Mittwoch, 23. September 2015

Philosophisches Selbstbildnis VI - Gegenrevolutionäre Aktionen

Wenn Brasilien von dem Verhängnis der Landzerstückelung verschont geblieben ist, so verdankt es dies dem Buch Agrarreform – Eine Gewissensfrage

   An dieser Stelle sollen nun einige bedeutende gegenrevolutionäre Unternehmungen Erwähnung finden, die von der TFP in den jeweiligen Ländern durchgeführt wurden.
  
1960 wütete in Brasilien die Agraragitation ... allerdings fast ausschließlich in den Städten! Eine schlauerweise in den Großstädten konzertierte Propaganda wollte glauben machen, dass wegen der Unzufriedenheit der Landarbeiterklasse unsere ganze Agrarwelt kurz vor einer Explosion stand. Es wurde behauptet, dass nur die Durchführung einer Agrarreform die Aufgebrachtheit der Massen auf dem Land besänftigen könne, es drohe sonst ein Blutbad. Im Grunde sollte die Staatsgewalt zu Spottpreisen unbebaute Latifundien enteignen und diese unter den Kleinbauern verteilen. Die Eigendynamik des egalitären Geistes der Agrarreformisten forderte jedoch bald die stufenweise Abschaffung aller größeren und mittleren Landgüter, denn unsere Agrarstruktur sollte in ein immenses Geflecht von kleinen Familienbetrieben verwandelt werden. In diesem Moment erschien das Buch Agrarreform – Eine Gewissensfrage. Das umfangreiche Werk hatte eine wahre Teamarbeit erfordert. So habe ich den ersten Teil des Buches, kaum niedergeschrieben, sogleich den Bischöfen Msgr. Antonio de Castro Mayer, damals Bischof von Campos, und Msgr. Geraldo de Proença Sigaud, damals noch Bischof von Jacarezinho und später Erzbischof von Diamantina, unterbreitet, damit sie den Text spezifisch unter theologischen Gesichtspunkten durchsehen konnten. Der zweite, technische Teil oblag dem Volkswirt Luis Mendonça de Freitas.(17)
   Das Werk wurde in Agrarkreisen sehr günstig aufgenommen und von Gouverneuren, Land- und Bundestagsabgeordneten, Senatoren, Hunderten von Bürgermeistern, Gemeindekammern und Landwirtschafts- bzw. Viehwirtschaftsgenossenschaften mit Beifall begrüßt
   Die Verfasser veröffentlichten 1964 dann die sog. „Erklärung von Morro Alto“, ein positives Programm für eine gerechte Agrarreform.(18)

(17) Von „Agrarreform – Eine Gewissensfrage“ erschienen insgesamt zehn Auflagen in folgenden Ländern: Brasilien (zwei Auflagen 1960, eine weitere 1961 und noch eine 1962), Argentinien (1963), Spanien (1969) und Kolumbien (3 Auflagen 1971 und eine weitere 1985), mit einer Gesamtauflage von 41.000 Exemplaren.
(18) Von der „Deklaration von Morro Alto“ erschienen zwei Auflagen in portugiesischer Sprache. Einschließlich des Abdrucks in der Zeitschrift “Catolicismo” erreichte sie eine Gesamtauflage von 32.500 Exemplaren.

   Gemeinsam stellten diese beiden Veröffentlichungen sowohl eine offene, energische Verteidigung des Privateigentumsgrundsatzes dar, den der sozialistische, konfiskatorische Agrarreformismus mehr oder weniger verschleiert bestritt, als auch eine Bestätigung der gesellschaftlichen Funktion des genannten Grundsatzes und der entsprechenden Korrektur von Missbräuchen und Fehlern auf dem Lande.
   Agrarreform – Eine Gewissensfrage rief eine Polemik hervor, die die Öffentlichkeit auf die eigentlichen Absichten der damals von linksgerichteten Strömungen vertretenen Strukturreformen aufmerksam machten; damit trug sie auch zur Bildung jenes ideologischen und psychologischen Klimas bei, das schließlich die Errichtung einer Gewerkschaftsrepublik vereiteln sollte, wie sie der damalige Präsident João Goulart anstrebte.
   Ohne Zweifel verdankt unser Land die Tatsache, dass damals seine Agrarstruktur nicht in zahllose Minifundyen von geringer Produktivität zerstückelt wurde, zu einem großen Teil diesem Buch.
  
Abkommen mit dem kommunistischen Regime:
Hoffnung oder Selbstzerstörung der Kirche?
- Lobendes Schreiben einer Kongregation des Heiligen Stuhls

   Unter allen meinen Werken sollte jedoch „Die Freiheit der Kirche im kommunistischen Staat“ die weitaus größte Verbreitung finden; die letzten Ausgaben dieses Werkes erschienen unter dem Titel „Abkommen mit dem kommunistischen Regime: Hoffnung oder Selbstzerstörung der Kirche?“ (19)

(19) Das 1963 zum ersten Mal veröffentlichte Essay brachte es auf zehn Auflagen in portugiesischer Sprache: Brasilien (1963, 7 Auflagen 1965, 1967 und 1974); elf auf Spanisch: Brasilien (1963 und 2 Auflagen 1964), Chile (1964), Spanien (2 Auflagen 1970, 2 Auflagen 1971 und weitere 2 Auflagen 1973) und Mexiko (1965); fünf auf Französisch: Brasilien (1963, 1964, 1965) und Frankreich (1975 und 1977); eine auf Deutsch (1965), eine auf Ungarisch (1967), vier auf Englisch (1963 und 3 Auflagen 1964), zwei auf Italienisch (1963 und 1964) sowie zwei auf Polnisch. Die Ausgaben in den fünf zuletzt genannten Sprachen kamen allesamt in Brasilien heraus. Insgesamt erreichten die verschiedenen Auflagen die Zahl von 163.500 Exemplaren. Außerdem wurde der vollständige Text in 40 Zeitschriften und Zeitungen in Brasilien, Angola, Argentinien, Bolivien, Chile, Deutschland, Frankreich, Italien, Mexiko, Kolumbien, Portugal, Spanien und USA abgedruckt

   Die Schrift erhielt ein ehrenvolles Lobesschreiben der Heiligen Kongregation für Seminare und Universitäten des Heiligen Stuhls, das das Datum vom 2. Dezember 1964 trägt und von den Kardinälen Pizzardo und Staffa unterschrieben ist.
   Die Studie fand auch jenseits des Eisernen Vorhangs Widerhall. Zwei polnische Presseorgane, das linksgerichtete katholische Wochenblatt „Kierunky“ und die Monatsschrift „Zycie i Mysl“, griffen sie heftigst an. Zbigniew Czaikowski, ein Mitarbeiter beider Veröffentlichungen, verfasste ausführliche, aufgebrachte Artikel gegen mein Essay. Als ich ihm daraufhin im „Catolicismo“ antwortete, kam es zu einer Polemik, in deren Verlauf sich die Pariser Zeitschrift „L’Homme Nouveau“ in der Feder ihres Mitarbeiters Henri Carton auf meine Seite schlug, während die stürmische kommunistisch-fortschrittliche „Témoignage Chrétien“ den Standpunkt Czajkowskis vertrat.
   Wie das Werk „Agrarreform – Eine Gewissensfrage“ war auch „Die Freiheit der Kirche im kommunistischen Staat“ aus einem konkreten Problem heraus entstanden. Schon damals grassierte nämlich in katholischen Kreisen die listig verbreitete Idee, dass allein der Widerstand des kommunistischen Regimes gegen Kulthandlungen eine Verständigung verhinderte. Diese entschieden unvollständige Behauptung erlaubte es den der Kirche gegenüber Respekt heuchelnden Marxisten, die entschlossene Unterstützung gewisser Katholiken für einen hypothetischen Kommunismus, der völlige Kultfreiheit zusagte, zu gewinnen.
   Dieses propagandistische Manöver sollte dem Kommunismus unermessliche Vorteile bringen. Denn eine Beeinflussung der katholischen Massen würde den Widerstand schwächen oder gar ganz aufheben, den die weltweit 800 Millionen Katholiken dem Kommunismus entgegensetzen könnten.
   Mit meinem Essay habe ich versucht, diese Absicht bereits 1963 zu vereiteln, indem ich dargelegt habe, dass das kommunistische Regime von seinem Wesen her darauf aus ist, das Recht auf Privateigentum abzuschaffen oder es doch schwer zu verstümmeln, was wiederum in offenem Gegensatz zur Lehre der Kirche steht. Eine Kirche, die ihrer Sendung treu bleibt, kann nie davon ablassen, ein solches Regime zu bekämpfen, auch wenn dieses bereit sein sollte, ihr völlige Kultfreiheit zu gewähren. Dieser Kampf würde wohl oder übel zu einem Konflikt zwischen den Katholiken und jedem kommunistischen Staat führen.

Unbemerkte ideologische Umwandlung und Dialog
prangert das Manöver zur Schwächung des ideologischen Widerstands der Katholiken an

   Ein großes Echo fand auch die Schrift Unbemerkte ideologische Umwandlung und Dialog (20)

(20) Nach der Erstveröffentlichung im Jahre 1965 erschienen weitere 13 Ausgaben, fünf in portugiesischer Sprache (4 Auflagen 1966 und eine weitere 1974), eine in deutscher Sprache (1967 in Brasilien), sechs in spanischer Sprache (eine 1966 in Argentinien, zwei 1966 und 1971 in Spanien, 1985 eine in Mexiko und zwei in Chile) und eine in italienischer Sprache (1970). Der Text erschien auch in neun Zeitungen bzw. Zeitschriften in Brasilien, Argentinien, Chile, Kolumbien, Portugal, Spanien und USA. Insgesamt ergeben diese Auflagen und Abdrucke 136.500 Exemplare.

   Dieses Essay zeigt, wie sich die Kommunisten des Dialogs bedienen, um auf verstohlene Weise den ideologischen Widerstand des Gegners, ganz besonders der Katholiken, zu brechen.
   Seine Themenstellung ist zu subtil und umfassend, als dass man sie hier in diesem Rahmen zusammenfassen könnte. Eine der wichtigsten Feststellungen praktischer Natur dieser Studie ist die, dass die Kommunisten im Verlauf ihres unehrlichen Dialogs nicht etwa erwarten, dass die Katholiken ausdrücklich ihrem Glauben abschwören, sondern dass sie sich eine relativistische, evolutionistische Auslegung der katholischen Lehre zu Eigen machen. Auf diese Weise wird der Glaube korrumpiert, denn dieser verlangt seiner Natur nach eine Gewissheit, die mit dem durch Relativismus und Evolutionismus bedingten Zustand des Zweifels unvereinbar ist. Ist erst einmal dieses Ziel erreicht, fällt es der kommunistischen Propaganda nicht schwer, die Katholiken dahin zu bringen, im Dialog mit dem Kommunismus eine Synthese zu finden ... die durchaus im Kommunismus selbst, nur eben in einem anderen Gewand, bestehen kann.

Die Kirche angesichts der Eskalation der kommunistischen Bedrohung – Aufruf an die schweigenden Bischöfe

   1976 habe ich das Buch Die Kirche gegenüber der Eskalation der kommunistischen Bedrohung – Aufruf an die schweigenden Bischöfe veröffentlicht. (21) Dieses Werk setzt sich vor allem der Haltung auseinander, die damals auf dem Gebiet der Glaubenslehre von der kirchlichen Hierarchie in Brasilien zugunsten des Kommunismus eingenommen wurde. Dazu zählten etwa die unverblümt prokommunistischen Predigten des Bischofs von São Felix do Araguaia, Pedro Casaldaliga.

(21) Es erschien im Juni 1976 und brachte es auf vier Auflagen (zwei 1976 und weitere zwei 1977) mit insgesamt 51.000 Exemplaren, die von den Mitgliedern und Mitarbeitern der TFP in 1.700 brasilianischen Städten und Gemeinden vertrieben wurden.

   In dem Buch gehe ich auf die ungeheuren Veränderungen ein, die sich im Schoß des brasilianischen Episkopats abspielten, der sich bis 1948 als ein entschiedener Gegner des Marxismus erwiesen hatte. Doch dann war es im Episkopat zu einem Linksschwenk gekommen, der sich 1952 mit der Bildung der CNBB (22) und der Wahl Helder Camaras zu ihrem ersten Generalsekretär noch verstärken sollte. Die Früchte dieser Kehrtwendung ließen nicht auf sich warten: Priester bei Demonstrationen, Ordensschwestern im Minirock und führende Linkskatholiken, die sich für die kommunistisch-janguistische (23) Agitation aussprachen.

(22) Brasilianische Bischofskonferenz.
(23) Anm. des Übers.: Der Begriff Janguismus bezieht sich auf die sozialistisch ausgerichtete Politik des Jango genannten Präsidenten João Goulart.

   Nach 1964 kam es zwar in zahlreichen brasilianischen Institutionen zu einer Säuberungsaktion von kommunistischen Elementen, die jedoch an katholischen Kreisen spurlos vorüberging. Die Folge davon war, dass linksgerichtete Bewegungen gerade hier ihren Unterschlupf fanden. Unter dem Schutz der Kirche gediehen sie so gut, dass mehr als ein Vertreter des brasilianischen Episkopats durch Handlungen oder Unterlassungen zu einer wertvollen Stütze derer wurde, die alles daran setzen, Brasilien kommunistisch zu machen.
   Ich habe die „schweigenden Bischöfe“ in dem Buch zu einer Stellungnahme aufgerufen. Sie waren zahlreich und, da sie über genügend Prestige verfügten, brauchten sie zur Rettung Brasiliens nur all die vielen päpstlichen Verlautbarungen zu diesem Thema unter den Gläubigen zur Verteilung zu bringen.
   Neben dieser traurigen Entwicklung des Episkopats wies ich auf den ganz auf Gesetz und Lehre gegründeten Kampf hin, den derweil eine Gruppe treuer Katholiken für die Kirche und die christliche Zivilisation führte, eine Gruppe, die sich anfangs um den „Legionário“ und etwas später um den „Catolicismo“ gesammelt hatte und die heute, sehr viel zahlreicher geworden, die Brasilianische Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Privateigentum (TFP) bildet.
   Ich wollte diese Studie als Einführung zu einer Zusammenfassung von „Die Kirche des Schweigens in Chile – TFP verkündet die ganze Wahrheit“, einem hervorragenden, 1976 von der chilenischen TFP herausgegebenen Bestseller, veröffentlichen, da zwischen beiden Arbeiten eine enge Verwandtschaft besteht, die vor allem von der Ähnlichkeit des Vorgehens der kirchlichen Hierarchie in Brasilien und Chile herrührt, wenn sich auch dort der größte Teil des Episkopats (und nicht nur einige Bereiche wie in Brasilien) deutlicher für die Einführung des Kommunismus einsetzte, wie die reichlichen Unterlagen des chilenischen Buches beweisen. So konnte es zum Aufstieg Freis, des chilenischen Kerensky (24), und gleich darauf Allendes ins Präsidentenamt kommen. Diesem letzteren gewährten die Bischöfe während seiner Unheil bringenden Regierungszeit alle Unterstützung und bemühten sich sogar nach seinem Sturz noch um die Rückkehr dieses Bruderlandes in die Netze des Kommunismus.

(24) Zur kommunistenfreundlichen Regierung des früheren chilenischen Präsidenten Eduardo Frei und der chilenischen Christdemokraten vgl. „Frei, el Kerensky chileno“, von Fabio Vidigal Xavier da Silveira, das 1967 zuerst im „Catolicismo“ (Nr.178/179) erschien und weitere zehn Ausgaben erlebt hat, davon zwei in Portugiesisch, sieben in Spanisch (drei in Argentinien, eine in Kolumbien, eine in Ekuador und drei in Venezuela) und eine in Italienisch. Außerdem wurden noch zwei Auflagen im „Catolicismo“ (Brasilien) und drei in „Cruzada“ (Argentinien) gedruckt. Die Tageszeitung „La Verdad“ aus Caracas hat den Text im vollen Wortlaut abgedruckt und andere Zeitungen dieser Stadt haben Zusammenfassungen gebracht. Insgesamt erreichten diese Veröffentlichungen 128.000 Exemplare.

   Seit dem Amtsantritt Johannes Pauls II. im Jahre 1978 erfuhr dieser ganze Prozess wichtige Veränderungen, die im Falle einer Beschreibung des heutigen Bildes eine Reihe von nicht unbedeutenden Anpassungen notwendig machen.
  
Indianischer Tribalismus, missionarisch-kommunistisches Ideal für das Brasilien des 21. Jahrhunderts

   Für den Strukturalismus und dessen wichtigsten Vertreter, den Philosophen Lévy Strauss, kommt die Indianergesellschaft dadurch, dass sie „der Geschichte widerstanden“ hat, dem menschlichen Ideal am nächsten. Und zu ihrer vorsteinzeitlichen Lebensweise sollten wir auch nach dieser philosophischen Richtung zurückkehren.
   Wenn man sich schon darüber wundert, dass atheistische Philosophen so absurde Thesen vertreten, um wieviel mehr muss es uns erschüttern, dass katholische Missionare den Urwaldindianer als das vollkommene Menschheitsideal und das Stammesleben als das ideale menschliche Leben hinstellen.
   Und dennoch ist es so. Eine neue Missionsrichtung, die in kirchlichen Kreisen freien Umlauf hat, behauptet, dass die heutige Zivilisation untergehen müßten, um dem System des Stammeslebens Platz zu machen. Einrichtungen wie das Privateigentum, die monogame Familie und die unauflösliche Ehe hätten zu verschwinden. Die klassische Gestalt der evangelisierenden, zivilisierenden Missionare, wie es die Patres José de Anchieta (inzwischen heilig gesprochen) und Manual da Nóbrega waren, müssten aufgegeben werden. Da diese neue Missionsrichtung nicht zivilisieren will, will sie auch nicht katechisieren. Und da ihr nicht an der Katechese liegt, will sie auch nicht zivilisieren.
   Hinter dieser Art von Verhalten verbirgt sich eine taktische Frage. Würde die aktualisierte Missionslehre die in den kommunistischen Ländern eingeführte Gütergemeinschaft loben, würde sie sich unvermeidlich einer lästigen Kritik und Widerlegung aussetzen.
Um dieses gefährliche Thema zu umgehen, reden die neuen Missionare dem System des Stammeslebens das Wort: Sie preisen in ihm die Gütergemeinschaft an, das Nichtvorhandensein von Gewinn, Kapital, Löhnen und Gehältern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, „Privilegierten“ und „Ausgeschlossenen“, „Bedrückern“ und „Unterdrückern“, wie sie das nennen. Und auf diese Weise nutzen sie die Gelegenheit, um das Privateigentum anzugreifen, das in den zivilisierten Ländern des Westens weiterhin in Kraft ist.
   Das konkrete Ergebnis dieser Taktik besteht darin, dass das überschwengliche Loblied der neuen Missionswissenschaft auf das in den Indianerstämmen geltende Gemeineigentum bei weitem nicht die Reaktion in unserer Mitte ausgelöst hat, die eine direkte Apologie der kommunistischen Gesellschaften hinter dem Eisernen Vorhang ohne Zweifel hervorrufen würde.
   Dennoch besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass es sich bei dieser idyllisch verbrämten Vision vom wilden Indianer, wie sie von der neuen Missionswissenschaft als das Ideal für den Menschen des 21. Jahrhunderts hingestellt wird, in Wahrheit um eine Gesellschaft kommunistischer Couleur handelt.
   Es gilt hier noch einmal zu betonen, dass das Hauptproblem dieser Wahnvorstellungen weder in den Missionaren selbst noch in den Indianern zu suchen ist, sondern in der Frage, wie sich dieses Denken ungestraft in die heilige katholische Kirche einschleichen und hier Seminare vergiften, Missionare verbilden und Missionen entstellen konnte. Und dies alles mit so großer kirchlicher Rückendeckung.
   Indianischer Tribalismus, missionarisch-kommunistisches Ideal für das Brasilien des 21. Jahrhunderts habe ich Ende 1977 mit dem Ziel veröffentlicht, den Brasilianern diese unerwartete Facette der innerkirchlichen Krise zur Kenntnis zu bringen.
   „Catolicismo“ veröffentlichte die Studie zuerst (Nr. 323/324, November-Dezember 1977) und dann erschien im Dezember die erste Buchausgabe im Verlag Vera Cruz; in kurzer Zeit sollten sechs weitere Auflagen mit einer Gesamtzahl von 76.000 Exemplaren folgen.
  
Ein Katholik kann und muss gegen die Agrarreform sein.
  
   Die CNBB (Brasilianische Bischofskonferenz) ist das offizielle Organ der brasilianischen Bischöfe. Das aber bedeutet, dass ihre Verlautbarungen von den Katholiken normalerweise als Ausdruck des Standpunkts der Kirche aufgenommen werden sollten.
   Die Veröffentlichung der Erklärung Die Kirche und das Landproblem zum Abschluss der 1980 auf dem bekannten Landgut Itaici abgehaltenen Vollversammlung dieser altehrwürdigen kirchlichen Einrichtung musste daher unter den Gläubigen eine große Bestürzung hervorrufen. Als ausgesprochen agrarreformistisches Manifest sollte dieses CNBB-Dokument eine allgemeine Offensive gegen den großen und mittleren Landbesitz auslösen. Außerdem schlug es den Regierungsstellen konkrete Maßnahmen zu einer umgehenden Aufteilung des Agrarlandes vor.
   Dieser Schritt stürzte nicht nur die Farmer, sondern auch alle Katholiken, die in der traditionellen Lehre der Kirche aufgewachsen waren, sowie die denkenden und handelnden Menschen des Landes in einen Gewissenskonflikt. Diese drei umfangreichen, gewichtigen Gruppen konnten sich nun zu Recht fragen, welche Gültigkeit den vielen neuen und einzigartigen Behauptungen der Verlautbarung als Lehrmeinung zukam, und welche Autorität hinter den Argumenten stand, um so barsche und brisante Aussagen zu treffen.
   Die TFP sah es als ihre Aufgabe an, das Schweigen zu brechen und auf diese Fragen eine Antwort zu geben. Sie tat es mit dem Buch Ich bin Katholik: Darf ich gegen die Agrarreform sein? (1981, 360 S., 4 Auflagen von insgesamt 29.000 Exemplaren), das ich zusammen mit Prof. Carlos Patricio del Campo, Master of Science in Agrarwirtschaft durch die Universität Berkeley (Kalifornien, USA) geschrieben habe.
   Das Buch zeigt, dass der Katholik vor allem treu zu den traditionellen Lehren des höchsten kirchlichen Lehramtes zu stehen hat. Nun führt aber eine aufmerksame Prüfung der genannten CNBB-Verlautbarung zu dem Schluss, dass keine Übereinstimmung zwischen diesen Lehren und der von der CNBB verteidigten Agrarreform gibt. Ein antiagrarreformistischer Katholik hat also nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, weiterhin gegen die Agrarreform zu sein.
   Im wirtschaftlichen Teil des Buches wird belegt, dass die CNBB-Verlautbarung schwerwiegende Mängel bei der Beschreibung der wirtschaftlichen Lage der brasilianischen Landwirtschaft und dem sich daraus ergebenden „Lösungsvorschlag“, nämlich der von ihr vertretenen Agrarreform, aufweist. Wenn also auch gegen die bischöfliche Verlautbarung unter dem strikten Gesichtspunkt der katholischen Glaubenslehre nichts einzuwenden wäre, wäre sie allein schon unter wirtschaftlichen Aspekten unhaltbar.

Der Selbstverwaltungssozialismus: Barriere gegen den Kommunismus oder sein Brückenkopf ?

  Unter diesem Titel erschien eine umfassende Darstellung und kritische Analyse des Selbstverwaltungsprogramms Mitterrands, der damals gerade zum Präsidenten der französischen Republik gewählt worden war. Diese von mir verfasste Arbeit wurde von den dreizehn damals bestehenden TFP-Vereinigungen in ihrem Namen wiedergegeben und verbreitet und von Dezember 1981 an in 45 der größten Tageszeitungen von 19 Ländern Amerikas, Europas und Ozeaniens in vollem Wortlaut abgedruckt. Eine Zusammenfassung der wesentlichsten Teile erschien auch in 49 Ländern aller fünf Kontinente in 13 Sprachen. Damit wurde dieses Dokument in Auflagen von insgesamt 33,5 Millionen Exemplaren verbreitet.
   Die ganze Bedeutung der genannten Studie wird erst deutlich, wenn man bedenkt, dass in der Zeit, die der ersten Wahl Mitterrands zum Präsidenten vorausging, der Ausdruck Selbstverwaltungssozialismus weltweit einer Art propagandistischem Frühling gleichkam, der damals in linken Kreisen in Mode kam.
   Alle Intellektuellen, die sich aggiornati, das heißt auf dem neuesten Stand zeigen wollten, verstanden sich als Vertreter des Selbstverwaltungssozialismus.
   Der Grund dafür lag darin, dass sich die Bezeichnungen „Sozialismus“ und „Sozialist“ in einem deutlichen Veralterungsprozess befanden, den es mit irgendeiner Tarnung aufzuhalten galt. So wie eine Frau, deren Haar langsam grau wird, versucht, dieses zu färben.
   So hat sich auch der viele Jahrzehnte alte Sozialismus mit seinem bereits silbergrauen Haar ein neues Gesicht zugelegt, indem er sich mit dem Begriff der Selbstverwaltung schmückte. Auf diese Weise gedachte er sich zu kräftigen und zu verjüngen.
   Die Anprangerung des Selbstverwaltungssozialismus hatte denn auch zur Folge, dass die mit Selbstverwaltung zusammenhängenden Begriffe aus der Mode kamen. Und der Sozialismus konnte nun in seinem Alterungsprozess nicht mehr zur Färbung der Haare greifen, obwohl ihm diese so gute Propagandaerfolge verschafft hatte.
Seither wurden seine Erfolge entsprechend seltener ...
   Schlimmer noch: Der Alterungsprozess ist heute tatsächlich so weit fortgeschritten, dass der Sozialismus von seinen eigenen Anführern und Parteigängern als altersschwach erklärt wird.
   Eine von mir selbst ausgearbeitete kurze Zusammenstellung der Ereignisse, die auf die Veröffentlichung jener Analyse folgten, belegt das eben Gesagte:
   1. Am 12. Dezember 1981 (d.h. drei Tage nach der Veröffentlichung des Dokuments) beschrieb die angesehene, in Paris von der „New York Times“ und von der „Washington Post“ herausgegebene und weltweit verbreitete Tageszeitung in englischer Sprache „International Herald Tribune“ folgendermaßen die Reaktion der sozialistischen Regierung Frankreichs auf die genannte Studie über das „Sozialistische Projekt für das Frankreich der 80er Jahre“: „In Paris ließen autorisierte Regierungsquellen verlauten, dass sie auf diese Veröffentlichung nicht vorbereitet waren, dass sie jedoch die Angelegenheit prüften. ‚Es gibt absolut keinen Grund zur Furcht, und wir sind vor allem daran interessiert zu erfahren, wer oder was hinter dieser Veröffentlichung steht‘, erklärte am Donnerstag ein Sprecher des Elysée-Palasts und fügte dann hinzu, dass ‚später‘ eine Reaktion erfolgen könnte.“ Eine solche Reaktion hätte man allerdings umsonst erwartet, denn sie erfolgte nie.
   2. Hier ist es angebracht, das „Sozialistische Projekt für das Frankreich der 80er Jahre“ in Erinnerung zu rufen: „Es kann kein sozialistisches Projekt allein für Frankreich geben. Das Dilemma ‚Freiheit oder Knechtschaft‘, ‚Sozialismus oder Barbarei‘ geht über die Grenzen unseres Landes hinaus (...) Seiner Natur und Berufung nach ist der Sozialismus international (...) Frankreich ist eine kollektive Bestrebung oder überhaupt nichts (..) Für ein Land wie das unsere gibt es immense Möglichkeiten (...),die universelle Botschaft des Sozialismus in Europa und in der ganzen Welt hochzuhalten und zu verbreiten“ (Vgl. Projet Socialiste pour la France des années 90. Club Socialiste du Livre, Paris, Mai 1981, S. 18, 108, 126, 164).
   Ebenso soll daran erinnert werden, dass sich die Sozialisten der alten Garde noch ihres kommunistischen Parteibuchs rühmten. So schrieb etwa der frühere Premierminister Pierre Mauroy: „Wir halten dem marxistischen Geist die Treue.“ (Vgl. Documentation Socialiste, Ergänzungsheft Nr. 2)
   3. Im Dezember 1991, nachdem die sozialistische Regierung also zehn Jahre lang vergebens versucht hatte, ihr „Projet“ umzusetzen, tauschte die PSF bei einem außerordentlichen Parteitag in der Défense das radikale Programm aus dem Jahre 1981 gegen das nichtssagende „Neue Horizonte“ aus.
   In diesem neuen Projekt kann man nun lesen: „In Wirklichkeit kam es nicht zu der von einer bestimmten marxistischen Analyse vorhergesehenen Verarmung der Arbeiterklassen. Zwischen 1950 und 1990 hat sich der Lebensstandard in Frankreich vervierfacht (...) Es geht heute nicht mehr darum, wie in der überholten Selbstverwaltung (sic!) die Unternehmer abzusetzen und sie durch vom Staat bestimmte oder von der Basis gewählte Leiter zu ersetzen (...) Die Vertreter der Arbeitnehmer sollen die Führungskräfte an der Unternehmensspitze nicht ersetzen (...) Die Macht des Marktes liegt darin, dass er unersetzlich ist (...) Alle Versuche, ihn zu ersetzen, haben fehlgeschlagen (...) Der Sozialismus fordert und wünscht eine andere Organisation des Planeten, diese soll sich jedoch im Kontext eines weltweiten Kapitalismus entwickeln.“ (Vgl. Michel Charzat, Un Nouvel Horizon, S. 96, 96 u. 97)
   4. Im Oktober 1992 erklärte die französische Wohnungsministerin Marie-Noëlle Lienemann: „Die Sozialistische Partei gibt es nicht mehr. Wir müssen eine neue Struktur, eine neue Partei schaffen.“ (Vgl. Folha de S. Paulo, 22.10.92)
   Diese Erklärungen kommen einer wahren Sterbeurkunde des Selbstverwaltungstraums der französischen Sozialisten gleich.(25)

(25) Anmerkung der Redaktion: Sollte der Leser daran interessiert sein, nähere Einzelheiten zu diesem nützlichen und wirksamen Dokument aus der Feder von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira – auf internationaler Ebene -kennen zu lernen, empfehlen wir die Lektüre des Buches Tradition, Familie und Privateigentum – Ein Ideal, ein Wahlspruch, eine Heldentat (S. 507 bis 517).

Die kirchlichen Basisgemeinden: Werkzeug der katholischen Linken zur „Reform Brasiliens“ in einem sozialisierenden Sinne

   Eine von den Theologen Gustavo Gutiérrez und Hugo Assmann angeführte und von der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz 1968 in Medellín geförderte theologische Strömung, die den Namen „Befreiungstheologie“ trägt, hat in theologischen Kreisen auf der ganzen Welt eine weite Verbreitung gefunden. Diese Strömung sucht in der Heiligen Schrift Grundlagen für Irrtümer, die zwar von unterschiedlichen Lehrrichtungen verbreitet werden, jedoch eng miteinander verbunden sind: Eine davon ist der Progressismus auf den Gebieten der Theologie, der Philosophie und der Moral, mit entsprechenden Auswirkungen auf das Studium des Kirchenrechts, der Kirchengeschichte usw. und die andere ist der Linksextremismus auf dem Gebieten der katholischen Soziologie, der sich auch auf das unter katholischem Einfluss durchgeführte Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Politik sowie auf Leben, Denken und Handeln der als christdemokratisch, christsozialistisch, sozialistisch-katholischen usw. bezeichneten politischen Bewegungen auswirkt.
   Verschiedene Aspekte der Lehren der Befreiungstheologie wurden von Johannes Paul II. in seiner Ansprache von Puebla (1979) verurteilt. Dennoch fanden sie weiterhin Verbreitung in ganz Brasilien.
Die durch den Progressismus hervorgerufenen oder geförderten Handlungspotentialitäten verlangen ihrer Natur nach eine Organisation, die dem Klerus und den Gläubigen, die auf eine „Reform Brasiliens“ mit sozialisierender Ausrichtung eingeschworen sind, einheitliche Ziele und Methoden auf konkreter Ebene gibt.
   Diese Organisation wird von den CEBs (kirchlichen Basisgemeinden) gebildet. (26)

(26) Anmerkung des Übersetzers: CEB (Comunidades Eclesiais de Base) ist die Abkürzung, unter der in Brasilien die kirchlichen Basisgemeinden bekannt sind.

   Um Brasilien vor dieser Gefahr zu warnen, haben die Brüder Gustavo Antonio Solimeo und Luiz Sergio Solimeo mit mir zusammen ein Buch unter dem Titel Die CEBs ..., von denen viel gesprochen wird, aber wenig bekannt ist – Die TFP beschreibt sie, wie sie sind verfasst.
   Im ersten Teil weise ich nach, dass die CEBs der katholischen Linken als Werkzeug dienen, mit dem sie Unzufriedenheit in der Bevölkerung (vor allem unter den Arbeitern) säen; die Unzufriedenheit wird dann in Agitation verwandelt, um schließlich unter Einsatz der Agitation der Staatsgewalt eine dreifache Reform aufzuzwingen: die Land-, Stadt- und Unternehmensreform. Dies alles geschieht wahrscheinlich in der Absicht, in Brasilien ein sozialistisches Selbstverwaltungssystem zu errichten.
   Der 2. Teil des Buches informiert die brasilianische Öffentlichkeit darüber, was die CEBs eigentlich sind, was für eine Lehre sie verbreiten, wie sie organisiert sind, welche Methoden sie anwenden, um neue Mitglieder anzuwerben und wie diese auf den Gesellschaftskörper als Ganzes einwirken. Darum haben die Verfasser dieses Teiles Daten eingebracht, die sie sozusagen aus dem Munde der Organisationen selbst vernommen haben, das heißt aus den Schriften, in denen sie sich selbst den Mitgliedern und der Öffentlichkeit gegenüber darstellen. Die so zusammengetragenen Informationen wurden durch Nachrichten aus Zeitungen und Zeitschriften ergänzt, denen man gewiss nicht nachsagen kann, sie verzerrten die Fakten zum Schaden der CEBs.

   Seit August 1982 setzen sich die Mitglieder und Mitarbeiter der TFP für die Verbreitung des Buches in ganz Brasilien ein; 1510 Städte und Gemeinden wurden von den verdienstvollen Werbe-Karawanen der TFP bereits besucht, was dazu führte, dass schon sechs Auflagen von insgesamt 72.000 Exemplaren des Buches vergriffen sind.

Fortsetzung folgt

Dienstag, 22. September 2015

Philosophisches Selbstbildnis V - Die 4. Revolution

Damit wäre die Lage der III. Revolution kurz vor dem 20. Jahrestag der Veröffentlichung von „Revolution und Gegenrevolution“ umschrieben. Doch dieses Panorama wäre ohne den Hinweis auf eine Umwandlung, die sich im Innern der III. Revolution abgespielt hat, unvollständig geblieben: Aus ihr geht die IV. Revolution hervor.
   Es ist bekannt, dass weder Marx noch seine wichtigsten Anhänger in der Diktatur des Proletariats die letzte Etappe des Revolutionsprozesses gesehen haben. Gleich der vermeintlichen Evolution, die sich im Ablauf der Zeiten bis ins Unbegrenzte entwickeln wird, soll nach der mit dem Denken Marx´ und seiner Jünger eng verbundenen evolutionistischen Mythologie auch die Revolution nie ein Ende nehmen. So wie aus der I. Revolution bereits zwei weitere hervorgegangen sind, wird auch die dritte eine weitere gebären. Und so wird es weitergehen...
   Vom marxistischen Standpunkt aus ist es im Moment durchaus schon vorhersehbar, wie die IV. Revolution aussehen wird. Die marxistischen Theoretiker selbst erwarten den Zusammenbruch der Diktatur des Proletariats infolge einer weiteren Krise, die ihre Entstehung der Tatsache verdankt, dass der hypertrophische Staat zum Opfer seiner eigenen Hypertrophie wird. Mit dem Verschwinden des Staates wird der Platz frei für einen wissenschaftshörigen, kooperativistischen Zustand, in dem der Mensch, nach Meinung der Kommunisten, ein Maß an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erreicht haben wird, das bis dahin unvorstellbar war.


   Wie soll das aussehen? Man muss sich wohl oder übel fragen, ob nicht die von den strukturalistischen Strömungen erträumte Stammesgesellschaft die wahre Antwort auf diese Frage ist, sieht doch der Strukturalismus im Stammesleben eine illusorische Synthese aus größter individueller Freiheit und gebilligtem Kollektivismus, wobei letzterer schließlich die Freiheit verschlingen wird. In diesem Kollektivismus sollen die verschiedenen „Ich“ oder die Einzelpersonen, mit ihrem charakteristischen und zwiespältigen Denken, Wollen und Seinsweisen in die Kollektivpersönlichkeit des Stammes eingehen und sich darin auflösen, so dass daraus eine verdichtete, gemeinsame Art des Denkens, Wollens und des Lebensstils entsteht.
   Der dritte Teil von „Revolution und Gegenrevolution“ endet mit Betrachtungen über diese im Entstehen begriffene IV. Revolution.

Die Verwandlung des Kommunismus
hin zu einer sich selbst verwaltenden Gesellschaft

   Mit dem Ende des folgenden Jahrzehnts, d. h. der achtziger Jahre, wurden die im dritten Teil von „Revolution und Gegenrevolution“ getroffenen Voraussagen durch die Fakten bestätigt.
   Da Sowjetrussland das ungeheure wirtschaftliche Fiasko sowie die unmenschliche Einschränkung legitimer Freiheiten nicht mehr länger verbergen konnte, entschied es sich ungeniert dafür, diese Tatsachen vor der ganzen Welt zuzugeben. Und so brach schließlich das Sowjetregime nach den spektakulären, durch Gorbatschow mit seinen Liberalisierungsprogrammen Glasnost (1985) und Perestroika ausgelösten geopolitischen Konvulsionen in sich zusammen (1989 – 1991) und scheint sich seither auf ein dem westlichen Vorbild näher stehendes Modell hin zu bewegen.
   Dieser Umschwung stellt die Kommunisten vor ein neues strategisches Problem, denn, wie es scheint, enthält er gleichzeitig einen Appell: So wie sich die granitene Struktur des Kommunismus aufgelöst hat, soll sich nun auch der Westen bei der Anwendung der Grundprinzipien von Privateigentum und freier Initiative weniger rigide zeigen und sich seinerseits zu einer entschiedenen Annäherung an den Sozialismus bereit finden. Auf diese Weise würden der Westen und der Osten auf eine gemeinsame Zwischenlösung zusteuern, die allerdings nicht unbedingt in der Mitte, sondern eventuell eher in der Nähe des Kommunismus als des Kapitalismus liegen sollte; womit dann auch eine endgültige Lösung für den Weltfrieden gefunden wäre.
   Wie viele haben sich im Westen nicht von dieser Aussicht verführen lassen? Wie viele zeigen sich nicht geneigt zu sagen: Es ist besser, einem egalitäreren Regime mit weniger bürgerlicher und wirtschaftlicher Freiheit zuzustimmen, wenn man damit verhindern kann, dass sich die Lage in Russland zurückentwickelt und die Kommunisten wieder an die Macht kommen, denn dann würden wir uns wieder dem schrecklichen Gespenst eines Atomkriegs gegenübersehen, von dem wir uns bereits wie durch ein Wunder befreit sahen.
   Auf diese Überlegung ist zu antworten, dass Kriege eine Strafe für die Sünden der Menschen sind. Ein unnatürliches, gegen das göttliche Gesetz gerichtetes Regime wie den Kommunismus auch in seiner etwas abgeschwächteren Art annehmen bedeutet, eine ungeheure Sünde begehen, die, indem sie zwangsläufig ihre unheilvollen Auswirkungen verbreitet, der Menschheit nur Unglück und Ruin bringen kann.
   Angesichts des Zerfalls des Sowjetreiches fragen sich deshalb die scharfsinnigeren Geister des Westens, inwieweit der ganze Vorgang wirklich als authentisch, dauerhaft und unbestreitbar angesehen werden kann und damit auch begründete Hoffnungen rechtfertigt. Und obwohl es nicht an Optimisten fehlt, die derartige, täuschend vielversprechende Aussichten eiligst mit offenen Armen begrüßen, empfiehlt sich doch eine kluge Haltung der Vorsicht gegenüber der rätselhaften Retraktion des Kommunismus, denn es ist durchaus möglich, dass es sich nur um eine Verwandlung handelt mit dem Ziel, die selbstverwaltete Gesellschaft zu erreichen.
   Gorbatschow selbst hat in seiner propagandistischen Schrift „Perestroika - Neue Ideen für mein Land und für die Welt“ (15)‚ treuherzig darauf hingewiesen: „Bei dieser Reform geht es darum, den Übergang von einem überaus zentralisierten, von den Anordnungen übergeordneter Stellen abhängigen System zu einem auf der Verbindung von demokratischem Zentralismus und Selbstverwaltung beruhenden System (...) zu gewährleisten.“ Gerade diese Selbstverwaltung war aber auch nach Maßgabe der UdSSR-Verfassung in ihrer Präambel das „höchste Ziel des Sowjetstaates“.
   All diese Überlegungen sind, ausführlicher entwickelt, in der 1992 veröffentlichten erweiterten Ausgabe von „Revolution und Gegenrevolution“ zu finden.(16)

(15) Editora Best Seller, São Paulo, 1987, S. 35.
(16) Der dritte Teil von Revolution und Gegenrevolution, dem der Autor einige Kommentare hinzugefügt hat, wurde 1992 in Argentinien, Chile, Ekuador, Kolumbien und Spanien veröffentlicht, 1993 in den USA und in Brasilien, 1994 in Peru und 1995 in Rumänien.
  
Fortsetzung folgt

Freitag, 7. August 2015

Philosophisches Selbstbildnis IV


Ein gleichmacherischer, anarchistischer Nährboden beeinflusst weiterhin tief die Öffentlichkeit

   Bei all diesen Überlegungen wird deutlich, dass das Chaos, in das sich der Westen zusammen mit dem Rest der Welt im Begriff ist, hineinzustürzen, vor allem verursacht wird, durch das Eingehen auf die egalitären und anarchistischen Tendenzen und Lehren, die zwar in den eigentlichen intellektuellen Kreisen als völlig überholt gelten, die öffentliche Meinung jedoch weiterhin zutiefst beeinflussen. Und so dienen sie den Kommunisten als Köder, deren sie sich bedienen, um unter bestimmten politischen Voraussetzungen heute wie gestern die Massen, mit deren Hilfe sie die letzten Überreste des Heiligen und der Hierarchie der christlichen Zivilisation zu zerstören gedenken, hinter sich her zu ziehen.
   Das bedeutet jedoch nicht, dass das Denken Proudhons und seiner Geistesverwandten der große ideologische Hebel der zeitgenössischen Ereignisse war. Die Utopisten sind tot und kaum jemand erinnert sich heute noch an sie. Sie waren nichts mehr als eine Etappe auf dem Weg, der mit den ideologischen und kulturellen Bewegungen des 16. Jahrhunderts seinen Anfang nahm. Sie haben dazu beigetragen, die wirtschaftlichen und sozialen Gleichheitsbestrebungen, die in der Französischen Revolution erst im Keim enthalten waren, allgemein zu verbreiten. Diese Bestrebungen, denen die Utopisten nur als Sprachrohr dienten, stießen weltweit auf ein diffuses Echo. Und dieses Echo hallt noch durch die Geschichte, wenngleich sie und ihre Werke schon lange in Vergessenheit geraten sind.
   Wenn wir also die neue Katastrophe, die uns erwartet, aufhalten wollen, gilt es vor allem, den tragischen Irrtum rückgängig zu machen, der die absolute Gleichheit mit der absoluten Gerechtigkeit und wahren Freiheit – wie sie die absolute Wahrheit und das absolute Gut verdienen -,  mit dem freien Lauf und sogar mit der Befürwortung aller Irrtümer und Ordnungswidrigkeiten gleichsetzt.
All dies lässt uns an die Gegenrevolution denken.
  
Die Gegenrevolution muss auf die grundlegenden metaphysischen Irrtümer der Revolution hinweisen

   Im Laufe der letzten Jahrhunderte haben sich viele Bewegungen gegen den Revolutionsprozess gebildet. Ihr Erfolg hielt jedoch nie lange an und war oft sogar gleich null. Nicht dass es diesen Bewegungen an der Unterstützung hervorragender Köpfe, einflussreicher Persönlichkeiten oder breiter Volksschichten gefehlt hätte. Doch meistens beschränkten sich diese Bewegungen darauf, die Revolution nur auf dem einen oder anderen religiösen, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Gebiet zu bekämpfen. Und wenn sie auch manchmal auf die tiefer liegenden Irrtümer metaphysischer Natur aufmerksam gemacht haben, so haben sie doch nicht mit genügendem Nachdruck auf diesem Punkt bestanden. Und deshalb konnte die Revolution weiter unangefochten ihren Lauf nehmen.
   Andere hielten es für angebrachter, der Revolution mit Hilfe ihrer eigenen Sprache und ihrer Techniken Einhalt zu gebieten und gegen einige Missbräuche vorzugehen, die die Revolution selbst anprangerte. Auf diese Weise meinten sie ihr die Vorwände zu entkräften. Nun ist es stets verdienstvoll, Missstände zu bekämpfen. Doch lag schon viel Naivität in der Annahme, dass die Kraft der Revolution vor allem in der Entrüstung über gewisse Missstände ihre Wurzel hatte, gegen die sie tobte. Die Geschichte hat erwiesen, wie falsch diese Taktik war. Einige Missstände, die noch vor einigen Jahrzehnten in Europa herrschten, wurden so weitgehend behoben, dass Pius XII. zum Katholikentag in Wien sagen konnte: „Vor den Augen der Kirche liegt heute die erste Phase der sozialen Kämpfe unserer Zeit. Im Wesentlichen ging es dabei um die Arbeiterfrage: das Elend des Proletariats und die Pflicht, diesen hilflos der Unsicherheit der wirtschaftlichen Konjunktur ausgelieferten Menschen die gleiche Würde zu verschaffen, die auch die anderen städtischen Klassen mit ihren konkreten Rechten genießen. Es ist dies ein Problem, das man heute wenigstens in seinen wesentlichen Aspekten als gelöst betrachten kann, und die katholische Welt hat loyal und wirksam zu dieser Lösung beigetragen.“ (6) Dennoch tobt die Revolution drohender denn je weiter.
  
(6) Rundfunkbotschaft Pius‘ XII. vom 14. September 1952. Discorsi e Radiomessaggi di Sua Santità Pio XII, Tipografia Poliglotta Vaticana, Bd. XIV, S. 313.
  
   Ohne also die Verdienste weder der vielen gegenrevolutionären Bewegungen in der Vergangenheit und in der Gegenwart noch die des Kampfes gegen die Ungerechtigkeiten der herrschenden Ordnung leugnen zu wollen, scheint es mir aber, dass es in unseren Tagen vor allem darauf ankommt, die grundlegenden metaphysischen Irrtümer der Revolution aufzuzeigen und auf die enge Verbindung zwischen den drei großen Wogen hinzuweisen, die nacheinander gegen die westliche Christenheit anrollten: Zuerst der Humanismus, die Renaissance und die protestantische Pseudoreformation (erste Revolution), später dann die Französische Revolution (zweite Revolution) und schließlich der Kommunismus (dritte Revolution).

Auf dem Gebiet des Handelns

   Dieser Einsatz hat meinem Leben als Parlamentarier, Professor, Schriftsteller und Publizist Sinn gegeben.
   Meine Tätigkeit als Abgeordneter der katholischen Wählerliga in der verfassungsgebenden Versammlung von 1939 soll hier nur kurz erwähnt werden, denn für das Lexikon, auf dessen Anfrage hin ich diesen Text schreibe, ist sie nur von mittelbarer Bedeutung.
   Während meiner Lehrtätigkeit als Studienrat für Kulturgeschichte an dem der Rechtsfakultät der Universität São Paulo angeschlossenen Universitätskolleg, als Dozent des gleichen Faches am Roosevelt-Kolleg und dann als Professor für Moderne und Zeitgeschichte an den Philosophischen Fakultäten St. Benedikt und Sedes Sapientiae der Katholischen Universität São Paulo standen die oben angestellten Betrachtungen stets vor dem Auge meines Geistes.
   Während meiner Tätigkeit als Schriftleiter des bekannten katholischen Wochenblatts „Legionário“, das offiziöse Organ des Erzbistums São Paulo, als Vorsitzender des Diözesanrates der Katholischen Aktion sowie als Sekretär des Verbandes der Marianischen Kongregationen von São Paulo stand meine Apostolatsarbeit stets unter dem Zeichen des Kampfes gegen die Revolution, die für mich nicht allein in den linksorientierten Bewegungen ihren Ausdruck fand, sondern sich häufig auch in solchen der Mitte oder selbst der sogenannten extremen Rechten versteckte. Gegen letztere richteten sich meine heftigsten Feldzüge, die denn auch mit entsprechender Gewalt beantwortet wurden. Die Seiten des „Legionário“ bezeugen, dass ich zu einer Zeit, in der diese Bewegungen ihren Höhepunkt zu erreichen schienen, ohne Unterlass gegen die verschiedenen Arten von Faschismus und Nationalsozialismus (7) gekämpft habe.
   Die Gegenrevolution, gab meiner schriftstellerischen Tätigkeit eigentlich ihren Sinn.
  
(7) Anmerkung der Redaktion: Von 1929 bis 1947 wurden im „Legionário“ insgesamt 2936 Artikel gegen den Nazismus und den Faschismus veröffentlicht, davon stammten 447 aus der Feder von Prof. Oliveira, der vom 12.10.1929 bis zum 8.12.1929 und dann wieder vom 6.8.1933 bis zum 28.12.1947 Chefredakteur und Leiters des genannten Presseorgans war. Zum gleichen Thema erschienen später auch 55 Artikel im “Catolicismo” (zwischen 1951 und 1982), von denen 6 von Prof. Oliveira unterzeichnet waren. Auch in der Tageszeitung „Folha de S. Paulo“ wurden von ihm zwischen 1968 und 1982 insgesamt 24 Artikel zu diesem Thema veröffentlicht.
  
Zur Verteidigung der Katholischen Aktion: Alarmruf gegen die Keime des Laizismus, Liberalismus und Egalitarismus in der katholischen Kirche

Mein erstes Buch erschien 1943 und trug den Titel „Zur Verteidigung der Katholischen Aktion“ (Verlag Ave Maria, São Paulo). Es war ein Alarmruf gegen die Keime des Laizismus, Liberalismus und Egalitarismus, die damals in die Katholische Aktion einzudringen begannen (8). Mir, als dem Vorsitzenden dieser Institution im Staat São Paulo fiel die Aufgabe zu, den Kampf gegen diese Irrtümer aufzunehmen. Das Buch rief leidenschaftliche Kontroversen hervor, denen nicht einmal das herzliche Lobschreiben Einhalt gebot, das mir 1949 Msgr. Montini, damals stellvertretender Staatssekretär des Heiligen Stuhls und späterer Papst Paul VI.,  im Namen Pius XII. zuschickte.
  
(8) Anmerkung der Redaktion: Das Buch hat zwei Auflagen erlebt, deren erste (2.500 Exemplare) schon bald völlig vergriffen war. Deshalb erschien 1983 zum 40. Jahrestag ihres Erscheinens eine zweite Auflage von 2.000 Exemplaren.
  
   In katholischen Kreisen wurde das Buch zum großem Teil mit starkem Beifall aufgenommen. Die Keime des Progressismus breiteten sich jedoch weiter aus und führten schließlich zu dieser Lawine von Irrtümern, die sich gerade heute über das ganze Land erstrecken. Wenn dereinst ohne Voreingenommenheit die Geschichte der Kirche in Brasilien im 20. Jahrhundert geschrieben werden wird, so wird man wohl anerkennen, dass der bedeutende Widerstand, der dem Progressismus in unserer Mitte entgegengebracht wird, zu einem großen Teil dem in „Zur Verteidigung der Katholischen Aktion“ ausgesprochenen Warnruf zuzuschreiben ist. Denn dieses Buch hat viele Geister, die noch nicht unter den verführerischen Einfluss der neuen Ideen geraten waren, auf den in seinen Anfängen steckenden Virus des brasilianischen Progressismus aufmerksam gemacht.
   Wenn auch dieses mein erstes Buch durchaus Lehrcharakter trug, so ist ihm doch anzumerken, dass es auf ein wichtiges konkretes Problem ausgerichtet war, dem damals größte Aktualität zukam.
  
Die sichtbarste Folge von „Revolution und Gegenrevolution“: TFPs und verwandte Vereinigungen in 26 Ländern auf den fünf Kontinenten

Das Gleiche kann man nicht von  meinem zweiten Buch „Revolution und Gegenrevolution“ behaupten. Wie bereits der oben vorgestellten Zusammenfassung des Werkes leicht zu entnehmen ist, bezog sich sein Inhalt im Jahre seiner Veröffentlichung, 1959, auf kein aktuelles brasilianisches Thema. In dem neuen Werk ging es vor allem darum, der Öffentlichkeit die tiefe Bedeutung klar zu machen, die lehrmäßig der angesehenen kulturellen Monatszeitschrift „Catolicismo“ zukam, welche damals in Campos (Bundesstaat Rio de Janeiro) unter der Schirmherrschaft des dortigen Diözesanbischofs Antonio de Castro Mayer (*20.6.1904, +25.4.1991) herausgegeben wurde.(9)

(9) Anmerkung der Redaktion: Hier muss darauf hingewiesen werden, dass Bischof Antonio de Castro Mayer im Dezember 1982 die Beziehungen zu Prof. Plinio Corrêa de Oliveira und zur TFP für abgebrochen erklärte. Die Monatszeitschrift “Catolicismo” verwandelte sich daraufhin in das Sprachrohr der TFP.
Am 22. Juni 1988 nahm Bischof Antonio Castro Mayer zusammen mit dem französischen Erzbischof Marcel Fefèbvre in Ecône (Schweiz) an der von Rom nicht genehmigten Weihe von vier Bischöfen teil. Am darauf folgenden 1. Juli veröffentlichte Kardinal Gantin, Präfekt der Bischofskongregation, ein Dekret, das die Exkommunikation der beiden Bischöfe bestätigte.
Der Bruch des früheren Bischofs von Campos mit Prof. Plinio Corrêa de Oliveira, TFP und “Catolicismo” geschah also fünf Jahre vor dessen Exkommunikation.

   In Brasilien hat „Revolution und Gegenrevolution“ vier Auflagen erlebt. Die erste Ausgabe erschien in der Nummer 100 des „Catolicismo“ (mit einem Nachdruck). Es folgten später Ausgaben für die spanischsprachige Welt, in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Italien.(10)

(10) Anmerkung der Redaktion: Neben den in Brasilien veröffentlichten Ausgaben in portugiesischer Sprache (zwei 1959, eine 1982 und eine weitere 1993) erreichte „Revolution und Gegenrevolution“ zwölf Auflagen in Spanisch: Argentinien (zwei Auflagen 1970 und eine weitere 1992), Chile (1964 und 1992), Kolumbien (1992), Ecuador (1992), Spanien (1959, 1965, 1978, 1992) und Peru (1994), zwei in Französisch: Brasilien (1960) und Kanada (1978); drei in Englisch: USA (1972, 1980 und 1993); drei in Italienisch (1964, 1972 und 1977), eine in Rumänisch (1995), und 1996 wurde bei der Frankfurter Buchmesse die erste illustrierte Ausgabe in deutscher Sprache vorgestellt. Damit kommt das Werk auf insgesamt 26 Ausgaben. Hinzu kommen Abdrucke in Zeitungen und Zeitschriften in Brasilien, Angola, Argentinien, Frankreich, Italien, Kolumbien, Spanien und Venezuela. Die Gesamtauflage (ohne Teilabdrucke) erreicht damit die Zahl von 126.700 Exemplaren.
  
   Die sichtbarste Folge von „Revolution und Gegenrevolution“ war der Anstoß zur Gründung der „Brasilianischen Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP) in Brasilien und zur Gründung ähnlicher, eigenständiger Organisationen außerhalb des Landes; sie sind derzeit in fast allen wichtigen westlichen Ländern zu finden und breiten ihre Zweige über alle übrigen Kontinente aus. Da es in einer Reihe von Ländern auch Vertretungen der TFP gibt, sind die Lehrgrundsätze und Ideale von „Revolution und Gegenrevolution“ heute in 26 Ländern auf den fünf Kontinenten gegenwärtig.(11)
   Diese Vereinigungen bilden eine große Seelenfamilie, die sich um das Thema des Buches „Revolution und Gegenrevolution“ geschart hat.

(11) Anmerkung der Redaktion: Heute (2008) gibt es die TFP bzw. ihre Vertretungsbüros in Brasilien, Argentinien, Australien, Chile, Deutschland, Ekuador, Frankreich, Italien, Kanada, Kolumbien, Paraguay, Peru, auf den Philippinen, in Polen, Portugal, Spanien, Südafrika, in den USA, im Vereinigten Königreich (England und Schottland) und in Uruguay. Die TFP von Venezuela wurde 1984 willkürlich durch ein im Endeffekt wirkungsloses Regierungsdekret aufgehoben. Ihre Mitglieder stehen in TFP-Niederlassungen anderer Länder weiterhin im Dienste der gleichen Ideale. Die Unschuld der venezuelanischen TFP wurde mit der Veröffentlichung des endgültigen Gerichtsurteils am 15. Mai 1986 in jeder Hinsicht bestätigt und die gegen die Vereinigung vorgebrachten Anklagen wurden als unbegründet zurückgewiesen.
  
Eine interne, von den Theoretikern des Marxismus selbst angekündigte Transformation: der Zusammenbruch des Staates und die Entstehung einer kooperativistischen Gesellschaft

   1976 fügte ich „Revolution und Gegenrevolution“ einen dritten Teil hinzu. Es handelt sich dabei um eine Bestandsaufnahme der Veränderungen, die die Revolution in den seit der Veröffentlichung des Werkes vergangenen zwanzig Jahren im internationalen Panorama hervorgerufen hatte. Dem Leser sollte die Herstellung eines Bezugs zwischen dem Inhalt und den neuen Gegebenheiten jener Tage erleichtert werden.
Die Herrschaft der III. – kommunistischen – Revolution hatte einen paradoxen Zustand von Höhepunkt und Krise erreicht. Höhepunkt unter dem Gesichtspunkt der tatsächlichen territorialen Ausbreitung des Kommunismus und seines mit Hilfe eines immensen Bündnisses kommunistischer, kryptonkommunistischer und parakommunistischer Parteien gewonnenen Einflusses auf die westliche Welt, abgesehen von dem grenzenlosen Magma nützlicher Idioten. Gleichzeitig ein Zustand der Krise. In den Augen der Öffentlichkeit begann pari passu der Niedergang des Kommunismus. Seine Überzeugungskraft und seine revolutionäre Führungskapazität gingen innerhalb und außerhalb der Grenzen der Sowjetunion zurück. Würde der Kommunismus, der sein Vorrücken angesichts der Erfolglosigkeit der herkömmlichen Vorgehens- und Bekehrungsmethoden kompromittiert sah, sich von nun an für ein Abenteuer entscheiden?
   Tatsächlich ließ die III. Revolution, auf dem Höhepunkt der Macht angelangt, Drohungen und Angriffe beiseite und begann plötzlich zu lächeln und zu bitten. Der direkte Weg, der ja auch immer der kürzeste ist, wurde aufgegeben, und an seine Stelle trat ein Zickzackkurs, in dessen Verlauf es nicht an Unsicherheiten fehlte.
   Der Kommunismus setzte seine größten Hoffnungen auf die revolutionäre psychologische Kriegsführung, die das Lächeln als Angriffs- und Kriegswaffe einsetzt und den Eroberungsschock von der (physischen, handgreiflichen) Gewalt auf das Gebiet psychologischer Maßnahmen (d. h. auf das Gebiet des Ungreifbaren) überträgt. Ihr Ziel war nun der schrittweise, unmerklich im Seeleninnern errungene Sieg, da die herrschenden Umstände ein Vorgehen nach der klassischen, d.h. drastischen, allgemein sichtbaren Methode nicht zuließen.
   Wohlgemerkt, diese Methoden haben nichts mit den normalerweise „Gehirnwäsche“ usw. genannten Praktiken zu tun, wie man sie in Spionageromanen finden kann. Es ging nicht darum, ein paar vereinzelte Aktionen auf intellektuellem Gebiet durchzuführen. Vielmehr hatte man einen wahren Eroberungskrieg im Auge, der zwar auf psychologischer Ebene geführt werden sollte, aber eben totalen Charakter hatte, da er gleichzeitig den ganzen Menschen und alle Menschen in allen Ländern anvisierte.
   Diesen revolutionären psychologischen Krieg kann man nicht beschreiben, ohne detailliert auf seine Auswirkungen auf die eigentliche Seele der westlichen Welt einzugehen, nämlich auf das Christentum oder, noch konkreter gesprochen, auf die katholische Religion, da diese das Christentum in seiner absoluten Fülle und seiner einzigartigen Authentizität darstellt.
   In der Perspektive von „Revolution und Gegenrevolution“ besteht der größte Erfolg des lächelnden nachstalinistischen Kommunismus in dem rätselhaften, verwirrenden, erstaunlichen Schweigen von tragischem apokalyptischem Ausmaß des II. Vatikanischen Konzils gegenüber dem Kommunismus.
   Im Licht der Tatsachen hat das II. Vatikanische Konzil als eines der größten unheilvollen Ereignisse, wenn nicht gar als das größte der Kirchengeschichte zu gelten. Mit ihm ist der „Rauch Satans“ (12) in unvorstellbarem Ausmaße in die Kirche eingedrungen und breitet sich dort mit dem fürchterlichen Ausbreitungsvermögen der Gase immer weiter aus. Zum Ärgernis unzähliger Seelen des Mystischen Leibes Christi ist dieser in den unheilvollen Prozess der „Selbstzerstörung“ geraten, von dem Paul VI. gesprochen hatte.(13)

(12) Vgl. Ansprache Pauls VI. vom 29. Juni 1972
(13) Vgl. Ansprache vom 7. Dezember 1968.

Anmerkung der Redaktion: Bei mehreren Gelegenheiten hat sich auch Johannes Paul II. zu den Problemen der modernen Welt und ihrer Beziehung zu dem Sturm geäußert, der über die heilige Kirche hereingebrochen ist. Viele dieser Probleme, sagte der Papst, schließen die Verbreitung „ausgesprochener Häresien im Bereich von Dogma und Moral“ ein „und schaffen Zweifel, Verwirrung und Aufruhr“ (Ansprache vom 6. Februar 1981, in Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Libreria Editrice Vaticana, 1981, Bd. IV, S. 235).

*    *    *
Fortsetzung folgt

Mittwoch, 24. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis III - Die I. Revolution


Die Erste Revolution:

Humanismus, Renaissance, Protestantismus


   Auf diese Weise wird der tiefere Sinn der sophistischen Revolution A und der (faktischen) Revolution B, wie sie sich in Europa im 16. Jahrhundert ereignet haben, als eine Folge der oben beschriebenen, vorausgegangenen tendenziellen Revolution A verständlich.
   Der Niedergang des Mittelalters war von einem Ausbruch des Hochmuts und der Sinnlichkeit geprägt. Dieser Ausbruch brachte egalitäre und liberale Tendenzen hervor, die in den darauf folgenden Jahrhunderten immer mehr zunahmen.
   Im Humanismus und in der Renaissance offenbart sich Feindseligkeit sowohl gegenüber dem Übernatürlichen und dem kirchlichen Lehramt als auch gegenüber der Sittenstrenge. Im Protestantismus finden sich das „liberum examen“, der Minimalismus gegenüber dem Übernatürlichen, die Begünstigung der Ehescheidung, die Abschaffung des Ordensstandes, der Sittenstrenge und der Unterwerfung unter die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, sowie die virtuelle Beseitigung der kirchlichen Hierarchie. Zwar gibt es in fast allen protestantischen Sekten einen geistlichen Stand, doch ist in diesen der in der katholischen Kirche bestehende deutliche und tiefgehende Unterschied zwischen Geistlichem und Weltlichem infolge eines anderen Priesteramtsverständnisses sehr abgeschwächt. Außerdem wurde in den protestantischen Sekten auch der in der Kirche errichtete hierarchische Aufbau des geistlichen Standes durch die Ablehnung des monarchischen Elements im Papsttum entscheidend verstümmelt. Wenn die gleichmacherischen Tendenzen auch im Anglikanismus nicht so weit gegangen sind, die Bischofswürde abzuschaffen, so gibt es bei den Presbyterianern doch schon keine bischöflichen Würdenträger mehr, sondern nur noch Presbyter. In anderen Sekten ist der egalitäre Trieb so weit gegangen, dass man sogar das Priesteramt abgeschafft hat.
   Wenn ich hier die Bedeutung der liberalen und egalitären Einstellung des Humanismus, der Renaissance und der Reformation hervorhebe, so will ich damit keineswegs leugnen, dass es daneben noch weitere Ursachen gegeben hat, die zur Entstehung und Verbreitung dieser Bewegungen beigetragen haben. Ich sage damit nur, dass die tendenzielle Revolution A mit ihrem radikal anarchischen und egalitären Charakter eine entscheidende Rolle in den Anfängen, in den Lehren, in dem, was man heute den Werbeerfolg nennen würde, und in den Ergebnissen dieser Strömungen gespielt hat.
   Ich will auch nicht behaupten, dass diese Hauptantriebskraft nur in den Völkern zur Wirkung kam, die sich von der Kirche getrennt haben. Der Geist der Renaissance und des Humanismus hat nachhaltig auch in den Völkern geweht, die sich weiterhin katholisch nennen. Und obwohl die tendenzielle Revolution A dort nicht zum offenen Bruch mit der Kirche geführt hat, hat sie doch gewisse Inkubationsformen des Protestantismus wachgerufen, von denen die wichtigste wohl der Jansenismus war. Dieser hat das religiöse Leben zusehends erkalten lassen und schließlich zum Skeptizismus geführt. Eine aufmerksame Untersuchung des königlichen Absolutismus, der in keinem Lande radikalere Formen angenommen hat als im katholischen Frankreich, zeigt, dass die Politik der absolutistischen Herrscher in allem, was nicht ihre eigene Autorität anging, von einem gewissen egalitären Zug geprägt war. Die von den absoluten Königen schrittweise eingeführte Einschränkung der Privilegien des Klerus und des Adels bewegte sich auf die politische Gleichstellung aller, der Macht des Alleinherrschers unterworfenen Bürger zu. Die ständige Unterstützung, die die Könige dem aktiveren, entwickelteren Teil des gemeinen Volkes, d.h. dem Bürgertum zukommen ließen, hat diese politische Gleichstellung nur noch mehr gefördert.
  
Die Zweite Revolution:
Aufklärung, Absolutismus, Französische Revolution


   Die seit dem Ende des Mittelalters zunehmende Sittenverderbnis erreichte im 18. Jahrhundert derartige Ausmaße, dass sie sogar einige ihrer Anführer zu alarmieren begann. Die französische Gesellschaft, angetrieben von den gleichen Faktoren, die in den nordischen Ländern zur Reformation geführt hatten, befand sich mit Hilfe der Aufklärung und des Absolutismus auf dem besten Weg zu einer heftigen Konvulsion, die sich als nichts anderes erweisen sollte als die Übertragung auf die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ebene all dessen, was das Wesen des Protestantismus ausgemacht hatte.
   Im ausgehenden 18. Jahrhundert, als dieser schon müde und alt geworden und innerlich von den wachsenden Zweifeln der Skepsis ausgehöhlt war, so dass er keine Expansionskraft mehr besaß und nur noch mit Hilfe des Staates einen Rest an Leben fristete, erreichten die liberalen und egalitären Tendenzen in Frankreich schließlich ihren Höhepunkt. Der Humanismus und die Renaissance waren zu dieser Zeit bereits längst tot. Und der ganze Protestantismus war, wie gesagt, äußerst abgenutzt. Das Dynamischste und Grundlegendste der drei Bewegungen aber – der Geist, der sie hervorgerufen hatte – hatte sie überlebt und zeigte sich nun stärker denn je. Und dieser Geist sollte Frankreich und später ganz Europa in eine liberale, egalitäre Katastrophe stürzen.
   Die Französische Revolution war derart vom Geist der Reformation geprägt, dass die von ihr geschaffene Konstitutionelle Kirche nichts als ein kaum vertuschtes Werkzeug zur Einführung eines wirklichen Protestantismus in Frankreich war. Der egalitäre, antimonarchische und antiaristokratische Charakter der Französischen Revolution ist nichts anderes als die auf den zivilen Bereich übertragene gleichmacherische Tendenz, die den Protestantismus dazu veranlasst hat, die aristokratischen und monarchischen Elemente der kirchlichen Hierarchie abzulehnen. Der an der extremen Linken der Revolution wirkende kommunistische Gärstoff, der in Bewegungen wie der von Babeuf zum Ausdruck kam, war nichts als das laizistische Gegenstück jener kommunistischen Bewegungen wie dem der Brüder Moravos, die aus dem Boden hervorgingen, den man als die extreme protestantische Linke bezeichnen könnte. Die völlige Laizisierung des Staates, die griechisch-römische Tarnung, die fortgesetzte Beschwörung des klassischen Heidentums waren ein Beweis für die Auswirkungen des Humanismus, der Renaissance und der Aufklärung in der Französischen Revolution.
   Wir müssen darauf bestehen, dass der Protestantismus, der Humanismus und die Renaissance nichts anderes waren als historisch bedingte Ausdrucksformen eines anarchischen, egalitären Geistes. Dass sie selbst nicht überlebt haben, verdanken sie zum Teil dem gleichen Geist, aus dem sie hervorgegangen sind, denn dieser, als Zerstörer schlechthin, hat sie in ihrem eigenen Kern vernichtet. Die Französische Revolution war lediglich eine neue, wenngleich energischere Ausdrucksform desselben Geistes.


Die napoleonischen Truppen
haben 
die Französische Revolution in ihren Rucksäcken
nach ganz Europa getragen

   Durchaus bekannte geschichtliche Umstände haben dazu geführt, dass die mit der Errichtung des Kaiserreiches scheinbar abgeschlossene Französische Revolution von den Truppen Napoleons über ganz Europa verbreitet wurde. Die Kriege und Revolutionen, die den Zeitabschnitt zwischen 1814 und 1918, das heißt vom Sturz Napoleons bis zum Sturz der Habsburger, der Romanow und der Hohenzollern, geprägt haben, bilden eine Abfolge von Konvulsionen, in deren Verlauf sich Europa im Geiste der Französischen Revolution verwandelt hat. Die Folgen des 2. Weltkriegs haben diese Verwandlung nur noch verstärkt. Von den alten Monarchien Europas sind nicht mehr als ein halbes Dutzend übrig geblieben, und die zeigen sich dem republikanischen Geist gegenüber derart fügsam, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, sie hätten sich andauernd zu entschuldigen, dass es sie überhaupt noch gibt ...
   Mit diesen Bemerkungen möchte ich keineswegs leugnen, dass es in den zerstörten Strukturen tatsächlich auch Missbräuche gegeben hat, die einer Korrektur bedurften. Ich will auch nicht behaupten, die Einführung einer aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Regierung könne nur das Ergebnis des egalitären, liberalen Geistes sein, von dem ich hier spreche. Das entspräche weder lehrmäßig der Wahrheit noch wäre es angesichts der Geschichte zu rechtfertigen. Neben verschiedenen politischen Strukturen aristokratischen Charakters, die, wie etwa in Venedig, keinesfalls alle monarchisch ausgerichtet waren, gab es auch andere Strukturen, die weder monarchisch noch aristokratisch aufgebaut waren, wie etwa Schweizer Kantone und freie deutsche Reichsstädte. Alle diese Regierungsformen bestanden friedlich nebeneinander, denn die Vielfalt der Regierungssysteme wurde je nach Zeit, Ort und sonstigen Umständen als legitim angesehen.
   Die Revolution aber, die am Ende des Mittelalters ausbrach, wurde von einem ganz anderen Geist getragen als dem, der zur Bildung der aristokratischen beziehungsweise bürgerlichen Staaten des europäischen Mittelalters geführt hatte. Dieser Geist kam in der Behauptung absoluter, anarchischer Freiheit und der vollkommenen Gleichheit als den einzigen, für alle Zeiten und Orte gültigen Regeln der Ordnung und Gerechtigkeit zum Ausdruck.
   Dieser Geist hat dann andererseits wieder die politisch egalitäre bürgerliche Gesellschaft untergraben, die er selbst hervorgebracht hatte. Den Höhepunkt seiner verwegenen Behauptungen erreichte er aber schließlich im Zuge der dritten großen Revolution der westlichen Welt, im Kommunismus.

Die Grundsätze von 1789:
Die Tendenz zur völligen Freiheit und Gleichheit

   Die Gleichheitsthese fand ihren unverbrämten Ausdruck in der „Erklärung der der Menschenrechte“, der Magna Charta der Französischen Revolution und der von dieser eingeleiteten geschichtlichen Epoche: „Frei und gleich an Rechten werden die Menschen geboren und bleiben es.“ Dieses Prinzip kann man natürlich auch richtig auslegen, denn im Grunde besagt es, dass alle Menschen ihrer Natur nach wesentlich gleich sind. Ungleich sind sie nur in ihren Akzidenzien. Da sie außerdem eine Geistseele und damit auch Vernunft und Willen besitzen, sind sie von Grund aus frei. Die Grenzen dieser Wahrheit liegen allein im Natur- und göttlichen Gesetz sowie in der Macht der verschiedenen geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, denen sich alle Menschen zu unterwerfen haben.
   Niemand wird leugnen können, dass es zu allen Zeiten Obrigkeiten gab, die die grundlegende Gleichheit und Freiheit des Menschen verletzt haben. Andererseits hat es im Laufe der Geschichte auch immer wieder Bewegungen zum Schutz gegen die Ausschreitungen der Obrigkeit gegeben, denen es darum ging, der letzteren ihre rechtmäßigen Grenzen aufzuzeigen. Solange sich diese Bewegungen an das genannte Ziel halten, verdienen sie auch sicherlich allen Beifall. Wie in jeder anderen Epoche auch konnten Gleichheit und Freiheit im 18. Jahrhundert nutzbringend in Erinnerung gebracht werden, soweit sie nur richtig verstanden wurden.
   Es stimmt natürlich, dass es 1789 unter den Revolutionären der ersten Stunde auch Leute gab, die nichts anderes wollten als eine gerechte Mäßigung der Staatsgewalt und die Gleichheit und Freiheit, wie sie in der Erklärung der Rechte des Menschen verkündet wurden, in ihrem förderlichsten Sinne verstanden.
   Der Text der berühmten Erklärung war jedoch zu allgemein gehalten: Er vertrat eine Gleichheit und Freiheit ohne jede Einschränkung, was wiederum zu einer umfassenden, unangebrachten Auslegung führen musste, zu einer absoluten Gleichheit und Freiheit nämlich, die alles einbezog.
   Diese Auslegung entsprach selbstverständlich dem Geist der heraufziehenden Revolution, die sich nach und nach von all den Parteigängern frei machte, die nicht mit diesem Geist übereinstimmten. Die Jagd auf den Adel und den Klerus wurde von der Verfolgung des Bürgertums abgelöst. Allein die Handwerker sollten übrig bleiben.
   Als der Terror schließlich vorbei war, vertrat der Bürgerstand, dem es um die Ausmerzung der alten privilegierten Klassen ging, weiterhin die unvergänglichen Prinzipien von 1789. Doch tat er dies auf eine zwiespältige, unkluge Art und Weise, denn er rief die zu einer völligen Gleichheit und Freiheit tendierenden Volksmassen auf den Plan, um sich ihrer Unterstützung im Kampf gegen Königtum, Adel und Klerus zu vergewissern.
   Diese Unklugheit ermöglichte in großem Ausmaß den Ausbruch jener Bewegung, die schließlich die Macht des Bürgertums selbst in Frage stellen sollte.
   Wenn alle Menschen frei und gleich sind, haben dann die Reichen eine Daseinsberechtigung? Mit welchem Recht erben die Kinder das Vermögen ihrer Eltern ohne zu arbeiten?


Der utopische Kommunismus verkündete,

dass die bürgerliche politische Gleichheit
ohne die soziale und wirtschaftliche Gleichheit
eine Täuschung sei

   Bevor noch die Industrialisierung zu den großen Zusammenballungen unterernährter Proletarier führte, prangerte der utopische Kommunismus bereits die vom Bürgertum eingeführte rein politische Gleichheit als eine Täuschung an und verlangte nun die absolute soziale und wirtschaftliche Gleichheit. Der von einer Gesellschaft ohne Obrigkeit träumende Anarchismus breitete sich aus. Diese anfangs nur von einer beschränkten Anhängerzahl vertretenen radikalen Grundsätze des utopischen Kommunismus sollten später eine ungeahnte Verbreitung in den westlichen Ländern erleben. Allmählich drangen sie auch in das Denken zahlreicher Monarchen ein und beeinflussten die Mächtigen sowie weltliche und kirchliche Persönlichkeiten. So machte sich in weiten Bereichen von Nutznießern der bestehenden Ordnung eine gewisse Sympathie gegenüber dem Edelmut der freiheitlichen und egalitären Ideale breit, und mancher bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen, wenn er an die Rechtmäßigkeit der Machtausübung durch jene dachte, denen sie anvertraut war.
Meiner Ansicht nach besteht die Größe von Karl Marx nicht darin, dass er den wissenschaftlichen Kommunismus, eine verworrene, nur Wenigen bekannte Lehre geschaffen hat, denn der Marxismus ist an der kommunistischen Basis und in der heutigen Öffentlichkeit genauso unbekannt wie die Gedankengänge Plotins oder Averroes‘. Marx hat es aber vermocht, weltweit die kommunistische Offensive auszulösen, indem er die Anhänger einer radikal egalitären und anarchischen Tendenz auf der Grundlage des utopischen Kommunismus verbündet hat.

   Wenn also auch die Führer des Marxismus mehr oder weniger vom Marxistischen Geiste beeinflusst sind, so sind doch die von ihnen befehligten einfachen Soldaten im Allgemeinen nicht in der Lage, diese Lehre zu verstehen. Was sie dazu veranlasst, sich um ihre Führer zu scharen, sind nichts als vage, im utopischen Sozialismus inspirierte Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Und wenn die marxistischen Kader in gewissen Bereichen der öffentlichen Meinung auf Sympathie stoßen, so verdanken sie dies im Grunde der fast universalen Ausstrahlung der egalitären Prinzipien der Französischen Revolution und der dem utopischen Sozialismus eigenen romantischen Sentimentalität.

Fortsetzung folgt

Dienstag, 23. Juni 2015

Philosophisches Selbstbildnis II

Krisen haben ihren Ursprung nicht im Kopf eines Denkers, sondern in ungezügelten, von den Gewalten der Finsternis geschürten Begierden

   Es gibt Menschen, die glauben, Kultur- und Zivilisationskrisen hätten ihren Ursprung stets im Kopfe eines Denkers, von dessen kraftvollem Geist der klärende — oder zerstörerische — Funke ausgehe, der anfangs auf die kulturellen Eliten überspringe, um sich schließlich über den ganzen gesellschaftlichen Körper zu verbreiten. Manche Krisen entstanden wirklich auf diese Weise. Die Geschichte bestätigt jedoch keinesfalls, dass alle Krisen so entstanden sind. Und vor allem hat jene Krise, die schließlich zum Niedergang des Mittelalters und den Humanismus, die Renaissance und den protestantischen Reformation hervorbrachte, bestimmt nicht so ihren Anfang genommen.
   Schon allein die Tatsache, dass die Kirche dem Menschen eine für die menschliche Natur beschwerliche sittliche Strenge abverlangt, führt dazu, dass ihr Einfluss auf jede Seele, jedes Volk, jede Kultur und jede Zivilisation ständig bedroht ist. Die ungezügelten, durch das außernatürliche Wirken der Mächte der Finsternis geschürten Begierden treiben Menschen und Völker ohne Unterlass zum Bösen. Die Schwäche des menschlichen Verstandes kann von diesen Tendenzen ausgenutzt werden. Der Mensch erfindet nur zu gern Trugschlüsse, um damit schlechte Handlungen zu rechtfertigen, die er zu begehen gedenkt oder bereits begeht, ebenso wie schlechte Sitten, die er sich aneignet oder bereits angeeignet hat. Paul Bourget hat einmal gesagt: „Man muss so leben, wie man denkt, sonst denkt man früher oder später darüber nach, wie man gelebt hat.“(6)

(6) Le Démon du Midi, Bd. II, S. 375. Plon, Paris 1914.
  
Hochmut und Sinnlichkeit: Ihre überragende Bedeutung im Verlauf der Rebellion gegen die Kirche

   Zwei Begierden sind es, die im besonderen Maße die Rebellion des Menschen gegen die Sitte und den christlichen Glauben hervorrufen können: der Hochmut und die Sinnlichkeit.
   Der Hochmut veranlasst ihn dazu, jedwede Überlegenheit in einem anderen abzulehnen, und weckt in ihm eine leicht in Paroxysmus ausartende Gier nach Macht und Befehlsgewalt. Alle Unbeherrschtheit strebt letztendlich auf einen Paroxysmus zu. In seinem paroxystischen Zustand nimmt der Hochmut jede Art von metaphysischem Kolorit an: Er begnügt sich nicht mehr damit, konkret diese oder jene Obrigkeit oder hierarchische Struktur zu erschüttern, es geht ihm vielmehr um die Abschaffung jeder Art von Obrigkeit, in welchem Bereich es diese auch geben mag. Nur die umfassende, komplette Gleichheit erscheint ihm erträglich und wird daher zum höchsten Kriterium aller Gerechtigkeit. Auf diese Weise bringt der Hochmut schließlich seine eigene Moral hervor. Und im Kern dieser hochmütigen Moral verbirgt sich ein metaphysisches Prinzip: Die Seinsordnung fordert die Gleichheit, und alles Ungleiche ist ontologisch gesehen schlecht.
   Die absolute Gleichheit ist für den, den wir den vollständig Hochmütigen nennen würden, der höchste Wert, dem sich alles Andere zu unterordnen hat.
   Eine weitere Begierde von wesentlicher Bedeutung im Verlauf der Rebellion gegen die Kirche ist die Unzucht. An sich führt sie zur Zügellosigkeit und veranlasst den Menschen, jede Art von Gesetz mit Füßen zu treten und jede Beschränkung weit von sich zu weisen. Ihre Auswirkungen summieren sich zu denen des Hochmütigen und veranlassen den menschlichen Geist zu allerlei Sophismen, die schließlich das Autoritätsprinzip überhaupt in seinem Kern untergraben.
   Daher führt die von Hochmut und Sinnlichkeit ausgelöste Tendenz zur Abschaffung aller Ungleichheit, aller Autorität und aller Hierarchie.
  
Zwei entgegengesetzte Vorgänge:
Während der Glaube zur Liebe gegenüber der Hierarchie einlädt, führt der Sittenverfall zum Egalitarismus der Anarchie

Selbst wenn der Mensch vor ihnen kapituliert, können die ungezügelten Leidenschaften selbstverständlich in der Seele oder im Geiste eines Volkes auf Gegengewichte in Form von Überzeugungen, Traditionen usw. stoßen.
   In diesem Fall sieht sich die Seele oder Mentalität eines Volkes zwischen zwei einander entgegengesetzten Polen geteilt: Auf der einen Seite steht der Glaube, der zu Sittenstrenge, Bescheidenheit, Liebe zu aller legitimen Hierarchie einlädt; auf der anderen Seite steht der Sittenverfall, der zum vollkommenen, im eigentlichen Wortsinn an-archischen Egalitarismus aufruft. Wie wir gleich sehen werden, verleitet der Sittenverfall schließlich zum religiösen Zweifel und zur völligen Ablehnung des Glaubens.
   In den meisten Fällen wird die Entscheidung zwischen diesen Polen nicht auf einmal, sondern schrittweise getroffen. Durch wiederholte Liebesbeweise gegenüber der Wahrheit und dem Guten kann ein Mensch oder ein Volk nach und nach in der Tugend fortschreiten und sich endlich ganz bekehren. Dies ist etwa im Römischen Reich unter dem Einfluss der christlichen Gemeinden, der Gebete der Gläubigen in den Katakomben und Einsiedeleien, des in der Arena an den Tag gelegten Heldentums und der im Alltag gezeigten Tugendbeispiele geschehen. Hierbei handelt es sich um einen aufsteigenden Vorgang.
   Doch kann es auch ein Niedergang sein. Infolge des Zusammenstoßes der ungezügelten Leidenschaften werden die guten Überzeugungen nach und nach untergraben, die guten Traditionen verlieren ihre Kraft, die guten Sitten werden durch anstößige Sitten ersetzt, die erst ins offen Tadelnswerte und endlich ins Skandalöse abgleiten.

Hauptelemente der Lehre von Revolution und Gegenrevolution:

   Demzufolge sind also dies, kurz zusammengefasst, die wichtigsten Punkte der Lehre, auf die sich Revolution und Gegenrevolution stützt:
   a) die Mission der Kirche als der einzigen Lehrerin, Führerin und Lebensquelle der Völker auf dem Weg zur vollkommenen Zivilisation;
   b) der ununterbrochene Kampf der ungezügelten Leidenschaften, vor allem des Hochmuts und der Zügellosigkeit, gegen den Einfluss der Kirche;
   c) das Vorhandensein gegensätzlicher Pole im menschlichen Geiste, zwischen denen er sich notwendigerweise entscheiden muss: einerseits der katholische Glaube, der die Liebe zu Ordnung, Sittenstrenge und Hierarchie fördert, und andererseits die ungezügelten Leidenschaften, die zu Liederlichkeit, zum Aufstand gegen das Gesetz, gegen die Hierarchie und gegen jede Form von Ungleichheit anregen und letztendlich zum Zweifel und zum völligen Abfall vom Glauben führen;
   d) der Begriff des Vorgangs, in dessen Verlauf sich Menschen und Völker – unbeschadet des freien Willens – von den genannten Polen angezogen fühlen und sich so allmählich dem einen nähern und vom andern entfernen;
   e) der Einfluss dieses moralischen Prozesses auf die Entstehung von Philosophien. Die schlechten Tendenzen schaffen eine Neigung zum Irrtum, die guten, zur Wahrheit. Die großen Veränderungen im Geist der Völker sind nicht einfach das Ergebnis von Philosophien, die im kleinen Kreis von Intellektuellen aufgestellt wurden, die am Rande des Lebens dahinwirken. Damit eine Lehre im Volke Widerhall findet, ist es gewöhnlich notwendig, dass die Tendenzen des jeweiligen Volkes dieser Lehre ähnlich sind. Und nicht selten werden die Gedanken der Gelehrten mehr von den Neigungen der Umwelt beeinflusst, in der sie leben, als man denkt.
  
Einige grundlegende Definitionen:
Ordnung, Revolution, Gegenrevolution

   Vom Gesagten ausgehend, fällt es leicht einige Begriffe zu definieren:
   1. Ordnung ist nicht einfach die methodische und praktische Verteilung der materiellen Dinge, sondern nach dem thomistischen Verständnis die rechte Verfügung der Dinge nach ihrem naheliegenden und entfernten, physischen und metaphysischen, natürlichen und übernatürlichen Zweck;
   2. Revolution ist nicht im Wesentlichen ein Straßenaufstand, eine Schießerei oder ein Bürgerkrieg, sondern alle Anstrengung, die die Menschen gegen die Ordnung aufwiegeln will;
   3. Gegenrevolution ist jede Anstrengung zur Eingrenzung und Beseitigung der Revolution.

Revolution A – tendenziell und sophistisch;
Revolution B – in den Gesetzen, Strukturen, Institutionen und Sitten

   Man kann also sehen, dass sowohl die Ordnung als auch die Revolution und die Gegenrevolution a) in den Tendenzen, b) in den Ideen, und c) in den Gesetzen, in den Strukturen, in den Institutionen und den Sitten vorhanden sein können.
   So nenne ich die Revolution tendenziell, wenn sie in den Tendenzen zum Ausdruck kommt. Und ich nenne sie sophistisch, wenn sie sich im Hauch der Tendenzen auf dem Gebiet der Lehren ausbreitet.
   Diese beiden Arten von Revolution bilden ein eminent geistiges Phänomen, was besagt, dass sich ihr Aktionsfeld auf die menschliche Seele und die Mentalität der Gesellschaft erstreckt. Sie bilden demnach ein Ganzes, das ich die Revolution A nenne.
   Wenn die Revolution aus dem Innern der Seelen hervorbricht und zur Tat schreitet, wenn sie geschichtliche Umwälzungen verursacht sowie Gesetze, Strukturen, Einrichtungen usw. in Unordnung bringt, dann wird sie zu dem, was ich die Revolution B nenne.
   Die hier in aller Kürze dargestellten Begriffe müssen natürlich mit einer Reihe von Vorbehalten und Ausnahmen versehen werden, die ich zwar in „Revolution und Gegenrevolution“ vorbringe, hier aber nicht weiter erklärt werden können.
   Ich beschränke mich, darauf hinzuweisen, dass ich mit diesem Umriss des Wesentlichen in der Geschichte keineswegs behaupten möchte, dass sie darauf zu reduzieren sei. Die elementarste Beobachtung macht deutlich, dass der Lauf der Geschichte von zahllosen Faktoren bedingt wird, zu denen etwa die ethnischen, die geographischen und wirtschaftlichen zählen.

Wer die Gleichheit vertritt, wird wohl oder übel Einwände gegen den Glauben haben

   Es bleibt mir noch ein Wort zum Zusammenhang zwischen der absoluten, metaphysischen Gleichheit und dem Glauben zu sagen. Wer radikal gleichheitlich denkt, wird notgedrungen zahllose Einwände gegen die katholische Glaubenslehre vorzubringen haben.
   Die Begriffe eines persönlichen, vollkommenen und ewigen Gottes, der unendlich weit über den unvollkommenen und kontingenten (die der Hilfe bedürfen) Kreaturen steht; einer übernatürlichen Ordnung, die über das Natürliche hinausgeht; des gottgegebenen Gesetzes, dem zu gehorchen ist; der Offenbarung, die dem menschlichen Geist Wahrheiten zugänglich macht, die über seinem natürlichen Verständnisvermögen liegen; des unfehlbaren Lehramtes der Kirche; des monarchischen und aristokratischen Charakters ihres Aufbaus; alles, einschließlich des Gedankens von einem Gericht, das die Guten belohnt und die Bösen bestraft, stört den Gleichheitsgesinnten und veranlasst ihn zu einer ablehnenden Haltung.

   Der Katholik im Gegenteil lernt beim hl. Thomas von Aquin (Summa Theologica, I, q. 47, a 2), dass die Ungleichheit eine notwendige Voraussetzung für die Vollkommenheit der geschaffenen Ordnung ist. Daher sind Ungleichheit der Macht, des Wissens, der Klassenzugehörigkeit und des Vermögens im wesentlichen legitim und zur Erhaltung der rechten Ordnung unerlässlich, vorausgesetzt, dass sie nicht so weit gehen, dem Einzelnen seine Würde, seinen Lebensunterhalt und seine Sicherheit zu nehmen, auf die er als Mensch, durch seine Arbeit usw. einen Anspruch hat.

Fortsetzung folgt