Donnerstag, 8. Oktober 2026

„Auf wessen Seite steht der Papst?“ (1)

Plinio Corrêa de Oliveira
„Legionário“,  7. November 1943 

      Bevor wir eine umfassende Antwort auf den Artikel „Auf wessen Seite steht der Papst“ des Dekans von Canterbury geben, veröffentlichen wir hier einige punktuelle Anmerkungen zu einzelnen seiner Themenbereiche.

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      Der Autor beginnt damit, der katholischen Meinung zu schmeicheln. In süßlichem Tonfall erklärt er: „Die Politik des Vatikans auf der Weltbühne ist einer der dunkelsten, faszinierendsten und verwirrendsten Aspekte des gegenwärtigen Krieges. Was tut der Papst? Was erhofft sich der Papst von diesem Krieg? Auf welche Seite hat sich der Papst in diesem blutigen Kampf um Freiheit und Leben der sogenannten christlichen Völker unserer heutigen Welt geschlagen? Dies sind drei spezifische Fragen von mehr als grundlegender Bedeutung, deren Beantwortung jedoch äußerst schwierig ist, da uns nur wenige Daten zur Verfügung stehen, um in die subtilen und jahrhundertealten Überlegungen des Papstes und seiner Diplomatie einzudringen – einer Diplomatie, die im weitesten Sinne die vollendetste, raffinierteste und erfahrenste aller Zeiten ist.“

      Wie man sieht: ein Blumenfeld, das Gift verströmt. Um sich mit dem Anschein der Unparteilichkeit zu umgeben, erkennt der Autor an, was ohnehin offensichtlich ist: die grundlegende Bedeutung, die jede Haltung des Papsttums für das internationale Leben unserer Zeit hat. Seit wie vielen Jahrhunderten verkünden Protestanten bereits den Niedergang der „Kirche von Rom“, ihre völlige Unvereinbarkeit mit den heutigen Lebensbedingungen des Menschen usw.? Doch im Jahr 1943 muss der Dekan von Canterbury – Vertreter einer der angesehensten englischen protestantischen Kirchen – anerkennen, dass das Ansehen des Heiligen Stuhls so groß ist, dass die Analyse seiner Haltung für das Verständnis der Ereignisse unerlässlich ist. Der Dekan ist so beeindruckt, dass er sogar zur Hyperbel greift: Die Untersuchung der Haltung des Papstes sei nicht nur wesentlich, sondern „mehr als wesentlich“. Wir überlassen es dem Dekan, seinen Lesern zu erklären, was in der Philosophie eine „mehr als wesentliche Sache“ sein mag... nämlich die Auseinandersetzung mit der Haltung des Papstes. Uns genügt die Erkenntnis des hohen Maßes an Ansehen, Einfluss und Autorität, dass sich die rein geistige Kraft des Papsttums in diesem Zeitalter von Minerva und Mammon bewahrt hat.

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      Doch der Text, den wir hier wiedergeben, weist seine Schattenseiten auf. Geschickt gesetzte Schatten. Zarte Schatten. Aber giftige Schatten. Es geht um einen Konflikt, in dem Leben und Freiheit der „sogenannten christlichen“ Völker auf dem Spiel stehen. Ganz nebenbei möchten wir fragen, welche Völker das wohl sind, denen der Dekan die Ehre abspricht, Christen zu sein. Etwa die Katholiken? Ist es jedenfalls nicht sonderbar, dass sich nicht sagen lässt, welche Haltung das Oberhaupt der gesamten Christenheit in diesem Kampf eingenommen hat? Warum eine solch seltsame Zurückhaltung? Der Vatikan schätzt „subtile Gedankengänge“. Seine Diplomatie gilt als die „vollendetste Diplomatie aller Zeiten“. Seltsam! Diese Worte bedeuten nicht zwangsläufig, dass die Diplomatie des Vatikan machiavellistisch sei. Doch sie erwecken einen Eindruck, der dem sehr nahekommt. Dennoch folgt auf sie keinerlei Erklärung, die eine solch unvorteilhafte Auslegung ausschließen würde. Nun gut, fahren wir fort...

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      „Der Papst hat sich bereits vielfach zu diesem Krieg geäußert, doch die Unklarheit und Mehrdeutigkeit seiner Erklärungen spiegeln sich treffend darin wider, dass sowohl die Alliierten als auch die Achsenmächte seine Worte als für sich günstig und für den Feind ungünstig betrachten“, erläutert „Rev.“ Johnson. Doch wie ist das möglich? Besitzt der Papst denn keinerlei Ehrlichkeit? Warum führt „Rev.“ Johnson kein Beispiel zur Untermauerung dieser „mehrdeutigen“ Äußerung des Pontifex an? Für einen Vorwurf von solch weitreichender Bedeutung genügt dem „Rev.“ Johnson eine Tatsache: Sowohl die Nazis als auch die Alliierten behaupten, der Papst stehe auf ihrer Seite. Weiß „Rev.“ Johnson denn nicht, dass die Nazis den Geist der Lüge schlechthin verkörpern – dass Pius XI. sie als „die fleischgewordene Lüge“ bezeichnete –, und dass sie daher, auch wenn sie sehr wohl verstehen, dass die Heilige Kirche ihnen nur eine vernichtende Niederlage wünschen kann, entgegen aller offensichtlichen Tatsachen lügen und das Gegenteil behaupten würden? Kennt „Rev.“ Johnson die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von Pius XI., in der der Papst den Nationalsozialismus radikal verurteilte? Und ist ihm entgangen, dass sich die Nazis selbst danach noch zynisch als Freunde der Kirche ausgaben?

      Letztendlich stützt Herr Johnson seine Anschuldigung gegen das Papsttum auf eine Behauptung der Nazis – die größten Lügner der Welt. Offen gesagt: Schlechter könnte man nicht argumentieren.

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      „Rev.“ Johnson spürt nur allzu deutlich, dass sein Hass auf Rom ihn verraten hat und dass seine letzten Worte ihn aus der ursprünglichen Gelassenheit seiner Anschauungen herausgeführt haben. Nun folgt – gleichsam um in die offene Wunde zu blasen – dieses Lob, das wie ein Glaubensbekenntnis an die Göttlichkeit der Kirche anmutet: „... die römische Kirche steht, in ewiger Perspektive betrachtet, über den Kämpfen der Nationen, über Kriegen und allem Zeitlichen. Sie ging der Demokratie voraus, ging dem Nationalsozialismus voraus, ging allen Regierungsformen der modernen Welt voraus; das politische Antlitz der Welt hat sich bisweilen radikal gewandelt, doch die römische Kirche hat stets überlebt, wenn auch unter fortschreitendem Kraftverlust. Es ist mehr als gewiss, dass die römische Kirche immer überdauern wird, ganz gleich, welche Gestalt die Welt zu irgendeinem Zeitpunkt annehmen mag ...“ Doch wer hasst, dem geht beim Pusten schnell der Atem aus. Der Dekan ermattet rasch bei diesen süßlichen und ausgeklügelten Lobpreisungen. Und gleich darauf schränkt er ein: „Die einzige Möglichkeit, dass es anders käme, wäre ein weltweiter Sieg des Kommunismus. Doch in diesem Punkt kämpft die römische Kirche nicht allein.“ Ein eklatanter Widerspruch! Noch wenige Zeilen zuvor hatte der Autor behauptet, die Kirche sei unzerstörbar; nun aber erklärt er, sie könne vernichtet werden, und deutet sogar an, sie sei so schwach, dass ihre Siegeschancen darauf beruhten, dass sie „nicht allein kämpft“. Dennoch räumt der Dekan selbst ein, dass sie in der heutigen Welt eine solche Autorität genieße, dass die Analyse ihrer Haltung von „mehr als grundlegender“ Bedeutung sei. Widerspruch über Widerspruch. Doch der Dekan ist ein guter Protestant: Er fühlt sich inmitten von Widersprüchen wohl.

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      So geht der Artikel weiter, wobei er sich auf Schritt und Tritt eifrig selbst widerspricht und seine Anschuldigungen gewunden zwischen mehrdeutigen, blumigen Lobpreisungen vorbringt. Doch kommen wir gleich zum Kernpunkt. Mit Nachdruck, mit Genugtuung und in der Gewissheit der Wirkung, die sie erzielen wird, schleudert der Dekan diese ungeheuerliche Behauptung hinaus: „Der einzige Einwand des Papsttums gegen den Nationalsozialismus – wie es bereits mehrfach dargelegt hat – ist dessen Heidentum und die Verfolgung der Kirche.“ Wenn es eine konkrete Behauptung gibt, die ideal dem Begriff der „Lüge“ entspricht, dann ist es diese! Man muss nur flüchtig einen Blick in die Sozialenzykliken der Päpste werfen – insbesondere in „Mit brennender Sorge“ –, um zu erkennen, dass die vom Nationalsozialismus propagierte politische und gesellschaftliche Struktur selbst dann von der Kirche verurteilt worden wäre, wenn er ihr völlige Freiheit gewährt hätte. Jeder Studienanfänger im Bereich der Sozialwissenschaften weiß das. Der Dekan von Canterbury scheut sich nicht, klipp und klar das Gegenteil zu behaupten. Er hat recht, würde ihm der alte Voltaire sagen: „mentez, mentez, il restera toujours quelquer chose“ („Lügt, lügt nur; irgendetwas bleibt immer hängen.“)

      Und nun folgt eine weitere Lüge. Mit Bezug auf die Lateranverträge behauptet der Dekan: „wenn der Faschismus dem Papst zu geben weiß, was des Papstes ist, und er dem Faschismus zu geben weiß, was des Faschismus ist, einschließlich der Freiheit vieler Millionen von Individuen.“ Ignoriert der Dekan etwa, dass die korporative Auffassung des Faschismus von der Kirche verurteilt wurde – nicht, weil sie irgendein Recht der Kirche verletzt hätte, sondern weil sie, da sie dem Naturrecht widerspricht, die gerechte Freiheit „vieler Millionen von Individuen“ beschnitt? Ignoriert der Dekan, dass die Staatslehren von Gentile und Croce wegen ihres totalitären Charakters von der Kirche verurteilt wurden? Sieht er nicht, dass die Kirche auf diese Weise all das verteidigte, was gerecht und edel am Wort „Freiheit“ ist – ein Wort, mit dem er, der Dekan, und seine Anhänger so abscheulichen Missbrauch zu treiben pflegen? Und wie kann man dann behaupten, der Vatikan habe mit dem Naturrecht, dessen Hüterin die Kirche ist, Handel getrieben? Wo bleibt da der gute Glaube? Was Franco betrifft, so stellt ihn der Dekan als den Mann der „Römischen Kirche“ dar – als einen niederträchtigen Militärmensch und Komplizen niederträchtiger Prälaten, die darauf aus waren, einen Religionskrieg anzuzetteln, der der vatikanischen Diplomatie gelegen käme!

      Ignoriert der „Dekan“, dass Franco keineswegs ein Werkzeug in den Händen der Kirche ist, sondern derart gespannte Beziehungen zum Vatikan unterhält, dass das erwartete Konkordat zwischen Spanien und dem Heiligen Stuhl bis heute nicht zustande gekommen ist? Denn der „Caudillo“ will der Kirche nicht einmal jene Freiheit gewähren, die sie in Ländern genießt, in denen Kirche und Staat getrennt sind. Ist das nicht allgemein bekannt? Steht das nicht in den Nachrichten aller Zeitungen?

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      Und so geht es mit den Unwahrheiten weiter. Man müsste ein ganzes Buch schreiben, um sie eine nach der anderen zu widerlegen. Kommen wir direkt zum Schluss.

      Worauf will der Dekan hinaus? Am Ende seines Artikels behauptet er, angesichts des diplomatischen Triumphs des Vatikan „wisse man noch nicht, was die demokratischen und revolutionären Kräfte der Welt gewinnen werden“; sie würden im Papsttum „eines der größten Hindernisse“ vorfinden... ... auf ihre Ausdehnung hin, wie es praktisch der antisowjetische Block in Mitteleuropa andeutet, den die römische Kirche seit mehr als einem Jahr zu bilden sucht.“

      Darin liegt der Grund für den Zorn! Wir wissen nicht, was dieser „antisowjetische Block“ sein soll. Doch fest steht: So entschieden die Kirche auch gegen den Nationalsozialismus eingestellt ist, so entschieden ist sie auch gegen den Kommunismus. Gewiss wird sie vom Sieg der Alliierten stark profitieren. Die Katholiken müssen einen solchen Sieg herbeiwünschen, und genau in diesem Sinne hat sich auch der „Legionário“ stets geäußert. Dennoch bleibt es eine Tatsache, dass die Kirche weiterhin ein gewaltiges Hindernis für die kommunistische Expansion darstellen wird. Und genau das ist es, was der Dekan nicht will und nicht ertragen kann.

      Hierin liegt der Grund für seinen ganzen Zorn als kommunistischer „Rädelsführer“, der sich als Seelsorger „getarnt“ hat.

 

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