Die
Verehrung der Eucharistie, unserer Lieben Frau und
des Papsttums
Gern
beantworte ich die Frage, die gerade gestellt wurde. Schon öfters
habe ich bemerkt, dass eine keineswegs geringe Anzahl von
vortrefflichen Menschen sich in ihre Wohnungen zurückziehen, weil
sie meinen, dass die moderne Welt unverbesserlich sei. Sie
beschränken daher ihren Umgang auf die Familie und kümmern sich
lediglich um ihre eigenes geistiges Leben, ohne sich einer Sache
anzunehmen, die man allgemein gesprochen als die katholische Sache
bezeichnen könnte, das heißt die Sache der römisch-katholischen
apostolischen Kirche und die Sache der christlichen Zivilisation.
Ich
hätte etwas zur Sache der christlichen Zivilisation zu sagen, denn
was die katholische Sache bedeutet, ist leicht zu verstehen: Es ist
das Anliegen, um das es geht, wenn man dafür kämpft, der Kirche die
Voraussetzungen zu gewährleisten, die sie benötigt, um ihr
Apostolat auszuüben, und wenn man der kirchlichen Hierarchie hilft,
dieses Apostolat zum Heil der Seelen zu verwirklichen. Auf Erden wird
dieses Ziel durch ein Leben der Tugend erreicht, deren wichtigste die
Liebe ist.
Mit
dieser Klarstellung lässt sich gut verstehen, was die katholische
Sache ist. Was ist aber unter christlicher Zivilisation zu verstehen,
und wie hängt sie mit der katholischen Sache zusammen?
Was
ist eine Zivilisation?
Es
geht mir hier nicht um die Analyse der verschiedenen Bedeutungen, die
der Begriff „Zivilisation“ haben kann. Ich beschränke mich
vielmehr auf einen Bestandteil, der allen Bedeutungen des des Wortes
„Zivilisation“ gemeinsam ist, nämlich auf den Gedanken einer
bestimmten Ordnung der Dinge in ihrer Gesamtheit, angefangen von
ihren erhabeneren Aspekten auf religiöser Ebene bis hin zu ihren
gewöhnlichen Aspekten auf rein materieller Ebene.
Fußt
diese Ordnung der Dinge auf bestimmten Prinzipien, bildet sie eine
charakteristische Zivilisation, die sich von anderen Zivilisationen
unterscheidet, die von anderen Grundsätzen geleitet werden. Eine
christliche Zivilisation wird von den großen Überzeugungen, den
großen Eingebungen, den großen Erwartungen, das heißt den großen
sittlichen Normen gestaltet wird, die unser Herr Jesus Christus auf
die Erde gebracht hat und deren unfehlbare Interpretin, Mutter,
Führerin die katholische Kirche ist die ihnen durch die
Sakramentenspendung Leben verleiht.
Die
christliche Zivilisation schafft die Voraussetzungen dafür, dass die
Seelen die Kirche besser kennenlernen können. Die Kirche ist für
die christliche Zivilisation mehr oder weniger das, was die Seele für
den Körper ist (es handelt sich hier um eine Analogie, die
selbstverständlich genauso unvollkommen ist wie alle Analogien).
Ohne eine Zivilisation könnte man daher die Kirche in gewisser
Hinsicht einer Seele ohne Körper vergleichen. Und eine Zivilisation
ohne Kirche ist unbedingt einem seelenlosen Körper vergleichbar.
Die
vollkommene Ordnung besteht darin, dass die Kirche eine Zivilisation
bildet, die es ihr ermöglicht, den Menschen alles Gute zu tun –
eine zeitliche Ordnung also, die ihr dabei hilft, das Gut des
Menschen zu fördern. Andererseits muss es diese Zivilisation
verdienen, christlich genannt zu werden. Das bedeutet, dass sie alle
Voraussetzungen zu bieten hat, die unser Herr Jesus Christus für das
menschliche Leben fordert und vorschreibt.
Nun
ist es heute so, dass wir zwar die Kirche, aber keine christliche
Zivilisation haben. Und die Kirche selbst hat sich in unseren Tagen
mit der größten Krise in ihrem Innern auseinanderzusetzen, die sie
in all den Jahrhunderten ihrer Existenz je erlebt hat. Und hinzu
kommt noch die ungeheure äußere Krise. Viele meinen daher, dass sie
sich in ihre vier Wände einschließen können, ja dies sogar tun
müssen, ohne sich weiter um das zu kümmern, was draußen vorgeht.
So erwarten sie für möglichst bald die in Fatima angekündigte
Strafe, denn die Welt hat sich ja nicht geändert und die Weihe an
das Unbefleckte Herz Mariens ist ja auch nicht genau unter den
Bedingungen vorgenommen worden, die unsere Liebe Frau in Fatima
gestellt hat. Also warten sie auf die Strafe. Bis es aber zu dieser
Strafe kommt, bleibt man gelassen zu Hause und wartet.
Für
die, die so handeln, ist der Eifer schwer zu verstehen, mit dem echt
konservative Katholiken in Zeitungen, im Rundfunk und im Fernsehen
dagegen ankämpfen, dass noch gottlosere und pantheistischere
Zivilisationsformen eingeführt werden, beziehungsweise sich für die
Bewahrung der Überreste der christlichen Zivilisation einsetzen, die
es auf der Welt noch gibt.
Wozu
soll das nützen, wenn am Ende doch alles in der tragischen Sturzflut
der Strafen untergehen wird, die nach ihrer Meinung wie eine neue
Sintflut über die Erde kommen und alles hinwegspülen wird, um eine
neue Ordnung der Dinge zu schaffen?
Ich
meine, dass man vor allem bedenken sollte, dass sowohl für die
Kirche als auch für die christliche Zivilisation jenes herrliche
Wort der Heiligen Schrift aus dem Alten Testament gilt, denn wir
schulden beiden die gleiche Liebe, die schon die Juden des Alten
Testaments dem Tempel von Jerusalem weihten – sie liebten den
Tempel von Jerusalem. Ein Psalmist bringt dies deutlich zum Ausdruck:
Er liebt nicht nur den Tempel, denn sollte der Tempel einmal zerstört
werden, wird er auch noch die Steine lieben, die von seinem Abbruch
übrig bleiben. Und selbst wenn diese Steine einmal zu Staub
zerfallen, wird er auch noch den Staub der zerfallenen Steine lieben.
Ich
weiß sehr wohl, dass die Kirche nicht zerstört ist, denn sie ist
schließlich unvergänglich. Und doch ist man fast versucht zu
fragen, ob der geheimnisvolle Vorgang der Selbstzerstörung, in dem
sie sich befindet und auf den Paul VI. so ausdrucksvoll hingewiesen
hat, nicht doch schon abgeschlossen ist.
Er
kann nie ganz zum Abschluss kommen, denn es heißt „portae inferi
non praevalebunt“ – die Pforten der Hölle werden die Kirche
nicht überwältigen. Und doch möchte man dies fast infrage stellen.
Was
aber die christliche Zivilisation angeht, wissen wir, dass sie
zerstört wurde. Es sind weder ihr Gebäude noch die Steine übrig
geblieben. Was bleibt, ist nur noch ihr Staub. Doch gilt uns dieser
Staub nicht so viel, wie der Tempel den einstigen Juden? Lieben sie
etwa nicht diesen Staub und erwarten sie nicht den Wiederaufbau des
Tempels?
Ich
spreche hier von den Juden, die vor unserem Herrn Jesus Christus
gelebt haben und die den Tempel wiederaufbauen wollten, als dieser
das wahre Haus Gottes und das Bindeglied zwischen den Menschen und
dem Himmel war.
Auch
wir denken so. Wir wollen die Staubkörner wieder zusammenfügen und
Steine daraus machen und mit diesen Steinen das Gebäude errichten.
Da
wird einer lachen: „Ihr seid wohl verrückt? Wie wenig könnt ihr
doch erreichen!“ Und ich antworte darauf, dass ich das sehr gut
wisse. Wenn wir aber ein paar Seelen zu retten vermögen, wenn wir
Gesetze verhindern können, die gegen die christliche Zivilisation
verstoßen und für viele Seelen Gelegenheit zur Sünde werden
könnten, und auf diese Weise einige Seelen retten können, wenn wir
es schaffen, dass am Tag des Strafgerichts die Zahl der Gläubigen
ein bisschen größer ist, dann können wir auch sicher sein, dass
eine größere Anzahl von Gläubigen das Strafgericht überstehen
wird, um dann das Reich Mariens wiedererstehen zu lassen.
Nicht
nur der Staub des Tempels, auch das Leid muss dazu beitragen, dass
aus dem Staub etwas wiederersteht, auf dass daraus wieder Steine
werden und dass diese Steine sich in lebendige Steine des
Gotteshauses verwandeln.
Es
will mir scheinen, dass sich in diesem Sinne gewiss viele Heiden und
auch viele Juden bekehren werden. Aber wir müssen diese Bekehrung
der Heiden, der Juden, der Muslime usw. herbeisehnen, müssen mit
unserer ganzen Seelenkraft dafür arbeiten. Unsere Brüder im Glauben
aber müssen wir lieben, jene Völker nämlich, die einst im Schoße
der Kirche lebten, bevor es zu der großen Krise kam, die zum Ende
des Mittelalters führte. Viele von ihnen sind aber auch im Schoße
der Kirche verblieben. Wir wollen sie lieben und dafür Sorge tragen,
dass sich eine möglichst große Zahl von ihnen ins Reich Mariens
hinüberretten kann.
Damit
dies geschehe, müssen wir stets Anregung in einer Haltung suchen,
die Msgr. de Ségur
als die drei Rosen der Seligen bezeichnete: In der Liebe zur heiligen
Eucharistie, zu unserer Lieben Frau und zum Papst.
Liebe
zur heiligen Eucharistie, der wir eine inständige, beharrliche
Verehrung schulden. Wir setzen uns für den täglichen
Kommunionempfang und für die Verehrung unseres Herrn unter seinen
verschiedenen Anrufungen ein, und vor allem bringen wir viele
Menschen in die kirchliche Gemeinschaft.
Liebe
zu unserer Lieben Frau: Damit wir mit allem Eifer gegen den
Kommunismus, den Sozialismus, gegen die großen Gegner der
christlichen Zivilisation ankämpfen können, bedürfen wir des
Rosenkranzgebets und weiterer Formen der Verehrung unserer Lieben
Frau, gemäß dem Vorbild des heiligen Ludwig Maria Grignion von
Montfort, des großen marianischen Apostels der Neuzeit, dessen
Botschaft gerade in unseren Tagen einen besonders großen Widerhall
findet.
Liebe
zum Papst: Wenn ich dieses hehre Wort – der Papst – ausspreche,
kommt es mir vor, als würde ich aus der Tiefe der Jahrhunderte die
göttliche Stimme unseres Herrn Jesus Christus vernehmen, der da
spricht: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine
Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht
überwältigen.“
Wenn
ich hier vom Papst spreche, meine ich natürlich die Päpste aller
Jahrhunderte, das Papsttum im Lauf der Geschichte, seine großartige
Aufgabe, die wunderbare Abfolge der wahren Päpste seit dem heiligen
Petrus, dem von unserem Herrn auserwählten Fundament.
So
gesehen ist der Papst die Achse der Geschichte, die Achse der
Kirchengeschichte. Da diese die Achse der Weltgeschichte ist, bildet
der Papst auch die Achse der Weltgeschichte.
Die
Verehrung des Papstes bedeutet im Grunde Verehrung des Papsttums,
Verehrung des unfehlbaren Heiligen Stuhles der Wahrheit. Angesichts
der Kontinuität der wahren Lehre, wie sie vom wahren Lehramt der
Kirche gelehrt wird, schulden die Katholiken dieser Lehre eine
Hingabe, einen Eifer, eine Anhänglichkeit, eine Unterwerfung ohne
Grenzen.
Mit
dem Fortschritt der Fertigkeiten des Menschen im Bereich der Mechanik
wurde dieser schließlich in die Lage versetzt, mechanische Uhren zu
bauen. Wie Sie wissen, geschah dies im Mittelalter. Von nun an begann
die Kirche, ihre Kirchtürme mit Glocken zu versehen, denn sie sah
darin ein Symbol voller Poesie: Die Kirche zeigt die richtige Zeit
des menschlichen Denkens.
Alle
wenden sich ihr zu, um ihre persönliche Uhr – ihren Geist – nach
ihr zu richten. Wenn es darum geht, dem Menschengeschlecht eine
Ordnung zu geben, eine christliche Zivilisation zu schaffen und die
Menschen in den Himmel zu führen, kann es für das
Menschengeschlecht nichts Kostbareres geben als die Unfehlbarkeit der
Kirche, die vor allem in den Verlautbarungen der Päpste ihren
Ausdruck findet, sofern in diesen unter Berufung auf die höchste
Lehrautorität eine allgemein verpflichtende Lehrentscheidung gemäß
dem Kirchenrecht getroffen wird.
Dies
vorausgesetzt beziehe ich mich voller Ergriffenheit auch auf den
Papst und die drei Rosen der Seligen, von denen bei Msgr. de Ségur
die Rede war.
Indem
ich das Augenmerk auf diese Trilogie richte, die unserem Geist so
angenehm klingt, habe ich den Eindruck, dass uns diese Darstellung
auf natürliche, harmonische Weise zu drei Themen führt, bei denen
unser Verstand und unsere Herzen zusammenfinden werden.
Aus
dem Portugiesischen übersetzt von „As
três rosas: a devoção à Eucaristia, a Nossa Senhora e ao Papado“
in „O Legionário“ vom 10. November 1929.
Diese
deutsche Fassung „Die
drei Rosen: Die
Verehrung der Eucharistie, unserer Lieben Frau“
erschien erstmals in www.p-c-o.blogspot.com
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