Plinio Corrêa de Oliveira
„O Legionário“ 15.Oktober
1933
Wir befinden uns im Spätherbst einer Zivilisation. Das alte Europa stirbt, ausgestreckt auf seinem erschöpften Boden, erschüttert von den letzten Atemzügen des Materialismus. Alle Enttäuschungen scheinen sich verschworen zu haben, um seinen letzten Becher zu verbitten. Der westliche Mensch findet keinen Reiz mehr an der Freiheit, die er missbraucht hat, an der Gleichheit, von der er geträumt hat, und an der Brüderlichkeit, die er nicht erreicht hat. Seine blühende Wirtschaft, der Stolz seiner alten Tage, ist von der Überproduktion verschlungen worden. Die Philosophie, der er in seiner Bewunderung einen Altar errichtet hatte, trinkt nun von den vergifteten Strömen, denen weder Völker noch Zivilisationen widerstehen können. Die Ruinen seiner vergangenen Herrlichkeit dienen ihm als Grabstätte. Und die einzige Fackel, die dieses fatale Bild erhellt, ist die rote Flamme, die heute in Moskau brennt, aber die morgen droht, sogar ihr eigenes Leichentuch zu verzehren.
Zu ihren Füßen liegt die USA, ein Kind ihrer eigenen Fehler und ihres eigenen Erfindungsreichtums, inmitten ihrer Entwicklung von der fatalen Wachstumskrise überrascht. Ihr Verstand scheint von der Paranoia befallen zu sein, die man Amerikanismus nennt, während ihr Organismus – finanziell wie intellektuell, politisch wie moralisch – vorzeitig untergraben wird.
Das jahrtausendealte Asien brennt an seiner Peripherie im selben fatalen Fieber, das den Westen befallen hat. Und die Bevölkerung im Zentrum des Kontinents verfällt weiterhin demselben orientalischen Traum, über den die Jahrhunderte langsam hinweggezogen sind, ohne etwas zu verändern.
Afrika hat sich entweder vom Strudel der westlichen Welt mitreißen lassen oder es bleibt verdammt zur stillen und unheilbaren Stagnation der großen Wüsten und undurchdringlichen Wälder, die für die einheimische Bevölkerung, die dem wilden Reiz primitiver Zivilisationen endgültig verfallen ist, unüberwindliche Hindernisse darstellen. Das Virus der Superzivilisation lässt sie in Fieberkrämpfen erbeben, ob in Kapstadt oder Kairo. Andererseits hat die Aggressivität der Natur alle guten Absichten der Kolonisierung zunichtegemacht, sowohl in der Sahara als auch am Ufer des Sambesi.
In diesem Nachmittag der Zivilisation, der droht, der Nachmittag der Menschheit selbst zu werden, sehen wir nur zwei Faktoren, die der Menschheit ein rettendes Fenster in die Zukunft öffnen können: auf der spirituellen Ebene die katholische Kirche und auf der irdischen Ebene Lateinamerika.
Eine alte Legende erzählt von einem Felsen am Ufer eines Sees, der mit den Wellen wuchs, sodass er selbst in den heftigsten Stürmen niemals unterging. Heute ist dieser Felsen der Stein, der Stuhl Petri, der mit Revolutionen gewachsen ist, Ketzereien verspottet und an Stärke gewonnen hat, während der Groll seiner Widersacher wächst. Seit zwanzig Jahrhunderten besprengt er die Widersacher, die auf seinem Weg fallen, mit Weihwasser. Die gegenwärtige Krise, die uns mit ihren alptraumhaften Aspekten erschüttert, ist für sie lediglich eine Episode in der Geschichte der Menschheit, die sie schon bei anderen Gelegenheiten unter der Last derselben Irrtümer und erdrückt von denselben Leidenschaften hat ächzen sehen. Sie erlebte die Entstehung aller westlichen Länder. Sie würde sie furchtlos in ihren eigenen Tagen untergehen sehen, die nicht so kurz sind wie die Tage einer Nation.
In ihrer göttlichen Lehre birgt sie alle spirituellen und moralischen Schätze, die zur Lösung aller Krisen notwendig sind. In diesem turbulenten Meer des 20. Jahrhunderts, in dem Menschen, Ideen und Vermögen Schiffbruch erleiden, ist und bleibt nur sie der Weg der Wahrheit und des Lebens, den die Menschheit annehmen muss, um den rettenden Flug über den Abgrund zu wagen, der sie zu verschlingen droht.
Um zu handeln, nutzt sie jedoch auch menschliche Faktoren. Und von diesen ist Lateinamerika der vielversprechendste.
Obwohl auch lateinamerikanische Katholiken gesündigt haben, lastet die erdrückende Schuld, die Europa und die Vereinigten Staaten tragen, nicht auf den Schultern ihrer noch jungen Nationen. Es stimmt, dass wir Lateinamerikaner alle dem Märchen vom Liberalismus erlegen sind. Es stimmt, dass der unterdrückende Pombalismus in seiner ganzen Fülle unter uns blühte. Es stimmt, dass das geheime Wirken von Sekten Intelligenz und Charakter tiefgreifend untergraben und geschwächt hat. Es stimmt, dass der Ausspruch des heiligen Augustinus auf uns als Nationen zutreffen könnte: „Tantilus puer, et tantum peccator!“ – So jung und schon so ein großer Sünder!
Jedoch ist von hier aus nie ein Aufruf der Häresie gekommen. Wir waren immun gegen protestantische Propaganda, sei sie nun durch den Dollar oder durch trügerische Argumente untermauert, die unsere religiöse Unwissenheit so leicht hätten verführen können.
Trotzdem bewahren unsere Sitten noch immer viel von jener sanften Weltgewandtheit, die christlichen Wesen eigen ist. Auch die häusliche Moral im Allgemeinen ist durch die Scheidung, die heuchlerischerweise die freie Liebe legalisiert, noch nicht korrumpiert worden.
Wenn also aus dem gewaltigen Kessel, in dem die Überreste unserer Zivilisation brodeln, die Grundprinzipien einer neuen Ordnung hervorgehen, die auf der Achtung vor Kirche, Eigentum und Familie beruht, wird nur Südamerika der Welt einen Weg weisen können – mit seinen riesigen, von Wirtschaftskrisen unberührten Gebieten und seinen Völkern mit soliden moralischen Reserven, die bis dahin den Schmelztiegel des Leidens durchschritten und darin ihre Stärke als Völker geformt haben werden.
Südamerika wird daher das große Laboratorium sein, in dem die neue katholische Zivilisation entstehen wird.
Damit sie jedoch nicht von dieser ihr von Gott gegebenen Mission abfällt, muss sie die Monroe-Doktrin im lateinamerikanischen Sinne anwenden: Katholisches Amerika für amerikanische Katholiken. Und sie muss diese Prinzipien auf die internationale Bühne übertragen: Die Armeen Lateinamerikas nur gegen die Feinde der Lateinamerikaner.
Gegen Moskau wie gegen Washington, die Zentren der Korruption von morgen oder heute, muss sich Lateinamerika erheben, mit dem festen Vorsatz, katholisch zu bleiben. Und General Justos (aus Argentinien AdÜ) Besuch in Brasilien war ein bedeutender Schritt auf dem verdienstvollen Weg zur Erfüllung dieser großen, von Gott gegebenen Mission!
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