Samstag, 21. September 2013

Katholischer Journalismus



Zur Einführung seines Kommentars über die am 15. Mai 1956 veröffentlichte Enzyklika „Haurietis aquas“ von Pius XII. beschreibt Prof. Plinio Corrêa de Oliveira wie die wahre Einstellung eines katholischen Redakteurs gegenüber den Relativismus eines Nichtglaubenden sein sollte.

Zum Anlass des hundertsten Jahrestages der Einsetzung des liturgischen Festes des Heiligen Herzen Jesu veröffentlichte Papst Pius XII. die Enzyklika „Haurietis aquas“ (15. Mai 1956), über den wahren Sinn, Wichtigkeit und Aktualität dieser Andacht. Im Laufe seines Pontifikates veröffentlichte dieser Papst unzählige Dokumente, die große Aufmerksamkeit verdienen. Doch wir können sagen, dass ohne Zweifel diese Enzyklika in der Geschichte seines Pontifikates eines der leuchtendsten und wichtigsten Zeichen sein wird.
Wenn wir auch jedes päpstliche Lehrdokument mit Respekt und Freude aufnehmen, so bringen wir heute eine ausführliche Zusammenfassung dieses hervorragenden Dokumentes mit einem besonderen Gefühl des Wohlgefallens. Denn das Thema der Enzyklika befindet sich im Kern aller Probleme, die wir teils implizit, teils explizit des öfteren behandelt haben.
Eine Beobachtung, die die Lektüre unserer Zeitung (Catolicismo) nahelegt, ist, dass sie äußerst bemüht ist in der genauen und vollständigen Beachtung aller Gebote der katholischen Doktrin, sowie eine uneingeschränkte und gewissenhafte Zustimmung jedem Lehrakt der Heiligen Kirche entgegenbringt. Diese ständige Sorge um eine tiefbeständige Treue und Genauigkeit scheint vielen unklug oder gar unsympathisch. Sie meinen, dass die Pflicht zu Mitleid und Erbarmen, der Geist der Milde und der Gnade gegenüber den Ungläubigen, denen es so schwer fällt – gerade in unseren Tagen – den wahren Glauben anzunehmen, und gegenüber den Gläubigen, deren Beharrlichkeit immer größere Kämpfe erfordert, den katholischen Journalisten zu einer äußerst versöhnlichen Haltung verleiten sollte.
Statt den Irrtum und das Böse zu geißeln, sollte er eher über beide schweigen. Statt die Fahne der Vollkommenheit auszubreiten und die Leser auf die hohen, schwer zu erklimmenden aber betörenden Gipfeln der hohen Ideale hinzuweisen, sollten sie nur das notwendige zu ihrem Heil lehren. Dies würde sie zu Predigern einer minimalistischen Korrektheit machen, die nichts anderes ist als billige Mittelmäßigkeit. Wer sich die Aufgabe eines katholischen Redakteurs so vorstellt, wird unsere Haltung als kompromisslos, intolerant und unverständlich ansehen.
Wir sind die ersten, die es einsehen, dass diese Einwände, wenn sie nicht stimmen, sie jedoch viel Wahrheit enthalten. Auf den ersten Blick sticht hervor, dass die katholische Lehre sehr schwer zu praktizieren ist. Die Kirche hat wiederholt gelehrt, dass kein Gläubiger aus eigenen Kräften dauerhaft die Gesamtheit der Gebote befolgen kann. Daher scheint es vernünftig zu sein, jede Vollkommenheit in der Befolgung der Gebote als übertrieben anzusehen.
In Wahrheit findet sich die Lösung des Problems in einer anderen Gedankenordnung. Wenn es wahr ist, dass das Unvermögen der menschlichen Natur die Befolgung der Gebote dermaßen erschwert, dann müssen wir auch die unendliche Barmherzigkeit Gottes in Betracht ziehen. Nicht um damit zu folgern, dass Gott es mit der Sünde nicht so genau nimmt, Er, der die unendliche Vollkommenheit ist. Die Barmherzigkeit Gottes kann nicht darin bestehen, dass Er uns in unserem Verderben hilflos darben lässt, sondern darin uns daraus herauszuholen. Angesichts der Blinden, Aussätzigen, Lahmen, die Er auf seinen Wegen begegnete, beschränkte Er sich nicht auf ein Lächeln und weiterzugehen. Nein, Er heilte sie. Angesichts unserer Sünden will seine Barmherzigkeit uns von diesen liebevoll befreien und uns auf seine Schulter tragen. Was wir von der Barmherzigkeit Gottes erwarten, sind die notwendigen Hilfen, die uns befähigen, das Gesetz der Moral zu erfüllen. Dazu haben wir die Gnade, die uns durch die unendlichen Verdienste Jesu Christi erreicht wurde. Die Gnade befähigt unseren Verstand zum Glaubensakt. Sie verleiht unserem Willen eine solche Kraft, dass es ihm möglich wird, die Gebote zu befolgen. Die große Gabe Gottes für die Menschen – wir sagen es noch einmal – besteht nicht in der Gleichgültigkeit gegenüber unseren Fehlern, sie nicht zu tadeln und teilnahmslos uns in sie versinken zu lassen. Die große Gabe ist, uns die übernatürlichen Mittel zu geben, um die Sünde zu meiden und die Heiligkeit zu erlangen. Daher auch die große Verantwortung derer, die diese unschätzbare Gabe ablehnen.
Das ausdruckvollste Symbol dieser barmherzigen Liebe Gottes, der Menge seiner Vergebungen und der Beharrlichkeit mit der Er ständig die Menschen zur Reue auffordert, die notwendigen Gnaden zu erbitten, für die Übung der Tugenden, um durch das Gebet alle notwendigen Mittel zu erlangen zur Änderung seines Charakters, ist das Heiligste Herz Jesu. Im Heiligsten Herz Jesu also erhält jede echte Kompromisslosigkeit gegenüber dem Bösen ihre Norm und Erklärung. Für einen katholischen Journalisten besteht die Güte nicht darin, den Sünder im Glauben zu belassen, dass sein Seelenzustand zufriedenstellend ist. Dem Sünder muss das ganze Grauen seiner Bosheit klargemacht werden, damit er sich von ihr absagt. Er muss auf die Gipfel der Vollkommenheit hingewiesen werden, damit er sie zu erreichen wünscht. Denn alles ist ihm möglich, wenn er beharrlich um die Gnade Gottes bittet und mit dieser kooperiert. Auf diese tiefe und freudige Überzeugung, dass der Mensch mit der Gnade alles vermag, begründet sich die heilige Tugend der christlichen Kompromisslosigkeit. Jeder Akt der Barmherzigkeit ist eine große Gabe, beinhaltet aber auch eine große Verantwortung. Da der Mensch durch Gebet und durch die Treue zur Tugend die Gebote praktizieren kann und soll, gibt es offensichtlich für ihn keine Entschuldigung, wenn er in der Sünde verharrt. Pius XII. zeigt wie die Gnaden im Übermaß aus dem süßesten Herzen Jesu strömen. Gerade deshalb besteht die Formel für ein erfolgreiches Apostolat nicht im Verschweigen der im Menschen innewohnenden Bosheit, sondern in der Aufforderung sich an der göttlichen Quelle rein zu waschen, aus der die Ströme der Gnade entspringen. Dies ist die Aufgabe des katholischen Journalismus.
Nach der Veröffentlichung dieses monumentalen Dokumentes, das die Christenheit dem Heiligen Vater schuldig bleibt, fühlen sich unsere Herzen von dem aufmunternden Wunsch entbrannt, es möge mit der gleichen Tiefgründigkeit, mit der gleichen obersten Autorität, mit der ebenso tiefen Frömmigkeit dieser Enzyklika ein Dokument entstehen über den Kult zum Unbefleckten Herzen Mariens. Dies wäre eine harmonische und vollkommene Ergänzung des Briefes „Haurietis aquas“. 

(Aus „CATOLICISMO“ Nr. 68 - August 1956 - freie Übersetzung aus dem Portugiesischen)

Freitag, 16. August 2013

Der Glockenklang der Tradition

Auszug aus der Schlussrede von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira eines Wochenseminars der brasilianischen TFP für katholische Jugendliche am 15. Januar 1970


Viele Male wurde mein Name heute Abend hier genannt und war oft Gegenstand von wohlgemeinten Erwähnungen, dass es nicht Gerecht wäre, wenn ich ihnen nicht einiges über mich sagen würde.

Sie haben meine Schriften gelesen, sie haben mich vielfach sprechen gehört, sie hören mich noch in diesem Moment. Sie haben niemals von mir gehört – ihr, meine Freunde und Mitstreiter von jeher, die ihr seit 30 und 40 Jahren mit mir zusammenarbeitet, oder ihr, meine jungen Freunde, die ihr mich praktisch heute erst habt kennengelernt –, niemals haben sie von mir diesen Satz gehört: "Ich habe eine Lehre hervorgebracht; ich habe einen Gedanken aufgebaut, eine Schule gegründet, ich habe dies oder jenes erfunden". Der Gerechtigkeit verpflichtet muss ich sagen,sagen, dass alles, was ich in meinem Leben unternommen habe, habe ich in der Freude und in jubelnder Begeisterung meiner Seele – mit Anerkennung und Dankbarkeit – immer vorgestellt und angepriesen als die Lehre der Heiligen,
Römisch-Katholischen und Apostolischen Kirche zu sein. Denn wenn etwas in mir an Gutes zu finden ist, dann kommt es einzig und allein von der Tatsache, dass die Muttergottes mir diese Gnade geschenkt hat – da fehlen mir die Worte, um Dank zu sagen; und ich hoffe, dass ich die Ewigkeit an Ihrer Seite verbringen kann, um Ihr dafür zu danken –, dass ich in der Heiligen Katholischen Kirche getauft wurde und ein Kind der Kirche bin. Die Lehre, die ich vortrage, ist eine Darlegung der Lehre der Kirche. Manchmal eine sehr mühsame Darlegung, weil die Gegenstände aus verschwiegenen Winkeln hervorgeholt wurden, wo so manche Schönheit der Kirche schlummert. Es ist wahr, dass es eine Art archäologische Arbeit war, um in den Tiefen dieses Schweigens – was eigentlich nie hätte verschwiegen werden sollen – das zu entdecken, was ich als katholische Lehre vortrage.
Lesen sie meine Bücher, hören sie meine Vorträge und Reden – die ja alle elektronisch aufgenommen worden sind –, niemals werden sie etwas anderes von mir hören. Sie werden sagen, dass darinnen vielfältige Beobachtungen der Realität enthalten sind, dass da viel Scharfblick in der Art wie die TFP die Ereignisse sieht, vorhanden ist; dass die Art mit der sie Probleme löst sehr originell ist. Und ich sage ihnen, es ist wahr, aber sie werden es hundertmal von mir wiederholt hören, dass wir alles der Tatsache verdanken, dass wir – ich – uns von der katholischen Lehre haben durchdringen lassen. Es ist die katholische Einstellung bezüglich vieler Aspekte des menschlichen Lebens, die sich in Formeln und Lebensstile kristallisieren, aus Traditionen zusammenfügen, was genau das hervorbrachte, was wir den Stil der TFP nennen.
Ich bin nichts und möchte weiter nichts sein als eine Glocke, doch noch weniger als eine Glocke: ein Echo der großen Glocke, welche die römisch-katholische und apostolische Kirche ist. Ich möchte den Klang dieser Glocke weitertragen nicht als Amtsträger, nicht als Meister, sondern als treuer Jünger, von Freuden erfüllt weil Jünger der Kirche. Ich möchte diese Lehre, die auf so vielen Kathedern, auf so vielen Kanzeln, in so vielen Beichtstühlen verschwiegen wird, weitertragen. Wir sind das Echo, das inmitten der Schlacht den Klang der Glocke weiter trägt bis in die Ferne, um ihn überall zu Gehör zu bringen. Treu auch dann – oh Schmerz! – wenn die Glocke schweigt, denn das Echo bleibt auch dann, wenn die Glocke verstummt ist. Treu auch dann, wenn die Glocke wie verrückt schlägt, wenn sie ihre Berufung als Glocke verrät.
Dies ist die Treue des Echos; es stirbt nur dann, wenn es aufhört den Klang zu wiederholen. Mein Wunsch ist es, unaufhörlich zu wiederholen, zu wiederholen, das, was ich gehört habe, was ich von der Heiligen Katholischen Kirche gehört habe.
Diese Treue, die ich ihr bis heute gehalten habe und die mir die Muttergottes –so hoffe ich – bis in meinen letzten Tagen gewähren wird, diese Treue, wem verdanke ich sie? Erlauben sie mir, ihnen kurz etwas Vertrauliches mitzuteilen:
In den Jahren 1919, 1918 oder 1920 – wie ist das lange her für viele, die hier sind, so weit entfernt wie die Zeit des Pharao Tutanchamun – lebte in São Paulo ein kleiner Junge, geboren in einer katholischen Familie, der auf seinem Zimmer ein Statue der Muttergotte hatte, jedoch ein nicht erklärbares Unbehagen gegenüber der Figur fühlte. Dieser Junge wurde in einem gewissen Moment einer harten Prüfung ausgesetzt. In der ausweglosen Situation, in der er sich
befand, ging er zur Pfarrkirche und betete vor der Statue Maria, Hilfe der Christen. In der Kapelle seiner Schule war ein anderes Muttergottesbild, das der Mutter vom Guten Rat, zu der er in Tagen seelischer Prüfungen betete. Die Schuld an der Prüfung lag an ihm selbst. Von ihm könnte man sagen, was der hl. Augustinus von sich sagte: "so klein und schon ein Sünder".
Der Junge erhob seine Augen zur Muttergottesstatue und ohne eine Vision oder eine Offenbarung zu haben, ohne etwas, was außerhalb der normalen Wege der Gnade ist, zu verspüren, begriff er doch, das Sie die Mutter der Barmherzigkeit ist, mit Ihr würde er zurechtkommen. Er nahm ein Vertrauen zu Ihr, das ihn für den Rest seiner Tage nie mehr verlassen hat. Sie lächelte ihm fortwährend zu und er machte es sich zur Pflicht immer und überall von Ihr zu sprechen und Ihr zu dienen, solange er lebe.

Dieser Junge, der Ihr alles schuldig ist, und in diesem Moment Ihr einen dankenden Akt der Verehrung erweist, wissend, dass in ihm nichts ist, dass Sie aber die Mittlerin aller Gnaden ist und wir Ihr alles zuerkennen müssen. Diesen Jungen sehen sie hier vor ihnen; er richtete ihnen gerade das Wort.

Montag, 15. April 2013

Die Abhandlung von der wahren Andacht zu Maria vom hl. Ludwig Maria Grignon von Montfort - V. Teil

Kommentiert von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira

(Anm: Die Einteilung in Kapitel, Artikel und Prinzipien stammt aus der brasilianischen Ausgabe der "Abhandlung", Verlag Editora Vozes Limitada, Petrópolis RJ, 1961, die als Unterlage für die Kommentare von Prof. Plinio Correa de Oliveira gedient hat)

Artikel I
PRINZIPIEN
ERSTES PRINZIP: Gott wollte sich Maria bei der Menschwerdung bedienen
Die Wichtigkeit der Menschwerdung Gottes

Die Begründung des hl. Ludwig für die Notwendigkeit der Andacht zu Maria liegt in der Rolle die Ihr übertragen wurde bei der Menschwerdung Gottes. Legen wir diesen Punkt ausführlicher aus.

Das erste, was wir festhalten müssen, ist die äußerste Wichtigkeit der Menschwerdung Gottes in seinem Schöpfungsplan. Diesbezüglich gibt es Auseinandersetzungen zwischen Theologen über einen Punkt. Einige meinen, die Menschwerdung hätte sich nicht ereignet, wenn der Mensch nicht gesündigt hätte, andere meinen, das sie auch dann wäre geschehen, wenn der erste Mensch nicht gesündigt hätte. Erstere folgern aus ihrer These, dass, wenn auch die Erbsünde ein Übel war, so ergab sich daraus doch für die Menschheit ein Vorteil, der in der Liturgie am Karsamstag als „o felix culpa“ — „o glückliche Schuld, gewürdigt eines Erlösers, so hehr und erhaben“. Ohne die Erbsünde hätten wir nicht das Glück und die Freuden den Erlöser zu bekommen.

Sei es wie auch immer, wir müssen zugeben, das die Menschwerdung Gottes nicht ein Ereignis in der Geschichte der Menschheit unter anderen ist, sondern, wie auch die Erlösung, ein Höhepunkt dieser Geschichte war. Da Gott „ist, der Er ist“, mit Ausnahme der Zeugung des Wortes und dem Ausgang des Heiligen Geistes (vom Vater und vom Sohn), ereignete sich bei weitem nichts wichtigeres und höheres, wie die Menschwerdung Gottes. Es ist ein Geschehnis, dass mit der göttlichen Natur selbst in Verbindung steht, und alles was Gott betrifft, ist unvergleichlich wichtiger, als alles, was dem Menschen betrifft. Die Fleischwerdung Gottes übertrifft alles an Wichtigkeit.

Mitwirkung Mariens bei der Menschwerdung

Aus diesem Grund zeigt uns die Mitwirkung Mariens bei der Menschwerdung sehr gut und genau Ihre Rolle in allen Plänen und Vorhaben Gottes und gerade in dem, was diese am wichtigsten und fundamentalsten haben.


Wir finden es z.B. bewundernswert, dass Gott den Kaiser Konstantin erwählt hat, um die Kirche aus den Katakomben zu holen. Doch, was ist das im Vergleich zur Berufung Mariens, damit in Ihr der Erlöser gezeugt werden soll? Absolut nichts! Wir bewundern sehr P. Josef von Anchieta SJ, weil er Brasilien evangelisiert hat. Doch was ist die Evangelisierung eines Landes im Vergleich zur Fleischwerdung des Wortes? Nichts!
Nehmen wir an, es ginge um die Rettung der Welt aus der aktuellen Krise und der Einführung des Reiches Christi auf Erden, und nehmen wir an der Herr würde nur einen einzigen Menschen erwählen, um diese Aufgabe zu vollführen. Wir würden die Aufgabe phantastisch finden, und mit Recht. Doch was ist das, im Vergleich zur Berufung und Aufgabe der Muttergottes? Nichts! Sie befindet sich auf einer Ebene, die kein Vergleich erlaubt mit irgendeiner historischen Aufgabe irgendeines Menschen, selbst die des hl. Petrus, auch wenn er der erste Papst war. Die Rolle Mariens steht über jedem Vergleich mit der Rolle des hl. Petrus.
Bezüglich der Muttergottes muss man immer wieder den Begriff wiederholen „kein Vergleich möglich“, weil Sie sprengt die Grenzen der menschlichen Sprache. Es besteht ein dermaßen großes Unverhältnis zwischen Ihr und allen Geschöpfen, dass das einzige sichere, was man sagen kann, ist, das es kein Vergleich gibt.
Nachdem wir diese Begriffe in Erinnerung gerufen haben, folgern wir, dass das Erörtern der Mitwirkung Mariens bei der Menschwerdung bedeutet, Ihre Rolle im wichtigsten Ereignis aller Zeiten zu erörtern. Und welche war Ihre Rolle? Der hl. Ludwig antwortet, in dem er die Mitwirkung der drei Personen der Dreifaltigkeit — des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes — bei der Fleischwerdung, und dann die Mitwirkung der Jungfrau Maria mit dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste analysiert.
Die Mitwirkung Mariens mit Gott Vater

Wie es in der Heiligen Schrift heißt, wurde Unser Herr von Gott Vater in die Welt gesandt, um die Menschen zu Erlösen. Eine der Prophezeiungen im Alten Testament sagt über Unseren Herrn: „Siehe, ich komme, wie es geschrieben steht in der Schriftrolle, um deinen Willen zu tun“ (Ps 40, 8-9). Jesus spricht immer von Seinem Vater als den, der Ihn gesandt hat, als den, der sich über Ihn offenbart hat und Ihn seinen vielgeliebten Sohn nannte, als den, den Er anrief, als er Seinen Geist aufgab, in dem er sagte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27,46). Da es Gott Vater war, der Jesus gesandt hatte, welche war die Rolle Mariens bei dieser Handlung?

Das Gebet Mariens zur Ankunft des Messias — Zunächst müssen wir feststellen, dass die Welt schon nicht mehr würdig war, Gott Sohn „aus den Händen des Vaters direkt zu empfangen“. Deshalb sandte Er Seinen Sohn nicht um der Welt Willen, sondern wegen Maria. Nicht nur weil Sie um Ihn gebeten hat — wenn Sie nicht darum gebeten hätte, wäre Er nicht gekommen —, sondern Gott Vater schickte Ihn zu Ihr, weil nur Sie würdig war, Ihn zu empfangen.

In diesem Sinne versteht sich auch die Klage im Johannes-Evangelium: „Er kam in das Seine, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). Die Seinen würden Ihn nicht aufnehmen, doch Maria würde Ihn aufs erhabenste aufnehmen, und nur deshalb konnte Er kommen. Er kam in die Welt, weil Er Maria vorfand. Hätte Er Sie nicht vorgefunden, so wäre Er nicht gekommen. Sein Kommen in die Welt ist das Ergebnis des Daseins und der Gebete der heiligsten Jungfrau.
Auf diese Weise wirkte Sie mit am Akt Gott Vaters, durch welchen Er den Sohn in die Welt sandte.
Die Teilhabe Mariens an der Fruchtbarkeit des Ewigen Vaters — Außerdem teilte Gott Vater Seine Fruchtbarkeit der Jungfrau Maria mit, damit Sie den Sohn empfangen könnte. Die Fruchtbarkeit des Ewigen Vaters ist unendlich. Sie ist dermaßen, dass die Vorstellung, die Er von sich selbst hat, schon eine weitere göttliche Person erzeugt. Er teilte also diese Seine Fruchtbarkeit Maria mit, damit Sie Jesus Christus gebäre und alle Glieder des mystischen Leibes Christi. Maria ist deshalb nicht nur im allegorischen und metaphorischen Sinn die Mutter aller Gläubigen (Sie liebt uns, als wäre Sie unsere Mutter), sondern Sie ist in Wahrheit unsere Mutter in der Gnadenordnung. Sie ist im Besitz der göttlichen Mutterschaft, weil Gott Vater Sie an Seiner Fruchtbarkeit teilhaben ließ.

Die Macht des Gebetes Mariens und unser geistliches Leben


Wir können hieraus Anwendungen für unser geistliches Leben entnehmen, sowohl aus der Tatsache, dass das Gebet Mariens die Ankunft des Erlösers beschleunigt hat, als auch, dass Sie an der Fruchtbarkeit des Vaters teilhatte.

Da Maria durch Ihre Gebete die Ankunft des Messias beschleunigte, was können wir daraus für unser geistliches Leben entnehmen?

Zunächst müssen wir den Eifer Mariens für die Sache Gottes betrachten. In Ihren Gebeten betrachtete Sie ganz sicher die moralische Tiefe, in der das auserwählte Volk gesunken war. Es brannte in Ihr der Wunsch, dass Israel in seinen früheren Zustand wieder erhoben werde. Sie betrachtete den Zerfall der Menschheit, indem Sie besser als niemand wusste, wie viele Seelen in dieser heidnischen Welt verloren gingen, und Sie sah, wie die Macht Satans über die damalige Welt herrschte.

Maria übernahm auf Erden die Rolle des Erzengels Michael im Himmel. Ihr Gebet um das Kommen Gottes auf Erden glich dem „Quis ut Deus“ des Erzengels. Sie ist es, die sich erhebt gegen den damaligen Stand der Dinge, nur Ihr Gebet hatte die notwendige Macht, um mit einem Schlag alles zu verändern.

Die Fülle der Zeit ist damit beendet: Unser Herr Jesus Christus wird geboren und die ganze Menschheit wird erneuert, erhöht und geheiligt durch Maria. Unmengen von Seelen werden gerettet, die Tore des Himmels öffnen sich, die Hölle wird zermalmt, der Tod vernichtet, die Katholische Kirche erblüht über die ganze Erde. All dies als Ergebnis der Gebete Mariens.

Ist es nicht wahr, dass Maria auch unter diesem Aspekt für uns ein vollkommenes Beispiel ist? Sollen wir nicht für unsere Tage den Sieg Unseres Herrn wünschen, so wie ihn Maria für ihre Zeit gewünscht hat? Gibt es nicht eine absolute Analogie zwischen den glühenden Wunsch den Sie äußerte, dass das Reich Christi auf Erden errichtet werde und dem Eifer, mit dem wir es für unsere Tage wünschen sollen? Ist es nicht wahr, dass wenn Ihr Gebet notwendig war für Menschwerdung Gottes, das Gebet für uns unerlässlich ist, um den Sieg Unseres Herrn in der Welt in unseren Tagen herbeizurufen? Wenn wir uns abmühen im Kampf für den Sieg Jesu Christi in unseren Tagen, erinnern wir uns, zur Muttergottes zu beten? Wenn wir zu Ihr beten, erinnern wir uns daran, um diese Gnade zu bitten?

Wäre es nicht ein gutes Gebet, zum Beispiel, wenn wir das Geheimnis der Verkündigung im ersten Gesätz des Freudenreichen Rosenkranzes betrachten, wir an Maria denken, in dem Sie um die Ankunft des Erlösers betet? Es wäre sehr angebracht Sie zu bitten, dass Jesus wieder Sieger auf der Welt werde und wir die Ankunft des Erlösers betrachten und den künftigen Sieg der Katholischen Kirche. Haben wir hiermit nicht eine gute Anwendung dieser Geheimnisse für unser geistliches Leben? Soll es nicht so gesehen, gelebt und geführt werden? Ist das nicht viel gründlicher und fester als ein langgezogenes andächtiges Gemurmel? Mit diesen Glaubenswahrheiten nährt man seine Frömmigkeit. Mit solchen Wahrheiten gibt es jede Menge Nahrung für das geistliche Leben.

Betrachten wir Maria, wie Sie durch Ihr Gebet die Ankunft des Messias beschleunigte. Kommt Jesus auch nicht zu uns in der heiligen Kommunion? Wenn wir uns vorbereiten Ihn zu empfangen, können und sollen wir Maria um Ihre Empfindungen bitten, mit denen Sie Ihn empfing, als Er in Ihr Mensch geworden ist.
Wenn wir für jemanden die Gnade der täglichen Kommunion erreichen wollen, wäre es nicht Sinnvoll der Muttergottes zu bitten, das Sie für diese Seele die tägliche Herabkunft Ihres Sohnes erwirke, so wie Sie mit Ihrem Gebet die Ankunft Jesu Christi für die Welt erreichte?



Die Teilhabe Mariens an der Fruchtbarkeit des Ewigen Vaters und unser geistliches Leben


Betrachten wir die Teilhabe Mariens an der Fruchtbarkeit des Ewigen Vaters, um Glieder des Mystischen Leibes Christi zu zeugen. Jeder Gläubige ist ein Glied dieses Mystischen Leibes. Wenn wir an einem Taufstein vorbeikommen, sollten wir uns daran erinnern ein Gebet zu sprechen, in das wir der Heiligen Jungfrau bitten, sie möge uns bis zu unserem Tode in der Beharrlichkeit der Gnade führen, die wir in der Taufe erhalten haben und dass sie uns diese Gnade für das ganze Leben bestätige. An dem Taufbecken, das uns in den Schoß der Katholischen Kirche hat eintreten sehen, der Ort an dem wir für das übernatürliche Leben geboren wurden und, dass wir auf Bitten Mariens und der Fruchtbarkeit Gottes des Vaters, zu Gliedern des Mystischen Leibes Christi gezeugt wurden, dessen wahre Mutter sie auch ist.
Denken wir daran, dass wir zum Leben der Gnade von Maria gezeugt worden sind, unter Teilhabe an der eigenen Fruchtbarkeit des Ewigen Vaters, und dass wir dieses Leben der Gnade durch Maria ganz ohne unser Zutun bekommen haben, denn wenn sie es nicht für uns erbittet hätte, hätten wir es nicht bekommen. Dies alles ist ein Grund, sie zu bitten, dass sie uns in dieser Gnade erhalte und sie mit der Tugend der katholischen Gesinnung bereichere, welches die Krönung dieser äußerst intimen Bindung mit Christus ist, die wir durch ihre Fürbitte bekommen haben.
Die echte Frömmigkeit muss bestehen in der Bildung von einer Geistes-Stimmung, die ihren Grund auf diese von der Kirche und der Theologie gelehrten Wahrheiten hat und nicht auf Gefühle. Wahrheiten wie diese erzeugen eine sehr gute, ernsthafte und gediegene Andacht zur Muttergottes. So erbaut man eine wahre Andacht zu Maria, und untermauert ein echtes geistliches Lebens.
 

Mittwoch, 13. Februar 2013

Die hl. Gemma Galgani


„Willst Du mich wirklich lieben? Lerne erst zu leiden.  Das Leiden lehrt dich lieben.“  Worte Jesu an die hl. Gemma

Dieses Bild ist ein Foto der hl. Gemma Galgani (1878-1903), einer berühmten Mystikerin, die in der bezaubernden italienischen Stadt Lucca gelebt hat. Ihr Gesichtsausdruck ist aus mehreren Gründen beeindruckend. Zunächst stellen wir fest, ihre tiefe Reflexion und die Harmonie ihrer Züge. Zweitens merken wir den Blick der Heiligen, der sich etwas nach oben richtet und darüber hinaus erhaben ist. Ihre Gedanken sind nicht von dieser Welt: ihr Gesicht zeigt eine übernatürliche Aura.

Ihre Würde und engelhafte Reinheit sind auffallend. Man bemerkt es durch die Art wie ihr Kopf auf den Schultern ruht: aufrecht und anspruchslos.

Sie trägt gar keinen Schmuck. Ihr Haar ist einfach gekämmt und geordnet. Ihr Gesicht ist sehr sauber und zeigt nichts von dem Wunsch nach Verschönerung. Ihr Kleid ist schwarz und schlicht. Dennoch verbindet sie eine außerordentliche Würde mit einer jungfräulichen Reinheit, die fast unbemerkt in den leuchtenden Glanz ihrer Haut reflektiert wird. Man könnte sagen, dass ihre Haut so hell ist wie ihr Blick. Außerdem, spiegelt ihr Blick vollkommene Rechtschaffenheit wider. Es ist der Blick einer Mystikerin, die eingetaucht ist, in dem was sie sieht. Auch wir erkennen etwas von dem, was sie wahrnimmt.

Ebenso strahlt die Tugend der Tapferkeit aus ihrem Gesicht. Wenn der Glaube ihr befiehlt, etwas zu tun, ist ihr Wille unbeugsam. Was wünscht sie sich? Sie will Gott, der Gottesmutter und der katholischen Kirche dienen. Sie schreitet voran auf diesem Weg unabgesehen der Hindernisse. Sie ist die starke Frau, wie sie in der Heiligen Schrift beschrieben wird. Sie ist wie ein seltener Edelstein, den zu finden, man nicht scheut bis ans Ende der Welt zu laufen.

 (Veröffentlicht in Catolicismo, August 1999 – Hier freie Übersetzung aus dem Portugiesischen von BHofschulte)

© Nachdruck der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Montag, 5. März 2012

Zwei Arten das ländliche Leben zu sehen

Plinio Correa de Oliveira
     
      Sechs Uhr Abends. Das Tageswerk ist vollbracht. Eine erhabene Ruhe umhüllt die weiten Felder. Sie lädt ein zur Rast und Einkehr. Eine goldene Abenddämmerung verklärt die Natur. Alles scheint einen fernen und milden Glanz der unbeschreiblichen Majestät Gottes wider zu geben. Leise ertönt in der Ferne das Läuten des Engel des Herren. Es ist die kristalline und materielle Stimme der Kirche, die zum Gebet ruft. Die Feldarbeiter beten. Es sind zwei junge Menschen, die Gesundheit ausstrahlen und denen man die lange Gewohnheit der Feldarbeit ansieht. Ihre Kleidung ist bäuerlich grob. Doch aus ihrem ganzen Wesen schimmert Reinheit, Erhabenheit und die natürliche Zartheit tief christlicher Seelen. Ihr bescheidener gesellschaftlicher Stand wird irgendwie durch ihre andächtige Haltung verklärt und beleuchtet und erweckt Ehrfurcht und Zuneigung. Ihren Seelen widerstrahlen die goldenen Strahlen der Sonne; doch einer in jeder Hinsicht viel höheren Sonne: der Gnade Gottes.

      Wahrlich, die Schönheit ihrer Seelen ist der Mittelpunkt des Bildes, der höchste Punkt der ästhetischen Empfindung. Die dargestellte Natur ist schön, aber sie dient nur als Umgebung, um die Schönheit dieser durch den Sohn Gottes erlösten Seelen zum Ausdruck zu bringen.

      Nichts weist bei diesen Bauernleuten auf Ruhelosigkeit oder Unwohlsein hin. Sie entsprechen ganz ihrer Umgebung, ihrer Arbeit, ihrem Stand. Welch andere Würde, welch anderes Schicksal könnte dieses Paar sich wünschen?

      Millet hat auf bewundernswerter Weise in seinem Gemälde die notwendigen Grundlagen zusammengeführt, um die Würde der Arbeit in einer gelassenen und glücklichen Atmosphäre der echten christlichen Tugend zu verstehen.

*     *     *
      Solche Augenblicke sind jedoch nicht die Regel des Lebens auf dem Lande. Millet hat hier, sagen wir, mit einem Schnappschuss, einen Höhepunkt materieller und moralischer Schönheit des Landlebens eingefangen. Aber nicht nur das. Sein Bild hat die Eigenschaft den Menschen Gelegenheit zu geben, das echte und häufige Aufflackern dieses christlichen Ausdruckes der Seelen und der Gegenstände in einer von der Kirche wirklich durchtränkten Umgebung zu sehen und zu bewundern.

      Die geistige Haltung, die Millet dem Betrachter seines Bildes mitteilt, ist ganz auf Gott und dem Abglanz der geistigen und materiellen Schönheit gerichtet, den Er auf die Schöpfung wirft.

      In einer psychologischen Kritik des Bildes, müsste man, um genau zu sein, ein gewisses Übermaß an Sentimentalität beanstanden.
*     *     *

      Könnte man, das ebenfalls im ländlichen Leben inspirierte Bild von Yves Alix, „Le maître des moissons“, in gleichem Maße loben?
      Der Maler hat hier, in seiner Sicht der landwirtschaftlichen Arbeit, nichts von dem beobachtet, gespürt und angenommen, was sie würdig macht von einem Kind Gottes verrichtet zu werden.

      In diesem Gemälde hat nicht der Geist die Materie unterworfen und sie geadelt, sondern die Materie ist im Geist eingedrungen und hat ihn erniedrigt. In den Körpern hat die materielle Arbeit eine so zu sagen ruchlose Brutalität eingeprägt. Den Gesichtsausdrücken entströmt eine Gesinnung die an Kneipen und Konzentrationslagern erinnert. Wenn die Personen im Hintergrund nicht so versteinert wären und weinen könnten, wären ihre Tränen aus Galle; wenn sie stöhnen könnten, wäre es wie das Knattern von Zahnrädern. Aus dem Mund der schreienden Person im Vordergrund entströmt die Traurigkeit, die Bosheit, die Kakophonie der Farben, der Formen und der Seelen. Man weiß nicht richtig, was er schreit, ob eine Drohung oder eine Gotteslästerung.

      Yves Alix vereinte, übertrieb und entstellte bis zum Wahnsinn die Ansichten, durch welche die Arbeit Sühne und Leiden und die Erde ein Verbannungsort ist. Mit einer gewissenhaften – und wie begeisterten – Treue bringt er zum Ausdruck, was die menschliche Seele am scheußlichsten und niedrigsten hat, um das Ganze als die reale und normale Sicht des täglichen geistigen und beruflichen Lebens der Arbeiter darzustellen.

      Und deshalb: Während das Meisterwerk von Millet ein Gebet aushaucht, entströmt dem Alptraum des Yves Alix der Mief der Revolution.

      Wenn Gott den Engeln erlauben würde, die Erde zu verschönern, würden sie es in dem Sinne tun, die schönsten Aspekte, die Millet beobachtete und zusammentrug, zu vermehren und dauerhaft zu machen. Würde Er den Teufeln erlauben, den Menschen und die Schöpfung zu verunstalten, würden sie Leib und Seele, Gegenstände, Personen und Ambiente wie im Gemälde von Yves Alix dargestellt, umwandeln.

(Aus „Catolicismo“ Nr. 9 – September 1951)      

Freitag, 2. März 2012

Eine Beobachtung des hl. Johannes Bosco erklärt
den Ursprung der Revolution

    Die Zeitschrift „Cruzado Español“ ehrte mich mit der Veröffentlichung eines großen Teils meiner Studie „Revolution und Gegenrevolution“. Dies zeigt mir, dass die Leser dieser Zeitschrift an diesem Thema interessiert sind. So möchte im folgenden Beitrag eine Frage behandeln – wenn auch etwas oberflächlich –,  die mit dem Thema meiner Studie in enger Beziehung steht. Leider kann ich sie hier nicht so ausführlich behandeln, wie ich es wünschte.

*    *     *

    Ich fange auf eine vielleicht unerwarteten Weise an.
    Als ich die Schriften des hl. Don Bosco durchblätterte, fand ich folgende merkwürdige Beobachtung: „Zunächst, was die Bösen betrifft, werde ich nur eines sagen, was vielleicht unglaubwürdig erscheint, aber doch reine Wahrheit ist, so wie ich sie beschreibe. Nehmen wir an, dass unter 500 Schülern einer Schule es einen gibt, der ein schlechtes Leben führt. Es kommt ein neuer hinzu, der ebenfalls verdorben ist. Beide kommen aus ganz verschiedenen Regionen, entfernte Ortschaften, sind sogar verschiedener Nationalitäten, haben unterschiedliche Kurse gemacht, haben sich nie gesehen und kennen sich gar nicht. Trotz all dieser Unterschiede könnt ihr sie am nächsten Tag oder sogar nach einigen Stunden in der Pause zusammen sehen; sie haben Freundschaft geschlossen. Es scheint als würde ein böser Geist ihnen verraten, wer mit der gleichen eigenen Schwärze befleckt ist, oder, es ist wie ein teuflischer Magnet, der sie zu eine engen Freundschaft zusammenführt. Das ,sage mir mit wem du gehst, und ich sage dir wer du bist‘ ist ein sehr leichtes Mittel die befleckten Schafe herauszufinden, bevor sie sich in reißende Wölfe verwandeln.“

    Das gilt vielleicht nicht für normale Schulen, doch dieses Zeugnis versetzt uns in die Gegenwart einer Tatsache, die nicht schwer zu beobachten ist, selbst unter Erwachsenen, in den Routineepisoden des Alltags oder sogar in großen historischen Ereignissen. Wenn das Böse eine gewisse Tiefe der Seele erreicht, bekommt diese einen Scharfblick, der es ihr erlaubt über gewissen Anzeichen, die anderen bedeutungslos erscheinen, schon von Weitem seinesgleichen zu erkennen. Der genannte Scharfblick verbindet sich mit einer anderen Eigenschaft: eine gegenseitige Anziehung, die sie schnell zu einem engen Miteinander vereint, trotz aller Unterschiede, die sie trennen könnten, wie Wohnort, Nationalität, Alter usw. Es ist leicht festzustellen, wie aus der Verbindung solcher Elemente, auf natürliche Weise eine Gruppe, sogar eine Strömung entsteht, die wie ein Tumor sein Gift verbreitet.

1. Das Miteinander hebt die Eigenschaften hervor – In der innigen Freundschaft der Gruppe bildet sich durch den gegenseitigen Wetteifer eine gänzlich entgegengesetztes Ambiente zur Umwelt in der sie sich befinden.

2. Die Hervorhebung der Eigenschaften erzeugt den Hass – Dieser Unterschied mit der Umwelt erzeugt notwendigerweise Antipathien, Reibungen, Hass gegen die Mehrheit. Dieser Hass kann sich aus Gründen der Zweckmäßigkeit verdeckt halten. Doch in manchen Fällen (nicht immer) erhöht die Notwendigkeit des Schweigens die vergiftende Wirkung.
3. Der Hass wiegelt zum Kampf auf – Dies ist eine zwingende Konsequenz. Wer sich nicht wohl fühlt in einer Umgebung, bemüht sich, sie zu verändern. Und wenn er Hindernisse vorfindet, bemüht er sich, sie zu beseitigen. Wenn sie sie nicht friedlich beseitigen lassen, kommt es zum Kampf.

4. Der Kampf führt zum Proselytismus und zur Vereinigung der Kräfte – Es ist natürlich, dass eine Gruppe schlechter Menschen die Gleichgesinnten anzieht wie ein Magnet, wie es der hl. Don Bosco beschrieben hat. Es ist aber auch ganz natürlich, dass durch die Tendenz alles lebendigen sich zu entfalten, sie auf der Suche nach neuen Soldaten für den Kampf ist, und die Zahl der Anhänger zu vergrößern versucht. Die Vereinigung der Kräfte kommt von einem natürlichen Gesetz, so dass es hierfür keiner Erklärung bedarf.

5. Aus der Dauerhaftigkeit dieser Bemühungen entsteht eine Organisation – Auch das ist einleuchtend. Elemente, die dauerhaft unter sich verbunden sind durch eine tiefe Affinität der Gedanken, Einheitlichkeit der Ziele und einen engen Zusammenschluss der Bemühungen, werden bald ein ideologisches System hervorbringen, ein gemeinsames Aktionsprogramm und -techniken aufstellen und ein leitendes Organ bilden. In diesem Moment ist der Weg vorgezeichnet, der von der einfachen Tatsache, dass einige "Böse" existieren, die ihre Existenz untereinander ahnen und sich zusammentun, bis hin zur Bildung eines Vereins, einer Organisation. Geheim wie die Freimaurer, Halbgeheim wie der Jansenismus oder der Modernismus es waren, offen wie der Protestantismus oder der Kommunismus, nimmt sich dieser Verein vor, auf allen Gebieten – auf ideologischem, der Kunst, sozialem, wirtschaftlichem usw. – seine Ziele zu erreichen. Mit einem Wort, unternimmt Revolution.

Der Hass gegen das Gute

    Der Motor all dieser Folgen von Phänomenen ist der Hass gegen das Gute. Dieser Hass wird geboren aus der Perversion, wenn diese einen bestimmten Tiefengrad erreicht hat.
    Ich bestehe auf diese Behauptung. Und ich weiß, wenn die Perversion eine gewisse Tiefe erreicht hat, erweckt sie diese mysteriöse Fähigkeit zum gegenseitigen Finden und Organisieren, die der hl. Don Bosco beschreibt und die der Ausgangspunkt jeder organisierten Revolution ist. Eine große Zahl Menschen sympathisiert mit den Guten; wenn sie eine Sünde begehen, fühlen sie Scham und Traurigkeit. Von diesen, solange sie nicht moralisch tiefer fallen, ist keine Verschwörung zu befürchten. In anderen Verletzt die Perversion schwer die Demut, bis hin zur zynischen Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde, und sogar eine Rebellion gegen die Guten und das Gute.
    Man sage nicht, dass es einem rationellen Wesen nicht möglich ist, das Gute zu hassen. Es ist angebracht hier die „Unterscheidungen“ zu nennen, die das Thema beinhaltet. Erinnern wir nebenbei daran, dass, wenn es so wäre, hätten die bösen Engel, Gott, das höchste Gut, nicht gehasst. Außerdem kann diese Aversion, einer einfachen Antipathie entsprechen. Diese kann Missverständnisse, Reibungen, Zwischenfälle hervorrufen, ohne deshalb schon eine Verschwörung oder einen Kampf herbeizuführen. Es gibt aber auch Fälle, in denen eine sehr aggressive Haltung vorkommen kann. Hier scheint der Hass Kains gegen seinen Bruder Abel charakteristisch zu sein. Mehr noch der Hass des Sanhedrin gegenüber Unseren Herrn.
    Um von dieser erhabenen Tatsache zu einer gegenwärtigen zu kommen, erinnere ich mich einer Meldung, die ich kürzlich gelesen habe. In den USA überfiel eine Gruppe Play-girls eine junge Kollegin und versetzten sie in einem erbärmlichen Zustand. Von der Polizei befragt, erklärten die Missetäterinnen, eigentlich nichts gegen das Opfer zu haben. Der einzige Grund ihres gewalttätigen Verhaltens war, das ihre Kollegin dermaßen korrekt und beispielhaft in ihren Schulverpflichtungen, in ihrem Benehmen, in ihrer Kleidung war, dass die einfache Tatsache ihrer Gegenwart unausstehlich für sie war. Wenn wir uns diese temperamentale Haltung, nicht bei Furien ohne Vernunft und Gelassenheit vorstellen, sondern bei ausgeglichenen, klugen und eisernen Persönlichkeiten, werden wir das entdeckt haben, was eine mächtige und gefährliche Organisation hervorbringt, die das Ende einer historischen Epoche verursachen kann.
    All diese Erwägungen sind allgemein bekannt, vor allem wenn individuell analysiert. Doch präsentieren sie sich gewöhnlich vereinzelt und verwirrt. Werden sie aufgedeckt und in einem Block von Lehren und Beobachtungen zusammengeführt, vernehmen wir etwas neues. In wenigen Worten möchte ich aufzeigen, in was dieses etwas besteht.

Sympathie und Mitschuld der Gemäßigten

    Nachdem, was wir bis jetzt gesehen haben, wurden zwei Aspekte hervorgehoben: Einer bringt die Revolution hervor; der andere, angesichts der Revolution, zu welcher Handlung verleitet er?
    Anhand des Prinzips der Anziehungskraft des Bösen durch das Böse (simile simili gaudet), das eigentlich die Grunderklärung des vom hl. Don Bosco beobachteten Phänomens ist, kann man folgern, dass das subtile Böse vom mächtigeren angezogen, hypnotisiert und beherrscht wird. So erklärt sich, dass die gemäßigten Strömungen der Revolution niemals ernsthaft und durchhaltend gegen die extremen Strömungen kämpfen. Die Girondisten des 18. Jahrhunderts, die Anhänger der parlamentarischen Monarchie in England im 19., die Anhänger des Kerensky im 20. Jahrhundert, wenn sie vor die Revolution gestellt werden, gaben sie immer nach, selbst wenn sie mit Waffen gegen sie gekämpft hatten und sie für einige Zeit besiegt hatten. So besiegte die französische Bourgeoisie die Pariser Kommune und schien der Revolution einen Damm entgegenzusetzen. Doch sobald sie an die Macht kam, favorisierte diese gleiche Bourgeoisie den Vormarsch des revolutionären Prozesses. Mehr noch. Angesichts der Revolution und der Gegenrevolution, schweben die moderaten Revolutionäre ohne sich zu entscheiden und versuchen absurde Versöhnungen vorzuschlagen. Am Ende begünstigen sie systematisch die erste gegen die zweite.
    Wie erklärt sich das, wenn doch so oft die höchsten und offenkundigsten wirtschaftlichen Interessen, die ehrenhaftesten Auszeichnungen, die tiefe traditionelle Bildung, nahe und zärtliche verwandschaftliche und freundschaftliche Gründe die Moderaten dazu bringen sollten, sich der Gegenrevolution anzuschließen? Wie viele talentierte Menschen gab es in den Reihen der Mäßigen, die jede Intellektuelle Möglichkeiten hatten, einzusehen, dass ihr ewiges Nachgeben sie in den Abgrund führte, und mit ihnen ihre ganze Nachkommenschaft. Und doch gaben sie systematisch nach, als ob dieser Abgrund sie faszinierte. Warum?
    Die Antwort auf diese Frage würde den wesentlichen Grund der systematischen Siege der Extremisten im revolutionären Prozess erklären, denn diese waren immer oder fast immer eine Minderheit, mit wenig Glanz oder spärlichen finanziellen Mitteln ausgestattet. Ihre Siege waren in der Mehrheit der Fälle das Ergebnis der Schüchternheit, der Blindheit und der Resignierung der Mäßigen, die in der Regel reich, einflussreich,  zahlreich waren, aber stets zur Hilfe der Extremisten bereit. Sie bevorzugten eher alles, als die Reihen der GR ernsthaft zu unterstützen, die in der Regel ebenso nicht zahlreich waren und auch nur über karge Mittel verfügten.
    Sicher sind Untätigkeit und Angst die Eigenschaften der reichen Klassen und erklären in etwa dieses Phänomen. Für uns aber erklärt das nicht alles. Denn, auf der einen Seite sind nicht alle reichen Klassen schwankend und ängstlich. Zum Beispiel, war der europäische Adel in der Zeit der Kreuzzüge und der Reconquista von dieser Krankheit nicht befallen. Es sind also die dekadenten Eliten, die an diesem Übel erkranken.

Antipathie gegenüber der Gegenrevolution

    Doch auch die Angst der dekadenten Eliten erklärt nicht alles. Es ist offenbar, wenn sie auf der einen Seite Angst vor dem revolutionären Extremismus haben, so äußern sie beiläufig und unbeabsichtigt Sympathiegedanken für diesen Extremismus. Auf der anderen Seite zeigen sie gegenüber dem gegenrevolutionären Radikalismus keine Angst, aber systematische und nicht verheimlichte Antipathie. Diese so beständige und impulsive Sympathie und Antipathie spielen unweigerlich eine Rolle, die man nicht unterschätzen darf, wenn man die Haltung der revolutionären Gemäßigten in Betracht zieht.
    Wie erklärt sich diese Sympathie? Nach was richtet sie sich? Die Gemäßigten, die anscheinend dem Geld, der Gesundheit und den revolutionären Belustigungen sehr anhängen, befürchten nur wenige Ansteckungspunkte. Sind sie in diesem Fall uneigennützige Idealisten (im schlechten Sinn des Wortes)? Dem Anschein nach, nicht. Doch die Tatsachen, genau beobachtet, zeigen, dass sie in gewisser Weise es sind, und das dieser "Idealismus" eine tiefgründige Rolle in ihre Psychologie und in ihren Handlungen spielt. Auf welche Weise?
    Der revolutionäre Geist besteht aus einer schweren doktrinären und moralischen Missbildung. Trotz der Koexistenz in vielen Fällen mit unversehrten Bräuchen und eindeutiger Ehrlichkeit im Handeln. Der hl. Pius X. in seiner Enzyklika "Pascendi" richtet seine Aufmerksamkeit auf diesen Punkt, was die Modernisten betrifft. Wer diese Geisteshaltung besitzt, wenn auch nur durch Anteilnahme, fügt sich in die mysteriöse Dynamik des Bösen ein, die vom hl. Don Bosco beschrieben wird. Die revolutionäre Geistes-haltung, bringt selbst in gemäßigter Form diese Fähigkeit der Erkenntnis und der dynamischen Artikulierung hervor. Dieses Phänomen ist eine tiefe Antipathie, wenn auch diskret und fast unbemerkt, gegen alles was sich der Revolution entgegensetzt.
    Diese Antipathie hat die Eigenschaft, dass sie sich nie irrt: jede auch noch so subtile und verschleierte gegenrevolutionäre Äußerung wird von ihr ausgesondert, verworfen und angefeindet. Und deshalb, ohne dass dieses Opfer die Initiative ergreift ihre eigenen Interessen der Revolution zu opfern, akzeptiert sie sie jedoch ohne zu protestieren und tröstet sich vielleicht sogar dadurch, das ihre tiefe Antipathie zur Gegenrevolution durch die Fortschritte der Revolution Genugtuung erfährt.
    Diese Tatsache ist erstaunlich. Sie wäre nicht glaubhaft, wenn sie in der Welt nicht offensichtlich wäre. Wie viele aristokratische oder bürgerliche Sippen gibt es, die von der Revolution zerstört und vertrieben wurden, und auf jeglichen Kampf verzichten, aber resigniert, schier froh, dahinleben, in einer verborgenen und fast proletarischen Existenz, perfekt integriert in der modernen revolutionären Welt, dessen Opfer sie selbst sind. Ich denke hier an die unzähligen Russen im Exil und besonders an so viele Priester der schismatischen orthodoxen Kirche, die sich um nichts anderes kümmern, als um zu einer Einigung mit dem Kommunismus zu kommen. Mutlosigkeit? Zum Teil schon. Aber ohne Zorn, fast mit Freude, in der man klar das Lächeln einer geheimen, vielleicht unterbewussten Sympathie durchschaut. Man sieht hier klar, dass die Weltgeschichte nicht von Interessen regiert wird, und dass sie nicht hauptsächlich aus Interessenkonflikte besteht, sondern aus Prinzipien, einem Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum, Gut und Böse zwischen Licht und Finsternis.

Die Rolle des Teufels

    Welche Rolle spielt der Teufel in diesem Kampf? Oder, wenigstens, wie wirkt er in dem vom hl. Don Bosco beschriebenen Phänomen?
    Im zitierten Text nimmt der Heilige die Mitwirkung des Teufels als plausibel an. Unserer Meinung nach sind wir überzeugt, dass sie immens ist. Doch dieser Aspekt des Themas ist nicht Teil dieses Artikels, in dem wir kurz die psychologischen Umrisse aus Sicht der natürlichen Ordnung skizzieren wollten, die autonom aktiv sind, auf die aber der Teufel seinen Einfluss ausüben kann und es sehr oft tut mit äußerster Wirksamkeit, um aus den Menschen gefügige Instrumente und Opfer der Revolution zu machen, deren Urheber er war und der wichtigste Faktor ihres Fortschreitens ist.

Originaltitel: „Una observación de San Juan Bosco esclarece la causa de la Revolución“ in „Cruzado Español“, Madrid, Nr. 55-56 vom 1. und 15. Juli 1960, S. 1.

Montag, 27. Februar 2012

Ist das Ende der moralischen und geistigen Krise des Abendlandes in Sicht?


von Plinio Corrêa de Oliveira


       Papst Leo XIII. lehrt uns in seinem Rundschreiben „Annum ingressi sumus“, dass die heutige Welt mit ihrem Fortschritt, ihren Krisen, ihrem Reichtum und ihren Schwächen eine Frucht von zwei nicht nur verschiedenen, sondern sogar entgegengesetzten Einflüssen ist. Zum einen ist die von der Kirche aufgebaute christlichen Zivilisation auf dem Fundament des Glaubens, der Reinheit, der Disziplin und des Heldentums begründet, das die Missionare des Frühmittelalters in die Seelen der Barbaren eingepflanzt haben. Zum anderen ist da die skeptische, sinnliche, egoistische und stets zur Aufwiegelung bereite Welt, die ihren Ursprung hat in der protestantischen Reformation, sich weiter entwickelte in der Französischen Revolution und heute die Irrtümer der kommunistischen Auflehnung zu verbreiten versucht.

      Dieser tiefe Gedanke Leos XIII., der eigentlich das Leitmotiv beim Unterricht der mittelalterlichen, modernen und zeitgenössischen Geschichte in den katholischen Schulen und Universitäten sein sollte, erklärt das Wesentliche der großen Krise unserer Zeit.

Die christliche Auffassung von Gott und Schöpfung
     
      Gemäß der katholischen Lehre ist Gott ein persönliches, transzendentales Wesen, das Wesen par excellence, das in sich alle Vollkommenheit birgt. Alle anderen Wesen wurden aus dem Nichts von Gott geschaffen und würden zum Nichts zurückkehren, wenn Gott ihr Bestehen nicht ununterbrochen erhielte. Ihre Eigenschaften sind nicht mehr als eine Widerspiegelung seiner eigenen Vollkommenheit. Ihr einziges Ziel besteht darin, Gott zu dienen und ihn zu verherrlichen. Zwischen Gott und den Geschöpfen besteht also die größte Ungleichheit, die man sich vorstellen kann.
      Ihrerseits, sind die Geschöpfe unter sich ungleich. Die Engel sind reine Geister. Nach ihnen kommen die Menschen, die zugleich Geist und Körper besitzen; dann, in herabsteigender Rangordnung, die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien. Jede dieser Kategorien weist ihrerseits eine Hierarchie auf. Die Engel sind in neun ungleichen Chören unterteilt. Die Menschen wurden zu einem unterschiedlichen Grad der Heiligkeit berufen und sind vor Gott unterschiedlich in den Reihen der glorreichen, sühnenden oder streitenden Kirche platziert, je nach dem wie sie der Gnade entsprochen haben oder entsprechen.
Auch wenn wir die Struktur der Kirche betrachten, wie viele Ungleichheiten kommen da zum Vorschein! Die Kirche setzt sich aus zwei extrem unterschiedlichen Teilen zusammen: Erstens, die Hierarchie, der die Aufgabe zukommt, das Volk zu führen, zu lehren und zu heiligen und zweitens, die Laien, die geführt, gelehrt und geheiligt werden.



Jesus Christus, der Gott-Mensch

      Beim betrachten dieser Ungleichheiten, darf man die göttliche und menschliche Person Unseres Herrn Jesus Christus nicht vergessen. Als Mensch gewordenes Wort Gottes ist Er über alle Geschöpfe erhaben, in seiner Menschlichkeit unterliegt Er der Natur der Engel, die ihn aber zugleich in seiner Göttlichkeit und Menschlichkeit anbeten.
Und die Jungfrau Maria, als Mutter des Gott-Menschen, obwohl sie Gott unendlich untergeordnet und auch, was die Natur betrifft, den Engeln unterlegen ist, verdient sie es, dass ihr gedient wird als Königin der Engel.



Die Tugend der Demut

      Die Demut ist die Tugend, die den Menschen dazu führt, die unendliche Überlegenheit Gottes und die begrenzte Überlegenheit der anderen Geschöpfe, sei es durch Talent, Schönheit, Reichtum oder Tugend, zu lieben.
      In einer Welt, in der Demut herrscht, ist die Hierarchie eine zu lieben würdige Selbstverständlichkeit. Hört aber die Demut auf zu bestehen, sind der Hass gegen die Hierarchie, der Durst nach Gleichstellung und folgend nach der Revolution unvermeidlich. Demut und Hierarchie, Hochmut und Auflehnung sind also zusammenhängende Begriffe.



Folgen des Hochmuts

      Als der Hochmut innerhalb der hierarchischen Kirche zum Ausbruch kam, erzeugte er den Protestantismus, der die freie Bibelauslegung einführte, das kirchliche Lehramt verneinte und aus jedem Menschen einen Papst für sich selbst machte. Es gab zwar weiterhin im Protestantismus Geistliche und Laien, der Unterschied zwischen ihnen aber war nur akzidentell. Einige Zweige des Protestantismus haben nicht nur den Papst durch den Bruch abgeschafft, sondern auch die Bischöfe; weiter andere auch die Priester. Die religiösen Ordensgemeinschaften wurden aufgelöst. Die Verehrung der Engel und Heiligen wurden abgeschafft und die Herrschaft Mariens über die ganze Schöpfung wurden verneint.
In einer zweiten Phase stürzte sich der gleichmacherische Hochmut auf die weltliche Hierarchie. Nach derselben revolutionären Logik wurden die Könige und die verschiedenen Abstufungen des Adels und der Aristokratie abgeschafft. Das "Dogma" der freien Auslegung rief das "Dogma" der Volksherrschaft hervor.
       Dies war die Arbeit der Französischen Revolution von 1789.
       Es blieb noch die Ungleichheit der Vermögen. Der marxistische Sozialismus und der Kommunismus übernahmen auf diesem Gebiet später dasselbe, was die protestantische und die Französische Revolution im kirchlichem und weltlichem Bereich unternommen hatten.
Es sollte auf der Welt keinen Gott, keinen Papst, keine Bischöfe, Priester, Könige, Herren und Obrigkeiten mehr geben.



Auflehnung gegen den Glauben

      Der Glaube, ein Hauptzug der christlichen Seele, ist auch, unter gewissen Aspekten, ein Akt der Demut. Der Mensch nimmt die offenbarten Wahrheiten an, nicht, weil er sie kraft seines Verstandes entdeckt hat, sondern weil Gott sie geoffenbart hat.
      Der Hochmut bäumte sich gegen die Offenbarung auf. Der Protestantismus entartete in Deismus, der Deismus in Pantheismus. Dieser ist die Behauptung, dass alles Gott sei. Wenn aber alles Gott ist, dann hätte die Gleichheit im ganzen Kosmos gesiegt. Denn, wenn alles aus der Natur her göttlich ist, dann ist alles wesentlich gleich.



Reinheit und freie Liebe

      Noch ein Wort über die Keuschheit.
      Nach der katholischen Morallehre ist der Geschlechtsverkehr nur innerhalb der monogamen und unauflöslichen Ehe erlaubt. Der Stand der vollkommenen Keuschheit, der von Klerikern und Ordensleuten streng bewahrt werden muss, ist auch bei den Laien sehr lobenswert. Hierin sieht man den Sieg der Disziplin über die Gefühle.
      Der Protestantismus, der Feind aller Bremsen, begann mit der Abschaffung des priesterlichen Zölibats und der Einführung der Ehescheidung. Luther ging sogar so weit, dass er die Polygamie zuließ, wenn es sich um Prinzen handelte. Die Französische Revolution hat die Ehescheidung in die Gesetzgebung der katholischen Länder eingeführt. Marx ging noch weiter: Er wollte die Eheschließung völlig abschaffen. Das war der Paroxysmus der Auflehnung gegen jegliche Autorität, gegen jedes Gesetz, gegen jeden Zügel (1).



Wer wird siegen?

Wer wird in diesem großen Kampf siegen?
Die Wolken, die vor uns stehen, sind keinesfalls rosig. Aber wir sind durch eine unbesiegbare Gewissheit beseelt, dass die Kirche nicht untergehen wird - was offensichtlich ist, wenn man das göttliche Versprechen in Erwägung zieht -, sondern zu einem Triumph kommen wird, der noch größer sein wird als der Sieg der Christen bei Lepanto im 16. Jahrhundert.
Wie? Wann? Die Zukunft gehört Gott allein. Was aber sicher ist, ist die Tatsache, dass der Heilige Geist weiterhin bewundernswerte geistige Kräfte des Glaubens, der Reinheit, des Gehorsams und der Hingabe innerhalb der Kirche hervorruft. Mit der Hilfe der Heiligen Jungfrau Maria werden sie, bei geeigneter Gelegenheit, den christlichen Namen mit Ruhm bedecken.



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(1) Jetzt werden sogar die letzten Schranken beseitigt, die die Menschen von den schlimmsten Sünden trennten. Durch die Abtreibung, die Euthanasie und das Klonen usurpiert der Mensch das Gott einzig und allein gehörende Recht auf Verfügung über das Leben. Durch die Legalisierung der Homosexualität vergewaltigt er die Ordnung der Natur, der alle Menschen folgen müssen. Und durch die esoterischen und satanischen Rituale, die sich rasant bei unserer Jugend verbreiten, beginnt er damit, den Teufel anstelle Gottes anzubeten.