Mittwoch, 15. Juni 2022

Zum Tode Roosevelts (April 1945)

 


von Plinio Corrêa de Oliveira

      Der unerwartete Tod Roosevelts hat nicht nur in allen Teilen der Welt, sondern - was viel seltener ist - in fast allen Teilen der Weltöffentlichkeit aufrichtige Trauer hervorgerufen.

      Roosevelt hatte das seltene Privileg, einem radikalen Feind der wesentlichsten Aspekte des Lebens unter zivilisierten Menschen gegenüberzustehen. Normalerweise sind die Menschen untereinander uneins über Prinzipien, die nicht sehr offensichtlich sind. Der Totalitarismus stürzte sich jedoch nicht in die Auseinandersetzung mit gewöhnlichen Streitfragen. Mit leoninischer Wut hat sie die großen allgemeinen Prinzipien angegriffen, die der gemeinsame Nenner fast aller Strömungen sind, ein Erbe, das nicht diesem oder jenem Land, nicht diesem oder jenem System, sondern der gesamten Menschheit gehört, oder zumindest den Teilen der Menschheit, in denen noch Spuren von gesundem Menschenverstand vorhanden sind.

      Die Sympathien, die seine Figur erweckte, waren also sehr allgemein. Es gab eine Zeit, da war er nur eine amerikanische Figur. Die Welt betrachtete ihn aus der Ferne, mit Interesse und vielleicht mit Herzlichkeit, ohne jedoch in ihm eine Figur von internationaler Bedeutung zu sehen. In der großen und etwas zweideutigen Galerie der großen zeitgenössischen Persönlichkeiten war er nicht mehr als ein aktiver und einflussreicher Staatsmann, der erfolgreich die inneren Angriffe von Feinden abgewehrt hatte, denen er Kapitulationen aufzwingen konnte, die mit dem doppelten Verdienst gesegnet waren, durchschlagend und unblutig zu sein. Aber die Umstände haben ihm eine größere Rolle zugedacht. Als die Nazi-Flugzeuge Tag und Nacht auf London eindrangen und die ganze Welt befürchtete, dass die englische Luftwaffe schließlich schwächeln würde, richteten sich alle Augen auf Roosevelt. Wir alle spürten, dass er, menschlich gesehen, das Zünglein an der Waage war, und dass, wenn er sich in den goldenen Ring von amerikanischem Reichtum und Ruhe, amerikanischem Wohlstand und Yankee-Isolation einschloss, nicht nur England zusammenzubrechen drohte. Es waren unsere eigenen Häuser, ob bei den Brasilianern oder den Hindus, den Schweizern oder den Afghanen - die vom Untergang bedroht waren. Es waren unsere Traditionen, unsere Bräuche, unsere Unabhängigkeit, alles, was das Leben lebenswert zu machen schien. Es war die Zeit, als der japanische Angriff den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg auslöste. Offenbar schuldet die Welt Japan diesen hervorragenden Dienst. Aber alle spürten, sahen, erkannten, dass Roosevelt seit langem den Moment herbeigesehnt hatte, das volle Gewicht der amerikanischen Waffen gegen die „Achse“ zu werfen, und dass der japanische Angriff ihm nur die Gelegenheit geboten hatte, den letzten Schlag gegen den Yankee-Isolationismus zu führen, gegen den er lange gekämpft hatte. So betrachtete die ganze Welt den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg als einen persönlichen Dienst Roosevelts. Wir stehen an der Schwelle zum Sieg. Der Albtraum ist immer noch so nah, dass wir die ganze Unterdrückung spüren. Die Morgenröte des Friedens und des Triumphs leuchtet bereits so hell, dass unsere Vorfreude groß ist. Gerade in diesem Augenblick, in dem alles zusammenläuft, um den Wert von Roosevelts großer, wesentlicher Aufgabe, nämlich seiner Politik gegen die Isolation, besser ermessen zu können, entreißt ihn ein plötzlicher Tod aus dem Kreis der Menschen und setzt seine Gestalt an der Schwelle zur Ewigkeit in einem Bild des vollen Triumphs und der fast einhelligen Beliebtheit in der Geschichte fest. Es ist ein Tod, der unter idealen Umständen für eine große Verherrlichung stattfand.

* * *

      Der „Legionário“ bekämpfte den Nationalsozialismus mit der ganzen Aufrichtigkeit seiner Seele. Man kann sich daher vorstellen, wie sehr er in jenen dunklen Tagen, als alles zusammenzubrechen schien, an der allgemeinen Unruhe teilnahm. Wir haben also das, was die Welt Roosevelt zu verdanken hat und was für immer sein solidester und authentischer Ruhmestitel sein wird, in seinem ganzen Ausmaß gemessen: die Zerschlagung des Nazismus, die ohne die Mitwirkung des amerikanischen Potentials nicht möglich gewesen wäre.

      Es gibt jedoch auch andere sympathische Aspekte seiner Figur, die nicht vergessen werden sollten. Erstens, die Herzlichkeit seiner Beziehungen zum Heiligen Stuhl. Eine lange Tradition des protestantischen Säkularismus hatte das Weiße Haus in eine Haltung der feindseligen und etwas abweisenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Heiligen Stuhl gebracht. Roosevelt setzte sich aktiv für eine Annäherung ein, und da er nicht in der Lage war, alle Vorurteile auszuräumen, die sich gegen eine positive Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Papsttum erhoben, erfand er das echte diplomatische Novum, dass der Präsident der amerikanischen Nation auf persönlicher Basis ein halboffizieller Vertreter beim Oberhaupt der Christenheit war. Der Ausweg war geschickt gewählt. Niemand könnte gegen eine Delegation protestieren, die in rein persönlicher Eigenschaft erfolgte: War Roosevelt nicht Herr seiner Handlungen, wenn er als Privatperson handelte? Doch in welcher Eigenschaft erschien Myron Taylor vor dem Heiligen Stuhl? Wenn Roosevelt nur eine Privatperson wäre, bräuchte er dann einen Vertreter vor dem Thron des Heiligen Petrus? War der Umgang von Herrn Taylor mit dem Heiligen Stuhl lediglich eine private Angelegenheit? Die offensichtliche Zweideutigkeit dieser formbaren und rechtlich unangreifbaren Situation ebnete den Weg für eine vollständige Normalisierung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Vatikan.

      Gleichzeitig unterhielt Roosevelt völlig korrekte und herzliche Beziehungen zu den katholischen kirchlichen Behörden in den USA. Er hat in hohem Maße mit ihnen zusammengearbeitet, und selbst dort hat er mit Geschick, aber auch mit Entschiedenheit viele säkularistische Vorurteile zu Fall gebracht, die jetzt völlig unzeitgemäß sind.

      Diese konkreten Fakten sind es wert, festgehalten zu werden. Für diejenigen, die die Geschichte „sub specie aeternitatis“ zu sehen wissen, haben sie eine Bedeutung, die in diesem Moment, volente Deo, die Seele des verstorbenen Präsidenten ganz besonders spüren wird...

* * *

      Wir haben eingangs gesagt, dass Roosevelt die Sympathien derjenigen Strömungen auf sich vereinigte, die sich untereinander am meisten uneinig waren. Und auch von denen, die in vielen Punkten mit ihm nicht übereinstimmten. Aus diesem Grund kann sogar eine Zeitung wie „O Legionário“, die sich in der Tat an einem ideologischen Pol befindet, der sich von dem des verstorbenen Präsidenten sehr und sehr unterscheidet, nicht nur wegen der unterschiedlichen Überzeugungen, sondern unter mehr als einem wichtigen politisch-sozialen Gesichtspunkt, seinem Andenken die Worte widmen, die hier bleiben, in die wir nur Sympathie und Dankbarkeit legen. Dies werden die charakteristischsten Lobreden auf sein großes Werk sein. In der Zukunft wird die Geschichte sagen, dass sein Ruhm nicht darin bestand, eine Meinung zum Sieg zu führen, sondern darin, während einer langen und verworrenen Trübsal das zu verteidigen, was das Wahrste in allen Gedanken und in allen Lehren ist, das von einem Mann der Meinung vertreten werden können.

 

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) von “Roosevelt” in “Legionário” Nr. 662, vom 15. April 1945.

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Diese deutsche Fassung von „Zum Tode Roosevelts“ erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com

Bild:  https://academiaparaninfo.wordpress.com/2013/01/24/franklin-d-roosevelt-famous-people-in-english-personajes-famosos-en-ingles/


Dienstag, 14. Juni 2022

Die mobile Unbeweglichkeit des Chaos


Plinio Corrêa de Oliveira

Wenn es einen gemeinsamen Nenner im öffentlichen und privaten Leben so vieler Nationen heute gibt, dann ist es das Chaos. Chaotische Aussichten scheinen sich zu wiederholen, und immer mehr Menschen begeben sich auf die Pfade des Chaos, von denen niemand weiß, wie weit sie gehen werden.

Die rätselhaften Kräfte des Chaos erzeugen Explosionen, Eruptionen, die den Eindruck erwecken, dass die Welt aus den Fugen zu geraten droht. Die Optimisten, die Idioten — der Leser möge den Pleonasmus verzeihen — sind nicht sehr ängstlich, denn sie glauben, dass „in der Kaserne von Abrantes bleibt alles gleich wie vorher“*. Diejenigen, die sich für Hellseher halten, sind beunruhigt und glauben, dass die Welt bald „auf den Kopf gestellt wird“. Aber sie irren sich auch, denn „plus ça change, plus c'est la même chose“ - je mehr es sich ändert, desto mehr bleibt es gleich…

Der chaotische Prozess, den wir alle miterleben und erleiden, bewegt sich in der Tat unbeweglich. Hier, dort und überall kommt es zu Unstimmigkeiten, zu Situationen, die so angespannt und kritisch sind, dass man meinen könnte, jeden Moment würde irgendwo ein Weltkrieg ausbrechen. Doch in diesem Wirbel des Chaos werden die Situationen unbeweglich.

Nun ist es aber gerade diese starre Unbeweglichkeit der ständigen Mobilität, der Situationen, die sich weder verbessern noch verschlechtern, die das Drama ausmacht, in das eine wachsende Zahl von Ländern mehr und mehr eintaucht.

Es handelt sich um eine Art psychosoziales AIDS, das sich in der ganzen Welt ausbreitet: Diese Krankheit tötet nicht, sondern schwächt alles Gesunde und Organische in den Nationen.

In seiner Feigheit vor der Vermehrung von Katastrophen und moralischen und materiellen Ruinen hockt der Mensch von heute und klagt: „Das Zerbrechen ist die Regel des Lebens und jeder muss sich ihr unterwerfen. Alles geht kaputt und nichts hat einen Sinn mehr. Die Dinge bedeuten nichts mehr!“

Vor dem Hintergrund dieses Panoramas scheint die folgende Botschaft projiziert zu werden: „Gewöhnt euch daran und versteht, dass nichts mehr eine Daseinsberechtigung hat! Die menschliche Vernunft ist ausgestorben und nichts wird jemals wieder vernünftig sein! Aber das wird Dir nicht ausdrücklich gesagt: Der Lauf des Weltgeschehens wird immer absurder und unvernünftiger werden. Und jeder wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass die Absurdität das Zepter der Welt übernommen hat!“

Das scheint die gegenwärtige Botschaft der Fakten zu sein: „Menschliche Vernunft, zieh dich zurück! Menschliches Denken, sei still! Mensch, denke nicht mehr nach und lass dich wie ein Tier von den Ereignissen mitreißen“…

Und aus den Tiefen dieses Abgrunds kann der Katholik die trügerischen Schimmer, den Gesang, der zugleich unheimlich und anziehend, erweichend und wahnhaft ist, jenes elenden Wesens erkennen, das gleichsam die Personifizierung der Unlogik, der Absurdität, der törichten Revolte voller Hass gegen den Allmächtigen und Weisen ist: der Teufel. Der Vater des Bösen, des Irrtums und der Lüge stöhnt und keucht in seiner Verzweiflung und schreit seinen ewigen und ruchlosen Schrei der Revolte: „Non serviam“ - Ich werde nicht dienen!

Dies sind die Perspektiven, über die Theologen streiten können und sollten. Die wahren Theologen natürlich, d.h. die wenigen unter ihnen, die noch an die Existenz des Teufels und der Hölle glauben. (P.C.O. - 12. April 1993)

Erklärungen gegenüber der Presse - 12. April 1993

* Ein brasilianischen Sprichwort, das besagt, dass alles genau so weiter geht wie vorher: „Tudo como dantes no quartel de Abrantes!“


Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von DeepL/Übersetzer (kostenlose Version) von „A imobilidade movel do caos“ Presseerklärung

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Diese deutsche Fassung „Die mobilie Unbeweglichkeit des Chaos“ erschien erstmals in
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Freitag, 10. Juni 2022

Die hl. Therese von Lisieux kommentiert die Mode während ihrer Pilgerreise nach Loretto


 Von Plinio Corrêa de Oliveira

In ihren Autobiographischen Schriften berichtet die heilige Therese vom Kinde Jesu von ihrer Pilgerreise zum Heiligen Haus von Loretto in Italien. Sie reiste mit ihrer Familie dorthin, als sie noch sehr jung war. Sie kommentiert:

„Ich war froh, als wir uns auf dem Weg nach Loretto begaben. Es überrascht mich nicht, das die seligste Jungfrau diesen Ort ausgewählt hat, um ihr gebenedeites Haus dorthin zu verbringen, hier herrschen Friede, Freude und Armut ohne Einschränkungen; alles ist schlicht und ungekünstelt, die Frauen haben ihre kleidsame italienische Tracht beibehalten nicht wie die anderer Städte die Pariser Mode angenommen. Kurz, Loretto hat mich entzückt! Was soll ich vom heiligen Haus sagen? ... Ich war tief ergriffen beim Gedanken, unter dem gleichen Dache zu weilen wie die heilige Familie.“

Diese Bemerkung der hl. Therese über die Sitten und die Kleidung ist sehr interessant. Sie lässt uns erahnen, wie gut sich die örtliche Landschaft für die Aufnahme dieser heiligen Reliquie des Heiligen Hauses eignete. Sie stellt fest, wie die Landschaft und das Heilige Haus von Loretto mit ihren Gnaden die Seelen und Gebräuche der Einwohner geprägt haben.

Sie macht eine Bemerkung im Sinne der Tradition der Kleidung, indem sie sagt, dass die einheimischen Frauen gut daran getan haben, ihre alte traditionelle Kleidung beizubehalten. Zur Zeit der hl. Therese (1873-1897) bewahrten die Menschen in vielen Regionen Europas ihre alten Trachten.

Die hl. Therese stellt fest, wie gut diese Gewohnheit war. Sie lobt den Regionalismus und tadelt den Kosmopolitismus. Wie gut haben sich diese Frauen verhalten, indem sie ihre unschuldigen Trachten von früher beibehielten, anstatt die Pariser Mode zu übernehmen! Diese revolutionären Moden wurden allen in einem Prozess aufgezwungen, der die Welt „kosmopolitisch“ machte und alle regionalen Besonderheiten beseitigte.

An dieser Bemerkung lässt sich ermessen, dass sie eine Gegenrevolutionärin war. Sie hatte die Sensibilität, die Umstände des weltlichen Lebens zu beobachten. Sie verstand ein Prinzip, das uns sehr am Herzen liegt: Es gibt eine Wechselbeziehung zwischen dem weltlichen und dem geistigen Leben. Sie erkannte, dass eine gut organisierte Gesellschaft die Ausübung von Tugend und Heiligung begünstigt. All dies findet sich in diesem sehr einfachen, synthetischen, aber gehaltvollen Auszug aus ihrer Autobiographie.

Wir können uns ein Lächeln nicht verkneifen, wenn wir daran denken, dass sie nach der Pariser Mode gekleidet war, wie sie es nannte. Sie trug dieses Kleidungsstück. Sie trug nicht die Tracht ihrer Region, denn nur die Bauern waren ihr treu geblieben, und sie war keine Bäuerin. Sie kleidete sich nach der Pariser Mode. Zu dieser Zeit war diese Mode noch anständig und bescheiden. Sie kritisiert sie nicht als unmoralisch, da sie noch angemessen war. Sie missbilligt das sehr ernste Übel des Kosmopolitismus.

Wir sehen, dass sie dies philosophisch gut durchdacht hat. Wir können auch die Resignation betrachten, mit der die hl. Therese ihre Pariser Mode trug (da es für sie keine regionale Option gab). In der Tat ist es die Resignation, mit der wir unsere eigene, uns auferlegte kosmopolitische Kleidung tragen sollten. Anzugjacke und Krawatte werden als reaktionär bezeichnet. Sie stillen jedoch nicht den Hunger und Durst in unserer Seele, die sich nach dem regionalen Reichtum der Mode sehnt, die die wahre Kultur eines Volkes widerspiegelt.

 

Der vorstehende Artikel stammt aus einem informellen Vortrag, den Professor Plinio Corrêa de Oliveira am 10. Dezember 1970 gehalten hat. Er wurde übersetzt und ohne seine Überarbeitung für die Veröffentlichung angepasst.

Der Text der hl. Therese wurde entnommen aus „Therese von Lisieux, Selbstbiographie“. Johannes Verlag Einsiedeln, 1981. S. 129f

Übersetzt aus dem Englischen mit Hilfe von DeepL/Übersetzer (kostenlose Version) in
https://www.returntoorder.org/2021/03/saint-therese-comments-on-fashions-when-on-pilgrimage-at-loreto/?pkg=rtoe1289

Eingesehen am 26.05.2022

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Diese deutsche Fassung „Die heilige Therese von Lisieux kommentiert die Mode während ihrer Pilgerreise nach Loretto“ erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com

Mittwoch, 8. Juni 2022

Die Krönung der Königin Elisabeth II. von England

 WARUM LÄSST SICH UNSERE ARME UND EGALITÄRE WELT 

VON DEM POMP UND DER MAJESTÄT DER KRÖNUNG HINREISSEN?

Plinio Corrêa de Oliveira

      Anlässlich der Amtseinführung von General Eisenhower als Präsident der Republik der Vereinigten Staaten von Amerika schrieben wir einige Überlegungen, die bei den Lesern von CATOLICISMO auf Interesse stießen. Wir haben dann versprochen, auch die Zeremonien der Krönung der Königin von England, Elisabeth II., zu analysieren. Von dieser Verpflichtung befreien wir uns nun.


Die Königin und ihr Gefolge machten sich auf den Weg zum Eingang der Westminster Abbey, wo sie von einer riesigen und begeisterten Menschenmenge erwartet wurde. Der jungen Herrscherin gehen vier Pagen voraus, dann folgt der Großkämmerer, flankiert von zwei Reichsfürsten. Die Schleppe des königlichen Mantels wird von sechs jungen Adligen getragen. Ihm folgt der Oberhofmeister in Begleitung eines Pagen. In der Prozession hat jede Person eine Funktion, eine hierarchische Stellung, eine eigene Würde. Dies ist nicht die Prozession eines heidnischen Despoten, an der nur Sklaven in Fesseln teilnehmen. Das mittelalterliche England, aus dem die Krönungszeremonien stammen, war katholisch und betrachtete die Macht des Staates, repräsentiert durch den König, als Garantie für alle legitime Vormachtstellung. Das moderne Heidentum sieht ihn als eine Dampfwalze, die alles dem Erdboden gleichmacht und vernichtet.

SOZIALMONOGRAPHIE VON BRENNENDEM INTERESSE

      Die prächtige Zeremonie vermittelte einen Überblick über England mit all dem, was es heute ist, besitzt und kann - und zwar nur auf symbolischer Ebene, die aber, gerade weil sie symbolisch ist, einige Aspekte der Realität besser als jede andere wiedergibt. Die englischen Institutionen, ihr innerer Sinn, ihre Vergangenheit, ihre gegenwärtigen Existenzbedingungen, die Tendenzen, mit denen sie sich auf die Zukunft hin bewegen, die gegenwärtige Lage Großbritanniens in der Commonwealth und in der Welt, die günstigen Aussichten und auch die dichten Nebel, die sich für das Land am diplomatischen Horizont abzeichnen, all das spiegelte sich in gewisser Weise in der Krönung und in den Zeremonien wider, die ihr vorausgingen und folgten. Es gibt eine solche Fülle von Aspekten, von denen jeder einzelne so viele Überlegungen hervorrufen kann, dass es nicht zu viel wäre, wenn ein Team von Spezialisten in der heutigen Zeit der soziologischen Forschung den Zeremonien, Manifestationen und Feierlichkeiten, in deren Mittelpunkt die Krönung stand, eine genaue Untersuchung widmen würde, die sicherlich einige dicke Bände füllen würde.

      Unsere Ambitionen müssen natürlich begrenzter ausfallen. Wir wollen nicht alle Aspekte der Krönungsfeierlichkeiten behandeln und versuchen auch gar nicht, sie aufzuzählen. Wir wollen hier nur einen Aspekt dieses umfangreichen Themas betrachten.

GLEICHHEIT, DAS IDOL UNSERES JAHRHUNDERTS

      Der überwältigende Einfluss des Geistes der Gleichheit zeigt sich heute in allen Lebensbereichen. In früheren Zeiten prägten und färbten Tugend, Geburt, Geschlecht, Bildung, Kultur, Alter, Beruf, Besitz und andere Umstände die menschliche Gesellschaft mit einer Vielfalt und einem Reichtum von tausend Reliefs und Farben; sie beeinflussten in jeder Hinsicht die Beziehungen zwischen den Menschen; sie prägten tief die Gesetze, die Institutionen, die geistigen Aktivitäten, die Sitten, die Wirtschaft und vermittelten der gesamten Atmosphäre des öffentlichen und privaten Lebens eine Note der Hierarchie, des Respekts, der Ernsthaftigkeit. Darin lag einer der tiefsten und typischsten geistigen Züge der christlichen Gesellschaft. Es wäre übertrieben zu sagen, dass heute alle diese Erleichterungen und Nuancen abgeschafft sind. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass viele von ihnen verschwunden sind und die wenigen, die noch übrig geblieben sind, von Tag zu Tag schwächer werden und verblassen.

      Zweifellos ist das Leben ein ständiger Wandel von allem, was nicht beständig ist. Dass viele der alten Schattierungen verschwinden und andere neu entstehen, ist normal. Aber in unseren Tagen gibt es sozusagen keine einzige Veränderung, die sich nicht nivellierend auswirkt, die nicht direkt oder indirekt die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft hin zu einem absolut egalitären Zustand begünstigt. Und wenn die unteren Schichten den egalitären Drang lockern, sind es die oberen, die es auf sich nehmen, es voranzutreiben. Dieses Phänomen ist nicht auf eine Nation oder einen Kontinent beschränkt, sondern scheint von einem weltweiten Wind getrieben zu werden. Der nivellierende Wirbelwind korrigiert hier und da - etwa in Asien und in bestimmten hyperkapitalistischen Regionen des Westens - unerträgliche Missstände, erzwingt an anderen Stellen zulässige Veränderungen, an anderen schließlich die Zerstörung unbestrittener Rechte und untergräbt die natürliche Ordnung der Dinge grundlegend. In all diesen Fällen ist es jedoch wichtig festzustellen, dass dieser egalitäre Taifun von kosmischer Ausdehnung nie aufhört zu wehen. Sobald eine gerechte Reform durchgeführt wurde, neigt er dazu, ihre nivellierende Arbeit fortzusetzen und zu dem überzugehen, was zweifelhaft gerecht ist, und sobald sie diesen Punkt erreicht hat, bewegt sie sich mit zunehmender Dynamik auf das Terrain dessen zu, was offenkundig ungerecht ist. Dieser Durst nach Gleichheit wird nur in der vollständigen, totalen, absoluten Nivellierung gestillt. Die Gleichheit ist das Ziel, nach dem die Massen streben, die Mystik, die das Handeln fast aller Menschen bestimmt, das Idol, unter dessen Ägide die Menschheit das goldene Zeitalter zu finden hofft.

EINE BEUNRUHIGENDE TATSACHE:

DIE POPULARITÄT DER KRÖNUNG

      Während dieser Taifun mit noch nie dagewesener Wucht bläst, wird inmitten dieses gewaltigen Weltprozesses eine Königin nach Riten gekrönt, die von einer absolut ungleichen Mentalität inspiriert sind. Diese Tatsache irritiert nicht, sie löst keine Proteste aus, sondern wird im Gegenteil mit einer großen Welle der Sympathie in der Bevölkerung aufgenommen. Die ganze Welt feierte die Krönung der jungen englischen Herrscherin, fast so, als ob die Traditionen, die sie vertritt, ein allen Völkern gemeinsamer Wert wären. Die Menschen strömten von überall her nach London, um dieses antimoderne Spektakel zu genießen. Männer, Frauen und Kinder aller Nationen und aller Sprachen, die unterschiedlichsten Berufe ausüben und, was das Außergewöhnlichste ist, die verschiedensten Meinungen vertreten, strömten zu den Fernsehern, um die Zeremonie zu sehen. In dieser gewaltigen Bewegung der Seele der heutigen Menschheit gibt es etwas Überraschendes, Widersprüchliches, vielleicht Beunruhigendes, das eine detaillierte Analyse erfordert. Und das ist der Gegenstand unserer Studie.

EINIGE ERKLÄRUNGEN

      Diese Tatsache hat die Aufmerksamkeit verschiedener Kommentatoren auf sich gezogen, die einige Erklärungen vorgeschlagen haben. Einige haben darauf hingewiesen, dass mit der Ausbreitung des Egalitarismus und der Seltenheit von Königen auch eine Krönung immer einzigartiger, seltsamer und interessanter wird. Andere, die sich mit diesen Gründen kaum zufrieden gaben, suchten nach einem anderen Motiv. Die Schönheit der Zeremonien, wenn man sie unter rein ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet, würde die Aufmerksamkeit von Liebhabern dieses Genres auf sich ziehen. Die Schwäche dieser Erklärungen liegt auf der Hand. Alles in den Nachrichten über die Krönung zeigte, dass die Massen davon bewegt wurden, nicht durch einen bloßen Impuls der Neugier, um die Wiederholung einer historischen Szene oder die Entfaltung eines künstlerischen Spektakels zu sehen, sondern durch eine immense Bewegung von fast religiöser Bewunderung, von Sympathie, sogar von Zärtlichkeit, die nicht nur die junge Königin, sondern alles, was sie und die monarchische Institution Englands symbolisieren, umgab. Wenn die Krönung für diejenigen, die sie sahen, ein bloßes historisches Spektakel, eine bloße künstlerische Kuriosität gewesen wäre, die genauso gut oder besser von professionellen Schauspielern hätte dargestellt werden können, wie könnte man dann das Zittern der Freude, die Erneuerung der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die apotheotischen Manifestationen, die endlosen Akklamationen der Tage der Krönung erklären?

      Herr Menotti del Picchia vermutet eine andere Erklärung. Der Mensch hat zu allen Zeiten und an allen Orten eine Schwäche gezeigt: die Vorliebe für Ehrungen, für Auszeichnungen, für Gala. Der rationale und strenge Egalitarismus unserer Tage nährt diese Schwäche in keiner Weise. Wenn sich also eine Gelegenheit wie die Krönung bietet, empfindet der Mensch die ganze Freude, die ihm die Befriedigung seiner Schwächen gewöhnlich bereitet.

      Wir sind der Meinung, dass diese Meinung viel Unverständnis hervorruft, aber auch eine goldene Ader hat. Die Ader liegt in der Erkenntnis, dass es in der menschlichen Natur eine tiefe, dauerhafte und starke Tendenz zu dem gibt, was schön, ehrenhaft und unverwechselbar ist, und dass der heutige Egalitarismus diese Tendenz erdrückt und eine tiefe Nostalgie hervorruft, die immer dann explodiert, wenn sie einen Anlass dazu findet. Das Problem ist, dass diese Tendenz als Schwäche angesehen wird. Niemand kann leugnen, dass die Vorliebe für Ehrungen und Auszeichnungen zu vielen Erscheinungsformen menschlicher Kleinheit führt. Daraus zu schließen, dass dieser Geschmack an sich eine Schwäche ist, wäre ein Fehler! Als ob Hunger, Durst, das Verlangen nach Ruhe und so viele andere natürliche und an sich sehr legitime Neigungen des Menschen als schlecht, irrig, lächerlich angesehen werden sollten, nur weil sie zu Exzessen und sogar zu unzähligen Verbrechen Anlass geben! Selbst die edelsten Gefühle des Menschen können ihn zu Schwächen verleiten. Es gibt kein ehrbareres Gefühl als die mütterliche Liebe. Doch zu wie vielen Fehlern kann sie führen, zu wie vielen hat sie bereits geführt, zu wie vielen wird sie in Zukunft noch führen?

EINE WESENTLICHE TUGEND: STOLZ

      Die Vorliebe des Menschen für Ehrungen, für Auszeichnungen, für Feierlichkeiten ist nur der Ausdruck des Instinkts der Geselligkeit, der unserer Natur so sehr innewohnt, so gerecht und so weise ist wie jeder andere der Instinkte, mit denen Gott uns ausgestattet hat.

      Es liegt in unserer Natur, dass wir in Gesellschaft mit anderen Menschen leben. Aber sie begnügt sich nicht mit irgendeiner Art von Geselligkeit. Für Menschen mit einer aufrechten Gesinnung, also mit Ausnahme der Exzentriker, der Atrabilianer, der Neuropathen, erfüllt die menschliche Geselligkeit ihre natürlichen Ziele nur dann vollkommen, wenn sie auf gegenseitigem Wissen und Verstehen beruht, und wenn aus diesem Wissen und Verstehen Wertschätzung und Freundschaft erwachsen. Mit anderen Worten: Der Instinkt der Geselligkeit verlangt nicht nach einem menschlichen Zusammenleben, das auf Missverständnissen und Reibereien beruht, sondern nach einem Kontext friedlicher, harmonischer und angenehmer Beziehungen.

      Wir wollen vor allem für das bekannt sein, was wir wirklich sind. Ein Mensch, der gur Eigenschaften hat, neigt von Natur aus dazu, sie zu zeigen, und möchte, dass diese Eigenschaften ihm die Wertschätzung und Beachtung der Umgebung, in der er lebt, einbringen. Ein Sänger zum Beispiel neigt dazu, sich Gehör zu verschaffen und beim Publikum den Geschmack zu wecken, den die Eigenschaften seiner Stimme verdienen. Aus demselben Grund neigt ein Maler dazu, seine Bilder auszustellen, ein Schriftsteller, seine Werke zu veröffentlichen, ein Gelehrter, sein Wissen zu vermitteln usw. Und aus einem ähnlichen Grund schließlich ist der tugendhafte Mensch stolz darauf, als solcher gesehen zu werden. Die allgegenwärtige Gleichgültigkeit gegenüber der Vorstellung, die unser Nächster von uns hat, ist keine Tugend, sondern ein Mangel an Stolz.

       Es ist klar, dass der aufrechte und maßvolle Wunsch nach einem guten Ruf leicht korrumpiert werden kann, wie alles, was dem Menschen innewohnt. Es ist eine Folge der Erbsünde. Genauso kann der Erhaltungsinstinkt leicht in Angst ausarten, der vernünftige Wunsch nach Nahrung in Völlerei usw. Im konkreten Fall der Geselligkeit ist es für uns sehr leicht, so weit zu gehen, dass wir den Beifall unserer Mitmenschen als wahres Idol betrachten, als Ziel all unserer Handlungen, als Grund für unser tugendhaftes Verhalten; dass wir, um diesen Beifall zu erhalten, Eigenschaften vortäuschen, die wir nicht besitzen, oder unsere heiligsten Prinzipien verleugnen (wer weiß schon, wie viele Seelen die menschliche Achtung in die Hölle hinabzieht! ); dass wir, getrieben von diesem Durst, Verbrechen begehen, um herausragende Positionen und Situationen zu erlangen; dass wir, fasziniert von diesem Ziel, den kleinsten Faktoren, die uns auszeichnen können, eine lächerliche Bedeutung beimessen; dass wir heftigen Hass empfinden und grausame Rache an denen üben, die nicht in ihrer ganzen vermeintlichen Breite die Verdienste anerkannt haben, die wir zu haben glauben. Die Geschichte ist voll von traurigen Beispielen für all dies. Aber, so betonen wir, wenn wir mit diesem Argument zu dem Schluss kämen, dass der Wunsch des Menschen, von seinen Mitmenschen als das erkannt und geschätzt zu werden, was er wirklich ist, von Natur aus böse ist, müssten wir alle Instinkte, unsere Natur selbst, verdammen.

       Es ist auch wahr, dass Gott von uns verlangt, innerlich losgelöst zu sein in Bezug auf unsere gute Meinung über andere, wie in Bezug auf alle anderen Güter dieser Erde: Intelligenz, Kultur, Karriere, Schönheit, Reichtum, Gesundheit, das Leben selbst. Von den einen verlangt Gott nicht nur eine innere Loslösung, sondern auch eine äußere Loslösung von sozialer Rücksichtnahme, so wie er von den anderen nicht nur geistige, sondern auch tatsächliche materielle Armut verlangt. Es ist also notwendig, zu gehorchen. Daher die Hagiographien über Heilige, die vor den gerechtesten Formen der Anerkennung durch ihre Mitmenschen fliehen. Dennoch ist es an sich legitim, dass der Mensch den Wunsch hat, von den Menschen, mit denen er lebt, geachtet zu werden.

Die egalitäre Mentalität erkennt nur zwei konstitutive Elemente der Gesellschaft an: die Regierung, die die Menge verkörpert, und auf der anderen Seite das isolierte, ungeschützte, anonyme Individuum. In der mittelalterlichen Christenheit gab es zwischen der Staatsmacht, die vor allem durch den König repräsentiert wurde, und den einfachen Privatpersonen eine Reihe von Zwischeninstanzen, wie Lehen, Bistümer, Universitäten, Zünfte usw. Diese Einrichtungen stellten eine Verteidigung des Individuums gegen die staatliche Allmacht dar. Umgeben von Ehren und Privilegien präsentierten sie sich bei der Krönungszeremonie mit den Insignien und der Pracht, die ihrer Stellung entsprachen. Hier sehen wir das Zeremoniell für die Parade eines großen Feudalherren - in diesem Fall Philip Mountbatten, Herzog von Edinburgh. Dieser Reichtum an Zwischenstufen zwischen dem König und dem Volk kennzeichnete eine Gesellschaft

EINE VORAUSSETZUNG FÜR DIE EXISTENZ 

DER GESELLSCHAFT: GERECHTIGKEIT

      Diese natürliche Tendenz steht im Einklang mit einem der wesentlichsten Prinzipien des gesellschaftlichen Lebens, nämlich der Gerechtigkeit, nach der jedem Menschen nicht nur materielle Güter, sondern auch Ehre, Ansehen, Wertschätzung und Zuneigung zuteil werden sollen, die ihm zustehen. Eine Gesellschaft, die auf völliger Unkenntnis dieses Prinzips beruht, wäre absolut ungerecht. „Gebt allen, was ihr schuldig seid: Steuer, wem Steuer, Zoll, wem Zoll, Furcht, wem Furcht, Ehre, wem Ehre“, sagt uns der hl. Paulus (Röm 13,7).

      Wir sollten hinzufügen, dass diese Erscheinungen nicht nur auf persönliche Verdienste zurückzuführen sind, sondern auch auf die Funktion, das Amt oder die Situation, die eine Person innehat. So muss der Sohn seinen Vater respektieren, auch wenn er böse ist, der Gläubige muss den Priester verehren, auch wenn er unwürdig ist, der Untertan muss seinen Herrscher ehren, auch wenn er korrupt ist. Der hl. Petrus befiehlt den Sklaven, ihren Herren mit aller Ehrfurcht untertan zu sein, nicht nur den gütigen und freundlichen,  sondern auch den bösartigen (1 Petr 2,18).

      Andererseits muss man auch das illustre Geschlecht, von dem ein Mensch abstammt, zu ehren wissen.

      Dieser Punkt ist besonders schmerzhaft für den egalitären Menschen von heute. Doch das ist die Denkweise der Kirche. Lesen wir die tiefgründige und brillante Lehre von Pius XII:

      „Die sozialen Ungleichheiten, auch die mit der Geburt verbundenen, sind nicht zu vermeiden. Die Güte der Natur und Gottes Segen für die Menschheit leuchten über den Wiegen, beschützen und liebkosen sie, machen sie aber nicht gleich. Betrachtet die Gesellschaft in den Ländern, wo sie am unerbittlichsten eingeebnet worden ist! Mit gar keinen Mitteln konnte erreicht werden, dass der Sohn eines großen Herrschers, eines großen Volksführers durchweg auf derselben Ebene wie ein unbekannter, im Volk verlorener Bürger geblieben ist. Diese unvermeidbaren Ungleichheiten können, vom heidnischen Standpunkt aus gesehen, als eine unerbittliche Folge des Klassenkampfes erscheinen, als eine Folge der von den einen über die anderen errungenen Macht, als eine Folge der blinden Gesetze, die angeblich das menschliche Treiben bestimmen und den Triumph der einen wie auch die Not herbeiführen. Eine christlich unterrichteter und erzogener Geist dagegen kann sie nur als Gottgewollte Anordnung betrachten, die aus denselben Ratschluss zurückgeht, der den Ungleichheiten im Rahmen der Familie zugrundeliegt, die deshalb dazu bestimmt sind, die Menschen auf dem Weg des gegenwärtigen Lebens zur himmlischen Vaterland stärker miteinander zu vereinen, indem einer dem anderen hilft, wie der Vater der Mutter und den Kindern hilft“ (Neujahrsansprache an das Patriziat und den Adel Roms“: Osservatore Romano, 5./6. Januar 1942).

EHRGEFÜHL UND GERECHTIGKEIT ERFORDERN DAS

 ZUSTANDEKOMMEN DES PROTOKOLLS

      Wir haben bisher gesehen, dass die Natur selbst verlangt, dass in der sozialen Geselligkeit alle menschlichen Werte, die sich fast unendlich voneinander unterscheiden, gebührend berücksichtigt werden.

      Wie kann dieser Grundsatz in der Praxis angewendet werden? Wie kann man sicherstellen, dass ein Wert von allen Menschen gesehen und anerkannt wird und dass jeder genau spürt, in welchem Maße dieser Wert verehrt werden sollte? Konkreter: Wie kann man allen beibringen, dass Tugend, Alter, Talent, edle Abstammung, Amt, Funktion, geehrt werden sollen? Wie kann man das genaue Maß an Respekt und Liebe angeben, das jedem einzelnen zusteht? Zu allen Zeiten und an allen Orten hat die natürliche Ordnung der Dinge das Problem mit Hilfe des einzigen voll wirksamen Mittels gelöst: der Sitte.

DIE TIEFE WEISHEIT DES KRÖNUNGSPROTOKOLLS

      So haben der gesunde Menschenverstand, das Gleichgewicht und das Taktgefühl der menschlichen Gesellschaften in jedem Land oder in jedem Kulturkreis Punkt für Punkt die Regeln der Höflichkeit, die Formeln, die Gesten, man könnte fast sagen, die angemessenen Riten geschaffen, um zu definieren, zu lehren, zu symbolisieren und zum Ausdruck zu bringen, was jeder Person je nach ihrer Situation in Sachen Verehrung und Wertschätzung zusteht, und zwar auf die gleiche Art und Weise, wie man die Menschen in derselben Situation behandelt.

      Unter dem Einfluss der Kirche brachte die christliche Zivilisation diese schöne Kunst der sozialen Bräuche und Symbole zu ihrem Höhepunkt. Daraus entstanden die wunderbare Vornehmheit und die freundlichen Umgangsformen der europäischen und damit auch der amerikanischen Völker, die aus Europa stammen; die Prinzipien der Revolution von 1789 nahmen sich vor, ihr einen tiefen Schlag zu versetzen.

      Die Adelstitel, die Zeichen der Heraldik, die Orden und die Regeln des Protokolls waren nichts anderes als bewundernswerte Mittel, die voller Taktgefühl, Präzision und Bedeutung waren, um die menschlichen Beziehungen innerhalb des damals bestehenden politischen und sozialen Rahmens zu definieren, zu klassifizieren und zu modellieren. Niemand käme auf die Idee, in all diesem bloße Eitelkeit zu sehen. Die Kirche selbst, die Lehrerin aller Tugenden ist und alle Laster bekämpft, hat Adelstitel eingeführt, Orden verteilt und verliehen, für sich ein ganzes Zeremoniell von bewundernswerter Präzision bei der Festlegung aller hierarchischen Unterschiede entwickelt - die das göttliche Gesetz und die Weisheit der Päpste im Laufe der Jahrhunderte in ihrer Zunft geschaffen haben. Der selige Pius X. sagte über diese Auszeichnungen: „Die Belohnungen, die für Tapferkeit verliehen werden, tragen stark dazu bei, in den Herzen den Wunsch nach entsprechenden Taten zu wecken, denn sie verherrlichen herausragende Männer, die sich um die Kirche oder die Gesellschaft verdient gemacht haben, und ziehen andere durch ihr Beispiel dazu an, denselben Weg des Ruhmes und der Ehre zu gehen. In dieser weisen Absicht haben die römischen Päpste, Unsere Vorgänger, die Ritterorden mit besonderer Liebe umgeben, als Anreiz zur Herrlichkeit“ (Brief über die Ritterorden, Päpstliches Schreiben, 7. Februar 1905).

      Dass es eine Insignie für das höchste Amt des Staates gibt, angemessene Insignien für Personen aus den erlauchtesten Geschlechtern, Festgewänder für Würdenträger, die mit Funktionen von größter politischer Bedeutung betraut sind, der ganze Apparat dieser Symbole wird bei der Zeremonie der Amtseinführung des Staatsoberhauptes verwendet, bei all dem gibt es keine Maskerade, keine Zugeständnisse an Schwäche. Es gibt nur die Einhaltung von Verfahrensregeln, die ganz im Einklang mit der natürlichen Ordnung der Dinge stehen.

UNBESONNENE MODERNISIERUNG

      Aber, wird jemand sagen, wäre es nicht angebracht, all diese Symbole zu modernisieren, all diese Zeremonien zu aktualisieren? Warum sollte man Riten, Formeln und Trachten aus der fernsten Vergangenheit aufbewahren?

      Diese Frage ist von einer sehr vereinfachenden Denkweise. Riten, Formeln, Trachten, die real existierende Situationen, Gemütszustände, Umstände ausdrücken sollen, können nicht abrupt und per Dekret geschaffen oder reformiert werden, sondern entstehen allmählich, langsam, im Allgemeinen unmerklich, durch die Wirkung der Gewohnheit. Nun hat die Französische Revolution mit all ihren Folgeerscheinungen diesen Prozess der Transformation unmöglich gemacht. Denn die Menschheit hat sich von der Illusion der absoluten Gleichheit faszinieren lassen, hat alles verachtet und sogar gehasst, was im Bereich der Sitten Ungleichheit zum Ausdruck bringt, und hat eine neue Ordnung der Dinge eingeführt, die auf der Tendenz zur völligen Nivellierung, der Abschaffung aller Etiketten und allem Zeremoniell beruht. Von diesem Geist durchdrungen, hat sie die Fähigkeit verloren, die Dinge der Vergangenheit zu einem anderen Zweck zu berühren, als sie zu zerstören. Wenn der zeitgenössische Mensch Riten reformieren und Symbole einführen wollte, wie die Französische Revolution in ihm die Verehrung des Gesetzes und die Verachtung des Brauchs hervorgebracht hat, würde er dies im Übrigen per Dekret zu tun versuchen. Und noch einmal: Nichts ist unwirklicher, karikierter und in vielen Fällen gefährlicher als die sozialen Realitäten, die man glaubt, per Gesetz schaffen zu können. Napoleons operettenhafter, rüpelhafter, weit hergeholter und zutiefst vulgärer Hof hat dies gut demonstriert.

ZERSTÖREN UM DES ZERSTÖRENS WILLEN

      Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass die bloße Tatsache, dass ein Ritus oder ein Symbol sehr alt ist, kein Grund ist, es abzuschaffen, sondern es vielmehr zu bewahren. Der wahre traditionelle Geist zerstört nicht um des Zerstörens willen. Im Gegenteil, er bewahrt alles und zerstört nur das, wofür es echte und schwerwiegende Gründe gibt, es zu zerstören. Denn die wahre Tradition, wenn sie nicht eine Sklerose, eine starre Fixierung auf die Vergangenheit ist, ist noch weniger eine ständige Verneinung derselben. Erlauben Sie uns in diesem Zusammenhang, eine weitere meisterhafte Seite von Pius XII. zu zitieren. In einer Ansprache an den Adel und das römische Patriziat (Osservatore Romano vom 19. Januar 1944) sagte der Papst unter Bezugnahme auf die Tradition, die der Adel der Ewigen Stadt dort vertritt: „Viele, auch aufrichtige Gemüter, stellen sich vor und glauben, Tradition sei nichts anderes als die Erinnerung, die blasse Spur einer Vergangenheit, die nicht mehr ist und nicht mehr wiederkehren kann, die allerhöchstens mit Verehrung oder, wenn Ihr wollt, mit Dankbarkeit zur Aufbewahrung in ein Museum verwiesen wird, das nur wenige Liebhaber oder Freunde besuchen. Wenn die Tradition darin bestehen würde oder sich darauf zurückführen ließe, wenn die Ablehnung oder Verachtung des Weges in die Zukunft bedeuten würde, dann hätte man ein gutes Recht, ihr Achtung und Ehre zu versagen, und man müsste mit Mitleid auf jene Träumer der Vergangenheit blicken, diese Nachzügler angesichts der Gegenwart und Zukunft, und mit noch größerer Strenge auf jene, die, bewogen von weniger ehrenhafter und reiner Absicht, nichts anderes sind als Deserteure vor den Pflichten der so traurigen Stunde der Gegenwart.

      „ Die Tradition ist jedoch etwas ganz anderes als die bloße Anhänglichkeit an entschwundene Vergangenheit. Sie ist genau das Gegenteil einer Reaktion, die jedem gesunden Fortschritt misstraut. Schon das Wort dafür ist, sprachkundlich gesehen, sinnverwandt mit „Weg“ und „Fortschritt“: sinnverwandt, nicht gleichbedeutend. Während in der Tat das Wort „Fortschritt“ nur die Tatsache des schrittweisen Vorwärtsgehen anzeigt, wobei das Auge eine ungewisse Zukunft sucht, besagt das Wort „Tradition“ zwar auch ein Vorwärtsschreiten, aber einen kontinuierlichen Weg, der sich gemäß den Gesetzen des Lebens zugleich ruhig und doch lebhaft entfaltet, und dem leidvollen Entweder-Oder ausweicht: „Si jeunesse savait, si vieillesse pouvait!“ „Wenn Jugend wüsste, wenn Alter könnte!“, gleich jenem Herr von Turenne, von dem gesagt wurde: „Il y a eu dans sa jeunesse toute la prudence d’un âge avancé, et dans un âge avancé toute la vigueur de la jeunesse“ – „Er besaß in seiner Jugend die ganze Klugheit des vorgeschrittenen Alters und im vorgerückten Alter die gnaze Kraft der Jugend.“ Kraft der Tradition schreitet die Jugend, erleuchtet und geführt von der Erfahrung der Ahnen, sichereren Schrittes voran, und das Alter überlässt und übergibt vertrauensvoll den Pflug kraftvolleren Händen, welche  die angefangene Furche weiterziehen. Wie schon der Name anzeigt, ist die Tradition die Gabe, die von Geschlecht zu Geschlecht geht, die Fackel, die der Läufer bei jedem Wechsel dem folgenden Läufer in di Hand gibt und anvertraut, ohne dass das der Lauf angehalten oder verlangsamt würde. Tradition und Fortschritt ergänzen sich gegenseitig so harmonisch, dass, wie Tradition ohne den Fortschritt sich selbst widersprechen würde, so Fortschritt ohne Tradition ein törichtes Unterfangen wäre, ein Sprung ins Dunkel.

      „Nein, es geht nicht darum, gegen den Strom zu schwimmen, zurückzukehren zu Lebens- und Bestätigungsweisen vergangener Zeiten, sondern darum, das Beste der Vergangenheit zu übernehmen und zu befolgen und der Zukunft entgegenzuschreiten mit unverwüstlicher Jugendkraft.“

SEHNSUCHT NACH EINER GESUNDEN NATÜRLICHEN ORDNUNG

      Gerade mit dieser Tradition hat die heutige Welt gebrochen, um sich einen Fortschritt zu eigen zu machen, der nicht aus der harmonischen Entwicklung der Vergangenheit, sondern aus den Wirren und Abgründen der Französischen Revolution entstanden ist. In einer Welt, die an Symbolen, Regeln, Umgangsformen, Gelassenheit, an allem, was Ordnung und Unterscheidung im menschlichen Zusammenleben bedeutet, nivelliert und verarmt ist und die in jedem Augenblick das Wenige, das ihr noch geblieben ist, weiter zerstört, während der Durst nach Gleichheit gestillt wird, fehlt der menschlichen Natur in ihren tiefsten Fasern immer mehr das, wovon sie sich so töricht getrennt hat. Etwas sehr Inneres und Starkes in ihr lässt mich ein Ungleichgewicht, eine Ungewissheit, eine Nichtigkeit, eine furchtbare Trivialität des Lebens spüren, die umso stärker hervortritt, je mehr der Mensch mit dem Gift der Gleichheit gefüllt ist.

      Die Natur reagiert plötzlich. Der zeitgenössische Mensch, in seiner Natur verwundet und zerschlagen durch ein ganzes Leben, das auf Abstraktionen, Schimären und leeren Theorien aufgebaut ist, wandte sich an den Tagen der Krönung verzückt, plötzlich verjüngt und ausgeruht dem Spiegelbild dieser Vergangenheit zu, die sich so sehr von der schrecklichen Gegenwart unterscheidet. Nicht so sehr aus Sehnsucht nach der Vergangenheit, sondern nach bestimmten Prinzipien der natürlichen Ordnung, die die Vergangenheit respektierte und die die Gegenwart in jedem Moment verletzt. Dies ist unserer Meinung nach die tiefste und wahrhaftigste Erklärung für die Begeisterung, die die Welt während der Krönungsfeierlichkeiten ergriffen hat.

 

 

Aus dem Portugiesischen übersetzt mit Hilfe von DeepL/Translator (kostenlose Version) von „Por que o nosso mundo pobre e igualitário se empolgou com o fausto e a majestade da coroação?“ in CATOLICISMO Nr.31 – Juli 1953.

Die deutsche Fassung dieses Artikels, „Die Krönung der Elisabeth II“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

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Montag, 6. Juni 2022

Zwei Stile, zwei Arten des Seins

 Plinio Corrêa de Oliveira

      Prinzessin Elisabeth, Thronfolgerin von England, und Frau Eva D. Perón, Ehefrau von General Perón, Präsident der Argentinischen Republik, waren 1951 zweifellos die beiden weiblichen Persönlichkeiten von größter Bedeutung im internationalen politischen Leben.

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      Prinzessin Elisabeth, die in jeder Hinsicht unserer Zeit angehört, repräsentiert auf eindrucksvolle Weise die Dame des 20. Jahrhunderts, die unter dem Einfluss der in unserer Zeit und insbesondere in England noch lebendigen Traditionen geformt wurde. Die Engländer sehen in ihr das Symbol ihres Ruhmes, den Ausdruck der Feinheit, der Anmut, der schlichten und edlen Überlegenheit der „Gentry“ ihres Landes, die sichtbare und empfindsame Repräsentation dessen, was die Nation an idealem „Racé“ hervorzubringen vermag. Ihre sehr authentische Überlegenheit wird durch den Charme einer attraktiven und kommunikativen Freundlichkeit erhellt. Ihre Beliebtheit ist immens, und zwar einhellig: In England gibt es eine Opposition gegen die Regierung, aber nicht gegen die Monarchie und noch weniger gegen die lächelnde und charmante Thronfolgerin.

      Frau Eva D. Perón verkörpert in ihrer Figur, ihren Gesten und ihrer Haltung einen „Stil“, der auch für unsere Zeit charakteristisch ist, aber ganz anders.

      Eva Duarte Perón, die sich mit Leichtigkeit im politischen Leben bewegt, mit einem Eifer und einer Beflissenheit, die selbst unter Männern ungewöhnlich sind, ehemalige Schauspielerin und noch heute eine lebhafte und einfallsreiche Volksrednerin, die von den traditionellen Familien, die die Vornehmheit und die Umgangsformen pflegen, für die die porteño-Gesellschaft berühmt geworden ist, mit großer Gelassenheit betrachtet wird, ist das Idol der Gewerkschaftsbewegung, der Masse der „Descamisados“(*), mit denen sie sich für alles und in allem identifiziert.


* * *

      Die eine und die andere, die Prinzessin und die Anführerin der „Descamisados“, repräsentieren Ideale, Prinzipien, Welten, die manchmal bewusst und gewaltsam, manchmal unbemerkt, aber permanent, in allen Ländern von heute aufeinanderprallen. Vergleicht man diese beiden weiblichen Figuren, nicht als Personen, sondern als „Typen“, ist es kein Vergleich zweier Nationen, sondern zweier Arten des Seins, die es in allen Ländern gibt.

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      Geht es hier um den Vergleich zweier sozialen Klassen? Auch nicht, denn beide „Stile“ existieren von oben bis unten auf der sozialen Skala. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die selige Anna Maria Taigi, eine einfache Köchin bei den Colonna-Fürsten in Rom im letzten Jahrhundert, zog die Aufmerksamkeit der Passanten nicht nur durch ihre Frömmigkeit, sondern auch durch die Ehrwürdigkeit ihrer Gestalt auf sich. Und wir alle kennen auf dem Lande die ungehobelten und armen caboclos [Landarbeiter], die das Leben ihrer Familie mit der Noblesse der Patriarchen anderer Zeiten führen.

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Wir bekräftigen noch einmal: in diesem Vergleich soll der Unterschied zwischen zwei „Stilen“, zwei Arten des Seins verdeutlicht werden.

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(*) Der Begriff Descamisados (Hemdlose) bezeichnet die Menschen der argentinischen Bevölkerung, die so arm waren, dass ihnen sogar das „letzte Hemd genommen wurde“. Besonders Eva Perón, die Frau des argentinischen Präsidenten Juan Domingo Perón, prägte diesen Begriff und setzte sich besonders für die Descamisados ein. Nachdem Perón 1945 vom Militär verhaftet worden war, mobilisierte sie die Descamisados zu Aufständen, die seine Freilassung forderten. Bereits wenige Tage nach seiner Festnahme wurde er wieder freigelassen. „Innerhalb weniger Jahre schließen sich 5 Millionen descamisados seiner Gewerkschaftsbewegung an“. Frau Perón nannte sich selbst „die erste Hemdlose des Landes“. (Wikipedia: Stichwort Descamisados)

 

 

Aus dem Portugiesischen übersetzt mit Hilfe von DeepL/Translator (kostenlose Version) von „Dois estilos, dois modos de ser“ in CATOLICISMO Nr.13 – Januar 1952.

Die deutsche Fassung dieses Artikels, „Zwei Stile, zwei Arten des Seins“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

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Freitag, 3. Juni 2022

Noch einmal der Faschismus

Papst Pius XI.


Plinio Corrêa de Oliveira

      Wir haben uns im Legionário noch nicht zu den Worten des Papstes [Pius XI.] über die Irrtümer, denen sich der Faschismus schuldig macht, geäußert. Diese Worte waren jedoch von einem solchen Tenor, dass ein katholischer Journalist es nicht versäumen kann, ihnen seine beste Aufmerksamkeit zu widmen, ohne seine elementare Pflicht zu verletzen. Wir werden daher in der heutigen Ausgabe versuchen, etwas dazu zu sagen.

      Die erste Beobachtung, die die Worte des Papstes nahelegen, ist, dass sein Ton unmissverständlich war und weder Zweifel noch fadenscheinige Interpretationen zuließ. Um seine Gedanken zu verdeutlichen, sparte Seine Heiligkeit nicht mit Adjektiven. Um seine Besorgnis zum Ausdruck zu bringen, erklärte er, dass ihn die Situation in Italien „sehr beunruhigt“ und „sehr traurig“ macht. Zu einem anderen Thema, in dem es um die Zwangsmaßnahmen geht, denen die Katholische Aktion unterworfen ist, bezeichnet der Heilige Vater diese als „ärgerlich“. Und nachdem er erklärt hatte, dass sein Herz „schmerzlich getroffen“ sei, fand er diesen bemerkenswerten Satz: „Die weißen Haare des Papstes seien verachtet worden“ und das Verhalten der italienischen Regierung ihm gegenüber „brutal“ gewesen sei.

      Damit ist für einen katholischen Geist - ich sage schon nicht für einen Katholiken ersten Ranges, sondern für jeden Katholiken, auch den mittelmäßigsten und sogar den unvollkommensten - die Politik, die die faschistische Regierung gegenüber dem Heiligen Stuhl verfolgt, endgültig verurteilt.

      Wenn der Stellvertreter Christi „brutal“ getroffen, wenn sogar sein „weißes Haar eines Vaters“ beschimpft wird, wenn sein Herz von „bitterem Schmerz“ über die Fehler seines Sohnes erfüllt ist, liebt man entweder den beleidigten alten Vater nicht mehr oder man bricht mit dem gestörten Täter. Es gibt keinen anderen Weg.

      In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass die Worte des Papstes eindeutig eine akute Situation beschreiben. Es geht nicht um erträgliche Übel, um einfach fahrlässige Missachtung, um erträgliche Ungerechtigkeiten. Nach den Worten des Papstes ist die Situation unerträglich geworden, die Vergehen sind brutal und vorsätzlich, und die Ungerechtigkeiten haben Punkte wie die Ehe so verletzt, dass sie den religiösen Frieden in Italien in seiner Substanz getroffen haben.

* * *

      Wenn man von den übernatürlichen Faktoren absieht, was sind dann die konkreten Umstände, unter denen der Papst gesprochen hat?

      Die ungünstigsten, die man sich vorstellen kann. Der Gegenspieler, der Papst, nannte ihn „brutal“. Nun ist es so, dass dieser brutale Gegner im Moment allmächtig ist. Die gesamte gewaltige Maschinerie eines absorbierenden und totalitären Staates liegt in seinen Händen. Dieser „brutale“ Gegner wird jederzeit in der Lage sein, den Vatikan anzugreifen. Und damit wird nicht nur die religiöse Situation Italiens, sondern die der ganzen Welt durch die Unannehmlichkeiten, die sich aus einer gewaltsam herbeigeführten schwerwiegenden Störung in der Leitung der Weltkirche ergeben, tief erschüttert werden. Denn kann man sich vorstellen, welche Unannehmlichkeiten eine mögliche Besetzung des Vatikans durch feindliche Milizen für die ganze Welt bedeuten würde? Natürlich wird es mit roher Gewalt niemals gelingen, den Papst zu zwingen, die Lehre des Heiligen Petrus zu entstellen. Aber die Lähmung des gesamten Apparates der geistlichen Regierung des Heiligen Stuhls auf unbestimmte Zeit würde der gesamten Christenheit offensichtlich unabsehbaren Schaden zufügen.

      Mit seiner kühnen Rede hat sich der Papst ganz offensichtlich dieser Gefahr ausgesetzt. Wenn nicht sofort, dann zumindest in einer Zukunft, die vielleicht gar nicht so weit entfernt ist, wie manche gerne vorhersagen.

      Angesichts all dieser immensen Unannehmlichkeiten hat sich der Papst dennoch zu Wort gemeldet. Mit welchem Ziel hat er gesprochen? Um ein größeres Übel zu beseitigen. Welches Übel? Die derzeitige Situation in Italien und die daraus resultierenden zukünftigen Gefahren. In diesem Punkt liegt also ein größeres Übel als in all den unglücklichen Eventualitäten, an die wir oben erinnert haben...

* * *

      Ich sehe auf den irritierten Lippen einiger Leser ein skeptisches Lächeln voller Ironie. Das italienische Volk ist katholisch, werden sie sagen, und diese Katholiken würden niemals einer solch unerträglichen, von Mussolini geschaffenen Situation zustimmen. Dieser würde, wenn nicht aus innerer Überzeugung, so doch aus Rücksicht auf seine ureigensten Interessen, auf solche Gewalt verzichten.

      Ach ja? Sind die Spanier vielleicht weniger katholisch als die Italiener? Doch was geschieht dort derzeit? Und die katholische Einmütigkeit in Italien heute, ist sie vielleicht dichter als die von Italien im Jahr 1870? Was geschah mit dem Papsttum im Jahr 1870? Und Brasilien? Ist das nicht auch sehr katholisch? Und sind nicht die hier ansässigen Faschisten selbst die ersten, die erkennen, dass wir zur Zeit des kommunistischen Aufstands vom November 1935 einer ernsten Gefahr entgangen sind?

      Jemand wird sagen, dass dies beim Kommunismus der Fall ist, mit dem der Faschismus nicht verglichen werden kann. Das ist ein verwirrendes Argument. Dieser Irrtum ist jedoch leicht zu widerlegen. Nehmen wir einmal an, dass der Faschismus wesentlich besser ist als der Liberalismus und der Kommunismus, um der Argumentation willen. Wenn Italien 1870, Spanien und Brasilien sich nicht gegen das unendlich größere Übel, nämlich den Kommunismus oder den Liberalismus, gewehrt haben, wie können wir dann erwarten, dass ihr Widerstand gegen ein kleineres Übel wie den Faschismus entscheidend sein wird? Derjenige, der sich nicht bewegt, um ein Übel von 100 zu vermeiden, wird er sich bewegen, um ein Übel von 10 zu vermeiden?

* * *

      Die Lage ist also sehr ernst. Anders zu denken, hieße, den Heiligen Vater als leichtsinnig zu bezeichnen. Warum ernst? Weil Herr Mussolini es so will. Wenn wir sonst zugeben müssten, dass jemand außerhalb oder innerhalb Italiens Herrn Mussolini dazu zwingt, so zu handeln, kämen wir zu dem Schluss, dass er nicht der große Mann ist, den uns die faschistische Propaganda vorgaukelt, sondern eine einfache Strohpuppe.

      Wenn aber Herr Mussolini so handeln will, wie lässt sich dann eine andere merkwürdige Tatsache erklären? Die Zeitungen berichteten, dass der italienische Regierungschef das Weihnachtsfest mit seiner Familie in absoluter Intimität verbrachte und anstelle des „nordischen und heidnischen“ Weihnachtsbaums eine Weihnachtskrippe aufstellen ließ.

      Was für eine schöne Szene! Während der Papst auf Befehl Mussolinis brutal verwundet wurde, wurde eine rührende Weihnachtskrippe vorbereitet, ebenfalls auf seinen Befehl hin! Er lächelt das Jesuskind an, während er den Papst ohrfeigt! Wie nennt man so etwas? Kohärenz? Loyalität? Oder ein bloßes Manöver „pour épater les bourgeois“?

      Viel nordischer und viel heidnischer als der Weihnachtsbaum, den Herr Mussolini verbietet, ist seine rassistische Politik. Warum nimmt er sie dann an?

* * *

      Einige werden sagen, dass alle Faschisten Herrn Mussolini im Falle eines Konflikts mit der Kirche im Stich lassen werden. Viele schon. Alle nicht. Den Beweis dafür liefern viele Leser, die bei der Lektüre dieses Artikels vor Wut auf uns schäumen werden.

      Ihre Wut wird sich nicht gegen Herrn Mussolini richten, der den Papst brutal beleidigt hat, sondern gegen uns, die wir beschuldigt werden, Herrn Mussolini brutal beleidigt zu haben (!...). Und wird es noch solche Menschen geben, die den Mut haben zu sagen, dass sie katholisch sind?

 

Aus dem Portugiesischen übersetzt mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) von „Ainda o Fascismo“ in O „Legionário“ Nr. 330, vom 8. Januar 1939.

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Diese deutsche Fassung „Noch einmal der Faschismus“ erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com 

Donnerstag, 2. Juni 2022

Haben Symbole, Prunk und Reichtum eine Funktion im menschlichen Leben?

Plinio Corrêa de Oliveira

      Es ist an der Zeit, dass sich [die Zeitschrift] „Catolicismo“ zu den Vorwürfen von Lord Altrincham und einem Teil der britischen Presse gegen Königin Elizabeth äußert.

      Unsere Stellungnahme kann nur in „Ambiente, Bräuche, Zivilisationen“ veröffentlicht werden. Und das liegt in der Natur der Sache. Denn die Kritiken, die die junge Königin erleiden musste, sind ganz in der Art, die dieser Rubrik immer wieder vorgeworfen werden.

      Kurz gesagt, Lord Altrincham und seine Gefolgsleute griffen Elizabeth II. an, weil sie der Meinung waren, dass ihr Auftreten, ihre Art zu sein, der aristokratische Ton des englischen Hofes nicht mit der Vorstellung unseres egalitären Jahrhunderts von einer Königin vereinbar sind.

      Was ist hiervon zu halten?

      Die Kritik von Lord Altrincham ist erstaunlich oberflächlich oder im Grunde unaufrichtig. Denn wenn unser Jahrhundert so egalitär ist, dass die besten Traditionen der monarchischen und aristokratischen Vergangenheit nicht überleben können, dann hat auch die Monarchie selbst keine Existenzberechtigung mehr. Was Altrincham forderte, war im Grunde genommen die Umwandlung der Monarchie in eine kleinbürgerliche Institution. Er hätte gewollt, dass Elisabeth II. nicht als Königin von England gekleidet ist, sondern als Schönheitskönigin eines gewöhnlichen Stadtviertels, die ohne allzu große Dissonanzen neben Kruschtschow und Bulganin bei offiziellen Anlässen auftreten würde. Wenn er das nicht verstanden hat, war er oberflächlich. Wenn ja, dann war er unaufrichtig, als er seine Kritik als Monarchist formulierte. Denn aus seinem Mund sprach ein im Wesentlichen antimonarchischer Egalitarismus.

      Über Altrincham, ist es genug. Er hat es nicht verdient, dass man noch mehr Zeit mit ihm verschwendet.

      Kommen wir zum Kern der Sache. Stimmt es, dass das englische monarchische Zeremoniell anachronistisch ist und plebejisch gemacht werden sollte?

      Die Frage ist schlecht formuliert. Es ist wichtig, nicht nach den Launen dieses oder jenes Jahrhunderts zu handeln, sondern nach der von Gott in die Schöpfung gesetzten Ordnung.

      Die Vorsehung hat es so gewollt, dass es in der Natur schöne und kostbare Stoffe gibt, aus denen der menschliche Erfindungsreichtum, der zu Recht von der Sehnsucht nach Schönheit und Vollkommenheit beseelt ist, Juwelen, Samt, Seide, alles, was der Verschönerung des Menschen und des Lebens dient, herstellen soll.

      Sich eine Ordnung der Dinge vorzustellen - unabhängig von der Regierungsform -, in der all dies als böse geächtet würde, hieße, wertvolle Gaben abzulehnen, die für die moralische Vervollkommnung der Menschheit gewährt wurden.

      Andererseits hat Gott dem Menschen die Möglichkeit gegeben, durch Gesten, Riten, protokollarische Formen die hohe Vorstellung auszudrücken, die er von seiner eigenen Vornehmheit oder von der Erhabenheit der Funktionen der geistlichen oder weltlichen Regierung hat, die er manchmal ausüben soll. Daher ist neben dem Luxus auch der Prunk ein natürlicher Bestandteil des Lebens eines kultivierten Volkes.

      Diese dekorativen Mittel wurden geschaffen, um die Tradition, die legitime Macht und die authentischen sozialen Werte zu schmücken, und nicht, um das Privileg von Arrivierten und Neureichen zu sein, die ihre Opulenz - auf die sie durch nichts vorbereitet sind - in Nachtclubs, Casinos oder prunkvollen Hotels zur Schau stellen. Und noch viel weniger sollten sie in Museen verschlossen werden, weil sie mit der funktionalen Einfachheit und der düsteren Gelassenheit einer mehr oder weniger sowjetischen Umgebung unvereinbar sind.

      So verstanden, haben diese dekorativen Elemente im Wesentlichen eine bewundernswerte kulturelle, didaktische und praktische Funktion, die von größter Bedeutung für das Gemeinwohl ist.

      Auf einem Balkon empfangen die Königin, der Herzog von Edinburgh und ihre beiden Söhne den Beifall der Menge. Jahrhunderte des Geschmacks, der Finesse, der Macht und des Reichtums hatten geduldig diese prächtigen Juwelen, diese edle Kleidung, diese perfekte Stilisierung von Haltung und Gesichtsausdruck vorbereitet.


      Wenn man die Bequemlichkeiten des Körpers bedenkt, ist es durchaus möglich, dass die Königin es zu dieser Stunde bequemer fände, in Morgenrock und Pantoffeln zu stricken, der Herzog würde es vorziehen, in einem Swimmingpool zu sein, und die Kinder würden lieber auf einer Wiese herumwälzen. Aber sie verstehen, dass diese Dinge nur im Privaten geschehen dürfen. Sie mögen zum Beispiel für einen Hirten gut sein, der sie vor seiner Herde von Irrationalen ausführt, aber nicht für ein Staatsoberhaupt, das sich den Respekt eines intelligenten Volkes verschaffen will. Tiere werden mit einem Stock geführt und mit Gras gefüttert. Für die Menschen braucht man Überzeugungen, Prinzipien und folglich Symbole, in denen all dies zum Ausdruck kommt.

      Wenn die königliche Familie so auf dem Balkon erscheint, symbolisiert sie die Lehre vom göttlichen Ursprung der Macht, die Größe ihrer Nation, den Wert der Intelligenz, des Geschmacks und der englischen Kultur. Die Menschenmenge applaudiert. Aus allen Teilen der Welt kommen die Menschen, um diesen Ausdruck der Größe Englands zu bewundern. Und am Ende gehen alle auseinander und sagen: „Was für eine großartige Institution, was für eine großartige Kultur, was für ein großartiges Land“.

      Hier, in unserem zweiten Bild, ist Elisabeth in gewöhnlicher Kleidung. Stellen Sie sich vor, sie würde sich den Menschen von nun an nur noch so präsentieren. Wer würde sie besuchen kommen? Und wer würde bei ihrem Anblick an Englands Ruhm denken?


      Von den wenigen, die zu ihr eilen würden, würden fast alle denken: Was für ein nettes Mädchen. Die hohe Feinheit, die so authentische Vornehmheit der Königin, verschleiert durch die Banalität der modernen Kleidung, viele würden das alles nicht bemerken. Und da die Straßen, Plätze, Kinos, Busse und U-Bahnen voll von netten Mädchen sind, wäre das auch schon alles.

      Bewundernswerte, legitime, tiefgreifende Kraft der Symbole! Nur diejenigen, die nicht die Intelligenz haben, es zu verstehen, leugnen sie. Oder wer die hohen Realitäten, die diese Symbole ausdrücken, zerstören will. Und wehe dem Land, in dem sich die öffentliche Meinung - unabhängig von der Regierungsform, wir wiederholen es - von vulgären Demagogen in die Irre führen lässt, die das Triviale vergöttern und nur mit dem Banalen, Ausdruckslosen, Gewöhnlichen sympathisieren.

 

Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von DeepL-Übersetzer (kostenlose Version) in „Catolicismo“ Nr. 82 Oktober 1957: „Têm os símbolos, a pompa e a riqueza uma função na vida humana?“

© Nachdruck der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

„Haben Symbole, Prunk und Reichtum eine Funktion im menschlichen Leben?“ erschien erstmals in deutscher Sprache in www.p-c-o.blogspot.com