Dienstag, 8. Juli 2025

Die französische Gegen-Revolution, die nicht stattfand


Wie verhielten sich König, Königin und Adel angesichts dieses bewaffneten Netzwerks und dieser Gerüchte, die sich nahezu bis ins Unendliche verbreiteten?

In völliger Leichtsinnigkeit und Frivolität. Wenn nicht gar in Komplizenschaft. Doch genau dieser Wind hatte sie schon lange vorbereitet und sie mit Optimismus und kriminellen Prinzipien wie denen Fénélons und Rousseaus erfüllt. Marie Antoinette sympathisierte mit Rousseau. Ludwig XVI. mit Fénélon. Der Adel im Allgemeinen war genauso. Die Folge: keine wirklich ernsthafte Analyse der Situation.

Keine intelligente Antwort. Keine entschlossene, entschiedene, kraftvolle Reaktion. Im Gegenteil, ein großer Fehler, vor allem seitens des Königs:

„Lasst uns nachgeben, nachgeben, nachgeben, und das Volk wird glücklich sein.“ Der Arme! Er war sich nicht bewusst, dass das sogenannte Volk unersättlich war, denn wie Cauchin, Gaxotte und viele andere zeitgenössische Historiker zeigen, wurde das Volk, der Volkswille, die Mehrheit, nur dann als solche angesehen, wenn sie als Manövriermasse eingesetzt wurde. Das Volk waren lenkbare Elemente! Und er erkannte nicht, dass das, was sie das „Volk von Paris“ nannten, in Wirklichkeit eine Gruppe gut organisierter Unruhestifter inmitten einer eher gleichgültigen Bevölkerung war. Gleichgültigkeit wurde übrigens auch provoziert. Denn Cauchin selbst sagt uns, dass es eine Kunst ist, Gleichgültigkeit zu erzeugen und sie gegen das spätere Opfer zu richten.

Aber was hätte der König tun sollen?

Als Erstes hätte er versuchen sollen, jemand anderes zu sein, wirklich König. Dann hätte er die ihm treu ergebenen Elemente um sich scharen und sich im Tageslicht mit hoch erhobenem Königsbanner präsentieren sollen, Banner gegen Banner, Standarte gegen Standarte.

Pierre Gaxotte kommentierte den Erfolg dieser Operation wie folgt:

„Hätte es damals (im Juli 1789, zur Zeit des Sturms auf die Bastille) eine Gruppe von Männern mit einem Herzen, einem Geist, einer Lehre gegeben, die sich allein durch die Bildung einer Gruppe inmitten der Unruhen organisiert und in ihrer Unentschlossenheit entschlossen hätten, so wäre ihre Macht, wenn auch nicht unbegrenzt, so doch der Mittelmäßigkeit ihres Personals und ihrer Mittel weit überlegen gewesen.“ (Gaxotte, Pierre, „La Revolution Francaise“, S. 99)

Leider verfügten die Revolutionäre über die Vereinsgruppen, doch auf der Seite der Guten gab es keine solche Gruppe!

Eine andere Lösung würde darin bestehen, sich an den Papst zu wenden, einen Bericht über die Verschwörung vorzulegen und um ein Eingreifen des französischen Episkopats und des Klerus im Allgemeinen zugunsten der bedrohten christlichen Institutionen zu bitten. Doch dafür müsste der König ein anderer sein, der Klerus müsste ein anderer, und leider müsste vielleicht auch Pius VI. ein anderer sein.

Pius VI.

Pius VI. war Papst zur Zeit der Französischen Revolution. Wenn es etwas gibt, das über jede Revolution, insbesondere die Französische Revolution, triumphieren kann, dann ist es das Papsttum. (Vgl. Crétineau-Joly J., L’Église Romaine en face de la Révolution, Bd. I, Paris, 1859) Folgendes wagte der protestantische Minister Englands, William Pitt, zu sagen, nachdem viel, schon viel Wasser geflossen war:

„In einer offiziösen Verhandlung“, sagt Crétineau-Joly, „wurde eine Verhandlung zwischen dem Kabinett von Saint-James, den Prälaten und den Emigranten unter der Leitung von Msgr. Arthur Dillon, Erzbischof von Narbonne, eröffnet. William Pitt wollte der Revolution das Bild des Papsttums entgegenstellen (...) Zu diesem Zweck wurde ein Briefwechsel ohne offiziellen Charakter zwischen Kardinal de Montmorency Laval und Bischof Arthur Dillon geführt. Später schrieb François de Conzié, Bischof von Arras, im Mai 1794 an Kardinal de Bernis:

„Nach meinen letzten Mitteilungen an Deutschland“, schrieb er an den ehemaligen Botschafter Ludwigs XV. und Ludwigs XVI. beim Heiligen Stuhl, „erhielt ich bei meiner Ankunft hier einen Zettel von Kardinal Zelada, Staatssekretär Seiner Heiligkeit, und habe ausführlich mit Pitt über deren Inhalt gesprochen. Der Minister zeigte mir seine aufrichtige und tiefe Bewunderung für die Tatkraft, die der römische Hof entfaltete. Doch sagte er mir freimütig, dass ohne aus einer großen monarchischen Koalition ein religiöses Problem machen zu wollen, er das Eingreifen des Papstes unter den gegenwärtigen Umständen für unabdingbar halte. Mit seinem außerordentlichen gesunden Menschenverstand nennt M. Pitt drei gute Gründe für die Entwicklung des Heiligen Vaters (er geht sehr gut auf die vom Heiligen Vater angeführten Gründe ein), doch er würde sich wünschen, dass der römische Hof dem gesamten Universum die Maßnahmen, die er zur Zeit der republikanischen Invasion des päpstlichen Territoriums ergriffen hat, anwendet. M. Pitt glaubt, dass man sich der revolutionären Flut nur entgegenstellen kann, indem man ganz Europa bewaffnet, wie einen Damm dagegen aufstellt.“

Seine Ansichten zu dieser Koalition sind folgende: „Ich verlange nicht, dass der Papst sich persönlich an die Spitze eines politischen Kreuzzugs stellt oder wie Urban II. predigt. Solche Zeiten sind vorbei. Und auch wenn ich sie als Anglikaner nicht bereue, empfinde ich in der gegenwärtigen Situation als Mann und Minister Großbritanniens, der den Auftrag hat, über den Erhalt eines erschütterten Europas zu wachen, möglicherweise nicht dasselbe. Die Koalitionen, in denen wir im Namen der Ordnung arbeiten, werden von diesen Personen bekämpft und aufgelöst. Mehr als einmal habe ich erlebt, wie die Gerichte des Kontinents angesichts der Meinungsverschiedenheiten und Glaubensverschiedenheiten, die sie trennen, zurückwichen. Ich glaube, dass uns alle ein gemeinsames Band vereinen sollte. Nur der Papst kann dieses Zentrum sein.“ (...)

„Zu meiner Bemerkung über das Alter des Papstes und seine Art, Ereignisse zu beurteilen, fügte M. Pitt hinzu, er verstehe und billige diese Zurückhaltung. Es sei falsch gewesen, das Papsttum isoliert zu halten. Es sei eine Macht, mit der man stets rechnen müsse. Und Regierungen sollten diese Undankbarkeit tadeln. Aber“, fuhr er fort, „in der gemeinsamen Gefahr ist keine Zeit für gegenseitige Beschuldigungen. Von den Regierungsvertretern im Ausland und von denen, die ich nach Rom geschickt habe, kenne ich die guten Absichten des Papstes und des Kardinalskollegiums. Seit Beginn der Unruhen in Frankreich hat der Papst keinen Augenblick gezögert. Er hat gesprochen, er hat entschieden gehandelt und vor allem gelobt. Der Katholizismus in Frankreich ist zerstört. Dort führen sie in allen Theatern die Mariage du Pape und die abscheulichsten Possen auf. Gleichzeitig schlagen sie im selben Konvent meine Ermordung vor. Mein Leben ist wenig wert, doch in England mangelt es nicht an Männern, die mich ersetzen könnten. Aber diesen Männern, die wie ich den konservativen Prinzipien menschlicher Gesellschaften verhaftet sind, fehlt ein mächtiger Hebel. Wir sind zu sehr durch persönliche Interessen oder politische Standpunkte gespalten. Nur Rom kann eine unparteiische Stimme erheben, die von jeglichen externen Belangen befreit ist. Rom sollte daher nach seinen persönlichen Pflichten sprechen, viel mehr als nach seinen Neigungen, an denen niemand zweifelt. Eine päpstliche Bulle würde die katholischen Gerichte „a latere“ präsentieren und durch die Ankündigung des Heiligen Krieges, des Krieges gegen die Anarchie, eine große und heilsame Wirkung erzielen. Sie würde Herrscher und Nationen bewaffnen. Sie würde ein unauflösliches Bündnis begründen, das einzige Mittel, dem wilden Enthusiasmus der Demagogie zu widerstehen. Ich habe lange Gespräche mit einigen Ihrer emigrierten Bischöfe geführt. Viele von ihnen sind noch in ihrer Reife und bereit, unsere Ansicht zu unterstützen, dass der Papst sich daran beteiligen sollte. Warum sollte ich sie nicht einsetzen? (...) Ich antwortete ihm, dass es notwendig sei, Rom die Initiative zu überlassen. „Genau das verstehe ich“, erwiderte der Minister, „wenn der Papst Legaten an die katholischen Gerichte zu entsenden, kenne ich mein Land gut genug, um im Voraus zu sagen, dass sie in Wien oder Madrid nicht mit mehr Respekt empfangen würden als in London.“ Religionsunterschiede lösen sich angesichts einer immensen gemeinsamen Gefahr auf. Wenn der Papst der Veröffentlichung der Koalitionsbulle zustimmt, wird eine englische Flotte die Küste Italiens befahren, um die römischen Staaten zu schützen, und diese Flotte wird gleichzeitig einen außerordentlichen Botschafter Seiner Majestät zum Heiligen Stuhl entsenden, um das sichtbare Oberhaupt dieses unverzichtbaren Bündnisses zu ehren“ (Crétineau-Joly, a. a. O., S. 189–192).

„Auf diese Mitteilung“, fährt Crétineau-Joly fort, „dem es weder an Scharfsinn noch an Weitsicht mangelt, antwortete Kardinal de Bernis am 10.06.1794“:

… Der Heilige Vater wollte in der letzten Audienz, die er mir zu gewähren geruhte, Ihren letzten Brief persönlich vor dem Kardinalstaatssekretär laut vorlesen. Inmitten all der Qualen, die ihn überwältigten, war Seine Heiligkeit tief bewegt und zeigte sich sehr dankbar für die Gefühle, die Eure Majestät zum Ausdruck brachte. Der Papst möchte, dass Sie M. Pitt Ihre aufrichtigste Dankbarkeit bezeugen. Und er brachte dies mit einer solchen Beredsamkeit des Herzens und der Worte zum Ausdruck, dass ich meinen Eindruck nur offen wiedergeben kann. Der Heilige Vater schätzt alle Gefahren, die ihn umgeben, mit großer Weisheit ein. Er kennt sie. Er sieht sie längst voraus. Seine unerschütterliche Standhaftigkeit wird ihnen begegnen. Er hat das Martyrium der Pflicht zu ertragen. Er bereitet sich im Gebet darauf vor. M. Pitt war so freundlich, ihm im Bedarfsfall sicheres Asyl unter dem Schutz der britischen Flagge anzubieten. Seine Heiligkeit erklärt, dass er dieses ehrenvolle Asyl gerne annehmen würde und dass das Heilige Kollegium ihm mit vollem Vertrauen folgen würde. Der Papst ist jedoch der Ansicht, dass er das Grab der Heiligen Apostel nicht verlassen kann und sollte, es sei denn, er wird dazu gezwungen. Sein unwiderruflicher Entschluss ist, am Fuße des Kruzifixes auf den Feind zu warten, der im Namen der Revolution kommt.

Die päpstliche Regierung hat nach besten Kräften die ihr empfohlenen militärischen Vorkehrungen zum Schutz ihrer geliebten Untertanen getroffen. Es entspricht jedoch weder ihrer Politik noch ihren Bestrebungen, mehr oder weniger gerechte Kriege zu schüren. Mehr als jeder andere beklagt Seine Heiligkeit die unsäglichen Exzesse, denen sich das revolutionäre Frankreich hingibt. Doch es ist nicht die Aufgabe des souveränen Pontifex, der stets ein Vater ist, diese Exzesse mit weltlichen Waffen zu bestrafen. Und selbst wenn der Heilige Stuhl den Willen dazu hätte, so hat er nicht mehr die Macht dazu. Obwohl er die aktive Energie von M. Pitt bewundert, gibt sich der Papst dem Schauspiel des Bösen hin und erwartet, dessen Opfer zu werden (le Pape se resigne au espectacle du mal, et attendre être la victime).

„Die Koalition, an der die britische Regierung beteiligt ist, ist eine ernste und nützliche Angelegenheit. Die päpstliche Regierung ist uneingeschränkt bereit, ihr beizutreten und sie zu unterstützen. Es ist ihr Recht und ihre Pflicht. Doch Seine Heiligkeit möchte vorerst nicht darüber hinausgehen. Das Papsttum wurde für seine Einmischung in die Streitigkeiten von Königen und Völkern bereits genug kritisiert, sodass Seine Heiligkeit weiterhin Stoff für gedankenlose Beschuldigungen und schuldhafte Repressalien liefern kann. Das Papsttum kann keinen Krieg mehr befehlen oder predigen, nicht einmal einen gerechten. Es hat keine andere Wahl, als die Folgen zu tragen.

„Es herrscht weder genügend Einigkeit noch genügend Homogenität unter den Herrschern und insbesondere in ihren Räten, um zu erwarten, dass eine päpstliche Intervention die gewünschte Wirksamkeit hätte.“ „M. Pitt, der sich mit allen königlichen und ministeriellen Unsicherheiten auseinandersetzt, muss wie kein anderer das Gefühl der Würde verstehen, das den Heiligen Vater durchdringt“ (Crétineau-Joly, opi. cit., S. 195–196).

Diese Antworten erinnern an die Worte des Propheten Sacharja: „Et dixi, non pasçam vos; quod moritur, moriatur; et quod succiditur, succidatur; reliqui devorent unisquique carnem proximi sui“ (Zach. XI, 9). „Da sprach ich: Ich mag euch nicht mehr weiden. Was sterben will, das sterbe, was verkommen will, das verkomme, und von denen, die übrigbleiben fresse eines das Fleisch des anderen!“ (Zach. XI, 9).

 

 

Aus dem portugiesischen von „A Contrarevolução Francesa que não se fez“

Die deutsche Fassung dieses Vortages „Die Französische Gegenrevolution, die nicht stattfand“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

 

 

Freitag, 4. Juli 2025

Die Wunder von Lourdes und das Leiden


Plinio Correa de OLiveira
Vortrag am  6. Februar 1965

Heute sind wir in der die Novene Unserer Lieben Frau von Lourdes.

Die Ereignisse von Lourdes sind reich an Lehren für uns, und eine dieser Lehren betrifft das Leiden.

Wir haben in Lourdes zwei Haltungen der Vorsehung gegenüber menschlichem Leiden. Und diese beiden Haltungen haben ihre Daseinsberechtigung, in der Vollkommenheit der göttlichen Pläne, auch wenn sie uns widersprüchlich erscheinen mögen. Einerseits zieht die Muttergottes in Lourdes die meiste Aufmerksamkeit auf sich, indem sie Mitleid mit den Leidenden hat, ihre Gebete erhört und Wunder vollbringt, um sie von ihrem Schmerz zu befreien.

Andererseits hat die Muttergottes auch Mitleid mit den Seelen und wirkt Wunder, um die Wahrheit des katholischen Glaubens zu beweisen und Bekehrungen herbeizuführen.

Doch andererseits sehen wir in Lourdes noch einen weiteren Aspekt: ​​die unzähligen Kranken, die nach Lourdes gehen und ungeheilt zurückkehren. Warum heilt die Muttergottes einige und andere nicht? Was ist das Geheimnis? Denn es ist für uns leicht zu verstehen, dass manche geheilt werden. Doch was ist das Geheimnis, warum andere nicht geheilt werden?

Auch hierin erteilt uns die Muttergottes eine wichtige Lektion. Denn sie zeigt durch ihre Güte in Lourdes, dass sie unsere Mutter ist, dass sie Mitleid mit uns hat, dass sie Wunder für uns vollbringen will und kann – und sie tut sie auch. Und doch kehren die meisten Kranken, die dorthin gehen, ungeheilt zurück.

* In Lourdes lehrt die Vorsehung durch ihre Nichtheilung, dass für die große Mehrheit der Seelen Leiden zur Heiligung notwendig ist. ── Botschaft von Kardinal Segura an Pius XI.

Was ist also der Grund dafür? Was ist der tiefste Grund dafür?

Ich glaube, es ist eines der erstaunlichsten Wunder von Lourdes.

Wenn wir dieser Tatsache aufmerksam ansehen, geschieht Folgendes: Für die große Mehrheit der Seelen ist das Leiden zur Heiligung notwendig. Krankheiten sind notwendig für die Heiligung. Und tatsächlich durch Krankheit und spirituelle Prüfungen wird ein Mensch heilig. Wer die Rolle von Leiden und Schmerz bei der Erweckung von Loslösung, Liebe zu Gott und Erneuerung in den Seelen nicht versteht, versteht überhaupt nichts. Nur so werden Seelen heilig. Der heilige Franz von Salles sagte sogar, Leiden sei wahrlich das achte Sakrament. Das heißt: Es ist so unverzichtbar, dass es das achte Sakrament ist.

Papst Pius XI.
Kardinal Segura, den ich einmal traf, erzählte mir von einem Gespräch mit Pius XI.
Pius XI. prahlte ihm gegenüber, nie krank gewesen zu sein. Kardinal Segura lächelte ihn an und sagte: „Eure Heiligkeit trägt also nicht das Zeichen eines Auserwählten.“ Pius XI. war erschrocken und Kardinal Segura sagte: „Es gibt keinen Auserwählten, der nicht krank wird und zumindest in einer bestimmten Lebensphase schwer unter seiner Gesundheit leidet. Wenn Eure Heiligkeit nie gesundheitliche Probleme hatte, ist das kein Zeichen der Vorherbestimmung.“ Wenige Tage später erlitt Pius XI. einen schweren Herzinfarkt. Von seinem Bett aus schrieb er eine kleine Nachricht an Kardinal Segura, der sie aufbewahrte. Sie lautete: „Eure Eminenz, ich habe bereits das Zeichen der Auserwählen.“ Mitten in seiner Krankheit sandte er diese Nachricht an Kardinal Segura.
Kardinal Pedro Segura y Sáenz (1880-1957)
war Ersbischof von Toledo und
später Erzbischof von Seville

Und tatsächlich ist Krankheit, wie Leiden aller Art, moralisches Leiden usw., ein Zeichen der Vorherbestimmung. Unsere Liebe Frau würde dem Seelenheil zuwiderhandeln, wenn sie jeder Seele die Krankheit nehmen würde. Für manche Seelen, für bestimmte Zwecke, ist es in gewisser Weise angebracht, Leiden zu nehmen. Aber normalerweise ist es nicht angebracht. So gehen diese Menschen nach Lourdes und kehren ungeheilt zurück. Dies ist ein Beweis, dass die so barmherzige Gottesmutter Leiden dennoch für unverzichtbar für das Seelenheil hält.

* Das größte Wunder von Lourdes ist die Ergebung und das Annehmen des Leidens – das Karmeliterkloster von Lourdes, dessen Aufgabe es ist, für die Pilger zu sühnen.

Doch es gibt dort etwas sehr Schönes: In Lourdes zeigt sich, dass die Gottesmutter dem Kranken eine solche Übereinstimmung mit seiner Krankheit gibt, dass ich noch nie von jemandem gehört habe, der in Lourdes war und sich auflehnte, weil er nicht geheilt wurde. Im Gegenteil, die Menschen kehren tief resigniert zurück, zufrieden, Lourdes besucht und andere Geheilte gesehen zu haben. Und es gibt sogar zahlreiche Fälle von Menschen, die von weither kommen, aus Indien, aus Amerika, wer weiß woher, um Heilung zu finden, und die, wenn sie andere in der Nähe sehen, die der Heilung noch mehr bedürfen, die Gottesmutter darum bitten: dass ich nicht geheilt werde, wenn jedoch dieser und jener geheilt wird.

Mit anderen Worten: Wer Krankheit und Leiden akzeptiert – und die Krankheit, die jemanden nach Lourdes führt, kann nicht irgendeine Erkältung sein, sondern muss etwas Schweres, ein starker Schmerz sein –, akzeptiert dies zum Wohle anderer. Dies ist ein wahres Wunder der Nächstenliebe aus Liebe zu Gott, ein moralisches Wunder, losgelöst vom menschlichen Egoismus, ein Wunder, das erstaunlicher ist als eine Heilung an sich.

Aber es gibt etwas vielleicht noch Schöneres in Lourdes, und das ist das dortige Karmeliterkloster. In Lourdes gibt es ein Karmeliterkloster mit kontemplativen Nonnen, deren Ziel es ist, alle Krankheiten zu sühnen und zu ertragen, um Gnaden für Leib und Seele der Menschen zu erlangen, die dorthin gehen, um diese Gnaden zu erbitten. Sie bitten daher nie um ihre eigene Heilung und nehmen alle Krankheiten auf sich, von denen sie befallen werden, zum Wohle der Seelen, die zur Grotte von Lourdes gehen und um Heilung bitten. So erleiden sie Schreckliches, leben manchmal ein Leben voller Leiden und sterben manchmal einen vorzeitigen Tod mit dem besonderen Ziel, anderen Seelen Gutes zu tun.

* Die Absicht Unserer Lieben Frau in Lourdes ist es insbesondere, Wunder spiritueller Natur zu wirken, die Seelen in den Himmel führen, von der Annahme des Schmerzes und sogar der Niederlage

Wenn man die Augen für die Welt um sich herum öffnet und sich bewusst macht, wie sehr die menschliche Natur durch die Erbsünde gefallen ist, versteht man, dass diese Akte der Selbstverleugnung, die so weit von der menschlichen Natur entfernt sind und den menschlichen Egoismus so sehr entsetzen, ein größeres Wunder sind als alle anderen Heilungen, die in Lourdes vollbracht wurden.

Und das zeigt deutlich die Absicht Unserer Lieben Frau mit den Heilungen von Lourdes: Wunder spiritueller und moralischer Natur zu bewirken, die Seelen in den Himmel führen.

Denn was wäre Unsere Liebe Frau, wenn sie in Lourdes erschiene, um den vergänglichen Körpern Gutes zu tun, und nicht den unvergänglichen Seelen? Und was wäre ihre Liebe zu den Menschen, wenn nicht das Hauptziel, sie zur Liebe Gottes zu führen? Denn nichts Besseres kann man sich für die Menschen wünschen.

Und weil wir Gott mehr lieben müssen als die Menschen, verstehen wir die große Lehre von Lourdes gut. Die größte Lehre von Lourdes ist nicht die so große, so wichtige apologetische Lehre. Aber es ist diese Lehre, Schmerz zu akzeptieren, Leid zu akzeptieren, Niederlagen zu akzeptieren, Versagen zu akzeptieren, wenn nötig.

Ihr werdet sagen: „Aber es ist sehr schwer, das zu akzeptieren. Es ist sehr schwer, Schmerz auf diese Weise zu ertragen.“

Wir finden die Antwort im Leiden unseres Herrn Jesus Christus am Ölberg. Angesichts all des Leids, das vor ihm lag, sagte er: „Wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“

Jesu Todesangst im Garten (von José Dias Tavares)

       Und diese Haltung müssen wir angesichts unseres eigenen Leidens einnehmen. Wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.

Und es kam ein Engel, um unseren Herrn zu trösten. Die Gnade wird uns auch in den Leiden trösten, die Unsere Liebe Frau uns schickt. Deshalb: Mut, Entschlossenheit, Energie, Verständnis für die Bedeutung des Leidens und Freude am Leiden. Denn das Leiden, ist für die Auserwählten; es sind die Verworfenen, die nicht leiden.

 

 

Aus dem portugiesischen von „Os milagres de Lourdes e o sofrimento“, Vortrag am 6. Februar 1965.

Die deutsche Fassung dieses Vortages „Die Wunder von Lourdes und das Leiden“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

 


Der hl. John Fisher und die Fäulnis der Kirche in England


Plinio Corrêa de Oliveira
22. Juni 1965a

Heute ist das Fest des hl. John Fischer, Bischof und Märtyrer, Kardinal, Bischof von Rochester. Henry VIII. aus Hass auf den katholischen Glauben und den Primat des römischen Papstes befahl seine Enthauptung im 16. Jahrhundert.

Die Haltung des heiligen John Fischers, der Leidensgenosse im Martyrium des hl. Thomas Morus war, scheint uns umso lobenswerter, da er zu seiner Zeit vollständig isoliert war. In der Tat wissen wir, dass es in der Kirche von England einen allgemeinen Abfall vom Glaube gab und dass einer der schrecklichsten Aspekte des Protestantismus in England, der Protestantisierung Englands, genau die Trägheit und die Leichtigkeit, mit der die Masse der englischen Katholiken zum Protestantismus übergegangen ist.

Das heißt, durch ein einfaches politisches Interesse, eines einfachen persönlichen Vorteils und Karriere, von diesen oder jenen kirchlichen Würdenträgern, wechselten sie die ehrloserweise die Religion, und dies normalerweise, ohne Gewissensdramen und nichts, was beweist, dass die gesamte religiöse Struktur Englands faul war; eine Fäulnis, die seit der Zeit unseres bekannten hl. Tomás Becket kam, genauer gesagt vom Misserfolg des hl. Thomas Becket.

Die Tatsache, dass er getötet wurde und die von ihm geführte Bewegung besiegt wurde, legte schon damals dem König von England die anglikanische Kirche in die Hände, und die englische Kirche fiel in eine Art Krise, in der sie sich, schon zu dieser Zeit, bequem in die Hände der zeitlichen Macht stellte. Damit machte sie eine Art Bund mit der Trägheit der Welt, mit den Vorteilen der Welt, einem Pakt zur Annahme der Verweltlichung und Laisierung. Sie nahm eine vorrevolutionäre Haltung ein, so dass sie vollständig mit dem revolutionären Geist befallen war, als Heinrich VIII. kam und das Schisma [gegen] den Papst machte. Die Kirche war also vorbereitet durch einen langen vorausgegangenen Fäulnisprozess.

Einige Märtyrer ausgenommen: Die Anzahl der Märtyrer war etwas höher als oft gesagt. Meistens waren sie nicht nur Thomas Morus und John Fischer, sondern auch andere Märtyrer - zum Beispiel die berühmten Kartäuser, die alle auf des Königs enthauptet wurden – trotzdem war die Anzahl der Märtyrer unbedeutend klein.

Aus diesen Vorstellungen finden wir einige Lehren. Das erste ist: Wie diese Dinge von weit herkommen und wie die aufeinanderfolgenden Verrate, die großen Katastrophen vorbereiten. Es waren Jahrhunderte zwischen dem hl. Tomás Becket und Heinrich VIII. und doch begann schon damals die Fäulnis, und die Kirche begann sich auf die komplette Zerstörung vorzubereiten. Wenn schließlich der Angrif der Versuchung kommt, lässt sie vollständig mitziehen.

Wir hier haben etwas Ähnliches wie die zeitgenössische Situation der Kirche. Das heißt, bevor der Liturgizismus erschien, bevor der Progressismus erschien, gab es ein totales Verschimmeln des katholischen Elements, was sich aus einer Trägheitshaltung angesichts der Positionen der französischen Revolution ergab. Eine Annahme ohne „Arrière Pensée“ (Hintergedanken) der am meisten imprägnierten demokratischen Formen des Geistes von Rousseau; Annahme der Trennung zwischen Kirche und Staat; Faule und kurzsichtige Übernahme der ganzen modernen Atmosphäre, die in die Gesellschaft eindrang.

Damit ein Zustand der Tonlosigkeit, der Gleichgültigkeit der Lehre, der Sympathie mit allen Arten von Irrtum, einem Zustand, der natürlich zum Brennmaterial führte, als die erste Flamme des Progressismus erschien. Wir sehen also, dass die gesamte Masse der katholischen Bewegung heute einen enormen neuen Fehler eintaucht, der aufgrund von Zugeständnissen, die sich vor langer Zeit darauf vorbereitet hatten, praktisch eine Religionsänderung zu betreiben. Sie sehen, dass die Geschichte sich wiederholt und dass es die großen Prozesse von Atonie und Weichheit, Indifferentismus sind, die die katholische Masse auf der größten Abtrünnigkeit vorbereiten.

Aber daneben sehen wir auch etwas Schönes: Es ist die Beständigkeit der Heiligkeit der Kirche, denn trotz all dieser Traurigkeit ist es immer noch in der Kirche, wo die Märtyrer gefunden werden; Es ist immer noch in der Kirche, dass Männer eines bewundernswerten Charakters gefunden werden, die alles vorziehen, als dem Gegner nachzugeben und ihr eigenes Leben aussetzen, die alles aussetzen, was sie haben, um der wahren Tradition und kirchlichen Kontinuität treu bleiben.

Das heißt, selbst wenn Fäulnis in das katholische Milieu eindringt, selbst da bringt die Heiligkeit der Kirche wahrlich außergewöhnliche Früchte hervor, aber so wunderbare wie außerhalb der Kirche nicht gefunden werden. Und da sehen wir, dass die Kirche, zur gleichen Zeit da sie verraten wird, sie verleugnet wird, ein denkwürdiges Aufleuchten hervorbringt, die ihre Göttlichkeit beweisen, und wir sehen da eine Art kontinuierliche Bestätigung des Beistands des Heiligen Geistes der Kirche. Dies scheint mir, dass es die angebrachteste Reflexion ist, die wir über das Martyrium des heiligen John Fischers machen können.

* * *

Themewechsel

Ich möchte Ihnen sagen, dass es mich sehr erfreut hat, wie meine Anfrage zur Anwesenheit einer ununterbrochenen Rotation von Gebeten für eine Gnade, die wir heute bekommen wollten. Es hat mich gefreut, weil wir immer mehr als alles andere beten sollten und die innere Überzeugung dieser Wahrheit äußerte sich gut in dem was heute passiert ist. Wir müssen unserer Lieben Frau danken, die Großzügigkeit gehabt zu haben, in dieser Form der Einladung zu entsprechen. Es ist wahr, dass es scheint, dass wir die Gnade nicht bekommen haben, den wir wollten.

Aber in erster Linie ist es wahr, dass wir sagen müssen, dass wir aufgrund dieser Gebete es immer noch bekommen können. Und dann werden unsere Gebete, auch wenn sie nicht erhört wurden, auf andere Weise erhört. Denn unsere Gebete hören nie auf, erhört zu werden. Wenn wir hier nicht erhört wurden, bekommen einen anderen Gefallen, der aus den gleichen Gebeten entsteht und manchmal eine größere und kostbarere Gnade ist, als die, um die wir baten. Vergebliche Gebete, gibt es nie. Und es gewiss unbestreitbar, dass wir unsere Zeit mit Gebeten gestern und heute nicht vergeudet haben.

Dieses Vertrauen muss uns am Ende dieser Gebetsvigil ermuntern. Lass uns nun beenden.

 

 

Aus dem portugiesischen von „São João, Fischer Cardeal e Martir“, Vortrag am 25. August 1965.

Die deutsche Fassung dieses Vortages „Hl. John Fisher, Kardinal und Märtyrer“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

 

Dienstag, 1. Juli 2025

Der heilige Ludwig war nicht stolz darauf, König zu sein

 

Plinio Corrêa de Oliveira

Santo do Dia – 25.8.1965

Heute ist das Fest des heiligen Ludwig, König von Frankreich, eines vorbildlichen katholischen Staatsmannes, der an zwei Kreuzzügen teilnahm. Seine Reliquie wird in unserer Kapelle verehrt.

D. Guéranger, der berühmte Abt von Solesmes, hat einen hervorragenden Kommentar über ihn verfasst. Aus der Feder dieses großen katholischen Schriftstellers, eines der bedeutendsten Geistlichen seiner Zeit, finden wir eine Reihe von Überlegungen, die ganz im Sinne unserer Zeitschrift „Catolicismo“ stehen. Zur Bestätigung unserer Einschätzungen über den heiligen Ludwig – nicht nur, um zu wissen, ob er so ist oder war, sondern auch, um zu bedenken, dass man einen Heiligen unter den Gesichtspunkten des „Catolicismo“ betrachten kann – finden wir hier diesen Kommentar von D. Guéranger.

D. Guéranger befasst sich mit einem ersten Problem: Ein Heiliger muss demütig sein. Wie kann ein König, der an der Spitze einer politischen Macht, an der Spitze der sozialen Hierarchie steht, demütig sein? Besteht nicht ein Widerspruch zwischen dem einen und dem anderen? Sollte ein demütiger Mann nicht die Allüren eines kubanischen Präsidenten annehmen? Wie lassen sich diese beiden Bedingungen vereinbaren? Die eines Heiligen und die eines demütigen Menschen? Dann sagt er Folgendes:

„Die Demut heiliger Könige erklärt nicht die Größe ihrer Rolle im Namen Gottes. Ihre Selbstverleugnung kann nicht im Verzicht auf Rechte bestehen, die zugleich Pflichten sind. Und Nächstenliebe unterdrückt nicht die Gerechtigkeit, und die Liebe zum Frieden schadet nicht den Tugenden des Krieges.“

Wie Sie sehen, ist dies eine Offensive, die Dom Guéranger gegen eine fehlerhafte Vision eines heiligen Königs führt. Dieser Vision zufolge wäre der König von unwürdiger Demut. Er wäre von einer Barmherzigkeit, die ihn daran hindern würde, Gerechtigkeit zu üben, und er wäre ein friedlicher Mensch, der ihn unfähig zum Krieg machen würde. Dom Guéranger sagt dann, dass ein heiliger König das Gegenteil sei. Der König ist demütig, aber von großer Größe. Er ist wohltätig, aber von großer Gerechtigkeit. Andererseits liebt er den Frieden, besitzt aber auch authentische Kriegertugenden. Das ist das Gegenteil dessen, was eine falsche Lehre lehren würde. Dann erklärt er seine Aussage:

„Ludwig der Heilige und sein Heer versäumten es nie, den Höhepunkt ihrer Taufe mit den siegreichen Ungläubigen zu behaupten.“

Das ist ein schöner Ausdruck, den Höhepunkt seiner Taufe zu behaupten. Man muss Franzose sein, um so etwas sagen zu können, nicht wahr? Tatsächlich ist der Ausdruck noch schöner, er lautet: Er versäumte es nie, den Höhepunkt seiner Taufe bei den siegreichen Ungläubigen zu behaupten. Genau das ist der Ausdruck: Mit anderen Worten: Die Ungläubigen besiegten ihn, er wurde ihr Gefangener, aber er begegnete ihnen stets mit der Würde von jemanden, der weiß, das er getauft ist.

Sie sehen den ungeheuer antiökumenischen Ausdruck, nicht wahr? „Vom Höhepunkt seiner eigenen Taufe“ – ein wunderschöner Ausdruck.

„Tatsächlich erkannte der Westen schon sehr früh und zunehmend das Ausmaß der Heiligkeit dieses Königs, der seine Nächte im Gebet zu Gott verbrachte.“

Weil er viele Stunden der Nacht im Gebet verbrachte,

„… die Tage dieses Königs verliefen im Dienst an den Armen; dennoch gab er die Vorrechte der Krone, die er von seinen Eltern erhalten hatte, in keiner Weise auf.“

Das heißt: Wer Mitleid mit den Armen hat, versteht zu beten, ist aber ein kämpferischer Mann, der seine Vorrechte verteidigt.

„Es gibt nur einen König von Frankreich“, sagte einmal über ihn und tadelte damit das Urteil seines Bruders Karl von Anjou. Die Barone von Schloss Beléme und die Engländer in Taimburg lernten dies schon sehr früh.“

Es war die Episode seiner Energie, die berühmt wurde. Friedrich II., der die Kirche zu zerschlagen drohte, war Kaiser des Heiligen Reiches, aber ein schlechter Kaiser, er war ein Ketzer und suchte Komplizen in Frankreich und erhielt folgende Antwort: „Das Königreich Frankreich ist keineswegs so geschwächt, dass es sich an die Sporen eines Kaisers des Heiligen Reiches berufen lassen würde.“ Von einem Kaiser, der selbst ein Kaiser-Ketzer war. Sie sehen also eine sehr stolze Antwort, die eines Heiligen sehr würdig ist. Das ist interessant, denn wir müssen uns stets gegen die Tendenz wehren, Heilige mit einer schwächlichen Frömmigkeit zu betrachten.

 

 

Aus dem portugiesischen von „São Luiz não era orgulhoso de ser Rei“, Vortrag am 25. August 1965.

Die deutsche Fassung dieses Vortages „Der heilige Ludwig war nicht stolz darauf, König zu sein“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

 

Streit unter den Jüngern


 

Plinio Correa De Oliveira
Santo do Dia: 1. April 1969

„Da entstand unter den Jüngern ein Streit, wer von ihnen als der Größte gelte. Jesus aber sagte zu ihnen: Die Könige der Heidenvölker spielen den Herren über sie, und die Gewalthaber lassen Gnädige Herren nennen. Ihr seid nicht so; sondern der Größte unter euch werde wie der Kleinste und der Gebietende wie der Dienende. Denn wer ist größer, der zu Tisch liegt oder der Dienende? Nicht wahr, der zu Tisch liegt? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende.

Ihr seid es, die mit mir ausgehalten haben in meinen Prüfungen, und so übertrage ich euch, wie es mir mein Vater übertrug, das Reich: Ihr sollt essen und trinken an meinem Tisch in meinem Reich und auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme von Israel richten.“

Diese Diskussion zwischen den Aposteln fand während des Abendmahls statt. Es ist merkwürdig, dass zuerst die Fußwaschung war, die Beichte eingeführt, dann die Eucharistie und alles andere durchgeführt wurde. In diesem Moment entbrannte unter ihnen ein Streit, wer als der Größte gelte.

Wir würden das als Anmaßung bezeichnen und ich habe den Eindruck, dass das völlig richtig wäre. In der erhabensten Stunde, im heiligsten Augenblick, als sie sich auf die größten Opfer vorbereiten mussten, machten sie sich Gedanken darüber, wer der Größte sei.  Es etwas völlig Extrapoliertes, außerhalb der Grenzen, in denen es sein sollte … Unser Herr erteilt auch eine Lektion. Doch während er eine Lektion erteilt, führt er nachdrücklich eine Reihe von Dingen an, die meiner Meinung nach einen Kommentar wert wären. Eines der Dinge ist Folgendes.

Er sagt Folgendes: Wer ist größer, der zu Tisch liegt oder der Dienende? Nicht wahr, der zu Tisch liegt? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende.

Wir sehen hier eine sehr interessante Aussage über die Ungleichheit der sozialen Klassen und die Legitimität der Ungleichheit der sozialen Klassen, die von Ihm erwähnt wird – der blasphemisch als der göttliche Sozialist dargestellt wird, als derjenige, der kommt, um eine Sirup ähnliche, gesüßte Gleichheit unter allen Menschen herzustellen - Er nimmt die Sache hier, er nimmt sie aus der Natur der Dinge und, was ist mehr, bedient werden oder dienen. Er sagt: bedient werden ist mehr als anderen zu dienen: Der Diener ist weniger als der, dem er dient. Das heißt, es besteht eine Ungleichheit, die aus der Natur der Dinge entsteht: Einige dienen anderen, und diejenigen, die dienen, sind weniger als diejenigen, denen gedient wird. Und diese Ungleichheit ist eine legitime Tatsache, Er nimmt sie als Ausgangspunkt, um später Seine Position zum Ausdruck zu bringen. Und wie drückt er seine Position aus? Er drückt sie so aus: Als derjenige, der gekommen ist, um zu dienen. Er sagt, dass unter den Aposteln ist, wie der, der gekommen ist, um zu dienen.

Und hier liegt die große Lektion in Sachen Anspruchslosigkeit. Das ist, als würde man sagen: Ihr erwartet, die Ersten zu sein. Wenn ich mich als Diener aufstelle, wie könnt ihr dann im Verhältnis zu anderen an die erste Stelle treten wollen? Das ist etwas absolut Umwerfendes. Es ist das Gegenteil Seines Geistes, – es widerspricht Seiner gesamten Lebenslehre, es widerspricht der Lehre, die Er zu lehren kam – die Sorge sich wichtig zu tun, sich durchzusetzen, sich über andere zu erheben, mehr zu sein als andere. Denn im Gegenteil, sagt Er, müssen diejenigen, die zu befehlen bestimmt sind, sein, wie diejenigen, die dienen.

Was bedeutet das nun? In Seinem Fall ist die Bedeutung klar: Er kam, um die Menschen zu erlösen, er kam, um die Menschen zu retten, er war dort als Hirte, der seinen Schafen dient, der diese Schafe rettet. Er war also zu ihrem Besten da; Er ist die Obrigkeit, die zum Wohl derjenigen eingesetzt wurde, über die sie herrschen soll. Und dann kommt die Idee auf, dass Autorität innerhalb einer von Gott geschaffenen Ordnung ein Ziel hat und dass Autorität diesem Ziel dienen muss. Und deshalb soll sich die Autorität mit Glanz, Erhabenheit und Pomp umgeben.

Wir haben beim letzten Mal die Episode gehört, in der er die Frau lobte, die ihm das kostbare Nardenöl über sein Haupt Kopf goß. Obwohl man sich mit Pomp umgeben sollte, besteht der Zweck nicht darin, mit etwas anzugeben, sich zur Schau zu stellen, einen Vorwand zu geben, besser als andere zu sein, oder sich persönlich zu rühmen. Derjenige, der befiehlt, ist zum Wohle derer da, über die er befehligt. Und deshalb müssen diejenigen, die gehorchen, diesen Sinn der Autorität verstehen und das Prinzip der Autorität als ein äußerst nützliches Prinzip lieben.

Dann sagt Er: Die Könige der Heidenvölker spielen den Herren über sie, und die Gewalthaber lassen Gnädige Herren nennen. Ihr seid nicht so; sondern der Größte unter euch werde wie der Kleinste und der Gebietende wie der Dienende.

Der Größenwahn der Könige in der Zeit vor Christus war unglaublich. Die assyrischen Könige ließen zum Beispiel ihre Gesichtszüge und Schriften in Felsensteine meißeln. Und damit sie nicht verblassten, trugen sie eine Art Porzellan auf und glasierten die Oberseite, sodass sie die Hoffnung hatten, dass sie noch Jahrhunderte lang gelesen werden könnten; und vielerorts ist dies immer noch der Fall. Sie erzählen Dinge, die offensichtlich falsch sind; Sie hatten auf die Steine ​​geschrieben, dass sie solche Dinge getan hätten. Einer von ihnen – dessen Inschrift ich gelesen habe – sagte, er habe bei einer Jagd einen Löwen gezähmt, indem er ihn an den Ohren packte; entweder war es ein alter Löwe, der vorab betrunken wurde, oder es war einfach ein namenloser Größenwahn. Die damaligen römischen Kaiser: Größenwahnsinnige Dinge ohne Zahl. Die Verehrung, die sie für sich selbst forderten, die Art und Weise, wie sie andere beherrschten – unterdrückten, alles mit Gewalt vorantrieben – war etwas Unberechenbares.

Ich hatte mehrfach Gelegenheit auf den Respekt hinzuweisen, der den Pharaonen entgegengebracht wurde. Ich habe hier einen Brief des Konsularagenten eines Pharaos in Assyrien, in dem er an den Pharao schrieb und sagte: „Ich, der ich nicht würdig bin, Ihre Füße zu küssen, nicht würdig, die Hufe Ihrer Pferde zu küssen, ich küsse den Staub, wo die Hufe Ihrer Pferde gestanden haben.“ Dies ist das Klima des Größenwahns, das die Herrscher dieser Zeit geschaffen haben.

Unser Herr zeigt, dass jeder, der katholisch ist und kommt, um zu dienen, etwas Anderes schaffen muss – obwohl die Autorität sehr groß und sehr offensichtlich ist, muss er als Person, als Individuum hinter seiner eigenen Autorität verschwinden. Er muss sich selbst in den Schatten stellen. Das Prinzip ist viel wert, die Position ist viel wert, die Mission ist viel wert, die Macht ist viel wert, das Individuum ist sehr wenig wert.

Ich hatte die Gelegenheit, Ihnen Folgendes zu erzählen: Nach Jahrhunderten christlicher Tradition habe ich in einer Zeitschrift für Geschichte eine Tatsache über Georg V., - den Großvater der heutigen Königin Elisabeth, und seine Frau, Königin Mary, - gelesen. Jeden Abend, wenn sie keinen Besuch im Schloss hatten, hörten sie Musik vom Plattenspieler, während ein Sekretär die Schallplatten auflegte – denn eine moderne Langspielanlage, den modernen Plattenspieler, gab es noch nicht. Wenn es Punkt zehn Uhr war, erhoben sich der König und die Königin, und der Sekretär legte das „God save the King“ auf. Der König salutierte zum Gruß, während die Hymne für den König gespielt wurde. Die Königin nahm eine Gebetshaltung ein. Als sie fertig waren, gingen sie schlafen. Und Rudard Kypling bemerkte, dass dies wahre Demut sei: der Inhaber der Autorität, der verstand, dass er als Person sehr wenig sei; dass die Position, die Würde, die er innehatte, großartig war, seine Person jedoch nichts war. Und deshalb nahm er gegenüber seiner eigenen Position eine Haltung des Respekts ein. Da war der König, der das Königtum salutierte; und die Königin betete wie jeder andere Gläubige für diejenige, die die Königin von England war. Sie sehen die Verfinsterung der Person und die Erhöhung des Amtes.

Auch in der Zeit der christlichen Monarchie, als die Könige Frankreichs gekrönt wurden und anschließend die Kathedrale von Reims verließen, glaubten die Menschen – und es scheint, dass dieser Glaube nicht ganz unbegründet war –, dass sie die Macht hätten, Skrofulose zu heilen. Sie berührten also Reihen von Menschen mit widerlicher Skrofulose – einer sehr seltsamen Hautkrankheit –, die am Ausgang der Kathedrale auf sie warteten. Sie berührten jeden Kranken mit der Hand und sagten: „Le roi te touche, Dieu te guerisse“: Der König berührt dich, Gott heile dich. Und die Christen der damaligen Zeit sagten, dass viele Menschen geheilt wurden. Das heißt, nach diesem maximalen Glanz des Königtums, denn die Krönung eines Königs von Frankreich war eine fabelhafte Zeremonie, bei der der König und nicht der Mensch auftrat; der Mensch ließ sich herab, die schwersten Kranken seines Königreichs mit seinen königlichen Händen zu berühren, um sie zu heilen, und nutzte dabei ein Charisma, von dem er wusste, dass es nicht von ihm kam. Er sagte: „Der König berührt dich, Gott heile dich.“ Als ob er sagen wollte: Der König weiß, dass der König nichts heilt, dass es Gott ist, der heilt. Der König ist lediglich ein Instrument zur Ausübung des Handelns Gottes.

Das Beispiel unseres Herrn wurde in den Zeiten nachgeahmt, als die Kirche mit dem Staat vereint war; in allen europäischen Monarchien wurde dies nachgeahmt. Noch vor dem Krieg von 1924 bis 1918, als fast ganz Europa monarchisch regiert wurde, wuschen die Könige am Tag der Fußwaschung den Armen die Füße. Franz Joseph, Kaiser von Österreich, wusch beispielsweise den Armen im Wiener Dom die Füße. Was hatte das für eine Bedeutung? Er als Person verstand, dass er allen Demütigungen ausgesetzt sein sollte; zum einen ist es die Würde des Kaisers und zum anderen die Taten des Einzelnen. Und dass die Person als Mensch verschwinden muss, egal wie hervorragend die Position auch sein mag.

Auch selbst die Päpste waschen die Füße von Armen am Gründonnerstag. Was hat das für eine Bedeutung? Einerseits ahmt der Papst unseren Herrn Jesus Christus nach; die päpstliche Würde muss ebenso wie die königliche Würde die Armen berühren; aber andererseits ist es eine Demütigung des Menschen; diese Demütigung des Menschen, die das Verschwinden der Person anzeigt, einer Person im Glanz von Amt und Funktion. Hier haben wir durch die Anwendung der christlichen Tradition die Anwendung der Lehren unseres Herrn. Die Päpste werden beispielsweise „Diener der Diener Gottes“ genannt. Es erinnert genau an das, was Unser Herr hier gesagt hat.

Um Anspruchslosigkeit zu praktizieren, müssen wir verstehen, dass alle irdische Größe existieren muss, denn Gott wollte, dass es sowohl in der spirituellen als auch in der zeitlichen Ordnung Großes gibt. Jede irdische Größe muss sich mit der Pracht umgeben, die ihr eigen ist, doch der Mensch, der an diesen Platz der Größe gestellt wird, muss wissen, wie er sich selbst auslöschen kann. Es bedeutet aber auch, dass diejenigen, die weit von der Größe entfernt sind, die nicht über den Platz, die Position verfügen, sie nicht beneiden sollten. Denn: Was nützt eine Position jemandem, der nicht damit prahlen kann? Was nützt eine Position jemandem, der sie nicht als Titel für Eitelkeit verwenden kann? Keine Position, keine persönliche Situation, in der der Einzelne nicht der Eitelkeit zustimmen kann, ist unnützlich.

Ich erinnere mich, in der Biografie des Heiligen Vinzenz Ferrer eine sehr merkwürdige Tatsache gelesen zu haben: Der Heilige Vinzenz Ferrer war in Barcelona – er war ein großer Missionar – und deshalb bereiteten sie einen apotheotischen Empfang für ihn vor. Als all die Leute da waren und die aus den Fenstern hängenden kostbaren Teppichen; Als er mit den Adligen der Stadt, die ihm den Baldachin trugen, und der Stadtverwaltung in einer Prozession usw. unter dem Baldachin eintrat, fragte ihn jemand (irgendeine misstrauische Seele): „Bruder Vincenz, spüren Sie keine Eitelkeit?“ Und er antwortete diese vielsagende Antwort: „Die Eitelkeit umflattert mich, aber sie kommt nicht herein.“

Sie müssen sich nun Folgendes vor Augen führen: Was nützt es einem Menschen, alle diese Ehren zu erhalten, wenn er der Versuchung widerstehen muss, eitel zu werden? Der Rest ist ein Chaos, es hat keinen Sinn. Denn wenn man stolz sein will, und man hat ein irdisches Vergnügen: Sei stolz. Aber wenn es darum geht, Eitelkeit zu vermeiden, warum dann dieser ganze Aufwand? Er geht langsam wie all die anderen und die Leute applaudieren, und er widerstand der Versuchung, als er ankam: Puh! Die Versuchung ist beendet; Wenigstens bin ich allein in meiner Zelle eingesperrt… Es ist klar.  Das ist die wahre Dynamik der Dinge.

Was ist die Folge daraus? Dass wir sehr vorsichtig sein müssen. Wann immer wir Lust auf eine Kommandoposition, eine prominente Position, eine Position des Einflusses haben, müssen wir vorsichtig sein.  Wir halten daran fest, nur um anzugeben.  Und es zeigt sich, dass wir, wenn wir uns das zeigen lassen, nicht dem Beispiel unseres Herrn folgen, der genau darauf hingewiesen hat, dass unter Katholiken derjenige, der befiehlt, der sein muss, der dient, und der Geringste sein muss.  Er muss ausgelöscht werden, er muss geopfert werden, er muss sich isolieren.

Sie werden sagen: Aber Dr. Plinio, Sie sagen uns das mit einer Betonung, als stünden wir kurz davor, zum Präsidenten der Republik gewählt zu werden. Nun stellt sich heraus, dass wir als Ultramontanen, die wir sind, überhaupt nicht kurz davorstehen, gewählt zu werden; denn die Ultramontanen verfügen zumindest derzeit nicht über eine sehr große Wählerschaft.  Warum also erzählen Sie uns das? Ich sage: Denn es geht jetzt nicht um Positionen, sondern um Situationen. Situationen, in denen wir in einem Kreis, in dem wir leben, einen gewissen Einfluss haben, der Erste in einem Gespräch sein, bei einem Abendessen oder einem Mittagstisch; der Erste sein, der im Kreis den lustigsten Witz erzählt; wer als Erster die neuesten Neuigkeiten zu erzählen hat, wer den aktuellsten Kommentar abgibt, wer die internen Neuigkeiten der Gruppe kennt, wer es dem armen Idioten erzählt, der es noch nicht weiß. Behalten Sie die wichtigsten Dinge im Blick. Als Erster die kühnsten Dinge in Fragen der Lehre sagen.

All dies sind Dinge, die Vorrang bedeuten und Anhänglichkeit hervorrufen.  Und genau diese Dinge müssen wir selbst zeigen, indem wir uns an das Beispiel und die Lehren unseres Herrn erinnern. Je größer der Überheblichkeit, desto unfruchtbarer das Apostolat, denn wer mit unserem Herrn vereint ist, hat ein fruchtbares Apostolat. Wer nicht mit unserem Herrn vereint ist, ist wie die Rebe, die vom Weinstock getrennt ist.  Wie können wir mit ihm vereint sein, wenn wir Ansprüche haben? Ich möchte damit nicht sagen, dass wir alle voller Anmaßung sind. Ich meine aber, dass jeder Mensch in seinen besten Momenten wie der heilige Vinzenz Ferrer ist: Er ist immer von Anmaßung umgeben. Das ist offensichtlich. Seien Sie also vorsichtig!  Auch wenn wir auf bescheidenere Demonstrationen stoßen als die, die der heilige Vinzenz Ferrer erhalten hat, müssen wir mit allen Mitteln und unter Einsatz aller Kräfte gegen diese Behauptung ankämpfen.

Dies wäre die Konsequenz dieser Worte.

 

 

 

Aus dem portugiesischen von „Discussão entre os Apóstolos“, Vortrag am 1. April 1969.

Die deutsche Fassung dieses Artikels „Streit unter den Jüngern“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Der Heilige Johannes, der Täufer

 

Plinio Correa de Oliveira
Santo do Dia – 24.6.64

Heute ist das Fest der Geburt des Heiligen Johannes des Täufers.

Es wäre interessant, in seinem Leben nach Merkmalen zu suchen, die ihn als perfekten Apostel der Endzeit des Heiligen Ludwig Grignion von Montfort auszeichnen. Nicht weil es die Endzeit war, sondern weil es die Endzeit einer bestimmten Ära war.

Der Heilige Johannes der Täufer war der von Gott gesandte Mensch, um die Wege des Herrn zu ebnen, das Kommen Jesu Christi vorzubereiten und in der Endzeit zu wirken, die dem Kommen des Messias vorausging. Auch die Apostel der Endzeit müssen das Kommen des Herrn vorbereiten; sie müssen auch kämpfen, um das Kommen des Messias vorzubereiten. Es besteht eine Parallele zwischen dem Heiligen Johannes dem Täufer und ihnen, so wie es eine Parallele zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen des Messias gibt.

Dieser Parallelismus wird im Evangelium deutlich, wenn unser Herr von den zwei Fällen Jerusalems spricht: Zuerst spricht er vom Untergang des Tempels von Jerusalem, als dem Untergang des materiellen Tempels von Jerusalem, dann aber bezeichnet er den Untergang des Tempels als das Ende der Welt, dessen Vorzeichen der Tempel von Jerusalem ist. Es gibt zwei Fälle Jerusalems, zwei Kommen Jesu Christi, zwei Gesandte, die kommen, um den Weg für Jesus Christus zu bereiten. Das erste Mal war es Johannes der Täufer, das zweite Mal wird es der Prophet Elias sein, der nahe Vorläufer Jesu Christi. So wie Elias der Prototyp des Apostels der Endzeit ist, der herausragendste, der glorreichste von allen, er ist ihr Paradigma, so ist auch Johannes der Täufer dasselbe. Der Prototyp des Apostels der Endzeit.

Wenn wir das Flammengebet des heiligen Ludwig Grignion betrachten, in dem er die Apostel der Endzeit beschreibt, verstehen wir die Psychologie des heiligen Johannes des Täufers besser. Wenn er von jemandem spricht, der hinausgeht und sagt: „Seid vorsichtig, sie brennen das Haus meines Bruders nieder, sie bringen meinen Vater um, Feuer, Feuer überall, usw., usw.“, ist dies eine sehr realistische Sicht auf die Situation ihrer Zeit, die die Lauen als pessimistisch bezeichnen würden, der Apostel der Endzeit.

Dasselbe finden wir bei Johannes dem Täufer. Ein Prophet, der auftritt und die moralische Situation seiner Zeit mit all dem Schlechten schildert. Er scheut sich nicht, den Pharisäern und Schriftgelehrten die Wahrheit zu sagen; er scheut sich nicht, das jüdische Volk für die Erniedrigung zu tadeln, in die es gefallen ist; er scheut sich nicht, Herodes selbst das Böse zu sagen, dass er getan hat, und stirbt deshalb als sein Opfer. Er ist ein Mann, der seine Pflicht erfüllt – ganz anders als die Mittelmäßigen –, die Wahrheit vollständig, lückenlos und mit aller Furchtlosigkeit zu sagen, und der in diesem Dienst stirbt.

Auf der anderen Seite steht der polemische Charakter seiner Mission. Aus der Beschreibung des Flammengebets geht hervor, dass die Apostel der Endzeit kämpferische, umstrittene Männer sein werden. Und der heilige Johannes der Täufer war sein Leben lang ein umstrittener und kämpferischer Mann. Sein Leben war nichts anderes als eine lange Kontroverse, um unserem Herrn den Weg zu bereiten. Ich hatte Gelegenheit, diese Passage aus dem Evangelium zu lesen, in der er die Botschaft des heiligen Johannes des Täufers an die Menschen kommentiert und zeigt, dass Johannes der Täufer, als er sagte: Tut Buße! Das griechische Wort dafür war Metanoia, also Mentalitätsänderung: Ändert eure Mentalität, sonst werdet ihr nicht gerettet.

Was er wollte, war eine Veränderung des Geistes. Und genau das will der Apostel der Endzeit. Diese tiefgreifende Metanoia, diese tiefgreifende Transformation, bei der es nicht nur darum geht, für diese oder jene Kleinigkeit Buße zu tun oder diese oder jene Kleinigkeit zu verbessern, sondern darum, den Kern der Mentalität zu erfassen und ihn von Grund auf zu verändern, und genau darum bat der heilige Johannes der Täufer. Und das ist es, was die Apostel der Endzeit von den Menschen verlangen werden, und deshalb werden sie abgelehnt und verfolgt, aber ihre Qualen werden verkürzt. Daneben sehen wir Demut. Der heilige Johannes der Täufer erkannte die Fehler der Menschen so, wie sie wirklich waren. Er hatte eine umfassende Vorstellung von der Schwere der Erbsünde. Nichts von diesem faden Optimismus in Bezug auf die menschliche Natur, der den [unverständlich] und den Schwächen der Mittemäßigen innewohnt, war vorhanden. Er nannte die Dinge beim Namen, weil er sah, was sie waren. Und wir glauben, wir sehen den heiligen Johannes den Täufer, wenn wir den heiligen Louis Grignion de Montfort sagen hören, die Menschen seien eitler als Frösche, wilder als Tiger, falscher als Schlangen usw. und er beschreibt vollständig, was der Mensch durch die Erbsünde ist. Wir glauben, wir hören den heiligen Johannes den Täufer.

Sie werde vielleicht fragen: Wo ist der marianische Ton bei Johannes dem Täufer? Wo ist die Gegenwart der Muttergottes in seinen Predigten?

Die Muttergottes sollte sich der Kirche erst später offenbaren. Sie begann sich bereits zu Lebzeiten unseres Herrn zu offenbaren, doch frommen Autoren zufolge wurde ihr Wirken in der Kirche intensiver und spürbarer, als unser Herr in den Himmel auffuhr, und dann blieb sie, um den Aposteln beizustehen Geschicke der Kirche zu lenken.

Es war nicht Johannes dem Täufer vorbehalten, die Muttergottes in seinen Predigten direkt zu offenbaren. Doch etwas sehr Wichtiges von der Muttergottes war in ihr: Als die Muttergottes die heilige Elisabeth besuchte, hatte er das Glück, die Stimme der Muttergottes zu hören, bei dieser Gelegenheit von der Erbsünde gereinigt zu werden. Als die Heilige Elisabeth sie begrüßt, sagte sie: „Mein Sohn bewegte sich in meinem Leib vor Freude.“

Er ist eine so glühende Marienseele, dass er mit den Worten der Muttergottes noch im Mutterleib einen Akt tiefer Verehrung für die Muttergottes vollbrachte. Und Ihre Stimme, als Vorläufer der Stimme des Lammes Gottes, das er verkünden sollte, ließ ihn vor Freude erzittern. Daher ist es der Apostel, der treue Jünger, ein vollkommener Verehrer Unserer Lieben Frau, der die Stimme Unserer Lieben Frau hört, darin das erste Echo der Stimme Unseres Herrn erkennt und vor Freude bei Ihrer Stimme erzittert.

Sie verstehen, dass die Freude, die er empfand, ihn sein ganzes Leben lang
begleitet haben muss; dieser geistliche Trost, den er durch das Hören der Stimme Unserer Lieben Frau erfahren hat. Und da er mit Unserer Lieben Frau verwandt war, ist es wahrscheinlich, dass er als Junge Kontakt zu Unserer Lieben Frau hatte, Sie kannte und dass er jedes Mal, wenn er Ihre Stimme hörte, vor Freude erzitterte, was die Fortsetzung der Freude war, die er empfand, wenn er Ihre Stimme hörte.

Wir müssen daher den heiligen Johannes den Täufer verehren, das Vorbild all unserer Ideale: das Vorbild des wahren und vollkommenen Verehrers Unserer Lieben Frau, des wahren und vollkommenen Verehrers Unseres Herrn. Demütig gegenüber unserem Herrn, wie es sich gehört, so sehr, dass er sagte, er sei nicht würdig, die Sandalen unseres Herrn zu lösen.

Und dieser großartige Ausdruck in seiner Beziehung zu unserem Herrn, ein reiner Ausdruck, das Gegenteil von Größenwahn: „Es liegt an ihm, zu wachsen, und an mir, Johannes dem Täufer, abzunehmen“. Denn er wurde nur geschaffen, um den kommenden Messias zu verkünden. Und als das Lamm Gottes gekommen war und der Messias den Menschen predigte, erfüllte sich seine Prophezeiung, und er ging ins Martyrium, während unser Herr auferstehen und seine Mission in der Geschichte erfüllen würde. Seht die bewundernswerte Demut all dessen, die Unauffälligkeit, das Nicht-Erscheinen-Wollen, das Nicht-Dasein-Wollen in den Stunden des Triumphs. Er geht den ganzen Weg bis zum Martyrium, doch sein Name steigt in gewaltiger Herrlichkeit zum Himmel auf, und seine Seele wird dann von der gesamten Christenheit bis ans Ende der Zeiten verehrt.

Bitten wir den heiligen Johannes den Täufer, uns all diese Haltungen zu schenken. Mach uns zu vollkommenen Verehrern Unserer Lieben Frau. Vor allem aber: Mögen wir ein inneres Ohr in unserer Seele haben, durch das wir, wenn wir die Stimme Unserer Lieben Frau hören, vor Freude erzittern. Möge eine Bitte Unserer Lieben Frau uns nie widerwillig, traurig, verärgert und mit dem Wunsch, ihr nicht zu antworten, treffen. Vielmehr möge jedes Wort, das Sie durch Gnade in unserer Seele zu uns spricht, ein Wort sein, das uns vor Freude erzittern lässt, selbst wenn es ein strenges Wort ist, selbst wenn es ein Wort der Entsagung, des Opfers und des Leidens ist. Mit der Freude, die Unser Herr am Ölberg in seiner Seele bewahrte, damit wir immer „Ja“ zu Unserer Lieben Frau sagen können. Dies ist die wesentliche Gnade, um die wir Johannes den Täufer heute bitten müssen.

 

 

Aus dem portugiesischen von „São João Batista“, Heiliger des Tages 24. Juni 1964

Die deutsche Fassung dieses Vortages „Der Heilige Johannes, der Täufer“ ist erstmals erschienen in www.p-c-o.blogspot.com

© Veröffentlichung dieser deutschen Fassung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.