Plinio Corrêa de Oliveiras Gedanken zur Analyse der Revolution,
zur Wiederherstellung der christlichen Ordnung
und der Aufruf zum katholischen Engagement.
In einer Zeit
tiefgreifender kultureller, sozialer und religiöser Umbrüche präsentiert sich
Plinio Corrêa de Oliveiras „Revolution und Konterrevolution“ als ein
Werk von besonderem Interesse für all jene, die die Krise der christlichen
Zivilisation aus einer dezidiert organisch-katholischen Perspektive verstehen
möchten.
Der erstmals 1959
veröffentlichte und später vom Autor erweiterte Essay beschränkt sich nicht auf
die Rekonstruktion einer Abfolge historischer Ereignisse. Corrêa de Oliveira
schlägt vielmehr einen allgemeinen Deutungsschlüssel vor, demzufolge einige bedeutende
Veränderungen der modernen und zeitgenössischen Geschichte einem einzigen
revolutionären Prozess zugeschrieben werden können, der durch die
fortschreitende Infragestellung der christlichen Ordnung gekennzeichnet ist.
Ungeachtet dessen, ob alle
Thesen geteilt werden oder nicht, besitzt das Werk eine bemerkenswerte
provokative Kraft: Es lädt den Leser ein, die kulturellen und spirituellen
Wurzeln der Umwälzungen im Westen und die Rolle der Katholiken angesichts
dieser Umwälzungen zu hinterfragen.
1. Die Revolution als
historischer und spiritueller Prozess
Ein zentrales Element des
Werkes ist die Definition der Revolution nicht als einzelnes politisches
Ereignis, sondern als ein fortwährender Prozess, der – so der Autor – eine
eigene innere Kohärenz besitzt.
Dr. Plinio (wie er von
Freunden und Schülern genannt wurde) identifiziert Stolz und Sinnlichkeit als
die beiden grundlegenden Leidenschaften, die dem revolutionären Geist zugrunde
liegen. Stolz verleitet den Menschen dazu, jede Form von Überlegenheit, Hierarchie
und Autorität abzulehnen; Sinnlichkeit hingegen verleitet ihn dazu, die Grenzen
von Moral und Disziplin zu verwerfen.
Auf dieser Grundlage
interpretiert der Autor bedeutende Abschnitte der westlichen Geschichte – von
der protestantischen Pseudo-Reformation bis zur Französischen Revolution und
die Ausbreitung des Kommunismus– als verschiedene Momente desselben Prozesses
der fortschreitenden Abkehr von der christlichen Ordnung.
In der weiteren
Ausarbeitung des Buches dehnt Corrêa de Oliveira diese Lesart auch auf
zeitgenössische Phänomene aus, die er als Ausdruck der „Vierten Revolution“
definiert. Diese ist in seiner Interpretation durch die Ablehnung
hierarchischer Strukturen und die Auflösung traditioneller Formen von
Autorität, Familie und Gesellschaft gekennzeichnet.
Genau diese einheitliche
Geschichtsauffassung stellt einen der charakteristischsten – und
meistdiskutierten – Aspekte des Werkes dar.
2. Die Gegenrevolution
als Wiederherstellung der Ordnung
Nach Ansicht des Autors
entspricht die Diagnose der Revolution dem Vorschlag der Gegenrevolution.
Der Begriff bezeichnet
nicht einfach eine politische Reaktion oder die Verteidigung einer bestimmten
Gesellschaftsordnung. Für Corrêa de Oliveira bezeichnet Ordnung vor allem eine
Bewegung zur Wiederherstellung der Ordnung im christlichen und moralischen
Sinne.
Ordnung ist aus seiner
Sicht nicht gleichzusetzen mit bloßer sozialer Stabilität. Sie ist eine tiefere
Wirklichkeit, die auf der Anerkennung der Souveränität Gottes, des
Sittengesetzes und der Harmonie zwischen den verschiedenen Teilen der
Gesellschaft beruht. Das historische Vorbild, das er betrachtet, ist vor allem
die mittelalterliche christliche Zivilisation, die als einer der
vollständigsten Ausdrucksformen des Einflusses des Evangeliums auf das
öffentliche Leben gilt. Daraus resultiert ein anspruchsvolles Verständnis der
katholischen Berufung: Der Glaube soll nicht auf den privaten Bereich
beschränkt bleiben, sondern auch Kultur, Familie, Institutionen und das
gesellschaftliche Leben prägen.
3. Das Problem der
Neutralität
Eine der radikalsten
Konsequenzen von Corrêa de Oliveiras Perspektive betrifft die Frage der
Neutralität.
Angesichts des Konflikts
zwischen dem christlichen Ordnungsbegriff und dem revolutionären Geist reiche
es laut dem Autor nicht aus, eine allgemein gemäßigte Position einzunehmen.
Daher warnt er auch vor der Gefahr des sogenannten „Halb-Gegenrevolutionärs“:
jemand, der zwar einige Aspekte der christlichen Ordnung anerkennt, aber in
seiner eigenen Denkweise oder seinem Verhalten Elemente beibehält, die sich auf
den Geist zurückführen lassen, den er zu bekämpfen gedenkt.
Die Gegenrevolution wird
daher in erster Linie als innere Transformation verstanden. Sie kann nicht bloß
ein Kampf der Ideen oder ein politisches Projekt sein: Sie erfordert, so der
Autor, eine intellektuelle und spirituelle Bildung, die die eigene Mentalität
beeinflussen kann.
Dies ist eine der
Passagen, in denen das Buch seinen Charakter als Manifest – neben seiner
Funktion als historischer und soziologischer Essay – am deutlichsten zeigt.
4. Die Krise der Kirche
und katholische Urteilsbildung
Die von Corrêa de Oliveira
vorgeschlagene Lesart gewinnt für seine Anhänger besondere Relevanz im Hinblick
auf die innere Krise der katholischen Welt.
Der Autor betont nämlich,
dass der revolutionäre Geist nicht nur außerhalb der Kirche wirkt, sondern auch
die Mentalität ihrer eigenen Mitglieder durchdringen kann. Daher ist eine
sorgfältige Unterscheidung der kulturellen und theologischen Strömungen notwendig,
die nach dieser Perspektive die katholische Lehre, Disziplin und Identität zu
schwächen drohen.
Begriffe wie die „lächelnde
Revolution“ und die vom Autor beschriebene psychologische Kriegsführung
dienen genau dazu, Formen des Wandels aufzuzeigen, die sich nicht zwangsläufig
aggressiv oder offen antichristlich äußern, sondern durch die fortschreitende
Transformation von Mentalitäten wirken können.
Auch in diesem Bereich
regt das Buch weiterhin Diskussionen an: Seine Interpretation der kirchlichen
Krise ist stark kämpferisch und setzt ein präzises Verständnis von Tradition,
Autorität und Sendung der Kirche voraus.
5. Von der Diagnose zur
Hoffnung
Trotz der dramatischen
Natur der Diagnose endet „Revolution und Gegenrevolution“ nicht mit
einer pessimistischen Geschichtsbetrachtung.
Die Hoffnung des Autors
ist vor allem eine übernatürliche Hoffnung. Die Gegenrevolution gründet sich
seiner Ansicht nach nicht allein auf menschliche Fähigkeiten, sondern auf die
Gewissheit, dass die Kirche einer göttlichen Vorsehung angehört, die keine
historische Krise endgültig auslöschen kann.
In diesem Licht gewinnt
der Bezug zu Fatima besondere Bedeutung. Die Verheißung des Triumphes des
Unbefleckten Herzens Mariens wird für den Katholiken, der Corrêa de Oliveiras
Vision teilt, zum Grund der Hoffnung und zugleich zur Aufforderung, Verantwortung
zu übernehmen.
Der kulturelle und
spirituelle Kampf wird daher nicht als bloßer politischer Kampf dargestellt: Er
ist Teil einer umfassenderen Berufung zur Treue gegenüber der Kirche und zur
sozialen Herrschaft Christi.
Eine nach wie vor
anregende Lektüre
Der Wert von „Revolution
und Gegenrevolution“ liegt nicht zwangsläufig darin, dass jede historische
Interpretation vorbehaltlos akzeptiert werden muss. Sein Reiz liegt auch in
seiner Fähigkeit, eine umfassende und kohärente Sicht der Geschichte zu entwerfen
und den Leser mit zentralen Fragen zu konfrontieren: Welches Verhältnis sollte
zwischen Glauben und Gesellschaft bestehen? Was sind die kulturellen Wurzeln
der Säkularisierung? Was bedeutet es konkret, eine christliche Ordnung zu
verteidigen? Und welche Verantwortung trägt der Gläubige angesichts der
Umbrüche seiner Zeit?
Für den Katholiken, der
die Annahmen des Autors teilt, kann das Buch weit mehr als eine historische
Lektüre sein: Es kann ein Instrument der Glaubensbildung und ein Aufruf zum
Engagement sein.
„Revolution und Gegenrevolution“
aus dieser Perspektive zu lesen bedeutet, eingeladen zu sein, eine rein passive
Haltung angesichts der Umbrüche in der Welt zu überwinden und sich wieder
bewusst zu machen, dass der Glaube auch eine kulturelle und soziale Dimension
hat.
Genau diese
Herausforderung hat unser geliebter Dr. Plinio ins Leben gerufen: die Dynamik
der Krise zu verstehen, die ihr zugrunde liegenden Ideen zu erkennen und vor
allem uns zu fragen, welchen Beitrag jeder Katholik zur Verteidigung und
Erneuerung der christlichen Zivilisation leisten kann.
Für all jene, die ihr
Verständnis des Verhältnisses von Glaube, Kultur und Geschichte im Westen aus
traditionell katholischer Perspektive vertiefen möchten, ist „Revolution und
Gegenrevolution“ auch Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung noch
immer ein Buch, das provoziert, spaltet und vor allem zum Nachdenken anregt.
Aus dem Italienischen in

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