behauptung, die Position der Kirche sei schädlich und „verletzend“, da sie zu Depressionen, Stress und Selbst-mordtendenzen derjenigen beitrage, die in diesen sündigen Beziehungen verwickelt sind.

Der Aufruf zur Opferrolle passt in die Klassenkampf-Dialektik, die so sehr Teil der revolutionären Überlieferung ist. Das einzig Akzeptable ist, „das Unmögliche zu fordern“, was in diesem Fall eine Änderung der Doktrin ist.

Die Rolle der Radikalen

Homosexuelle Aktivisten wenden klassische linke Taktiken an. Tatsächlich erfüllen die Radikalen im gesamten Kampf einen Zweck, insbesondere bei der Überwindung gemäßigter Einwände.

In seinem Buch „Revolution und Gegenrevolution“ schreibt Prof. Plinio Corrêa de Oliveira, dass die Rolle der explosiven Extremisten darin besteht, einen Standard zu setzen, dem sich die gemäßigteren Menschen allmählich nähern. Die Radikalen schaffen ein festes Ziel, „dessen Radi-kalität die Gemäßigten fasziniert, auf das sie sich langsam zubewegen.“

Widerstand gegen radikalen Extremismus

Während die Radikalen dazu beitragen, ihre Revolution voranzutreiben, können sie auch positive Reaktionen hervorrufen, wenn radikale Ziele, die die Linke normalerweise verbirgt, aufgedeckt werden. Die Menschen werden sich dann einer bedrohlichen Agenda bewusst und können gewaltige Hindernisse errichten.

Prof. Corrêa de Oliviera weist darauf hin, dass Gegenrevolutionäre „das ganze Gesicht der Revolution entlarven müssen, um den Zauber auszu-treiben, den sie auf ihre Opfer ausübt.“

Deshalb müssen Katholiken diese Bedrohung der kirchlichen Lehre ernst nehmen. Das ist keine Übertreibung. Aktivisten wie Ruiz sagen dies offen in einer Publikation, die (fälschlicherweise) als katholisch bezeich-net wird. Er erwartet keinen Widerstand von Kirchenvertretern, was auf ein gewisses Maß an Komplizenschaft hindeutet.

Die radikalen Aussagen von Ish Ruiz, der eine Änderung der Lehre fordert, müssen Katholiken darauf aufmerksam machen, dass das eigentliche Ziel der katholischen Linken in dieser Angelegenheit nicht pastoral ist, sondern eine Revolution innerhalb der Kirche anzetteln will. Gläubige Katholiken müssen zudem damit rechnen, dass diejenigen, die diese Forderung ablehnen, isoliert und geächtet werden.

 Ein moralisches Unrecht kann niemals ein Bürgerrecht sein. Was Sünde ist, kann niemals für heilig erklärt werden. Es ist an der Zeit, Nein zu diesen falschen Forderungen zu sagen. Sie dürfen nicht akzeptiert werden, nicht jetzt, nicht in naher Zukunft, niemals.

 

Erstmals veröffentlicht auf TFP.org.

Bildnachweis: TFP Student Action Europe

 

Aus dem Englischen „Where Do Homosexual Activists Want the Church to Go?” in https://www.returntoorder.org/2025/10/where-do-homosexual-activists-want-the-church-to-go

Die deutsche Version erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com

 

© Veröffentlichung der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.