Montag, 21. November 2016

Drei Jahrzehnte unermüdlichen Kampfes für das katholische Litauen – 1. Teil


Bei seinem Kreuzzug für die Erneuerung der christlichen Zivilisation hat Plinio Corrêa de Oliveira mit großer Aufmerksamkeit die wechselvolle Entwicklung der litauischen Nation verfolgt, die zuerst vom Nationalsozialismus und dann vom Kommunismus ohne Erbarmen niedergetreten wurde. Als es die Umstände dann zuließen, hat sich der brasilianische Denker dann auch unverzüglich für die Sache der Unabhängigkeit Litauens eingesetzt.
Eine kurze Einführung in die Geschichte des Landes soll dazu beitragen, seine Rolle im Laufe der Ereignisse, die sich in den letzten Jahrzehnten abgespielt haben, sowie das besondere Interesse, das diesen der katholische brasilianische Denker geschenkt hat, besser zu verstehen. Dieses Interesse ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es sich hier um eine katholische Nation handelt.

Aus dem Dunkel des Heidentums zu einem strahlenden christlichen Reich

Es ist eine ziemlich mühsame Arbeit, die den Historiker erwartet, der versucht, die Herkunft von Völkern erforschen, die in einer von Stammeskriegen erschütterten Zeit unter einem fast patriarchalischen Gesellschaftssystem und der Pflege heidnischer Bräuche lebten. Mit den Merkmalen arischer Rasse und einer mit dem Sanskrit verwandten Sprache, die noch deutlich archaische Züge trägt, hat das litauische Volk zwar seit grauer Vorzeit Spuren seines Daseins hinterlassen, jedoch lassen sich diese nur schwer mit Genauigkeit angeben.
Tatsächlich löst sich Litauen erst im 13. Jahrhundert endgültig aus den Nebelschleiern des Mittelalters und zeigt sich uns von nun an im Licht der Geschichte.
In dieser Epoche wandte sich der Deutsche Ritterorden, der seinen Sitz im polnischen Norden hatte, wo er das Land Ostpreußen geschaffen hatte, gegen Osten, um die Völker zu erobern, die an den östlichen Ufern der Ostsee siedelten. Dort lebten damals die Völker Litauens in einem Großfürstentum.
Als sich Großfürst Mindaugas bereit erklärte, die Taufe zu empfangen, sah Papst Innozenz IV. die Gelegenheit gekommen, die Litauer zum Christentum zu bekehren. Nach der Taufe Mindaugas’ und seiner Familie wies er den Bischof von Kulm an, ihn zum König von Litauen zu krönen. Scheinbar hat es Mindaugas bei seiner Bekehrung jedoch an Aufrichtigkeit gefehlt, denn er schwor später wieder dem Glauben ab und starb schließlich eines gewaltsamen Todes. Das Volk aber hielt weiterhin den heidnischen Göttern die Treue.
Unter der Herrschaft Gediminas’, des Gründers von Wilna und Eroberers weiter russischer Gebiete, die heute zu Weißrussland oder zur Ukraine gehören, erreichte das Großfürstentum Litauen große politische Bedeutung. 1323 äußerte Gediminas dann in einem Schreiben an den Papst den Wunsch, zum katholischen Glauben überzutreten. Er lud zudem die Franziskaner und Dominikaner ein, das Land zu missionieren. Unter dem ständigen Druck der Ritter des Deutschen Ordens verlegte sich Gediminas auf eine kluge Bündnispolitik mit verschiedenen Nachbarstaaten. Zum wichtigsten Partner wurde nun Polen, ein Land, das immer wieder unter den Einfällen der Preußen, der Tartaren und auch der Litauer selbst zu leiden hatte. König Wladyslaw Lokietek (1306-1333) vermochte fast ganz Polen wieder zu vereinen und gab die polnische Krone an seinen Sohn Kasimir III. den Großen (1333-1370) weiter. Gediminas, der sich mit Wladyslaw verbündet hatte, gab Kasimir seine Tochter Aldona zur Frau und schuf damit noch engere Beziehungen zwischen den beiden Herrscherhäusern.
Als Gediminas 1341 starb, erbten seine sieben Söhne das Großfürstentum. Unter diesen taten sich vor allem Algirdas und Kestutis als seine Nachfolger hervor. Vereint kämpften sie im Krieg gegen die Preußen. Algirdas starb 1377 als christlicher Mönch. Sein Nachfolger wurde sein zweiter Sohn Jogaila oder Jagiello. Im Gegensatz zur Freundschaft, die vorher seinen Vater und seinen Onkel verbunden hatte, verwickelte er sich in innere Auseinandersetzungen um die Fürstentümer Trakai und Wilna. Nach dem Abschluss eines Paktes mit dem Deutschen Orden ermordete Jagiello seinen Onkel Kestutis und nahm dessen Sohn Vytautas gefangen. 1392 wurde Vytautas jedoch von Anhängern Kestutis’ befreit und vom Adel des Landes zum Großfürsten Litauens gewählt. Der mit dem Beinamen der Große geehrte Vytautas trat zum katholischen Glauben über und wird noch heute von vielen als der eigentliche Begründer des litauischen Staates angesehen. An der Spitze eines verbündeten Heeres schlug er 1410 endgültig die Deutschordensritter und 1415 wurde er vom Konstanzer Konzil zum Oberbefehlshaber der Bündnistruppen im Kampf gegen die Türken ernannt.
Mit dem Tod Kasimirs des Großen war in Polen 1370 die Piasten-Dynastie erloschen. Die polnische Krone ging damit auf seinen Schwiegersohn Ladislaus aus dem ungarischen Königshaus über. Dieser gab 1386 Jagiello die Hand seiner Tochter Hedwig. Daraufhin bekehrte sich der litauische Fürst zum Christentum und bestieg nach seiner Taufe in Krakau den polnisch-litauischen Thron als Wladyslaw II. Er wurde damit zum Begründer des Herrscherhauses der Jagiellonen. Die beiden Länder bildeten von da an einen gemeinsamen Staat, behielten jedoch ihre je eigene Regierung. Die Bekehrung Jagiellos, der sich später mit seinem Vetter Vytautas versöhnte, trug entscheidend auch zur endgültigen Bekehrung Litauens zum katholischen Glauben bei. Einem Enkel Jagiellos und Hedwigs, Kasimir IV., wurde die Ehre der Altäre zuteil; als heiliger Kasimir ist er der Patron Litauens.
Die Dynnastie der Jagiellonen regierte bis 1572, während Litauen und Polen durch die wiederholte Ratifizierung der Personalunion noch bis 1795 vereinigt blieben. Mit dem allgemeinen Niedergang im 18. Jahrhundert verfiel auch diese Allianz. Und fast ganz Litauen kam nun 1795 unter russische Herrschaft. Die Litauer schlossen sich 1830 und 1863 den polnischen Aufständen gegen die Russen an, unter denen sie auch ihres katholischen Glaubens wegen härtesten Verfolgungen ausgesetzt waren.

Als Teil der „Nordwestlichen Provinzen“ büßte Litauen 1840 sogar seinen Namen ein. Besonders grausam war die 1863 von dem damaligen Gouverneur Muriaev  durchgeführte Unterdrückung.

Fortsetzung „Drei Jahrzehnte... 2. Teil

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 Zuerst erschienen in Plinio Corrêa de Oliveira

 


Sonntag, 30. Oktober 2016

Christus König!


Gute Gedanken haben die Eigenschaft, wenn sie angenommen werden, auf uns wie auf unseren Nächsten, wie Arzneimittel zu wirken. Wenn wir sie jedoch unserem geistigen Leben verweigern oder sie im Umgang mit unseren Nächsten verschweigen, werden sie, wie der hl. Paulus sagt, zu glühenden Kohlen, die uns ätzen und unsere Seele ausbrennen. Wehe denen, die gute Ratschläge erhalten haben, sie aber aus Feigheit oder Egoismus nicht befolgten. Wehe auch denen, die aus Feigheit oder Egoismus einen guten Rat verschwiegen haben, den sie hätten geben sollen. Diese heilsamen Ratschläge, die sie nicht äußerten, werden sie innerlich wie glühende Kohlen ausbrennen. Am Tage des Gerichts werden sie Rechenschaft ablegen müssen für nicht wahrgenommene Talente.
Das sind meine Überlegungen...
*    *   *
Wie viele Katholiken gibt es, die durch die Taufe zur Würde erhoben worden sind, Bürger des Reiches Gottes zu sein, die Texte der heiligen Liturgie begleiten und dort wunderbare Hinweise auf das Königtum Jesu Christi zu lesen, sie aber nicht verstehen. Wie viele Katholiken gibt es, die versuchen das Reich Christi auf Erden einzurichten, aber nicht wissen oder vergessen, dass sie es zuallererst in sich selbst einrichten müssen! Wie viele andere, die meinen das Reich Christi in sich selbst einrichten zu wollen, aber nicht den heißen Wunsch haben, es in die ganze Welt zu verbreiten! Mit anderen Worten, sind diese Katholiken nicht von der Sorte derer, die genau hören und verstehen, was die Kirche ihnen durch die Stimme der Päpste sagt, doch nur mit den Ohren des Leibes und nicht mit denen der Seele?
Die Lehre des Königtums Christi ist innig verbunden mit dem schönen und frommen Brauch der Thronerhebung des Heiligsten Herzen Jesu in unseren Wohnungen. Wenn das Bild des Herzen Jesu am schönsten und edelsten Platz unserer Wohnung aufgestellt wird, ist es doch gerade deshalb, weil er als König anerkannt wird. Wie viele Wohnungen gibt es jedoch, in denen das Herz Jesu auf den Thron erhoben wurde, aber in den Herzen der Bewohner nicht anzutreffen ist.
Es geht mir hier nicht darum, die schon so große Traurigkeit über diese Situation hochzutreiben und zu Unrecht das zu verachten, was es, trotz der erwähnten Mängel, an Schönem und Gutem an diesem Brauch gibt. Jeder Akt der Frömmigkeit und der Ehrerbietung gegenüber der Kirche Gottes, sei er auch noch so oberflächlich und unbedeutend, sollten wir mit großem Eifer schätzen, lieben und fördern, als ein Widerschein unserer Gottesliebe. Fern von uns also ein pharisäischer Pessimismus, der den Wert eines jeglichen aufrichtigen Akts der Frömmigkeit in Abrede stellt, wenn auch die Kälte oder die Unwissenheit ihren übernatürlichen Glanz trübt.
Doch unter diesem Vorbehalt bleibt die Tatsache, dass die Klage des Apostel Johannes auch heute noch Wahrheit ist: „In propria venit, et sui eum non receperunt“, „Er kam in sein Eigentum und die Seinigen nahmen ihn nicht auf“...
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Es ist nicht schwer die Lehre der Kirche über das Königtum Jesu Christi kennen zu lernen.
In seiner unendlichen Barmherzigkeit gefiel es Gott die unendliche Liebe, die er uns erweist, mit der Liebe zu vergleichen, die unsere Eltern zu uns haben. Das bedeutet nicht, dass er mit diesem Vergleich die unergründlichen Dimensionen seiner Liebe verminderte, um sie den geringen Ausmaßen der Liebe, zu der die Menschen fähig sind, anzupassen. Im Gegenteil: Wenn er sich diesem Vergleich der väterlichen Liebe bediente, war es, um uns verständlich zu machen, wie sehr Er uns liebt. Wenn wir dem Begriff „Vater“ den Sinn geben, den er in der natürlichen Ordnung hat, so ist Gott nicht nur unser Vater, sondern viel mehr als das, weil Er unser Schöpfer ist. Da aber in der natürlichen Ordnung die Rolle des Vaters nichts weiter ist, als mit Gott beim Schöpfungswerk mitzuwirken, wenn es also jemand verdient Vater genannt zu werden, so ist es Gott. Unser natürlicher Vater ist somit nichts weiter als der Treuhänder eines Teils der Vaterschaft, die Gott über uns ausübt.
Das gleiche ergibt sich mit dem Königtum Christi. Um uns die absolute Autorität, die Christus als Gott über uns ausübt, zu verstehen zu geben, gefiel es Ihm, sich mit einem König zu vergleichen. Da aber Könige durch Ihn regieren und ihre Autorität nur authentisch ist, weil sie von Ihm kommt, so ist in Wahrheit der einzige König, der König par excellence, nur Er. Alle Könige und Staatschefs sind nichts weiter als Seine demütigen Diener, dessen Er die Güte hat, sich ihrer in der Führung der Welt zu bedienen. Christus ist König, weil er Gott ist. Wir bezeichnen Ihn als König, um Seine göttliche Allmacht zu behaupten und unsere Pflicht Ihm zu gehorchen und zu folgen.
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Gehorsam! Dies ist ein Begriff, der ein wesentlicher Inhalt der Bedeutung des Königtums Unseres Herrn Jesus Christus ist. Christus ist König, und einem König schuldet man Gehorsam. Wenn wir das Fest Christus König feiern, feiern wir Seine Macht über uns und damit unsere Gehorsamspflicht Ihm gegenüber.
Wie bringt man einem König Gehorsam entgegen? Die Antwort ist einfach: Indem wir um seinen Willen wissen und diesen liebevoll und in allen Einzelheiten sorgfältig ausführen.
Die einzige Art also Christus König zu gehorchen, besteht darin Seinen Willen zu kennen und ihm zu folgen.
Aus diesem so klaren, einfachen, lichtreichen Verständnis ergibt sich ein ebenfalls klares, einfaches und lichtreiches Lebensprogramm.
Um den Willen Christ Königs zu kennen, müssen wir den Katechismus kennen. Denn durch das Lernen der göttlichen Gebote, welches nur vollständig sein wird mit dem Lernen der gesamten katholischen Lehre, sind wir in der Lage den Willen Gottes zu kennen. Und um diesem Willen zu folgen, müssen wir um die Gnade Gottes bitten durch Gebet, Empfang der Sakramente und unseren guten Werken. Letztlich werden wir den Willen Gottes erkennen durch das innerliche Leben: Geistige Lektüre, Betrachtung und ein Leben, das wir ganz im Licht des Katechismus führen.
Unser Herr sagte, „das Reich Gottes ist in euch“ (Lk 17,20). Dieses kleine Reich – klein in seinen Ausmaßen aber unendlich an Wert, denn es hat ja das kostbare Blut Christi gekostet –, muss ein jeder von uns für Jesus erobern, indem er alles zerstört, was sich im Innern der Befolgung Seiner Gebote widersetzt.
Schließlich, sind Christi Gebote nicht nur anzuwenden auf den einzelnen Menschen, sondern auch auf Völker und Nationen. Wenn die Völker und Nationen die Richtlinien der päpstlichen Enzykliken zur Kenntnis nehmen – die ja der Ausdruck des eigenen Willen Gottes sind –, und sie in der hauseigenen, sozialen und politischen Gestaltung umsetzen, dann wird Christus König sein.
Mit anderen Worten: Seien wir gute Katholiken! Wenn wir das sind, werden wir unbedingt Apostel, und als solche unbedingt Soldaten Christi sein.

(Freie Übersetzung aus Legionário, Nr. 372, 29. Oktober 1939)

Montag, 3. Oktober 2016

Plinio Corrêa de Oliveira: Ein Kontemplativer

     Plinio Corrêa de Oliveira wird zumeist dargestellt als ein Mann der Tat, was auch zutrifft. Doch kommt damit nicht so recht das hervor, was, meiner Meinung nach, die Quelle war, aus der die Grundlage seines unermüdlichen Kampfes für die Erhaltung der Schätze der christlichen Kultur und Zivilisation entsprang. Dieser Kampfesgeist nährte sich aus einem tiefen geistlichen Leben der Kontemplation und des Gebets. Mitten in den Wirren dieses Kampfes, während der intensiven täglichen Aktivitäten, denen er sich in der Regel bis Nachts um drei Uhr widmete, war er ein ständiger Kontemplativer.
     Prof. Roberto de Mattei, beschreibt in seinem prächtigen Buch „Der Kreuzritter des zwanzigsten Jahrhunderts“ ausführlich die Persönlichkeit und die vielfältigen und endlosen Kämpfe für die Kirche, der Dr. Plinio (wie er in Brasilien gewohnheitsmäßig genannt wird) sein ganzes Leben gewidmet hat. Der Titel des Buches sagt bereits alles: er war ein kämpfender Kreuzritter für die christliche Zivilisation. Sein Kampf in der weltlichen Gesellschaft führte er im Namen des Kreuzes.

„Rette mich, Königin“

     In meinen achtzehn langen Jahren, in denen ich die Gnade hatte ihn als Privatsekretär zu dienen, habe ich in unzähligen Kleinigkeiten des täglichen Lebens beobachten können, wie das Gebet und die Betrachtung sein Leben ausfüllten, ohne jemals den Impuls des gegenrevolutionären Kampfes zu mindern.

     Anzumerken ist, dass seine Frömmigkeit seit seiner Kindheit vorherrschend Marianisch geprägt war.
     Während seiner Kindheit begleitete er seine Mutter, Da. Lucília Ribeiro dos Santos Corrêa de Oliveira, zur Kirche des Heiligsten Herzen Jesu, die zum Lyzeum der Salesianer Don Boscos gehörte und zugleich Pfarrkirche war. Da. Lucília pflegte mit einem besonderen Eifer die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu, und so verweilten beide für längere Zeiten am Fuße der schönen und großen Herz-Jesu Statue, die in dieser Kirche verehrt wird. Auch in Dr. Plinio wuchs diese tiefe Andacht zum Herzen Jesu und er wandte sich als vierjähriger an Jesus, wie ein Kind sich mit ihm unterhalten würde.
     Als er ungefähr zwölf Jahre alt war, erlebte Dr. Plinio eine geistige Bedrängnis, bei der er sich unwürdig fühlte, sich der Statue zu nähern. Niedergeschlagen und trostlos stand er da im hinteren Teil der Kirche. Dann ging er durch das rechte Kirchenschiff, wo vorne auf einem Altar eine Statue der Mutter Gottes Helferin der Christen stand. Dort begann er das „Salve Regina“ zu beten. Aber in seinen jungen Jahren verstand er die Anrufung „Salve“ nicht als ein Grußwort, sondern meinte es bedeute „salvai-me“ = rette mich auf portugiesisch, also „Rette mich, o Königin“. Und dieses Gebet gab ihm einen großen inneren Trost. Es schien ihm, als ob die Mutter Gottes ihm zulächelte. Bei der nächsten Anrufung dieses schönen Gebets, „Mutter der Barmherzigkeit“, dachte er: „Aber, das ist ja genau das, was ich brauche!“. Und anschließend: „unser Leben, unsere Wonne, unsere Hoffnung, sei gegrüßt“ (hier wieder „rette mich“): Alles schien seinen Bedürfnissen zu entsprechen. „Zu dir rufen wir, verbannte Kinder Evas, zu dir seufzen wir, trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen“: Es konnte wirklich nicht angemessener sein, folgerte er. „O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.“
     Dieses Ereignis hatte sein ganzes Leben geprägt. Noch in hohem Alter sagte er, dass dies die Grundlage und das Fundament seiner Verehrung der allerseligsten Jungfrau war. Häufig besuchte er an Nachmittagen diese Statue.

Geistige Sammlung


     Mehr als eine Stunde widmete Dr. Plinio des Nachmittags dem Gebet, zusätzlich zu den Gebeten, die er in der Früh verrichtete, am Abend und während der Danksagung nach der täglichen heiligen Kommunion.

     Sein Tag begann mit der Verrichtung verschiedener Gebete während etwa fünfzehn Minuten. Es waren Gebete, die er im Laufe seines Lebens aufnahm und denen er nach Bedarf neue hinzufügte und sein Leben lang beibehielt. Seiner Ansicht nach dürfe man, ein einmal an die Mutter Gottes gerichtetes Gebet, dieses nicht mehr auslassen. Also, außer in einigen besonderen Fällen, wenn er einmal ein persönliches Gebet in der Liste seiner besonderen Gebete aufgenommen hatte, würde er es bis zum Ende seiner Tage beibehalten.
     Täglich gewohnte er seine Gebete in einem Auto auf dem Weg zu einer Kirche zu beten, wo er sich sammeln konnte. In einer Zeit, als Mobiltelefone noch eine Seltenheit waren, entkam er auf diese Weise den Unterbrechungen und Besorgnissen, die ihn von dem Gebet ablenken konnten. Schon als er im Wagen einstieg, änderte sich sein Gesichtsausdruck, und begann gleich mit einer langen Liste von Gebeten, unter denen die Weihe an Maria nach der Formel des hl. Ludwig Grignion von Monfort, die er täglich erneuerte. Die Psalmen des Namens Mariens, das Kleine Stundengebet der Mutter Gottes, Dauernovenen, Gebete für den Heiligen Vater, Stoßgebete-Rosenkranz und viele andere verrichtete er mit bemerkenswerter Andacht.

Die Seele eines jeden Apostolats

     Drei Andachten waren der Kern seines Gebetslebens. Sie werden gewöhnlich „die weißen Andachten“ genannt: Die Verehrung der Eucharistie, die Verehrung der Jungfrau Maria und die Verehrung des Stellvertreters Christi auf Erden.

     Großen Einfluss auf sein inneres Leben hatte das Buch „Die Seele eines jeden Apostolats“ (auch „Die Innerlichkeit“ genannt) von Dom Jean Baptiste Chautard (1858-1935). Dieser berühmte Trappistenmönch behauptet in seinem Werk, um die Arbeit des Apostolats voranzutreiben, sei es notwendig, vor allem ein tiefes und erfülltes geistliches Leben zu pflegen. Dieses Buch hat Dr. Plinio gelesen, nachdem er schon in die marianische Bewegung eingetreten war. Es gab ihm dann aber die Überzeugung, dass es nicht genügt, die Zehn Gebote zu befolgen und einige Gebete zu verrichten, sondern dass es notwendig sei, heilig zu sein, um im Kampf gegen einen so großen und mächtigen Feind, wie er sich schon damals darstellte, zu siegen.
     Deshalb machte er diesen Kommentar: „Wie (kann ich) rekrutieren, wie (kann ich andere) anziehen, wie die Begeisterung in den Seelen der anderen wecken? Hinter all diesem gibt es ein Geheimnis. Gerade weil diese Ziele auf den ersten Blick unerreichbar sind, kann man sie nur durch ein Geheimnis erreichen. Und dies ist eben das Geheimnis des übernatürlichen Lebens der Gnade, und alles weitere, was Dom Chautard lehrt, ist wirklich die Seele eines jeden Apostolats. Wenn die Seele mit diesem Geist durchdrungen ist, ist sie flehentlich und resigniert, denn sie fleht und bittet und ist zugleich bereit, das ganze Hin und Her des Kampfes zu durchschreiten und bereit sich damit abzufinden, nicht sofortige Erfolge zu sehen.“

Die Erhebung des Geistes zu Gott

     Was mich am meisten beeindruckte, war die Fähigkeit von Dr. Plinio in allen Beschäftigungen seinen Geist zu metaphysischen Themen zu erheben, und von dort zum Übernatürlichen. „Elevatio mentis a Deo“ ist ja genau die Definition des Gebets.

     Sei es in Konferenzen über politische und soziale Themen, sei es in der Erledigung der täglichen Korrespondenz, sei es in unzähligen Versammlungen, in denen er Themen der weltlichen Gesellschaft behandelte, alles verband er mit Religion, mit der Mutter Gottes und der Heiligen Kirche.
     Hier ein Beispiel: Mitte der 70er Jahre, leitete Dr. Plinio eine Versammlung, in der ein sehr konkretes Problem erörtert wurde. An einem Punkt der Diskussion des Themas stiegen seine Kommentare hinauf zu hohen Betrachtungen. Man fragte ihn anschließend, wie er das fertig bringe. Er sagte, die Frage müsste eine andere sein: Wie kann man betrachtend, so einfach mit praktischen Dingen umgehen? Und fügte hinzu: Ohne die hohen Ebenen der Kontemplation zu verlassen, analysiere er von dort aus die geringsten Ereignisse. Es sei so, wie es einige Vögel tun, die hoch hinauf fliegen, um ihre Beute zu sichten und kommen dann im Sturzflug auf hernieder, sie zu ergreifen. Wie eine Seemöwe, zum Beispiel, die den gesichteten Fisch schnappt, der ruhig im Wasser umherschwamm.
     Unsere Schwierigkeit mit dieser Eigenschaft Dr. Plinios war, etwas zu verstehen, was in Wirklichkeit für uns das Gegenteil von dem war, was wir annahmen, was in seinem Geist vor sich ging. Man könnte also sagen, dass sich sein Geist in einem ständigen Wechselspiel zwischen dem Zeitlichen, dem Metaphysischen und dem Geistigen befand. Dies erlaubte ihm, sich um von einem Feld zum anderen zu bewegen, mit einer ganz natürlichen Leichtigkeit und Behendigkeit.

Hingabe zum Christentum

     Als Einführung des Buches über die fünfzig Jahre Tätigkeiten der TFP (Meio século de epopéia anticomunista) wollte Dr. Plinio einen Satz mit hinein bringen, der seine Hingabe zur Kontemplation und den Verzicht auf weltliche Größe bezeugen sollte: „Als ich noch sehr jung war, betrachtete ich hingerissen die Ruinen der Christenheit. An sie hängte ich mein Herz. Dem Künftigen kehrte ich den Rücken zu und machte aus jener segensreichen Vergangenheit meine Zukunft ...“ Es war also eine betrachtende Erwägung, die ihn dazu führte, sich den Ruinen der Christenheit hinzugeben und auf eine glänzende politische, soziale und wirtschaftliche Zukunft zu verzichten. „Ruinen der Christenheit“, „segensreiche Vergangenheit“. Auch hier finden wir, das Weltliche und das Geistliche, die sich wie zwei Pfeiler eines gotischen Spitzbogens vereinen. Diese Einheit war seine ständige Sichtweise der Dinge und in der er sozusagen lebte.

     In dem unerbittlichen gegenrevolutionären Kampf, den er führte, in dem von Arbeit ausgefüllten Tag, die sich gewöhnlich bis spät in die Nacht hinauszog, verlor er nie, das, was Dom Chautard die "Wachsamkeit des Herzens" nannte. Nichts, aber auch gar nichts konnte ihn aus der übernatürlichen und kontemplativen Ruhe bringen: sei es Vorbereitung von öffentlichen Aktionen oder beratende Gespräche mit seinen Vertretern in den verschiedensten Teilen Brasiliens oder mit Vertretern der ausländischen TFPs, oder die geistige Führung seiner Jünger.

Ruhe im Getose des Kampfes

     Betrachtung, Gelassenheit, Andacht - waren die Früchte der hohen Gefilde, in denen sich der Geist Dr. Plinios aufhielt. In Mitten der Stürme, die die Feinde der Kirche so oft gegen sein Werk auslösten, pflegte er zu sagen: „Alios ego vidi ventos, alias prospexi animo procellas“ - Schon andere Winde habe ich gesehen und anderen Stürmen getrotzt -. Und sein Büro, wo sich der tosende Kampf abspielte, war ein Ort der Ruhe und Geborgenheit.

     Während er die TFP mit ihren Verzweigungen in 26 Ländern leitete, sich informierte, seine Meinung über nationale und internationale Ereignisse bekannt gab und ein intensives öffentliches Leben führte, verlor er nie die Haltung der übernatürlichen Kontemplation, die ihn sein ganzes Leben begleitete. Er pflegte zu sagen, der Großteil seiner Zeit war der Besinnung gewidmet, und der gegenrevolutionäre Kampf war eine Konsequenz davon. Im Besitz eines sehr ruhigen Temperaments - und sogar, wie er selbst sagte, in seiner Kindheit mit einer Tendenz zur Trägheit - wusste er sich selbst zu besiegen und ist so zum großen Kämpfer der Gegenrevolution des zwanzigsten Jahrhunderts geworden.

„Urlicht“

     Mitte der sechziger Jahre erklärte er seinen Jüngern, was im alltäglichen Sprachgebrauch er unter "ursprüngliches Licht" oder, nennen wir es so, „das Urlicht“, verstand. Dieser Ausdruck ging in den spirituellen Wortschatz der TFP über und definierte das in der Taufe von Gott geschenkte Licht, unter dessen Strahl jeder Mensch berufen ist, die Welt zu betrachten und Gott zu bewundern, anzubeten und zu verherrlichen. Sein eigenes „Urlicht“ beschrieb Dr. Plinio folgendermaßen: „Es ist eine liebende Schau der ganzen Ordnung des Universums; eine harmonische, architektonische, hierarchische und monarchisch-aristokratische Sicht der ganzen Schöpfung, von einem Engel bis zu einem Sandkorn, in der die Eigenschaften, die von der Revolution am meisten bekämpft werden, hervorragen.“

     Verweilen wir hier ein wenig und betrachten wir die Einzelheiten dieser Definition. „Liebende Schau“: von hier aus geht er direkt zur Pflege des ersten Gebotes, Gott lieben über alles durch seine Schöpfung. „Der ganzen Ordnung des Universums“: das heißt, diese Liebe umfasst alle Geschöpfe. „Harmonische, architektonische“: eine Ordnung, in der alles sich auf den rechten angebrachten Platz befindet und die Harmonie des Universums bildet. „Hierarchische und monarchisch-aristokratische“: nicht nur von der höchsten Warte aus betrachtet, sondern auch in allen unterliegenden Ebenen. „Von einem Engel bis zu einem Sandkorn“: das heißt, von der gesamten Schöpfung, vom höchsten geistigen Erschaffenen bis zum niedrigsten materiellen. „In der die Eigenschaften, die von der Revolution am meisten bekämpft werden, hervorragen“: hier finden wir die wunderbare Vereinigung von Kontemplation und Kampfesgeist, die er bis zum äußersten durchführte. Es fängt mit der in der Schöpfung reflektierenden Liebe Gottes an und geht bis zum Kampf gegen die Mächte Satans, die die Revolution vorantreiben, um gerade diese Ordnung zu zerstören. Ein außerordentliches Lebensprogramm.

Sakralisierung (Heiligung) des sozialen Lebens

      Die Gedankenwelt Dr. Plinios befand sich in Betrachtungen über das Paradies (coelum empirium), über die Möglichkeiten Gottes (welche Geschöpfe Er in Seiner Allmacht und Vollkommenheit noch hätte erschaffen können), über die drei Personen der göttlichen Dreifaltigkeit und viele andere Themen, ohne jemals den Sinn der Wirklichkeit zu verlieren, in der er sich befand und handelte. Es waren keine unnützige und sterile Träumereien oder Phantasien, der er sich hingab, sondern eine Bemühung sich ständig in den Anliegen Gottes zu vertiefen. Aus diesen Gedanken holte er stets neue Erkenntnisse, die seine Gesprächsrunden, Versammlungen und Vorträge bereicherten.

     Aus der Liturgie der Ostervigil z.B. entnahm er einen Begriff, den er für die weltliche Ordnung anwendete. Wenn der Priester mit der Osterkerze in die dunkle Kirche eintritt, singt er dreimal „Lumen Christi“. Dies bezieht sich auf den auferstandenen Heiland, der der in der Finsternis liegenden Welt nun das Licht der Erlösung bringt. Daraus zog er eine Analogie zur heutigen von der Revolution verdunkelten Welt: Wie steht es heute um das „Lumen Christi“ in der Welt, in der Kirche? Wie entwickelt sich heute der Kampf zwischen die Macht der Finsternis und dem Lichte Christi? Dies war ein grundsätzlicher Aspekt in der Analyse der weltlichen Gesellschaft und ihren Lauf durch die Zeit.
     Er nahm sich vor jeden Augenblick des Tagesablaufs zu heiligen. Da er normalerweise bis spät in die Nacht arbeitete, fragte er sich, warum sollte es nicht für Mitternacht ein Gebet geben, das dem "Engel des Herren" entspricht. So betete er oft den "Engel des Herren" in dieser letzten Stunde des Tages oder er betete dreimal das Bittgebet aus dem Te Deum zur Muttergottes: „Dignare, Mater, die isto“ worauf die Anwesenden antworteten: „sine peccato nos custodire“.
     Vor dem Schlafengehen, verrichtete er noch verschiedene Gebete, verehrte die Reliquien, die auf dem Nachttisch aufbewahrt waren und widmete sich noch der Lektüre meistens über Themen der Geschichte. Geschichte faszinierte ihn; sie gab ihm Gelegenheit zur Betrachtung der Psycho-Soziologie, über Menschen, Persönlichkeiten und Ereignisse, sowie über die sich in der Geschichte reflektierende von Gott eingesetzte Ordnung des Universums.
Fernando Antunez

(Aus "Plinio Corrêa de Oliveira, dez anos depois ..." - São Paulo 2005 - Freie Übersetzung BH)

Donnerstag, 15. September 2016

Die Europäische Föderation im Licht der katholischen Lehre

Plinio Corrêa de Oliveira  (zugeschrieben)

Eines der wichtigsten Ereignisse in diesem (20.) Jahrhundert ist ohne Zweifel das Treffen von Paris, bei dem die Vertreter von Frankreich, Italien, West-Deutschland und die kleineren Staaten der Benelux-Gruppe - Belgien, Niederlande und Luxemburg - die Bildung der Europäischen Union beschlossen haben, als eine Einrichtung des Öffentlichen Internationalen Rechts und folglich der Einrichtung einer neben den nationalen Regierungen zusätzlichen gemeinsamen Regierung mit überstrukturellen Charakter.

Vor dem letzten Weltkrieg würde jemand, der solch einen Plan für das 21. Jahrhundert vorgeschlagen hätte, als Träumer gehalten und als Schwachsinniger, wenn er diesen Plan in unseren Tagen für durchführbar hielte.

Europa stand damals noch unter dem Feuer der französisch-deutschen Feindschaft, die aus dem Konflikt von 1914-1918 hervorging und eine wichtige Rolle spielte für den Ausbruch des Krieges 1939-1945. Es schien, dass alle europäischen Länder, die im eigenen kulturellen und wirtschaftlichen Leben strahlten, aber doch gezeichnet von den Ressentiments, dem Ehrgeiz, den Feindseligkeiten der modernen Zeiten, es für unmöglich hielten, in einem einzigen politischen System, so vage und locker es auch sein würde, eingereiht zu werden.

Die Tragödie des 2. Weltkrieges und der daraus folgende wirtschaftliche Zusammenbruch der europäischen Länder, ihr ermüdetes kulturelle Leben und das Risiko - dass nun schon sieben Jahre andauert - einer neuen Invasion von Barbaren schufen günstige Bedingungen für die Verbreitung der Einheitsidee und rückten den Plan einer Europäischen Föderation in greifbarer Nähe.

Die Tragweite der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa

Die wirkliche Tragweite der Bildung der Vereinigten Staaten von Europa wurde vom Premierminister Italiens, Alcide de Gasperi, klar definiert, als er dieses Geschehen mit dem Akt der englischen Kolonien in Nordamerika durch welchen sie sich vereinten, um eine Föderation zu bilden, und dem Verzicht der Schweizer Kantone eine Sammlung souveräner Staaten zu sein, um einen Föderalen Staat zu bilden, verglich. Das amerikanische Beispiel ist zur Genüge bekannt. Man weiß, das England dreizehn vollständig unter sich unabhängige Kolonien in Amerika hatte, die jeweils eine direkte Verbindung zur Metropole hatten. Als sie die Unabhängigkeit gegenüber England ausriefen, sollten sie dreizehn verschiedene Nationen bilden. Doch diese Kolonien zogen vor, sich zu einer einzigen föderativen Nation zusammenzuschließen. Weniger bekannt, doch ebenso von Bedeutung, ist das Schweizer Beispiel. Als nach dem endgültigen Fall Napoleons im Jahre 1815 der Wiener Kongress die europäische Landkarte reorganisierte, machte er aus der Schweiz, die aus einer Vielzahl kleiner unabhängiger Kantone bestand und jeweils von einer herrschenden Klasse - Patrizier oder Landaristokratie - regiert wurden, eine Konföderation von 22 Kantonen, die unter sich unabhängig waren, nur verbunden durch eine "Föderalen Pakt", der letztendlich nichts mehr war als ein Vertrag der Allianz und guter Nachbarschaft. Die Schweiz blieb weiterhin also kein Staat sondern eine Ansammlung von Staaten. Dieser Zustand endete nur als, nach heftigen Kämpfen, durch welche, die lokalen Eliten die Zentralisierung und die im "Sonderbund" vereinten Katholiken die protestantische Hegemonie verhindern wollten, und aus denen die Befürworter eines Schweizer Staates obsiegten. Daraus wurde die Schweizerische Verfassung von 1843 geboren. Diese hob die Kantone mit ihren eigenen Regierungen nicht auf und übertrug in die Hände einer zentralen föderativen Regierung die allgemeinen Interessen aller (wie im Fall der amerikanischen oder auch der brasilianischen Staaten). Die heutige Schweizer Republik war somit gegründet.

In beiden Prozessen, dem amerikanischen und dem schweizerischen, gab es also einen Weg von der Unabhängigkeit zur Bildung einer Föderation. Die vormals unabhängigen Staaten wurden zu autonomen Teilstaaten, deren Souveränität von einer zentralen Regierung übernommen wurde.

Dies ist, nach den deutlichen Worten des italienischen Premiers, was nun für Europa beschlossen wurde. Zwischen Frankreich und Deutschland, Italien und Holland usw. wird es künftig nicht mehr die bis heute bestehenden Kluften geben, sondern nur die Grenzlinie der fast ausschließlich administrativen Interessen, so wie sie zwischen Ohio und Massachusets, Rio und São Paulo oder Luzern und Freiburg existieren.

Wie man sieht, handelt es sich um ein enormes Ereignis. Es sind Nationen, die verschwinden werden, nachdem sie die Welt und die Geschichte mit der Ausstrahlung ihres Ruhmes ausgeschmückt hatten... und ein neuer Bundesstaat der erscheint, dessen Zukunft nicht leicht vorausgesehen werden kann.

Die Durchführbarkeit des Plans

Das erste Hindernis zur vollständigen Verwirklichung dieses Planes - der vorerst nur auf dem Papier steht, wie die Bildung eines Atlantischen Heeres und dergleichen - besteht in einem wahrscheinlichen Weltkrieg. Niemand kann vorhersehen was mit dieser keimenden Föderation während und nach einem Krieg geschehen wird. Sie kann sich sowohl endgültig festigen als auch im Feuergefecht verbrennen, so dass nicht einmal Spuren ihrer Asche übrigbleiben.

Selbst wenn wir den Fall eines Krieges ausschließen, werden andere Schwierigkeiten auftreten. Eine Föderation, die versucht mit einen Schwamm so viele Jahrhunderte der Geschichte zu verwischen, kann offensichtlich nicht nur von einer Gruppe von Politikern und Bürokraten durch die Unterzeichnung eines Vertrags aufgebaut werden. Eine lange Zeit der Werbung bei den verbündeten Völkern ist notwendig, um in ihnen das Bewusstsein zu bilden, dass über den nationalen Blöcken, in denen sie sich durch Bindungen, die im Blute stecken und leicht auszumachen sind, integriert fühlen, ein abstraktes föderatives Ganzes schwebt, dass nicht im Blut steckt, sondern nur in der Tinte, mit der der Vertrag geschrieben und unterschrieben wurde. Solange sich dieses Bewusstsein nicht gebildet hat, ist klar, dass dieser neuer Organismus noch nicht begonnen hat, natürliches und reales Leben zu besitzen. Doch nicht hier befindet sich die wirkliche Schwierigkeit. Der entpersonifizierte, geschwächte, durch das gegenwärtige Durcheinander orientierungslose Mensch, der in einer geistigen Abhängigkeit - der er sich genussvoll hingibt - von Presse, Radio und Fernsehen lebt, kann leicht zu allem Möglichen überzeugt werden. Es gibt "Techniker", die im Geist dieses Menschen ein "Bewusstsein" für reale und unreale Dinge fabrizieren, die tatsächlich nie in der öffentlichen Meinung zugegen waren, mit der Gewandtheit eines Chirurgen, der in einem menschlichen Körper ein Stück Fleisch, ein Finger oder ein Auge einpflanzt, die ihm bis dann total fremd waren. Die Gefahr besteht viel mehr in der Bildung nationalistischer Strömungen in einigen Staaten der Föderation. Aber auch dies scheint wenig Aussicht zu haben. Eine Menschheit, die Tag für Tag gieriger nach Konsum, Ruhe und Lustbarkeiten greift, ist nicht geneigt sich über sich selbst zu begeistern, zugunsten von Nationalismen welcher Art auch immer ...

So zeigt sich also, um unseren Eindruck zusammenzufassen, dass, ausgenommen im Falle eines Krieges, kein natürlicher Faktor die Bildung der Föderation aufhalten könnte. Um so mehr, da ihre Erbauer schon offiziell erklärt haben, dass sie Schritt um Schritt vorgehen werden, um nach und nach die Teile des neuen Organismus zusammenzufügen, klugerweise beginnend mit dem Grundstein.

Ist die Föderation etwas Neues?

Die Frage, ob die Föderation etwas Neues ist, muss ohne weiteres negativ beantwortet werden. In früheren Zeiten bildete Europa schon ein großes Ganzes föderaler Natur, in einem sehr erweiterten und allgemeinen Sinn des Wortes.

Im Jahr 476 erlosch das abendländische Römische Reich. Von Barbaren überzogen, gab es in Europa keine definierte Saaten mit dauerhaften Grenzen. Es war ein allgemein wildes Treiben, das sich nur besänftigte als die fortschreitende Tätigkeit der großen Missionare das üppige Keimen des Samens des Evangeliums sicherstellte. Zu dieser Zeit, da die Sitten und Gebräuche an Rohheit abgenommen hatten, das Leben sicherer und ruhiger geworden war, das allgemeine Wissen sich entwickelte und ausbreitete, bildete sich eine große Ansammlung christlicher Völker, die sich über ihre natürlichen Unterschiede hinaus durch zwei gemeinsame und tiefe Bande vereint fühlten, die aus einer großen Liebe und einer großen Gefahr entsprungen sind:

a) - aufrichtig und tief christlich, beteten sie in Geist und Wahrheit (und nicht nur gewohnheitsmäßig) Unseren Herrn Jesus Christus an, liebten und wollten wirklich seine Gebote halten und waren ihrer Aufgabe überzeugt, d.h., die Herrschaft dieser Gebote bis an die letzten Grenzen der Erde auszubreiten;

b) - als Frucht dieses folgerichtigen und starken Glaubens herrschte im Geiste aller eine gleiche Art den Menschen, die Familie, das gesellschaftliche Leben, Schmerz und Freude, Ruhm und Demut, Unschuld und Sünde, Reue und Vergebung, Reichtum, Macht, Adel, Mut, kurz, das ganze menschliche Leben zu verstehen.

c) - daraus ergab sich eine kräftige und substantielle Einheit in Kultur und Zivilisation, trotz der lokalen reichhaltigen Verschiedenheiten der einzelnen Nationen, Regionen, Lehen oder Städte;

d) - vor dem doppelten Druck der Sarazenen aus Afrika und den Heiden aus dem Osten Europas das Wissen gemeinsam einer großen Gefahr ausgesetzt zu sein, bei der alle allen zur Seite stehen mussten, um einen Sieg zu erringen, der ein Sieg aller sein würde.

Die Gesamtheit dieser Faktoren der Einheit fand in Karl dem Großem (742-814) ihren mächtigen Katalysator. Er war in den Augen seiner Zeitgenossen der ideale Typus eines christlichen Souveräns: stark, mutig, weise, gerecht, väterlich, mit einem tiefen Streben nach Frieden, dadurch unbesiegt im Kampfe, der es als seine höchste Aufgabe ansah, die Macht des Staates im Dienste der Kirche zu stellen, um das Gesetz Christi in seinem Reich aufrechtzuerhalten und die Christenheit gegen ihre Angreifer zu schützen. Dieses lebende Symbol verwirklichte seine vorgenommenen Ideale, und als Papst Leo III. im Jahre 800 ihn in der Lateranbasilika zum Römischen Kaiser des Abendlandes krönte, setzte er dem Werk Karls des Großen den schönsten Schlussstein auf: Ein großes Reich, das das gesamte christliche Europa umfasste, war gegründet. Ein Reich, das vor allem berufen war, den christlichen Glauben zu erhalten, zu verteidigen und zu verbreiten.

Dieses Reich währte von 809 bis 911. Im Jahre 962 erweckte es Kaiser Otto, der Große, wieder und begründete das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Unter vielen Schicksalsschlägen, deren schrecklichster die tragischen Spaltung durch den Protestantismus und das Aufkommen nationalistischer Tendenzen im 16. Jahrhundert, bestand diese große Institution zumindest theoretisch bis 1806, als Napoleon den letzten römisch-deutschen Kaiser, Franz II., zwang, die Auflösung des Heiligen Reiches zu akzeptieren und den Titel eines Kaisers von Österreich unter dem Namen Franz I. anzunehmen.

Trotz etlicher Krisenperioden durchzog das Heilige Römische Reich Zeiten großen Ruhmes. Seine Struktur diente tatsächlich, um das christliche Ideal einer großen Völkerfamilie auszudrücken, vereint unter dem mütterlichen Schatten der Kirche, um den Frieden, den Glauben und die Sitten zu sichern, um die Christenheit zu beschützen und in der ganzen Welt die freie Verkündigung des Evangeliums zu unterstützen.


Karl der Große, von Albrecht Dürer. Der bekannte deutsche Maler hat mit wunderbarer Deutlichkeit den großen Kaiser dargestellt, wie ihn uns die Geschichte vorstellt: Seine Haltung strahlt Kraft, Macht und Herrschaft aus. Eine Kraft, die aber nicht aus dem Überfluss eines hitzigen Temperaments kommt, sondern von einem tiefen Bewusstsein für das Rechts des Guten. Seine Macht ruht weniger auf die der Waffen denn auf die des Geistes. Majestätisch, doch voll der Güte. In seinem ganzen Wesen vernimmt man etwas heiliges: Er ist der von Gott gesandte, der das Reich Christi in der weltlichen Ordnung errichtete und den Grundstein der christlichen Zivilisation legte. Er ist der vom Papst eingesetzte Imperator, versehen mit der apostolischen Aufgabe der Verteidigung und dem Schutz des Glaubens.
Karl der Große verwirklichte als erster die staatliche Einheit Europas.



Was soll man über die Europäische Föderation denken?

Man sieht, das die Kirche prinzipiell sich nicht darauf beschränkte große internationale Strukturen zu erlauben, sondern sie auch von ganzen Herzen fördert, wenn sie sich ein legitimes Ziel setzen. In seinem Wesen also, verdient der Gedanke, die europäischen Völker zu einer gut erbauten politischen Einheit zusammenzuführen, Zuspruch.

Es scheint, das die derzeitigen Gegebenheiten dieses Vorhaben als zweckmäßig zu betrachten. Angesichts eines gemeinsamen externen Feindes und im Clinch mit einer internationalen wirtschaftlichen Krise, könnte nichts gerechter und empfehlenswerter sein, als der Zusammenschluss der Länder des freien Europas, um zu kämpfen und zu siegen.

Doch diese Idee prinzipiell gutzuheißen, ist eine Sache. Eine andere ist, sie bedingungslos unter welchen praktischen Umsetzungen auch immer zu billigen. Zu solch einer Bedingungslosigkeit darf es nicht kommen.

Wir leben in einer Epoche von gewaltiger Verstaatlichungen. Alles wird zentralisiert, geplant, verkünstelt und tyrannisiert. Sollte die Europäische Föderation diesen Weg einschlagen, wird sie von den weisen Worten Papst Pius XII. abweichen, die er an die Leiter der internationalen Bewegung für eine Weltföderation richtete.

Vor allem müssen wir zu verstehen geben, dass die Kirche gegen das Verschwinden so vieler Nationen ist, um einen einzigen Block zu bilden. Jedes Land kann und soll in einer übernationalen Struktur lebendig und definiert bleiben, mit seinen Grenzen, Territorium, Regierung, Sprache, Bräuche und Sitten, Gesetzen und ihrer Eigenart. Ein Redaktionsmitglied dieser Zeitung hatte schon Gelegenheit diese Prinzipien zu erläutern mit den Kommentaren zur oben erwähnten Ansprache Pius XII. Deutschland ist eine Nation, Frankreich eine andere, Italien eine andere. Wenn jemand sie zusammenschmelzen wollte, wie man in einem Schmelztiegel kostbare Schmuckstücke wirft, um sie zu einem nichtssagenden und gewöhnlichen Goldbarren zu machen, der würde bestimmt nicht nach dem Plane Gottes handeln, der eine natürliche Ordnung erschaffen hat, in der jede Nation eine unzerstörbare Wirklichkeit bildet. Wenn also die Europäische Föderation diesen Weg einschlagen würde, wäre es eher ein Übel denn etwas Gutes. Sie muss die Schützerin der nationalen Unabhängigkeiten und nicht eine alles verschluckende Hydra sein. Die föderale Autorität sollte da sein, um die Tätigkeiten der nationalen Regierungen in gewisse Angelegenheiten überstaatlicher Interessen zu ergänzen, doch niemals um sie auszuschalten. Ihre Tätigkeit darf nie die Absicht haben, die nationalen geistigen und kulturellen Eigenschaften zu unterdrücken, doch eher sie nach Möglichkeit zu stärken. So wie es im Heiligen Römischen Reich war, wo sich jede Nation im Rahmen der legitimen und allgemeinen Interessen der Christenheit entwickeln konnte, gemäß ihrer Eigenart, Fähigkeit, Bedingungen, Umgebung etc.

Auf der anderen Seite darf die Wirtschaftliche Struktur nicht einer derartigen Planung unterworfen werden, dass sie in eine super Sozialisierung hineingezogen wird. Wenn der Sozialismus ein Übel ist, dann ist seine Umsetzung in eine staatliche Planungsmanier ein noch größeres Übel. Im Heiligen Römischen Reich, das durchdrungen war von Feudalismus, eines gesunden Regionalismus, von städtischer Selbständigkeit, der Selbständigkeit der Innungen, Universitäten usw., erschien diese Gefahr mit den Legisten, die den Samen des modernen Sozialismus verbreiteten. Doch die Legisten waren immer ein Auswuchs in der Christenheit und ihr Einfluss traf zusammen mit dem Niedergang des wahren christlichen Staatsideals.

Zum Abschluss sei uns eine freimütige Behauptung erlaubt. Keine Gesellschaft, sei sie häuslich, beruflich, freizeitlich, sei sie Staat, Staatenbund oder Weltreich, kann dauerhaft und haltbare gute Früchte hervorbringen, wenn sie offiziell den Gottmenschen, die Erlösung, das Evangelium, die Gebote Gottes, die Heilige Kirche und das Papsttum verkennt. Zufälligerweise können einige Früchte gut sein. Doch wenn sie gut sind, sind sie nicht von Dauer. Sind sie schlecht und dauerhaft, werden sie schädlich.

Würde die Europäische Föderation sich im Schatten der Kirche stellen und von ihr sich inspirieren, anregen und beleben lassen, was könnte man daraus nicht alles erwarten? Verkennt sie aber die Kirche als den mystischen Leib Christi, was kann man dann von ihr erwarten?

Ja, was kann man von ihr erwarten? Einige gute Früchte, die man zweifellos mit allen Mitteln hervorheben und beschützen muss. Doch wie ist es begründet, auch andere Früchte zu erwarten! Und wenn diese Früchte bitter sind, wie kann man nicht befürchten, dass wir uns der Weltrepublik nähern, dessen Aufbau die Freimaurerei seit so vielen Jahrhunderten schon vorbereitet?






Veröffentlicht in „Catolicismo“Nr. 14 - Februar 1952 - mit dem Titel „A Federação Européia à luz da doutrina Católica“

Montag, 12. September 2016

... den Mut haben, allein zu sein in der Erwartung


Wir müssen um den Mut bitten, allein zu sein, wie sie [die Heiligen Drei Könige] es damals waren. Allein inmitten einer heidnischen Welt, aber in der Erwartung des Sternes, in der Erwartung der Stunde Gottes, um, wenn sie dann kommt, seinen Willen in voller Treue und Pünktlichkeit zu erfüllen. Für sie war es die tröstliche Stunde, in der das Jesuskind geboren wurde. Für uns wird es die Zeit sein, in der sich die Verheißungen von Fatima erfüllen. Was auch immer geschieht, wird für uns ein sehr genauer Moment kommen, in dem ein Stern uns sagen wird, dass die langersehnte Stunde gekommen ist. Es wird nicht ein äußerlicher Stern sein, aber eine innere Stimme. Es wird eine Überzeugung sein, dass die Zeit vollendet ist, dass die Zeit aller Kämpfe und aller entscheidenden Schlachten endlich gekommen ist. Wir müssen uns für diese Stunde vorbereiten, damit wir Beispiele von Eifer und Treue seien, wie es die Heiligen Drei Könige waren, indem wir ab sofort Beispiele der Treue in Zeiten des Alleinseins sind.
(Plinio Corrêa de Oliveira)


Freitag, 9. September 2016

Volk und Masse



Plinio Corrêa de OLiveira


Die Prozession zieht über die durch harte und ehrliche Arbeit des Bauern bestellten Felder. Das Allerheiligste verlässt den Tabernakel, überschreitet die Schwellen der Kirche und Unser Herr zieht durch die Kornfelder, um die Erde, ihre Früchte, die menschliche Arbeit und besonders den Bauer zu segnen. Die Szene ist reich an tiefen Harmonien. Gnade und Natur. Kirche und weltliche Gesellschaft, Obrigkeiten und Volk, zivile, militärische und kirchliche, reiche und arme, alles befindet sich dort vereint in Würde, Einfachheit, im Sinn einer Hierarchie der Werte, die die beste und authentischste Schönheit dieses technisch vollkommenen Gemäldes darstellt: Die Segnung der Kornfelder im Arbois von Jules Breton.
Soviel Verschiedenheit, Würde und Wohlbefinden des Menschen, selbst wenn bescheiden, soviel tiefer Glauben, ohne den von der modernen Propagandatechnik hervorgerufenen Fanatismus der Massenbewegungen, lassen uns an Definition von Volk denken, die Papst Pius XII. in seiner monumentalen Botschaft von Weihnachten 1944 gegeben hat:
„Das Volk lebt aus der Lebensfülle der Menschen, aus denen es sich zusammensetzt und deren jeder einzelne — an seinem Posten und in seiner Art — eine der eigenen Verantwortung und der eigenen Überzeugung sich bewußte Person ist. (...) Aus der Lebensfülle echten Volkes ergießt sich das ‚Leben, überfließend und reich, in den Staat und alle seine Organe und flößt ihnen; in unaufhörlich erneuerter Kraft, das Bewußtsein eigener Verantwortlichkeit und wahres Verständnis für das Gemeinwohl ein. (...)In einem Volke, das dieses Namens würdig ist, fühlt der Bürger in sich selbst das Bewußtsein seiner Persönlichkeit, seiner Pflichten und seiner Rechte, seiner eigenen Freiheit verbunden mit der Achtung vor der Freiheit und Würde der andern. In einem Volke, das dieses Namens würdig ist, bilden alle die Ungleichheiten, die nicht von der Willkür, sondern eben von der Natur der Dinge, von der Ungleichheit der Bildung, des Besitzes, der gesellschaftlichen Stellung herrühren — wohlgemerkt ohne Nachteil für Gerechtigkeit und wechselseitige Liebe — durchaus kein Hindernis gegen das Bestehen und Überwiegen echten Geistes der Gemeinschaft und Brüderlichkeit. Im Gegenteil, weit entfernt, die bürgerliche Gleichberechtigung irgendwie zu verletzen, verleihen sie ihr ihren wahren Sinn, daß nämlich jeder dem Staate gegenüber das Recht hat, in Ehren sein persönliches Eigenleben zu führen an dem Posten und unter den Bedingungen, in die ihn die Fügung und Führung der göttlichen Vorsehung gestellt hat.“


Das andere Bild zeigt eine Massendemonstration unserer Tage. Eine menschliche Herde, die nach den Ideen — oder vielmehr den Eindrücken — denkt und vibriert, die Rundfunk, Kino und Presse ihnen durch Augen und Ohren eintrichtern. All ihre Bewegungen, all ihre Impulse schweben bedrohend über die Szene, hängen über der Stadt wie ein Gewitter, dessen Kraft einzig der Zerstörung dient. Zerstören was? Niemand weiß es. Das, was die „Fachmänner“ der Herstellung von öffentlichen Meinungen wollen. So manipuliert, werden diese armen Menschen — mit Sicherheit — keine Kathedrale erbauen, sie können sie aber zerstören; sie werden keine Stadt erbauen, können sie aber in Brand setzen.
Masse, eine unglückliche anorganische Masse, die von den Bewegungen leben, die sie von außen aufgesetzt bekommen, die nicht wissen wohin sie sich bewegen, keine natürlichen Führer haben, keine eigene Hierarchie, keine Spur von interner Verschiedenheiten. Es ist kein Organismus. Es ist ein physisches Nebeneinander von Menschen, im Grunde untereinander isoliert, wie Sandkörner am Strand, die wohl nebeneinander da liegen, aber keinerlei geistige Verbindung untereinander haben — kein „Zusammensein“ im echten Sinn des Wortes.
Wie soll man da nicht an die Worte Pius XII. denken, die er in der selben Ansprache über die Masse sagte?
„Masse ist in sich träge und kann nur von außen her bewegt werden. (...) Die Masse hingegen erwartet den Antrieb von außen, sie wird leicht zum Spielball in der Hand eines jeden, der ihre Naturtriebe oder ihre Beeindruckbarkeit auszunützen versteht; sie ist bereit, wie es gerade kommt, heute diesem, morgen jenem Banner zu folgen. (...) Auch der elementaren Kraft der Masse kann der Staat sich bedienen, wenn sie nur geschickt bearbeitet und genutzt wird: in den ehrgeizigen Händen eines einzelnen oder mehrerer, die selbstsüchtige Bestrebungen künstlich zusammengeschlossen haben, kann der Staat, gestützt auf die Masse, die einfach nur mehr zur Maschine entwürdigt ist, seine Willkür dem besseren Teil des wahren Volkes aufzwingen. Das Gemeinwohl wird dadurch hart und für lange Zeit getroffen und die Wunde ist oft recht schwer zu heilen.“ (...) In einem demokratischen Staat, „der der Willkür der Masse ausgeliefert ist, verwandelt sich die Freiheit, obgleich eine persönliche sittliche Pflicht, in einen tyrannischen Anspruch auf ungehemmte Befriedigung menschlicher Gier und menschlicher Triebe zum Schaden für die andern. Die Gleichheit entartet in geistlose Gleichmacherei, in eine eintönige Gleichschaltung. Sinn für wahre Ehre, persönlicher Einsatz, Achtung vor Überlieferung, Würde, mit einem Worte alles, was dem Leben seinen Wert verleiht, geht allmählich unter.“

Und in der Tat: Man analysiere diese Masse und man wird in ihr keinen Sinn für Ehre, keinen Reichtum an Persönlichkeiten, keine Liebe zur Tradition finden!


Freie Übersetzung aus „Catolicismo“, Februar 1952

Donnerstag, 8. September 2016

Die Geburt Mariens und der Triumph ihres Reiches

zum 8. September
von Plinio Corrêa de Oliveira
Der folgende Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, den er am 8. September 1966 hielt. Es wurde übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne seine Überarbeitung . -Ed .

Alles, was die Kirche tut, ist weise. In ihrer Weisheit, stuft sie die Ehrerweisung, die Gott, Unserer Lieben Frau und den Heiligen gebührt in verschiedenen Ebenen ein. Die erste Ebene, Latria oder Anbetung genannt, gebührt nur Gott und Unserem Herrn Jesus Christus, der das menschgewordene Wort ist .
Der Kult der Dulia ist die Verehrung oder Vermittlung, die die Kirche den Heiligen gewährt. Allerdings gibt es eine spezielle Kategorie von Ehrerweisung, die die Kirche ausschließlich der Muttergottes zugesteht, genannt Hyperdulia. Sie steht so hoch über alle Heiligen, dass die Kirche eine besondere Kultebene schuf, um die Verehrung zu ihr zu bezeichnen. Dies zeigt die einzigartige Stellung der Muttergottes in der ganzen Schöpfung .
Die Kirche lehrt dies auf verschiedene Weisen. Zum Beispiel: Außer von unserem Herrn und des hl. Johannes des Täufers, wird von keinem anderen Heiligen der Geburtstag gefeiert; kein anderer Heiliger hat mehr als einen Festtag im Jahr; und während die Kirche nicht erlaubt, dass ein Heiliger, mehrere Male auf dem selben Altar dargestellt wird, erlaubt sie eine beliebige Anzahl von Bildern und Figuren der Jungfrau Maria, die überall im kirchlichen Raum aufgestellt werden. Auch feiert die Kirche Dutzende Marienfeste im Jahreskalender, liturgische Feiern und fromme Praktiken zu Ehren Unserer Lieben Frau.
Unter diesen hat ihre Heilige Geburt eine besondere Bedeutung, da sie eine neue Ära in der Geschichte des auserwählten Volkes kennzeichnet.
Das Alte Testament, dass nichts anderes ist als die Erzählung des Wartens auf den Messias, kann in zwei Phasen eingeteilt werden: Die erste wäre die 4000-5000 Jahre vor der Geburt Mariens. Die zweite ist nach diesem gesegneten Augenblick, in dem die Vorsehung beschlossen hat, dass sie geboren werde, und deren Gebete den Messias hervorbringen würde.
Ihre Geburt war die Ankunft dieses vollkommenen Geschöpfes, das voll der Gnade vor Gott war. Ohne sie hätten alle Gebete und Leiden der ganzen Menschheit es nicht erreicht, die Menschwerdung Gottes herabzubitten. Doch mit ihr, hatte sich der Lauf der Geschichte für immer verändert. Alle Gebete wurden effektiver und eine neue Art von Segen und Gnade begann eine Art von Heiligkeit hervorzubringen wie nie zuvor.
Unsere Liebe Frau diente als das „Tor zum Himmel“, wodurch die Hoffnung auf das Kommen des Messias eintrat. Ihre Anwesenheit auf der Erde war der Anlass außerordentlicher Gnaden. Die Höhe ihrer Betrachtung gab ihr eine große Gegenwärtigkeitskraft. Sie machte sie zu einem Brunnen, dem so viele und so hohe Gnaden entsprangen, so dass ihr Dasein eine ständige Verkündigung der Ankunft des Herrn war.
Daher ist das Fest der Geburt der Gottesmutter sehr erhaben. Es ist der Anfang der Erlösung, die schließlich die bösen Mächte des Heidentums und der Heiden besiegen würde.
Es gibt eine tiefe Beziehung zwischen der Geburt Mariens und dem was in der modernen Gesellschaft geschieht. Wieder einmal hat Maria eine zentrale Rolle in der Geschichte eingenommen, indem sie Seelen beruft, die inmitten der Dunkelheit des Neuheidentums, sich brennend nach der Zeit ihres Reiches sehnen. Sie rufen nach ihm und kämpfen für seine Einrichtung auf Erden.
Diese Seelen sind wie Unsere Liebe Frau im Alten Testament: Weder ist das Licht noch nicht gekommen, noch hat die Erlösung den Sieg und die Befreiung vom Teufel erwirkt. Allerdings breiten diese Seelen Gnaden der Hoffnung und Entschlossenheit in einer Weise aus, dass sie die Vorboten des kommenden Sieges sind.
So wird die Geburt Mariens symbolisch wiederholt zur Vorbereitung ihres, vom hl. Ludwig von Montfort und in den Erscheinungen von Fatima prophezeiten, kommenden Reiches.
Für diejenigen, die den Sieg Unserer Lieben Frau herbeisehnen, ist dieses Fest von besonderer Bedeutung. Sie sollten inbrünstig beten, für das sofortige Kommen des Reiches Mariens, damit die lange dunkle Nacht der Sünde durch ihren Triumph zu Ende geht.