Donnerstag, 7. April 2016

Der Kreuzritter des 20. Jahrhunderts


Kapitel III
  
5. Der Höhepunkt des „Legionário“

  
     Am 3. Mai 1938 wurde die neue Druckerei des Legionário in Gegenwart des Erzbischofs von São Paulo, Dom Duarte Leopoldo e Silva [49], und der kirchlichen, geistlichen und gesellschaftlichen Prominenz der Landeshauptstadt eingeweiht. Aus ganz Brasilien trafen zahlreiche Grußbotschaften von Abonnenten und Sympathisanten ein, die nicht persönlich an dem Ereignis teilnehmen konnten. Unter diesen verdient besondere Hervorhebung ein Brief des Bischofs von Campos, Octaviano Pereira de Albuquerque, eine der berühmtesten Persönlichkeiten im brasilianischen Klerus. Dieser Brief soll hier im vollen Wortlaut wiedergegeben werden, da er ein beredtes Zeugnis von der Atmosphäre der Hochachtung und Bewunderung ablegt, die zu dieser Zeit den Legionário umgab. Der an Plinio Corrêa de Oliveira gerichtete Brief trägt das Datum vom 18. April 1938:
Bischof Octaviano Pereira de Albuquerque
     „Da Sie mich immer wieder mit der Zusendung Ihres Wochenblatts Legionário beehren, dessen Lektüre ich der anderer Blätter vorziehe, sehe ich mich gedrängt, Ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche zu all dem Guten übermitteln, das es der Gesellschaft tut. Mit dem vorzüglichen Einsatz Ihrer intellektuellen Tätigkeit zeigen Sie, dass Sie seit dem frühesten Kindesalter eine vorbildliche religiöse Erziehung genossen haben und dass Sie es verstanden haben, sich von vorzüglichen Lehrmeistern leiten zu lassen, die Sie befähigt haben, Schriftleiter eines katholischen Presseorgans zu werden und seine Spalten mit nützlichem, gehaltvollem Stoff über all die Themen zu füllen, die die Religion und die sozialen Fragen der Gegenwart betreffen, und dabei alles Banale und Unwichtige beiseite zu lassen. Daneben ist meiner Aufmerksamkeit auch nicht die Ernsthaftigkeit entgangen, mit der die politischen Fragen behandelt werden; unverändert wahren Sie dabei Ihre Ideale, ohne deswegen jedoch dem gegnerischen Lager mit übertriebener Heftigkeit zu begegnen; so vermeiden Sie unnötige, wenn nicht gar kontraproduktive Streitereien, die doch nur zu persönlicher Gehässigkeit führen. Mit meinen Wünschen für ein frohes Osterfest geht meine Bitte an Gott, dass er Ihnen persönlich weiterhin seinen Segen und den unentwegten Mut schenken möge, „sans peur et sans reproche“ für die Sache unserer erhabenen heiligen Religion zu kämpfen. Ihr großer Freund und Bewunderer.“ [50]
P. Réginald Garrigou-Lagrange (M)
mit Plinio Corrêa de Oliveira (L)
      Im selben Jahr kam es noch zu einem weiteren wichtigen Besuch. Im Sommer 1938 bereiste Brasilien der bekannte Dominikanerpater Réginald Garrigou-Lagrange [51], um an der unter dem Vorsitz des Apostolischen Nuntius Bento Aloisi Masella abgehaltenen Ersten Woche Thomistischer Studien in Rio teilzunehmen. Anschließend kam P. Garrigou-Lagrange nach São Paulo, wo er auch dem Redaktionsstab des Legionário einen Besuch abstattete [52]. In der Ausgabe vom 18. September 1938 ist ein Bild zu sehen, das Plinio Corrêa de Oliveira zusammen mit dem französischen Dominikaner zeigt. Auf eine Bitte des Legionário, den Satz „Die Kirche steht weder rechts noch links“ zu kommentieren, gab der berühmte Theologe folgende Antwort:
     „Persönlich bin ich ein Mann der Rechten und brauche das keineswegs zu verheimlichen. Ich glaube, dass viele, die sich der zitierten Formel bedienen, diese benutzen, weil sie die Rechte verlassen und sich der Linken zugeneigt haben; sie wollen das eine Extrem vermeiden und fallen ins entgegengesetzte, wie dies auch mit Frankreich in den letzten Jahren geschehen ist. Ich glaube auch, dass man die wahre Rechte nicht mit den falschen Rechten verwechseln sollte, die eine falsche Ordnung anstelle der richtigen verteidigen. Die wahre Rechte, die sich für die auf der Gerechtigkeit gründenden Ordnung einsetzt, scheint ein Spiegelbild dessen zu sein, was die Heilige Schrift die Rechte Gottes nennt, wenn sie sagt, dass Christus zur Rechten seines Vaters sitzt und dass die Auserwählten zur Rechten des Allerhöchsten stehen werden [53]“.

FUSSNOTEN
[49] Wir zitieren hier aus der Ansprache des Bischofs: „Mit meinem bischöflichen Herzen und aus ganzer Seele bringe ich Euch heute meinen Segen, nicht nur aus Anlass der Inbetriebnahme der Maschinen für den Druck unserer Zeitung, sondern vor allem im Hinblick auf Euren Einsatz und euren Glaubensgeist.“ (Vgl. O Legionário Nr. 295, 8. Mai 1938)
[50] Zitiert aus O Legionário Nr. 296 (15. Mai 1938). Ein Jahr darauf erhielt Dr. Plinio für den Legionário einen ebenso bedeutenden besonderen Segen Pius‘ XII., übermittelt durch Kardinal Leme, der zur Papstkrönung in Rom gewesen war. Der Brief des Kardinals trägt das Datum vom 5. April 1939 und lautet so: „Mein lieber Dr. Plinio, von ganzem Herzen danke ich Ihnen für das liebevolle Telegramm, das Sie mir nach Bahia geschickt haben. Mit Genugtuung übermittle ich Ihnen einen besonderen Segen des Heiligen Vaters für unseren unerschrockenen Legionário und seinen wohlverdienten Schriftleiter, diesen wahren Mann der katholischen Presse, sowie seine Redakteure, Wohltäter und Leser.“ (In O Legionário Nr. 346, 30. April 1939)
[51] P. Réginald Garrigou-Lagrange ist 1877 in Auch, in der Nähe von Tarbes, geboren und 1964 in Rom gestorben. Schüler der Dominikaner Cormier, Gardeil und Arintero, wurde er zu einem der größten Theologen des 20. Jahrhunderts. Vgl. seine umfangreiche Bibliographie in Angelicum Nr. 42 (1965), S. 200-272. Vgl. auch Innocenzo COLOSIO O.P., Il P. Maestro Reginald Garrigou-Lagrange. Ricordi personali di un discepolo, in Rivista di Ascetica e Mistica Nr. 9 (1964), S. 226-240; Benoît LAVAUD, Garrigou-Lagrange, in DSp, Bd. VI (1967), Sp. 128-134.
[52] Vgl. in O Legionário Nr. 309 (14. August 1938) und Nr. 310 (21. August 1938).
[53] Zitiert in O Legionário Nr. 313 (11. September 1938).

Dienstag, 5. April 2016

Warum Tradition, Familie und Privateigentum?


Weshalb Tradition, Familie und Eigentum verteidigen? 

    Die Notwendigkeit, Tradition und Familie zu verteidigen, wird im Allgemeinen sehr wohl verstanden. Was aber das Recht auf Eigentum betrifft, hat eine gezielte revolutionäre Propaganda, die auf Jean-Jacques Rousseau und Pierre-Joseph Proudhon zurückgeht, Eigentum ist Diebstahl, sogar bei Nicht­ Kommunisten und vielen Katholiken Zweifel hervorgerufen.

    Tradition 

    In zwanzig Jahrhunderten haben religiöse und zivilisatorische Handlungen der Kirche in unseren Seelen, in unserer Gesellschaft unschätzbare Werte angehäuft übernatürliche und natürliche, individuelle und soziale. Durch Generationen hindurch wurde an großen Traditionen festgehalten.

    Die Grundsätze, die für eine echte Zivilisation maßgebend sind, zu bewahren, zu verbreiten und zu verkündigen, sind für unsere christliche Tradition von großer Bedeutung.

    Familie 

    Wie jeder weiß, ist die Familie das Fundament der Gesellschaft. Jesus Christus hat die christliche Ehe zum Sakrament erhoben. Sie verleiht der Familie Stabilität, der väterlichen Autorität, Würde und Kraft. Mütterliche Liebe, kindliche Zuneigung, geschwisterliche Beziehungen, Geborgenheit sind der Inbegriff einer Familie.

    Dies müssen wir verkünden und verbreiten, um den Widerstand gegenüber der unheilvollen Ideologie, die die Ehe abschaffen, das Familienleben zerstören und der freien Bindung Tür und Tor öffnen will, zu verstärken.

    Eigentum 

Eigentum ist ein heiliges Recht, das an die menschliche Natur gebunden ist: an ihre Freiheit und an ihre Würde.

    — Der Mensch ist mit Vernunft ausgestattet und hat das Recht auf Freiheit, um gemäß seiner Zielsetzung zu handeln.

    — Diese Freiheit zu handeln, schließt das Recht auf Arbeit ein, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.

    — Das Recht auf Arbeit schließt das Recht auf die Früchte der Arbeit ein - das ist das Recht auf Eigentum. Andernfalls ist das menschliche Wesen ein Sklave ohne Freiheit, den man um die Früchte seiner Arbeit beraubt.

    Eigentum ist also das Recht, über die Früchte seiner Arbeit zu verfügen. Es entsteht aus der Freiheit und der Arbeit des Menschen.

    Im Manifest der kommunistischen Partei im Jahr 1848 haben Marx und Engels bekräftigt: „Die Kommunisten können ihre Theorie in dieser einfachen Formel zusammenfassen: Abschaffung des Privateigentums“. Diese Abschaffung führt zu einer Negation der menschlichen Person. Jemanden das Recht auf Eigentum abzustreiten bedeutet, ihm das Recht zu verweigern, über die Früchte seiner Arbeit zu verfügen, mit anderen Worten gesagt, seine Autonomie und seine Freiheit in Abrede zu stellen. 

    — Die Anerkennung der Würde des Menschen hängt eng davon ab, ob ihm das Recht auf Eigentum zuerkannt wird oder nicht. (Pius XII. in seiner Ansprache beim Kongress über Privatrecht, 1948).

    Die Möglichkeit ein Vermögen zu bilden, so bescheiden es auch sein mag, und es an seine Ehefrau und seine Kinder zu vererben, ist legitim. Die Erbschaft ist eine Einrichtung, die sich auf Familie und Eigentum bezieht und auch die Tradition einschließt, die an die nachfolgende Generation überliefert wird.

    Drei Grundsätze, die ein Ganzes bilden

    Diese Übertragung des Eigentums in der Familie entspricht einer höheren Ordnung, die auch spirituelle und kulturelle Güter einschließt. Diese Weitergabe, in der die Familie eine privilegierte und unersetzbare Rolle spielt, ist die Tradition. Sie wird von jeder Generation durch neue Erfahrungen bereichert, Unnützes wird ausgeschieden. Ohne Tradition gibt es keinen authentischen Fortschritt.

    Ohne Eigentum keine Familie, ohne Familie keine Tradition, ohne Tradition keine christliche Zivilisation. Ohne christliche Zivilisation kann der Mensch das Ziel, das ihm von Gott gesetzt wurde, nicht erreichen.

Um sich in dieses Thema zu vertiefen, empfehlen wir folgende Enzykliken: Leo XIII. Quod apostolici muneris; Rerum Novarum. Pius XI. Quadragesimo Anno. Johannes XXIII. Mater et Magistra sowie auch zwei Bücher von Prof. Plinio Correa de Oliveira Revolution und Gegen-Revolution; Adel und analoge traditionelle Eliten.

Donnerstag, 10. März 2016

Die höchste soziale Funktion des Adels:

Die Wahrung, die Verteidigung und die Verbreitung der christlichen Lehre, die in den edlen Traditionen enthalten ist, die den Adel auszeichnen


      1958 weist Papst Pius XII. in seiner Ansprache auf die Pflicht hin, gegen den modernen Sittenverfall moralischen Widerstand zu leisten; er sieht darin eine generelle Aufgabe der „hochgestellten Klassen, darunter Eure“ und meint damit das Patriziat und den Adel von Rom: „Schließlich wünschen wir, daß Euer Einfluß in der Gesellschaft Euch vor einer Gefahr beschützt, die kennzeichnend für die moderne Zeit ist. Es ist bekannt, daß die Gesellschaft Fortschritte macht, wenn die Tugenden einer ihrer Klassen sich unter den anderen Klassen verbreitet. Ebenso ist es bekannt, daß das Niveau der Gesellschaft absinkt, wenn sich Laster und Unsitten eines Teiles der Gemeinschaft auf die anderen Teile ausdehnen. Der Schwäche der menschlichen Natur wegen, kann man feststellen, daß sich besonders die Übel heute von Volk zu Volk und über die Kontinente ausbreiten, je einfacher Kommunikation, Information und persönliche Kontakte geworden sind.
Mitglieder des Römischen Patriziats und Adels
während einer päpstlichen Audienz
       Auf dem Gebiet der Moral kann das gleich beobachtet werden wie im Gesundheitswesen: Weder Entfernungen noch Grenzen können jemals einen Epidemieerreger davon abhalten, in kurzer Zeit selbst ferne Regionen zu befallen. Deshalb ist es möglich, daß die hochgestellten Klassen, darunter Eure, aufgrund vielfältiger Beziehungen und häufiger Aufenthalte in Ländern verschiedener, möglicherweise schlechterer Moral leicht zu überträgern von Sittenverwirrungen werden können.“ 1
      Im Hinblick auf den Adel definiert der Heilige Vater die Merkmale dieser Verpflichtung genauer: Es handelt sich um eine Pflicht zum Widerstand, der es vor allem auf dem Gebiet der Lehre nachzukommen gilt, die sich aber auch auf das Gebiet der Sitten erstreckt.
      „Was Euch betrifft, sorgt dafür und seid wachsam, damit schädliche Theorien und perverse Beispiele niemals mit eurer Zustimmung oder Eurer Sympathie rechnen können und vor allem in Euch keine willigen Träger finden oder die Gelegenheit, Infektionsherde zu bilden.“
      Diese Pflicht ist Bestandteil des „großen Respekts, vor den Traditionen, die Ihr besitzt und durch die Ihr Eich in der Gesellschaft auszeichnet“. Diese Traditionen bilden „einen kostbaren Schatz“, die der Adel „mitten unter dem Volk“ zu wahren hat.
      „Möglicherweise ist das heutzutage die wichtigste soziale Funktion des Adels; sicherlich ist es der größte Dienst, den ihr der Kirche und dem Vaterland erweisen könnt“, behauptet der Papst.2
      Der Adel kann den Glanz vergangener Jahrhunderte, der noch heute von ihm ausgeht und ihn hervorhebt, kaum besser verwenden als die christliche Lehre, die in den Traditionen enthalten ist, die den Adel auszeichnen, zu wahren, zu verteidigen und zu verbreiten.3
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1 Ansprachen an das Patriziat und den Adel von Rom, 1958, S. 710.
2 Ansprachen an das Patriziat und den Adel von Rom, 1958, S. 710.
3 Zum Adel als einem Faktor, der den Menschen für die Ausübung der christlichen Tugenden empfänglich macht und sie fördert, sei vor allem die Lektüre der bewundernswerten Predigt des heiligen Karl Borromäus empfohlen, die in Dokumente IV, 8 abgedruckt ist.


Quelle; „Der Adel und die vergleichbaren Eliten in den Ansprachen Papst Pius XII. an das Patriziat und den Adel Roms“, Plinio Corrêa de Oliveira, Österreichsche Gesellschaft zum Schutze von Tradition, Familie und Privateigentum - TFP, Wien 2008, Kap. IV, 9. 

Freitag, 4. März 2016

Die Bedeutung der Kreuzesliebe


Ohne die Liebe zum Kreuz Unseres Herrn Jesus Christus und deswegen ohne die Liebe zu Kampf und Opfer gibt es keine Möglichkeit zu einem wie dem von der TFP ausgeübten Apostolat auf dieser Welt.


Es besteht ein konstanter Kampf zwischen den wachsenden, hartnäckigen und bestimmten Neigungen der gegenwärtigen Welt und den Idealen der TFP, weil diese Ideale - und wir wünschen dass sie es immer mehr seien -, die Ideale sind, die aus der traditionellen Lehre der heiligen, römischen, katholischen und apostolischen Kirche entspringen. Diese Ideale werden repräsentiert und definiert durch die Zehn Gebote und all dem, was Christus der Welt durch die Frohe Botschaft des Evangeliums geschenkt hat. All dies wird aber von der gegenwärtigen sogenannten Zivilisation bestritten, überschritten und brutal verletzt.

Diesen Kampf muss die TFP tapfer auf sich nehmen, denn sie muss anderen Katholiken ein Beispiel in Bezug auf den Geist des Kreuzes in folgender Hinsicht geben: keine Furcht zu haben, das Gegenteil all dessen zu vertreten, was die gegenwärtige Welt sagt; keine Furcht zu haben, das gegenwärtige Zeitalter anzugreifen und keine Furcht zu haben, all dies - zweifellos unpopulär - auf sich zu nehmen.
Es ist ein Leben der Treue; es ist ein Leben der Freude; es ist auch ein Leben des Kampfes, in dem fast alles, was Kampf ist, auch Schwierigkeit ist. Aber es ist ein Leben, in dem wir durch die Gnaden Unserer Lieben Frau in jedem Augenblick auf der ganzen Welt Erfolg haben, denn ohne die Hilfe der Gnade hätten wir keine Hoffnung.

Ich habe den Eindruck, dass dieser Kampf immer stärker werden wird, und dass wir nicht von ruhigen zukünftigen Epochen träumen sollten, als wären sie die normale Folge dieser großen gegenwärtigen Krise. Wenn die Welt nicht die Bitten Unserer Lieben Frau erfüllt, wird diese Krise wahrscheinlich ein Crescendo erreichen, das uns schließlich den großen Endkampf erleben lassen wird, der in Fatima vorausgesagt wurde.
So weit muss unsere Hingabe reichen; so weit muss unsere Selbstverleugnung reichen; so weit muss Unser Leiden reichen: ,Per Crucem ad lucem' — durch das Kreuz zum Licht. Wir wissen, mit welcher Freude eine Seele erfüllt sein kann, wenn sie das Leben des Kreuzes führt. Wir wissen, wieviel Trost, auch welcher Frieden des Gewissens, auch wieviel Genugtuung eins zu sein, wieviel gegenseitiges Verstehen und welch grandioses Gefühl, dieselben Ideale zu haben, von all dem herrühren. Daher resultiert auch die freudenvolle — die Umgebung des immerwährenden Wohlgefallens —, die typisch ist in sämtlichen Plätzen, an denen sich die TFP versammelt.


Aber da gibt es auch die Freude des Sieges. Da gibt es auch die Freude des Trostes und die Freude des Triumphes. Und wieviel Siege, wieviel Triumphe. wieviel Trost liegen schon auf dieser unserer langen gemeinsamen Reise hinter uns!

Plinio Correa de OLiveira 

Mittwoch, 10. Februar 2016

Die Abhandlung von der wahren Andacht zu Maria vom hl. Ludwig Maria Grignon von Montfort - VIII. Teil

 VI. KAPITEL

DAS BIBLISCHE VORBILD DER GANZHINGABE: REBEKKA UND JAKOB 

Kommentare von Plinio Correa de Oliveira

In den Absätzen 184 bis 212 deutet der hl. Ludwig die Person des Jakob im Lichte der Andacht zur Muttergottes.

Die Geschichte Jakobs

Der alte Isaac war blind, er hatte zwei Söhne: Esau und Jakob.
Esau war ein Mann, dessen Persönlichkeit aus der biblischen Beschreibung hervorgeht: sehr Stark, Jäger, weilte wenig zu Hause. Er war dermaßen behaart, dass er Hand und Nacken mit einem Ziegenfall überzog, als er vor seinen Vater treten sollte; als der Vater ihn berührte, dachte er, es wäre tatsächlich Esau. Dieser verbreitete auch einen gewissen Duft, denn als Jakob, angetan mit den Kleidern seines Bruders, sich dem Vater näherte, sagte dieser: „Fürwahr, meines Sohnes Geruch ist wie des Feldes Geruch, das der Herr gesegnet hat!“ (Gen 27, 27) Er war eine primitiver Typ, unmäßigen und primitiven Begierden und Esslust ausgesetzt.
Das zeigt sich besonders an seinem Verhalten bezüglich des Linsentellers, den Rebekka für ihren Liebling Jakob bereitet hatte. Esau kam erschöpft nach Hause, sah den Linsenteller und bat ihn zu essen. Jakob sagte, er könne ihn haben, wenn er ihm sein Erstgeburtsrecht verkaufe. Esau, trotzdem er von der Jagd kam, verschlang sofort den Linsenteller mit gefräßigem Appetit und verzichtete so auf sein Erstgeburtsrecht. Er war also ein Mensch großer Begierde, kräftig, stark und überfüllt von allen unkontrollierten Naturkräften.
Da sich Isaak schon sehr alt fühlte und schon nicht mehr sehen konnte, beschloss er Esau den Segen des Erstgeborenen zu geben, bevor er sterbe. Er sagte ihm, er solle ihm ein Wildbret jagen und es vorzubereiten, wie er es gern hatte. Er wolle ihn essen und ihn dann segnen.
Rebekka aber hatte zugehört, während Isaak sprach. Als Esau gegangen war, rief sie Jakob, den sie liebte, und sagte ihm er solle zwei Ziegenböckchen bringen, sie wolle sie für Issak zubereiten. Als der Braten fertig war, ging Jakob in den Kleidern Esaus und den Ziegenfellen an Hand und Nacken zu seinem Vater. Isaak zweifelte, dass es Esau sei. Als er ihn aber berührte, meinte er, es sei wirklich Esau und gab ihm den Segen. Als Esau zurückkam und die Situation wahrnahm, protestierte er heftig, doch es war nichts mehr zu machen. Als Isaak von dem Streich erfuhr, wollte er nicht mehr – und das ist geheimnisvoll – den Segen von Jakob zurücknehmen. Esau bat dann wenigsten um einen übrig gebliebenen Segen, der ihm gewährt wurde.
Wie sich der hl. Ludwig ausdrückt, bekam Jakob den Segen des Himmels und Esau den Segen der Erde.

Deutung der Geschichte Jakobs

Diese beiden biblischen Figuren stehen für den hl. Ludwig bildlich als Symbol für die Auserwählten und der Verdammten, der von Gott Bevorzugten und nicht Bevorzugten.
Esau, Abbild der Verdammten – Esau stellt den Menschen reich an natürlichen unkontrollierten Begabungen dar. Er ist von der Art derer, die sich nicht selbst regieren und beherrschen können, in denen die Kräfte der Natur, der Wünsche, der Begierden ihn wie ein reißender Strom mitschleift und er alles ergreift, was er begehrt, geleitet von den niederen Instinkten. Esau Jagd, weil er Lust auf Jagen hat; sieht einen Linsenteller und will ihn essen, und tauscht ihn unsinnigerweise mit seinem Erstgeburtsrecht aus. Ständig lässt er sich leiten von seinen Instinkten und Gelüsten.
Jakob, Abbild der Erwählten – Jakob ist von der Art de guten Kindes, der in der Welt als ein Frömmler angesehen wird. Immer zu Hause, ist er der Mutter zugetan, die eine besondere Vorliebe für ihn hegte, als ihr jüngeres Kind. Von Natur aus ist er schwach, aber doch einer, der sich selbst zügeln kann, bei dem die Vernunft, der gesunde Verstand und das Gleichgewicht aller inneren Kräfte ihn zu einem ehrbaren und einsichtigen Leben führen. Deshalb richtet sich die Vorliebe der Mutter auf ihn und nicht auf den älteren Bruder.
Das erste Merkmal, das den Auserwählten auszeichnet ist die Sorge sich selbst regieren. Er lässt sich nicht von seinen Begierden und Wünschen leiten, sondern von seiner Vernunft und seinem Willen. Er will das, was ihm die Vernunft zeigt, was er willen soll und tut nur das, was er weiß, dass er tun soll. Er ist kein Mensch der ungeordneten Impulse und auch nicht der reinen Instinkte, auch nicht einer, der mit dem Strom schwimmt. Er steht von sich selbst aufrecht und lässt sich leiten und regieren durch seine Vernunft.
Zweitens, wird er von seiner Mutter geliebt, er ist ihr Lieblingssohn. Er ihr gegenüber sehr gefällig und hat Worte für sie, die ihr Wohlwollen anziehen. Deshalb liebt sie ihn vorzüglich.
Zuletzt, er erhält von Gott eine Rolle, die ihm auf den ersten Blick gar nicht zusteht.

Das Abbild Jakobs bezogen auf die Sklaven Mariens

Der hl. Ludwig wendet diese Eigenschaften auf diejenigen an, die die Weihe an Maria als Sklaven vollziehen.
Ein Mensch ist tatsächlich ein Gegenrevolutionär wenn er sich durch die Vernunft leiten lässt. Er ist ein Mensch der sich nach Prinzipien, Normen, Maximen orientiert und ein vernünftiges und logisches Verhalten hat.
Er wird kein gegenrevolutionär sein in dem Maße, in dem er sich von dem reißenden Strom der Spontaneität leiten lässt; wenn er nur das tun will, was ihm im Moment angenehm scheint und auf einer Art, die ihm am angenehmsten ist; wenn er alles tun will, worauf er im Moment Lust hat; wenn er ohne ernsthaften Gründen mit jedem Menschen oberflächlich sympathisiert, ohne sich zu fragen ob sie es verdienen oder nicht. Solch ein Mensch kann niemals in den Reihen der von Maria auserwählten sein. Die Voraussetzung ihr anzugehören  ist vor allem die Kontrolle, die Beherrschung, die Unterwerfung des niederen Teils des Menschen durch den höheren Teil, ohne dem nichts zu machen ist.
Es gibt also zwei Eigenschaften Jakobs, die sich hervorheben in den Auserwählten und den Sklaven Mariens. Sie geben sich nicht der Unordnung ihre Begierden hin wie Esau, erheben aber Prinzipien zum Grundsatz ihres Lebens. Des Weiteren setzt ihre Haltung eine besondere Andacht zur Muttergottes voraus. Die Tatsache, dass wir uns von der Muttergottes besonders geliebt wissen und sie besonders auch lieben, führt zu einer großen Andacht, großem Eifer und Hingabe und ständiger Zuflucht zu ihr. Finden wir diese zwei Eigenschaften, so haben wir einen Auserwählten, einen Jakob. Finden wir sie nicht, haben wir einen Esau.

Die Neigung zum Esau und die Prädestination

Wenn wir von den Auserwählten reden, ist damit nicht gemeint, dass jemand, der eine große Neigung hat, ein Esau zu sein, nicht berufen ist Jakob zu sein. Es ergibt sich fast das Gegenteil. Im geistlichen Leben werden die schönsten Kämpfe gewonnen gegen die vorherrschenden Fehler. Haben wir entdeckt, sind wir von Unserem Herrn Jesus Christus aufgerufen hervorragend in der Übung der entgegengesetzten Tugend zu sein. Wir müssen also unseren vorherrschenden Fehler kennen, um die entgegengesetzte Tugend zu üben. Diese ist unsere vorherrschende Tugend.
Was den Auserwählten auszeichnet, ist nicht dies oder jene Temperament, sondern den notwendigen Gnaden entsprochen zu haben, um diese Dinge zu sehen, um eine besondere Andacht zur Muttergottes zu haben und zu verstehen welche Pflicht zu erfüllen ist und beherzt diesen Weg gehen.

„Mein Kind, gib mir dein Herz“

Der entscheidende Punkt, mit dem der hl. Ludwig seine Abhandlung beendet ist dieser: Es gibt diejenigen, die einfach dahinleben, und andere, die gegen ihren schlechten Grund kämpfen. Es zwei grundverschiedene geistliche Familien. Wenn wir auf der Linie unseres Heils, unserer Auserwählung sein wollen, müssen wir der zweiten Familie angehören. Es der Kampf gegen diesen verhängnisvollen laissez faire, laissez passer, durch welchen sich die Seele genüsslich in den Wasser der Fantasie und der „Spontaneität“ treiben lässt. Das ist der Kreuzpunkt.
Wenn wir bereit sind diesen Kampf mutig durchzuführen, gibt es nichts, was uns nicht versprochen wird. Wenn nicht, wird alles verloren sein, wir werden keine Kinder der Verheißung sein; die Tore des Himmels werden für uns verschlossen bleiben. In diesem Sinn heißt es, dass der Himmel verschlossen ist, für die die ihn nicht offen haben wollen. Es gibt niemanden, für den der Himmel sich nicht öffnet, wenn er der Gnade Gottes entspricht, die niemanden im Laufe seines Lebens fehlen wird.
Der entscheidende Punkt, der die Kinder des Lichtes von den Kindern dr Finsternis trennt ist: sich genüsslich von der Strömung tragen lassen oder gegen den Strom zu schwimmen.
Alles hängt von unserer inneren Haltung ab. Unser Herr bittet uns um das edelste, was er bitten kann, aber auch um das schwierigste was es gibt.
Es gibt ein Bild Unseres Herrn mit dem Herzen in der Hand und sagt dem vor ihn knienden: „Kind, gib mir dein Herz“. Er will uns unter sein Gesetz leiten und regieren. Wir sollen uns ganz ihm hingeben. Es ist schwer aber herrlich, wie alles was schwer ist und zu ihm führt. Es hat die Herrlichkeit des Kreuzes.

Wir haben eine Patronin, die uns auf herrlicher Weise lehrt, wie man trotz der Schwäche diese Seelenkraft erreicht: die hl. Theresia vom Kinde Jesu. Wenn wir ihren „kleinen Weg“ gehen, erreichen wir bestimmt einen großen Grad der Vollkommenheit in der Tugend. Das ist ihr süßes und mildes Versprechen.

Dienstag, 9. Februar 2016

Die Abhandlung von der wahren Andacht zu Maria vom hl. Ludwig Maria Grignon von Montfort - VII. Teil

KAPITEL V

 BEWEGGRÜNDE, DIE DIESE ANDACHT EMPFEHLEN

Kommentare von Plinio Correa de Oliveira

In den Absätzen 135 bis 182 behandelt der hl. Ludwig die Vorteile, die uns die Sklavenweihe an Maria bringen.
Die Andacht die der Heilige empfiehlt besteht in der vollständigen Hingabe unserer selbst an Maria in der Eigenschaft eines Sklaven. Sklaven, weil wir der Muttergottes mehr geben, als es ein Kind vermag. Die Beziehungen eines Kindes mit seiner Mutter sind viel innerlicher, näher, tiefer als die Beziehungen eines Sklaven zu seinem Herrn. Doch gegenüber dem Vater oder der Mutter verbleiben dem Kind noch gewisse Rechte. Dem Sklave verbleiben keine Rechte gegenüber seinem Herrn. Deshalb ist die Selbst-Entsagung, die jemand übt, der sich der Muttergottes als Sklave verspricht, in einem gewissen Sinn tiefgründiger, als dessen, der sich nur als Kind Mariens betrachtet.
Der hl. Ludwig will nicht die Bezeichnung Kind ausschließen, er möchte aber beide, Kind und Sklave, vereinigen. Weil wir uns als Kinder Mariens und in Sie eine unvergleichbare und vollendete Mutter erkennen, aber vor allem die Mutter Gottes, wollen wir der Eigenschaft eines Kindes, auch die des Sklaven hinzufügen.
Die Übung dieser Andacht bedeutet eine sehr tiefe Entsagung unsererseits. Nun aber, welche Vorteile bringt sie uns? Sie können in einigen Punkten zusammengefasst werden. Einige haben wir schon behandelt.
Wenn wir uns an die Rolle Mariens im Mystischen Leib Christi erinnern – sie ist es ja, die diesen Leib erzeugt – und welch große Fürbitterin und Mittlerin sie zwischen Jesus Christus und den Menschen ist, verstehen wir, dass alles was mehr mit ihr vereint ist, näher bei Gott ist.
Wir erwähnten schon den Vergleich bezüglich der Stellung Mariens im Leben der Gnade, nach dem sie zu Unserem Herrn steht, wie die Kristallscheibe vor der Heiligen Hostie in der Monstranz zur Eucharistie. Wir können nicht unterscheiden zwischen unserem Blick auf die Kristallscheibe und dem Blick auf das Allerheiligste. So können wir auch nicht die Andacht zu Maria von der Andacht zu Jesus trennen. Es ist ein und dasselbe. In der Andacht zu Maria haben wir das einzige und beste wahre Mittel, um Jesus auf bester Art zu verehren.
Wenn Maria der Kanal ist, wo kommt jemand hin, wenn er ihn benutzt? Bis zum Endpunkt. Sie ist der Weg, um dort anzukommen. Wer sich dieses Mittels in vollem Ausmaß bedient, kommt unweigerlich zum Ziel. Wenn sich eine Seele also in eine enge Vereinigung mit Maria begibt, der erreicht unbedingt eine innerliche Vereinigung mit Jesus.
In diesem Akt der Sklavenweihe geht es nicht darum eine innige Vereinigung mit Maria zu erreichen, sondern die innigste Vereinigung die je eine Kreatur in unseren Umständen erreichen kann. Das ist charakteristische Note der Andacht, die der hl. Ludwig empfiehlt. Man kann nicht sagen, dass eine Methode ist, die zu einer engen Vereinigung mit Maria führt. Es ist viel mehr als das. Je mehr wir auch unseren Geist anstrengen, wir werden keine Methode finden, die mehr als diese eine Kreatur mit Maria verbindet als diese.
Also wenn jemand
- als Kind Mariens sich außerdem ihr vollständig als Sklave weiht;
- vorhat, aus der katholischen Lehre alle Konsequenzen bezüglich der Gottesmutter zu ziehen;
- und so in einer ständigen und innigen Vereinigung mit Maria lebt,
dann erreicht er unbedingt den höchsten Grad der Andacht zu ihr, denn es scheint mir unvorstellbar, dass die Verehrung Mariens einen höchsten Grad der Vereinigung, der Innigkeit, der Vollkommenheit erreichen kann als diese vom hl. Ludwig empfohlene Andacht.

Die Belohnung des Sklaventums ist Unser Herr Jesus Christus

Die Frage nach dem Vorteil dieser Andacht, verlagert nun auf ein anderen Punkt: Was ist der Vorteil, die innigste Vereinigung mit Maria zu haben, die je eine Kreatur erreichen kann?
Die Antwort kommt von selbst: Man braucht bloß zu erwägen wer sie ist. Maria ist unsere Mutter und zugleich die Mutter Unseres Herrn Jesus Christus. Als unsere Mutter wendet sie uns gegenüber – wenn man es mit Respekt sagen darf – alle Vorurteile, Parteilichkeiten und parti pris  (vorgefasste Meinung) an, die eine gute Mutter für ihr Kind einsetzt. Mütterliche Liebe grenzt fast an Hinterlist. In etlichen Gelegenheiten, in denen der Teufel gezwungen wurde, von der Muttergottes zu reden, wirft er ihr gerade dies vor: Sie störe das Gesetz der Gerechtigkeit und begeht Betrügereien gegen die Hölle. Natürlich ist dies eine Lüge, eine Blasphemie. Maria ist es unmöglich etwas zu tun, was nur einen Tropfen Böses beinhaltet. Das bedeutet aber, dass ihre mütterliche Barmherzigkeit und ihr mütterlicher Schutz so weit geht, dass sie dem Undenkbaren und Unvorstellbaren nahe kommen.
Maria ist unvergleichbar in allem besser, als alle Mütter der Erde. Sie liebt uns mehr, als unsere leibliche Mutter uns liebt. Diese ist im Vergleich zu Maria, weiter von uns entfernt, als eine Gouvernante von uns entfernt ist im Vergleich zu unserer Mutter. Das ist das Verhältnis. Maria ist viel wahrhaftiger unsere Mutter, als unsere leibliche Mutter es ist. Nun, wir wissen, wie weit unsere Mutter für uns gehen würde, um uns Gutes zu tun. Zu was ist dann Maria für uns fähig?
Nie haben wir auf Erden gesehen, dass ein Kind aus äußerste Liebe zu seiner Mutter, allem entsagte und sich ihr als Sklave zur Verfügung stellte. Wohin kann die Liebe Mariens führen, wenn sie ein Kind sieht, das ihr gegenüber so handelt? Sie ist die vollendete Mutter; er ist der vollendete Sohn. Die Belohnung kann nur eine perfekte sein.
Doch im Fall des Mariensklaventums wird die Belohnung im nicht im Verhältnis sein, mit dem, was wir gegeben haben, sondern zum Edelmut derer, die es im Empfang nimmt. Es ist den Müttern eigen: Wenn ein Kind ihr ein Geschenk gibt, besteht ihre Freude nicht darin, den Preis des Geschenks zu erraten und mit gleichem Wert Dank zu erweisen. Die Mutterliebe erwidert, so klein und arm auch das Geschenk des Kindes ist, mit übergroßer Fülle. Das ist die Eigenschaft der mütterlichen Lieben.
Wenn wir also der Muttergottes alles schenken, was wir können, und nicht nur ein kleines Geschenk, mit was wird sie es erwidern? Mit einer solchen Fülle an Gnaden, an Wohltaten und Schutz, dass es einfach in der menschlichen Sprache keinen Begriff gibt, der das ausdrücken könnte.
Über die Vorteile der Andacht zu Maria, gibt es nur eines zu sagen: Die Größe der Belohnung verschlägt einen die Sprache. Was hat denn Maria am kostbarsten? Es ist Unseres Herr Jesus Christus selbst, die fleischgewordene Weisheit.
Es gibt einen ergreifenden Ausdruck dieser Erwiderung in einer Marienstatue, wo sie lächelnd das Jesuskind dem Betenden entgegenreicht. Welsch eine tiefe Bedeutung! In Wahrheit, die beste Belohnung, die sie uns geben kann, ist Unser Herr Jesus Christus, ihn lieben und mit ihm vereint sein,  ihm gehorchen. Dies ist eine Belohnung, die jede Sprache übersteigt.
Gott sagte dem Abraham von sich selbst: „Ego sum merces tua magna nimis“ – Ich bin dein sehr großer Lohn (Gen 1,15). Wer Gott als Lohn bekommt, bekommt einen übergroßen Lohn. Und das ist der erhabene Lohn der Weihe an Maria.

Die Andacht zu Maria vermehrt unsere Tugenden und vereint uns immer mehr mit Unserem Herrn Jesus Christus

Mit der Hilfe der Gnade üben wir in unserer Seelenfamilie eine Reihe von Tugenden, durch die wir uns ganz besonders der katholischen Kirche, dem mystischen Leib Christi verbunden sein wollen: Die Tugend des katholischen Gefühls, der Reinheit, dem Opfersinn, die Selbstverleugnung, die Liebe zur Arbeit, zur Abtötung, zum Fleiß, die Liebe für das Methodische solang es nicht geometrisch ist usw. Wir wollen letztlich alle Tugenden erhalten, um uns mit Jesus zu vereinen.
Die beste Art diese Tugenden zu erhalten, ist die Übung der Andacht zu Maria. Sie wird uns diese Tugenden auf bester Weise, auf direktem Weg, am schnellsten und sichersten vermitteln, als jede andere Art.
In der Praxis geschieht das aber nicht nur durch das Anhören einer Erklärung vom hl. Ludwig oder durch das Lesen seiner Abhandlung und alles im Gedächtnis zu behalten, sondern durch einen gewissen Grad geistlichen Lebens, den wir zu erreichen wünschen. Dies besteht in der ernsthaften Kenntnis von dem, was wir von Maria erwarten können und wir ihr gegenüber zu handeln.

Die Verehrung Mariens verstärkt in uns die Fähigkeit zu leiden

Auf einer viel höheren Ebene, können wir von Maria erwarten, was ein Kind von seiner Mutter erwartet?
Es gibt zwei Arten von Müttern: Die guten und die halb-guten. Die halb-gute Mutter – die leider unter den lateinischen Völkern sehr häufig vorkommt – hat Mitleid mit ihrem Kind und will nicht, dass er leide. Sie paktiert mit allen Streichen des Kindes, mit all seinen Fehler in der Erfüllung seiner Pflichten, mit seiner Faulheit, sie befreit ihn von allen Regeln und schadet somit unbedingt seiner Charakterbildung.
Es gibt aber eine andere Sorte von Mutter, die, wegen der  Unbeständigkeit des Menschen, weiß, dass es kein anderes Mittel gibt, als zu leiden, leiden und viel zu leiden, um die Seele zu erweitern, zu heiligen und zu erheben. Sie weis, dass man leiden muss, um zu lernen, das man leiden muss, um im leben zu kämpfen, das man leiden muss, um zu leben, leiden in jeglicher Situation. Sie weiß, dass der Mensch etwas Wert ist, in dem Maße wie er leidet. Diese Mutter sorgt sich, um die Leiden ihrer Kinder zu lindern, im Maße des Möglichen und ihnen nicht schade. Doch jedes Maß an Leiden, das eine gute Erziehung verlangt, wird eine gute Mutter wollen, dass es ihr Kind erreicht. Sie beschränkt sich ihn im Leiden zu trösten, damit er Kraft und Mut aufbringe, zu leiden, was ihm zusteht. Sie will aber, dass er leide. Die Muttergottes handelt ebenso.
Es wäre trügerisch, die Leben der Heiligen, die „Blumenlese“ Mariens zu lesen und einige außerordentliche Gnaden, die sie verleiht, einseitig zu betrachten. Zum Beispiel, der hl. Franz von Sales, am Höhepunkt seiner erbarmungslosen Prüfung bezüglich der qualvollen Frage der Prädestination, abgemagert und verzehrt, in großer geistlicher Trockenheit, wie mit einer procella tenebrarum in der Seele, nähert sich einer Marienfigur und betet das Memorare; sofort verziehen sich die dunklen Wolken und er spürt einen innerlichen Frieden und Ruhe; die seelische Krise war überwunden.
Solche Ereignisse gibt in großer Zahl und man verspürt einen tief erbauenden Eindruck, der sehr wirksam ist für das geistliche Leben. Man darf sich aber nicht einseitig sein.
Die Muttergottes lindert des Öfteren unsere geistlichen Prüfungen, wie eine gute Mutter das Leiden des Kindes in ein angebrachtes Maß lindert. Es gibt jedoch eine notwendige und nicht so kleine Grenze für jedes Leiden. Aus dieser befreit uns Maria nicht.
Man darf nicht denken, dass die Andacht zu Maria so etwas wie eine Art Morphium für das geistliche Leben ist, das man einmal einnimmt, und alle Schmerzen verfliegen. Nein – und der hl. Ludwig besteht darauf – Maria nimmt uns nicht das Gewicht des Kreuzes von der Schulter, sondern gibt uns Kraft, es zu tragen. Sie gibt uns Liebe zu Kreuz und zum Leiden. Dies ist die Frucht der wahren Andacht zu Maria.

Die Gnade einer großen Innigkeit zu Maria zu haben

Wir müssen also verstehen, dass es zwei Dinge gibt, um die wir die Muttergottes bitten sollen. In der Einsicht, dass wir schwache Menschen sind, dass wir keine Athleten des geistlichen Lebens sind, müssen wir sie darum bitten, dass sie uns in unserem Kummer, der uns zu schwer scheint, zu Hilfe kommt. Es ist eine ausgezeichnete Bitte und sie wird sie sehr oft erhören. Immer, wenn es im Maße der göttlichen Vorsehung möglich ist, uns zu Hilfe zu kommen, wird sie es tun. Wir müssen uns aber immer daran erinnern, dass wir ein gewisses Maß Schmerzen in vollem Umfang selbst tragen müssen. Wir selbst wissen nicht welches Maß das ist; aber sie weiß es. Wir müssen sie dann um Kraft bitten, es zu ertragen. An diesem Punkt, am Gleichgewicht dieser beider Bitten, liegt die Vorsehung Mariens.
Stellen wir uns eine Person vor, die ihr tägliches Leben führt, das immer zwei unterschiedliche Aspekte hat. Es gibt Zeiten der gewöhnlichen Routine: Der Gang zur Schule oder zur Arbeit und zurück nach Hause, Aufgaben oder Vorlesungen vorbereiten, eine Verwandten besuchen und dergleichen. Es ist das gewöhnliche tägliche Getriebe. Neben diesen Unannehmlichkeiten eines jeden Tages gibt es aber einen anderen Aspekt des Lebens, nämlich den, in dem man mit der Last übergroßer Leiden ringen muss.
Nehmen wir an die Person weiß in beiden Situationen ihres geistlichen Lebens die Andacht des hl. Ludwig wirklich und genau zu üben. In den kleinen Schwierigkeiten des täglichen Lebens wird sie sich daran erinnern, dass sie in Maria eine Mutter hat. Aber nicht nur ab und zu sondern in einer gewohnten und ständigen Weise. Wenn sie in Schwierigkeiten ist, wenn sie Probleme hat, seien sie auch noch so gering, wendet sie sich an Maria und bittet sie um Hilfe. In allen gängigen Lagen des Lebens, betet sie zur Muttergottes. Sie lebt in einer ständigen Innigkeit mit ihr, und bittet sie in allem um Hilfe. Bei Ratlosigkeit wird sie um den rechten Weg bitten. In großen Schwierigkeiten wird sie um Kraft bitten, um die Last der außergewöhnlichen Versuchungen ertragen zu können, und erhält so die Energie für Heldentaten, die das geistliche Leben vielmals von einem jeden von uns verlangt.
Wenn jemand all sein Tun in Vereinigung mit Maria und in ihren Meinungen aufzuopfern weiß, und beständig in allen Momenten sie um Hilfe bittet, wird sein geistlichen Leben wunderbar wachsen. Wenn ihn zum Beispiel Zerstreuung während einer Lektüre überfällt, Maria bitten, dass sie trotzdem daraus Früchte zieht. Sieht er auf der Straße jemand, der gerade eine Sünde begeht, dann für diese arme Seele beten. Das heißt, immer und dauerhaft Maria anrufen. Es gibt kein besseres Programm für das geistliche Leben. Doch es verlangt aber auch Überzeugung und große Willenskraft.

Maria, Allheilmittel für das geistliche Leben

Unter den eigentümlichen Prüfungen des geistlichen Lebens oder die aufgrund der Treue zur Heiligen Kirche uns auferlegt werden, gibt es eine, durch die wir durchmüssen: Es ist die Empfindung der seelischen Trockenheit, des Stillstandes, der anscheinenden Unbeweglichkeit aller Dinge. Jahraus, jahrein scheint das geistliche Leben nicht voranzukommen; im Apostolat konfrontiert man sich immer mit gleichen Problemen; etwas Schlimmes wird geschehen und man kann es verhindern; wieder was unvorhergesehenes kommt auf uns zu und wir können es abwenden; wieder eine Überraschung und man weint, weil man sie nicht hat verhindern können, doch man bleibt wachsam auf das Nächste, was kommen wird. In den ersten Momenten hat man das Gefühl einer Berg-und-Tal-Fahrt. Bei der ersten Runde amüsiert man sich, doch nach Jahren wird sie unerträglich und wir werden versucht Schluss zu machen mit diesem Auf und Ab, um endlich wie jedermann zu leben.
Wir fühlen uns wie auf einem Schiff mitten im Ozean, das da schaukelt und sich nicht fortbewegt, wie Ruderer einer Galeere, die den Eindruck haben, das trotz ihrer Anstrengungen, das Schiff nicht vorankommt. Es ist der Eindruck des Überdrusses, der Eintönigkeit, der uns manchmal im geistlichen Leben und in den Tätigkeiten des Apostolats überkommen kann.
Die Lösung in solchen Situationen ist die Zufluchtnahme zu Maria. Zu ihr zu beten, ist das Heilmittel für alles. Man pflegt zu sagen, es gebe keine Allheilmittel. Doch es gibt eine Ausnahme: Maria ist wirklich ein Allheilmittel, es sei denn, man will entschieden nicht gut sein. „Qui creavit te sine te, non salvabit te sine te“ — „Der dich geschaffen hat ohne dein Zutun, gibt dir die Rechtfertigung nicht ohne dein Zutun“, sagt der hl. Augustinus.

Diese wahre Andacht zu Maria gibt uns ungeahnte Möglichkeiten, im Dienste der Kirche

Nehmen wir zum Beispiel einen Gegenrevolutionären, der ernsthaft die Andacht praktiziert und einer Bildungsvorlesung beiwohnt. Das Verdienst zu dieser Versammlung gekommen zu sein, kehrt zurück in die Hände Mariens. Und da sie besser als jeder Mensch um die Interessen der Kirche weiß, wird dieses Verdienst gemäß ihrer Weisheit anwenden. So kann man, indem man zur Versammlung kommt, neben dem Apostolat auch noch auf einer anderen Ebene wunderbar Gutes tun. Es kann gut sein, dass man unsichtbar, unwissend, an den höchsten Schicksalen der Kirche teilhat, am Kampf der Braut Christi gegen die Anti-Kirche, man weiß es nicht, aber Maria wird unsere Verdienste anwenden und Früchte hervorbringen, um die wir durchaus keine Ahnung haben. Dies ist das sicherste Vorgehen, den die Muttergottes vergeudet unsere Verdienste nicht. Sie legt sie an mit höchstmöglichster Weisheit. Wenn wir also unsere Verdienste der Weisheit Mariens anvertrauen, verwerten wir sie aufs höchste.

Die Hingabe als Sklave Mariens gibt unseren guten Werken unberechenbaren Wert

Welches ist aber nun das Verdienst unserer guten Werke? Die Teilnahme an einer Versammlung, zum Beispiel, hat ein gewisses Verdienst wenn sie aus Liebe zur Kirche getan wird und den Verzicht auf ein Vergnügen, auf Muße oder irgendeinen Zeitvertreib, um sich für sie einzusetzen.
Das Verdienst einer Handlung oder Tätigkeit besteht darin, dass sie wesentlich gut ist und in der innerlichen Gesinnung, mit der die Seele sie ausführt. Es sind Gesinnungen mit einer Mischung von Fehlern und guten Eigenschaften, die in einem jeden von uns vorhanden sind. Doch die Taten Mariens sind von hochwertigem Verdienst. Der hl. Ludwig sagt, dass Maria mehr Verdienst hat an einem Nadelstich beim Nähen eines Kleidungsstücks für das Jesuskind, als der hl. Laurentius, der sich auf einem Rost hat braten lassen, um sich für Christus zu bekennen.
Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, dass unsere Taten, als Sklaven Mariens, in gewisser Weise an ihren Taten teilhaben. Sie ist es, die auf gewisser Weise in uns tätig ist. Daher erhält unsere Tat einen Wert, eine Tugend und eine Wirksamkeit von Maria, durch die sie viel mehr Wert hat, als wir es durch unsere eigenen Verdienste erreichen können.
Es gibt also kein wirkungsvolleres Leben und Handeln, als in dieser Andachtsmethode.

Die menschliche Boshaftigkeit und die Andacht zur Muttergottes

Nach der Erbsünde wurde der Mensch nicht nur schlecht, sondern sehr schlecht. Die Boshaftigkeit und das Elend des Menschen wurden zu unauslöschbaren Zügen seiner verdorbenen Natur.
Hiermit geben wir über uns sozusagen eine Zeugenaussage. Denn wahrhaftig ist unser Elend als Menschen dermaßen groß, dass, hätten wir davon echte Kenntnis, würden wir sehr leicht den Mut verlieren. Die Betrachtung über den Kontrast zwischen Gott und unserer Misere hat schon viele in Verwirrung gebracht. Da sie meinen seine Barmherzigkeit nicht zu verdienen, werden sie dazu verleitet, zu glauben, dass Gott von ihnen weniger verlangt.
Der Grund für diese in die Verzweiflung treibende Situation ist, dass sie ihre eigene so tragische Lage nicht in die Hände Mariens legen.
Wahrhaftig ist Gott alles das, was wir von ihm aus der Offenbarung wissen. Wir unsererseits wissen was wir sind, oder besser gesagt, was wir nicht sind. Doch zwischen uns und Jesus gibt es Maria. Die Vermittlung zwischen ihr und Jesus Christus, der der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, stellt ganz den Kanal wieder her, durch den wir unser Heil erreichen können, obgleich unserer Misere.

Wenn wir uns dies immer vergegenwärtigen, werden einerseits großen Frieden finden in der Erkennung unseres Elends und andererseits die Art die strengste Sittenlehre zu bejahen ohne der Verzweiflung nachzugeben, noch in eine jansenistische Haltung zu fallen. Maria ist die Bundeslade Gottes, auf deren Hinblick alles sein wahres Aussehen erhält und sich auf das geistliche Leben aufmunternd auswirkt.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Biographie

Mathias von Gersdorff

Begegnung mit Plinio Corrêa de Oliveira - Katholischer Streiter in stürmischer Zeit

Patrimonium-Verlag, Aachen 2015
Hardcover, 154 Seiten
ISBN 9783864170331, Preis: 14,80 EUR

Der deutsch-jüdische Schriftsteller Kurt Tucholsky prägte seinerzeit den wegweisenden Ausspruch: „Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“.
Zu diesen tapferen und im guten Sinne streitbaren Persönlichkeiten mit Rückgrat und Ausdauer zählt besonders ein Gelehrter und Politiker, der sich von früher Jugend bis ins hohe Alter unbeirrbar für Christus und seine Kirche eingesetzt und dabei keine notwendige Auseinandersetzung mit den Feinden des Höchsten - besonders den Nationalsozialisten und den Kommunisten gescheut hat: Plinio Corrêa de Oliveira aus Brasilien, geboren am 13.12.1908 in der Hauptstadt São Paulo; verstorben mit 87 Jahren am 3. Oktober 1995, dem Tag der Deutschen Einheit.

Mathias von Gersdorff bezeichnet seine Biographie über diesen unermüdlichen Laienapostel recht bescheiden als „skizzenhafte Beschreibung“, weil er sich in seinem 154 Seiten umfassenden Buch auf das Wesentliche konzentriert und eine „Einführung“ in Leben und Wirken dieses katholischen Schriftstellers vorlegt, die sich flüssig liest und zugleich sehr faktenorientiert ist. Der italienische Historiker und Publizist Prof. Roberto de Mattei würdigt Plinio Corrêa de Oliveira im Vorwort dieser Biographie zu Recht als „tiefgründigen Denker“ und „Mann der Tat“, wobei der aus einem aristokratischen Elternhaus stammende Katholik zugleich die „Umgangsformen eines Kavaliers der alten Schule“ besaß. Diese „Ausnahmepersönlichkeit“, schreibt R. de Mattei weiter, stellte sich in „selbstloser Hingabe in den Dienst der katholischen Kirche“. Sein leidenschaftlicher Einsatz galt der Glaubensverbreitung sowie einer umfassenden Verteidigung der christlichen Kultur und Zivilisation. Der Laienmissionar wusste, dass die Kirche sich nicht auf die „Sakristei“ beschränken darf, dass Gottes Gebote und die Botschaft Christi auch im öffentlichen Leben, in Staat und Gesellschaft wirksam werden müssen.
Dabei war ihm klar, dass äußerer Aktivismus allein letztlich im Sande verläuft, dass der Einsatz für Gott und Kirche getragen sein muss von der Glaubwürdigkeit eines christlichen Lebenswandels, von eifrigen Bemühen um die Nachfolge Christi kurz: von der „Ausübung der Tugend“. Richtschnur sind dabei die Gebote des Ewigen und das natürliche Sittengesetz bzw. das Naturrecht. In diesem Sinne äußerte sich Prof. Corrêa de Oliveira folgendermaßen:
„In dem Maße, in dem der Mensch im Gnadenleben fortschreitet, schafft er auch durch die Ausübung der Tugend eine Kultur, eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, in völliger Übereinstimmung mit den grundlegenden, unvergänglichen Prinzipien des Naturrechts und des göttlichen Gesetzes. Wir bezeichnen diese als christliche Zivilisation.“
Der Biograph Mathias von Gersdorff kannte Plinio C. de Oliveira jahrelang persönlich - und er hat ihn vor allem von 1990 bis 1995 häufig getroffen und viel mit ihm gesprochen. Seine persönliche Wertschätzung für den ebenso kämpferischen wie menschenfreundlichen Professor fließt in das Buch ein, ohne dass es freilich allzu subjektiv gefärbt wäre. Dem Autor gelingt es vorzüglich, bei aller Sympathie vor allem durch eine sachorientierte Darstellung und ruhige, gelassene Sprache zu beeindrucken.
M. von Gersdorff ist im christlichen Spektrum vor allem bekannt durch seine medienethischen Veröffentlichungen und seine Publikationen für Ehe und Familie sowie seine kritische Analyse der „sexuellen Revolution“ der 68er, wobei sein Schwerpunkt auf der Bekämpfung der Frühsexualisierung von Kindern liegt. In diesem Sinne leitet er in Frankfurt die Aktion „Kinder in Gefahr“ der DVCK (Deutschen Vereinigung für eine christliche Kultur e.V.). Diese wiederum ist verbunden mit der „Gesellschaft zum Schutz von Familie, Tradition und Privateigentum“, die Prof. Corrêa de Oliveira 1960 in Brasilien gründete, wobei im Laufe der Zeit Tochtergesellschaften in vielen Ländern der Welt entstanden sind.

Widerstand gegen jeden Totalitarismus

Das wichtigste Buch des katholischen Gelehrten trägt den Titel „Revolution und Gegenrevolution“. Unter „Gegenrevolution“ ist der friedliche, aber entschiedene Einsatz katholischer Christen gegen die Feinde der Kirche zu verstehen, vor allem gegen den gottlosen Totalitarismus, wie er sich politisch vor allem im Nationalsozialismus und im Kommunismus zeigte. Für jeden rechts staatlich denkenden Menschen sollte der „antitotalitäre Konsens“ selbstverständlich sein, doch viele Zeitgenossen erliegen der Faszination politischer Ideologien. Dabei steht auch die „68er Ideologie“ unter neomarxistischem Einfluss, ebenso jener Linkskatholizismus, wie er sich in Brasilien und allgemein in Lateinamerika unter dem Dach einer „Theologie der Befreiung“ (fehl)entwickelte.

Auf geschickte Weise beginnt der Autor seine „biographische Skizze“ nicht in üblicher Manier mit Kindheit und Jugend des Porträtierten, sondern mit einem politisch entscheidenden Höhepunkt im Leben und Wirken von Prof. Corrêa de Oliveira:
Unter dem Titel „São Paulo im Juni 1990“ berichtet er von dessen Unterschriftenaktion für die Unabhängigkeit Litauens, die weltweit über 5 Millionen Unterzeichner erhielt, was internationale Beachtung fand und zu einem Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ führte. Das katholisch geprägte Litauen wurde 1940 von Sowjetrussland erobert. 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht das Land, 1944 wurde es von Stalin zurückerobert. Dem roten Schrecken folgte der braune und dann wieder der rote Terror. Im März 1990 - die innerdeutsche Mauer war bereits seit fünf Monate gefallen - versuchte Litauen, sich von der sowjetischen Herrschaft zu befreien.
Doch der noch kommunistische Staatspräsident Gorbatschow, der viel von Demokratie und Freiheit, „Glasnost“ und „Perestroika“ sprach, bevorzugte in diesem Falle die geballte Macht der Panzer. Als er den Unabhängigkeitsdrang der Litauer im Januar 1991 mit Gewalt beendete (was zu 14 Toten und tausenden Verletzten führte), empörte sich die Weltöffentlichkeit, so dass Gorbatschow die Panzer zurückrief. Danach kam es auch zu Unabhängigkeitserklärungen der anderen baltischen Länder (Lettland, Estland), was zum weiteren Zerfall des Vielvölker-Imperiums Sowjetunion führte und· damit das Ende - genauer: die Implosion - des Ostblock-Kommunismus einläutete.
Die Aufsehen erregende Solidaritäts-Aktion des brasilianischen Publizisten de Oliveira zugunsten der Freiheit Litauens war nur deshalb möglich, weil er in den Jahrzehnten zuvor bereits eine wirksame katholische Laienbewegung aufbaute und über vielfältige internationale Kontakte verfügte. Auch dieser Erfolg war ihm nicht in den Schoß gefallen, sondern die Frucht großer Beharrlichkeit und „Frustrationstoleranz“. Dabei war ihm zeitlebens die religiöse und charakterliche Prägung wichtig, die er von seiner Mutter Lucilia Ribeiro dos Santos erhielt.
Sowohl sie wie ihr Mann stammten aus einer alten aristokratischen Familie, die monarchistisch gesinnt war und die im Kaiserreich (das schon 20 Jahre vor der Geburt Plinios gestürzt wurde) führende Stellungen einnahm. Sein Großonkel war Präsident des Ministerrats und bereitete 1888 während der Regentschaft der Prinzessin Isabella das Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei vor.

Deutscher Einfluss und „französische Erziehung“

Plinios Vater João Paulo Corrêa de Oliveira lebte zwar sittsam, war aber religiös eher gleichgültig, doch ließ er seiner Frau volle Freiheit in der Erziehung der bei den Kinder Plinio und Rosenda. Deren tiefe Frömmigkeit war durchaus nicht selbstverständlich für die brasilianische Oberschicht, die stark vom atheistischen französischen Positivismus und einem materialistischen Fortschrittsdenken geprägt war. Ein Teil der Verwandtschaft hing antikatholischen Ideen an; einige waren sogar, wie der Biograph berichtet, „Mitglied einer Freimaurerloge, um ihre Karrierechancen aufzubessern“ (S. 20). Dabei beschränkt sich dieser kritische Befund nicht auf den weiteren Familienkreis. Mathias von Gersdorff schreibt weiter, diese nicht-katholische, liberale Gruppe sei „innerhalb der Aristokratie zahlenmäßig die stärkere und außerdem wesentlichen besser organisiert“ gewesen.
Fräulein Mathilde Heldmann
Seine klar katholische Ausrichtung und Charakterstärke hatte Plinio Corrêa de Oliveira aber nicht allein seiner Mutter zu verdanken, sondern auch der „deutschen Erziehung“ der Gouvernannte Mathilde Heldmann aus Regensburg. Dank ihr lernte der Knabe nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die Überwindung jener Trägheit, „die vielen Brasilianern eigen ist“ (S. 20).
Die Mutter wünschte, dass der Junge und seine Schwester erst mit deutschem Einfluss aufwachsen und dann eine „Erziehung im französischen Stil“ erhalten sollten, was dazu rührte, dass Plinio in einer elitäre Jesuitenschule kam, in der jedoch „alles andere als eine katholische Gesinnung herrschte“ (S. 21). Offenbar waren die Geistlichen nicht in der Lage, die Sprösslinge, welche vielfach aus der positivistisch geprägten Oberschicht stammten, sittlich ausreichend zu disziplinieren und religiös zu formen. Für Plinio war es aber ein Trost, dass es im Jesuitenkolleg wenigstens eine Kapelle mit dem allerheiligsten Altarsakrament gab, wo er sich Kraft für den aufreibenden Alltag unter so vielen Andersdenkenden holen konnte. Diese „innere Abhärtung“ prägte ihn in seinem späteren aktiven Wirken als katholischer Organisator, Politiker, Journalist und Buchautor.
Wie der Verfasser ausführt, fand der atheistische Positivismus besonders in Frankreich starke Verbreitung. Da Brasilien unter französischem Einfluss stand, war vor allem die Elite des Landes dafür empfänglich, auch „aufgrund der starken Präsenz der Freimaurerei“ (S. 24). Matthias von Gersdorff schreibt weiter:
„Das positivistische Motto ,Ordem e Progresso‘ (Ordnung und Fortschritt) wurde sogar in die Flagge Brasiliens eingefügt. Der Positivismus gewann insbesondere in den führenden gesellschaftlichen Schichten an Einfluss und konnte so große ideologische, politische und wirtschaftliche Macht entfalten. Dies führte zu einem großen gesellschaftlichen und politischen Widerspruch: Das fast ausschließlich katholische Land wurde von einer atheistischen Oberschicht regiert.“
Dies galt ähnlich auch unter späteren politischen Verhältnissen, etwa in linkssozialistischen Republiken. Eine unhaltbar Situation, die von katholischer Seite nicht gleichgültig hingenommen werden durfte. Gottlob gab es klarsichtige und couragierte Streiter für die katholischen Anliegen und Ideale: „Gegen diesen Zustand begann sich um 1916 eine Reaktion zu bilden, die schließlich in einem von Plinio Corrêa de Oliveira angeführten politischen und gegenrevolutionären Katholizismus Form annehmen würde“ (S. 24).
Von dem jahrzehntelangen, unermüdlichen Einsatz diese kämpferisch aktiven Gelehrten für eine christliche Kultur und Zivilisation, von seinem unbeugsamen Eintreten für die katholische Glaubens- und Sittenlehre gegen alle Widerstände (auch aus innerkirchlichen Kreisen), seiner Ablehnung linkssozialistischer Ideologien und Experimente einschließlich einer marxistisch beeinflussten „Theologie der Befreiung“ berichtet diese fundierte Biographie, die zugleich viele lehrreiche Informationen über die neuere Geschichte Brasiliens (besonders im 19. und 20. Jahrhundert) enthält, aber auch aufschlussreiche Kenntnisse über die Situation der katholischen Kirche in diesem bevölkerungsreichen Land vermittelt.
Prof. Corrêa de Oliveira war zweifellos ein „Mann der Tat“, auch als Politiker, Gründer kirchentreuer Organisationen und Präsident der „Katholischen Aktion“; er war aber auch ein Mensch des Gebets, ein tiefgläubiger Katholik mit einer starken eucharistischen Frömmigkeit und innigen Verehrung der Gottesmutter, die nicht zuletzt von der „Marianischen Kongregation“ geprägt war. Kardinal Walter Brandmüller schreibt daher zu Recht in einem Brief an den Biographen: „Ihre Schrift macht auch dem Leser zugänglich, mit welcher Gesinnung Corrêa de Oliveira ans Werk ging: Treu dem katholischen Lehramt uni stets im Vertrauen in die Vorsehung Gottes und in die immerwährende Hilfe der Jungfrau Maria.“ - Kardinal Raymond L. Burke äußert sich in einem Glückwunschschreiben an Mathias von Gersdorff ähnlich positiv über diesen „großen brasilianischen katholischen Laien“, weil dieser „ein Vorbild für uns in diesen schwierigen Zeiten im Leben der Kirche“ sei.
Professor Plinio Corrêa de Oliveira sowie sein klarsichtiges Denken und konsequentes Handeln sollten nicht in Vergessenheit geraten. Dieser „Kreuzritter des 20. Jahrhunderts“ bewährte sich als hervorragender Laienapostel und als Diener des Ewigen.

Felizitas Küble
Schlesienstr. 32, 48167 Münster
felizitas. kueble@web.de

 in „Theologisches“ Nov./Dez. 2015 S. 580-584
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