Plinio Correa de Oliveira
„Folha
de São Paulo“, 20. September 1988
Das Echo der zeitlich sehr
entfernten Worte, des hl. Remigius, als er Chlodwig, den ersten christlichen
König taufte, möchte ich, lieber Leser, auffangen und es Dir zu Ohren bringen: „Verbrenne, was Du angebet und bete an, was
Du verbrannt hast“. Ja, verbrenne den Egoismus, den Zweifel, die
Schlaftrunkenheit und angeregt durch die Liebe Gottes, liebe und diene und
kämpfe für den Glauben, für die Kirche und die christliche Zivilisation. Opfere
Dich auf. Entsage Dir selbst.
Wie? – So wie es in allen
Jahrhunderten diejenigen getan haben, die für Jesus Christus den „guten Kampf“ gekämpft haben (2 Tim 4,7)
Und ausgezeichneter wirst Du es
vollbringen können, wenn Du die vom hl. Ludwig Maria Grignon von Montfort
selbst verfasste und gerechtfertigte Methode anwendest. Es ist die „Sklavenschaft aus Liebe“ zur Heiligsten
Jungfrau.
„Sklavenschaft“ ... Ein grobes und fremdes Wort,
vor allem für moderne Ohren, die allzeit gewohnt sind über Unabhängigkeit und Freiheit
zu hören und mehr und mehr geneigt sind zur großen Anarchie, die, wie ein
Totenkopf mit einer Sichel in der Hand, die Menschen auf der Ausgangsschwelle
des 20. Jahrhunderts mit seinem finsteren Lächeln erwartet.
Es gibt aber eine Sklavenschaft,
die befreit und eine Freiheit, die versklavt.
Früher sagte man von einem
Menschen, der seinen Verpflichtungen nachkam, er sei ein „Sklave seiner Pflichten“ (A.d.Ü.: so die übliche Art in Brasilien.
Im Deutschen entsprechend „pflichttreu“). Doch in der Tat war es ein Mensch,
der sich auf dem Höhepunkt seiner Freiheit befand. Durch einen ganz
persönlichen Akt verstand er, welche ihm zustehende Wege er gehen musste und
fasste mit männlicher Entschlossenheit den Vorsatz sie aufzunehmen. Er
überwältigte die bösen Leidenschaften, die versuchten ihn zu blenden, seinen
Willen zu schwächen um damit seinen frei gewählten Weg zu versperren. Der
Mensch, der diesen hohen Sieg erreicht hatte, schreitete mit sicherem Schritt
dem entsprechenden Ziel entgegen. Er war frei.
„Sklave“ war im Gegensatz jener, der sich
von seinen ungeordneten Leidenschaften mitreißen ließ in eine Richtung, mit der
seine Vernunft nicht einverstanden war und auch sein Wille nicht bevorzugte.
Diese echten Besiegten nannte man „Lastersklaven“.
Weil sie sich dem Laster versklavten, „befreiten“
sie sich vom gesunden Reich der Vernunft.
Diese Begriffe von Freiheit und
Sklaventum behandelte Papst Leo XIII. mit seinem eigenartigen meisterhaften
Glanz in der Enzyklika „Libertas
praestantissimum“.
Heute hat sich alles umgekehrt. Als
Muster eines „freien“ Menschen haben wir den Hippie, der mit einer Bombe in der
Hand nach seinem Gutdünken den Terror verbreitet. Doch umgekehrt, wird als
zaghaft, unfrei derjenige gehalten, der im Gehorsam nach den Geboten Gottes und
der Menschen lebt.
Nach heutiger Perspektive ist
derjenige „frei“, dem das Gesetz
erlaubt die Drogen zu kaufen, die er will, sie gebraucht wie es ihm gefällt und
um letztlich... sich ihnen zu versklaven. Tyrannisch und versklavend aber wird
das Gesetz angesehen, das dem Bürger untersagt sich den Drogen zu versklaven.
Versklavung ist auch aus dieser
schielenden Perspektive der Umkehrung der Werte, das in vollem Bewusstsein und
in voller Freiheit geleistete religiöse Ordensgelübde, nach dem sich der Mönch
in den Dienst der höchsten christlichen Idealen stellt, unter Ausschluss
jeglicher Rückkehr. Um diese freie Entscheidung gegen die Tyrannei seiner
eigenen Schwäche zu schützen, unterwirft sich der Mönch in diesem Akt der
Autorität seiner wachenden Oberen. Wer sich so bindet, um sich frei zu halten
von seinen schlechten Begierden, setzt sich heute aus, als ein niederträchtiger
Sklave bezeichnet zu werden. So als ob der Obere ihm eine Last auflegen würde,
die seinen Willen einschränken soll. Im Gegenteil, der Obere dient als Handlauf
den höheren Seelen, die frei und unerschrocken anstreben bis zur letzten Stufe
die Treppe der höchsten Ideale aufzusteigen, ohne der gefährlichen Höhenangst
nachzugeben.
Kurz, für einige ist frei, wer mit
benebelter Vernunft und gebrochenem Willen, angetrieben vom Wahnsinn der Sinne,
die Fähigkeit hat, auf dem Toboggan der schlechten Sitten wollüstig
herunterzugleiten. „Sklave“ ist aber der, der seiner eigenen Vernunft dient,
mit der Kraft des Willens die eigenen Begierden besiegt, den göttlichen und
menschlichen Gesetzen gehorcht und die Regeln der Ordnung anwendet.
Vor allem ist unter dieser
Perspektive ein „Sklave“, derjenige,
der sich, um seine Freiheit voll zu garantieren, entscheidet, frei sich
Autoritäten zu unterwerfen, die ihn dorthin führen, wohin er ankommen will. So
weit führt uns die gegenwärtige von Freudismus durchtränkte Meinung!
Mit einer ganz anderen Perspektive
entwarf der hl. Ludwig Grignion von Montfort die „Sklavenschaft aus Liebe“ zur Mutter Gottes. Sie eignet sich für
jedes Alter und jeden Lebensstand: Laien, Priester, Ordensleute usw.
Was macht das Wort „Liebe“, das so überraschenderweise an
das Wort „Sklaventum“ geknüpft wird,
da ja dieses den Gedanken einer brutalen Herrschaft eines Starken über einen Schwachen,
des Egoisten über den Armen, den er ausbeutet, hervorruft? „Liebe“ ist, in der Philosophie, der Akt durch welchen der Wille in
Freiheit etwas haben will. So werden im gewöhnlichen Sprachgebrauch „wollen“ und „lieben“ im gleichen Sinn benutzt. „Sklaventum aus Liebe“ ist der edelste Höhepunkt des Aktes, durch
den jemand sich aus freien Stücken einem Ideal oder einer Sache widmet. Oder
auch sich an einen anderen bindet.
Die heilige Zuneigung und die
Pflichten des Ehebundes besitzen etwas, was bindet, verbindet und adelt. Im
Spanischen nennt man Handschellen „esposas“
(A.d.Ü.: Was auf Portugiesisch „Ehegattin“ bedeutet). Der Vergleich bringt uns
zum Lächeln. Den Befürwortern der Ehescheidung mag er schaudern lassen, denn er
gibt einen Hinweis auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Im Portugiesischen
sprechen wir vom „Band“ oder eher
wörtlich von den „Ketten“ der Ehe.
Viel bindender als der Stand der
Ehe ist jedoch der des Priesters, und in einem gewissen Sinn noch mehr ist es
der Stand der Ordensperson. Je höher der frei gewählte Stand, desto stärker ist
das Band und echter die Freiheit.
So empfiehlt der hl. Ludwig
Grignion, der Gläubige solle sich freiwillig als „Sklave der Liebe“ der Heiligen Jungfrau weihen, indem er ihr in
der Eigenschaft eines Sklaven seinen Leib und seine Seele, seine inneren und
äußeren Güter und selbst den Wert aller seiner vergangenen, gegenwärtigen und
zukünftigen guten Handlungen weiht, und Ihr alles Recht und volle Gewalt
überlässt über sich und all sein Eigentum ohne Ausnahme nach Ihrem
Wohlgefallen, zur größeren Ehre Gottes in der Zeit und in der Ewigkeit (vgl. „Weihegebet zur vollkommenen Hingabe an
Jesus durch Maria“). Maria, als erhabene Mutter, erwirkt im Tausch für ihre
„Liebessklaven“ die Gnaden Gottes,
die ihren Verstand erhöht zum klaren Verständnis der höchsten Glaubenssätze,
die ihren Willen engelhafte Kraft verleiht um sich frei von jeglichem Ballast
in die Höhen dieser Ideale aufzuschwingen und alle inneren und äußeren Hindernisse
besiegen, die sich ihnen entgegenstellen.
Doch könnte jemand fragen, wie kann
ein Mönch diese durchscheinende und engelhafte Freiheit üben, da er ja durch
sein Gelübde der Autorität eines Oberen unterworfen ist?
Nichts einfacher als dies. Mönch
ist man durch einen Ruf Gottes („Berufung“). Es ist also Gottes Wille, dass ein
Ordensmann seinen Oberen gehorcht. Der Wille Gottes ist der Wille Mariens. Wann
immer also der Ordensmann sich Maria geweiht hat als ihren „Sklaven aus Liebe“, gehorcht er als Mariensklave seinem Oberen.
Die Stimme des Oberen ist für ihn auf Erden, sozusagen die Stimme der
Muttergottes selbst.
Der hl. Ludwig Grignion ruft alle
Menschen dermaßen vorsichtig auf zu diesen Gipfeln des „Liebssklaventums“, sodass dieses viel Raum lässt für wichtige
Nuancen. Sein „Sklaventum aus Liebe“,
das von so großer Bedeutung ist für Menschen, die sich durch Gelübde an einen
Religionsorden gebunden haben, kann gleichsam von Weltpriestern und Laien
praktiziert werden. Denn im Gegensatz zu den Ordensgelübden, die für eine
gewisse Zeit oder für das ganze Leben verpflichtend sind, kann der „Sklave aus Liebe“ zu jeder Zeit diesen
erhabenen Zustand verlassen, ohne damit eine Sünde zu begehen. Während der
Ungehorsam einer Ordensperson gegenüber der Ordensregel sündhaft ist, begeht
der Laie „Sklave“ keine Sünde, wenn
er der edelmütigen Hingabe widerspricht.
So verbleibt also der Laie in der
Eigenschaft eines „Sklaven“ durch
einen freien Akt, den er implizit oder explizit täglich, oder besser, jeden
Moment wiederholt.
Für alle Gläubigen ist also das „Sklaventum aus Liebe“ diese engelhafte
und höchste Freiheit, mit der Maria sie an der Schwelle zum 21. Jahrhundert
erwartet: lächelnd, anziehend, sie einladend in ihr Reich, gemäß ihrem
Versprechen in Fatima: „Am Ende wird mein
Unbeflecktes Herz triumphieren!“
Komm also, lieber Leser, bekehre
Dich und gehe mit mir, mit allen „Sklaven
aus Liebe“ zu Maria, in Richtung dieses Reiches der höchstgeordneten
Freiheit und der höchstfreien Ordnung, zu dem Dich die Sklavin (ancilla) des
Herrn, die Königin des Himmels einladet.
Umgehe die Schwelle in der der
Teufel wartet, wie ein schaurig lachender Totenkopf, in der Hand die Sichel der
extrem versklavenden Freiheit und der extrem freiheitlichen Versklavung, das
heißt, der Anarchie.
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