Als die Alliierten im Jahr 1918 daran gingen, die Welt neu zu ordnen,
legten sie ihrem Unterfangen humanitäre und philanthropische Konzepte als
ideologische Grundlage zugrunde – Konzepte, die leicht von einem
evolutionistischen Optimismus durchdrungen waren, der das Denken fast aller
Staatsmänner und Rechtsgelehrten jener Zeit beherrschte und in Woodrow Wilson
nicht nur seinen überzeugtesten Verfechter, sondern auch seine
charakteristischste Verkörperung fand.
Der Schlussstein, der das gesamte, auf den Prinzipien Wilsons beruhende
Gebäude krönte, war der Völkerbund: ein umfassender Rat aller Völker der Erde,
in dem internationale Fragen, auf der Grundlage von Gerechtigkeit und
Billigkeit, durch die Abstimmung der anwesenden Delegationen gelöst werden
sollten, auf dass nie wieder Kriege nach dem Muster des gerade beendeten
Konflikts entstehen könnten.
Die heidnischen Völker des Altertums kannten dieses Ideal nicht. Für sie
war Weltfrieden nur durch die Unterwerfung aller Völker unter das Zepter eines
einzigen siegreichen Herrschers zu verwirklichen. Die vielgepriesene „Pax
Romana“ war nichts anderes. Nur die katholische Kirche konnte der Welt jene
Lehren offenbaren, die geeignet waren, die großartige Konzeption einer
universellen Harmonie auf der Basis der Gleichberechtigung aller Völker zu
begründen. Nur sie konnte dem menschlichen Verstand genügend Licht und dem
Willen genügend Kraft verleihen, um dieses Ideal zu verwirklichen. Tatsächlich
war sie es, die in der Vergangenheit als Einzige die supranationale Struktur
des Abendlandes klar zu skizzieren und mit ihrer unerschütterlichen,
unbezwingbaren Geduld auch zu verwirklichen vermochte. Ich kenne keine
Untersuchung, die für die Lösung der heutigen Probleme notwendiger wäre als
jene, die sich mit der ideologischen und rechtlichen Struktur des Heiligen
Römischen Reiches befasst. Toren mögen über diese Behauptung lächeln.
Schließlich kannten die Völker des Mittelalters weder Erdöl noch Wolkenkratzer
oder Flugzeuge. Damals verstand man es weder zu bauen noch zu zerstören mit der
Effizienz von heute. Die Welt verweilte noch in der Betrachtung der gotischen
Kunst, weil sie den pikanten, flinken und subtilen Reiz der aerodynamischen
Kunst noch nicht gekostet hatte. Zu behaupten, das Studium des Heiligen
Römischen Reiches könne in irgendeiner Weise zur Lösung heutiger Probleme
beitragen, wäre ebenso lächerlich, wie vorzuschlagen, zur Lösung der
Verkehrsprobleme in New York die Kutschen am Hofe Ludwigs XV. oder jene am Hofe
Maria Theresias zu studieren. Über das Heilige Römische Reich weiß man kaum
mehr als das, was Voltaire darüber sagte: „Es war weder heilig, noch
ein Reich, noch römisch“ – ein leichtes Wortspiel für jemanden, der wie
Voltaire die Begriffe wörtlich nahm und nicht erkannte, unter welch
tiefgründigem und wahrem Aspekt das Reich die glorreichen Bezeichnungen
„heilig“ und „römisch“ durchaus verdiente. Nach Voltaire, nach Friedrich II.,
kam Napoleon. Nach Napoleon folgte der Wiener Kongress. Luther hatte das Reich
gespalten. Voltaire hatte sich über die durch die religiöse Spaltung bedingte
Schwäche lustig gemacht. Friedrich II. hatte das politische Gleichgewicht
zerstört, das durch die protestantische Häresie bereits schwer erschüttert war.
Der Wiener Kongress besiegelte das Ende des Heiligen Römischen Reiches. Der
einzige Protest gegen diese Auflösung kam vom Apostolischen Nuntius. Auf jenem
Fürstenkongress begriff allein der Botschafter des Papstes das ganze Ausmaß
dessen, was das monarchische und christliche Westeuropa mit dieser politischen
Maßnahme verlor: Sie bedeutete den endgültigen Verzicht auf den Plan einer
Föderation aller christlichen Monarchien unter der Schirmherrschaft des
Heiligen Petrus. Die Ära der Träume von universeller Brüderlichkeit schien
endgültig vorbei zu sein. Die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches
markierte die offizielle, ausschließliche und unverhüllte Hinwendung zur sogenannten
„Gleichgewichtspolitik“, die sich bereits lange zuvor abgezeichnet
hatte. Man erwartete Frieden nicht mehr von irgendeiner internationalen
Instanz. Die Idee einer universellen Gerechtigkeit zur Regelung der Beziehungen
zwischen den Völkern war als Relikt aus der Gotik verschwunden. Die Welt
erhoffte sich Frieden durch die Bildung zweier bis an die Zähne bewaffneter
Blöcke, die einander in jeder Hinsicht ebenbürtig waren – sei es an Hass, an
Machtstreben oder an militärischer Stärke. Das Gleichgewicht dieser beiden
Gruppen sollte den Krieg für beide Seiten gleichermaßen riskant machen. Daraus
erwuchs ein kompromissloser Pazifismus – ein Pazifismus, der umso ausgeprägter
war, je mehr Kanonen, Verbündete und Vorräte die jeweilige Seite aufbot. Diese
schöne Chimäre mündete jedoch in den europäischen Krieg. Das
Kräftegleichgewicht hatte den Krieg nicht verhindert, sondern ein völlig
unerwartetes Ergebnis gezeitigt: die Verlängerung der Feindseligkeiten und die
Ausweitung des Krieges auf die ganze Welt.
Man musste zu jenem „mittelalterlichen Traum“ zurückkehren, der aus dem
Schoße der Kirche hervorgegangen war. Das Gleichgewicht zwischen den Gegnern
hatte nur Hass hervorgebracht. Wer weiß, ob eine universelle Struktur imstande
wäre, Liebe zu erzeugen?
* * *
Dies war der tiefere Ursprung des Völkerbundes. Die philanthropischen,
humanitären und evolutionistischen Ideale des frühen 20. Jahrhunderts nahmen
sich des Themas an und verliehen ihm ein modernes ideologisches Gewand. Es
sollte eine Überstruktur der Völker wiederhergestellt werden. Doch das Heilige
Römische Reich war monarchisch und christlich geprägt. Die Französische
Revolution hatte die Welt republikanisch und laizistisch gestaltet. Der
Völkerbund, geschaffen nach dem Ebenbild des neuen, republikanischen und
laizistischen Europas, war eine Organisation republikanischer und laizistischer
Prägung; er war dazu bestimmt, in der heutigen Welt jene Funktionen des
Heiligen Römischen Reiches zu erfüllen, für die die republikanische und
laizistische Welt Verständnis und Zustimmung aufzubringen vermochte.
Mit anderen Worten: Man versuchte, eine sehr alte und ehrwürdige
Institution den Anforderungen des modernen Geschmacks anzupassen. Daraus
entstand der Völkerbund.
Natürlich wurden diese Parallelen zwischen ihm und dem Heiligen Römischen
Reich von den Demiurgen, die ihn gründeten, nicht herangezogen. Für sie wäre
jeder Vergleich mit dem alten, „anachronistischen“, „tyrannischen“ und
„gotischen“ Gebilde des Heiligen Römischen Reiches die größte Demütigung und
für ihr Werk die schwerste Beleidigung gewesen. Ein beleidigender Vergleich,
etwa so, als würde man eine „Girl“ aus den damals modischen Tanzlokalen mit
einer Mumie aus der Zeit Ramses’ II. gleichsetzen. Doch im Kern blieb es dabei.
Letztlich versuchte der Völkerbund – ob absichtlich oder nicht, ob bewusst oder
unbewusst –, das Erbe jener großartigen Pläne anzutreten und fortzuführen, mit
denen die Kirche das Heilige Römische Reich aus dem Schatz der Offenbarung ausgestattet
hatte.
* * *
Doch der Völkerbund konnte als laizistische Organisation den Heiligen Vater
nicht in seine Mitte aufnehmen. Wo immer sich der Papst aufhält, ist er
naturgemäß der Lehrer, der Vater, der König. Welchen Platz man ihm auch am
Beratungstisch zugewiesen hätte – der Vorsitz wäre dort gewesen, wo sein
Vertreter saß. Weder das ganze mediale Rampenlicht, das auf die großen Männer
der Zeit gerichtet war, noch alle Machenschaften hinter den Kulissen hätten
dies verhindern können. Er wäre unweigerlich der Mittelpunkt des Geschehens
gewesen. Ihn als Vorsitzenden anzuerkennen oder nicht: Das war die
unausweichliche Alternative.
Man fand einen vortrefflichen Vorwand, um ihn auszuschließen: Der Heilige
Stuhl verfüge über kein Territorium, und viele Völker erkennten den Papst nicht
als Souverän an. Folglich sei es nicht möglich, ihn in dieser Eigenschaft
zuzulassen.
So blieb der Papst außen vor. Doch da nur er die Schlüssel besitzt, die
öffnen und schließen, die Macht, zu binden und zu lösen, vermochte der
Völkerbund ohne ihn nichts zu verbinden. Die Welt blieb so zerstritten wie
zuvor. Der Völkerbund war das größte diplomatische Scheitern der Neuzeit.
Als das Gebäude bereits dem Verfall nahe war, als jener Tag nicht mehr fern
schien, an dem die Sessel sich leerten und der Boden unter den Füßen der
Verbliebenen zu bersten drohte – als sich eine Stimmung der Flucht und
Auflösung ausbreitete –, da lud der Völkerbund den Papst ein, sich seinem Kreis
anzuschließen. Pius XI. lehnte ab. Es war zu spät...
* * *
Benedikt XV. legte den Katholiken nachdrücklich ans Herz, bei der
Betrachtung des Völkerbundes zwischen zwei Aspekten zu unterscheiden. Aufgrund
seines laizistischen Charakters war er von jenem einzigen Prinzip
abgeschnitten, das ihm Lebenskraft hätte verleihen können: dem Katholizismus.
Die Idee von Gerechtigkeit und Frieden zwischen den Völkern ist der Offenbarung
entsprungen; sie stirbt überall dort ab, wo der Glaube an die Offenbarung
ausgeschlossen wird. Frieden in einer laizistischen Welt, in einer laizistischen
Organisation pflegen zu wollen, gleicht dem Versuch, Rosen oder Lilien im Sand
der Sahara zu züchten. Von der Liga (der Nationen) einen dauerhaften Erfolg zu
erwarten, hieß somit, der katholischen Lehre geradezu zuwiderzuhandeln.
Doch auch wenn die Liga keine tragfähige Grundlage besaß, waren viele ihrer
Ziele gut. Bei der Verwirklichung dieser Ziele konnte die Kirche mit der Liga
zusammenarbeiten, und die Katholiken sollten dies auch tun. Sie sollten es tun,
um ein gewisses Gut zu fördern – ein bescheidenes, vergängliches Gut zwar, aber
immerhin ein Gut. Niemals jedoch durfte man von der Liga ein Heil erwarten, das
allein von Christus und seiner Kirche zu erhoffen ist.
* * *
Viel ist von der Neuordnung der Welt nach dem Krieg die Rede. Ob die
Menschen es wollen oder nicht: Das Geheimnis der Beständigkeit, der Würde und
des Ruhms dieser Ordnung wird in der Stellung liegen, die darin dem Papst
eingeräumt wird. Ist der Papst der Mittelpunkt der neuen Welt, so kann sie
Bestand haben. Ordnet sich die Welt unter Missachtung oder Vergessen der
päpstlichen Autorität, so wird der Papst zwar fortbestehen, die Welt aber wird
erneut in Trümmer fallen. Denn der Papst ist der Mittelpunkt der Erde, das
Fundament der Ordnung, die Quelle des Glücks, der Tugend und des Ruhms. Mit
ihm, mit Christus, wird alles aufblühen. Gott bewahre uns davor, die Welt ohne
ihn ordnen zu wollen. Die rauchenden Trümmer des heutigen Europa und das Elend
des Völkerbundes – einst mit so glühenden Hoffnungen verbunden, nun geschändet,
verlassen und verspottet – sind uns eine große Lehre, die wir nicht vergessen
dürfen.
* * *
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen