Zum
zweiten Mal in diesem Jahrhundert steht Spanien am Scheideweg. Und diesmal sind
die Umstände, unter denen die glorreiche Nation eine Entscheidung treffen muss,
weitaus tragischer.
Diese Aussage mag schockierend klingen.
Während des Bürgerkriegs fegte der Wind aller
Tragödien unerbittlich über spanisches Gebiet. Und nur um den Preis
unermesslicher Opfer gelang es dem gesunden, mehrheitlich spanischen Volk, sich
gegen den anderen Teil der Bevölkerung durchzusetzen, der vom Kommunismus
zerfressen war. Nun hingegen besteigt ein junger König ruhig den Thron, unter
dessen Lächeln die Nation zu erstrahlen scheint. Es stimmt, dass es Unruhen im
Land gibt. – Aber was sind diese im Vergleich zu den Erschütterungen des
Bürgerkriegs?
Für
einen nachdenklichen Beobachter steht jedoch fest, dass die gegenwärtige
Situation in Spanien weitaus tragischer ist. Und das liegt daran, dass die
Tragik einer Entscheidung viel weniger im Ausmaß der Opfer liegt, die für die
Wahl des Guten notwendig sein mögen; das Tragischste liegt in der
Unentschlossenheit hinsichtlich der Wahl des wahren Weges.
Von 1936 bis 1939 zögerte die überwiegende Mehrheit der Spanier nicht. Durch heldenhaften Kampf brachten sie den nötigen Tribut, um den Weg zu gehen, den sie als unzweifelhaft richtig erkannten.
Und 1975 zögert Spanien…
* *
* * *
Wir
wollen damit nicht sagen, dass die Mehrheit der Spanier unentschlossen ist, ob
sie den vom Kommunismus vorgezeichneten Weg gehen soll oder nicht. Sie lehnen
diesen Weg eindeutig ab. Doch die Unentschlossenheit ist anderer Natur.
Bis
zum Ende des Zweiten Weltkriegs stellte der Kommunismus seine aggressive und
unnachgiebige Mentalität brutal zur Schau. Sein Aufstieg zur Macht wurde stets
als Kampf definiert. Und sein Sieg bedeutete unweigerlich ein Gemetzel für die
Besiegten.
Allmählich
änderte sich diese Haltung. Von einer politischen Reform zur nächsten, von
einer Entspannungspolitik zur nächsten, glaubte die Welt zunehmend an einen
lächelnden, freundlichen, fast liberalen Neokommunismus. Und dieses neue
kommunistische Image hat immer mehr Nichtkommunisten dazu verleitet, ihren
Gegnern gegenüber eine ähnlich freundliche Taktik anzuwenden. Die
amerikanischen Illusionen über eine Entspannung mit Kuba, genährt von der
Hoffnung auf ein vorteilhafteres Abkommen mit Fidel Castro, zeigen deutlich,
wohin die Politik des Lächelns bekennende Nichtkommunisten führen kann. In
Frankreich hätte die Kommunistische Partei niemals ein so bedeutendes
Wahlergebnis erzielt, wenn sie nicht aus bestimmten Gründen die Unterstützung
verblendeter Nichtkommunisten gewonnen hätte. In Italien ist der Vormarsch des
Kommunismus viel weniger auf die Expansion der Kommunistischen Partei
zurückzuführen als vielmehr darauf, wie leicht kommunistische Kandidaten,
hochbegabt in der Propaganda, Unterstützung unter nichtkommunistischen Wählern
fanden. Um weitere Diskussionen zu vermeiden, erinnern wir uns an den Fall
Portugal. Dieses edle Land wäre nicht in den Abgrund gestürzt, hätten die
Zentristen nicht die Illusion gehegt, gemeinsam mit Sozialisten und Kommunisten
Portugals Probleme lösen zu können.
Nun
ist das zentristische Spanien gespalten. Ein Teil glaubt an die Wirksamkeit
versöhnlicher Taktiken und sogar an eine Zusammenarbeit mit dem Kommunismus.
Doch es gibt noch mehr. Diese Illusionen über das richtige Vorgehen gegenüber
dem Kommunismus haben selbst die ehemals dezidiert rechten Kreise erfasst. Der
Carlismus ist gespalten, und Prinz Sixto de Borbón Parma hat öffentlich gegen
die linke Politik seines Bruders Prinz Hugo Carlos, des carlistischen
Thronprätendenten Spaniens, protestiert.
Niemand
sollte in dieser tiefen Uneinigkeit unter den nichtkommunistischen Spaniern ein
bloßes Taktikproblem sehen. – In Wirklichkeit geht es um Taktik. Doch diese ist
nur ein Nebenaspekt des viel größeren, zugrunde liegenden Problems: Was ist
Kommunismus im Jahr 1975? Derselbe hungrige, unerbittliche Steppenbär wie vor
vierzig Jahren? Oder ein zahmer Bär, der sich mit etwas Zucker und Musik zum
Tanzen bringen lässt – ihn also mit Süßigkeiten und entspannenden Klängen
verzaubern lässt? Angesichts dieser Frage sind die Nichtkommunisten überall
gespalten. Sie gleichen einer brüchigen Mauer.
Und
diese Spaltung ist umso gravierender angesichts der tragischen Polemik in der
Kirche. Einige wollen die antikommunistische Politik aller Päpste bis Pius XII.
beibehalten. Andere hingegen entscheiden sich für die Ostpolitik des Vatikans,
die von Johannes XXIII. begonnen und von Paul VI. zu jener extremen Form
getrieben wurde, die uns heute mit Erstaunen erfüllt.
In
Spanien sind zwei der einst während des Alzamiento dynamischsten Gruppen – die
Katholiken und die Carlisten – nun durch die Spaltung geschwächt. Die
Katholiken wegen eines disziplinlosen Papstes, die Carlisten wegen eines
Thronprätendenten derselben Gesinnung.
Die Mauer
hat einen Riss bekommen... – Ja, und?
* *
* * *
Ich
habe nicht genug Platz, um die Frage zu beantworten: Wohin wird Spanien gehen?
Aber ich kann zumindest sagen, wohin Russland vordringen wird. Offensichtlich
durch die Bresche, die ein Lächeln in der Mauer des Gegners geschlagen hat.
Durch dieses Lächeln hat der Kreml größere Vorteile erlangt als durch brutalste
Gewalt.
Und
wer kann angesichts dessen die Aufrichtigkeit eines so taktisch erfolgreichen
Lächelns bezweifeln?
Hinter
der lächelnden Maske hat sich Russland nicht verändert. – Hat sich Spanien
verändert?
Es steht derzeit unter dem Druck der größten Versuchung seiner Geschichte. Ein Papst, ein karlistischer Prätendent, rät, den Bären, der mit einen lächelnd und mit eingezogenen Krallen auf uns zukommt, zu umarmen. Der junge König gewährt einigen bösen Spaniern, Agenten Russlands, Amnestie.
Lasst
uns für Spanien beten, an diesem schweren Scheideweg, oder besser gesagt,
angesichts dieser höchsten Versuchung.
Möge
die Muttergottes von Pilar* unsere Gebete und die so vieler vorsichtiger,
besonnener Spanier voller starken Glaubens erhören.
*) Die „Säulenmadonna“
in Saragossa, Patronin Spaniens. Siehe Bild oben.
Aus dem
Spanischen in Diário Las Américas, von November 1975.
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